Bates Motel – Season 3

Nachdem mir die ersten beiden Staffeln von „Bates Motel“ so gut gefallen haben, musste ich natürlich auch Staffel 3 anschauen. Nicht um zu wissen, wo die Geschichte hingeht – das sollte bei einem „Psycho“-Prequel allseits bekannt sein -, sondern um zu erfahren, wie die Figuren (in erster Linie Norman Bates) dorthin kommen, wo sie in „Psycho“ sind. Und man hatte es sich zwar auch nach dem Anschauen von Hitchcocks „Psycho“ schon denken können, aber nach drei Staffeln „Bates Motel“ erhärtet sich der Verdacht noch mehr: Norman Bates‘ Mutter ist schuld.

Die Staffel eröffnet mit einer Szene, die uns zeigt, dass Norman (Freddie Highmore) auch im Alter von 18 Jahren noch gelegentlich bei seiner Mutter Norma (Vera Farmiga) im Bett schläft. Wenig später macht seine Mutter ihm den Vorschlag, ihn aus der Schule zu nehmen, fortan selbst zuhause zu unterrichten und zum Manager ihres Motels zu machen. Norma hat also ganz offensichtlich keine Vorstellung davon, wie eine normale und gesunde Mutter-Sohn-Beziehung auszusehen hat. Dabei erkennt sie durchaus, dass einigiges am Verhalten ihres Sohnes ganz und gar nicht „normal“ ist; nur wenn es um seine Beziehung zu ihr geht, kann und will sie nicht einsehen, dass daran etwas falsch ist. Vera Farmigas Schauspiel ist wie schon in den ersten beiden Staffeln grandios. Hinter ihren Augen lassen sich immer wieder ihre zahlreichen Ängste (um die Zukunft, um Norman,…) und hin und wieder auch ihre Panik oder Verzweiflung ausmachen. Ihren Wunsch nach eine engen Beziehung zu Norman begründet sie in der ersten Folge damit, dass sie ihre eigene Mutter nie richtig gekannt habe. Was sie selbst nie hatte, will sie Norman nun unbedingt geben…

Norman wiederum wirkt oft wie ein ganz normaler Teenager. Er ist von seiner Mutter genervt und weist jegliche Andeutungen, dass er derjenige von ihnen beiden sei, der ein Problem hat, weit von sich. Allerdings wissen wir auch: So nett und unschuldig Norman bisweilen auch wirkt, in ihm hat sich längst eine zweite Persönlichkeit eingenistet – eine ihn ständig überwachende Version seiner Mutter. Wenn es darum geht, ihren Sohn zu beschützen, geht diese „Norma“ noch weiter als die echte. Deshalb begeht Norman am Ende der Staffel auch einen weiteren Mord an einer jungen Frau, die ihm nahe gekommen ist. „Norma“ wird nun mal sehr schnell eifersüchtig…

Das Tragische an der Figur der (echten) Mutter ist, dass sie ihren Sohn nur beschützen will und auch durchaus erkennt, dass mit Norman etwas nicht stimmt. Nur kann sie leider nicht sehen, dass sie selbst die Ursache dafür ist. Norma versucht Norman im Verlauf der Staffel mehrmals zu helfen. Sie arrangiert zum Beispiel ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten, das allerdings abrupt endet, als der Psychologe Norman nach seiner sexuellen Begierde für seine Mutter fragt und Norman ihn daraufhin körperlich angreift. Der Therapeut ergreift daraufhin panikartig die Flucht, eine wirklich herrliche Szene! In der nächsten Episode überrascht Norman dann mit der Einsicht, dass mit ihm vielleicht wirklich etwas nicht stimmt und dass seine Beziehung zu Norma möglicherweise gestört ist. Aber als er diese Gedanken gegenüber seiner Mutter äußert, tut sie sie als bedeutungslos ab. Sie besteht darauf, dass an ihrer Mutter-Sohn-Beziehungs nichts falsch oder unnormal ist – während sie Arm in Arm mit Norman im Bett liegt…

Auch Norman-Darsteller Freddie Highmore kann wie auch schon in den ersten beiden Staffel schauspielerisch vollkommen überzeugen. Im Rückblick habe ich aber das Gefühl, dass die dritte Staffel mehr von Normans Mutter erzählt als von Norman. Von Normans Blackouts und seiner gespaltenen Persönlichkeit wissen wir schon aus den ersten beiden Staffeln. In Staffel drei zementiert sich zusätzlich die ernüchternde Einsicht, dass Norma zwar einsieht, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt, aber nicht, dass sie selbst ein entscheidender Teil des Problems ist. Auch der Rest der Bates-Familie – Normans Bruder Dylan (Max Thieriot) und Normas Bruder Caleb (Kenny Johnson) – ist hier wieder mit dabei, doch deren Handlungsstränge wirken oft wie unwichtiges Füllmaterial. Es ist nun einmal die Geschichte um Norman und Norma Bates, die man hier wirklich sehen will. Erst als die Handlungsstränge um Dylan und Caleb in der Mitte der Staffel mit denen um Norma und Norman zusammengeführt werden, werden auch diese Nebenfiguren etwas interessanter. Wobei ich mich bei Kenny Johnsen, dem Dasteller von Caleb, des Öfteren gefragt habe, ob er schlicht und einfach ein Schauspieler mit beschränkten Fähigkeiten ist oder ob er nur äußerst überzeugend eine etwas beschränkte Figur spielt… Ich tendiere zu ersterem.

Ebenfalls wieder mit dabei ist der örtliche Sheriff, Alex Romero (Nestor Carbonell). Da Norma sich auch in dieser Staffel wieder mit dem organisierten Verbrechen in White Pine Bay anlegt, hat er weiterhin eine Menge zu tun. Jeder lügt jeden an und fast jede Figur hat so ihre Geheimnisse. Wie es sich für eine Fernsehserie gehört, werden diese nach und nach wohldosiert gelüftet, um auch immer ausreichend Konfliktstoff in die Handlung bringen zu können. Als Norma und Romero sich in der vierten Episode gegenseitig des Lügens beschuldigen, rechtfertigt sich der Sheriff mit ein paar Sätzen, die auch als Meta-Kommentar der Serienmacher gelesen werden können:

„I’m not lying – I’m not revealing the whole truth. That’s my job, to decide what and when to tell whom.“

Damit beschreibt er recht gut die Aufgabe eines Showrunners. Auch der muss ja entscheiden, welche Informationen er wann preisgibt, um die Spannung für die Zuschauer aufrecht zu erhalten. Zumindest was mich betrifft, haben Carlton Cuse und die anderen Autoren von „Bates Motel“ ihre Aufgabe diesbezüglich erfüllt. Zum Glück haben sie auch bekannt gegeben, dass nach der fünften Staffel mit der Serie Schluss sein wird. Das ist eine sehr gute Entscheidung, denn allzu lange lässt sich die Entwicklung hin zu Normans Matrizid nicht mehr strecken, ohne die Zuschauer mit viel überflüssigem Füllmaterial zu langweilen. Für zwei weitere Staffeln werde ich aber bestimmt noch dran bleiben.

„The English version of a happy ending“: Downton Abbey – Series 6

Am 04. August ist in Deutschland die sechste Staffel von „Downton Abbey“ auf DVD und Bluray erschienen. Die Staffeln drei, vier und fünf habe ich bereits hier im Blog besprochen und weil mir zumindest in dieser Hinsicht Traditionen genauso wichtig sind wie einigen der Bewohner von Downton Abbey, widme ich nun auch der sechsten und letzten Staffel einen Blogpost.

"Downton Abbey" - Die 6. Staffel auf Bluray

Seit dem 04.08. auf DVD & Bluray erhätlich: Die 6. Staffel von „Downton Abbey“

Ich habe bereits in meinen Blogposts zu den anderen Staffeln einiges darüber geschrieben, dass „Downton Abbey“ im Grunde „nur“ eine Soap Opera ist – wenn auch eine mit außergewöhnlich guten Schauspielern, tollen Kulissen und aufwändigen Kostümen. Zu den wichtigsten Regeln einer Soap Opera gehört es, dass sie auf Endlosigkeit hin angelegt ist; Soaps können immer weiter erzählt werden, wozu ihnen jede noch so unwahrscheinlich erscheinende Wendung der Ereignisse und Häufung von Krisen und Problemen recht ist. Da von „Downton Abbey“ nicht vier oder fünf Episoden pro Woche, sondern nur neun pro Jahr produziert worden sind, fällt diese Häufung der Ereignisse nicht so stark ins Gewicht. Zudem erstrecken sich die von der Serie abgedeckten Ereignisse auf einen Zeitraum von 14 Jahren. Dennoch werden die Charaktere natürlich auch hier in weitaus größerem Maß zum Opfer von Intrigen, Krisen, Unfällen und anderen Widrigkeiten, als dies in der Realität der Fall ist. Oder täuscht dieser Eindruck? Sind es vielleicht einfach nur die Probleme, die erzählenswert erscheinen? Durchleben auch die Figuren in „Downton Abbey“ immer wieder lange Phasen des Glücks oder sogar der Langeweile, die in der Serie aber schlicht weggelassen werden, weil sie aus narrativer Sicht nicht interessant sind? Sicher ist jedenfalls (und das ist jetzt ein großer Spoiler fürs Serienfinale!), dass am Ende der Serie alle Figuren ihr Glück gefunden haben. Das ist zum einen verständlich: Aus narrativer Sicht ist die Serie am Ende nicht auf das Fortbestehen alter oder Auftauchen neuer Krisen angewiesen. Es muss schließlich nichts weitererzählt werden. Die Figuren können nun glücklich bis an ihr Lebensende leben. Die Fans der Serie sind beruhigt, weil sie wissen, dass sie sich um ihre Lieblinge nun nicht mehr zu sorgen brauchen. Ich persönlich fand die Entscheidung, alles gut ausgehen zu lassen, allerdings etwas langweilig und noch unglaubwürdiger als so manche der narrativen Wendungen zuvor. Ich hatte fest damit gerechnet, dass wenigstens eine Figur sterben würde, aber sogar Violet Crawley (Maggie Smith), die zu diesem Zeitpunkt wohl mindestens hundert Jahre alt ist, überlebt das Serienfinale. Womöglich konnte es Serienschöpfer Julian Fellowes (der übrigens alle 52 Episoden selbst geschrieben hat) nicht übers Herz bringen, eine oder oder mehrere seiner Figuren zu töten (er hat dies im Verlauf der Serie ja nur dann getan, wenn Schauspieler aussteigen wollten), vielleicht wollte er den Fans aber auch einfach ein rundum perfektes Happy End schenken.

Joanne Froggat & Brendan Coyle

Anna (Joanne Froggatt) und ihr Ehemann Mr. Bates (Brendan Coyle)

Bis es zum Happy End kommt, gibt es aber für fast alle Figuren noch genug zu leiden. Gelegentlich wirkt es dabei so, als kommentierten die Charaktere selbst ihr eigenes Dasein als Soap-Figuren. Als beispielsweise wieder einmal der örtliche Polizist Sergeant Willis sein Kommen ankündigt, kommentiert dies der Butler Mr. Carson (Jim Carter) trocken mit den Worten: „Do other butlers have to content with the police arriving every ten minutes?“ Man könnte ihm antworten: Nein, nur in einer Soap Opera muss sich der Butler ständig mit solchen Problemen herumschlagen. Der Grund des Besuchs von Sergeant Willis ist immer noch der Mord an Annas Vergewaltiger Mr. Green. Annas Ehemann, John Bates (Brendan Coyle), ist noch immer nicht von dem Verdacht befreit, der Schuldige in diesem Mordfall zu sein, worunter er und Anna leiden. „Do you ever think of a time when we’re told the whole Mr. Green business is over?“, fragt er Anna an einer Stelle. Diese Frage verweist auf das Soap-Gesetz, wonach die Protagonisten zwar von einer sorgenfreien Zukunft träumen, diese jedoch niemals erreichen dürfen, solange die Soap noch fortgesetzt wird. Eine Krise muss entweder immer wieder verlängert werden – wie im Fall des Zweifels an Mr. Bates Unschuld – oder durch eine neue Krise ersetzt werden. Zum Glück befindet sich das Ehepaar Bates hier aber in der letzten Staffel einer Serie; das Leiden darf also ein Ende nehmen. Die Zweifel an Mr. Bates Unschuld werden ausgeräumt und auch alle anderen Probleme, die Anna und John Bates haben, lösen sich im Verlauf der sechsten Staffel in Luft auf.

„I feel so completely, completely happy“

Laura Carmichael, Elizabeth McGovern & Michelle Dockery

Cora (Elizabeth McGovern) mit ihren beiden Töchtern, Lady Edith (Laura Carmichael) und Lady Mary (Michelle Dockery)

Auch für die beiden überlebenden Crawley-Töchter geht am Ende alles gut aus. Sowohl Lady Mary (Michelle Dockery) als auch Lady Edith (Laura Carmichael) finden die große Liebe und heiraten. Normalerweise hält das Glück, das Hochzeiten versprechen, in Soap Operas nie besonders lange an. Das hat sich auch bei „Downton Abbey“ im Verlauf der Serie mehrmals gezeigt: Marys erster Ehemann Matthew ist am Ende der dritten Staffel überraschend verstorben (daran war zugegeben der Wunsch des Darstellers nach einem Ausstieg aus der Serie schuld, doch man kann sich sicher sein, dass die Ehe unter anderen Problemen gelitten hätte, wenn Matthew überlebt hätte). Edith wiederum ist einmal der Bräutigam kurz vor der Trauung davongelaufen. Nun jedoch dürfen beide endlich glücklich sein, es besteht schließlich aus narrativer Sicht mehr kein Bedarf an Unglück, das noch Erzählstoff liefern müsste. Im Fall von Lady Edith ist das besonders erfreulich, schließlich musste die Arme über sechs Staffeln hinweg so einiges mitmachen und hatte immer wieder Pech mit ihren Männern. In einem Dialog zwischen ihrer Tante Rosamund (Samantha Bond) und ihrer Großmutter wird auch dies kommentiert:

Rosamund: „We didn’t always think there’d be a happy ending for Edith.“
Violet: „Well, there’s a lot at risk, but with any luck, they’ll be happy enough. Which is the English Version of a happy ending.“

Hier wird also immerhin keine vollkommen rosige Zukunft in Aussicht gestellt, sondern darauf Bezug genommen, dass Lady Edith und ihr „Bertie“ in ihrer Ehe noch so einige Probleme zu bewältigen haben werden. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit hat jedoch Lady Edith selbst: „It’s so strange, I feel so completely, completely happy. I don’t think I’ve ever felt that before.“ Auch das wirkt wieder wie ein Meta-Kommentar der Figur auf ihren Status als Soap-Charakter. Doch nun gilt: Ende gut, alles gut.

„This life is over for us“

Noch stärker als in der vierten und fünften Staffel ist dieses Mal der Wandel der britischen Gesellschaft ein Thema. Das zeigt sich vor allem an der schon in der ersten Folge der Staffel angesprochenen Tatsache, dass die Zahl der Diener im Anwesen drastisch reduziert werden soll. Nicht nur gibt es immer weniger dieser großen Anwesen im Land, auf denen eine so große Dienerschaft tätig ist. Die Familie kann es sich auch einfach schlicht nicht mehr leisten, diesen Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Selbst Robert (Hugh Bonneville) sieht das mittlerweile ein, wie in einem (von mir hier gekürzt wiedergegebenen) Dialog mit seiner auf Traditionen und die Aufrechterhaltung der Lebensweise der britischen Adelsklasse bedachten Mutter deutlich wird:

Robert: „To be honest, I am starting to ask myself how much longer we can go on with it all.“
Violet: „Well, go on with what?“
Robert: „The household, the servants.“
Violet: „You think it’s a bit too much in 1925.“
Robert: „Who lives as we used to now?“
Violet: „It seems hard that men and women should lose their livelihoods because it’s gone out of fashion.“

Maggie Smith

Violet Crawley, Dowager Countess of Grantham (Maggie Smith)

Violet sorgt sich hier nicht nur um ihren eigenen Lebensstandard, sondern auch um die Existenzgrundlage der Dienerschaft, was auf die enge Beziehung zwischen dem Adel und den Dienern hinweist. Den Crawleys ergeht es jedenfalls noch vergleichsweise gut. In der ersten Folge besuchen einige von ihnen eine Auktion, bei der die Besitztümer eines anderen Adelshaushalts versteigert werden. Dessen Besitzer konnte sich das Leben als Adeliger schlicht und einfach nicht mehr leisten. „This life is over for us. It won’t come back.“, stellt er fest. Lady Mary will überhaupt nicht einsehen, dass ihre Familie etwas an ihrer Lebensweise ändern soll. Doch auch sie kann die Veränderung nicht aufhalten. Ein bezeichnendes Beispiel ist die Öffnung des Anwesens für die Öffentlichkeit, die in der sechsten Staffel für einen einzigen Tag erfolgt. Bereits im Vorfeld hat jeder im Haus eine Meinung dazu (Mr. Carson: „The next thing you know, there’s a guillotine in Trafalgar Square!“) und nachdem wesentlich mehr Besucher kommen, als die Familie erwartet hatte, schlägt am Ende des Tages Tom (natürlich!) vor, das Haus regelmäßig für Besucher zu öffnen, um auf diese Weise Einnahmen zu erzielen. Robert ist von dieser Vorstellung empört, aber seine Frau Cora (Elizabeth McGovern) ist der Idee nicht abgeneigt und kann das Interesse der Öffentlichkeit nachvollziehen:

Cora: „People are curious about what it’s like to live here.“
Edith: „Which is sad, in a way.“
Cora: „Why?“
Edith: „Because it means our way of life is something strange. Something to cue up and buy a ticket to see, a museum exhibit, a fat lady in a circus.“

Die Crawleys können sich den sich ändernden Zeiten also nicht verschließen und werden sich sicher schon bald daran gewöhnen müssen, dass ihr Wohnsitz regelmäßig zum Anzugspunkt für Touristen wird. (Ich hätte ja zu gerne eine Nachfolgeserie, die in den 1950er Jahren spielt und das Leben der nächsten Generation der Crawleys erzählt.)
Auf die eine oder andere Weise müssen sich alle Figuren in der Serie mit dem sozialen Wandel auseinandersetzen. Manche passen sich dabei besser an als andere und manche haben auch einfach Glück. Unter der Dienerschaft gibt es einige, die bereits im Verlauf dieser Staffel neue Arbeit finden. Mr. Molesley entdeckt sein Talent als Grundschullehrer, Mrs. Patmore baut das von ihr geerbte Häuschen zu einer Pension um und der Butler von Violet, Mr. Spratt (Jeremy Swift), schreibt eine Modekolumne für die von Lady Edith geleitete Zeitschrift! Nur Thomas Barrow (Rob James-Collier), der sich weiterhin von allen anderen unverstanden und ungeliebt fühlt, scheint zunächst der Verlierer in diesem Rennen zu sein. Mr. Carson legt ihm bereits früh nahe, sich eine andere Stelle zu suchen. Doch Barrow muss zu seinem Unglück feststellen, dass der Arbeitsmarkt für (Under)Butler sehr viel kleiner geworden ist. Das führt ihn schließlich zu einem Selbstmordversuch; in der letzten Folge wendet sich jedoch auch für ihn alles zum Guten, als Robert ihm anbietet, Mr. Carsons Nachfolger als Butler des Hauses zu werden. Das war mir dann doch etwas zu unglaubwürdig, die Schauspielleistung von Rob James-Collier fand ich dagegen großartig.

Sozialer Wandel & soziale Regeln

Die Dienerschaft beim Essen

Die Dienerschaft beim Essen

Die ganze Staffel ist von Nostalgie und dem Nachtrauern nach einer zu Ende gegangenen Ära durchzuogen, insofern ist es richtig, die Serie genau zu diesem Zeitpunkt zu beenden. Denn obwohl die britische Gesellschaft natürlich auch heute noch stark vom Klassengedanken geprägt ist, so zeigt „Downton Abbey“ dennoch den Niedergang des britischen Adels. Besonders interessant fand ich im Verlauf der Serie stets jene Momente, an denen es zu unerwarteten Verbindungen zwischen verschiedenen Gruppen (also z.B. zwischen Adeligen und ihren Dienern) kam. Auch in der sechsten Staffel gab es diesbezüglich noch ein paar interessante Szenen, zum Beispiel als Mr. Spratt, der wie erwähnt neben seiner Tätigkeit als Butler inzwischen auch für Lady Ediths Zeitschrift arbeitet, sich weigert, sich in Ediths Gegenwart zu setzen, als die beiden in Violets Haus aufeinandertreffen. Seine Tätigkeiten als Butler und Redakteur stürzen ihn hier in einen Rollenkonflikt; gleichzeitig kann man dies als ein Anzeichen dafür sehen, dass die Trennlinien zwischen den Klassen zumindest an manchen Stellen aufgeweicht werden.
Nach wie vor bekommen die Diener auch in dieser Staffel einen Großteil des Privatlebens ihrer Vorgesetzten mit. Sie stehen daneben, wenn diese sich beim Essen unterhalten und halten sich in deren Schlafzimmern auf, um sie anzukleiden oder zu frisieren. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie sich über die ihnen zugewiesenen Aufgaben hinaus in den Alltag ihrer Vorgesetzten einmischen dürfen. Als Violets Dienstmädchen Denker (Sue Johnston) Dr. Clarkson ihre Meinung sagt, weil dieser ihrer Ansicht nach Violet in einer wichtigen Angelegenheit in den Rücken gefallen ist, muss sie sich später eine Standpauke von Violet anhören. Sie dürfe als Dienstmädchen keine private Meinung zu den Angelegenheiten ihrer Vorgesetzten haben und diese schon gar nicht ausdrücken, weist Violet sie zurecht. Der Alltag der Adeligen und der Dienerschaft ist eng miteinander verbunden, doch es bestehen trotzdem ganz klare Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Wie sehr diese beiden Sphären trotz ihrer Verzahnung voneinander abgegrenzt sind, wird deutlich, als die „upstairs“-Gesellschaft sich in einer Folge nach „unten“ begibt, um die von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrten Diener Mr. Carson und Mrs. Hughes zu begrüßen. Da macht Violet nämlich die Bemerkung „I haven’t been into the kitchens for at least 20 years“.

Michelle Dockery & Matthew Goode

Lady Mary (Michelle Dockery) & Henry Talbot (Matthew Goode)

Aber nicht nur für den Umgang zwischen den Klassen gibt es strenge Regeln, sondern auch für den Umgang der Adeligen untereinander. Dies fällt wahrscheinlich niemandem so sehr auf wie Tom (Allen Leech), der einst als Chauffeur auf Downton Abbey begonnen hat, bis er schließlich eine der Crawley-Töchter heiratete. Seine Frau ist inzwischen verstorben, aber Tom ist weiterhin ein Mitglied der Familie und damit nun selbst Angehöriger des Adels. Dennoch wird er immer wieder daran erinnert, dass er eben sein Leben als Angehöriger der Arbeiterklasse begonnen hat und so niemals ein vollwertiges Mitglied der Adelsgesellschaft werden kann, ganz egal wie oft ihm die anderen Familienmitglieder auch das Gegenteil versichern.
Dass Tom in gewisser Weise
für immer ein Fremder bleiben wird, der zwar am Leben der Adeligen um ihn herum teilnimmt, sie aber zugleich auch mit einer gewissen Distanz betrachet, wird in einer Szene deutlich, in der er gemeinsam mit Mary und ihrem zukünftigen Ehemann Henry Talbot (Matthew Goode) in einem Pub sitzt. Als Henry im Gespräch mit Mary nach Gründen sucht, um sich wieder einmal mit Evelyn Napier zu treffen, kann Tom nicht anders, als seine Verwunderung zum Ausdruck zu bringen:

Tom: „You are funny.“
Mary: „What do you mean?“
Tom: „The way you have to keep making reasons for why you’ll meet. You to watch him drive cars, you to have dinner with a friend. Why can’t you just say ‚I’d love to spend more time with you. When can we do it?'“
Mary (zu den anderen): „You see? He may have assimilated in some ways, but he still fights playing by the rules.“

Diese Beobachtung Toms und der sich daraus entspinnende, kurze Dialog weist auf die zahlreichen ungeschriebenen Regeln hin, die den sozialen Umgang der Mitglieder der britischen Oberklasse untereinander bestimmen. Als „Quereinsteiger“ in diese Klasse wird Tom auf ewig zugleich Mitglied und doch ein Fremder bleiben, der diese Regeln noch nicht alle beherrscht, dem sie viel deutlicher bewusst werden und der sie deshalb auch leichter in Frage stellen kann. (Seine Figur hat in dieser Hinsicht viele Gemeinsamkeiten mit der von Scarlett Johansson in „Under The Skin“ gespielten Außerirdischen in Menschengestalt. Auch dort braucht es erst den Blick des Fremden, um das typisch Menschliche auszumachen.)

Ende gut, alles gut

Es ist gut, dass „Downton Abbey“ nun zu Ende gebracht worden ist. Denn so sehr ich die Serie auch liebe, im Verlauf dieser letzten Staffel habe ich mir des Öfteren gedacht, dass hier nichts Neues mehr kommt und alles irgendwie dasselbe ist wie in den vorhergehenden Staffeln. Dass das Finale in einem hundertprozentigen Happy End gipfelte finde ich wie gesagt äußerst langweilig, aber was Dialogwitz und Schauspielleistungen betrifft, habe ich mich doch auch von dieser Staffel meist gut unterhalten gefühlt. Lediglich die Oneliner, die Julian Fellowes regelmäßig Maggie Smiths Figur in den Mund legt, wollten hier nicht mehr so richtig zünden. Dafür haben sich in der fünften und sechsten Staffel Violets Diener – Mr. Spratt und Mrs. Denker – zu zweien meiner Lieblingsfiguren entwickelt (ich will eine „Denker & Spratt“-Spinoff-Serie!). Andere Figuren wiederum wurden im Verlauf der Serie immer langweiliger und uninteressanter – ich denke da vor allem an Mr. Bates, der zu Beginn der Serie eine interessante und tiefgründige Figur war, aber nach und nach immer mehr in den Hintergrund getreten ist, bis Fellowes anscheinend nicht mehr so richtig wusste, was er mit der Figur anfangen sollte. Dennoch bleibt am Ende von sechs Jahren „Downton Abbey“ festzustellen, dass Julian Fellowes hier eine herausragende Serie mit Kultpotential geschaffen hat. Trotz der in bester Soap-Manier gehäuft auftretenden Wendungen, Unglücksfälle und Liebesverwicklungen ist die Serie weit mehr als nur oberflächliche Unterhaltung. Das ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass Fellowes sich mit der Materie auskennt und dem Zuschauer einen Einblick in die Geschichte der britischen Klassengesellschaft gibt. So habe ich nach sechs Staffeln tatsächlich den Eindruck, etwas gelernt zu haben – und soziologisch interessant ist die Serie sowieso, wie in meinen Blogposts immer wieder deutlich geworden sein dürfte.😉

Downton AbbeyBilder: Copyright Universal Pictures Germany

Babylon 5 – Episode 1.14 “TKO“

Der von Serienschöpfer J. Michael Straczynski (JMS) empfohlenen Episodenreihenfolge entsprechend ist nun – nach „The Quality of Mercy“ – die 14. Folge aus der ersten Staffel dran. Die korrekte Reihenfolge findet ihr ganz am Ende des Blogposts zur Episode „Signs and Portents“.

Episode 1.20 „TKO“ („Im Ring des Blutes“)

Drehbuch: Larry DiTillio, Regie: John C. Flinn III
Erstausstrahlung: 25.05.1994 (USA), 05.11.1995 (Deutschland)

Die erste Staffel hat viele mittelprächtige und auch ein paar ziemlich schlechte Folgen zu bieten. Sowohl optisch als auch hinsichtlich der Drehbücher musste sich die Serie erst für eine ganze Weile warmlaufen. „TKO“ ist wahrscheinlich die Folge aus der ersten Staffel, die ich am wenigsten mag, und das liegt an dem langweiligen, schlecht umgesetzten und für den Rest der Serie vollkommen unwichtigen Plot um Walker Smith und den Mutai. Denn der Handlungsstrang um Ivanovas Umgang mit dem Tod ihres Vaters ist tatsächlich ziemlich gut. Er ist von großer Bedeutung für Ivanovas emotionale Entwicklung und Claudia Christian liefert hier wahrscheinlich ihre beste Schauspielleistung der gesamten Staffel ab.

Zunächst also mal zu der langweiligen Box-Geschichte. Walker Smith (Gregory McKinney) rettet seinem alten Freund Michael Garibaldi vielleicht das Leben, als er in einen Kampf eingreift, den Garibaldi mit zwei Kleinkriminellen führt. „One of these days, Garibaldi, you’ll learn to watch your back“, sind seine ersten Worte an Garibaldi – und auch seine letzten, denn beim Abschied am Ende der Episode wiederholt er diese Warnung. Garibaldi und Smith gehen einen Burger essen und bringen sich gegenseitig auf den neuesten Stand. Smith stellt fest, dass Garibaldi den Alkohol inzwischen ganz aufgegeben hat (Garibaldis Alkoholproblem wurde bisher vor allem in „Survivors“ thematisiert). Aus den Gesprächen zwischen den beiden erfahren wir, dass Smith es fast bis zum Boxweltmeister gebracht hat, seine Karriere nun aber aufgrund irgendeines Skandals, an dem er keine Schuld trägt, den Bach runter gegangen ist (die Details haben mich nicht besonders interessiert). Also will er jetzt „Geschichte machen“, indem er als erster Mensch im Mutai kämpft.
Smith mag ein talentierter Kämpfer sein, besonders diplomatisch ist er aber nicht gerade. Den Muta-do (Soon-Teck Oh) beleidigt er bei der ersten Begegnung gleich zweimal, in dem er ihn „E.T.“ und „snakehead“ nennt. Diese Szene versucht, das bekannte Motiv vom großen, weisen Krieger in einem alten, schwach erscheinenden Körper aufzugreifen. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl Luke Skywalkers erstes Zusammentreffen mit Yoda. In „TKO“ verfehlt der Einsatz dieses Motives allerdings seine Wirkung, da Walker Smith eine völlig platte und uninteressante Figur ist (und außerdem zumindest für den erfahrenen Zuschauer völlig vorhersehbar, dass der alte Außerirdische ein erfahrener Kämpfer ist). Jedenfalls bestätigt der Muta-Do, was Garibaldi auch schon gesagt hat: Der Mutai ist nichts für Menschen.
Mit Caliban (Don Stroud) tritt allerdings jemand an Smith heran, der ihm die Teilnahme am Mutai möglich machen will. Warum er das will, erfahren wir nicht. Eigentlich ist Caliban für die Folge komplett überflüssig, denn auf die Idee, den amtierenden Champion herauszufordern, hätte Smith auch anders kommen können. Als er mit Garibaldi einen Kampf des Champions Gyor (James Jude Courtney) anschaut, tut er das dann. Garibaldi erklärt ihn für verrückt und die anwesenden Aliens sind auch alles andere als begeistert. Menschen hätten im Mutai nichts zu suchen, behaupten sie. Wahrscheinlich haben Menschen dort schon aufgrund ihrer im Vergleich zu den meisten anderen Spezies geringen Körperkraft kaum eine Chance, aber es scheint auch kulturelle Gründe dafür zu geben, sie vom Mutai auszuschließen. „You intrude upon our worlds, make mockery of our customs, meddle in matters you do not understand. But humans have no place in the mutai. It is ours.“, giftet ein Drazi Smith an. Die Menschen müssen also im Jahr 2258 anscheinend überall (und möglichst ganz vorne) mit dabei sein, sich in alles einmischen und halten sich oft für die überlegene Spezies. Das sehen die anderen Völker nicht gerne und es löst Neid und schließlich Hass auf die Menschen aus. Dieser Aspekt hat mich sehr interessiert, aber über den hier zitierten Satz hinaus wird darauf in der Episode nicht weiter eingegangen. Stattdessen müssen wir langweilige Kämpfe über uns ergehen lassen.
War dieser Handlungsstrang bis dahin schon langweilig, so wird er danach nur noch schlimmer. Denn der Rest läuft vollkommen vorhersehbar ab und die Kampfszenen sind wirklich alles andere als interessant inszeniert. Zwar endet der Kampf mit einem Unentschieden, doch schließlich kommt es wie erwartet zum Triumph Smiths, als sein Gegner das Publikum aufruft, diesem zuzujubeln. Warum Gyor das tut, weiß man nicht. Zum Schluss sind alle zufrieden und die Aliens wieder mit den Menschen versöhnt, denen sie von nun an die Teilnahme am Mutai gestatten. Während „Babylon 5“ sich anderswo getraut hat, für die damalige Zeit vollkommen unerwartete Wendungen ans Ende einer Episode zu setzen und den Zuschauer so zu überraschen, bringt man ihn hier höchstens zum Einschlafen. Das einzige halbwegs Wichtige, das dieser Handlungsstrang zu bieten hat, ist Smiths Warnung „Watch your back!“ an Garibaldi.

Viel interessanter und besser gespielt ist wie erwähnt die Handlung um Susan Ivanova (Claudia Christian). In „Born to the Purple“ wurden wir Zeuge des letzten Gesprächs zwischen ihr und ihrem im Sterben liegenden Vater. Nun erfahren wir, dass Susan sich seitdem kaum mit ihrer Trauer auseinandergesetzt hat. Sie war nicht auf der Beerdigung ihres Vaters und hat auch keines der zum jüdischen Prozess des Trauerns gehörenden Rituale durchgeführt. Als Rabbi Koslov (Theodore Bikel), ein alter Freund der Familie, nach Babylon 5 kommt, versucht Susan sich mit ihrer Arbeit zu rechtfertigen. Sie habe ganz einfach zu viel zu tun gehabt, um trauern zu können. Als Koslov sich mit Commander Sinclair trifft, wird klar, dass Susan nicht einmal ihm vom Tod ihres Vaters erzählt hat. Wahrscheinlich war Garibaldi außer ihr die einzige Person auf der Station, die davon wusste, weil er in „Born to the Purple“ von ihrer unauthorisierten Nutzung eines der Goldkanäle erfahren und ihr Gespräch mit ihrem Vater mitverfolgt hat.
Die Szene mit Koslov und Sinclair erinnert uns zudem an einige Details aus Ivanovas Lebenslauf, von denen wir noch nicht alle wussten. Ein Jahr nach dem Selbstmord ihrer Mutter starb ihr jüngerer Bruder Ganya, der gegen den Willen des Vaters den Erdstreitkräften beigetreten war, im Krieg gegen die Minbari. Da Susan ihrem Vater die Schuld am Tod ihrer Mutter gab, war die Beziehung zwischen den beiden bereits zu diesem Zeitpunkt abgekühlt; nach dem Tod ihres Bruders kam es jedoch vollends zur Entfremdung. Sinclair hat vollstes Verständnis für Ivanovas Situation und gibt Koslov zu verstehen, sie könne sich so viel Zeit nehmen wie nötig, um Schiwa zu sitzen und zu trauern.
Als Koslov mit Susan Essen geht, unterhalten sie sich weiter über Susans Vater und Susan öffnet sich ein Stück. Als sie aber erfährt, dass Koslov bereits mit Sinclair gesprochen, regiert sie äußerst verärgert. Auch als Sinclair sie später auf das Thema anspricht, gibt sie sich verschlossen. Sinclair jedoch rät ihr, sich Zeit zum Trauern zu nehmen und sich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen, wozu sie immer noch nicht bereit ist.  Sie öffnet sich später zwar Koslov gegenüber ein Stück weit und gibt zu, dass sie sich wünscht, ihr Vater hätte ihr seine Liebe offen gezeigt. Doch zum Trauern ist sie immer noch nicht bereit und schiebt wieder ihre Arbeit als Grund vor, obwohl deutlich der Schmerz in ihrem Gesicht zu erkennen ist.
Erst als Koslov kurz vor dem Rückflug zur Erde ist, kann sie sich doch noch dazu durchringen, ihm (und sich selbst) einzugestehen, dass sie um ihren Vater trauern will und muss. Es kommt also zu einer emotionalen Szene, bei der sie in ihrem Quartier gemeinsam mit Koslov, Sinclair und einigen anderen (s. Frage unten) Schiwa sitzt, ein paar Anekdoten über ihren Vater erzählt und schließlich heftig weint. Damit hat sie eine wichtige Hürde im Prozess des Trauerns genommen.
Ich gebe zu, auch dieser Handlungsstrang ist nicht gerade weltbewegend und für sich allein definitiv zu wenig, um die A-Handlung einer Episode zu bilden. Ivanova erhält hier zwar ein Stück notwendige Charakterzeichnung. Zusammen mit der grottigen Box-Story ergibt das aber noch längst keine gute „Babylon 5“-Folge und ich mag „TKO“ wie gesagt auch nicht besonders. Trotzdem kann ich immerhin einigen Szenen der Ivanova-Handlung etwas Gutes abgewinnen und mag das Schauspiel von Claudia Christian und von Theodore Bikel als Rabbi Koslov. Nicht unerwähnt lassen will ich außerdem, dass der Atheist JMS hier ein weiteres Mal (nach „The Parliament of Dreams“ oder „Believers“) religiöse Aspekte in den Vordergrund stellt, was insbesondere deshalb erfreulich ist, weil hier eben keine einheitlich christliche Zukunft gezeigt wird, sondern die Welt von „Babylon 5“ auch was Religion betrifft sehr vielfältig ist.

Leider kommen in dieser Episode übrigens weder die außerirdischen Botschafter noch ihre Attachés vor. G’Kar haben wir (zumindest wenn man die Staffel in dieser Reihenfolge anschaut) schon mindestens seit drei Folgen nicht mehr gesehen, ebenso Talia Winters. Das wird sich jedoch in den letzten beiden Folgen der Staffel ändern.

Highlight der Episode: Einen positiv besonders hervorstechenden Moment gibt es in dieser Folge zugegeben nicht, aber Claudia Christians Schauspiel hat mich doch sehr beeindruckt. Vor allem in der Szene mit dem Samowar gelingt es ihr sehr gut, die innere Zerissenheit ihrer Figur deutlich zu machen.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode:

Garibaldi soll auf sich aufpassen („Watch your back!“) und Ivanova fällt aufgrund ihrer persönlichen Geschichte der offene Umgang mit ihren Gefühlen schwer. Und Drehbücher von Larry DiTillio sind bestenfalls eine zwiespältige Angelegenheit.

Sonstige Fragen:

  • Warum ist Walker Smith ausgerechnet nach Babylon 5 gekommen, um im Mutai zu kämpfen? Sicher finden auch anderswo Mutai-Kämpfe statt. Hat es damit zu tun, dass die Raumstation neutraler Boden ist und er sich dort als Mensch bessere Chancen ausrechnet? Wie ist der Mutai als „speziesübergreifende Boxliga“ eigentlich entstanden? (Antwortet mir bitte auf diese Fragen bloß nicht, denn das interessiert mich nicht wirklich!😉 )
  • Wer sind all die Menschen, die zusammen mit Ivanova Schiwa sitzen? Außer Rabbi Koslov und Commander Sinclair sind noch einige vollkommen unbekannte Leute in ihrem Quartier. Da Ivanova nicht gerade für ihre offene Art bekannt ist, glaube ich kaum, dass das alles Freunde von ihr sind. Ihre Familie kann es wohl kaum sein. Und selbst wenn es Bekannte von ihr sein sollten – wieso hat sie dann nicht auch Talia Winters, Garibaldi oder Dr. Franklin eingeladen?

Weitere interessante Punkte:

  • Sind Lebensmittel von fernen Welten eigentlich koscher? Zumindest Rabbi Koslov scheint sich darum nicht allzu viele Gedanken zu machen, ganz nach dem Motto „Wenn unsere Schriften es nicht explizit verbieten, dann ist es erlaubt“.
  • Als Zeiteinheit werden hier wieder einmal „cycles“, also Umdrehungen (der Station) angegeben. „Drei Umdrehungen“ hört sich für mich nicht besonders lang an, aber ich habe auch nicht wirklich Ahnung davon, wie schnell sich Babylon 5 denn dreht.
  • Bei den „Slappers“ (auch in der deutschen Fassung!), die Garibaldi zu Beginn der Episode konfisziert, handelt es sich um Hautpflaster, die zur Verabreichung von Medikamenten (oder Drogen) dienen. JMS zufolge wurden sie aus dem Medlab gestohlen.
  • Das Buch, das Ivanova in ihrer ersten Szene liest, ist „Working Without a Net“, die fiktive Autobiografie des Schriftstellers Harlan Ellison, der bei „Babylon 5“ als kreativer Berater diente. JMS berichtete 1994, Ellison habe vor, das Buch etwa im Jahr 2000 zu schreiben.😉
  • Die von Ivanova erwähnten Verhandlungen zum Euphrates-Vertrag fanden in „Born to the Purple“ statt, also zur selben Zeit wie der Tod ihres Vaters.
  • Das Schiff, mit dem Koslov die Station wieder verlassen will, heißt „White Star“. Es wird nicht das letzte Raumschiff mit diesem Namen sein, das wir im Lauf der Serie sehen…
  • Die „Sports“-Einblendung hinter der Nachrichtensprecherin, die auf ISN über Walker Smiths Teilnahme am Mutai berichtet, ist ganz klar eine aus Holz gezimmerte Kulisse.😀

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten:

  • Regie bei dieser Folge führte John C. Flinn III, der sonst der Kameramann für „Babylon 5“ war.
  • Jane Killick schreibt in ihrem Episodenführer zur ersten Staffel, dass die Folge von einer jüdischen Organisation mit einem Preis für die Darstellung der jüdischen Religion im Fernsehen ausgezeichnet worden ist.
  • Channel 4, der Sender, der „Babylon 5“ in Großbritannien ausstrahlte, zeigte diese Folge bei der Erstaustrahlung offenbar nicht. Weiß jemand mehr darüber und über die Gründe?
  • Walker Smith war der echte Name des Boxers Sugar Ray Robinson.

Zitate:

„This is my first time among the stars, you know. Such vastness, seen so close, makes one feel very small.“ (Rabbi Koslov)

„By the way… This Babylon 5 of yours! Ness gadol. A great miracle.“ (Rabbi Koslov zu Sinclair)

Rabbi Koslov: „Without forgiveness, you cannot mourn. And without mourning, you can never let go of the pain.“
Ivanova: „I have to go on duty“
Rabbi Koslov: „You cannot run away from your own heart, Susan. Not even in space.“

„Watch your back!“ (Walker Smith zu Garibaldi)

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.17 „Legacies“ (folgt demnächst)
(Die Reihenfolge, in der ich die Episoden der ersten Staffel bespreche, könnt ihr ganz am Ende dieses Blogposts einsehen.)

Babylon 5 – Episode 1.21 „The Quality of Mercy“

Aktuelles aus dem „Babylon 5“-Universum

Wirklich aktuelle Neuigkeiten über „Babylon 5“ gibt es zwar nicht, aber „Babylon 5“-Schöpfer JMS hat Creative Screenwriting ein interessantes Interview gegeben, dessen zwei Teile ihr hier und hier lesen könnt. Darin spricht er unter anderem über „Babylon 5“, „Sense8“, das Drehbuchschreiben und seine Arbeit als Comicautor. Die interessanteste Info ist meiner Meinung nach allerdings, dass JMS vor ein paar Jahren ein Filmdrehbuch für Steven Spielberg geschrieben hat, welches JMS zufolge entweder von Spielberg selbst oder von Martin Scorcese verfilmt werden wird. Ich kann nur hoffen, dass es wirklich dazu kommt und würde mich riesig freuen, wenn es auf diese Weise zur Zusammenarbeit zweier meiner Idole kommen würde (Spielberg & JMS, wobei natürlich auch die Kombination Scorcese & JMS eine große Ehre und einen großen Erfolg für JMS bedeuten würden).
Zudem wird JMS auch dieses Jahr wieder auf der San Diego Comic Con zu Gast sein. Sein Panel findet am 22.7. um 17:30 Uhr (Ortszeit) statt. Zusätzlich wird er auf der Con auch eine Autogrammstunde und einen Schreibworkshop abhalten. Sein Panel wird sich wohl vor allem um seine aktuelle Serie „Sense8“ drehen, allerdings wird er bestimmt auch auf andere Projekte eingehen, an denen er zurzeit arbeitet. Darunter befinden sich die Verfilmung seiner Comicserie „Rising Stars“ und die auf der „Red Mars“-Trilogie basierende Fernsehserie, an deren Entwicklung er beteiligt war. Ob es auch „Babylon 5“-Neuigkeiten geben wird, ist nicht bekannt. Die Beschreibung des Panels kündig aber vollmundig an: „[T]he announcements this time are especially big. Be there for news that’s going to blow up the Internet.“ Ob das bedeutet, dass wir endlich konkrete Neuigkeiten zu einem „Babylon 5“-Kinofilm erfahren werden, den JMS 2014 angekündigt hat, oder ob es sich doch um etwas ganz anderes dreht, kann man zum jetztigen Zeitpunkt unmöglich wissen. Ich erwarte mal lieber nicht zuviel. Zwar bin ich kein Comicfan, aber ich freue mich auf jeden Fall auf alle Film- und Fernsehprojekte, an denen JMS beteiligt ist.
Und nun weiter zur „Babylon 5“-Episode, die ich in diesem Blogpost bespreche:

Episode 1.21 „The Quality of Mercy“ („Die Heilerin“)

Drehbuch: J. Michael Straczynski, Regie: Lorraine Senna Ferrara
Erstausstrahlung: 17.08.1994 (USA), 10.12.1995 (Deutschland)

Wie so oft in der ersten Staffel haben wir es hier mit einer Episode zu tun, die zwar eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt, aber doch ein paar Dinge und Figuren in die Geschichte einführt, die später – zum Teil viel später – noch einmal eine Rolle in der Serie spielen werden. So einen Fall haben wir gleich in der ersten Szene, in der Londo mit einem Senator seiner Heimatwelt spricht. Bei diesem handelt es sich um Senator Virini (gespielt von Damian London; den Namen der Figur erfahren wir hier noch nicht), den wir später noch öfter sehen werden.
Und wo ich schon bei Londo bin, bleibe ich mal bei diesem Handlungsstrang, denn er hat mit Rest der Folge nichts zu tun. Londo, der von Virini ja den Auftrag bekommen hat, seine Beziehungen zu den anderen Völkern zu pflegen, verbindet das Nützliche mit dem Angenehmen und tut das, was er sonst auch gerne tut: er besucht einen Nachtclub, nur eben dieses Mal mit Lennier. Dieser darf als Minbari, wie sich herausstellt, leider keinen Alkohol trinken und langweilt Londo mit Details seiner langen Ausbildung. Als er jedoch erwähnt, dass er sich u.a. intensiv mit Wahrscheinlichkeitsrechnung beschäftigt hat, schleppt Londo ihn sofort an einen Pokertisch. Während Lennier feststellen muss, dass er auch beim Pokern noch viel praktisches Wissen zu erwerben hat, hat Londo dieses längst verinnerlicht und setzt sogar eines seiner Körperteile zum Schummeln ein. Wie wir später erfahren, handelt es sich dabei um einen der sechs Penisse, über die männliche Centauri verfügen (und die den Podcastern vom „Grauen Rat“ ihr Bewertungssystem beschert haben). Soweit ich weiß ist „Babylon 5“ damit die einzige Mainstream-Science-Fiction-Serie, in der jemals ein männliches Geschlechtsorgan gezeigt worden ist… Jedenfalls kommt es daraufhin zur einer Massenschlägerei im Club, aus der Londo und Lennier ganz schön lädiert hervorgehen. Anschließend sitzen sie wie zwei beschämte Schüler vor Sinclair, der nach einer Erklärung verlangt. Um Londos Gesicht zu wahren, nimmt Lennier die Schuld auf sich und behauptet, er habe ein Missverständnis verschuldet, das zum Streit und zur Schlägerei geführt habe. Zwar erwähnt er auch, dass Delenn aus Respekt nicht weiter nachfragen wird (schließlich wird sie ebenfalls Lenniers Gesicht wahren wollen), trotzdem würde ich zu gerne Delenns Gesichtsausdruck in dem Moment sehen, wo sie erfährt, dass ihr Attaché in eine Schlägerei verwickelt war, deren Auslöser Londos Penis gewesen war!😉
Diese Nebenhandlung ist nicht besonders wichtig und manche werden sie aufgrund der Einführung (no pun intended!) von Londos Geschlechtsorganen für völlig blödsinnig halten. Trotzdem hat auch dieser Handlungsstrang seinen Wert. Zum einen bringt er mit Londo und Lennier zwei Figuren zusammen, die in der Serie bisher kaum interagiert haben. Zum anderen erfahren wir vor allem über Lennier eine ganze Menge Neues. Die Handlung um Londo und Lennier ist damit inhaltlich für zukünftige Ereignisse kaum relevant, dient aber dazu, Lenniers Charakter weiter auszubauen und uns ein wenig mehr über die Kultur der Minbari und Centauri zu vermitteln (s. unten).

Viel interessanter sind allerdings die beiden anderen Handlungsstränge, die auch den größten Teil der Episode einnehmen. In einem davon haben wir es mit einem brutalen, geistesgestörten Massenmörder zu tun, der zahlreiche Menschenleben auf dem Gewissen hat. Im anderen geht es um eine Ärztin, die zahlreiche Menschen von zum Teil tödlichen Krankheiten geheilt hat. Dem Mörder wiederum sollen mit Hilfe von technischen Geräten all seine Erinnerungen genommen und seine Persönlichkeit komplett ausgelöscht werden. Auch die Heilerin verfügt über eine Maschine, mit der sie aber nichts auslöscht, sondern Lebewesen heilt (wobei das nicht die einzige Funktion der Maschine ist).
Der Handlungsstrang um den Massenmörder Karl Mueller (Mark Rolston) wirft viele wichtige Fragen auf: Wie soll man einen offenbar kranken Menschen bestrafen, der zahlreiche Menschen ermordert hat und es weiter tun würde, wenn man nicht einschreitet? Darf man so jemanden umbringen? Und falls nicht, ist die Auslöschung seiner Persönlichkeit nicht ebenfalls eine Art Todesstrafe? Schließlich bleibt danach außer seinem Körper nichts zurück, was diesen Menschen ausgemacht hat? Ist das nicht vielleicht sogar schlimmer als die Todesstrafe? Oder gibt es dem Täter tatsächlich die Gelegenheit, ganz von vorne anzufangen, der Gesellschaft zu dienen und so gewissermaßen Buße zu tun? (Man könnte dies sogar als eine Form der Wiedergeburt interpretieren.)
Auch auf Babylon 5 gibt es dazu natürlich verschiedene Ansichten. Sicherheitschef Michael Garibaldi würde Mueller am liebsten selbst aus der nächsten Luftschleuse schubsen. Seiner Meinung nach ist die Todesstrafe für Mörder nur gerecht (ein Charakterzug, den JMS von Garibaldi-Darsteller Jerry Doyle auf die Figur übertragen hat). Dr. Franklin wiederum hält dagegen nicht nur die Todesstrafe, sondern auch die Löschung der Persönlichkeit für moralisch bedenklich. Die Ansichten von Commander Sinclair erfahren wir nicht, da er in dieser Folge nur zwei Szenen hat. Als Commander wird er wahrscheinlich neutral bleiben wollen, solange die beteiligten Parteien auch ohne ihn eine Einigung erzielen können (was in „Believers“ nicht der Fall war). Auch der den Fall betreuende Richter Wellington (Jim Norton) muss natürlich objektiv urteilen. Die Person, deren Meinung man am besten nachvollziehen kann, ist Talia Winters. Die Telepathin hat die Aufgabe, Mueller vor der Vollstreckung des Urteils zu scannen und geht extrem verstört, wenn nicht sogar traumatisiert aus dieser Erfahrung hervor. Es bestätigen sich sowohl die Vermutung, dass Mueller noch wesentlich mehr Personen umgebracht hat, als bekannt ist, als auch seine offenkundige Geistesgestörtheit.

Eine ausführliche Zusammenfassung der Geschichte um Dr. Franklin, die scheinbare Scharlatanin Dr. Rosen und ihre Tochter, sowie Mueller – dessen Handlungsstrang mit dem um Dr. Rosen zusammengeführt wird – spare ich mir an dieser Stelle. Insgesamt ist „The Quality of Mercy“ eine solide, leicht überdurschnittliche Episode und sicherlich eine der besseren Folgen der ersten Staffel. Die Darsteller von Mutter und Tochter Rosen fand ich zwar nicht besonders beeindruckend, dafür hat mich Jim Norton als Richter begeistert, der leider aber viel weniger Szenen hatte. Auch Mark Rolston war als geistesgestörter und furchterregender Massenmörder überzeugend. Am Ende der Folge verabreden sich Dr. Franklin und Janice Rosen zwar zum Essen, doch wir werden weder Janice noch ihre Mutter jemals wieder sehen. Trotzdem beinhaltet die Folge wie gesagt einige Elemente, die man sich merken sollte. Dazu gehört zum einen die außerirdische Maschine, mit der sich Lebensenergie von einer Person auf eine andere übertragen lässt und die nun in Dr. Franklins Obhut verbleibt, aber auch das Konzept der Persönlichkeitslöschung (und die anschließende Etablierung einer völlig neuen Persönlichkeit mit neuen Erinnerungen im gleichen Gehirn). Weitere Dinge, die später in der Serie wieder angesprochen werden, findet ihr unten.
Was die Figuren betrifft, so erfahren wir zumindest ein bisschen mehr über Talia, die hier nicht zum ersten Mal einen Serienmörder scannt (in „Deathwalker“ wurde – wenn ich mich richtig erinnere – erwähnt, dass sie einmal auf dem Mars das Gehirn eines Serienmörders scannen musste). Auch Franklins Figur wird weiter ausgebaut, allerdings erscheint er mir etwas widersprüchlich. Einerseits interessiert er sich sehr für nichtmenschliche Biologie und Medizin, andererseits tut er die fremde Maschine sofort als wirkungslos oder sogar schädlich ab. Immerhin hat er aber zum Schluss der Episode akzeptiert, dass Dr. Rosen damit wirklich anderen Wesen helfen konnte.

Highlight der Episode – und zugleich der beste Londo-Moment: Na was wohl? Natürlich die Szene, in der Londo beim Poker schummelt. Ich zitiere hierzu mal seinen Darsteller Peter Jurasik: „To actually have you genitalia as part of the script is really a wonderful thing.“ (Aus Jane Killicks Episodenführer zur ersten Staffel.) Ich meine mich auch zu erinnern, dass JMS mal ganz stolz davon berichtet hat, dass er hier tatsächlich Geschlechtsorgane in einer Folge zeigen konnte, ohne dass es die Verantwortlichen beim Sender und der Produktionsfirma besonders zur Kenntnis nahmen.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode:

  • Wir erfahren eine Menge über Lennier, der hier eine große Rolle hat. Seit seiner Geburt wurde er auf Minbar in einem Tempel großgezogen und in der Lebensweise und den Ansichten der religiösen Kaste unterrichtet. Von dort kam er vor sechs Monaten (in „The Parliament of Dreams“) direkt nach Babylon 5. Er ist also zwar äußerst gebildet, verfügt aber über wenig praktische Lebenserfahrung, ganz besonders im Umgang mit anderen Kulturen. Allerdings scheint seine Ausbildung auch Kampffähigkeiten enthalten zu haben, denn wie wir sehen weiß er sich körperlich durchaus erfolgreich zur Wehr zu setzen.
  • Dr. Franklin betreibt auf der untersten Ebene eine nicht angemeldete Praxis, in der er mittellose Patienten umsonst behandelt.
  • In der Kultur der Minbari ist es eine große Ehre, jemand anderem zu helfen, das Gesicht zu wahren. Dazu ist es sogar erlaubt, zu lügen. Das tun die Minbari sonst nämlich nicht. Meistens jedenfalls.😉
  • Männliche Centauri verfügen über sechs Penistentakel. Wer mehr darüber wissen will, wie diese Penisse funktionieren und wie die komplementären weiblichen Geschlechtsorgane aussehen, male sich das bitte selbst aus (oder durchsuche das Internet nach entsprechender Fan Fiction, die es bestimmt gibt). Ich habe diesen Fakt hier unter „für den weiteren Verlauf der Serie noch wichtige Informationen aufgenommen“, weil darauf tatsächlich später noch einmal eingegangen wird. Aber keine Angst: Besonders wichtig ist dieses Detail für die Handlung nicht. Und wir werden auch keine expliziten Centauri-Sexszenen sehen. Wenn euch die Vorstellung von sechs Centauri-Penissen trotzdem verstört, könnt ihr es ja wie Lennier machen, der am Ende der Folge gelobt, darüber zu schweigen. Allen anderen kann ich noch folgende Beschreibung einer Badewanne im Zimmer eines Centauri-Hotels anbieten, die ich vor ein paar Tagen im „Babylon 5“-Roman „The Shadow Within“ von Jeanne Cavelos entdeckt habe: „The bathroom had some odd appliances, for the styling of the male Centauri’s hair […] and a huge golden bathtub that seemed to be in the shape of a six-tentacled octopus-type creature.“
  • Die Funktionsweise der Heilmaschine hat JMS online genauer erklärt: „[I]t’s not so much alien HEALING device as an alien LIFE TRANSFERRAL device. If someone is actually dying, or close to it, the only way to save that person is to take the life from someone else.“ Je nachdem, wie schwer krank oder verletzt eine Person ist, ist also auch mehr Lebensenergie nötig, um diese Person zu heilen. Das kann dazu führen, dass jemand seine gesamte Lebensenergie geben muss, um eine andere Person zu retten…

Sonstige Fragen:

  • Warum ist eigentlich ein telepathischer Scan bei einer Person vorgeschrieben, bei der eine Löschung der Persönlichkeit vorgenommen werden soll?

Weitere interessante Punkte:

  • Nachdem Londo in der ersten Szene das Gespräch mit Virini beendet hat, äfft er ihn nach: „I’ll be in touch. Touch this!“ Dabei zeigt er mit seinen Händen scheinbar auf seinen Bauch. Erst im Nachhinein realisiert man, auf welche seiner Körperteile er tatsächlich gezeigt hat…
  • Minbari vertragen keinen Alkohol. Selbst kleine Mengen davon lösen bei ihnen psychotische Impulse und einen brutalen Mordrausch aus. (Bin ich der Einzige, der das gerne mal in einer Folge gesehen hätte?)
  • „Spacing“, also der Tod durch das Hinausstoßen ins Vakuum des Weltalls, ist im Jahr 2258 nach Erdrecht eine Form der Todesstrafe. Wie Richter Wellington erwähnt, kann es bei Meuterei und Verrat angewendet werden.
  • Ivanova gibt Franklin gegenüber zu, dass sie sich die Vorschriften auch selbst hin und wieder ein wenig zurechtbiegt. Ein Beispiel dafür ist der Kaffee, den sie auf der Station für sich anbaut (siehe „The War Prayer“).
  • Wenn Londo (in der Originalfassung) Lenniers Namen ausspricht, klingt das in dieser Folge oft wie „Lannier“? Liegt das an Londos Akzent? Ist das noch jemandem aufgefallen?
  • Mehrmals wird in dieser Folge wieder erwähnt, dass der Raumstation nur ein äußerst knappes Budget zur Verfügung steht. Das kommt zunächst im Gespräch zwischen Franklin und Ivanova zur Sprache, als Ivanova sagt, sie könnten es sich nicht leisten, kostenlose Medikamente und medizinische Leistungen an Stationsbewohner zu verteilen. Später wird der Personalmangel auf Babylon 5 als Grund dafür genannt, warum Mueller nicht auf der Station inhaftiert werden kann. Zudem scheint die Station auf der Prioritätenliste der Erdregierung ziemlich weit unten zu stehen; es wird erwähnt, dass die Erde kein Geld ausgeben will, um Mueller zu transportieren.

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten:

  • JMS schrieb das Drehbuch zu dieser Folge, als er unter einer schweren Grippe litt. Wenn er unter diesem Zustand schreibe, so zitiert ihn Jane Killick in ihrem Episodenführer zur ersten Staffel, dann könne er sich später nicht mehr daran erinnern, was er geschrieben habe. Zudem würden seine Drehbücher dann stets besonders seltsam – so rechtfertigt er den Centauri-Penis in dieser Folge.
  • Mueller-Darsteller Mark Rolston hat eine lange Liste an Auftritten in Filmen und Fernsehserien, nicht selten im Science Fiction-Bereich. Sein zumindest für mich aber beeindruckendster IMDB-Credit ist seine Rolle als Private Drake in James Camerons „Aliens“.
  • Jim Norton hat in „Babylon 5“ nicht nur die Rolle von Richter Wellington gespielt (wir kennen ihn bereits aus „Grail“). Im weiteren Verlauf der Serie werden wir ihn auch in anderen Rollen sehen. Norton hat eine lange Karriere auf der Bühne, im Fernsehen und in Filmen hinter sich; Science Fiction-Fans kennen ihn unter anderem als Albert Einstein aus „Star Trek: The Next Generation“.
  • Der Name des Dark Star Nachtclubs, den wir bereits aus „Born to the Purple“ kennen, ist natürlich eine Anspielung auf den Film „Dark Star“ (1974).
  • Beim Originaltitel der Episode handelt es sich um ein Zitat aus Shakespears „Der Kaufmann von Venedig“.
  • June Lockhart, die Dr. Rosen spielt, war in der Serie „Lost in Space“ (1965-1968) als Dr. Maureen Robinson zu sehen. Lennier-Darsteller Bill Mumy spielte damals ihren Sohn, Will Robinson. Obwohl Mumy JMS darum bat, doch eine gemeinsame Szene für ihn und Lockhart ins Drehbuch zu schreiben, widerstand JMS dieser Versuchung, weil die Handlungsstränge von Lennier und Dr. Rosen nichts miteinander zu tun hatten und eine solche Szene keinerlei Funktion für die Handlung gehabt hätte.

Zitate:

Franklin (im Behandlungsraum, nicht von seinem Tablet hochschauend): „You can start by removing your clothes…“
Ivanova: „Not without dinner and flowers.“

Londo (zu Lennier, mit Blick auf die Stripperin im Dark Star): „Here you will see the heart and soul of Babylon 5. Also its spleen, its kidneys, a veritable parade of internal organs.“

Londo (zu Lennier): „Right now, I want to introduce you to the ultimate means of interstellar understanding. The Earthers call it ‚poker‘.“

„I did the necessary thing. That is not always the same as the right thing.“ (Laura Rosen)

Sinclair: „I’m still waiting for an explanation, gentlemen.“
Londo (sichtlich lädiert nach der Schlägerei im Dark Star): „Yes, and I am prepared to give you one, Commander. As soon as the room stops spinning.“
Sinclair: „This station creates gravity by rotation, it never stops spinning.“
Londo: „Well, I begin to see my problem.“

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.14 „TKO“
(Die Reihenfolge, in der man die Episoden idealerweise anschauen sollte, weicht hier von der Reihenfolge auf den DVDs ab. Ganz am Ende dieses Blogposts könnt ihr die Reihenfolge einsehen, in der ich die erste Staffel bespreche.)

Better Call Saul – Season 2

Nachdem mich die hohe Qualität der ersten Staffel von „Better Call Saul“ doch sehr überrascht hatte, war es klar, dass ich mir auch Season 2 anschauen musste. Das habe ich auch getan, allerdings ist das schon wieder über zwei Monate her. Mal schauen, woran ich mich für diesen Blogpost also noch erinnere.😉

Da „Better Call Saul“ ein Prequel zu „Breaking Bad“ darstellt, ist bereits klar, wie die Serie für Jimmy McGill (Bob Odenkirk) enden muss: er muss zu Saul Goodman werden, jenem aus „Breaking Bad“ bekannten schmierigen Anwalt in geschmacklosen Anzügen, der nichts dagegen hat, in moralischen Grauzonen zu agieren und seinen Traum, es in einer großen (oder mit einer eigenen) Kanzlei ganz nach oben zu bringen, aufgegeben hat. Nun, diesen Traum hat Jimmy in der zweiten Staffel der Serie noch. Zwar hat er den Anwaltsberuf zu Beginn erst einmal an den Nagel gehängt, nimmt aber am Ende der ersten Folge doch noch den ihm angebotenen Job bei Davies & Main an. Auch ist er noch „moralisch flexibel“, wie er Mike (Jonathan Banks) versichert, als der Jimmy um Hilfe bittet. Es geht dabei darum, einem ITler, dessen Nebentätigkeit als Drogendealer aufgeflogen ist, rechtlichen Beistand zu leisten. Wie es Jimmy schafft, den armen Typen mit einer haarsträubenden, vollkommen absurden Geschichte herauszureden, das ist wirklich zum Brüllen komisch. Eigentlich sind alle Szenen, in denen Jimmy jemand anderen übers Ohr haut – manchmal ganz einfach weil er es kann, meistens aber, weil es seinen Zwecken dient – einfach herrlich (Stichwort: Pina Coloda-Song!). Seine Geschichten sind jedes Mal so absurd, dass man sie einfach glauben muss. Bob Odenkirk spielt Jimmy in diesen Momenten genau so, dass man merkt: da tut einer etwas, bei dem er gut ist und das ihm großen Spaß macht.

Jimmys Freundin (und Kollegin) Kim Wexler (Rhea Seehorn) ist von seinen beruflichen Schwindeleien alles andere als begeistert und Jimmy verspricht ihr zumindest, dass sie nie wieder etwas davon mitbekommen wird. Im Lauf der Staffel kann Jimmy sie aber dazu überzeugen, ihre Stelle bei HHM zu kündigen, um gemeinsam mit ihm ein Büro zu eröffnen. Es sieht also eine Weile tatsächlich so aus, als würde es für Jimmy aufwärts gehen. Kim gelingt es sogar, HHM einen großen und prestigeträchtigen Klienten abzuwerben. Doch als Jimmys Bruder Chuck (Michael McKean) davon erfährt, mobilisiert er alle ihm noch verbliebenen Kräfte, um den Klienten zurückzuholen – erfolgreich. Dies wiederum veranlasst Jimmy zu seinem wohl größten und folgenreichsten Betrug in dieser Staffel: in Chucks Haus verschafft er sich Zugang zu den entsprechenden Akten und manipuliert diese in zeitraubender Detailarbeit im Copyshop, sodass es später bei einer gerichtlichen Anhörung so aussieht, als habe HHM schlampig gearbeitet. Der Klient wechselt erneut zu Kim Wexler.

Chuck ist sich danach sofort sicher, dass sein Bruder seine Hände im Spiel gehabt haben muss. Kim, die das nicht glauben kann, nimmt Jimmy in Schutz und wirft Chuck vor, Jimmy sei nur deshalb zu einem Schwindler geworden, weil Chuck nie an ihn geglaubt habe. Trotz aller kleinen und großen Schwindeleien ist Jimmy aber ein äußerst loyaler Mensch. Er liebt seinen kranken Bruder und kümmert sich rührend um ihn. Leider hat er mit ihm halt auch beruflich zu tun und ist ihm auf diesem Gebiet deutlich unterlegen. Um sich nach oben zu arbeiten, ist ihm fast jedes Mittel recht. Es ist auch sehr interessant, dass Mike klarere moralische Prinzipien zu haben scheint als Jimmy, obwohl Jimmy Anwalt ist und Mike Krimineller ist.

Schauspielerisch ist die Staffel erste Klasse. Bob Odenkirk wechselt scheinbar mühelos von der Komik hin zu ernsten Szenen und macht Jimmy so zu einer dreidimensionalen, glaubhaften Figur. Auch allen anderen Darstellern gelingt dies mit ihren Charakteren, allen voran Jonathan Banks als Mike und Michael McKean als Chuck. Glücklicherweise dürfen sie mit hervorragenden Drehbüchern arbeiten, die die Serie genau im richtigen Tempo vorantreiben. Jimmy ist seiner „Saul-Werdung“ in diesen zehn Folgen ein Stück näher gekommen, aber ganz da ist er noch nicht. Er hat sich noch nicht aufgegeben, hat noch Hoffnung auf Erfolg und das große Geld. Einen herben Rückschlag erhält er allerdings ganz am Ende der Staffel. Dort holt Chuck zum Gegenschlag aus, nachdem er Opfer von Jimmys Betrug geworden ist. Die Folgen davon werden das Leben für Jimmy in der nächsten Staffel ein ganzes Stück schwerer machen und er wird seiner Saul Goodman-Persönlichkeit, wie wir sie aus „Breaking Bad“ kennen, ein ganzes Stück näher kommen. Die grellbunten Anzüge hat er sich in dieser Staffel ja schon mal (in einer herrlich komischen Szene) besorgt.

Filmfest München: „Lo and Behold“, „Made in France“ & „Die letzte Sau“

Über zahlreiche Filme aus dem diesjährigen Programm des Filmfest München habe ich schon gebloggt, ein paar wollen aber noch abgearbeitet werden. Da wäre zum Beispiel Werner Herzogs Dokumentation „Lo and Behold, Reveries of the Connected World“. Die deutsche Regie-Legende versucht darin, einem Phänomen auf den Grund zu gehen, von dem Herzog selbst recht wenig versteht: moderne Computertechnologie, insbesondere das Internet. Unterteilt in zehn Segmente widmet er sich unter anderem der Entstehung des Internet, künstlicher Intelligenz, der Frage wie man ein Internet auf dem Mars möglich machen wird oder auch Menschen, die sich entschlossen haben, abseits der Zivilisation in einem nahezu strahlungsfreien Gebiet zu leben.
LO_AND_BEHOLD+ROBOT_700Eine kurze Umfrage des in den Film einführenden Moderators vor der Vorstellung ergab, dass sich die Mehrheit der Zuschauer als unerfahren im Umgang mit Computern und Internet bezeichnen würden. Herzogs Film trug leider nicht viel dazu bei, diesen meist älteren Kinobesuchern die Angst vor der Technologie zu nehmen – ganz im Gegenteil. Werner Herzog schlägt sich in „Lo and Behold“ auf die Seite der Ängstlichen und Unsicheren, die sich mit Technik kaum auskennen und dürfte auch beim gleichermaßen unerfahrenen Zuschauer Ängste vor der Technik hervorrufen. Zwar kommen durchaus auch ein paar positive Aspekte des technologischen Fortschritts zur Sprache, insgesamt überwiegt aber die Darstellung der Nachteile und Gefahren. Zudem bleibt der Film – jedenfalls für auf dem Gebiet bewandertere Zuschauer – zu oberflächlich und dringt in kaum eines der zehn Themengebiete tiefer ein. Herzog erweist sich als großer Zweifler, der den Zukunftsszenarien seiner Interviepartner (darunter z.B. Elon Musk) kaum Positives abgewinnen kann. Bestes Beispiel dafür ist der Schluss des Films: Da erzählt ein Forscher, dass irgendwann in der Zukunft direkter zwischenmenschlicher Kontakt möglicherweise kaum noch nötig oder gewünscht sein wird, weil künstliche Lebensformen dann vielleicht als mit biologischen gleichgesetzt betrachtet werden. Er fügt hinzu, dass man sich das heute kaum vorstellen kann, was im Fall von Werner Herzog definitiv zutrifft. Der kommentiert dieses Szenario nämlich dadurch, dass er den Film anschließend mit einer Einstellung beendet, in der man ein paar vor der Zivilisation Geflüchtete in besagtem strahlungsarmen Gebiet gemeinsam musizieren sieht. Die Botschaft scheint klar: diese zwischenmenschliche Nähe werden Maschinen niemals ersetzen können. Schade, dass Herzog sich hier als so engstirnig erweist und nicht offener an das Thema herangeht. Er hätte damit etwas in den Köpfen seines Publikums bewegen können, statt nur festgefahrene Vorurteile und Ängste zu zementieren.

MadeInFrance02_700Ein weiterer höchst aktueller Film ist „Made in France“. Der französische Thriller von Nicolas Boukhrief handelt von einem Journalisten, der undercover in einer islamistischen Terrorzelle recherchiert. Gedreht 2014, wurde der französische Kinostart nach den Anschlägen in Paris im Januar und November 2015 mehrmals verschoben; inzwischen ist der Film in Frankreich für den Heimkinomarkt erschienen und soll auch in Deutschland nur auf DVD oder über Streamingportale veröffentlicht werden (teilweise wird er auch unter dem Titel „Inside the Cell“ vertrieben). Der Film ist durchgehend spannend inszeniert und die Darsteller spielen äußerst überzeugend. Dennoch wird man nach dem Filmende etwas ratlos im Kinosessel zurückgelassen. Zwar hat man soeben nervenzerreißende 90 Minuten erlebt, doch der Erkenntnisgewinn bleibt gering. „Made in France“ nimmt sich nicht die Zeit, das Glaubenssystem und die Weltsicht der Terroristen detalliert zu betrachten und bleibt damit ein konventioneller, wenn auch gut gemachter und unterhaltsamer Thriller. Aber wie soll man Terror auch verstehen?

Ein dritter Film mit Bezug zur aktuellen Gesellschaftslage ist „Die letzte Sau“ von Aron Lehmann. In seinem dritten Kinospielfilm nach „Kohlhaas“ und „Highway to Hellas“ erzählt der Regisseur die Geschichte des schwäbischen Bauern Huber (Golo Euler), der nach der Pleite seines Hofes und einigen weiteren Schicksalsschlägen frustriert das Handtuch wirft und sich auf einen Roadtrip quer durch Deutschland begibt. Im Beiwagen seines Mopeds mit dabei: die titelgebende letzte Sau, das einzige Überbleibsel seines Bauernhofes. Auf dem Weg durchs Land begegnet Huber einigen anderen schrägen Gestalten, die alle auf die eine oder andere Weise Opfer von Wirtschaft und Politik geworden sind. Da ist zum Beispiel ein ehemaliger Investmentbanker, der auf den Rat seines Psychotherapeuten hin zum Imker umgesattelt hat, aber immer noch einen unbändigen Hass auf die gnadenlose Ellbogengesellschaft der Finanzwelt in sich trägt. Überzeugt, dass es im Land nicht so weitergehen kann, zettelt Huber unterwegs unbeabsichtigt eine Revolution an.
drei-freunde_dieletztesau01_700Trotz der Verwurzelung der Geschichte in Deutschland und des schwäbischen Dialekts seiner Hauptfigur erzäglt „Die letzte Sau“ im Grunde eine universelle Geschichte. Denn die Folgen von Wirtschaftswachstum, Konkurrenzdenken, Leistungsoptimierung und Globalisierung betreffen nicht nur Bauernhöfe (und andere Unternehmen) in Deutschland. Die Art und Weise, wie Lehmann hier seine Zuschauer auf einige der negativen Folgen der Massentierhaltung aufmerksam macht, gefällt mir. Vielleicht braucht es einen solchen, sowohl sehr lustigen als auch immer wieder tragischen Film, um mehr Leute für dieses Thema zu sensibilisieren. Ich würde mich zwar nicht vollkommen hinter die Botschaft des Films stellen, wonach das Ursprüngliche und Traditionelle dem Modernen stets vorzuziehen ist. Aber die Entfremdung des Menschen von der Natur und die Folgen immer größeren, gedankenlosen Konsums sind wichtige Themen, die man im Kino selten auf so unterhaltsame Weise geschildert bekommt. „Die letzte Sau“ kommt im Oktober regulär in die Kinos.

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmfest München: „Oscuro Animal“, „Ein deutsches Leben“, „La Ciénaga“ & „Días Extraños“

OscuroAnimal-02_700Das 34. Filmfest München ist inzwischen vorbei, aber ich will noch über ein paar weitere Filme bloggen, die ich gesehen habe. Der ungewöhnlichste davon war wohl „Oscuro Animal“ von Felipe Guerrero. In getrennten Handlungssträngen kämpfen sich darin drei Frauen durch den Dschungel Kolumbiens, auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Der Film kommt vollkommen ohne Dialoge aus, was es nicht immer leicht macht, hier der Handlung zu folgen. Am Anfang kam mir das noch sehr seltsam und schwierig vor, doch irgendwann habe ich begonnen, einfach die fantastisch schönen Bilder zu genießen und mich von ihnen treiben zu lassen. „Oscuro Animal“ muss man definitiv im Kino sehen, nicht nur weil der Film auf die große Leinwand gehört, sondern auch weil man sich zuhause doch zu leicht dazu verleiten lässt, nebenbei andere Dinge zu tun. Dieser Film aber lebt davon, dass man zu- und hinschaut. Er versetzt einen dabei gelegentlich in einen entspannenden, fast meditativen Zustand, bringt einen aber auch immer wieder mit sehr harten und brutalen Szenen aus der Ruhe. Anders, aber gut!

A_German_Life+05_700Anders, aber sehr, sehr gut ist auch „Ein deutsches Leben“. Für die Dokumentation haben vier Regisseure Brunhilde Pomsel interviewt, die als Sekretärin für Joseph Goebbels gearbeitet hat. Die zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen 103-jährige Dame erzählt im Film ihre Lebenserinnerungen bis zum Ende des zweiten Weltkriegs. Es geht also nicht nur um ihre Arbeit im „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“, sondern beispielsweise auch um die Vorkriegszeit und um Schuldfragen. Die Einblicke aus erster Hand, die man dabei erhält, sind immer wieder faszinierend. Die Interviewaufnahmen Pomsels, bei denen man stets nur ihr Gesicht in Nahaufnahme und schwarz-weiß sieht, werden immer wieder durch zeitgenössische Aufnahmen unterbrochen, z.B. Reden von Goebbels oder amerikanische und deutsche Propagandafilme. Das ist mitunter sehr schwer anzusehen, in Kombination mit Pomsels Worten macht es einem aber nochmals die Realität des Holocausts bewusst und regt dazu an, Fragen zu stellen. „Ein deutsches Leben“ ist ein sehr gelungener und wichtiger Film geworden. Bei der Premiere (in einem dafür viel zu kleinen und sehr heißen Kinosaal!) war die nun 105-jährige Protagonistin selbst anwesend und überraschte alle Zuschauer mit ihrem Witz, ihrer Schlagfertigkeit und ihrer immer noch ungebrochenen Geistesstärke. Ein sehr bewegender Film über eine bemerkenswerte, beeindruckende Frau. („Ein deutsches Leben“ wird noch dieses Jahr seinen regulären Kinostart in Deutschland haben und später auch im Fernsehen gezeigt werden.)

Ein ebenfalls sehr bewegender Film wurde am Abend desselben Tages gezeigt: „La Ciénaga – Entre El Mar Y La Tierra“ („Between Land and Sea“). Allerdings war der Film nur für die meisten anderen Kinobesucher bewegend; ein Großteil der Zuschauer saß nämlich nach dem Filmende mit Tränen in den Augen da, während ich „La Ciénaga“ ziemlich platt und rührselig fand. In einem Pfahlhüttendorf an der kolumbianischen Küste lebt der 28-jährige Alberto (Manolo Cruz) gemeinsam mit seiner Mutter (Vicky Hernandez). Alberto leidet seit seiner Kindheit an einer unheilbaren Nervenkrankheit, die ihn nahezu bewegungslos gemacht hat. Aber Alberto hat einen ganz besonderen Wunsch: er möchte einmal aufs Meer hinausfahren.
LaCienaga-02_700„La Ciénaga“ ist beim Filmfestival in Sundance vom Publikum zum besten Film gewählt worden, was ich mir nur dadurch erklären kann, dass es sich hier um auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebrachtes Wohlfühlkino handelt. Die Auszeichnung der beiden Hauptdarsteller als beste Schauspieler auf demselben Festival kann ich da schon eher nachvollziehen. Manolo Cruz, der Alberto spielt und auch Regie geführt hat, hat eindeutig viel Recherche betrieben, um den Nervenkranken überzeugend darzustellen. Trotzdem habe ich hier aber zu keinem Zeitpunkt wirklich mitfühlen können, dazu erschien mir der Film von Anfang an zu kalkuliert und zu sehr auf große Gefühle aus zu sein. Auch hätte ich gerne mehr über die Lebensart der in dem Pfahlhüttendorf lebenden Fischer erfahren, doch der Film bleibt die ganze Zeit über bei Alberto, seiner Mutter und seiner besten Freundin. Das Ergebnis ist ein rührseliges Kammerspiel vor schöner Kulisse, mit einer nicht überaschenden, aber trotzdem für mich nicht nachvollziehbaren Entwicklung am Ende. Kann man sich anschauen, man verpasst aber nichts, wenn man es nicht tut.

DIAS+EXTRANOS+1_700Interessanter fand ich da schon „Días Extraños“ („Strange Days“) von Juan Sebastián Quebrada. Der in schwarz-weiß gefilmte Film zeigt den Alltag eines jungen kolumbianischen Paares in Buenos Aires. Luna und Juan haben kaum Geld, schlagen sich aber irgendwie durch. Sie streiten sich, haben Sex, gehen feiern. Viel mehr passiert eine ganze Weile nicht und trotzdem fand ich den Film da schon interessant, vor allem aufgrund der überzeugenden Darsteller, die das alles so lebensecht wirken lassen. Später aber lernen die beiden eine junge Frau kennen und nehmen sie mit zu sich in die Wohnung. Luna verabreicht ihr ein starkes Beruhigungsmittel und am nächsten Morgen wacht die Frau nackt zwischen Luna und Juan auf, bevor sie fluchtartig die Wohnung verlässt. Was genau in der Nacht zuvor geschehen ist, wird nicht explizit erwähnt und der Vorstellung des Zuschauers überlassen. Doch später kehrt die junge Frau zurück, um einen Racheakt zu vollziehen. „Días Extraños“ bleibt zwar in gewisser Weise Stückwerk, weil hier vieles unausgesprochen bleibt und der Konflikt zwischen den Figuren nicht aufgelöst wird. Dennoch hat mich der Film fasziniert. Er war sehr gut gespielt, schön anzuschauen und regt einen vor allem zum Nachdenken an. Ein starkes Stück Kino, wenn es auch wie gesagt etwas unvollendet wirkt und das Ende dann doch etwas mehr Erklärung nötig gehabt hätte.

Mindestens ein weiterer Blogpost über die Filmfest-Filme folgt noch!🙂

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Filmfest München: „Puppet Syndrome“, „Niemand kennt die Persian Cats“ & „El Olivo“

Das Filmfest München neigt sich dem Ende zu und wie jedes Jahr habe ich zwar viele, viele Filme gesehen, aber auch viele andere links liegen lassen, obwohl ich sie gerne gesehen hätte. Mehr als drei oder vier Filme am Tag anzuschauen, ist wirklich nicht empfehlenswert und man muss ja auch noch irgendwann schlafen und über die Filme schreiben… Meine ausführliche Besprechung des fantastischen Eröffnungsfilms „Toni Erdmann“, der am 14.7. regulär in den Kinos startet, könnt ihr hier lesen.

PuppetSyndrome-Szenenfoto5_700In der Reihe „Spotlight“ lief dieses Jahr u.a. die russische Literaturverfilmung „Puppet Syndrome“ („Sindrom Petrushki“) nach dem Roman von Dina Rubina. Sie erzählt die Geschichte des seit seiner Kindheit vom Puppentheater faszinierten Petya (Evgeniy Mironov) und seiner Liebe zu Lisa (Chulpan Khamatova). Petya erschafft eine lebensecht wirkence Puppe nach Lisas Abbild, was natürlich für Probleme sorgt. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust, den Inhalt ausführlicher zusammenzufassen, weil mir der Film nicht besonders gefallen hat. Die Geschichte war zwar äußerst schön gefilmt und mit der einer Literaturverfilmung gebührenden rührenden, orchestralen Musik versehen, lief aber größtenteils überraschungsfrei ab. Noch dazu war mir der Hauptdarsteller leider nicht besonders sympathisch und ironischerweise war es gerade sein Gesicht, das hier besonders maskenhaft wirkte. Zudem konnte ich nicht nachvollziehen, warum Lisa im Lauf des Films in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wurde, obwohl  doch Petya hier eindeutig der „Verrücktere“ von beiden war. Aber vielleicht wirkt das auch nur von außen betrachtet so. Der Film war jedenfalls ganz nett, wird mir aber nicht besonders in Erinnerung bleiben.

NiemandKenntDiePersianCats-Still01_700Einen positiveren Eindruck hat „Niemand kennt die Persian Cats“ („Kasi az gorbehaye irani khabar nadareh“) bei mir hinterlassen. Nachdem mich „Schildkröten können fliegen“ sehr beeindruckt hatte, beschloss ich mir einen weiteren Film aus der dem iranischen Regisseur Bahman Ghobadi gewidmeten Retrospektive anzuschauen. Während er sich in „Schildkröten können fliegen“ den Kindern eines Flüchtlingslagers gewidmet hatte, taucht Ghobadi hier ganz in die Underground-Musikszene von Teheran ein. Die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen dabei, da die Darsteller dieser Szene tatsächlich angehören und von Ghobadi angwiesen wurden, für den Film einfach ihren Alltag nachzuspielen. Die Handlung dreht sich um ein Musikerpaar, das eine Band gründen und sich nach England absetzen will. Doch das ist angesichts der politischen Situation im Iran alles andere als leicht und so sind die beiden nicht nur auf der Suche nach weiteren Bandmitgliedern, sondern müssen sich auch falsche Pässe besorgen.
Nach „Mali Blues“ war dies mein zweiter Filmfest-Film, der die Situation von Künstlern in einem Land zeigt, in dem die Freiheit von Kunst und Musik unterdrückt wird. Das ist für uns im Deutschland von 2016 nahezu unvorstellbar, aber leider in zahlreichen Ländern Realität und kann auch als mahnendes Beispiel dienen, es nicht auch hierzulande wieder so weit kommen zu lassen. Ghobai erweist sich hier abermals als äußerst präziser Beobachter und lässt seine Zuschauer ganz in die im Film portraitierte Welt abtauchen. „Niemand kennt die Persian Cats“ zeigt eine Seite des Irans, die man als westlicher Medienkonsument nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Genau wie „Schildkröten können fliegen“ und einige weitere Filme von Ghobdi ist der Film übrigens auf DVD erhältlich.

Olivo-09616-joseharo_700Zurück nach Europa ging es für mich schließlich mit „El Olivo – Der Olivenbaum“. In dieser spanisch-deutschen Produktion fährt die junge Alma (Anna Castillo) gemeinsam mit zwei Helfern von Spanien nach Düsseldorf, um dort einen 2000 Jahre alten Olivenbaum zurückzuholen, der einst im Olivenhain ihres Großvaters gestanden hat. Der Baum steht mittlerweile im Innenhof der Zentrale eines großen Energiekonzerns, doch Alma, die zahlreiche Kindheitserinnerungen mit dem Baum verbindet, möchte ihn für sich und ihren Großvater zurückholen. Im Festivalprogramm wird „El Olivo“ als „Feel-Good-Drama“ beschrieben, was es ziemlich gut trifft. Hier ist von Anfang an klar, wer die „Guten“ und die „Bösen“ sind; man fiebert mit Alma mit und entwickelt Verachtung für die Anzugträger in Düsseldorf, die den Baum natürlich nicht hergeben wollen. Mir persönlich war die Geschichte etwas zu leer und vorhersehbar, doch die Hauptdarstellerin war äußerst charmant und der Film hatte sowohl Herz als auch Witz. Dass die Geschichte zudem durchaus eine hohe Symbolkraft in sich trägt, wurde mir erst hinterher beim Nachdenken über den Film klar. In einer Zeit, in der Europa auseinanderzufallen droht, ist ein solcher europäischer Feel-Good-Movie vielleicht gar nicht so verkehrt. Allerdings kann man das Beharren der jungen Spanierin auf die Rückkehr „ihres“ Baumes in die Heimat auch als Abschotten gegenüber Eingriffen aus dem Ausland lesen. Auf jeden Fall ist „El Olivo“ ein Film, der zum Nachdenken über solche Dinge anregt, und das ist auf keinen Fall verkehrt.

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Filmfest Müchen: „The Open“

Der letzte Film, der am Sonntag auf meinem Programm stand, war „The Open“ von Mark Lahore. Eines gleich vorweg: Mir hat der Film überhaupt nicht gefallen, es gab jedoch zahlreiche Kinobesucher, die ihn äußerst gelungen fanden und dem Regisseur im Anschluss an die Vorstellung interessiert Fragen stellten. „The Open“ spielt in einer Welt, die anscheinend in Kriegen untergegangen ist. Davon erfahren wir nur nebenbei aus den Gesprächen der Protagonisten, denn von der Eröffnungsszene abgesehen spielt der Film ausschließlich in den schottischen Highlands. Dort sollen der Soldat Ralph (James Northcote) und Stephanié (Maia Levasseur-Costil) unter der Anleitung des Trainers André (Pierre Benoist) gegeneinander Tennis spielen. Und zwar ein ganzes Turnier. Und das auch noch ohne Bälle.
TheOpen-15_700Das hört sich vollkommen absurd an, und das ist es auch. Dabei ist mir die dem Film zugrunde liegende Botschaft durchaus klar: Sport ist besser als Krieg. André ist von der Idee der Tennismatches so sehr besessen, weil sich die Schrecken, die er und seine beiden Schützlinge durchlebt haben müssen, nur überwinden und verarbeiten lassen, indem sie alle sich einer neuen Tätigkeit zuwenden. „The Open“ findet in einer dystopischen Welt statt, in der der Sport für die drei Protagonisten (die übrigens die einzigen Personen im Film sind) die einzige Möglichkeit darstellt, nicht den Verstand zu verlieren. Das Problem, das ich mit dem Film hatte, war vor allem seine Länge. Denn diese Handlungsidee hätte sicher einen sehr guten 30- bis 60-minütigen Kurzfilm abgegeben, einen 103 Minuten langen Spielfilm trägt sie aber nicht. Immer wieder sieht man die gleichen Bilder: Ralph und Stephanié beim Trainieren, Ralph und Stephanié beim Tennisspielen und André, wie er sie antreibt. Wenn man nicht gerade ein großer Tennisfanatiker ist, wirkt das sehr schnell ermüdend. Den Darstellern ist dabei aber überhaupt kein Vorwurf zu machen, denn alle drei spielen ihre Rollen mit äußerster Hingabe und zum Teil körperlicher Verausgabung. Die immer wieder eingeblendeten Ortsnamen, die einen darüber informieren, dass die Strände und Wiesen, auf denen sich das alles abspielt, nach berühmten Tennisspielern benannt sind, wirken dabei wie ein überflüssiges Gimmick und tragen nichts zur Geschichte bei. Natürlich ist die schottische Landschaft wunderschön, doch auch daran hat man sich recht schnell satt gesehen und bekommt halt keinerlei visuelle Ablenkung geboten. Der Film wurde mit einem äußerst geringen Budget von 120.000 Euro (!) und einer Minimalcrew gedreht. Insofern ist es schon eine beachtliche Leistung, was Lahore und sein Team da auf die Beine gestellt haben. Dennoch konnte ich beim Verlassen des Kinosaals nur den Kopf schütteln. Da halfen auch all die schönen Erklärungen hinterher nichts, dass zwischen Tennis und Kino doch so einige Gemeinsamkeiten bestehen, weil das Gegenüberstehen der Gegner beim Tennis doch viel von den Duellen im Western habe oder weil sowohl Kino als auch Tennis Action innerhalb eines klar abgegrenzten Rechtecks bieten. Nein, gut fand ich „The Open“ wirklich nicht, wenn auch die Idee interessant ist und die Leidenschaft der Beteiligten bewundernswert.
Die beiden Vorstellungen des Films auf dem Filmfest sind bereits vorbei.

Copyright Bild: Filmfest München

Filmfest München: „Slash“ & „You Carry Me“

Filmfest München, Tag 3:Stills+for+press+5_700 Mein erster Film am Sonntag war „Slash“ von Clay Liford. Das größte Hobby des 15-jährigen Neil (Michael Johnston) ist das Schreiben von Slash Fiction, also von fiktiven erotischen (meist homosexuellen) Geschichten mit bestehenden Charakteren aus der Popkultur. Gandalf mit Dumbledore, Kirk mit Spock, Yoda mit Dobby – der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Als Neils Schulkameraden von seinem Hobby erfahren, machen sie sich über ihn lustig. Nur die ein Jahr ältere Julia (Hannah Marks) hat vollstes Verständnis, schließlich ist sie selbst eine erfahrende Schreiberin von Slash Fiction. In einem Internetforum lernt Neil den über 20 Jahre älteren Denis (Michael Ian Black) kennen, der ihn auf eine Convention einlädt, wo Neil aus seinen Werken vorlesen soll. Dumm nur, dass dort ein Mindestalter von 18 Jahren Voraussetzung ist. Nichtsdestotrotz machen sich Neil und Julia gemeinsam auf den Weg.
Regisseur und Drehbuchautor Clay Liford ist zwar selbst kein Autor von Slash Fiction, hat aber viele langjährige Verbindungen zur Fankultur und weiß also, wovon er hier erzählt. Dementsprechend nähert er sich dem Thema stets mit Respekt und ohne den Inhalt oder die Autoren von Slash Fiction ins Lächerliche ziehen zu wollen. Wie auch „Closet Monster“ ist „Slash“ ein weiterer Coming of Age-Film, der unter anderem das Klarkommen mit der eigenen Sexualität behandelt. Zwar ist „Slash“ längst nicht so handwerklich kunstvoll, verspielt und kreativ gemacht wie „Closet Monster“, doch die Charaktere sind gut geschrieben, die Dialoge teils wirklich witzig und allgemein merkt man dem Film an, dass der Regisseur hier mit Leidenschaft bei der Sache war. Ich kann also eine klare Empfehlung für den Film abgeben – auch an diejenigen, die mit Slash Fiction nichts am Hut haben (so wie ich). „Slash“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt (am 30.06. um 17:30 Uhr im Rio 2).

Als nächstes stand der kroatische Film „You Carry Me“ („Ti Mene Nosis“) auf meinem Programm. Über 165 Minuten hinweg erzählt darin die Regisseurin Ivona Juka drei verschiedene, aber thematisch ähnliche Geschichten. Verbunden sind die drei Teile dieses filmischen Triptychons durch eine Soap Opera, an deren Entstehung Protagonisten aus allen drei Handlungssträngen mitwirken. In allen drei Strängen stehen Frauen bzw. Mädchen im Mittelpunkt, was mir allerdings tatsächlich erst nach der Vorstellung klar wurde, als die Regisseurin ein wenig über ihren Film sprach. Ich hatte die etwa 12-jährige Dora nämlich den ganzen Film über für einen Jungen gehalten! Wahrscheinlich kann man es als eine Stärke der Geschichte auslegen, wenn eine seiner Rollen sowohl mit einem männlichen wie weiblichen Protagonisten funktioniert.
YouCarryMe-Ives+and+Ivan+breakfast_700„You Carry Me“ ist schauspielerisch extrem stark, war mir persönlich aber eindeutig zu lang. Klar, drei ist eine schöne Zahl, aber diese drei Geschichten in einem einzigen Film unterzubringen war dennoch etwas zuviel des Guten. Meiner Meinung nach wäre weniger hier mehr gewesen. Das gilt auch für die kurzen Traumsequenzen, die ein paar Mal vorkommen und auf einem Traum basieren, den die Regisseurin tatsächlich hatte. Diese Sequenzen bringen keinerlei Mehrwert, wirken in ihrer Metapher viel zu platt und stellen einen Stilbruch zum Rest des Films dar. Insgesamt hat „You Carry Me“ bei mir also einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Die beiden Vorstellungen des Films sind bereits vorbei.

Copyright Bilder: Filmfest München