Meine Oscar-Tipps 2019

Update vom 25.02.:

So, die Oscarverleihung ist vorbei, ich bin wieder wach und will hier kurz Fazit ziehen. Dieses Jahr habe ich mal wieder in 16 von 24 Oscar-Kategorien richtig getippt. Seit 2013 (seitdem schreibe ich mir meine „Trefferquote“ auf) habe ich damit insgesamt fünf Mal zwei Drittel der Oscarpreisträger korrekt vorhergesagt. Mittlerweile sind diese „16 von 24“ auch immer mein erklärtes Ziel, das ich dieses Mal zumindest nicht unterschritten habe. (Zweimal war ich in den letzten sechs Jahren aber sogar deutlich besser: 2014 hatte ich 21 Richtige, 2018 20).
Auf meine Tipps hatte ich mich ja ein paar Tage vor den Oscars endgültig festgelegt. Ich war zu stur, daran noch einmal etwas zu ändern, obwohl mir mein Bauchgefühl insbesondere in der Kategorie „Visuelle Effekte“ gesagt hat, dass ich mit „Infinity War“ falsch liege. Denn auch dieses Jahr hat mal wieder der Film mit den „unscheinbarsten“ Effekten unter den fünf Nominierten gewonnen, „Aufbruch zum Mond“. Genau das hatte ich vorher vermutet, aber meinen Tipp nicht mehr geändert. Selbst schuld.
Die Oscarshow an sich war gut, bot aber keine größeren Höhepunkte. Die größte Überraschung war Olivia Colmans Auszeichnung als beste Schauspielerin, wobei auch das nicht ganz aus heiterem Himmel kam und vollkommen verdient ist. Glenn Close tut mir trotzdem ein bisschen leid. Einen Moderator habe ich während der Show über weiter Strecken einerseits nicht vermisst, andererseits hätte ein erfahrener Host etwas Spontanität in die doch sehr zackig und streng nach Plan ablaufende Show bringen können. Für nächstes Jahr wünsche ich mir jedenfalls wieder entweder einen traditionellen Eröffnungsmonolog oder eine große Musicalnummer zu Beginn der Show. Und ich werde mich anstrengen, 2020 mindestens 17 Richtige zu tippen! 🙂


In der Nacht von Sonntag auf Montag findet in Hollywood die 91. Oscar-Verleihung statt. Was hat es schon im Vorfeld für ein Drama gegeben in diesem Jahr! Der recht spät gefundene Moderator (Kevin Hart) hat wieder abgesagt, jemand anderes wollte den Job anscheinend nicht machen. Also geht die Show zum ersten Mal seit 30 Jahren ohne durch den Abend führenden Host über die Bühne. Weil aber die Zuschauerzahlen in den letzten Jahren gesunken sind, wurden noch einige andere Änderungen vorgenommen. Da wäre zum Beispiel die strikte Begrenzung der Länge der Show – drei Stunden (inklusive Werbepausen) sollen es in diesem Jahr sein, auf keinen Fall mehr. Ich persönlich hätte ja gar nichts gegen eine auch deutlich längere Oscar-Show, schließlich bleibe ich dafür ja sowieso extra die ganze Nacht wach. Außerdem kommt es weniger auf die Länge an als auf den Inhalt. Lassen wir uns also überraschen, ob die Zeremonie eine willkürliche Aneinanderreihung von mehr oder weniger gelungenen Gags und Reden wird oder ob es doch so etwas wie einen roten Faden und ein paar einfallsreiche, lustige Momente geben wird.

Die Produzenten der Show versuchen jedenfalls, die Show zu straffen und hatten dazu zunächst die Performance von drei der fünf als „bester Song“ nominierten Liedern aus dem Programm geschmissen. Nach dem medienwirksamen Protest von Lady Gaga (die einen der beiden verbliebenen Songs hätte singen dürfen), sind jetzt wieder alle fünf Lieder Teil der Show, allerdings wohl nur als jeweils 90-sekündige Kurzversionen.
Auch die kurzzeitig geplante Verbannung der Verleihung von Oscars in vier bestimmten Kategorien (u.a. Kamera und Schnitt) aus der Live-Übertragung wurde nach lautstarkem Protest vieler prominenter Filmschaffender wieder rückgängig gemacht. Die Oscar-Show wird damit wahrscheinlich doch wieder länger als drei Stunden dauern (natürlich inklusive der zahlreichen Werbepausen). Wie gesagt setze ich meine Erwartungen an die Show eher niedrig an, aber ich lasse mich gerne positiv überraschen und hoffe insgeheim, dass das (ziemlich haltlose) Gerücht stimmt , welches gestern die Runde machte – nämlich dass Whoopi Goldberg die große Geheimwaffe der Show-Produzenten ist und tatsächlich wieder einmal die Show moderieren wird! (Ich glaube es allerdings nicht.)

Hier nun meine Tipps in allen 24 Kategorien:

Bester Film
Wahnsinnig schwierig in diesem Jahr. Ich gehe mal nach dem Ausschlussverfahren vor. Danach würde ich als erstes „Vice“ rauswerfen. Bleiben noch sieben Filme übrig. „BlacKkKlansman“ kann ich mir auch nicht als Gewinner vorstellen, also weg damit. Noch sechs Filme. „Roma“ ist ein interessanter Fall, weil der Film natürlich einerseits als Favorit gilt, andererseits aber auch als „bester fremdsprachiger Film“ nominiert ist. Das könnte dazu fühen, dass viele Mitglieder der Academy dort dafür stimmen, aber beim „besten Film“ „Roma“ weiter unten auf ihre Liste setzen (die Abstimmung erfolgt in dieser Kategorie, indem die acht Filme in eine Reihenfolge gebracht werden müssen). Auch die Tatsache, dass es sich um eine Netflix-Produktion handelt, könnte den Film viele Stimmen kosten. All das wiederum könnte einigen anderen Filmen helfen. Allerdings kann ich mit nicht vorstellen, dass „A Star Is Born“ hier gewinnt, schmeißen wir den also auch mal raus. Bleiben (mit „Roma“) noch fünf Filme.

Sich ein bisschen in das genaue Abstimmungsverfahren einzulesen, ist zwar interessant, sorgt am Ende vor allem für einen rauchenden Kopf. Wenn ich zum Beispiel davon ausgehe, dass „Vice“ von den wenigsten Abstimmungsberechtigten auf Platz eins gewählt wird, muss ich mir ja im nächsten Schritt vorstellen, welchen Film die Mehrheit dieser Minderheit auf den zweiten Platz gewählt hat. Damit geht das große Mutmaßen endgültig los, aber interessant ist es wie gesagt allemal.
Ich wollte hier eigentlich auf „Roma“ setzen. Doch da der Film aus den oben erwähnten Gründen nicht nur Fans, sondern auch Gegner in der Academy hat, entscheide ich mich nun für „Green Book“. Dieser Film könnte meiner Meinung nach am ehesten davon profitieren, dass „Roma“ die Academy spaltet

Bester Hauptdarsteller
Rami Malek hat für seinen Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ den Golden Globe, BAFTA und SAG-Award gewonnen. Vor ein paar Monaten hätten es wohl die wenigsten gedacht, aber nun sieht es so aus, als sei er auf dem besten Weg zum Oscar. Christian Bale und Willem Dafoe sind wohl nur Außenseiter. Bradley Cooper dürfte mit „A Star Is Born“ in der Academy mehr Fans haben und gerade „Green Book“ sollte man nicht unterschätzen. Und obwohl es sowohl um „Bohemian Rhapsody“ als auch um „Green Book“ ein paar Kontroversen gab, dürften diese kaum auf die Schauspieler abfärben. Also… Malek oder Mortensen? Ich tippe auf Rami Malek, auch wenn ich seine Leistung gar nicht soooo toll fand und den Oscar lieber bei Viggo „Aragorn“ Mortensen sehen würde.

(Übrigens bin ich überrascht, dass „Der Spitzenkandidat“ vollkommen übergangen worden ist. Hugh Jackman liefert darin eine phänomenale Leistung ab und auch die Kameraarbeit fand ich beeindruckend.)

Beste Hauptdarstellerin
Hier sieht es ausnahmsweise mal ganz einfach aus in diesem Jahr. Glenn Close ist 71 Jahre alt und zum siebten Mal nominiert, hat aber noch nie einen Oscar gewonnen! Da wird es ganz einfach Zeit. Ihre Leistung in „The Wife“ („Die Frau des Nobelpreisträgers„) ist großartig, sie hat bei den Golden Globes eine tolle Dankesrede gehalten – da sollte eigentlich nichts mehr zwischen sie und ihren ersten Oscar kommen, oder? Olivia Colman hat zwar bei den BAFTAs gewonnen, dort aber auch einen Heimvorteil gehabt. Ihre Leistung in „The Favourite“ würde ich hier lieber ausgezeichnet sehen als die von Glenn Close in „The Wife“. Aber ich tippe trotzdem auf Glenn Close. Beim siebten Mal muss es einfach klappen.

Bester Nebendarsteller
Auch hier scheint der Gewinner bereits ausgemacht zu sein. Richard E. Grant freut sich mit 61 Jahren über seine erste Oscarnomominierung so sehr, dass man ihn gerne auch auf der Bühne die Trophäe in Empfang nehmen sehen würde. Als großer „Star Wars“-Fan würde ich mich auch wahnsinnig für Adam Driver freuen. Aber Mahershala Ali hat für seine Rolle in „Green Book“ bereits alle anderen wichtigen Filmpreise abgeräumt und wird wohl auch bei den Oscars nicht mit leeren Händen sitzen bleiben müssen, obwohl er erst vor zwei Jahren für „Moonlight“ gewonnen hat. Fast hätte ich auch diesen Tipp noch einmal geändert und doch auf Grant gesetzt. Schließlich dürften viele Stimmen an ihn gehen, weil Ali eben erst vor kurzem gewonnen hat. Und wer weiß, vielleicht reicht es für Grant wirklich und ich liege falsch. Das würde gleich zu Beginn der Oscar-Show für eine Überraschung sorgen. Aber ich traue mich nicht, diesen doch etwas riskanten Tipp abzugeben. Also bleibe ich bei Mahershala Ali.

Beste Nebendarstellerin
Hier wird es wieder schwieriger. Amy Adams ist für ihre Rolle in „Vice“ zum sechsten Mal nominiert und hat noch nie gewonnen. Regina King gilt mit „If Beale Street Could Talk“ als Favoritin, aber auch Rachel Weisz („The Favourite“) hat viele Fans. Ich tippe mal auf Regina King, unter anderem auch deswegen, weil das vielleicht die einzige realistische Chance für den Film auf eine Oscarauszeichnung sein wird. In die Kategorie „bester Film“ scheint es die Literaturverfilmung ja nur ganz knapp nicht geschafft zu haben.

Beste Regie
Ich denke mal, dass sich die Academy hier auf Alfonso Cuarón einigen wird.

Bester Animationsfilm
Wenn ein Pixar-Film in dieser Kategorie nominiert war, dann hat er bisher auch immer gewonnen, oder? Nun, ich tippe dieses Jahr dennoch nicht auf Pixars „Die Unglaublichen 2“. Denn wenn das, was die Macher von „Spider-Man: Into The Spider-Verse“ abgeliefert haben, nicht oscarwürdig ist, was denn bitteschön dann? Der Film ist einer der besten Superheldenfilme seit Jahren und hat endlich mal einen neuen, kreativen Weg gezeigt, wie man Comics auch wirklich als solche auf die Leinwand bringt.

Bester fremdsprachiger Film: Hier dürfte Roma gewinnen, der deutsche Beitrag „Werk ohne Autor“ hat keine realistische Chance.

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bestes adaptiertes Drehbuch:  Charlie Wachtel, David Rabinowitz, Kevin Willmott und Spike Lee für „BlacKkKlansman“
Bestes Originaldrehbuch: „The Favourite“ (Deborah Davis und Tony McNamara)
Beste Ausstattung: „The Favourite“ (Fiona Crombie und Alice Felton)
Beste Kamera (Cinematography): Alfonso Cuarón für „Roma“
Bester Ton (Sound Mixing): „Bohemian Rhapsody“ (Paul Massey, Tim Cavagin und John Casali)
Bester Tonschnitt (Sound Editing): „Bohemian Rhapsody“ (John Warhurst und Nina Hartstone)
Beste Musik: „If Beale Street Could Talk“ (Nicholas Britell)
Bestes Lied: „Shallow“ aus „A Star Is Born“ (geschrieben von Lady Gaga, Mark Ronson, Anthony Rossomando und Andrew Wyatt)
Beste Kostüme: Sandy Powell für „The Favourite“
Beste Dokumentation: Elizabeth Chai Vasarhelyi, Jimmy Chin, Evan Hayes und Shannon Dill für „Free Solo“
Beste Kurzdokumentation: „Black Sheep“
(Ed Perkins and Jonathan Chinn)

Bester Schnitt: Hank Corwin für „Vice“
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „Vice“ (Greg Cannom, Kate Biscoe und Patricia Dehaney)
Bester animierter Kurzfilm: Hier tippe ich auf Pixars „Bao“ (von Domee Shi und Becky Neiman-Cobb), der vor „Die Unglaublichen 2“ im Kino gezeigt wurde.
Bester Kurzfilm: Skin von Guy Nattiv und Jaime Ray Newman. Es könnte aber auch „Marguerite“ gewinnen. Wie immer habe ich in den Kurzfilmkategorien wenig Ahnung, die meisten Filme noch nicht gesehen und mich nur ein wenig in die Expertenmeinungen eingelesen. (Eventuell werde ich aber am Sonntag noch alle fünf nominierten Live Action-Kurzfilme im Kino anschauen.)
Beste visuelle Effekte: Dan DeLeeuw, Kelly Port, Russell Earl und Dan Sudick für „Avengers: Infinity War“

Filmfest München: „Buster’s Mal Heart“, „Animal Kingdom“, „Flesh and Blood“, „The Road to Mandalay“

13 Filme in drei Tagen, das ist meine vorläufe Bilanz vom Filmfest München. Heute werden es wieder ein paar mehr, aber bevor ich gleich wieder los muss ins Kino will ich hier noch ein paar Eindrücke festhalten.

Rami Malek, bekannt aus der Serie „Mr. Robot“, spielt in „Buster’s Mal Heart“ seine erste Kinohauptrolle. Eigentlich spielt er darin sogar drei Rollen. Und eigentlich auch wieder doch nicht, es ist etwas verwirrend. Der Film jedenfalls zeigt parallel drei verschiedene Handlungsstränge: Da ist zum einen Jonah, der als Concierge in einem Hotel arbeitet – stets in der Nachtschicht. Dann ist da „Buster“, der in fremde Häuser einbricht, um dort zu übernachten und bei Radiosendern anruft, um vor dem Weltuntergang zu warnen. Und dann ist da noch ein Mann in einem einsamen Boot auf dem weiten Meer…

Buster's Mal HeartAll diese drei Männer werden von Rami Malek gespielt und wer nun erwartet, dass der Film irgendwann klar herausstellt, wie ihre Geschichten zusammenhängen, der wird enttäuscht werden. Es werden zwar Andeutungen gemacht, doch die endgültige Interpretation bleibt dem dem Zuschauer überlassen. Malek gelingt es mit seinen Darstellungen, den gesamten Film zu tragen. Dieser enthält außerdem einiges an religiöser Symbolik, u.a. in den Kirchenliedern, die zum Teil den Soundtrack bilden. Mich hat „Buster’s Mal Heart“ an „Matrix“ und „Vanilla Sky“ denken lassen, auch wenn er mit diesen beiden Filmen eigentlich kaum etwas gemeinsam hat, außer eben ein paar Andeutungen bezüglich des Sinns und Zusammenhangs der drei Geschichten. Ein seltsamer Film, aber einer der einen zum Nachdenken bringt. Wer bin ich, wer will ich sein, wie wirken sich meine Entscheidungen auf meinen weiteren Lebensweg aus und steht dieser überhaupt unter meiner eigenen Kontrolle? Das sind Fragen, die Regisseurin Sarah Adina Smith hier auf äußerst interessante Weise stellt.

Leider sind die beiden Vorstellungen von „Buster’s Mal Heart“ auf dem Filmfest bereits vorbei.

Seit einigen Jahren hat das Filmfest eine eigene Programmreihe für neue Fernsehserien. Davon habe ich mir dieses Jahr die ersten beiden Folgen von „Animal Kingdom“ angeschaut. Die Serie ist momentan in Deutschland bei TNT Serie zu sehen und basiert auf dem gleichnamigen australischen Film von 2010. Für die Serie wurde die Handlung nun in die USA verlegt. Sie beginnt mit dem Drogentod der Mutter des 17-jährigen Joshua (Finn Cole), der daraufhin zu seiner Großmutter (Ellen Barkin) zieht. Bei dieser wohnen auch ihre drei erwachsenen Söhne, die mit Raubzügen für die finanzielle Sicherheit des Familienclans sorgen – stets überwacht und geleitet von der alles kontrollierenden Matriarchin.

Animal Kingdom„Animal Kingdom“ bietet solide Unterhaltung, ist aber meiner Meinung nach in keinem Bereich wirklich herausragend. Joshua scheint mit den kriminellen Machenschaften seiner Verwandschaft von Anfang an kaum Probleme zu haben und lässt sich selbst schnell dafür einspannen. Wo bleibt da noch Raum für die Figur, sich zu entwickeln? Wie es sich für eine Serie gehört, werden mehrere Andeutungen gemacht, aus denen sich in den weiteren Folgen Storyelemente zimmern lassen. Aber all das ist Standardkost und nichts davon kann wirklich überraschen. Wer gerne halbnackten, verschwitzten Männern dabei zusieht, wie sie sich im Pool prügeln oder Autos auseinandernehmen, der kommt bei „Animal Kingdom“ wohl auf seine Kosten. Und Ellen Barkin spielt die unsympathische, aber stets um ihre Familie besorgte Mutter bzw. Großmutter wirklich gut. Aber ich werde die Serie nicht weiter verfolgen.

Interessanter fand ich da schon die in „Flesh and Blood“ dargestellte Familie. Auch hier geht es um Kriminalität, Drogenprobleme und familiären Zusammenhalt. Regisseur Mark Webber hat sich selbst und seine eigenen Familienmitglieder als Schauspieler besetzt. Er erzählt die Geschichte von Mark (Mark Webber), der nach fünf Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und bei seiner Mutter (Madeline Brewer) und seinem 13-jährigen Bruder (Guillermo Santos) unterkommt. Alle Protagonisten haben hier ihr Päckchen zu tragen: Mark droht wieder in die Sucht abzurutschen, sein Bruder muss mit einer Asperger-Diagnose und seinem Außenseiter-Status leben und die Mutter musste als Teenagerin aus einem gewalttätigen Elternhaus fliehen.

Flesh and BloodDavon erzählt der Film in authentischen Bildern, bei denen nie so ganz klar ist, wieviel denn nun gespielt bzw. im Drehbuch festgelegt ist und wann die Darsteller ganz einfach spontan miteinander interagieren. Die Interaktionen wirken jedenfalls vollkommen natürlich und der Film damit schon fast dokumentarisch. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass Marks Bruder eine Dokumentation über seine Familie dreht und wir dadurch z.B. Interviewsequenzen mit der Mutter zu sehen bekommen. Übrigens spielen auch die Väter von Mark und seinem Bruder eine wichtige Rolle. In zwei wirklich nahe gehenden Szenen wird die Begnung der jungen Männer mit ihren Vätern geschildert und was man am Ende aus diesem Film mitnimmt, ist die Erkenntnis, dass Familie wohl immer viel (Beziehungs-)Arbeit bedeutet. Ein starker Film, der einen direkt berührt und ohne künstlich wirkendes Happy End daherkommt.

Leider sind auch die Vorführungen von „Flesh and Blood“ schon vorbei.

Ebenfalls ein starker Fim ist „The Road to Mandalay“. Die junge Lianquing kommt als illegale Einwanderin von Myanmar nach Thailand. Sie hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser und hofft, möglichst bald eine offizielle Arbeitserlaubnis zu erhalten. Dabei erlebt sie Rückschlag um Rückschlag, gibt aber nicht auf. Guo, der mit ihr nach Thailand gekommen ist, will sie dazu überreden, eine Stelle in einer Textilfabrik zu übernehmen, die besser bezahlt wird als viele andere Jobs. Zudem empfindet er für sie mehr als nur Freundschaft, traut sich jedoch nicht, ihr seine Gefühle zu offenbaren.

The Road to MandalayRegisseur Midi Z, der bereits mit zwei früheren Werken auf dem Filmfest München zu Gast war, hat mit „The Road to Mandalay“ zwar einen Film gedreht, in dem gar nicht viel passiert. Dank der großartigen Hauptdarstellerin, die die Hoffnungen, Ängste und Leiden ihrer Figur in jeder Einstellung für den Zuschauer spürbar macht, ist der Film aber trotzdem nie langweilig. Auch dieser Film wirkt phasenweise dokumentarisch, wenn man die Protagonisten etwa bei der Arbeit in Restaurants oder Fabriken beobachtet oder bei ihrem schwierigen Umgang mit Polizei und Behörden. Bestechung und Korruption sind dabei an der Tagesordnung und die Hoffnung auf eine legale Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zerschlägt sich schnell, so dass sich Lianquing auf ebenfalls sehr frustrierende Weise gefälschte Papiere zu besorgen versucht. „The Road to Mandalay“ ist ein manchmal ernüchternder und deprimierender, aber doch stets faszinierender und authentisch wirkender Einblick in eine Welt, die sowohl erschreckende Unterschiede als auch Parallelen zu unserer mitteleuropäischen Gesellschaft aufweist. Und spätestens das Ende des Films sorgt dann dafür, dass der Film im Gedächtnis haften bleibt und lange im Kopf des Zuschauers nachwirkt.

„The Road to Mandalay“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt: am 28.6. um 20 Uhr

Copyright Bilder: Filmfest München