Woody Allen: Wonder Wheel

Es ist schon länger ziemlich ruhig hier im Blog. Zwar habe ich einige Blogposts „in Planung“ und es liegt auch noch das ein oder Rezensionsexemplar in meiner Wohnung herum, aber irgendwie habe ich in den letzten Monaten nie die Motivation zum Schreiben gefunden.

Nachdem ich gestern Abend aber Woody Allens letzten Film „Wonder Wheel“ angeschaut habe, habe ich direkt im Anschluss einer Tinder-Bekanntschaft eine relativ ausführliche Kritik zum Film geschrieben. (Ich muss dazu sagen, dass wir uns bereits vorher kurz über den Film unterhalten hatten.) Nachdem ich diese Filmkritik in mein Smartphone getippt hatte, dachte ich mir, es wäre doch schade, wenn ich sie nicht auch hier veröffentliche. Hier ist sie also, meine extra für euch noch einmal überarbeitete und erweiterte Tinder-Filmkritik zu „Wonder Wheel“:

Der Film spielt in den 1950er Jahren im Vergnügungspark Coney Island. Ginny (Kate Winslet) ist 39 Jahre alt und lebt dort mit ihrem Mann Humpty (Jim Belushi) und ihrem Sohn aus erster Ehe. Sie arbeitet als Kellnerin, während Humpty sein Geld als Karussellbesitzer verdient. Eines Tages taucht dessen erwachsene Tochter Carolina (Juno Temple) auf. Diese will sich vor ein paar üblen Typen verstecken, die hinter ihr her sind (warum, ist gar nicht so wichtig) und kommt in der Wohnung von Humpty und Ginny unter. Als Carolina den Rettungsschwimmer Mickey (Justin Timberlake) kennen lernt, versucht Ginny zu verhindern, dass sich zwischen den beiden etwas anbahnt. Der Grund dafür: Ginny hat selbst eine Affäre mit Mickey, von der weder ihr Mann noch Carolina etwas wissen dürfen.

Ich habe inzwischen schon viele Filme von Woody Allen gesehen. „Wonder Wheel“ war ziemlich genau so, wie ich erwartet hatte. Ich mag Woody Allen, aber gerade an seinen jüngeren Filme regt mich immer viel auf. Zum Beispiel, dass er Voice Over benutzt, um die Geschichte zu erzählen, obwohl man das immer auch über Dialoge zwischen den Figuren tun könnte oder die Infos im Voice Over manchmal gar nicht nötig wären. Allen ist ein guter Geschichtenerzähler, aber sehr oft ein schlechter Filmemacher, weil er die Möglichkeiten, die das Kino bietet, gar nicht ausnutzt. Dass Justin Timberlakes Figur direkt zum Zuschauer in die Kamera spricht, um die Geschichte zu erzählen, kann ich ja noch akzeptieren. Schließlich spielt Timberlake mit Mickey hier einen Amateur-Theaterautor, der auf seinen großen Durchbruch hofft. An einer Stelle gibt es aber eine Szene, in der sich Mickey mit einem Freund trifft und bei der zu Beginn im Voice Over angekündigt wird, wer dieser Freund ist (er arbeitet am Philosophie-Institut einer Uni, welch Überraschung!) und warum sie sich treffen. Nichts davon wäre nötig gewesen und alles hätte man auch im Dialog zwischen den beiden Charakteren unterbringen können!

Die Figuren sind ziemlich schablonenhaft und der ganze Film wirkt, als hätte jemand anderes versucht, einen Film im Woody-Allen-Stil zu schreiben. Aber dieses Gefühl hat man wohl bei vielen Künstlern, die schon so lange dabei sind wie Allen. Viele seiner altbekannten Themen kommen hier vor und auch ein Junge, der Probleme in der Schule hat, immer wieder Feuer legt und schließlich zum Psychiater muss. Da kann man natürlich alles mögliche reindeuten und psychologisieren, aber gerade dieser Handlungsstrang um Ginnys Sohn läuft ziemlich ins Leere.
Die typisch witzigen Dialoge findet man hier nur ganz selten; dafür aber manchmal auch richtig schlimme Dialogzeilen, die wie Platzhalter wirken. Kate Winslet sagt an einer Stelle tatsächlich „I’ve become consumed with jealousy“! Schade, dass dem Autor da keine andere Möglichkeit eingefallen ist, diese Emotion im Dialog rüber zu bringen – so wirkt es jedenfalls wie eine Bühnenanweisung für die Schauspielerin, aber nicht wie eine Zeile, die sie wörtlich so sagen sollte! Einem weniger etablierten Drehbuchautor würde man eine solche Zeile wahrscheinlich niemals durchgehen lassen, aber Woody Allen kann sich solche Faulheiten an diesem Zeitpunkt seiner Karriere leider erlauben.

Die Schauspieler haben mir überwiegend gut gefallen. Kate Winslet kämpft zwar in manchen Szenen sichtbar mit dem für sie geschriebenen Material, kommt aber in ihrer Rolle authentisch rüber; noch besser fand ich fast Jim Belushi als ihren Mann. Justin Timberlake war okay. Insgesamt war der Film also ganz nett und ich würde ihn irgendwo im Mittelfeld der Woody Allen-Filme einordnen. Demnächst werde ich noch Allens vorherigen Film „Café Society“ anschauen, den habe ich nämlich auch im Kino verpasst.

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Das 36. Filmfest München 2018

Ein Hinweis in eigener Sache:

Über das Filmfest München schreibe ich dieses Jahr nicht hier auf dem Blog. Stattdessen könnt ihr mein Festivaltagebuch auf Filmszene.de lesen. Am besten speichert ihr euch den Link, weil ich das Tagebuch im Verlauf der nächsten Tage noch ein paar mal um neue Einträge erweitern werde.
Auf Twitter werde ich euch jedes Mal sofort informieren, wenn das Festivaltagebuch aktualisiert worden ist.

Viel Spaß beim Lesen!

Big Little Lies

Fernsehen ist das neue Kino. So oder ähnlich wissen wir das ja schon lange. Während im Kino sich seit Jahren die immer gleichen Superhelden in den immer gleichen Comic-Filmen die Köpfe einschlagen, bringen uns HBO, Netflix, Showtime, Amazon usw. Jahr für Jahr neue, aufregende Serien und Mehrteiler. So auch „Big Little Lies“, eine siebenteilige Mini-Serie, die auf dem gleichnamigen Roman von Liane Moriarty basiert und von David E. Kelley fürs Fernsehen adaptiert wurde, dem wir schon Serien-Hits wie „Picket Fences“, „Ally McBeal“ oder „Boston Legal“ verdanken. Regie hat bei allen Episoden Jean-Marc Vallée geführt, der bisher vor allem für von Kritikern und Preisverleihungen gelobtes Kino wie „The Young Victoria“, „Dallas Buyers Club“ oder „Wild“ zuständig war. „Big Little Lies“ wurde mit Emmys und Golden Globes überhäuft und obwohl die Serie als einmaliges Event geplant gewesen war, wird momentan doch eine zweite Staffel gedreht, in der nun sogar Meryl Streep mitspielt.

Dabei mangelt es schon der ersten Staffel wahrlich nicht an Hollywood-Stars. Die drei Hauptrollen spielen nämlich Nicole Kidman, Reese Witherspoon und Shailene Woodley (letztere kennt man vom Kino her vor allem aus der „Divergent“-Trilogie, aus „The Descendants“ oder „Snowden“). Noch namhafter hätte man die Serie wohl nur besetzen können, wenn man Jennifer Lawrence statt Shailene Woodley gecastet hätte. 😉 Diese drei Schauspielerinnen spielen jedenfalls trotz ihres unterschiedlichen Alters (sie sind 1967, 1976 und 1991 geboren ) alle Mütter von Erstklässlern. Die Serie spielt in der kalifornischen Küstenstadt Monterey, wo es sich nicht nur wegen der Nähe zum Meer gut leben lässt, sondern auch weil die dortige öffentliche Grundschule quasi die Ausbildung und den Luxus einer Privatschule, aber eben zum Preis einer öffentlichen Schule bietet – so jedenfalls formuliert es eine der Figuren zu Beginn der Serie. (Das Alter der Schauspielerinnen habe ich übrigens nur erwähnt, weil mir bis zum Ende der Serie nicht bei allen Figuren klar war, wie alt sie eigentlich sein sollen. Wie alt die von Nicole Kidman, Reese Witherspoon oder Laura Dern gespielten Figuren sind, wird nicht ganz klar.)

„Big Little Lies“ ist so etwas wie die Luxusvariante von „Reich und schön“: im Grunde handelt es sich hier um nichts weiter als eine Soap Opera, in der die Figuren manipulieren, intrigieren, lieben, eifersüchtig sind, unter gewalttätigen Partnern leiden und alles tun würden, um ihre Kinder zu verteidigen. Mich hat die Serie ein wenig an „Desperate Housewives“ erinnert (womit ich mich damals für meine Diplomarbeit ausführlich beschäftigt habe), nur dass hier die Zahl der Konflikte noch mal hochgefahren worden ist – „Desperate Housewives“ auf Speed also. Einer dieser Konflikte, der sich durch alle Episoden zieht, beginnt gleich in der ersten Folge, als am Tag vor dem ersten Schultag (dem „orientation day“ an der Grundschule) die Tochter von Renata Klein (Laura Dern) von einem Jungen gewürgt wird. Niemand hat den Vorfall beobachtet, aber das Mädchen beschuldigt Ziggy, den Sohn der neu in die Stadt gezogenen allein erziehenden Mutter Jane (Woodley). Für die Kinder ist das alles wohl halb so wild, aber die Mütter verbringen den Rest der Staffel damit, ihre Kinder zu verdächtigen, übereinander herzuziehen und werden sogar handgreiflich. Derlei Konflikte gibt es mehrere und natürlich sind sie, wie es sich für eine ordentliche Soap Opera gehört, häufig mit Geheimnissen verbunden. Es gibt immer irgendetwas, das zumindest ein Teil der Charaktre oder aber der Zuschauer nicht weiß. Daraus entstehen Fragen, die Spannung erzeugen: Wer ist Ziggys Vater? Wann wird Celeste (Kidman) endlich ihren gewalttätigen Mann verlassen oder auch nur ihren Freundinnen von ihrem Leid berichten? Wann und wie wird die Affäre, die Madeline (Witherspoon) vor einem Jahr hatte, ans Licht kommen?

Klassischer Soap-Stoff also, der hier aber durch die durchweg guten bis großartigen Schauspielleistungen aufgewertet wird. Zudem ist die Serie extrem hübsch anzusehen, was an den idyllischen Drehorten liegt und auch daran, dass hier fast alle Figuren in villenartigen Häusern leben, in denen schon mal ein ganzes Zimmer als Kleiderschrank dient. Tatsächlich gab es in einer der ersten Folgen eine Szene mit Madeline und ihrer Tochter, bei der ich zunächst annahm, die beiden hielten sich gerade in einem Designer-Einrichtungsgeschäft auf. Kurz darauf realisierte ich dann, dass sie in der Küche ihres eigenen Hauses standen! 😀
Teilweise kam mir die Serie mit der hohen Dichte an Konflikten und Intrigen und den ständigen Bildern hübscher Menschen in teuren Häusern schon wie eine Parodie auf Soap Operas vor.

In „Big Little Lies“ gehen die Figuren immer gleich vom Schlimmsten aus und halten andere stets für schlecht und böse – das war jedenfalls mein Eindruck. Und es gehört natürlich zum dramatischen Erzählen (ganz besonders in Soap Operas) dazu, denn auf diese Weise lassen sich leicht neue Konflikte schaffen und dann das Meiste aus ihnen rausholen. Die drei Hauptfiguren sind zwar gute Freundinnen, bilden auf diese Weise aber lediglich einen Gegenpol zu all den „bösartigen“ Beziehungen und sind Identifikationsfiguren für den Zuschauer. Intrigant und manipulativ sind allerdings auch sie. Jede Figur ist hier darauf bedacht, das Bild eines nach außen hin perfekt erscheinenden Lebens aufrecht zu erhalten. Oftmals ist dieses Leben in Wahrheit aber längst in die Brüche gegangen oder – um fairerweise mal nicht zu übertreiben – die Charaktere haben zumindest Probleme und Schicksalsschläge, mit denen sie fertig werden müssen.

Noch gar nicht erwähnt habe ich den eigentlichen Aufhänger der Serie: Schon von Beginn an wird klar gemacht, dass ein Mord geschehen wird. Man weiß allerdings noch nicht, wer das Opfer sein wird. In kurzen Ausschnitten aus vorweg genommenen Zeugenbefragungen geben die Stadtbewohner kurze Statements von sich, in denen sie über ihre Mitmenschen herziehen. Das erzeugt zwar am Anfang Spannung, weil man eben noch nicht weiß, um welches konkrete Verbrechen es geht (das ja zum Zeitpunkt der Haupthandlung noch nicht passiert ist), auf Dauer wirken diese Szenen aber etwas überflüssig. Als das Geheimnis um dieses Verbrechen am Ende schließlich aufgelöst wurde, habe ich mich erneut an „Desperate Housewives“ erinnert gefühlt. Dort diente ein ganz ähnliches Verbrechen nämlich mal als zentrales, handlungstreibendes Geheimnis für eine ganze Staffel.

Im Lauf der sieben Folgen hat mir die Serie nach anfänglichen Schwierigkeiten immer besser gefallen. Gerade die letze Folge hat mich mit ihrer langen Partyszene beeindruckt; diese ist nämlich sehr gut geschrieben und geschnitten – man weiß stets, welche der vielen Figuren sich wo aufhält, wer schon auf der Party angekommen ist und wer nicht usw. Übrigens spielen in der Serie auch Männer mit, auch wenn ich bis jetzt noch keinen von ihnen erwähnt habe. Die Hauptrollen gehören hier ganz klar den Frauen. Ich habe mich spaßeshalber sogar mal gefragt, ob „Big Little Lies“ überhaupt so etwas wie einen „umgekehrten Bechdel-Test“ bestehen würde. Gibt es hier also eine Szene, in der sich zwei Männer über etwas anderes als Frauen unterhalten? Ich bin mir ehrlich nicht sicher, aber es ist auch nicht wichtig. Die meisten Szenen gehören den  Darstellerinnen und die Männer sind vor allem dazu da, die Handlungsstränge der weiblichen Figuren voranzutreiben. Vor Alexander Skarsgård („True Blood“, „Die Legende von Tarzan“) habe ich mich in den späteren Folgen aber tatsächlich gefürchtet, so realistisch spielt er den einerseits scheinbar liebevollen und fürsorglichen, andererseits cholerischen und gewalttätigen Ehemann.

Insgesamt gibt es also einen Daumen hoch von mir für „Big Little Lies“. Ja, es ist irgendwie Edel-Trash und von der Handlung her eine Soap Opera, aber eben eine auf sehr hohem Niveau. Dialoge, Schauspielleistungen und Produktionsaufwand gehen weit über das hinaus, was man an Soap-Kost im Vorabendprogramm zu sehen bekommt. Ich freue mich schon auf die zweite Staffel!

Bates Motel – Season 5

Dieser Text enthält Spoiler!

Nachdem ich die ersten vier Staffeln von „Bates Motel“ hier im Blog besprochen habe, kommt nun auch die fünfte und letzte Staffel zum Zug. Sie ist ist bereits seit dem 9. November auf DVD und Bluray erhältlich.

Die fünfte Staffel von "Bates Motel" auf BluRay

Man konnte ja noch Hoffnung haben für Norman Bates (Freddie Highmore) – mir zumindest ging es im Verlauf der Staffel mehrmals so. Zwar haben sämtliche Versuche ihn zu heilen im Verlauf der letzten Staffeln nicht gefruchtet und Staffel vier endete schließlich mit dem tragischen (aber natürlich von „Psycho“-Kennern erwarteten) Mord an seiner Mutter Norma (Vera Farmiga). Weil dieser wie ein Selbstmord aussah, lebt Norman nun zwei Jahre später allein in dem großen, düsteren Haus auf dem Hügel neben dem Motel. Sein Bruder Dylan (Max Thieriot) lebt mit seiner Freundin Emma (Olivia Cooke) inzwischen in Seattle und der ehemalige Sheriff und Ehemann von Norma, Alex Romero (Nestor Carbonell) sitzt im Gefängnis.

Norman Bates (Freddie Highmore) hängt neue Duschvorhänge auf

Norman Bates (Freddie Highmore) hängt neue Duschvorhänge auf

Wer Hitchcocks „Psycho“ gesehen hat, weiß natürlich, was nun noch kommen muss. Während die ersten vier Staffeln die Vorgeschichte von Norman Bates erzählt haben, kommen wir im Lauf dieser letzten Staffel nun mitten in die bekannten Ereignisse aus „Psycho“ hinein. Wobei diese sich dann allerdings nicht genauso zutragen wie im Film. Denn wie so oft, wenn in den letzten Jahren bereits zuvor verfilmte Stoffe in Kino und TV wiederverwertet wurden, wird auch hier die Geschichte etwas abgewandelt (so wie dies zum Beispiel auch bei „Star Trek Into Darkness“ der Fall war). So ist es dieses Mal nicht Marion Crane (Rihanna), die von Norman Bates unter der Dusche ermordet wird…

Trotz des Tods ihrer Serienfigur ist Vera Farmiga natürlich weiter in der Serie dabei, schließlich lebt Norma schon lange in Normans Kopf fort. Mit dieser „Norma“ (ich habe die imaginäre Version der Figur in meinen Notizen stets in Anführungszeichen gesetzt) spielt Farmiga nun also nur noch eine nicht reale, oftmals idealisierte Version ihrer Figur, was schauspielerisch sicherlich interessant gewesen sein muss. Ohne dass Norman sich hinterher daran erinnern kann, übernimmt „Norma“ immer wieder die Kontrolle über ihn. Sie versucht, ihn vor schlechten Einflüssen zu beschützen, die sie natürlich vor allem in jungen, weiblichen Konkurrentinnen auszumachen glaubt. So sieht sie es gar nicht gerne, als Norman Madeleine (Isabelle McNally) kennen lernt, die Inhaberin eines Haushaltswarengeschäfts. Bei ihr bestellt er nicht nur neue Duschvorhänge fürs Motel, was den Zuschauer in freudige Erregung versetzt, sondern schenkt ihr auch die Kleider seiner Mutter. Dass die schlanke, blonde Madeleine Norma frappierend ähnlich sieht und damit genau Normans Typ ist, versteht sich von selbst. Die Eifersucht in „Norma“ ist jedenfalls geweckt und so gibt sie ihm bereits in der ersten Episode folgenden Ratschlag:

„All I know is that the world is full of bad people and we cannot trust anyone from the outside. It is you and me, Norman, that is all we have. We would die without each other, do you understand that?“

Auch nach ihrem Tod verlässt Norma (Vera Farmiga) ihren Sohn einfach nicht

Auch nach ihrem Tod verlässt Norma (Vera Farmiga) ihren Sohn einfach nicht

Außerdem lässt sie ihn wissen, dass er einfach keine anderen Leute außer ihr in seinem Leben haben könne. Es steht also weiterhin gar nicht gut um den armen Norman, der nach außen hin meistens so nett und unschuldig wirkt, aber innerlich zerrissen und von starken psychischen Problemen geprägt ist. Tatsächlich bleibt Normans Geschichte auch in der fünften Staffel weiterhin spannend. Seine Mutter ist zwar tot, aber wie erwähnt weiterhin ständig präsent. Außerdem werden einige neue Figuren eingeführt, darunter Marion Crane und Madeleine, aber auch ein Mann, der die beiden verbindet: Sam (Austin Nichols) ist Madeleines Ehemann und Marions Geliebter, was natürlich wieder einiges an Geheimnissen und Lügen mit sich bringt und letztendlich nicht gutgehen kann.

Den mit Abstand langweilisten Handlungsstrang hat dieses Mal leider der ehemalige Sheriff Romero abbekommen. Aus dem Gefängnis, in dem er zu Beginn der Staffel steckt, entkommt er natürlich, nur um sich dann aber in erzählerischer Monotonie über mehrere Episoden hinweg auf den Weg zurück nach White Pine Bay zu machen, wo er Rache an Norman nehmen will. Erst in der achten Folge kommt er dort an und bekommt etwas Interessantes zu tun. Er erschießt nämlich leider Chick (Ryan Hurst), der doch eigentlich einen True Crime-Roman über die Ereignisse rund um Norman schreiben wollte. Ich hatte mich schon so darauf gefreut, am Ende der Serie dieses Buch unter dem Namen „Psycho“ in den Handel kommen zu sehen, aber daraus wurde nichts.

Wie schlimm es um Normans psychische Gesundheit steht, wird hier vor allem an zwei Dingen deutlich (als wären die Morde, die er verübt und die Gespräche mit seiner imaginären Mutter nicht genug): Zum Einen trifft er in Folge fünf seinen früheren Therapeuten, nur um später festzustellen, dass er sich diese Begegnung auch nur eingebildet hat. Zum anderen realisiert er nach diesem „Gespräch“ selbst, dass er regelmäßig zu einer ganz anderen Person wird, zu „Norma“ eben. In der örtlichen Bar ist man jedenfalls ganz erstaunt, als er plötzlich ohne Frauenkleider und nicht in seiner „Norma“-Identität dort auftaucht.

Genau Normans Typ: Madeleine (Isabelle McNally) ist seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten

Genau Normans Typ: Madeleine (Isabelle McNally) ist seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten

Schauspielerisch überzeugen Freddie Highmore und Vera Farmiga erneut auf ganzer Linie. Nicht von allen anderen Darstellern kann ich dasselbe behaupten, was aber zum Teil daran liegt, das das Material, welches die Drehbücher ihnen bieten, unterschiedlich gut ist. Max Thieriot hat mich in den früheren Staffeln wenig begeistert, dieses Mal hat er aber zumindest gegen Ende der Staffel einige überzeugende, emotionale Szenen mit Highmore, in denen Dylan verzweifelt versucht, seinen Bruder doch noch zu retten. Dylans und Emmas Integration in die Handlung gelingt dabei überzeugender als Romeros, letztentlich sind sie aber natürlich nicht die Hauptfiguren in diesem Drama. Mit Normas Bruder Caleb (Kenny Johnson) wird relativ früh kurzer Prozess gemacht, worüber ich nicht besonders traurig war.

Richtig Fahrt nimmt die Staffel natürlich erst in ihrer zweiten Hälfte auf, als wir uns mit Marions Ankunft mitten in den „Psycho“-Ereignissen befinden. Durch deren leichte Abwandlung und die zusätzlichen Figuren bleibt das Ganze trotzdem spannend und spitzt sich zum Ende hin immer mehr zu. „If you ever feel overwhelmed, I could just take over“, bietet „Norma“ ihrem Sohn an. Doch Norman hat noch Hoffnung, dass sich die Dinge für ihn zum Besseren wenden. Nach dem Mord an Sam realisiert er zwar, dass er unter „Normas“ Kontrolle schon mehrere Morde begangen hat. Doch er stellt sich der Polizei. Zu dumm nur, dass ihm Sheriff Greene (Brooke Smith) erst einmal gar nicht glaubt.

Von der Nacherzählung „Psychos“ haben sich die Ereignisse hier wie erwähnt ein Stück weit entfernt, sodass „Bates Motel“ am Ende kein schlichtes Prequel – und in dieser Staffel zum Teil auch Remake – von Hitchcocks Film mehr ist (was die Serie aufgrund der Ansiedelung der Geschichte in der Gegenwart genau genommen sowieso nie gewesen war).  Am Ende verschwindet die imagniäre „Norma“ aus Normans Kopf, nachdem dieser Romero umgebracht hat, woraufhin sich Norman vollkommen in eine eigene Realität hinein träumt.

Rihanna tritt als Marion Crane die Nachfolge von Janet Leigh an - aber wird die Figur auch hier dasselbe Schicksal erleiden?

Rihanna tritt als Marion Crane die Nachfolge von Janet Leigh an – aber wird die Figur auch hier dasselbe Schicksal erleiden?

Dort lebt er zusammen mit Norma in Glückseligkeit und die beiden machen einen Neuanfang in einer neuen Stadt, wo sie ein neues Motel eröffnen. Wer weiß, vielleicht spielen sich die Ereignisse von „Psycho“ ja dort, also komplett in Normans Kopf ab? Es ist ein großes Kompliment an die Drehbuchautoren und die Leistung der beiden Hauptdarsteller, dass ich erst in dieser Schlussszene das Gefühl hatte, Norman sei wirklich verrückt und nicht mehr zu retten. Zuvor habe ich über fünf Staffeln mit ihm mitgefühlt und stets ein Stück weit geglaubt, es könne noch Hoffnung für diesen jungen Mann geben.

„Bates Motel“ hat die eine oder andere Schwäche, vor allem in den Handlungssträngen der zum „Psycho“-Universum hinzu erfundenen Figuren wie Dylan, Caleb oder Romero. (Möglicherweise wurden einige davon im Roman erwähnt, im Film kommen sie jedenfalls nicht vor.) Insgesamt bietet die Serie aber über fünf Staffeln hinweg kurzweilige Hochspannung mit überwiegend sehr guten Schauspielleistungen. Der Figur von Norman Bates haben die Autoren und natürlich Freddie Highmore zahlreiche neue Facetten hinzugefügt, die dessen Geschichte für mich noch viel interessanter gemacht haben, als sie es durch den Film ohnehin schon gewesen war.

Copyright Bilder: Universal Pictures Home Entertainment

Star Wars: The Last Jedi – Der Film & der Soundtrack

Es ist wieder Dezember und das bedeutet seit 2015: es kommt ein neuer „Star Wars“-Film ins Kino (nur 2018 wird mit dieser Regel brechen, denn „Solo – A Star Wars Story“ startet bereits im Mai). Ich habe den Film am Starttag zweimal gesehen und wollte ihn eigentlich noch ein drittes Mal anschauen, bevor ich darüber blogge. „The Force Awakens“ und „Rogue One“ habe ich jeweils kurz nach dem Kinostart besprochen, aber „The Last Jedi“ ist ein Film, den man mehrmals sehen muss, um sich eine feste Meinung dazu bilden zu können. Zu meinem dritten Kinobesuch bin ich noch nicht gekommen, den Blogpost über den Film – und das Soundtrack-Album! – wollte ich aber auf jeden Fall noch 2017 fertig stellen. Der Form halber weise ich an dieser Stelle darauf hin dass der folgende Text massive Spoiler zum Film beinhaltet!

Rey und Luke auf Ahch-ToNachdem zum ersten Mal vor mir der Abspann der achten „Star Wars“-Episode über die Leinwand lief, war ich verwirrt und alles andere als begeistert. Mir hatte der Film nicht gefallen und inzwischen weiß ich auch, warum. Regiesseur und Drehbuchautor Rian Johnson, der bei der Gestaltung seiner Fortsetzung der von J.J. Abrams in Episode VII begonnenen Geschichte völlig freie Hand hatte, widersetzt sich hier nämlich zahlreichen Erwartungen und liefert einen Film ab, der einem wenig bis nichts von dem vorsetzt, das man bei einem „Star Wars“-Film sehen will. Dafür liefert er ab sehr viel ab, das nötig war, um die „Star Wars“-Saga im Kino auch weiterehin frisch und relevant zu halten. Spätestens nach meinem zweiten Kinobesuch war mir klar, dass zahreiche Handlungselemente des Films zwar unterwartet, irritierend und für viele vielleicht sogar entäuschend erscheinen mögen, aber Johnson so doch einen viel besseren Film abgeliefert hat, als wenn er den Fans einfach das gegeben hätte, was sie erwartet hatten.

Das geht natürlich bei Luke Skywalker (Mark Hamill) los. In den Büchern und Comics des alten erweiterten Universums blieb Luke nach dem Ende von „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ der strahlende und erfolgreiche Held, zu dem er im Lauf von drei Filmen geworden war. Er gründete den Jedi-Orden neu, bildete eine neue Generation von Jedis aus und stellte sich so manchem übermächtig erscheinenden Gegner, den er nicht selten in einem epischen Lichtschwertduell besiegte. Inzwischen ist mir klar, dass auch ich mir für Episode VIII einen solchen Luke Skywalker gewünscht hatte. Zwar haben schon „The Force Awakens“ und der erste Teaser zu „The Last Jedi“ klar gemacht, dass wir es hier mit einem anderen Luke zu tun bekommen werden. Doch insgeheim habe ich mir wohl gewünscht, der einsiedlerische, zweifelnde und abweisende Luke würd im Lauf des Films seine Insel verlassen und Kylo Ren für einen mindestens 20-minütigen epischen Lichtschwertkampf gegenübertreten. Ich sehe aber  – genau wie Mark Hamill – inzwischen ein, dass der Film tatsächlich eine viel interessantere Geschichte erzählt und alles andere wohl nur eine Wiederholung dessen gewesen wäre, was wir im Verlauf der letzten sieben Filme schon erlebt haben.

Meine Enttäuschung nach dem Film bezog sich auch darauf, dass wir in meinen Augen weder einen „richtigen“ Lichtschwertkampf noch eine wirklich interessante Actionsequenz zu sehen bekommen. Auch hier habe ich meine Meinung aber inzwischen geändert. Zwar gibt es tatsächlich nicht das klassische Duell eines (oder mehrerer) Jedi gegen einen dunklen Machtnutzer. Stattdessen serviert uns Rian Johnson aber den brillanten Kampf Reys und Kylo Rens gegen Snokes Wachen, der auch optisch eine Augenweide ist. Und was sonstige Actionsequenzen betrifft, so findet sich die „traditionellste“ von ihnen gleich zu Beginn des Films, als Poe Dameron fast im Alleingang einen Dreadnaught ausschaltet. Roses und Finns Ritt auf den Fathiers durch Canto Walker (aber nicht Johnny)Bight hat mich nicht gerade umgehauen und die sogenannte Schlacht von Crait ist zu Ende, bevor sie richtig beginnt. Aber auch dabei gilt: hätte Johnson nur die Schlacht von Hoth größer und bombastischer wiederholt, dann wären zwar die Kinogänger vorrübergehend geflasht gewesen. Tatsächlich ging es ihm aber wohl nicht um bombastische Action, sondern um Charaktermomente, was der Auftritt von Luke Skywalker am Ende des Films gut verdeutlicht. Die kurze Belagerung des Widerstandes in der alten Rebellenbasis durch die Erste Ordnung endet nicht mit einem großen Kampf, sondern damit, dass Luke seiner Schwester und ihren Mitstreitern Zeit für die Flucht verschafft. Und das eben auch nicht in einem großen Lichtschwertduell, sondern in einer Weise, die man nicht hat kommen sehen.

Der schwächste Handlungsstrang des Films ist sicherlich der um Finn und Rose, die auf Canto Bight nach dem „Master Codebreaker“ suchen. Allerdings gefällt mir dieser „Monte Carlo-Planet“ sehr gut und die sozialen Unterschiede, auf die der Film damit aufmerksam macht, stellen nicht nur höchst aktuelle Bezüge zur Realität her, sondern wurden im „Star Wars“-Universum bislang auch wenig beleuchtet. Die Einführung der Sklavenkinder und insbesondere die letzte Szene des Films finde ich hochinteressant. Zum einen, weil wir damit am Ende von Episode VIII wieder dort sind, womit in Episode I das ganze Schlamassel angefangen hat: bei einem machtbegabten Sklavenjungen, der von den Sternen träumt. Zum anderen, weil sie so viel Stoff für eigene Gedanken und Spekulationen bietet. Zunächst dachte ich, Johnson (und Lucasfilm) wollen uns mit dieser Szene einen Ausblick auf zukünftige Filme geben. Wird es darin um eines der Kinder auf Canto Bight gehen? Inzwischen glaube ich das nicht mehr so sehr. Viel mehr soll diese Szene wohl die Bedeutung des Mythos von Luke Skywalker unterstreichen. War dieser schon zuvor galaxisweit für seine Heldentaten bekannt, so ist er mit seiner überraschenden Rückkehr und seinem Heldentod endgültig zur Legende geworden – und zur Inspiration für unzählige Wesen in der ganzen Galaxis.

Amilyn Holdo (Laura Dern)

Von den neuen Figuren hat mir Admiral Holdo (Laura Dern) mit Abstand am besten gefallen. Beim ersten Kinobesuch habe ich diese Figur richtig gehasst, bis schließlich klar wurde, dass sie sehr wohl die ganze Zeit über einen festen Plan hatte, um dem Widerstand zur Flucht zu verhelfen. Schauspielerisch hat mich Adam Driver sehr beeindruckt, während ich Mark Hamill zwar gut fand, aber wohl nicht so überagend wie viele andere Zuschauer. Die Szenen mit Carrie Fisher waren natürlich auch für mich besonders emotional. Ihren „Weltraumspaziergang“ fand ich einfach nur großartig. Es ist wunderbar, dass wir nun endlich auch Leia einmal die Macht nutzen haben sehen, und noch dazu in einer Szene in der es um Leben und Tod ging und auf eine Art und Weise, wie wir es zumindest in den Filmen noch nie gesehen haben. (In „Star Wars Rebels“ hat Kanan ja einen ähnlichen Trick vollführt.) Kurzzeitig irritiert war ich am Ende des Films über Finns Schicksal. Meiner Meinung nach ist seine Charakterentwicklung nun nach zwei Filmen abgeschlossen und ich war ein paar Sekunden lang überzeugt, dass er sterben würde. Seine Rettung durch Rose empfand ich als unpassend, sehe aber ein, dass sein Tod zusammen mit dem von Luke Skywalker dramaturgisch wohl etwas zuviel gewesen wäre.

Zum Schluss will ich noch einmal kurz auf die Erwartungen zurückkommen, die Rian Johnson hier alle unterlaufen hat: Finn liegt im Koma? Nein, er läuft dank Bacta-Behandlung bereits zu Beginn des Films wieder putzmunter herum. Snoke ist ein mysteriöser Oberbefehlshaber, über dessen Herkunft und Ziele wir noch mehr erfahren werden? Nun, zumindest in den Filmen dürfte davon kaum noch etwas vorkommen, schließlich ist Snoke nun mausetot. Selbst der nach Episode VII fast schon erwartete Wechsel Kylo Rens zur hellen Seite bleibt aus, stattdessen wird er zum neuen Obersten Anführer der Ersten Ordnung. Und unter Reys Vorfahren finden sich wohl weder Luke, Leia oder Han noch Obi-Wan Kenobi. Ich finde, Rian Johnson hat bei „The Last Jedi“ sehr vieles richtig gemacht und bei der Ausarbeitung seiner Geschichte Mut und Können bewiesen. Ich kann nur hoffen, dass J.J. Abrams und seinem Co-Autoren dies auch bei Episode IX gelingt und sie die Trilogie gleichzeitig zu einem würdigen Abschluss bringen werden.

Die Filmmusik von John Williams

Der Start einer neuen „Star Wars“-Episode bedeutet auch immer, dass wir einen brandneuen, von John Williams komponierten Soundtrack bekommen. Die CD mit der Filmmusik ist für mich stets das begehrteste Stück Merchandise; das Album mit der Musik zu „The Last Jedi“ ist seit 15.12.2017 als CD, Download und Stream erhältlich. Da ich dieses Mal freundlicherweise ein Rezensionsexemplar davon zur Verfügung gestellt bekommen habe will ich das Album hier kurz besprechen. Ich habe es inzwischen mehrmals angehört, wobei mir vor allem eines aufgefallen ist: Die Musik zu „The Last Jedi“ bietet so wenig neu komponierte Themen und Motive, wie das bisher bei keiner anderen „Star Wars“-Fortsetzung der Fall war. Das mag zunächst enttäuschen, lässt sich aber in gewisser Weise vielleicht auch gar nicht vermeiden. Schließlich hat John Williams über sieben Filme einen Fundus an Melodien aufgebaut, die mit verschiedenen Charakteren, Orten, Situationen und Gruppierungen verbunden sind und auf die er nun zurückgreifen kann. Natürlich wird Prinzession Leias Thema gespielt, wenn diese zu sehen ist! Und natürlich hören wir im Verlauf des Films immer wieder das berühmte „Force Theme“, insbesonder während der Sezenen, in denen Luke die junge Rey unterrichtet.

Star Wars: The Last Jedi (Soundtrack Album)

Zum Großteil besteht das Soundtrack-Album also aus Wiederholungen und Variationen bekannter Themen und Motive. Dazu gehören auch solche, die in Episode VII neu eingeführt worden waren, allen voran „Reys Theme“,  der „March of the Resitance“ und die beiden kurzen Motive für Kylo Ren bzw. die Erste Ordnung. Poes Thema ist zumindest auf dem Album leider kaum vertreten und das actiongeladene Thema, das wir im Verlauf von Episode VII mit Finn assoziiert haben, glänzt mit vollkommener Abwesenheit. Für alle bekannten Themen, die Williams erneut aufgreift, gilt jedoch, dass sie immer wieder variiert und zum Teil auch miteinander verwoben werden. So entdeckt man auch an altbekannten Melodien hier noch neue Seiten.

Das Album stellt zwei wichtige neue Themen vor, nämlich eines für Rose und eines das man als „Last Jedi“-Thema oder als Thema für den gealterten Luke Skywalker bezeichnen könnte. Ich muss zugeben, dass sie mir beide noch nicht im Gedächtnis hängen geblieben sind. Leider findet sich auf dem Album dieses Mal auch nur ein einziges Konzertarrangement der neuen Themen („The Rebellion is Reborn“). Dieses beinhaltet die beiden eben angesprochenen Themen. Dies sind zwar nicht die einzigen neuen Themen, die John Williams für den Film komponiert hat, aber die einzigen beiden, die sich an prominenter Stelle auf dem Soundtrack finden lassen. (Das für Admiral Holdo geschriebene Thema findet sich auf dem Album anscheinend nur kurz im letzten Track der während des Abspanns läuft.)

Neben dem bereits erwähnten „The Rebellion Is Reborn“ finden sich noch einige andere Höhepunkte auf dem Album. „Ahch-To Island“ untermalt Reys Interaktionen mit Luke zu Beginn des Films und nutzt dazu sowohl das vom Ende von „The Force Awakens“ bekannte „Jedi Steps“-Thema als auch „Reys Theme“, das „Force Theme“ und das neue „Last Jedi“-Thema. „Canto Bight“ geht nach einem majestätische Beginn zu einem Stück „Source Music“ über, die im Casino auf Canto Bight zu hören ist und stark an die „Cantina Band“ des ersten Films erinnert (anscheinend hat John Williams hier übrigens bereits für andere Filme komponierte Musik erneut verwendet und neu instrumentiert). Das verspielte „The Fathiers“ untermalt Finns und Roses Ritt auf den gleichnamigen Reittieren und erinnert an Williams‘ Soundtrack zu Spielbergs „Tintin“. In „The Spark“ kehrt zusammen mit Luke Skywalker auch ein lange nicht gehörtes Thema zurück, nämlich das bisher nur aus Episode VI bekannte „Luke & Leia“-Thema. Es wird wohl einer der Gründe dafür gewesen sein, warum der Kinobesucher im Sessel neben mir beim Zusammentreffen von Luke und Leia hörbar schluchzen musste. Etwas befremdlich mutetet dieses Mal das für den Abspann zusammen gestellte „Finale“ an. In den bisherigen Filmen hat John Williams die End Credits jedes Mal dazu genutzt, um einige der neuen Themen in all ihrer Breite zu präsentieren. Dieses Mal wirkt das entsprechende Stück allerdings wie ein nachträglich im Studio zusammenkopiertes Medley aus zahlreichen „Star Wars“-Melodien. Darunter befinden sich zwar einige der neuen Themen, aber auch die Themen von Rey und dem Widerstand sind hier erneut anzutreffen, ebenso wie Yodas Thema. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen, denn keinem der einzelnen Themen wird hier genug Raum geschenkt und es wäre wirklich schön gewesen, wenn man hier noch einmal nur die neuen Themen hätte kennen lernen können.

Insgesamt ging es mir mit dem Soundtrack-Album ein wenig wie mit dem Film selbst: Ich war zunächst enttäuscht davon, konnte mich aber inzwischen damit anfreunden. Die von Williams verwendete Leitmotiv-Technik bringt es nun einmal mit sich, dass er auf bereits etabliertes Material zurückgreifen muss, von dem es inzwischen eine ganze Menge gibt. Immerhin wird dieses aber oft in einer neuen, frischen Weise präsentiert und gerade die schnelleren, actiongeladeneren Stücke verdeutlichen wieder einmal Williams‘ meisterhaften Umgang mit der Leitmotivtechnik. Trotzdem hätte ich mir auf dem Album mehr neue Themen gewünscht. Ich hoffe, dass Lucasfilm auch dieses Mal online eine „For Your Consideration“-Version des Soundtracks ins Internet stellt, die zum Teil aus noch nicht veröffentlichten Stücken besteht und vor allem die neuen Stücke in den Vordergrund stellt.

© 2017 & TM Lucasfilm Ltd.

Buchrezension: „A Dream Given Form – The Unofficial Guide to the Universe of Babylon 5“

Bücher über „Babylon 5“ gibt es nicht viele. Die Kultserie aus den Neunzigern hat zwar bis heute eine treue Anhängerschaft und findet durchaus auch noch neue Fans, fristet aber dennoch ein Nischendasein – unter anderem aufgrund der traurigen Tatsache, dass sie immer noch bei keinem der großen Streaminganbieter verfügbar ist. Wer nach Episodenführern mit ausführlichen Besprechungen der einzelnen Folgen sucht, stößt auf die Bücher von Jane Killick, die zu jeder der fünf Staffeln einen Band veröffentlicht hat oder auf die beiden „The Babylon File“-Bücher von Andy Lane. Mit „A Dream Given Form“ haben Ensley F. Guffey und K. Dale Koontz nun ein weiteres Buch veröffentlicht, in dem alle 110 Serienepisoden, der Pilotfilm und die weiteren Fernsehfilme, die kurzlebige Spin-off-Serie „Crusade“ sowie alle zum offiziellen Kanon gehörenden Romane und Comics unter die Lupe genommen werden. Der Vorteil gegenüber den anderen erwähnten Büchern scheint also klar auf der Hand zu liegen: hier findet man erstmals Besprechungen aller zum „Babylon 5“-Universum gehörenden Geschichten in einem einzigen Buch vereint.

A Dream Given Form - The Unofficial Guide to the Universe of Babylon 5

Die Autoren haben zuvor ein ähnliches Buch zu „Breaking Bad“ veröffentlicht, was angesichts der Popularität und Aktualität der Serie nahe lag. Warum nun also ein Buch zu einer Serie, deren letzte Folge vor 19 Jahren ausgestrahlt wurde? Ich habe leider noch keine Gelegenheit gehabt, die Autoren dazu zu befragen, nehme aber an, dass sie ganz einfach selbst große Fans von J. Michael Straczynskis (JMS) Weltraum-Saga sind. (Und was die Aktualität betrifft: „Babylon 5“ mag schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben, inhaltlich sind große Teile der Serie aber momentan leider so aktuell wie nie seit ihrem Bestehen. Man denke nur an den Aufstieg einer korrupten, fremdenfeindlichen Regierung und andere Aspekte der Serienhandlung, die stark an das aktuelle politische und gesellschaftliche Geschehen in Deutschland oder den USA erinnern.)

Nun aber zum Buch selbst. Wie erwähnt behandelt es alle bislang erschienenen Geschichten, die zum offziellen Kanon gehören (einige der „Babylon 5“-Romane und Comics sind JMS zufolge nicht kanonisch; auf sie wird im Buch dementsprechend nicht eingegangen). Das bedeutet allerdings, dass selbst auf knapp 500 Seiten nicht der Platz ist, um jede einzelne Episode und jeden Comic wirklich ausführlich zu besprechen und ausführliche Interpretationen und Analysen zu liefern. Die Episodenbesprechungen fallen hier dementsprechend ziemlich knapp aus und gehen meist nicht einmal auf alle Handlungsstränge der jeweiligen Folge ein. Stattdessen werden jeweils ein oder zwei wichtige oder interessante Punkte herausgegriffen und in wenigen Absätzen besprochen. Damit dienen diese Episodenbesprechnungen mehr als Ausgangspunkt für weitere, eigene Überlegungen oder Diskussionen denn als fundierte Informationsquelle. Manchen Fans der Serie mag das genügen, ich persönlich hätte es aber gerne etwas ausführlicher gehabt. Das hätte aber wohl den Rahmen des Buches gesprengt. Ich freue mich auch sehr, dass die 13 Episoden von Crusade (und dazu drei zwar geschriebene, aber nicht mehr verfilmte „Crusade“-Drehbücher), die Comics und Romane ebenfalls Teil des Buches sind. Zu den Büchern und Comics werden nämlich kurze Inhaltsangaben geliefert, was praktisch für all diejenigen ist, die sie nicht selbst lesen wollen. (Ich habe vor ein paar Monaten begonnen, den ersten Teil der „Psi-Corps“-Trilogie zu lesen und nach einigen Kapiteln abgebrochen, weil mich das Buch so gelangweilt hat.)

Wenn man die einzelnen Episoden gut kennt, hat man keine Probleme, den kurzen Erläuterungen und Gedankengängen der Autoren zu folgen. Die Texte lesen sich flüssig; dazu finden sich am Ende jeder Episodenbesprechung Rubriken wie „Did You Notice“, wo allerlei Interessantes und Kurioses aus der jeweiligen Folge aufgelistet wird oder „Hyperspace Beacons“, wo die Autoren auf Dinge in der Episode verweisen, die in Zukunft noch eine Rolle spielen werden. Auch ein „Highlight“ sowie ein besonders hervorstechendes Zitat aus jeder Episode liefern die Autoren. Hin und wieder streuen sie auch interessante Fakten ein, die über die Geschichten des B5-Universums hinausgehen, z.B. wenn sie im Zusammenhang mit der Episode, in der Susan Ivanova über ihren verstorbenen Vater trauert, erläutern, was es mit dem jüdischen Ritual der Schiv’a auf sich hat. Zu jeder Episode werden weiterhin der/die Autor/in, der/die Regisseur/in und das Datum der Erstausstrahlung aufgelistet. Leider fehlt eine Auflistung der Gaststars, möglicherweise aus Platzgründen.

Noch nicht erwähnt habe ich das exklusive Interview mit Londo-Darsteller Peter Jurarsik, welches ebenfalls Teil des Buches ist und wirklich sehr informativ und lustig ausgefallen ist. In einem weiteren Abschnitt haben die beiden Autoren kurze Nachrufe auf die viel zu vielen bereits verstorbenen „Babylon 5“-Darsteller untergebracht. Fotos enthält das Buch übrigens gar keine, man findet lediglich eine handvoll Seiten mit Schwarzweiß-Zeichnungen aus den Comics. Überrascht hat mich, dass die Autoren wenig auf die Online-Posts von JMS eingegangen sind, in denen dieser jede einzene Folge selbst kommentiert und Hintergrundwissen sowie seine eigenen Gedanken dazu geliefert hat. Wahrscheinlich wurde auch diese Quelle ganz einfach aus Platzgründen nur wenig berücksichtigt. Größere Fehler konnte ich keine im Buch ausmachen, auch wenn mich hier und da kleiner Dinge gestört haben. Zum Beispiel liest sich die Besprechung der Episode „Divided Loyalties“, als sei der Ausstieg einer der Hauptfiguren aus der Serie in dieser Folge von langer Hand geplant gewesen, was allerdings nicht der Fall war. Seltsamerweise gehen die Autoren auch nur im Zusammenhang mit Staffel zwei darauf ein, in welcher Reihenfolge man die Episoden am besten anschauen sollte. Diese „Idealreihenfolge“ weicht nämlich bei allen Staffeln, vor allem jedoch bei der ersten, von der Reihenfolge auf den DVDs ab. (Am Ende meiner Besprechung des Finales der ersten Staffel könnt ihr die Reihenfolge einsehen.)

Im Großen und Ganzen hat mir das Buch zwar gefallen, ich hätte es aber gerne ausführlicher gehabt und dafür auch in Kauf genommen, dass man es in zwei (oder mehr) Bände hätte aufteilen müssen. Trotzdem ist es schön, ein einziges Buch zur Hand zu haben und darin jede beliebige Episode nachschlagen zu können. Oft regt einen das Lesen der Texte dann ja zum eigenen Nachdenken über die Folge an oder man bekommt Lust, sie selbst gleich nochmal anzuschauen. „A Dream Given Form – The Unofficial Guide to the Universe of Babylon 5“ ist bislang nur auf englisch erschienen. Ob es – wie beim „Breaking Bad“-Buch – auch eine deutsche Übersetzung geben wird, ist angesichts der viel geringeren Popularität der Serie fraglich. Es wäre aber sehr zu begrüßen.

 

Vielen Dank an Ensley F. Guffey für die Zusendung eines kostenlosen Rezensionsexemplares! 🙂

 

Copyright Bild: ECW Press

Rezension: „It Was Fifty Years Ago Today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond“

Es gilt immer noch als das einflussreichste Album der Musikgeschichte: „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles. Dieses Jahr wurde das 50-jährige Jubiläum des Albums mit dem Erscheinen einer erstmals völlig neu abgemischten Version gefeiert, dank der man das legendäre Werk nun in einer ganz neuen, frischen Weise genießen kann.

Bl-ray: "It Was Fifty Years Ago Today"

Aber nicht nur von offizieller Seite kommen zum Jubiläum Neuveröffentlichungen, auch andere wollen ein Stück vom Kuchen abhaben. So kommt am 20. Oktober der Dokumentarfilm „It Was Fifty Years Ago Today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond“ als DVD und Blu-ray in den Handel. Wie der Titel schon sagt, versucht Regisseur Alan G. Parker darin, ein Bild der Beatles im Zeitraum um die Veröffentlichung von „Sgt. Pepper“ zu zeichnen. So jedenfalls könnte man wohlwollend beschreiben, worum es in dem Film geht. Tatsächlich besteht dieser nämlich aus einer ziemlich wahllosen Aneinanderreihung von Interviews und Aufnahmen, die halt alle irgendwie mit den Beatles in den Jahren 1966 bis 1968 zu tun haben. Um die Entstehung und Rezeption des legendären Albums geht es dabei zwar bisweilen auch, aber generell bekommt man beim Anschauen eher den Eindruck, dass Parker ganz einfach all die (oft nicht besonders interessanten oder tiefgehenden) Informationen, die er seinen Interviewpartnern entlocken konnte, in eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge bringen und daraus eben irgendwie einen Film machen wollte.

Bereits die Auswahl dieser Interviewpartner zeigt, dass es sich hier nicht gerade um eine Beatles-Doku allererster Klasse handelt. Musikexperten, Kulturkritiker und dergleichen sucht man vergebens; auch neue Interviews mit den noch lebenden Bandmitgliedern fehlen. Stattdessen darf unter anderem Ringos Vorgänger in der Band, Pete Best,  fröhlich in die Kamera grinsen und erzählen, wie froh und stolz er ist, auch einmal ein Beatle gewesen zu sein. Das war er für kurze Zeit zwar tatsächlich, aber nun einmal ganz bestimmt nicht mehr während der Entstehung von „Sgt. Pepper“. Der Informationsgehalt seiner Beiträge hält sich dementsprechend in engen Grenzen. Unter den weiteren Personen, die Parker vor seine Kamera bekommen hat, befinden sich unter an derem die Schwester von George Harrisons Frau sowie die frühere Sekretärin des Beatles-Fanclubs. Die eine oder andere interessante Anekdote springt dabei zwar schon heraus, oftmals scheint Parker aber leider viel zu verliebt in sein eigenes Material zu sein und hätte viel mehr kürzen und einzelne Redebeiträge stärker zusammenschneiden müssen, um sein Publikum nicht zu ermüden.

Die interessantesten Teile des Films sind dementsprechend stets die Originalaufnahmen aus den 1960er Jahren, darunter zahlreiche Interviews mit den Fab Four, die immer wieder zum Schmunzeln einladen. Doch wer sich nicht gerade erst seit gestern mit den Beatles beschäftigt, wird auch dabei nur noch wenig Neues finden. Thematisch ist „Fifty Years Ago Today“ wie bereits erwähnt ziemlich unfokussiert. Der Film beleuchtet zu Beginn die Umbrüche, denen sich die Band nach der Veröffentlichung von „Revolver“ und ihrer – wie sich heraus stellen sollte – letzten Konzerttournee ausgesetzt sah. Im Mittelteil beschäftigt sich Parker zwar dann schon mit dem „Sgt. Pepper“-Album, fördert dabei aber kaum neue Einsichten zutage, sondern arbeitet nacheinander einige Standardthemen (wie z.B. die Entstehung des Plattencovers) ab, lässt aber viele wichtige und interessante Aspekte einfach weg. Schließlich springt der Film zu den Erlebnissen der Beatles mit dem indischen Maharishi und dem Tod ihres Managers Brian Epstein. Die Frage ist nur, warum – schließlich hat das wenig bis gar nichts mit „Sgt. Pepper“ zu tun. Der Film zerfasert in seiner zweiten Hälfte immer mehr, bis er schließlich ganz zum Schluss doch plötzlich wieder zum „Sgt. Pepper“-Album zurückkehrt.

Insgesamt kann ich „It Was Fifty Years Ago Today“ überhaupt nicht empfehlen. Die Dokumentation wirkt lieblos und bringt nicht nur Beatles-Kennern keine neuen Erkenntnisse, sondern ist auch für Neulinge ungeeignet. Zu willkürlich werden die Schwerpunkte gesetzt, zu uninteressant sind zum Teil die Interviewpartner und deren Aussagen. Aber den vielleicht größten Schwachpunkt dieser Dokumentation habe ich noch gar nicht erwähnt: Die Filmemacher haben nämlich keine Erlaubnis für die Nutzung der Beatles-Lieder erhalten! Man hört also in dieser Beatles-Dokumentation kein einziges Beatles-Lied, was die Besprechung des Albums natürlich noch zusätzlich erschwert. Auch Musikvideos oder Auftritte der Band sind dementsprechend so gut wie gar nicht in den Film eingebunden.

Meine Empfehlung lautet daher: Besorgt euch die Neuauflage von „Sgt. Pepper“ und hört sie euch auf einer guten Anlage oder mit hochwertigen Kopfhörern an. Das bringt ein Vielfaches an Erleuchtung als es dieser nutzlose Film tut.

© Studio Hamburg Enterprises

Die Michael Jackson Halloween-Compilation „Scream“

Es ist Herbst, die Tage werden deutlich kürzer, die Blätter bunt und Halloween nähert sich. Schon seit Jahren ist das auch hierzulande für viele ein Anlass, ihre Fenster und Vorgärten mit Kürbissen und allerlei schaurigem Dekomaterial auszustatten. Für Michael Jackson-Fans wie mich bedeutet es vor allem eines: Es ist wieder die Zeit, verstärkt Songs wie „Thriller“, „Ghosts“ und „Threatened“ zu hören und Jacksons visuelle Gothic-Meisterwerke „Thriller“ und „Ghosts“ anzuschauen – spätestens am Halloween-Abend. Tatsächlich heißt Halloween für viele Jackson-Fans schon lange nur noch „Thrillerween“ oder „Thriller Night“.

Michael Jackson hatte sein Leben lang eine Vorliebe fürs Gruselige. Mit dem „Thriller“-Video lebte er diese Vorliebe 1983 künstlerisch aus und schuf gleichzeitig einen Meilenstein im Genre des Musik-Kurzfilms. Im Lauf seiner Karriere kehrte er mit Songs wie „Ghosts“, „Is It Scary“ oder „Threatened“ immer wieder zur Grusel- und Gothic-Thematik zurück. Diese faszinierte ihn nicht nur deswegen, weil er Verkleidungen und Schauergeschichten liebte, sondern auch, weil er beim Zurückgreifen auf die Konventionen dieses Genres der Welt einen Spiegel vorhalten konnte. Ganz nach dem Motto „Ihr denkt, ich bin ein Monster? Seht hier, ihr seid selber welche!“ Eine dunkle Seite steckt in jedem von uns…

Für die Aufnahmen zu „Thriller“ holten Michael Jackson und Quincy Jones Horrorfilm-Legende Vincent Price ins Studio, der den nun berühmten gesprochenen Teil am Ende des Stücks aufnahm. Die Handlung des Kurzfilms „Ghosts“ entwarf Jackson in den Neunzigern gemeinsam mit dem Meister des Horros, Stephen King. Auch war er ein großer Bewunderer Edgar Allan Poes, den er sogar in einem Film spielen wollte. 2009, als er mit seiner Rückkehr auf die Konzertbühne ein großes Comeback feiern wollte, plante Jackson außerdem ein Halloween-Special im amerikanischen Fernsehen (wie dieses ausgesehen hätte, kann man hier lesen). Dazu kam es bekanntlich leider nicht mehr. Dennoch ist zumindest das Lied „Thriller“ aus der Halloween-Saison nicht mehr wegzudenken.

In Anbetracht von Jacksons Vorliebe für die Thematik liegt es also nahe, rechtzeitig zu Halloween ein paar Produkte herauszubringen, die die Grusel-Songs und -Filme des King of Pop in den Mittelpunkt rücken. Auf dem Internationalen Filmfestival von Venedig hat John Landis, Regisseur des „Thriller“-Videos, eine 3D-Version des Kurzfilms vorgestellt. Man kann nur hoffen, dass diese auch außerhalb des Festvials zu sehen sein wird und hoffentlich auch als 3D-Bluray erscheint (zusammen mit dem bislang nur auf VHS veröffentlichten, ebenfalls in Venedig gezeigten „Making of Thriller“). Im Oktober wird im US-Fernsehen zudem ein animiertes Halloween-Special ausgestrahlt. Darin soll es um zwei Figuren gehen, die sich in der Halloween-Nacht treffen und ein „magisches Abenteuer“ erleben, das in einer spektakulären Tanzszene mit einem „animierten Michael Jackson“ endet. Die Sprecher sind dabei zum Teil durchaus prominent (Alan Cumming, Christine Baranski, Lucy Liu), aber trotzdem ist mein Kommentar dazu nur: WTF!!?? So wie ich Sony Music und den Michael Jackson Estate einschätze, wird wohl eher dieses Special auf Bluray veröffentlicht als die 3D-Version von Thriller…

Kommen wir aber mal zum eigentlichen Gegenstand dieses Blogposts: Am Freitag erscheint nämlich auch eine neue Michael Jackson-Compilation namens „Scream“, die thematisch ebenfalls zur Halloween-Saison passen soll. Das ist prinzipiell eine gute Idee, schließlich hat Jackson mehrere dazu passende Lieder veröffentlich. Aber schauen wir uns das Album, von dem ein Rezensionsexemplar gerade vor mir auf dem Schreibtisch liegt, mal genauer an.
Optisch ist es auf jeden Fall sehr schön gestaltet. Die Illustration auf dem Cover ist wirklich gut gelungen und dürfte von nun an auf keiner Einladung für eine Jackson-Halloween-Party mehr fehlen. Das Booklet lässt sich zu einem Poster mit einer dann aber leider recht lieblos wirkenden Illustration auffalten. (Auf meinem Instagram-Account findet ihr mehrere Fotos des Albums.) Zusätzlich liegt dem Album ein kleiner Flyer bei. Hat man auf seinem Smartphone die „Shazam“-App installiert und scannt diesen damit, soll man in Verbindung mit dem Poster Zugang zu einer Augmented Reality-Erfahrung erhalten. Bei mir hat das allerdings noch nicht funktioniert, ich wurde nur auf eine Webseite weiter geleitet, auf der ich das Album vorbestellen kann.

Was den Inhalt des Albums betrifft, wirkt dieser zum Teil etwas willkürlich zusammen gewürfelt. Natürlich liegt das auch daran, dass Michael Jackson zwar durchaus eine Handvoll „Grusel-Songs“ veröffentlicht hat, aber eben nicht genug, um damit ein ganzes Album zu füllen. Unter den 14 Tracks finden sich neben dem obligatorischen „Thriller“ deshalb auch solche, die lediglich vom Titel oder der allgemeinen Atmosphäre her weitestgehend auf das Album passen. So haben „Blood On The Dance Floor“ und „Dangerous“ zwar die Worte „Blut“ und „gefährlich“ im Titel, behandeln aber unter anderem das ebenfalls bei Jackson beliebte Thema der „femme fatale“. Ähnliches gilt für „Scream“ und „Unbreakable“ – beides für Michael Jackson äußerst persönliche Lieder mit Botschaften, die ihm sehr wichtig waren. Diese Songs sollte man nicht auf rein „gruselige“ Lieder reduzieren! Etwas kurios wirkt es, dass sich auch „Somebody’s Watching Me“ auf das Album verirrt hat. Klar, der Titel klingt nach Horrorfilm und Grusel, aber eigentlich handelt es sich hier um ein bestenfalls mittelmäßiges Stück des Sohns von Motown-Gründer Berry Gordy, zu dem Michael Jackson lediglich den immer wieder aus denselben beiden Zeilen bestehenden Refrain beigetragen hat. Fast am schlimmsten finde ich jedoch, dass das Stück „Xscape“ hier nur in der 2014 veröffentlichten Remixversion vorliegt. Wie willkürlich die Aufnahme mancher Stücke in die Tracklist ist, zeigt auch, dass es durch aus noch andere Stücke gegeben hätte, die  zumindest vom Titel her auf das Album gepasst hätten, „State of Shock“ oder „Speed Demon“ zum Beispiel.

Die wirklich zur Thematik passenden Lieder sind neben „Thriller“ noch „Ghosts“ und „Threatened“. Auch „This Place Hotel“, das das Album eröffnet, lässt sich durchaus der Kategorie der Gothic-Grusel-Songs zuordnen. Das ursprünglich 1980 auf dem Jacksons-Album „Triumph“ erschienene Stück war eines der ersten Lieder, die Michael Jackson im Alleingang geschrieben, gesungen und produziert hat. (Eigentlich heißt der Song „Heartbreak Hotel“, wurde aber damals wegen angeblicher Verwechslungsgefahr mit dem gleichnamigen Elvis Presley-Titel nicht unter diesem Titel veröffentlicht. Inzwischen finde ich diese Umbenennung nur noch lächerlich, schließlich gibt es genug andere Songs, die genauso heißen.) Unerklärlicherweise fehlt mit „Is It Scary“ einer der besten und vielschichtigsten Jackson-Titel überhaupt. Den Abschluss des Albums bildet ein neuer Mashup aus mehreren der auf dem Album enthaltetenen Songs (hier ist dann auch „Is It Scary“ dabei), an dem das Bemerkenswerte ist, dass es sich hier um einen Michael Jackson-Halloween-Mashup handelt, der ganz ohne „Thriller“ auskommt! Dafür ist dieser Remix aber ziemlich hektisch und durcheinander geraten, also bezweifle ich, dass er ein Hit auf Halloween-Parties oder im Radio werden wird.

Positiv an dieser Zusammenstellung von Liedern ist, dass es viele unbekanntere Stücke auf das Album geschafft haben. Tatsächlich findet sich darauf nur ein Song aus dem sonst so ausgeschlachteten „Thriller“-Album, dafür aber mit „Unbreakable“ und „Threatened“ zwei Titel aus Jacksons „vergessenem“ Studioalbum „Invincible“. Zu beiden Liedern wollte Jackson übrigens spektakuläre Kurzfilme drehen; leider bekam er aufgrund der Streitigkeiten mit seiner Plattenfirma 2001/2002 nicht die Gelegenheit dazu. Die optische Gestaltung des Albums finde ich wie gesagt sehr gelungen. Im Oktober wird auch eine „glow in the dark“-Vinylausgabe erscheinen, deren Anschaffung sich wohl zumindest aus optischen Gesichtspunkten lohnt. Davon abgesehen ist „Scream“ aber mal wieder ein äußerst lieblos zusammen geschustertes Produkt des Michael Jackson Estates. Wie erwähnt hegte Michael Jackson eine lebenslange Vorliebe für alles Gruselige und Mysteriöse, für Horrorfilme und Verkleidungen. Was läge also näher, als darauf in ein paar Liner Notes im Booklet des Albums einzugehen und zu erklären, warum man sich zur Zusammenstellung dieser Compilation entschlossen hat? Auch Interpretationen und Analysen der einzelnen Songs könnte man dabei liefern. Der einzige Satz, den man dazu im Booklet findet, lautet aber „This album celebrates the King of Pop, Michael Jackson, and his love for the Halloween season.“ Äußerst schwach!

Braucht man also ein Album wie „Scream“? Sicherlich nicht, jedenfalls nicht in dieser From. Und ganz sicher hätte der Michael Jackson Estate auch an dieses Projekt mit mehr Detailliebe und Umsicht heran gehen können (und müssen!). Eine Compilation, die vielleicht einigen Jackson-Neulingen ein paar der nicht so bekannten Songs nahe bringt, ist ja prinzipiell eine gute Sache. Aber es gäbe so viele wichtigere und dringendere Veröffentlichungen, um die sich Sony und die Nachlassverwalter längst hätten kümmern müssen. Ganz bestimmt brauchen wir kein Halloween-Animationsspecial mit einem tanzenden CGI-Michael am Ende. Stattdessen sollte zum Beispiel endlich mal Jacksons Meisterwerk „Ghosts“ auf Bluray veröffentlich werden! (Der Film ist tatsächlich noch nicht einmal offiziell auf DVD erschienen.) Davon, dass man auch alle anderen Kurzfilme und Aufnahmen von Jacksons Konzerten endlich einmal ordentlich remastern und in hochaufllösender Fassung veröffentlichen sollte, will ich gar nicht erst anfangen…

Interessant fände ich es allerdings, wenn nach „Scream“ noch weitere Compilations veröffentlicht werden, die sich mit konkreten Themen beschäftigen. Einen „Love Songs“-Sampler bekommt sowieso fast jeder Künstler früher oder später spendiert. Eine „Dance“-Compilation bietet sich bei Michael Jackson natürlich auch an. Am wichtigsten wäre mir aber die Veröffentlichund eines Albums mit Liedern, in denen es um das große soziale und umweltpolitische Bewusstsein Jacksons geht. Man könnte ein solches Album schlicht „Earth“ oder „Planet Earth“ nennen. DAS wäre mal ein wirklich notwendiges Projekt, das man in Verbinung zu zahlreichen Umwelt- und Benefizaktionen stellen könnte. (Unten findet ihr Links zu Spotify-Playlisten – einmal die Tracks aus „Scream“, allerdings mit der Originalversion von „Xscape“ und eine Liste mit einigen potentiellen Kandidaten für ein „Earth“-Album.) Übrigens ist gerade Joseph Vogels hervorragendes Buch zur Entstehung von „Earth Song“ in einer neuen, erweiterten Auflage erschienen. Einen Auszug könnt ihr hier lesen. Die Anschaffung des Buches lohnt sich sehr!


Copyright Bild: Sony Music

Buchrezension: „How To Be Everything“ von Emilie Wapnick

Was haben David Bowie, James Franco, Steve Jobs, Galileo Galilei und Patti Smith gemeinsam? Sie alle sind bzw. waren sogenannte „Multipotentialites“. Dieser Begriff bezeichnet Personen, die vielfältige Interessen und Talente besitzen und sich in zahlreichen verschiedenen Feldern ausprobieren und einsetzen wollen. Keine/r der Genannten war ihr/sein Leben lang nur in einem einzigen Beruf tätig; sie alle gehen bzw. gingen verschiedenen Beschäftigungen nach, die manchmal auf den ersten Blick nicht einmal etwas miteinander zu tun haben müssen.

Wenn sich zwei Menschen kennen lernen, stellt einer von beiden früher oder später die „Was machst du?“-Frage. Noch immer werden Menschen in unserer Gesellschaft über ihren Beruf definiert, und zwar über den einen Beruf. Werden sie danach gefragt, was sie denn machen, dann impliziert die Frage zweierlei: zum einen wird dabei eben gefragt, was man beruflich macht und zum anderen wird eine einzige, klare Antwort erwartet. „Ich bin Ärztin“, „ich bin Schneider“ oder „ich bin Programmierer“ sind gesellschaftlich akzeptable Antworten auf die Frage „Was machst du?“. Doch was, wenn man sich nicht über eine einzige Tätigkeit definieren will und das vielleicht auch gar nicht kann, weil man tatsächlich zwei oder mehr unterschiedlichen Berufen nachgeht? Und was, wenn es sich dabei – zumindest aus Sicht der Allgemeinheit – gar nicht um voll- bzw. gleichwertige „Berufe“ handelt?

Um diese und viele andere Fragen geht es in Emilie Wapnicks Buch „How To Be Everything“. Es richtet sich gezielt an Leser, die sich selbst als Multipotentialites bezeichnen – aber auch an solche, die vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie eigentlich welche sind. Auf ihrer Website und in ihrem TED-Talk beschäftigt sich die Autorin schon seit längerem mit dem Thema „Multipotentialites“, nun hat sie auch ein Buch darüber veröffentlicht. Und Wapnick weiß, wovon sie schreibt, denn sie kann und will sich selbst auf keine einzelne Tätigkeit festlegen und keiner Bezeichnung unterwerfen, die ihre Persönlichkeit mit nur einem einzigen Begriff beschreibt. Sie hat Musik, Kunst, Film und Jura studiert und war bereits auf all diesen Feldern aktiv.

Wer nun denkt „Die soll sich mal entscheiden und herausfinden, was sie wirklich machen will“, der ist wohl auch noch dem Glauben daran verhaftet, dass jeder Mensch einen bestimmten Beruf ergreifen, darin möglichst gut werden und ihn vielleicht sogar sein ganzes restliches Leben lang ausführen soll. Die Vorstellung dass nicht jeder/r von uns eben (nur) eine einzige Berufung im Leben hat, wie Wapnick es in ihrem TED-Talk darlegt, ist solchen Personen wahrscheinlich neu. Tatsächlich müssen sich Multipotentialites noch häufig für ihre vielfältigen Interessen, unterschiedlichen Tätigkeiten und wenig zielstrebig wirkenden Lebensläufe rechtfertigen. Damit, wie man diesbezüglich mit Fragen, Unverständnis und Kritik umgehen soll, beschäftigt sich ein Kapitel am Ende von Wapnicks Buch. Der Großteil des Buches jedoch handelt von den Stärken und Möglichkeiten des Daseins als Multipotentialites – und hat mir damit selbst Mut gemacht und Auftrieb gegeben.

So führt Wapnick zum Beispiel die „Superkräfte“ auf, über die Multipotentialites verfügen. Dazu zählen meist ein außerordentlich hohes Maß an Kreativität, die Fähigkeit, Ideen und Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen zu verbinden, eine hohe Anpassungsfähigkeit und die Fähigkeit, schnell dazu zu lernen und sich rasch in neuen Aufgabenfeldern zurecht zu finden. Die Autorin gibt aber auch nützliche Tipps dazu, wie man etwa seinen Alltag strukturiert, wenn man mehrere unterschiedliche Tätigkeiten unter einen Hut bringen will – und natürlich auch dazu, wie man dabei finanziell über die Runden kommt.

Einen Großteil des Buches macht die Beschreibung vier verschiedener Modelle aus, nach denen man ein Leben als Multipotenitalite gestalten kann. (Wobei es sich dabei natürlich nur um Modelle handelt, die man – ganz dem Dasein als Multipotenitalite entsprechend – auch miteinander verbinden kann.) Will man etwa dem „Phoenix Approach“ folgen und sich immer wieder neu erfinden? Will man es wie Albert Einstein in dem nach ihm benannten Ansatz tun und einen Hauptberuf ergreifen, der einem aber genügend Zeit und Energie lässt, um sich nebenbei noch vielfältigen anderen Interessen zu widmen? Fühlt man sich vom „Group Hug Approach“ angesprochen, dann sollte man sich einen Job suchen, der möglichst viele der eigenen Interessengebiete umfasst und Raum zum Einsatz zahlreicher verschiedener Fähigkeiten lässt. Wem dieser Ansatz nicht zusagt, der kann schließlich dem „Slash Approach“ folgen und zwei oder mehr Teilzeitberufen gleichzeitig nachgehen, die natürlich vollkommen unterschiedlich sein können. Die einzelnen Kapitel werden nicht nur mit einer Zusammenfassung der jeweils wichtigsten Punkte abgeschlossen, sondern auch mit einer kurzen Anleitung, die dabei hilft, das zuvor Beschriebene in die Tat umzusetzen und zunächst einmal zu prüfen, ob es überhaupt auf das eigene Leben anwendbar ist. Als Leser/in wird man dabei immer wieder zum Erstellen von Listen (z.B. der eigenen Interessen oder Prioritäten) aufgefordert, soll sich aber auch wichtige Fragen stellen (Kann ich mit nur einem einzigen Job glücklich werden? Würde dieser mir genügend Einkommen verschaffen?).

Bevor sie zur Beschreibung der einzelnen Modelle kommt, leitet Wapnick ihre Leser aber zunächst einmal dazu an, sich sowohl über ihre finanziellen Bedürfnisse und Erwartungen klar zu werden als auch darüber, was dem eigenen Leben eigentlich Bedeutung verleiht und in welchen Tätigkeiten man so richtig aufgeht – definitv etwas, worüber man sich erst einmal klar werden sollte. Auch dabei dürfen kurze Anleitungen zum genauen Durchdenken der Fragen natürlich nicht fehlen. Zum Ende des Buches hin folgen dann nicht nur die bereits erwähnten Strategien zum Umgang mit Kritik und Unverständnis am Dasein als Multipotentialite, sondern auch solche dazu, wie man einen Alltag meistert, der mit unterschiedlichen Aufgaben und Tätigkeiten angefüllt ist (Stichwort Zeitmanagemant).

Insgesamt ist „How To Be Everything“ ein äußerst inspirierendes Buch, das wie die meisten anderen Selbsthilfebücher (denn um ein solches handelt es sich hier im weiteren Sinn) nützlich sein kann, wenn man es denn lässt. Umsetzen muss man das Gelesene nämlich natürlich immer noch alleine. Ich habe das Buch einmal von vorne bis hinten durchgelesen, bin aber noch nicht den Aufforderungen zum Erstellen von Listen meiner Interessen, Prioritäten usw. gefolgt. Nimmt man diese Aufgaben jedoch ernst, dann kann das Buch eine wertvolle Hilfe dabei sein, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und erste Schritte auf dem Weg in ein interessanteres, erfülltes Leben zu tun. Ich selbst bin mit jedenfalls sicher, ein Multipotenialite zu sein; ich habe vielfältige Interessen und kann mir nicht vorstellen, tagtäglich nur immer ein und dieselbe Tätigkeit auszführen. Nun muss ich nur noch auf meine innere Stimme hören und einige der Ratschläge des Buches befolgen. 🙂

Copyright Bild: Harper Collins

Babylon 5: Episode 1.22 – Chrysalis

— Ganz am Ende dieses Blogposts findet Ihr eine Übersicht aller bisherigen „Babylon 5“-Blogposts! —

Neuigkeiten von B5-Schöpfer J. Michael Straczynski und aus dem „Babylon 5“-Universum

Seit meinem letzten „Babylon 5“-Blogpost ist natürlich so einiges passiert. Wie ihr wahrscheinlich wisst, ist seitdem die komplette zweite Staffel von „Sense8“ bei Netflix erschienen – und die Serie kurz danach abgesetzt worden. 😦 Die Fans haben nicht locker gelassen und Netflix lautstark dazu aufgefordert, die von JMS und den Wachowskis ursprünglich auf fünf Staffeln angelegte Serie doch noch weiterzuführen. Einen kleinen, aber beachtenswerten Erfolg konnte die #RenewSense8-Kampagne immerhin verbuchen: Irgendwann im nächsten Jahr wird es ein zweistündiges Special geben, welches die noch offenen Handlungsfäden der Serie abschließt.
Auf der San Diego Comic Con hat JMS auch dieses Jahr wieder ein eigenes Panel gehabt, in dem er die Fans über den aktuellen Stand seiner Projekte informiert hat. Unter anderem arbeitet er gerade an einem Roman, die Vorproduktion zur Verfilmung seiner Comicserie „Rising Stars“ ist angelaufen und er will immer noch einen „Babylon 5“-Kinofilm drehen, hat aber Angst, dass die Marke umso uninteressanter wird, je mehr Zeit verstreicht. Eine kurze Zusammenfassung seiner wichtigsten Aussagen könnt ihr euch hier durchlesen. Es ist zudem in den letzten Jahren fast schon zur Tradition geworden, dass JMS auf diesen Panels auch äußerst Persönliches aus seinem Leben erzählt. Auch diesbezüglich hat er dieses Mal nicht enttäuscht. Er hatte einige sehr bewegende Dinge aus seiner Kindheit und Jugend zu berichten, die mich zu einem noch größeren Fan und Bewunderer von ihm gemacht haben. Gleichzeitig erklären sie ein bisschen, warum JMS in der Branche bisweilen einen Ruf als Sturkopf hat und man manchmal hört, mit ihm arbeite es sich nicht leicht zusammen. In einem weiteren Panel gab JMS allen Nachwuchsautoren hilfreiche Tipps fürs Schreiben von Drehbüchern, Romanen und Comics und berichtete von seinen eigenen Erfahrungen aus der Branche. Eine Zusammenfassung könnt ihr euch hier durchlesen.
Am 16. Juni verstarb leider erneut ein Darsteller aus „Babylon 5“: Stephen Furst, den wir alle als Vir Cotto kennen, erlag den Komplikationen, die im Zusammenhang mit seiner langjährigen Diabetes-Erkrankung entstanden. Er wurde nur 63 Jahre alt. Neben seiner Rolle in „Babylon 5“ war er vor allem als Flounder in „National Lampoon’s Animal House“ bekannt. Außerdem führte er bei drei Folgen von „Babylon 5“ Regie.
Auch der langjährige ausführende Produzent von „Babylon 5“, Douglas Netter, verstarb am 8. Mai im stolzen Alter von 95 Jahren. In der Episode, die ich unten bespreche, bekommt man ihn kurz zu sehen (siehe „Hinter den Kulissen-Fakten“).

Und nun zur Episode, um die es in diesem Blogpost geht – dem Finale der ersten Staffel. 🙂


Episode 1.22 „Chrysalis“ („Chrysalis“)

Drehbuch: J. Michael Straczynski, Regie: Janet Greek
Erstausstrahlung: 26.10.1994 (USA), 17.12.1995 (Deutschland)

„Chrysalis“ bildet den Abschluss der ersten Staffel von „Babylon 5“. Die Folge stellt eine der wichtigsten und sicherlich auch besten Episoden der Staffel dar, wartet mit mehreren Cliffhangern auf und lässt den Zuschauer mit zahlreichen offenen Fragen zurück.

„Alles wie gehabt“, denkt man sich in den ersten Minuten der Episode noch. Diese beginnt nämlich mit einem Streit zwischen Londo und G’Kar vor den versammelten Ratsmitgliedern. Genau wie in der ersten Folge geht es dabei um ein Stück Weltraum – genauer gesagt Quadrant 37 – das beide Völker für sich beanspruchen, das aber momentan einen Außenposten der Narn beherbergt.
Auch als Garibaldi in der daran anschließenden Szene einem sterbenden Informanten gerade noch die Worte „They’re gonna kill him…“ entlocken kann, reißt einen das noch nicht unbedingt vom Hocker. Wahrscheinlich werden es wieder ein paar Kleinkriminelle auf den Commander oder einen anderen Stationsbewohner abgesehen haben, denkt man sich zu diesem Zeitpunkt. Auch so etwas haben wir ja bereits mehrmals erlebt.

Doch nach der Titelsequenz werden im weiteren Verlauf der Folge viele der Erwartungen des Zuschauers über den Haufen geworfen – und ebenso zahlreiche Entwicklungen und Gegebenheiten, die im Verlauf der Staffel etabliert worden waren. Der Präsident ist tot, Botschafterin Delenn steckt in einem Kokon, Londo Mollari hat sich endgültig auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen und Sicherheitschef Garibaldi liegt im Koma. Dass Commander Sinclair seiner Freundin Catherine Sakai einen Heiratsantrag gemacht hat, wird angesichts dieser Ereignisse zur Nebensache.

Beginnen wir mal mit der Handlung um den Tod des Präsidenten.  Michael Garibaldi hat zunächst keine Ahnung, in was für eine große Sache er seine Nase dieses Mal hineinsteckt. Am Anfang ist es schön zu sehen, dass er sich um seinen Informanten, Petrov, sorgt. Mit diesem kann er sich offenbar identifizieren, da auch Garibaldis eigene Vergangenheit alles andere als blitzsauber ist. Deshalb versucht er Leuten eine Chance zu geben, die seiner Meinung nach eine zweite (oder dritte, vierte,…) Chance verdient haben, genau so wie Sinclair ihm mit dem Posten auf Babylon 5 noch einmal eine Chance gegeben hat. Doch Petrov stirbt und Garibaldi hat von ihm nur erfahren, dass irgendjemand umgebracht werden soll.
Dass es sich dabei um den Erdpräsidenten handeln könnte, deutet die Serie an, indem sie gleich danach zum ISN-Bericht über die „goodwill tour“ von Präsident Santiago schneidet (wir erinnern uns: dieser war in der allerersten Folge ins Amt gewählt worden). Beginnend beim Mars will Santiago mit der EarthForce One mehrere Kolonien besuchen und soll schließlich am Neujahrstag, dem 1.1.2259, auf Io eine Rede über die Beziehung der Menschen zu fremden Völkern halten. (Das Schiff des Präsidenten haben wir bereits in „Survivors“ zu sehen bekommen.) Später in der Episode erfahren wir zudem, dass Vizepräsident Morgan Clark (Gary McGurk) dieser Reise aufgrund einer angeblichen Vireninfektion für eine Weile fernbleibt.
Bei seinen Nachforschungen stößt Garibaldi auf einen Mann namens Devereaux (Edward Conery), der sich aber nicht von ihm nicht einschüchtern lässt. Devereaux wird in Gewahrsahm genommen, entkommt aber aus seiner Gefngniszelle, was ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass es sich hier nicht nur um eine Angelegenheit unter Kleinkriminellen handelt und Deveraux Unterstützer unter den Sicherheitskräften der Station hat.
Als Garibalid schließlich einige Frachtcontainer ausfindig macht, in denen Störsender an Bord Bord der Station geschmuggelt worden sind, zieht er aus der dort eingestellten Frequenz die richtige Schlussfolgerung: jemand will den Präsidenten umbringen! Doch kurz darauf stellt sich ihm Deveraux in den Weg – und noch viel wichtiger: hinterrücks wird Garibaldi von einem seiner eigenen Leute erschossen, der für die Verschwörer arbeitet. Dabei handelt es sich glaube ich um Garibaldis Stellvertreter, den wir schon in einigen anderen Folgen gesehen haben. Gespielt wird er von Macauly Bruton, dessen Name ja schon ein wenig nach „Brutus“ klingt. 😉
Garibaldi kann sich anschließend schwerverletzt in einen Aufzug schleppen, wird auf einer Silvesterfeier entdeckt und ins Medlab gebracht. Dort kann er Sinclair zwar noch mitteilen, dass es jemand auf den Präsidenten abgesehen hat, doch es ist zu spät: Sinclair und alle anderen ISN-Zuschauer müssen mitansehen, wie die EarthForce One mit Präsident Luis Santiago an Bord explodiert. Aufgrund der gestörten Kommunikationskanäle gelingt es Sinclair nicht, vorher noch eine Warnung zu senden. Mit der Bewachung des im Koma liegenden Garibaldi beauftragt er ausgerechnet dessen Stellvertreter…
Dieser wiederum beseitigt später ein paar lose Enden und bringt Deveraux um. Im Gespräch mit einer Senatorin von der Erde versucht Sinclair die Regierung vergeblich davon zu überzeugen, dass die Explosion des Raumschiffs des Präsidenten kein Unfall war. Doch er hat keinerlei Beweise für seine Anschuldigungen. Schließlich wird Vizepräsident Clark zum Nachfolger von Santiago ernannt und legt an Bord der EarthForce Two den Amtseid ab.
Genau wie die anderen Handlungsstränge der Episode ist die Ermordung von Santiago und der Amtsantritt von Clark wegweisend für die Zukunft der Serie: Nicht nur ist Clark ein korrupter Politiker, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Seine Politik ist auch eine völlig andere als die seines Vorgängers. In seiner ersten Rede teilt er der Erdbevölkerung mit, die Erde werde sich von nun an wieder mehr um ihre eigenen Probleme kümmern. Das hat mich beim Anschauen diese Mal stark an die Antrittsrede von Donald Trump erinnert, in der dieser die Botschaft „America First“ kundtat. (Überhaupt wird im weiteren Verlauf der Serie noch einiges an aktuelle politische Entwicklungen erinnern.)
Von dieser Entwicklung gibt es jedenfalls kein Zurück; Clark ist nun Präsident, der politsche Kurs der Erdregierung ändert sicht damit stark und auch Babylon 5 und seine Bewohner werden davon betroffen sein.

Auch Londo Mollari trifft in dieser Episode eine folgenschwere Entscheidung, die seine weitere Laufbahn entscheidend beeinflussen wird: Im oben schon erwähnten Streit mit den Narn um den Außenposten in Quadrant 37 kommt ihm unerwartet der zwielichtige Mr. Morden (Ed Wasser) zu Hilfe. Dieser hatte ihm bereits in „Signs and Portents“ einen großen Gefallen getan, scheinbar ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Mordens Hilfsbereitschaft macht Mollari misstrauisch, doch die Antwort, die Morden gibt, als er ihn darauf anspricht, sollte ihn eigentlich noch misstrauischer machen: Mollari müsse erst einmal gar keinen Preis für die Gefallen zahlen, sagt Morden. Irgendwann in der Zukunft aber würden er und seine Verbündeten auf Mollari zukommen und von ihm eine Gegenleistung erwarten. Das klingt zunächst vielleicht zu schön um wahr zu sein, bei näherer Betrachtung ähnelt es aber den Strukturen in der Mafia. (In einem der „Babylon 5“-Podcasts, die ich regelmäßig höre, wird Mr. Morden dementsprechend auch als „space mob“ bezeichnet.)
Londo nimmt Mordens Angebot jedenfalls an, ohne genau zu wissen, wie ihm dieser eigentlich helfen will und wer seine mysteriösen Verbündeten sind. Nachdem der Narn-Außenposten in Quadrant 37 schließlich restlos zerstört worden ist, steigt Londos Ansehen bei seiner eigenen Regierung natürlich enorm. Londo selbst aber ist entgeistert darüber, dass Morden zehntausend Narn hat ermorden lassen. Allerspätestens an diesem Punkt müsste er einsehen, dass er sich auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen hat. Ob es davon noch ein Zurück gibt, werden die kommenden Staffeln zeigen.
Dass Mr. Morden absolut nichts Gutes im Schilde führt, unterstreicht jedenfalls seine letzte Szene in dieser Episode. Darin sieht man ihn in einem Quartier mit zwei unbekannten Wesen sprechen. Es wird klar, dass Morden mit einer fremden Macht zusammenarbeitet und dass er Londo Mollari für deren Zwecke manipuliert.

Commander Sinclair versucht unterdessen im Streit zwischen Londo und G’Kar zu vermitteln. Keiner der beiden will nachgeben und G’Kar ist immer noch von tiefem Hass auf die Centauri erfüllt, die seinen Planeten verwüstet und sein Volk versklavt haben. Nach der Zerstörung des Außenpostens ist G’Kar verständlicherweise am Boden zerstört, zieht aber eine richtige Schlussfolgerung: Keines der bekannten Völker kann dafür verantwortlich sein. Die Centauri mögen zwar die größten Feinde der Narn sein, doch auch sie haben nicht die militärische Stärke, um so einen Schlag durchzuführen. Es muss also noch eine unbekannte und äußerst mächtige Partei existieren.
Am Ende der Episode hat G’Kar die Station verlassen, um diesbezüglich weitere Nachforschungen anzustellen. Er stimmt Sinclair in seiner Einschätzung zu, dass sie alle an einer Weggabelung stünden und große Veränderungen auf sie zukommen.

Auch für Minbari-Botschafterin Delenn ist diese Episode der Beginn großer Veränderungen. Wohl nirgends ist dies so offensichtlich wie in ihrem Fall, denn sie befindet sich am Ende der Folge tatsächlich in einem Kokon, einer Chrysalis. Als wer oder was sie diese wieder verlassen wird, wissen wird noch nicht. Ich weiß noch, wie ich mir nach der deutschen Erstausstrahlung der Folge darüber den Kopf zerbrochen habe. 😉
Die ganze Staffel über haben wir Delenn immer wieder ein seltsames Gebilde zusammensetzen sehen (z.B. in „Signs and Portents“), bei dem nicht klar war, ob es sich um ein Geschicklichkeitsspiel, ein Kunstobjekt oder etwas ganz anderes handelt. Nun ist klar: Es handelt sich um die Vorrichtung, welche die Chrysalis erzeugt. Die Gründe für Delenns Handeln liegen allerdings noch vollkommen im Dunkeln. Lennier stellt in ihrem Auftrag Botschafter Kosh eine (uns unbekannte) Frage, die dieser mit „ja“ beantwortet. Daraufhin sucht Delenn Kosh selbst auf, der für sie seinen Schutzanzug öffnet und ihr seine wahre Gestalt zeigt (auch das bekommen wir nicht zu sehen). Dies scheint eine Vermutung Delenns zu bestätigen, was sie wiederum in ihrem Vorhaben bestärkt, sich in einen Kokon zu begeben und einer Transformation zu unterziehen. (Dass sie schon länger über diesen Schritt nachdenkt, zeigt die Tatsache, dass in der letzten Folge die junge Thelepatin Alisa in Delenns Gedanken zufällig auf das Wort „Chrysalis“ gestolpert war.)
Bevor sie das tut, besucht sie noch Sinclair, der aber gerade keine Zeit für sie hat. Sie zeigt ihm das dreieckige Triluminarium, welches bei der Befragung Sinclairs durch die Minbari während der Schlacht um die Erde zum Einsatz kam (davon haben wir bereits in „And the Sky Full of Stars“ erfahren). Mit dem Versprechen, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen, bittet sie ihn, sie später in ihrem Quartier zu besuchen. Sinclair hat also endlich die Chance, zu erfahren was es mit der „Lücke in seinem Gedächtnis“ auf sich hat. Doch weil er in dieser Folge genug andere Dinge um die Ohren hat, vergisst er Delenn aufzusuchen. Als Kosh ihn schließlich daran erinnert, ist es zu spät: Delenn steckt bereits im Kokon. Das Triluminarium dient Delenn schließlich auch als letztes Bauteil ihrer Maschine, mit deren Hilfe sie sich verpuppt.
Delenns Geschichte enthält hier so viele Unbekannte, dass man als Zuschauer nur abwarten kann. Die kommenden Episoden werden zeigen, was aus ihr wird und was ihr Handeln zu bedeuten hat.

Commander Sinclair hat also im Verlauf dieser Episode alle Hände voll zu tun; an eine Silvesterfeier kann er nicht einmal einen Gedanken verschwenden. Delenn verspricht ihm verblüffende Enthüllungen, sein Sicherheitschef wird schwer verletzt, der Präsident getötet und Londo und G’Kar liegen wie gewohnt miteinander im Clinch. Doch immerhin eines verspricht Sinclairs Leben Stabilität zu verleihen: seine Beziehung zu Catherine Sakai (Julia Nickson). Die beiden kennen sich seit etwa 15 Jahren und haben es nun trotz ihrer zeitraubenden Jobs geschafft, so etwas wie eine funktionierende Beziehung aufzubauen. Also macht Sinclair seiner Catherine einen Heiratsantrag – dumm nur, dass die Chemie zwischen den Schauspielern so gar nicht stimmt. (Im Audiokommentar spricht JMS von der „feurigen“ Catherine Sakai, was ich beim besten Willen nicht erkennen kann.)
Garibaldi und Ivanova werden als Trauzeugen rekrutiert (Ivanova bekommt leider die ganze Folge über kaum mehr zu tun), ansonsten dürfte Sinclair aber in dieser Episode über ziemlich wenig Gedanken an seine Verlobung verschwenden. Am Ende liegt er erschöpft in Catherines Armen und stellt fest: „Nothing is the same anymore.“ Er hat ja keine Ahnung, wie recht er hat…

JMS hat „Chrysalis“ als eine Folge bezeichnet, die weniger ein Finale darstellt als vielmehr eben nur den Abschluss des ersten Kapitels der „Babylon 5“-Geschichte. Dementsprechend erhalten wir hier auch kaum Antworten und es wird nichts zum Abschluss gebracht. Stattdessen gibt es Andeutungen, Cliffhanger und viele offene Fragen. Die erste Staffel besteht zum Großteil aus in sich abgeschlossenen Episoden, aber das Finale weist wie wohl keine andere Episode der Staffel schon darauf hin, dass JMS in größeren Handlungsbogen denkt.
Dass die Folge um die Silvesternacht herum aufgebaut ist, ist übrigens kein Zufall: Jede der fünf Staffeln von „Babylon 5“ erzählt ein Jahr der Serienhandlung. Mit „Chrysalis“ ist das Jahr 2258 abgeschlossen, die Geschichte allerdings hat gerade erst so richtig begonnen. Wie formuliert es Kosh doch am Ende treffend: „And so it begins…“

 

Highlight der Episode: „Chrysalis“ ist nicht arm an Höhepunkten, aber beim ersten Anschauen war der größte WTF-Moment für mich Delenn in ihrem Kokon. Ich konnte mir damals beim besten Willen nicht vorstellen, wo das hinführen sollte…

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode:

Ich habe eigentlich alles Wichtige oben im Text schon erwähnt, aber ich fasse noch einmal zusammen:

  • Präsident Santiago ist tot, sein Vize Morgan Clark wurde zum Nachfolger ernannt und verfolgt eine gänzlich andere Politik als sein Vorgänger.
  • Michael Garibaldi liegt im Koma.
  • Delenn steckt in einem Kokon. Wir wissen nicht warum oder was aus ihr werden wird.
  • Commander Sinclair und Catherine Sakai haben sich verlobt.
  • Londo Mollari ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen: Ohne die wahren Motive (oder die Verbündeten) von Mr. Morden zu kennen, hat er diesen das Problem um Quadrant 37 „lösen“ lassen.
  • G’Kar hat erkannt, dass es in der Galaxis eine ungeheuer mächtige, unbekannte Macht geben muss und hat die Station verlassen, um Nachforschungen anzustellen.

(Weitere) Fragen:

  • Wer bzw. welche Gruppierung steckt hinter dem Anschlag auf die Earth Force One? War Vizepräsident Clark tatsächlich krank – oder hatte er etwas mit der Explosion der EarthForce One zu tun und hat das Schiff deshalb verlassen?
  • Welche Frage hat Lennier in Delenns Auftrag an Botschafter Kosh gestellt?Was sieht Delenn, als Kosh sich ihr zeigt? Warum fühlt sie sich dadurch in ihrer Entscheidung bestätigt, sich in den Kokon zu begeben? Warum konnte sie nicht noch ein wenig mit dem Beginn ihrer Transformation warten? Sie hätte mit Sinclair sprechen können, nachdem sich die Lage auf der Station beruhigt hat und sich dann erst in den Kokon begeben können.
  • Warum lässt die Frau, die Garibaldi im Lift liegen sieht, eigentlich sofort einen Schrei los? Während einer rauschenden Silvesterparty jemanden am Boden liegen zu sehen, sollte doch gar nicht so ungewöhnlich sein.
  • Wer oder was sind die Wesen, mit denen sich Morden in seinem Quartier unterhält? Arbeitet er für sie oder sie für ihn? Welche Ziele verfolgen sie und welche Rolle soll Londo Mollari dabei spielen?

Weitere interessante Punkte:

  • Dank der mehrmaligen Datumseinblendungen und der in der Episode gezeigten Silvesterfeier wissen wir, dass die gezeigten Ereignisse im Zeitraum vom 30.12.2258 bis zum 1.1.2259 spielen.
  • Einmal mehr werden wir in dieser Folge Zeuge von G’Kars Vorliebe für menschliche Frauen. Die Szene, in der drei Frauen sein Schlafzimmer verlassen, nachdem Na’Toth zuvor noch Sinclair mitgeteilt hatte, der Botschafter sei äußerst beschäftigt, ist herrlich.
  • Die Imperatoren der Centauri können nach ihrem Tod zu Göttern erhoben werden. Aktuell befinden sich um die 50 Götter im Centauri-Pantheon.

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten:

  • Die Episode wurde bei ihrer Erstausstrahlung in den USA über zwei Monate nach der vorhergehenden Episode gesendet. Bereits eine Woche später ging es mit der zweiten Staffel weiter.
  • Auf dem Foto, welches Präsident Santiago zeigt, ist tatsächlich Douglas Netter zu sehen, einer der Produzenten der Serie.
  • Für Ed Wasser war diese Folge der erste Auftritt in seiner Rolle als Mr. Morden. Obwohl dieser zum ersten Mal in „Signs and Portents“ zu sehen ist, wurde das Staffelfinale vorher gefilmt (als zwölfte der 22 Episoden), damit man genug Zeit hatte, die aufwändigen Effekte fertig zu stellen.
  • Für die Szene, in der Präsident Clark an Bord der EarthForce Two eingeschworen wird, orientierte man sich an Fotos, auf denen zu sehen ist, wie Lyndon B. Johnson nach der Ermordung von John F. Kennedy an Bord der Air Force One seinen Amtseid ablegt. Zufälligerweise wurde die Szene sogar am Jahrestag dieses Ereignisses gefilmt.
  • Eigentlich hätte Laurel Takashima (Ivanovas Vorgängerin im Pilotfilm) diejenige Person sein sollen, die Garibaldi in den Rücken schießt. Doch nachdem die Schauspielerin Tamlyn Tomita für die Serie nicht zurückkehrte, teilte JMS die eigentlich für ihre Figur gedachte Verräter-Handlung auf mehrere andere Charaktere auf.
  • Für die Szene, in der G’Kar im Morgenmantel zu sehen ist, musste das Makeup von Schauspieler Andreas Katsulas auf dessen Brust und Unterarme ausgedehnt werden. Das war nicht nur äußerst zeitraubend, sondern die anschließende Entfernung auch besonders schmerzhaft.
  • Die Szene, in der Londo den Garten betritt, um dort Mr. Morden zu treffen, enthielt bei der Erstaustrahlung der Episode einen Fehler. Man hatte aus Versehen eine unfertige Version an den Fernsehsender geschickt, so dass statt des CGI-Hintergrundes ein Teil der Studiokulissen zu sehen war, inklusive eines „Exit“-Zeichens, an dem Londo vorbeigeht. Bei allen nachfolgenden Ausstrahlungen und auf den DVDs wurde der Fehler korrigiert. Mit der CGI-Ansicht des Gartens waren die Macher der Serie dennoch nicht zufrieden und er taucht in dieser Form in der Serie nie wieder auf.
  • Gleiches gilt für das Set des „Dark Star“-Nachtclubs. Der Platz wurde ab der zweiten Staffel für andere Kulissen verwendet.

Zitate:

Londo: „I think I’ll stick my head in the station’s fusion reactor. It would be quicker, and I suspect after a while I might even come to enjoy it.“
Vir: „Ambassador, why don’t you-“
Londo: „But this, this is like being nibbled to death by… What are those Earth creatures called? Feathers, long bill, webbed feet, go ‚quack‘?“
Vir:
„Cats.“
Londo:
„Cats. Like being nibbled to death by cats.“

Morden: „My associates believe that you’re a person of great potential, trapped in a position where your skills are unseen and unappreciated. They’d like to change that.“
Londo: „Yes, I’ve heard this before. And I have stopped listening. There comes a time when you look into the mirror and you realise that what you see is all that you will ever be. Then you accept it, or you kill yourself… or you stop looking into mirrors. No, nothing can be changed.“
Morden: „Then nothing’s lost by trying.“

Londo: „Is something wrong with your hearing?“
Vir: „No. Just for a moment I thought I’d entered an alternate universe.“

„If you let your anger cloud your judgment, it’ll destroy you.“ (Sinclair zu G’Kar)

„It is important that we move on to create the world that Luis Santiago would have wanted for his children, my children, and for posterity yet to come. We will begin by focusing more on the needs of our own people to sustain them through this difficult time and prepare them for the tasks ahead.“ (aus der Antrittsrede des soeben eingeschworenen Präsidenten Morgan Clark)

„And so it begins.“ (Kosh zu Sinclair)

„Nothing is the same anymore.“ (Sinclair zu Catherine Sakai)

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch wird der Auftakt zur zweiten Staffel sein, „Points of Departure“. Ich verspreche euch, dass ich mir nicht wieder elf Monate Zeit dafür lassen werde…


Übersicht über die Blogposts zu den Episoden der ersten Staffel

Nachdem ich meine Besprechungen der ersten Staffel nun endlich beendet habe, poste ich hier noch eine Übersicht all meiner bisherigen „Babylon 5“-Blogposts. Einfach auf die entsprechende Episode klicken und ihr kommt zum Blogpost. 🙂 Die Reihenfolge entspricht der von JMS empfohlenen Episodenreihenfolge und weicht gerade in der ersten Staffel deutlich von der Reihenfolge auf den DVDs ab. (Dort wo die Reihenfolge abweicht, habe ich die Episodentitel fett markiert.)

„Babylon 5“ – Die Science-Fiction-Kultserie (Einführung)
„Babylon 5“-Podcasts
(noch nicht erwähnt habe ich den einzigen deutschsprachigen B5-Podcast, „Der graue Rat“!)
The Gathering (Die Zusammenkunft – Pilotfilm)

1.01    Midnight on the Firing Line (Ragesh 3)                                

1.02    Soul Hunter (Der Seelenjäger)
1.03    Born to the Purple (Die Purpurdaten)
1.04    Infection (Ein unheimlicher Fund)
1.05    The Parliament of Dreams (Angriff auf G’Kar)                               
1.06    Mind War (Die Macht des Geistes)
1.07    The War Prayer (Angriff auf die Außerirdischen)
1.08    And The Sky Full Of Stars (Gefangen im Cybernetz)
1.09    Deathwalker (Die Todesbringerin)                                                    
1.10    Believers (Die Gläubigen)
1.11    Survivors (Ein Wiedersehen mit Folgen)
1.12    By Any Means Necessary (Mit allen Mitteln…)
1.13    Signs and Portents (Visionen des Schreckens)
1.15    Grail (Der Gral)
1.16    Eyes (Die Untersuchung)
1.18    A Voice in the Wilderness – Part 1 (Angriff der Aliens – Teil 1)
1.19    A Voice in the Wilderness – Part 2 (Angriff der Aliens – Teil 2)
1.20    Babylon Squared (Verloren in der Zeit)
1.21    The Quality of Mercy (Die Heilerin)
1.14    TKO (Im Ring des Blutes)
1.17     Legacies (Krieger wider Willen)  
                                                                    
1.22    Chrysalis (Chrysalis)