Rezension: „It Was Fifty Years Ago Today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond“

Es gilt immer noch als das einflussreichste Album der Musikgeschichte: „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles. Dieses Jahr wurde das 50-jährige Jubiläum des Albums mit dem Erscheinen einer erstmals völlig neu abgemischten Version gefeiert, dank der man das legendäre Werk nun in einer ganz neuen, frischen Weise genießen kann.

Bl-ray: "It Was Fifty Years Ago Today"

Aber nicht nur von offizieller Seite kommen zum Jubiläum Neuveröffentlichungen, auch andere wollen ein Stück vom Kuchen abhaben. So kommt am 20. Oktober der Dokumentarfilm „It Was Fifty Years Ago Today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond“ als DVD und Blu-ray in den Handel. Wie der Titel schon sagt, versucht Regisseur Alan G. Parker darin, ein Bild der Beatles im Zeitraum um die Veröffentlichung von „Sgt. Pepper“ zu zeichnen. So jedenfalls könnte man wohlwollend beschreiben, worum es in dem Film geht. Tatsächlich besteht dieser nämlich aus einer ziemlich wahllosen Aneinanderreihung von Interviews und Aufnahmen, die halt alle irgendwie mit den Beatles in den Jahren 1966 bis 1968 zu tun haben. Um die Entstehung und Rezeption des legendären Albums geht es dabei zwar bisweilen auch, aber generell bekommt man beim Anschauen eher den Eindruck, dass Parker ganz einfach all die (oft nicht besonders interessanten oder tiefgehenden) Informationen, die er seinen Interviewpartnern entlocken konnte, in eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge bringen und daraus eben irgendwie einen Film machen wollte.

Bereits die Auswahl dieser Interviewpartner zeigt, dass es sich hier nicht gerade um eine Beatles-Doku allererster Klasse handelt. Musikexperten, Kulturkritiker und dergleichen sucht man vergebens; auch neue Interviews mit den noch lebenden Bandmitgliedern fehlen. Stattdessen darf unter anderem Ringos Vorgänger in der Band, Pete Best,  fröhlich in die Kamera grinsen und erzählen, wie froh und stolz er ist, auch einmal ein Beatle gewesen zu sein. Das war er für kurze Zeit zwar tatsächlich, aber nun einmal ganz bestimmt nicht mehr während der Entstehung von „Sgt. Pepper“. Der Informationsgehalt seiner Beiträge hält sich dementsprechend in engen Grenzen. Unter den weiteren Personen, die Parker vor seine Kamera bekommen hat, befinden sich unter an derem die Schwester von George Harrisons Frau sowie die frühere Sekretärin des Beatles-Fanclubs. Die eine oder andere interessante Anekdote springt dabei zwar schon heraus, oftmals scheint Parker aber leider viel zu verliebt in sein eigenes Material zu sein und hätte viel mehr kürzen und einzelne Redebeiträge stärker zusammenschneiden müssen, um sein Publikum nicht zu ermüden.

Die interessantesten Teile des Films sind dementsprechend stets die Originalaufnahmen aus den 1960er Jahren, darunter zahlreiche Interviews mit den Fab Four, die immer wieder zum Schmunzeln einladen. Doch wer sich nicht gerade erst seit gestern mit den Beatles beschäftigt, wird auch dabei nur noch wenig Neues finden. Thematisch ist „Fifty Years Ago Today“ wie bereits erwähnt ziemlich unfokussiert. Der Film beleuchtet zu Beginn die Umbrüche, denen sich die Band nach der Veröffentlichung von „Revolver“ und ihrer – wie sich heraus stellen sollte – letzten Konzerttournee ausgesetzt sah. Im Mittelteil beschäftigt sich Parker zwar dann schon mit dem „Sgt. Pepper“-Album, fördert dabei aber kaum neue Einsichten zutage, sondern arbeitet nacheinander einige Standardthemen (wie z.B. die Entstehung des Plattencovers) ab, lässt aber viele wichtige und interessante Aspekte einfach weg. Schließlich springt der Film zu den Erlebnissen der Beatles mit dem indischen Maharishi und dem Tod ihres Managers Brian Epstein. Die Frage ist nur, warum – schließlich hat das wenig bis gar nichts mit „Sgt. Pepper“ zu tun. Der Film zerfasert in seiner zweiten Hälfte immer mehr, bis er schließlich ganz zum Schluss doch plötzlich wieder zum „Sgt. Pepper“-Album zurückkehrt.

Insgesamt kann ich „It Was Fifty Years Ago Today“ überhaupt nicht empfehlen. Die Dokumentation wirkt lieblos und bringt nicht nur Beatles-Kennern keine neuen Erkenntnisse, sondern ist auch für Neulinge ungeeignet. Zu willkürlich werden die Schwerpunkte gesetzt, zu uninteressant sind zum Teil die Interviewpartner und deren Aussagen. Aber den vielleicht größten Schwachpunkt dieser Dokumentation habe ich noch gar nicht erwähnt: Die Filmemacher haben nämlich keine Erlaubnis für die Nutzung der Beatles-Lieder erhalten! Man hört also in dieser Beatles-Dokumentation kein einziges Beatles-Lied, was die Besprechung des Albums natürlich noch zusätzlich erschwert. Auch Musikvideos oder Auftritte der Band sind dementsprechend so gut wie gar nicht in den Film eingebunden.

Meine Empfehlung lautet daher: Besorgt euch die Neuauflage von „Sgt. Pepper“ und hört sie euch auf einer guten Anlage oder mit hochwertigen Kopfhörern an. Das bringt ein Vielfaches an Erleuchtung als es dieser nutzlose Film tut.

© Studio Hamburg Enterprises

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Die Michael Jackson Halloween-Compilation „Scream“

Es ist Herbst, die Tage werden deutlich kürzer, die Blätter bunt und Halloween nähert sich. Schon seit Jahren ist das auch hierzulande für viele ein Anlass, ihre Fenster und Vorgärten mit Kürbissen und allerlei schaurigem Dekomaterial auszustatten. Für Michael Jackson-Fans wie mich bedeutet es vor allem eines: Es ist wieder die Zeit, verstärkt Songs wie „Thriller“, „Ghosts“ und „Threatened“ zu hören und Jacksons visuelle Gothic-Meisterwerke „Thriller“ und „Ghosts“ anzuschauen – spätestens am Halloween-Abend. Tatsächlich heißt Halloween für viele Jackson-Fans schon lange nur noch „Thrillerween“ oder „Thriller Night“.

Michael Jackson hatte sein Leben lang eine Vorliebe fürs Gruselige. Mit dem „Thriller“-Video lebte er diese Vorliebe 1983 künstlerisch aus und schuf gleichzeitig einen Meilenstein im Genre des Musik-Kurzfilms. Im Lauf seiner Karriere kehrte er mit Songs wie „Ghosts“, „Is It Scary“ oder „Threatened“ immer wieder zur Grusel- und Gothic-Thematik zurück. Diese faszinierte ihn nicht nur deswegen, weil er Verkleidungen und Schauergeschichten liebte, sondern auch, weil er beim Zurückgreifen auf die Konventionen dieses Genres der Welt einen Spiegel vorhalten konnte. Ganz nach dem Motto „Ihr denkt, ich bin ein Monster? Seht hier, ihr seid selber welche!“ Eine dunkle Seite steckt in jedem von uns…

Für die Aufnahmen zu „Thriller“ holten Michael Jackson und Quincy Jones Horrorfilm-Legende Vincent Price ins Studio, der den nun berühmten gesprochenen Teil am Ende des Stücks aufnahm. Die Handlung des Kurzfilms „Ghosts“ entwarf Jackson in den Neunzigern gemeinsam mit dem Meister des Horros, Stephen King. Auch war er ein großer Bewunderer Edgar Allan Poes, den er sogar in einem Film spielen wollte. 2009, als er mit seiner Rückkehr auf die Konzertbühne ein großes Comeback feiern wollte, plante Jackson außerdem ein Halloween-Special im amerikanischen Fernsehen (wie dieses ausgesehen hätte, kann man hier lesen). Dazu kam es bekanntlich leider nicht mehr. Dennoch ist zumindest das Lied „Thriller“ aus der Halloween-Saison nicht mehr wegzudenken.

In Anbetracht von Jacksons Vorliebe für die Thematik liegt es also nahe, rechtzeitig zu Halloween ein paar Produkte herauszubringen, die die Grusel-Songs und -Filme des King of Pop in den Mittelpunkt rücken. Auf dem Internationalen Filmfestival von Venedig hat John Landis, Regisseur des „Thriller“-Videos, eine 3D-Version des Kurzfilms vorgestellt. Man kann nur hoffen, dass diese auch außerhalb des Festvials zu sehen sein wird und hoffentlich auch als 3D-Bluray erscheint (zusammen mit dem bislang nur auf VHS veröffentlichten, ebenfalls in Venedig gezeigten „Making of Thriller“). Im Oktober wird im US-Fernsehen zudem ein animiertes Halloween-Special ausgestrahlt. Darin soll es um zwei Figuren gehen, die sich in der Halloween-Nacht treffen und ein „magisches Abenteuer“ erleben, das in einer spektakulären Tanzszene mit einem „animierten Michael Jackson“ endet. Die Sprecher sind dabei zum Teil durchaus prominent (Alan Cumming, Christine Baranski, Lucy Liu), aber trotzdem ist mein Kommentar dazu nur: WTF!!?? So wie ich Sony Music und den Michael Jackson Estate einschätze, wird wohl eher dieses Special auf Bluray veröffentlicht als die 3D-Version von Thriller…

Kommen wir aber mal zum eigentlichen Gegenstand dieses Blogposts: Am Freitag erscheint nämlich auch eine neue Michael Jackson-Compilation namens „Scream“, die thematisch ebenfalls zur Halloween-Saison passen soll. Das ist prinzipiell eine gute Idee, schließlich hat Jackson mehrere dazu passende Lieder veröffentlich. Aber schauen wir uns das Album, von dem ein Rezensionsexemplar gerade vor mir auf dem Schreibtisch liegt, mal genauer an.
Optisch ist es auf jeden Fall sehr schön gestaltet. Die Illustration auf dem Cover ist wirklich gut gelungen und dürfte von nun an auf keiner Einladung für eine Jackson-Halloween-Party mehr fehlen. Das Booklet lässt sich zu einem Poster mit einer dann aber leider recht lieblos wirkenden Illustration auffalten. (Auf meinem Instagram-Account findet ihr mehrere Fotos des Albums.) Zusätzlich liegt dem Album ein kleiner Flyer bei. Hat man auf seinem Smartphone die „Shazam“-App installiert und scannt diesen damit, soll man in Verbindung mit dem Poster Zugang zu einer Augmented Reality-Erfahrung erhalten. Bei mir hat das allerdings noch nicht funktioniert, ich wurde nur auf eine Webseite weiter geleitet, auf der ich das Album vorbestellen kann.

Was den Inhalt des Albums betrifft, wirkt dieser zum Teil etwas willkürlich zusammen gewürfelt. Natürlich liegt das auch daran, dass Michael Jackson zwar durchaus eine Handvoll „Grusel-Songs“ veröffentlicht hat, aber eben nicht genug, um damit ein ganzes Album zu füllen. Unter den 14 Tracks finden sich neben dem obligatorischen „Thriller“ deshalb auch solche, die lediglich vom Titel oder der allgemeinen Atmosphäre her weitestgehend auf das Album passen. So haben „Blood On The Dance Floor“ und „Dangerous“ zwar die Worte „Blut“ und „gefährlich“ im Titel, behandeln aber unter anderem das ebenfalls bei Jackson beliebte Thema der „femme fatale“. Ähnliches gilt für „Scream“ und „Unbreakable“ – beides für Michael Jackson äußerst persönliche Lieder mit Botschaften, die ihm sehr wichtig waren. Diese Songs sollte man nicht auf rein „gruselige“ Lieder reduzieren! Etwas kurios wirkt es, dass sich auch „Somebody’s Watching Me“ auf das Album verirrt hat. Klar, der Titel klingt nach Horrorfilm und Grusel, aber eigentlich handelt es sich hier um ein bestenfalls mittelmäßiges Stück des Sohns von Motown-Gründer Berry Gordy, zu dem Michael Jackson lediglich den immer wieder aus denselben beiden Zeilen bestehenden Refrain beigetragen hat. Fast am schlimmsten finde ich jedoch, dass das Stück „Xscape“ hier nur in der 2014 veröffentlichten Remixversion vorliegt. Wie willkürlich die Aufnahme mancher Stücke in die Tracklist ist, zeigt auch, dass es durch aus noch andere Stücke gegeben hätte, die  zumindest vom Titel her auf das Album gepasst hätten, „State of Shock“ oder „Speed Demon“ zum Beispiel.

Die wirklich zur Thematik passenden Lieder sind neben „Thriller“ noch „Ghosts“ und „Threatened“. Auch „This Place Hotel“, das das Album eröffnet, lässt sich durchaus der Kategorie der Gothic-Grusel-Songs zuordnen. Das ursprünglich 1980 auf dem Jacksons-Album „Triumph“ erschienene Stück war eines der ersten Lieder, die Michael Jackson im Alleingang geschrieben, gesungen und produziert hat. (Eigentlich heißt der Song „Heartbreak Hotel“, wurde aber damals wegen angeblicher Verwechslungsgefahr mit dem gleichnamigen Elvis Presley-Titel nicht unter diesem Titel veröffentlicht. Inzwischen finde ich diese Umbenennung nur noch lächerlich, schließlich gibt es genug andere Songs, die genauso heißen.) Unerklärlicherweise fehlt mit „Is It Scary“ einer der besten und vielschichtigsten Jackson-Titel überhaupt. Den Abschluss des Albums bildet ein neuer Mashup aus mehreren der auf dem Album enthaltetenen Songs (hier ist dann auch „Is It Scary“ dabei), an dem das Bemerkenswerte ist, dass es sich hier um einen Michael Jackson-Halloween-Mashup handelt, der ganz ohne „Thriller“ auskommt! Dafür ist dieser Remix aber ziemlich hektisch und durcheinander geraten, also bezweifle ich, dass er ein Hit auf Halloween-Parties oder im Radio werden wird.

Positiv an dieser Zusammenstellung von Liedern ist, dass es viele unbekanntere Stücke auf das Album geschafft haben. Tatsächlich findet sich darauf nur ein Song aus dem sonst so ausgeschlachteten „Thriller“-Album, dafür aber mit „Unbreakable“ und „Threatened“ zwei Titel aus Jacksons „vergessenem“ Studioalbum „Invincible“. Zu beiden Liedern wollte Jackson übrigens spektakuläre Kurzfilme drehen; leider bekam er aufgrund der Streitigkeiten mit seiner Plattenfirma 2001/2002 nicht die Gelegenheit dazu. Die optische Gestaltung des Albums finde ich wie gesagt sehr gelungen. Im Oktober wird auch eine „glow in the dark“-Vinylausgabe erscheinen, deren Anschaffung sich wohl zumindest aus optischen Gesichtspunkten lohnt. Davon abgesehen ist „Scream“ aber mal wieder ein äußerst lieblos zusammen geschustertes Produkt des Michael Jackson Estates. Wie erwähnt hegte Michael Jackson eine lebenslange Vorliebe für alles Gruselige und Mysteriöse, für Horrorfilme und Verkleidungen. Was läge also näher, als darauf in ein paar Liner Notes im Booklet des Albums einzugehen und zu erklären, warum man sich zur Zusammenstellung dieser Compilation entschlossen hat? Auch Interpretationen und Analysen der einzelnen Songs könnte man dabei liefern. Der einzige Satz, den man dazu im Booklet findet, lautet aber „This album celebrates the King of Pop, Michael Jackson, and his love for the Halloween season.“ Äußerst schwach!

Braucht man also ein Album wie „Scream“? Sicherlich nicht, jedenfalls nicht in dieser From. Und ganz sicher hätte der Michael Jackson Estate auch an dieses Projekt mit mehr Detailliebe und Umsicht heran gehen können (und müssen!). Eine Compilation, die vielleicht einigen Jackson-Neulingen ein paar der nicht so bekannten Songs nahe bringt, ist ja prinzipiell eine gute Sache. Aber es gäbe so viele wichtigere und dringendere Veröffentlichungen, um die sich Sony und die Nachlassverwalter längst hätten kümmern müssen. Ganz bestimmt brauchen wir kein Halloween-Animationsspecial mit einem tanzenden CGI-Michael am Ende. Stattdessen sollte zum Beispiel endlich mal Jacksons Meisterwerk „Ghosts“ auf Bluray veröffentlich werden! (Der Film ist tatsächlich noch nicht einmal offiziell auf DVD erschienen.) Davon, dass man auch alle anderen Kurzfilme und Aufnahmen von Jacksons Konzerten endlich einmal ordentlich remastern und in hochaufllösender Fassung veröffentlichen sollte, will ich gar nicht erst anfangen…

Interessant fände ich es allerdings, wenn nach „Scream“ noch weitere Compilations veröffentlicht werden, die sich mit konkreten Themen beschäftigen. Einen „Love Songs“-Sampler bekommt sowieso fast jeder Künstler früher oder später spendiert. Eine „Dance“-Compilation bietet sich bei Michael Jackson natürlich auch an. Am wichtigsten wäre mir aber die Veröffentlichund eines Albums mit Liedern, in denen es um das große soziale und umweltpolitische Bewusstsein Jacksons geht. Man könnte ein solches Album schlicht „Earth“ oder „Planet Earth“ nennen. DAS wäre mal ein wirklich notwendiges Projekt, das man in Verbinung zu zahlreichen Umwelt- und Benefizaktionen stellen könnte. (Unten findet ihr Links zu Spotify-Playlisten – einmal die Tracks aus „Scream“, allerdings mit der Originalversion von „Xscape“ und eine Liste mit einigen potentiellen Kandidaten für ein „Earth“-Album.) Übrigens ist gerade Joseph Vogels hervorragendes Buch zur Entstehung von „Earth Song“ in einer neuen, erweiterten Auflage erschienen. Einen Auszug könnt ihr hier lesen. Die Anschaffung des Buches lohnt sich sehr!


Copyright Bild: Sony Music

Buchrezension: „How To Be Everything“ von Emilie Wapnick

Was haben David Bowie, James Franco, Steve Jobs, Galileo Galilei und Patti Smith gemeinsam? Sie alle sind bzw. waren sogenannte „Multipotentialites“. Dieser Begriff bezeichnet Personen, die vielfältige Interessen und Talente besitzen und sich in zahlreichen verschiedenen Feldern ausprobieren und einsetzen wollen. Keine/r der Genannten war ihr/sein Leben lang nur in einem einzigen Beruf tätig; sie alle gehen bzw. gingen verschiedenen Beschäftigungen nach, die manchmal auf den ersten Blick nicht einmal etwas miteinander zu tun haben müssen.

Wenn sich zwei Menschen kennen lernen, stellt einer von beiden früher oder später die „Was machst du?“-Frage. Noch immer werden Menschen in unserer Gesellschaft über ihren Beruf definiert, und zwar über den einen Beruf. Werden sie danach gefragt, was sie denn machen, dann impliziert die Frage zweierlei: zum einen wird dabei eben gefragt, was man beruflich macht und zum anderen wird eine einzige, klare Antwort erwartet. „Ich bin Ärztin“, „ich bin Schneider“ oder „ich bin Programmierer“ sind gesellschaftlich akzeptable Antworten auf die Frage „Was machst du?“. Doch was, wenn man sich nicht über eine einzige Tätigkeit definieren will und das vielleicht auch gar nicht kann, weil man tatsächlich zwei oder mehr unterschiedlichen Berufen nachgeht? Und was, wenn es sich dabei – zumindest aus Sicht der Allgemeinheit – gar nicht um voll- bzw. gleichwertige „Berufe“ handelt?

Um diese und viele andere Fragen geht es in Emilie Wapnicks Buch „How To Be Everything“. Es richtet sich gezielt an Leser, die sich selbst als Multipotentialites bezeichnen – aber auch an solche, die vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie eigentlich welche sind. Auf ihrer Website und in ihrem TED-Talk beschäftigt sich die Autorin schon seit längerem mit dem Thema „Multipotentialites“, nun hat sie auch ein Buch darüber veröffentlicht. Und Wapnick weiß, wovon sie schreibt, denn sie kann und will sich selbst auf keine einzelne Tätigkeit festlegen und keiner Bezeichnung unterwerfen, die ihre Persönlichkeit mit nur einem einzigen Begriff beschreibt. Sie hat Musik, Kunst, Film und Jura studiert und war bereits auf all diesen Feldern aktiv.

Wer nun denkt „Die soll sich mal entscheiden und herausfinden, was sie wirklich machen will“, der ist wohl auch noch dem Glauben daran verhaftet, dass jeder Mensch einen bestimmten Beruf ergreifen, darin möglichst gut werden und ihn vielleicht sogar sein ganzes restliches Leben lang ausführen soll. Die Vorstellung dass nicht jeder/r von uns eben (nur) eine einzige Berufung im Leben hat, wie Wapnick es in ihrem TED-Talk darlegt, ist solchen Personen wahrscheinlich neu. Tatsächlich müssen sich Multipotentialites noch häufig für ihre vielfältigen Interessen, unterschiedlichen Tätigkeiten und wenig zielstrebig wirkenden Lebensläufe rechtfertigen. Damit, wie man diesbezüglich mit Fragen, Unverständnis und Kritik umgehen soll, beschäftigt sich ein Kapitel am Ende von Wapnicks Buch. Der Großteil des Buches jedoch handelt von den Stärken und Möglichkeiten des Daseins als Multipotentialites – und hat mir damit selbst Mut gemacht und Auftrieb gegeben.

So führt Wapnick zum Beispiel die „Superkräfte“ auf, über die Multipotentialites verfügen. Dazu zählen meist ein außerordentlich hohes Maß an Kreativität, die Fähigkeit, Ideen und Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen zu verbinden, eine hohe Anpassungsfähigkeit und die Fähigkeit, schnell dazu zu lernen und sich rasch in neuen Aufgabenfeldern zurecht zu finden. Die Autorin gibt aber auch nützliche Tipps dazu, wie man etwa seinen Alltag strukturiert, wenn man mehrere unterschiedliche Tätigkeiten unter einen Hut bringen will – und natürlich auch dazu, wie man dabei finanziell über die Runden kommt.

Einen Großteil des Buches macht die Beschreibung vier verschiedener Modelle aus, nach denen man ein Leben als Multipotenitalite gestalten kann. (Wobei es sich dabei natürlich nur um Modelle handelt, die man – ganz dem Dasein als Multipotenitalite entsprechend – auch miteinander verbinden kann.) Will man etwa dem „Phoenix Approach“ folgen und sich immer wieder neu erfinden? Will man es wie Albert Einstein in dem nach ihm benannten Ansatz tun und einen Hauptberuf ergreifen, der einem aber genügend Zeit und Energie lässt, um sich nebenbei noch vielfältigen anderen Interessen zu widmen? Fühlt man sich vom „Group Hug Approach“ angesprochen, dann sollte man sich einen Job suchen, der möglichst viele der eigenen Interessengebiete umfasst und Raum zum Einsatz zahlreicher verschiedener Fähigkeiten lässt. Wem dieser Ansatz nicht zusagt, der kann schließlich dem „Slash Approach“ folgen und zwei oder mehr Teilzeitberufen gleichzeitig nachgehen, die natürlich vollkommen unterschiedlich sein können. Die einzelnen Kapitel werden nicht nur mit einer Zusammenfassung der jeweils wichtigsten Punkte abgeschlossen, sondern auch mit einer kurzen Anleitung, die dabei hilft, das zuvor Beschriebene in die Tat umzusetzen und zunächst einmal zu prüfen, ob es überhaupt auf das eigene Leben anwendbar ist. Als Leser/in wird man dabei immer wieder zum Erstellen von Listen (z.B. der eigenen Interessen oder Prioritäten) aufgefordert, soll sich aber auch wichtige Fragen stellen (Kann ich mit nur einem einzigen Job glücklich werden? Würde dieser mir genügend Einkommen verschaffen?).

Bevor sie zur Beschreibung der einzelnen Modelle kommt, leitet Wapnick ihre Leser aber zunächst einmal dazu an, sich sowohl über ihre finanziellen Bedürfnisse und Erwartungen klar zu werden als auch darüber, was dem eigenen Leben eigentlich Bedeutung verleiht und in welchen Tätigkeiten man so richtig aufgeht – definitv etwas, worüber man sich erst einmal klar werden sollte. Auch dabei dürfen kurze Anleitungen zum genauen Durchdenken der Fragen natürlich nicht fehlen. Zum Ende des Buches hin folgen dann nicht nur die bereits erwähnten Strategien zum Umgang mit Kritik und Unverständnis am Dasein als Multipotentialite, sondern auch solche dazu, wie man einen Alltag meistert, der mit unterschiedlichen Aufgaben und Tätigkeiten angefüllt ist (Stichwort Zeitmanagemant).

Insgesamt ist „How To Be Everything“ ein äußerst inspirierendes Buch, das wie die meisten anderen Selbsthilfebücher (denn um ein solches handelt es sich hier im weiteren Sinn) nützlich sein kann, wenn man es denn lässt. Umsetzen muss man das Gelesene nämlich natürlich immer noch alleine. Ich habe das Buch einmal von vorne bis hinten durchgelesen, bin aber noch nicht den Aufforderungen zum Erstellen von Listen meiner Interessen, Prioritäten usw. gefolgt. Nimmt man diese Aufgaben jedoch ernst, dann kann das Buch eine wertvolle Hilfe dabei sein, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und erste Schritte auf dem Weg in ein interessanteres, erfülltes Leben zu tun. Ich selbst bin mit jedenfalls sicher, ein Multipotenialite zu sein; ich habe vielfältige Interessen und kann mir nicht vorstellen, tagtäglich nur immer ein und dieselbe Tätigkeit auszführen. Nun muss ich nur noch auf meine innere Stimme hören und einige der Ratschläge des Buches befolgen. 🙂

Copyright Bild: Harper Collins

Babylon 5: Episode 1.22 – Chrysalis

— Ganz am Ende dieses Blogposts findet Ihr eine Übersicht aller bisherigen „Babylon 5“-Blogposts! —

Neuigkeiten von B5-Schöpfer J. Michael Straczynski und aus dem „Babylon 5“-Universum

Seit meinem letzten „Babylon 5“-Blogpost ist natürlich so einiges passiert. Wie ihr wahrscheinlich wisst, ist seitdem die komplette zweite Staffel von „Sense8“ bei Netflix erschienen – und die Serie kurz danach abgesetzt worden. 😦 Die Fans haben nicht locker gelassen und Netflix lautstark dazu aufgefordert, die von JMS und den Wachowskis ursprünglich auf fünf Staffeln angelegte Serie doch noch weiterzuführen. Einen kleinen, aber beachtenswerten Erfolg konnte die #RenewSense8-Kampagne immerhin verbuchen: Irgendwann im nächsten Jahr wird es ein zweistündiges Special geben, welches die noch offenen Handlungsfäden der Serie abschließt.
Auf der San Diego Comic Con hat JMS auch dieses Jahr wieder ein eigenes Panel gehabt, in dem er die Fans über den aktuellen Stand seiner Projekte informiert hat. Unter anderem arbeitet er gerade an einem Roman, die Vorproduktion zur Verfilmung seiner Comicserie „Rising Stars“ ist angelaufen und er will immer noch einen „Babylon 5“-Kinofilm drehen, hat aber Angst, dass die Marke umso uninteressanter wird, je mehr Zeit verstreicht. Eine kurze Zusammenfassung seiner wichtigsten Aussagen könnt ihr euch hier durchlesen. Es ist zudem in den letzten Jahren fast schon zur Tradition geworden, dass JMS auf diesen Panels auch äußerst Persönliches aus seinem Leben erzählt. Auch diesbezüglich hat er dieses Mal nicht enttäuscht. Er hatte einige sehr bewegende Dinge aus seiner Kindheit und Jugend zu berichten, die mich zu einem noch größeren Fan und Bewunderer von ihm gemacht haben. Gleichzeitig erklären sie ein bisschen, warum JMS in der Branche bisweilen einen Ruf als Sturkopf hat und man manchmal hört, mit ihm arbeite es sich nicht leicht zusammen. In einem weiteren Panel gab JMS allen Nachwuchsautoren hilfreiche Tipps fürs Schreiben von Drehbüchern, Romanen und Comics und berichtete von seinen eigenen Erfahrungen aus der Branche. Eine Zusammenfassung könnt ihr euch hier durchlesen.
Am 16. Juni verstarb leider erneut ein Darsteller aus „Babylon 5“: Stephen Furst, den wir alle als Vir Cotto kennen, erlag den Komplikationen, die im Zusammenhang mit seiner langjährigen Diabetes-Erkrankung entstanden. Er wurde nur 63 Jahre alt. Neben seiner Rolle in „Babylon 5“ war er vor allem als Flounder in „National Lampoon’s Animal House“ bekannt. Außerdem führte er bei drei Folgen von „Babylon 5“ Regie.
Auch der langjährige ausführende Produzent von „Babylon 5“, Douglas Netter, verstarb am 8. Mai im stolzen Alter von 95 Jahren. In der Episode, die ich unten bespreche, bekommt man ihn kurz zu sehen (siehe „Hinter den Kulissen-Fakten“).

Und nun zur Episode, um die es in diesem Blogpost geht – dem Finale der ersten Staffel. 🙂


Episode 1.22 „Chrysalis“ („Chrysalis“)

Drehbuch: J. Michael Straczynski, Regie: Janet Greek
Erstausstrahlung: 26.10.1994 (USA), 17.12.1995 (Deutschland)

„Chrysalis“ bildet den Abschluss der ersten Staffel von „Babylon 5“. Die Folge stellt eine der wichtigsten und sicherlich auch besten Episoden der Staffel dar, wartet mit mehreren Cliffhangern auf und lässt den Zuschauer mit zahlreichen offenen Fragen zurück.

„Alles wie gehabt“, denkt man sich in den ersten Minuten der Episode noch. Diese beginnt nämlich mit einem Streit zwischen Londo und G’Kar vor den versammelten Ratsmitgliedern. Genau wie in der ersten Folge geht es dabei um ein Stück Weltraum – genauer gesagt Quadrant 37 – das beide Völker für sich beanspruchen, das aber momentan einen Außenposten der Narn beherbergt.
Auch als Garibaldi in der daran anschließenden Szene einem sterbenden Informanten gerade noch die Worte „They’re gonna kill him…“ entlocken kann, reißt einen das noch nicht unbedingt vom Hocker. Wahrscheinlich werden es wieder ein paar Kleinkriminelle auf den Commander oder einen anderen Stationsbewohner abgesehen haben, denkt man sich zu diesem Zeitpunkt. Auch so etwas haben wir ja bereits mehrmals erlebt.

Doch nach der Titelsequenz werden im weiteren Verlauf der Folge viele der Erwartungen des Zuschauers über den Haufen geworfen – und ebenso zahlreiche Entwicklungen und Gegebenheiten, die im Verlauf der Staffel etabliert worden waren. Der Präsident ist tot, Botschafterin Delenn steckt in einem Kokon, Londo Mollari hat sich endgültig auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen und Sicherheitschef Garibaldi liegt im Koma. Dass Commander Sinclair seiner Freundin Catherine Sakai einen Heiratsantrag gemacht hat, wird angesichts dieser Ereignisse zur Nebensache.

Beginnen wir mal mit der Handlung um den Tod des Präsidenten.  Michael Garibaldi hat zunächst keine Ahnung, in was für eine große Sache er seine Nase dieses Mal hineinsteckt. Am Anfang ist es schön zu sehen, dass er sich um seinen Informanten, Petrov, sorgt. Mit diesem kann er sich offenbar identifizieren, da auch Garibaldis eigene Vergangenheit alles andere als blitzsauber ist. Deshalb versucht er Leuten eine Chance zu geben, die seiner Meinung nach eine zweite (oder dritte, vierte,…) Chance verdient haben, genau so wie Sinclair ihm mit dem Posten auf Babylon 5 noch einmal eine Chance gegeben hat. Doch Petrov stirbt und Garibaldi hat von ihm nur erfahren, dass irgendjemand umgebracht werden soll.
Dass es sich dabei um den Erdpräsidenten handeln könnte, deutet die Serie an, indem sie gleich danach zum ISN-Bericht über die „goodwill tour“ von Präsident Santiago schneidet (wir erinnern uns: dieser war in der allerersten Folge ins Amt gewählt worden). Beginnend beim Mars will Santiago mit der EarthForce One mehrere Kolonien besuchen und soll schließlich am Neujahrstag, dem 1.1.2259, auf Io eine Rede über die Beziehung der Menschen zu fremden Völkern halten. (Das Schiff des Präsidenten haben wir bereits in „Survivors“ zu sehen bekommen.) Später in der Episode erfahren wir zudem, dass Vizepräsident Morgan Clark (Gary McGurk) dieser Reise aufgrund einer angeblichen Vireninfektion für eine Weile fernbleibt.
Bei seinen Nachforschungen stößt Garibaldi auf einen Mann namens Devereaux (Edward Conery), der sich aber nicht von ihm nicht einschüchtern lässt. Devereaux wird in Gewahrsahm genommen, entkommt aber aus seiner Gefngniszelle, was ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass es sich hier nicht nur um eine Angelegenheit unter Kleinkriminellen handelt und Deveraux Unterstützer unter den Sicherheitskräften der Station hat.
Als Garibalid schließlich einige Frachtcontainer ausfindig macht, in denen Störsender an Bord Bord der Station geschmuggelt worden sind, zieht er aus der dort eingestellten Frequenz die richtige Schlussfolgerung: jemand will den Präsidenten umbringen! Doch kurz darauf stellt sich ihm Deveraux in den Weg – und noch viel wichtiger: hinterrücks wird Garibaldi von einem seiner eigenen Leute erschossen, der für die Verschwörer arbeitet. Dabei handelt es sich glaube ich um Garibaldis Stellvertreter, den wir schon in einigen anderen Folgen gesehen haben. Gespielt wird er von Macauly Bruton, dessen Name ja schon ein wenig nach „Brutus“ klingt. 😉
Garibaldi kann sich anschließend schwerverletzt in einen Aufzug schleppen, wird auf einer Silvesterfeier entdeckt und ins Medlab gebracht. Dort kann er Sinclair zwar noch mitteilen, dass es jemand auf den Präsidenten abgesehen hat, doch es ist zu spät: Sinclair und alle anderen ISN-Zuschauer müssen mitansehen, wie die EarthForce One mit Präsident Luis Santiago an Bord explodiert. Aufgrund der gestörten Kommunikationskanäle gelingt es Sinclair nicht, vorher noch eine Warnung zu senden. Mit der Bewachung des im Koma liegenden Garibaldi beauftragt er ausgerechnet dessen Stellvertreter…
Dieser wiederum beseitigt später ein paar lose Enden und bringt Deveraux um. Im Gespräch mit einer Senatorin von der Erde versucht Sinclair die Regierung vergeblich davon zu überzeugen, dass die Explosion des Raumschiffs des Präsidenten kein Unfall war. Doch er hat keinerlei Beweise für seine Anschuldigungen. Schließlich wird Vizepräsident Clark zum Nachfolger von Santiago ernannt und legt an Bord der EarthForce Two den Amtseid ab.
Genau wie die anderen Handlungsstränge der Episode ist die Ermordung von Santiago und der Amtsantritt von Clark wegweisend für die Zukunft der Serie: Nicht nur ist Clark ein korrupter Politiker, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Seine Politik ist auch eine völlig andere als die seines Vorgängers. In seiner ersten Rede teilt er der Erdbevölkerung mit, die Erde werde sich von nun an wieder mehr um ihre eigenen Probleme kümmern. Das hat mich beim Anschauen diese Mal stark an die Antrittsrede von Donald Trump erinnert, in der dieser die Botschaft „America First“ kundtat. (Überhaupt wird im weiteren Verlauf der Serie noch einiges an aktuelle politische Entwicklungen erinnern.)
Von dieser Entwicklung gibt es jedenfalls kein Zurück; Clark ist nun Präsident, der politsche Kurs der Erdregierung ändert sicht damit stark und auch Babylon 5 und seine Bewohner werden davon betroffen sein.

Auch Londo Mollari trifft in dieser Episode eine folgenschwere Entscheidung, die seine weitere Laufbahn entscheidend beeinflussen wird: Im oben schon erwähnten Streit mit den Narn um den Außenposten in Quadrant 37 kommt ihm unerwartet der zwielichtige Mr. Morden (Ed Wasser) zu Hilfe. Dieser hatte ihm bereits in „Signs and Portents“ einen großen Gefallen getan, scheinbar ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Mordens Hilfsbereitschaft macht Mollari misstrauisch, doch die Antwort, die Morden gibt, als er ihn darauf anspricht, sollte ihn eigentlich noch misstrauischer machen: Mollari müsse erst einmal gar keinen Preis für die Gefallen zahlen, sagt Morden. Irgendwann in der Zukunft aber würden er und seine Verbündeten auf Mollari zukommen und von ihm eine Gegenleistung erwarten. Das klingt zunächst vielleicht zu schön um wahr zu sein, bei näherer Betrachtung ähnelt es aber den Strukturen in der Mafia. (In einem der „Babylon 5“-Podcasts, die ich regelmäßig höre, wird Mr. Morden dementsprechend auch als „space mob“ bezeichnet.)
Londo nimmt Mordens Angebot jedenfalls an, ohne genau zu wissen, wie ihm dieser eigentlich helfen will und wer seine mysteriösen Verbündeten sind. Nachdem der Narn-Außenposten in Quadrant 37 schließlich restlos zerstört worden ist, steigt Londos Ansehen bei seiner eigenen Regierung natürlich enorm. Londo selbst aber ist entgeistert darüber, dass Morden zehntausend Narn hat ermorden lassen. Allerspätestens an diesem Punkt müsste er einsehen, dass er sich auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen hat. Ob es davon noch ein Zurück gibt, werden die kommenden Staffeln zeigen.
Dass Mr. Morden absolut nichts Gutes im Schilde führt, unterstreicht jedenfalls seine letzte Szene in dieser Episode. Darin sieht man ihn in einem Quartier mit zwei unbekannten Wesen sprechen. Es wird klar, dass Morden mit einer fremden Macht zusammenarbeitet und dass er Londo Mollari für deren Zwecke manipuliert.

Commander Sinclair versucht unterdessen im Streit zwischen Londo und G’Kar zu vermitteln. Keiner der beiden will nachgeben und G’Kar ist immer noch von tiefem Hass auf die Centauri erfüllt, die seinen Planeten verwüstet und sein Volk versklavt haben. Nach der Zerstörung des Außenpostens ist G’Kar verständlicherweise am Boden zerstört, zieht aber eine richtige Schlussfolgerung: Keines der bekannten Völker kann dafür verantwortlich sein. Die Centauri mögen zwar die größten Feinde der Narn sein, doch auch sie haben nicht die militärische Stärke, um so einen Schlag durchzuführen. Es muss also noch eine unbekannte und äußerst mächtige Partei existieren.
Am Ende der Episode hat G’Kar die Station verlassen, um diesbezüglich weitere Nachforschungen anzustellen. Er stimmt Sinclair in seiner Einschätzung zu, dass sie alle an einer Weggabelung stünden und große Veränderungen auf sie zukommen.

Auch für Minbari-Botschafterin Delenn ist diese Episode der Beginn großer Veränderungen. Wohl nirgends ist dies so offensichtlich wie in ihrem Fall, denn sie befindet sich am Ende der Folge tatsächlich in einem Kokon, einer Chrysalis. Als wer oder was sie diese wieder verlassen wird, wissen wird noch nicht. Ich weiß noch, wie ich mir nach der deutschen Erstausstrahlung der Folge darüber den Kopf zerbrochen habe. 😉
Die ganze Staffel über haben wir Delenn immer wieder ein seltsames Gebilde zusammensetzen sehen (z.B. in „Signs and Portents“), bei dem nicht klar war, ob es sich um ein Geschicklichkeitsspiel, ein Kunstobjekt oder etwas ganz anderes handelt. Nun ist klar: Es handelt sich um die Vorrichtung, welche die Chrysalis erzeugt. Die Gründe für Delenns Handeln liegen allerdings noch vollkommen im Dunkeln. Lennier stellt in ihrem Auftrag Botschafter Kosh eine (uns unbekannte) Frage, die dieser mit „ja“ beantwortet. Daraufhin sucht Delenn Kosh selbst auf, der für sie seinen Schutzanzug öffnet und ihr seine wahre Gestalt zeigt (auch das bekommen wir nicht zu sehen). Dies scheint eine Vermutung Delenns zu bestätigen, was sie wiederum in ihrem Vorhaben bestärkt, sich in einen Kokon zu begeben und einer Transformation zu unterziehen. (Dass sie schon länger über diesen Schritt nachdenkt, zeigt die Tatsache, dass in der letzten Folge die junge Thelepatin Alisa in Delenns Gedanken zufällig auf das Wort „Chrysalis“ gestolpert war.)
Bevor sie das tut, besucht sie noch Sinclair, der aber gerade keine Zeit für sie hat. Sie zeigt ihm das dreieckige Triluminarium, welches bei der Befragung Sinclairs durch die Minbari während der Schlacht um die Erde zum Einsatz kam (davon haben wir bereits in „And the Sky Full of Stars“ erfahren). Mit dem Versprechen, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen, bittet sie ihn, sie später in ihrem Quartier zu besuchen. Sinclair hat also endlich die Chance, zu erfahren was es mit der „Lücke in seinem Gedächtnis“ auf sich hat. Doch weil er in dieser Folge genug andere Dinge um die Ohren hat, vergisst er Delenn aufzusuchen. Als Kosh ihn schließlich daran erinnert, ist es zu spät: Delenn steckt bereits im Kokon. Das Triluminarium dient Delenn schließlich auch als letztes Bauteil ihrer Maschine, mit deren Hilfe sie sich verpuppt.
Delenns Geschichte enthält hier so viele Unbekannte, dass man als Zuschauer nur abwarten kann. Die kommenden Episoden werden zeigen, was aus ihr wird und was ihr Handeln zu bedeuten hat.

Commander Sinclair hat also im Verlauf dieser Episode alle Hände voll zu tun; an eine Silvesterfeier kann er nicht einmal einen Gedanken verschwenden. Delenn verspricht ihm verblüffende Enthüllungen, sein Sicherheitschef wird schwer verletzt, der Präsident getötet und Londo und G’Kar liegen wie gewohnt miteinander im Clinch. Doch immerhin eines verspricht Sinclairs Leben Stabilität zu verleihen: seine Beziehung zu Catherine Sakai (Julia Nickson). Die beiden kennen sich seit etwa 15 Jahren und haben es nun trotz ihrer zeitraubenden Jobs geschafft, so etwas wie eine funktionierende Beziehung aufzubauen. Also macht Sinclair seiner Catherine einen Heiratsantrag – dumm nur, dass die Chemie zwischen den Schauspielern so gar nicht stimmt. (Im Audiokommentar spricht JMS von der „feurigen“ Catherine Sakai, was ich beim besten Willen nicht erkennen kann.)
Garibaldi und Ivanova werden als Trauzeugen rekrutiert (Ivanova bekommt leider die ganze Folge über kaum mehr zu tun), ansonsten dürfte Sinclair aber in dieser Episode über ziemlich wenig Gedanken an seine Verlobung verschwenden. Am Ende liegt er erschöpft in Catherines Armen und stellt fest: „Nothing is the same anymore.“ Er hat ja keine Ahnung, wie recht er hat…

JMS hat „Chrysalis“ als eine Folge bezeichnet, die weniger ein Finale darstellt als vielmehr eben nur den Abschluss des ersten Kapitels der „Babylon 5“-Geschichte. Dementsprechend erhalten wir hier auch kaum Antworten und es wird nichts zum Abschluss gebracht. Stattdessen gibt es Andeutungen, Cliffhanger und viele offene Fragen. Die erste Staffel besteht zum Großteil aus in sich abgeschlossenen Episoden, aber das Finale weist wie wohl keine andere Episode der Staffel schon darauf hin, dass JMS in größeren Handlungsbogen denkt.
Dass die Folge um die Silvesternacht herum aufgebaut ist, ist übrigens kein Zufall: Jede der fünf Staffeln von „Babylon 5“ erzählt ein Jahr der Serienhandlung. Mit „Chrysalis“ ist das Jahr 2258 abgeschlossen, die Geschichte allerdings hat gerade erst so richtig begonnen. Wie formuliert es Kosh doch am Ende treffend: „And so it begins…“

 

Highlight der Episode: „Chrysalis“ ist nicht arm an Höhepunkten, aber beim ersten Anschauen war der größte WTF-Moment für mich Delenn in ihrem Kokon. Ich konnte mir damals beim besten Willen nicht vorstellen, wo das hinführen sollte…

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode:

Ich habe eigentlich alles Wichtige oben im Text schon erwähnt, aber ich fasse noch einmal zusammen:

  • Präsident Santiago ist tot, sein Vize Morgan Clark wurde zum Nachfolger ernannt und verfolgt eine gänzlich andere Politik als sein Vorgänger.
  • Michael Garibaldi liegt im Koma.
  • Delenn steckt in einem Kokon. Wir wissen nicht warum oder was aus ihr werden wird.
  • Commander Sinclair und Catherine Sakai haben sich verlobt.
  • Londo Mollari ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen: Ohne die wahren Motive (oder die Verbündeten) von Mr. Morden zu kennen, hat er diesen das Problem um Quadrant 37 „lösen“ lassen.
  • G’Kar hat erkannt, dass es in der Galaxis eine ungeheuer mächtige, unbekannte Macht geben muss und hat die Station verlassen, um Nachforschungen anzustellen.

(Weitere) Fragen:

  • Wer bzw. welche Gruppierung steckt hinter dem Anschlag auf die Earth Force One? War Vizepräsident Clark tatsächlich krank – oder hatte er etwas mit der Explosion der EarthForce One zu tun und hat das Schiff deshalb verlassen?
  • Welche Frage hat Lennier in Delenns Auftrag an Botschafter Kosh gestellt?Was sieht Delenn, als Kosh sich ihr zeigt? Warum fühlt sie sich dadurch in ihrer Entscheidung bestätigt, sich in den Kokon zu begeben? Warum konnte sie nicht noch ein wenig mit dem Beginn ihrer Transformation warten? Sie hätte mit Sinclair sprechen können, nachdem sich die Lage auf der Station beruhigt hat und sich dann erst in den Kokon begeben können.
  • Warum lässt die Frau, die Garibaldi im Lift liegen sieht, eigentlich sofort einen Schrei los? Während einer rauschenden Silvesterparty jemanden am Boden liegen zu sehen, sollte doch gar nicht so ungewöhnlich sein.
  • Wer oder was sind die Wesen, mit denen sich Morden in seinem Quartier unterhält? Arbeitet er für sie oder sie für ihn? Welche Ziele verfolgen sie und welche Rolle soll Londo Mollari dabei spielen?

Weitere interessante Punkte:

  • Dank der mehrmaligen Datumseinblendungen und der in der Episode gezeigten Silvesterfeier wissen wir, dass die gezeigten Ereignisse im Zeitraum vom 30.12.2258 bis zum 1.1.2259 spielen.
  • Einmal mehr werden wir in dieser Folge Zeuge von G’Kars Vorliebe für menschliche Frauen. Die Szene, in der drei Frauen sein Schlafzimmer verlassen, nachdem Na’Toth zuvor noch Sinclair mitgeteilt hatte, der Botschafter sei äußerst beschäftigt, ist herrlich.
  • Die Imperatoren der Centauri können nach ihrem Tod zu Göttern erhoben werden. Aktuell befinden sich um die 50 Götter im Centauri-Pantheon.

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten:

  • Die Episode wurde bei ihrer Erstausstrahlung in den USA über zwei Monate nach der vorhergehenden Episode gesendet. Bereits eine Woche später ging es mit der zweiten Staffel weiter.
  • Auf dem Foto, welches Präsident Santiago zeigt, ist tatsächlich Douglas Netter zu sehen, einer der Produzenten der Serie.
  • Für Ed Wasser war diese Folge der erste Auftritt in seiner Rolle als Mr. Morden. Obwohl dieser zum ersten Mal in „Signs and Portents“ zu sehen ist, wurde das Staffelfinale vorher gefilmt (als zwölfte der 22 Episoden), damit man genug Zeit hatte, die aufwändigen Effekte fertig zu stellen.
  • Für die Szene, in der Präsident Clark an Bord der EarthForce Two eingeschworen wird, orientierte man sich an Fotos, auf denen zu sehen ist, wie Lyndon B. Johnson nach der Ermordung von John F. Kennedy an Bord der Air Force One seinen Amtseid ablegt. Zufälligerweise wurde die Szene sogar am Jahrestag dieses Ereignisses gefilmt.
  • Eigentlich hätte Laurel Takashima (Ivanovas Vorgängerin im Pilotfilm) diejenige Person sein sollen, die Garibaldi in den Rücken schießt. Doch nachdem die Schauspielerin Tamlyn Tomita für die Serie nicht zurückkehrte, teilte JMS die eigentlich für ihre Figur gedachte Verräter-Handlung auf mehrere andere Charaktere auf.
  • Für die Szene, in der G’Kar im Morgenmantel zu sehen ist, musste das Makeup von Schauspieler Andreas Katsulas auf dessen Brust und Unterarme ausgedehnt werden. Das war nicht nur äußerst zeitraubend, sondern die anschließende Entfernung auch besonders schmerzhaft.
  • Die Szene, in der Londo den Garten betritt, um dort Mr. Morden zu treffen, enthielt bei der Erstaustrahlung der Episode einen Fehler. Man hatte aus Versehen eine unfertige Version an den Fernsehsender geschickt, so dass statt des CGI-Hintergrundes ein Teil der Studiokulissen zu sehen war, inklusive eines „Exit“-Zeichens, an dem Londo vorbeigeht. Bei allen nachfolgenden Ausstrahlungen und auf den DVDs wurde der Fehler korrigiert. Mit der CGI-Ansicht des Gartens waren die Macher der Serie dennoch nicht zufrieden und er taucht in dieser Form in der Serie nie wieder auf.
  • Gleiches gilt für das Set des „Dark Star“-Nachtclubs. Der Platz wurde ab der zweiten Staffel für andere Kulissen verwendet.

Zitate:

Londo: „I think I’ll stick my head in the station’s fusion reactor. It would be quicker, and I suspect after a while I might even come to enjoy it.“
Vir: „Ambassador, why don’t you-“
Londo: „But this, this is like being nibbled to death by… What are those Earth creatures called? Feathers, long bill, webbed feet, go ‚quack‘?“
Vir:
„Cats.“
Londo:
„Cats. Like being nibbled to death by cats.“

Morden: „My associates believe that you’re a person of great potential, trapped in a position where your skills are unseen and unappreciated. They’d like to change that.“
Londo: „Yes, I’ve heard this before. And I have stopped listening. There comes a time when you look into the mirror and you realise that what you see is all that you will ever be. Then you accept it, or you kill yourself… or you stop looking into mirrors. No, nothing can be changed.“
Morden: „Then nothing’s lost by trying.“

Londo: „Is something wrong with your hearing?“
Vir: „No. Just for a moment I thought I’d entered an alternate universe.“

„If you let your anger cloud your judgment, it’ll destroy you.“ (Sinclair zu G’Kar)

„It is important that we move on to create the world that Luis Santiago would have wanted for his children, my children, and for posterity yet to come. We will begin by focusing more on the needs of our own people to sustain them through this difficult time and prepare them for the tasks ahead.“ (aus der Antrittsrede des soeben eingeschworenen Präsidenten Morgan Clark)

„And so it begins.“ (Kosh zu Sinclair)

„Nothing is the same anymore.“ (Sinclair zu Catherine Sakai)

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch wird der Auftakt zur zweiten Staffel sein, „Points of Departure“. Ich verspreche euch, dass ich mir nicht wieder elf Monate Zeit dafür lassen werde…


Übersicht über die Blogposts zu den Episoden der ersten Staffel

Nachdem ich meine Besprechungen der ersten Staffel nun endlich beendet habe, poste ich hier noch eine Übersicht all meiner bisherigen „Babylon 5“-Blogposts. Einfach auf die entsprechende Episode klicken und ihr kommt zum Blogpost. 🙂 Die Reihenfolge entspricht der von JMS empfohlenen Episodenreihenfolge und weicht gerade in der ersten Staffel deutlich von der Reihenfolge auf den DVDs ab. (Dort wo die Reihenfolge abweicht, habe ich die Episodentitel fett markiert.)

„Babylon 5“ – Die Science-Fiction-Kultserie (Einführung)
„Babylon 5“-Podcasts
(noch nicht erwähnt habe ich den einzigen deutschsprachigen B5-Podcast, „Der graue Rat“!)
The Gathering (Die Zusammenkunft – Pilotfilm)

1.01    Midnight on the Firing Line (Ragesh 3)                                

1.02    Soul Hunter (Der Seelenjäger)
1.03    Born to the Purple (Die Purpurdaten)
1.04    Infection (Ein unheimlicher Fund)
1.05    The Parliament of Dreams (Angriff auf G’Kar)                               
1.06    Mind War (Die Macht des Geistes)
1.07    The War Prayer (Angriff auf die Außerirdischen)
1.08    And The Sky Full Of Stars (Gefangen im Cybernetz)
1.09    Deathwalker (Die Todesbringerin)                                                    
1.10    Believers (Die Gläubigen)
1.11    Survivors (Ein Wiedersehen mit Folgen)
1.12    By Any Means Necessary (Mit allen Mitteln…)
1.13    Signs and Portents (Visionen des Schreckens)
1.15    Grail (Der Gral)
1.16    Eyes (Die Untersuchung)
1.18    A Voice in the Wilderness – Part 1 (Angriff der Aliens – Teil 1)
1.19    A Voice in the Wilderness – Part 2 (Angriff der Aliens – Teil 2)
1.20    Babylon Squared (Verloren in der Zeit)
1.21    The Quality of Mercy (Die Heilerin)
1.14    TKO (Im Ring des Blutes)
1.17     Legacies (Krieger wider Willen)  
                                                                    
1.22    Chrysalis (Chrysalis)

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Filmfest München: „78/52“, „David Lynch: The Art Life“, „The Man“, „Brigsby Bear“

Das 35. Filmfest München ist vorbei. Es waren wieder wunderbare neun Tage. Ich habe 30 Filme gesehen (vielleicht so viele wie bei keinem Festival zuvor), drei weitere Veranstaltungen besucht und auch zwei etwas ruhigere Tage eingelegt, an denen ich vor allem mit Freundinnen in Hotelbars oder vor dem Gasteig gesessen bin und gute Gespräche geführt habe. Abschließen will ich das Ganze nun mit einem letzten Blogpost, in dem ich noch einmal meine Eindrücke von ein paar der gesehenen Filmen schildere.

Ein Film, den ich natürlich sehen musste, war „78/52“. Diese Dokumentation beschäftigt sich allein mit der berühmten Duschszene in Alfred Hitchcocks „Psycho“. Regisseur Alexandre O. Philippe war vor ein paar Jahren bereits mit der (unter „Star Wars“-Fans umstrittenen) Dokumentation „The People vs. George Lucas“ auf dem Filmfest München zu Gast. Auch dieses Mal war er persönlich angereist und stand dem Publikum nach dem Film für ein Q&A zur Verfügung.
78/52Der Titel „78/52“ leitet sich aus der Länge der Duschszene (in Sekunden) und der Anzahl der Schnitte darin ab. Mit Hilfe von Interviews mit anderen Filmschaffenden und Kreativen wie Guillermo del Toro, Bret Easton Ellis, Eli Roth, Elijah Wood, Peter Bogdanovich oder Schnittlegende Walter Murch wirft Philippe nicht nur einen Blick auf den Entstehungsprozess der vielleicht berühmtesten Filmszene der Kinogeschichte, sondern arbeitet auch den enormen Einfluss heraus, den diese Szene seitdem auf das Kino hatte. Hitchcock hat damit dramaturgisch, musikalisch, schnitttechnisch und auf viele weitere Arten Neuland betreten und mit alten Konventionen gebrochen. Leider sind die meisten an der Entstehung von „Psycho“ beteiligten Personen bereits verstorben. Als einzige von ihnen hat Philippe noch eine der als Body Doubles für Janet Leigh dienenden Frauen interviewen können.
„78/52“ ist für Kino- und ganz besonders Hitchcock-Fans natürlich ein Muss. Der Film bringt einem keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse, verdeutlicht aber einmal mehr den Einfluss und die Bedeutung, die Hitchcocks Werk im Allgemeinen und „Psycho“ im Besonderen in der Filmgeschichte einnehmen. Alexandre O. Philippe hat auf dem Filmfest übrigens verraten, dass er momentan an einer Doku-Fernsehserie arbeitet, bei der in jeder Folge eine andere berühmte Filmszene behandelt werden soll. Danach werde ich auf jeden Fall die Augen offen halten.

David Lynch: The Art LifeEbenfalls in der Reihe „Lights! Camera! Action!“ wurde die Dokumentation „David Lynch: The Art Life“ gezeigt. Ich erinnere mich noch an eine andere beeindruckende Dokumentation über den Kultregisseur, die einfach den Namen „Lynch“ trug und vor zehn Jahren auf dem Filmfest gezeigt wurde. Darin konnte man David Lynch nicht nur als Filmemacher kennen lernen, sondern als Allroundkünstler, der insbesondere sehr interessante Fotos schoss. Auch in „The Art Life“ geht es nun, wie der Titel verspricht, um David Lynch als Künstler. Um seine Filme geht es hier kaum, dafür aber um sein Leben und seine Biographie. Man sieht Lynch vor allem beim Malen und beim Schaffen von Skulpturen zu. Über diese Bilder haben die Regisseure Jon Nguyen und Rick Barnes die Stimme David Lynchs gelegt, der uns aus seinem interessanten Leben erzählt. Er beginnt mit Kindheitserinnerungen und schildert dann seine Anfänge als Künstler. Ein bisschen wirkt das so, als würde man sich ein mit Bildern unterlegtes Hörbuch anhören. Es hat schon fast etwas Meditatives, einem ganz in sich und seine Kunst versunkenen David Lynch beim Malen zuzusehen. Doch dank der über diese Bilder gesprochenen autobiographischen Elemente ist der Film auch hochinteressant.

Um Kunst geht es auch in „The Man“. Der dänische Film von Regisseurin Charlotte Sieling erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte: Simon (Søren Malling) ist ein weltweit gefeierter Künstler Mitte fünfzig. Sein Sohn Caspar (Jakob Oftebro) hat bisher bei der Mutter gelebt, taucht eines Tages aber im Atelier seines Vaters auf. Der ist gar nicht begeistert, verhält sich abweisend und unhöflich und hofft, den jungen Wilden schnell wieder los zu werden. Doch Caspar hat vor, eine Weile zu bleiben. Auch er ist Künstler, stößt mit seinen von Simon als „Grafitti“ verspotteten Werken bei diesem jedoch auf Ablehnung. Die Konfrontationen zwischen den beiden schaukeln sich mehr und mehr hoch.
The Man„The Man“ ist kein schlechter Film, aber leider auch in keiner Hinsicht besonders herausragend. Die Entwicklung der Vater-Sohn-Geschichte ist äußerst vorhersehbar und selbst die letzte, vielleicht als große Überraschung gemeinte Szene habe ich ab einem bestimmten Punkt kommen sehen. Die Charaktere wirken klischeehaft und auch die Schauspieler haben mich nicht vollends überzeugt. Ich bereue es nicht, „The Man“ angeschaut zu haben, aber viel wird davon bei mir nicht hängen bleiben.

Wesentlich interessanter fand ich da schon „Brigsby Bear“. Der amerikanische Independentfilm von Dave McCary zeigt in den ersten Minuten eine Familie, bei der scheinbar alles in Ordnung ist. Der 25-jährige James (Kyle Mooney) lebt noch bei seinen Eltern und verehrt die Fernsehserie „Brigsby Bear“, mit der er aufgewachsen ist. Erst ein paar Szenen später wird klar, dass James als Baby entführt worden ist und seitdem ein vollkommen von der Außenwelt abgeschottetes Leben bei seinen Entführern gelebt hat. „Brigsby Bear“ ist eine von seinem „Vater“ eigens für James gedrehte Science Fiction-Serie, die James nicht nur unterhalten, sondern ihm auch gute Manieren und wichtige Lebenslektionen beibringen soll. Nachdem James von der Polizei befreit und zu seinen wahren Eltern zurück gebracht worden ist, kann er zunächst nicht fassen, dass außer ihm niemand jemals von „Brigsby Bear“ gehört hat. Weil er sehnsüchtig auf neue Episoden wartet, beschließt er, einfach selbst einen „Brigsby Bear“-Film zu drehen. Dabei hat er zwar die Unterstützung seiner Schwester und einiger neu gewonnener Freunde, doch seine Eltern sehen diese Entwicklung mit Sorge und finden, ihr Sohn solle sich lieber dem (so genannten) realen Leben zuwenden.
Brigsby BearLetztes Jahr lief mit „Slash“ ein so richtig nerdiger Film auf dem Filmfest. „Brigsby Bear“ rangiert auf der Nerd-Skala zwar wohl ein paar Punkte darunter, doch auch hier geht es darum, die teilweise etwas speziellen, nerdigen Hobbies anderer Leute zu akzeptieren und zu verstehen, dass etwa das Schreiben von Slash Fiction oder die an Besessenheit grenzende Beschäftigung mit einer Fernsehserie nicht sinnloser Zeitvertreib sind. Das müssen (kleiner Spoiler!) auch James‘ Eltern mit der Zeit erkennen: während sie zunächst seine Fokussierung auf „Brigsby Bear“ wie gesagt mit Sorge betrachten und ihn zu allerlei anderen sozialen Aktivitäten drängen wollen, verstehen sie später, dass das Fandasein ihren Sohnes keineswegs in die Einsamkeit abdriften lässt. „Brigsby Bear“ ist ein charmanter kleiner Film mit gut aufgelegten Darstellern (darunter u.a. Claire Danes und Mark Hamill, der auch die Figuren in der fiktiven „Brigsby Bear“-Serie spricht). Jeder, dessen Lieblingsserie vorzeitig abgesetzt worden ist, wird James‘ Leiden nachvollziehen können. 🙂


Natürlich habe ich längst nicht über alle Filme gebloggt, die ich dieses Jahr auf dem Filmfest gesehen habe. Ich habe mich meistens auf die Filme konzentriert, die mir gefallen haben (die größte Ausnahme dabei war „Rey“, mit dem ich überhaupt nichts anfangen konnte). Es gab dieses Mal nicht den einen Film, der mir am besten gefallen hat, so wie etwa letztes Jahr „Closet Monster“ oder vor drei Jahren „Under The Skin“. Meine beiden Lieblingsfilme in diesem Jahr waren wohl „Home“ und „The Death and Life of Otto Bloom“. Darüber hinaus haben mir „The Road to Mandalay“, „Handsome Devil“, „Prinzessinnen und Drachen“ und „Überleben in Neukölln“ sehr gut gefallen.

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmfest München: „Home“, „Wakefield“, „The Death and Life of Otto Bloom“, „Prinzessinnen und Drachen“

Sieben von neun Festivaltagen liegen hinter mir. 25 Filme habe ich schon gesehen und heute und morgen werden es noch ein paar mehr werden. Über ein paar Filme habe ich schon gebloggt (hier, hier und hier), aber bevor ich nachher wieder ins Kino muss, sollen auch hier im Blog noch ein paar Filmbesprechungen dazu kommen.

Einen der besten – ja vielleicht sogar den besten – Film meines diesjährigen Festivalprogramms habe ich am Dienstag gesehen. „Home“ ist ein belgisches Drama der Regisseurin Fien Troch, die darin die Geschichte einiger Jugendlicher schildert. Einer von ihnen, Kevin, ist soeben aus dem Jugendgefängnis entlassen worden und kommt bei seiner Tante unter. Er freundet sich mit Sammy und John an, die beide ihre eigenen Probleme haben. Mehr will ich über die Handlung gar nicht verraten. Auch wenn es zunächst den Anschein hat, der Film habe gar keine richtige Geschichte, so spitzt diese sich mit zunehmendem Verlauf doch immer mehr zu. Viele Szenen dienen allerdings ganz einfach der Etablierung der Charaktere und ihrer Lebenswelt. Dadurch wirken die Figuren so nahbar und authentisch.

HomeEin weiterer Grund dafür ist, dass Troch überwiegend Laiendarsteller gecastet hat, die sich bei den Dreharbeiten nicht streng ans Drehbuch halten mussten. Zudem basiert vieles von dem, was im Film gezeigt wird, auf eigenen Jugenderinnerungen der Regisseurin. Das Ergebnis ist ein Film, der einen mit seiner Direktheit und Natürlichkeit sehr berührt und einem das eine oder andere Mal auch einen Schlag in die Magengrube versetzt. „Home“ ist spannend, aber zum Teil auch erschreckend. Denn hier wird nichts beschönigt oder verschwiegen und Themen wie Gewalt und sexueller Missbrauch werden offen thematisiert. Das ist ganz großes, aber sicherlich nicht leicht verdauliches Kino.
Lockerer geht es da schon in „Wakefield“ (Regie: Robin Swicord) zu – allerdings nur auf den ersten Blick. Der diesjährige CineMerit Award-Preisträger Bryan Cranston („Breaking Bad“) spielt darin den New Yorker Anwalt Howard Wakefield, der jeden Abend nach der Arbeit mit dem Zug nach Hause in den Vorort fährt, zurück zu seiner Frau (Jennifer Garner, „Alias“) und seinen beiden Töchtern. Eines Abends jedoch entdeckt er bei seiner Ankunft einen Waschbär vor der Garage gegenüber des Hauses. Als er das Tier verscheuchen will, flüchtet es in die Garage.Wakefield Howard folgt ihm und landet schließlich in der Abstellkammer über der Garage. Von dort hat er durch ein kleines Fenster einen guten Blick in die Küche und das Wohnzimmer seines Hauses. Weil er sich mit seiner Frau gestritten hat und einer weiteren Konfrontation aus dem Weg gehen will, macht er es sich in dem Schuppen bequem und beobachtet seine Familie aus der sicheren Distanz, bis ihn der Schlaf übermannt. Auch am nächsten Morgen traut er sich jedoch nicht, wieder ins Haus zu gehen und beginnt, sich in der Kammer über der Garage häuslich einzurichten…

So seltsam und unglaubwürdig die Situation klingen mag, so absurd und bisweilen komisch ist dann doch die sich daraus ergebende Geschichte. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, einfach alles hinzuschmeißen und aus dem Alltag auszubrechen, fragt Howard Wakefield in einem seiner per Voice-Over vorgetragenen inneren Monologe das Publikum. Natürlich stehen hinter diesem Wunsch bei ihm tieferliegende Probleme in der Beziehung zu seiner Familie, die der Film zum Teil in Rückblenden erläutert. Auf diese Weise wird Howards Entscheidung, quasi als Obdachloser beim eigenen Haus zu leben, doch noch nachvollziehbar. Er lebt von den Essensresten, die seine Familie und die Nachbarn wegwerfen und je mehr Zeit vergeht, umso „professioneller“ wird er einerseits was diesen Lebensstil betrifft, umso weniger traut er sich allerdings auch, seiner Frau wieder gegenüber zu treten.

Der Geschichte wird ganz aus Howards Perspektive gezeigt, was u.a. bedeutet, dass man seine Familie meistens nur durch die Fenster des Hauses zu sehen bekommt, ihre Unterhaltungen aber nicht hört. Stattdessen hört man dagegen die Version dieser Unterhaltungen, die Howard sich im Kopf zurechtlegt – seine eigene Interpretation des Geschehens, die stets von seinem anfänglichen Hass auf seine Frau geprägt ist und mit der Zeit auch immer mehr davon, dass er sich in seinen Zustand mehr und mehr hineinsteigert, mit kaum jemandem mehr spricht und, nun ja, ein wenig verrückt dabei wird.

WakefieldIn gewisser Weise ist „Wakefield“ ein Gedankenexperiment, welches durchspielt, was passieren würde, wenn man sich seinen Problemen nicht stellen würde und stattdessen aus dem eigenen Leben heraustreten und zum bloßen Beobachter werden könnte. Der Film ist absurd und komisch, aber doch in sich schlüssig und Bryan Cranston überzeugt auch in der Rolle des Durchschnittstypen, die weniger Aufmerksamkeit erregend ist als seine Rollen in „Breaking Bad“ oder als Präsident Lyndon B. Johnson in „All The Way“, welcher auch auf dem Filmfest gezeigt wurde.

„Gedankenexperiment“ ist ein gutes Stichwort, das mich gleich zum nächsten Film führt. Oben habe ich „Home“ als den vielleicht besten Film meines diesjährigen Programms bezeichnet. Nun, dasselbe muss ich auch über „The Death and Life of Otto Bloom“ sagen. Dieser Film ist in der Ausführung zwar weniger spektakulär als „Home“, dafür aber voll von Kreativität und naiver Lebenslust. Es handelt sich hierbei um eine Mockumentary, also eine fiktive Dokumentation, mit der Regisseur Cris Jones seinen ersten Langfilm vorgelegt hat. Er erzählt darin die Geschichte von Otto Bloom (Xavier Samuel), der die Zeit rückwärts erlebt. Er hat also keinerlei Erinnerungen an alles Vergangene, kann sich aber an die Zukunft „erinnern“. Mit Hilfe von (gespielten) Interviewaufnahmen von Ottos Weggefährten, fiktiven dokumentarischen Aufnahmen aus dessen Leben und auch mit einigen Aufnahmen, die genau genommen mit der Form der Dokumentation brechen, erzählt Jones die Geschichte dieses Mannes.

Das Szenario wird dabei erstaunlich ernsthaft und gut durchdacht durchgespielt. Was wäre, wenn es einen solchen Menschen tatsächlich geben würde? Sein Leben wäre gewissermaßen eine Mischung aus „Benjamin Button“ und „Memento“, denn während sein Körper altert wie der aller anderen auch, bewegt sich sein Bewusstsein doch fortwährend in die andere Richtung. Die sich daraus ergebenden philosophischen uThe Death and Life of Otto Bloomnd sonstigen wissenschaftlichen Fragen sind natürlich endlos, und einige davon werden im Film auch angesprochen. Filmisch ist an „Otto Bloom“ wie bereits angedeutet nichts besonders aufregend; die Grundidee jedoch und die Konsequenz, mit der diese weiterverfolgt wird, machen den Film nicht nur zu einem wahren Vergnügen, sondern auch zu einer Geschichte, über die man noch lange nach dem Abspann nachdenkt. Der Film bringt nicht nur Vergangenheit und Zukunft zusammen, sondern betrachtet zahlreiche weitere Themen mal aus einem etwas anderen Blickwinkel: Wissenschaft, Religion, Liebe, Tod… Man entdeckt hier Zusammenhänge, die man nicht für möglich gehalten hätte und folgt gespannt der Lebensgeschichte des fiktiven Otto Bloom, als sei er tatsächlich eine reale, zeitgeschichtliche Person. „The Death and Life of Otto Bloom“ ist ein Film, über den ich noch lange nachdenken werde.

Um die ganz großen Themen des Lebens geht es auch im Festivalbeitrag „Prinzessinnen und Drachen“ („Ivan Tsarevitch et la Princesse Changeante“) von Michel Ocelot. Allerdings werden diese dort kindgerecht aufbereitet (und der Film läuft auch in der Reihe des Kinderfilmfestes). In wunderschöner Scherenschnitt-Optik erzählt der 57 Minuten lange Animationsfilm vier verschiedene Märchen aus aller Welt. Davon hat es mir vor allem die erste Geschichte angetan: Sie handelt von einer Gruppe von Menschen, die in einer Höhle leben und von Monstern bedroht werden. Nur wenn die Monster gnädig sind, lassen sie die Menschen an die Trinkwasserquelle oder zum Pilzesammeln. Ein kleines Mädchen, für das alle anderen nur Verachtung übrig haben, traut sich jedoch – unterstützt von einer Ratte – den Monstern gegenüber zu treten. Und siehe da: Tritt man ihnen entgegen und blickt ihnen in die Augen, dann werden die Monster immer kleiner und verschwinden schließlich ganz. Auf diese Weise kommt das Mädchen nicht nur an Wasser und Nahrung, sondern findet schließlich einen Weg aus der Höhle hinaus in eine Welt, die keiner der Höhlenbewohner je gesehen hat.

Die Moral dieser Geschichte ist natürlich, dass man sich seinenPrinzessinnen und Drachen Ängsten stellen muss, um sie zu überwinden. Dann sehen sie auf einmal gar nicht mehr so groß aus, wie man vorher dachte. Zugleich entdeckt man so ganz neue Welten, anstatt wie die Menschen in der Geschichte sein Leben lang in einer Höhle zu verbringen. Hätte ich Kinder, würde ich ihnen diesen Film auf jeden Fall zeigen, nicht nur wegen der wichtigen Botschaften in den Geschichten. Die Märchenerzählungen sind optisch wunderschön gestaltet und lassen sich (zumindest wenn man die Möglichkeit hat, sie zuhause anzuschauen) auch als einzelne, in sich geschlossene Kurzfilme betrachten. Wie gesagt war der erste davon meine Lieblingsepisode, und darin wiederum hatte ich eine Lieblinsszene: Die Ratte lotst das Mädchen aus der Höhle heraus, wobei jedoch eine Reihe von Monstern überwunden werden müssen. Wieder und wieder beteuert das Mädchen, dass es große Angst vor diesen habe. Und was erwidert die Ratte darauf jedes Mal? „Bien sur. Vas-y!“ („Natürlich. Geh weiter!“) Denn was bleibt einem schon anderes übrig, wenn man sich nicht von seiner Angst besiegen lassen will? Den Monstern in die Augen schauen und weitergehen! Ich wünsche mir, auch ich hätte eine kleine Ratte an meiner Seite, die mir dabei hilft…

Leider sind alle Vorführungen der vier hier besprochenen Filme auf dem Filmfest schon vorbei.

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmfest München: „Handsome Devil“ & „Überleben in Neukölln“

Ich kann nicht mehr sitzen! Das ist mein vorläufiges Fazit vom Filmfest München. Ein Screening nach dem anderen, dazwischen „Filmmakers Live“-Panels mit Bryan Cranston und Sofia Coppola und heute morgen ein Drehbuchworkshop – irgendwann tut einem der Allerwerteste vom ständigen Sitzen nur noch weh. Wie gut, dass ich vorgestern zwischen zwei Filmvorführungen einen Spaziergang durch München gemacht habe.

Nun aber zu einigen weiteren Filmen, von denen spätestens ab dem dritten Festivaltag viele in meinem Kopf miteinander zu verschwimmen scheinen. Ich werde also mal versuchen, meine Erinnerungen an sie zu rekonstruieren. Am Samstagabend habe ich „Handsome Devil“ gesehen, eine irische Internatsgeschichte um zwei ungleiche Schüler, die sich zunächst spinnefeind sind. Ned (Fionn O’Shea) interessiert sich mehr für Musik als für Rugby und fühlt sich u.a. deswegen dem Spott vieler seiner Mitschüler ausgesetzt. Dann muss er sich auch noch ein Zimmer mit Conor (Nicholas Galitzine) teilen, der dem Rugby-Team der Schule dabei helfen soll, an alte Erfolge anzuknüpfen. Vielleicht weil sich die beiden überhaupt nicht riechen können kommt ihr engagierter Englischlehrer (Andrew Scott, bekannt als Moriarty aus „Sherlock“) auf die Idee, sie mit einem Lied zusammen bei einer örtlichen Talentshow auftreten zu lassen. Beim Proben für ihren Auftritt lernen sich Ned und Connor besser kennen. Doch der Trainer und die anderen Mitglieder des Rugbyteams sehen es gar nicht gerne, dass ihr wichtigster Spieler so viel Zeit mit Ned und der Musik verbringt.
Handsome DevilRegisseur John Butler hat die Geschichte mit viel Feingefühl inszeniert und zudem seine jungen Darteller zu wirklich großartigen, nuancierten Leistungen angetrieben. Natürlich ist die Geschichte nicht neu und ziemlich vorhersehbar, aber die beiden glaubwürdigen Hauptdarsteller und der großartige Andrew Scott machen „Handsome Devil“ ebenso sehenswert wie der mit vielen tollen Songs angereicherte Soundtrack. Dieser Festivlabeitrag stellt einmal mehr das Thema „Identität“ in den Raum und stellt Fragen wie die, ob es einem wert ist, sein wahres Selbst zu verstecken, um seine Ruhe vor der Verachtung und Belästigung durch andere zu haben. Denn mehrere der Personen in der Geschichte sind homosexuell bzw. beginnen ihre Homosexualität zu entdecken, was besonders im Umfeld eines Jungeninternats natürlich alles andere als einfach ist. „Handsome Devil“ ist ein großartiger und kurzweiliger Film, der sowohl brandaktuelle als auch zeitlose Themen behandelt.

Die beiden Vorstellungen von „Handsome Devil“ auf dem Filmfest München sind leider bereits vorbei, aber ich gehe davon aus, dass man diesen Film hierzulande auch regulär im Kino oder zumindest durch eine DVD-Veröffentlichung zu sehen bekommen wird.

Überleben in Neukölln„Identität“ ist auch eines der Stichwörter zu „Überleben in Neukölln“. Zum einen geht es darin natürlich um die Identität eines ganzen Stadtviertels, aber auch um die seiner Bewohner. Diese werden in der Dokumentation von Rosa von Praunheim und Markus Tiarks portraitiert. Und auch wenn die Filmemacher sich dabei auf Mitglieder der LGBTIQ-Szene konzentrieren, so ist dies doch kein rein queerer Film. Denn man lernt darin Menschen kennen, die ganz einfach Spaß daran haben, sie selbst zu sein. Das kann z.B. bedeuten, sich als Mann jedes Wochenende in Frauenkleider zu werfen und in der eigenen Galerie selbst geschriebene Lieder zum Besten zu geben, so wie das Stefan alias Juwelia tut. Sobald er nach Berlin kam, erzählt Stefan im Film, brach diese Seite an ihm einfach aus ihm hervor.
So unterschiedlich die Neukölln-Bewohner, die im Film zu Wort kommen, auch sind, einen sie doch zwei Dinge: Zum einen das Engagement für die Erhaltung der Vielfalt und Buntheit des Kiezes und seiner Bewohner. Sie alle wollen auf ihre ihnen jeweils einzigartige Weise sie selbst sein, sich zum Ausdruck bringen und dafür sorgen, dass dies auch allen von ihnen gestattet ist. Zum anderen eint sie aber eben auch die Sorge, dass Neukölln seine beste Zeit vielleicht schon wieder hinter sich hat; schließlich sind auch hier bereits die Folgen der Gentrifizierung spürbar.

„Überleben in Neukölln“ ist ein manchmal zu Tränen rührender, insgesamt aber äußerst hoffnungsvoller Film. Denn die Art und Weise, wie hier so unterschiedliche Menschen nach dem Motto „leben und leben lassen“ zusammen leben, lässt einen hoffen, dass die Menschheit vielleicht doch noch eine Zukunft hat. Und gerade München kann sich von der Offenheit, Lockerheit und Warmherzig der Neuköllner ruhig mal eine Scheibe abschneiden.

„Überleben in Neukölln“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt: am 1.7. um 20 Uhr. Unbedingt hingehen!

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmfest München: „Buster’s Mal Heart“, „Animal Kingdom“, „Flesh and Blood“, „The Road to Mandalay“

13 Filme in drei Tagen, das ist meine vorläufe Bilanz vom Filmfest München. Heute werden es wieder ein paar mehr, aber bevor ich gleich wieder los muss ins Kino will ich hier noch ein paar Eindrücke festhalten.

Rami Malek, bekannt aus der Serie „Mr. Robot“, spielt in „Buster’s Mal Heart“ seine erste Kinohauptrolle. Eigentlich spielt er darin sogar drei Rollen. Und eigentlich auch wieder doch nicht, es ist etwas verwirrend. Der Film jedenfalls zeigt parallel drei verschiedene Handlungsstränge: Da ist zum einen Jonah, der als Concierge in einem Hotel arbeitet – stets in der Nachtschicht. Dann ist da „Buster“, der in fremde Häuser einbricht, um dort zu übernachten und bei Radiosendern anruft, um vor dem Weltuntergang zu warnen. Und dann ist da noch ein Mann in einem einsamen Boot auf dem weiten Meer…

Buster's Mal HeartAll diese drei Männer werden von Rami Malek gespielt und wer nun erwartet, dass der Film irgendwann klar herausstellt, wie ihre Geschichten zusammenhängen, der wird enttäuscht werden. Es werden zwar Andeutungen gemacht, doch die endgültige Interpretation bleibt dem dem Zuschauer überlassen. Malek gelingt es mit seinen Darstellungen, den gesamten Film zu tragen. Dieser enthält außerdem einiges an religiöser Symbolik, u.a. in den Kirchenliedern, die zum Teil den Soundtrack bilden. Mich hat „Buster’s Mal Heart“ an „Matrix“ und „Vanilla Sky“ denken lassen, auch wenn er mit diesen beiden Filmen eigentlich kaum etwas gemeinsam hat, außer eben ein paar Andeutungen bezüglich des Sinns und Zusammenhangs der drei Geschichten. Ein seltsamer Film, aber einer der einen zum Nachdenken bringt. Wer bin ich, wer will ich sein, wie wirken sich meine Entscheidungen auf meinen weiteren Lebensweg aus und steht dieser überhaupt unter meiner eigenen Kontrolle? Das sind Fragen, die Regisseurin Sarah Adina Smith hier auf äußerst interessante Weise stellt.

Leider sind die beiden Vorstellungen von „Buster’s Mal Heart“ auf dem Filmfest bereits vorbei.

Seit einigen Jahren hat das Filmfest eine eigene Programmreihe für neue Fernsehserien. Davon habe ich mir dieses Jahr die ersten beiden Folgen von „Animal Kingdom“ angeschaut. Die Serie ist momentan in Deutschland bei TNT Serie zu sehen und basiert auf dem gleichnamigen australischen Film von 2010. Für die Serie wurde die Handlung nun in die USA verlegt. Sie beginnt mit dem Drogentod der Mutter des 17-jährigen Joshua (Finn Cole), der daraufhin zu seiner Großmutter (Ellen Barkin) zieht. Bei dieser wohnen auch ihre drei erwachsenen Söhne, die mit Raubzügen für die finanzielle Sicherheit des Familienclans sorgen – stets überwacht und geleitet von der alles kontrollierenden Matriarchin.

Animal Kingdom„Animal Kingdom“ bietet solide Unterhaltung, ist aber meiner Meinung nach in keinem Bereich wirklich herausragend. Joshua scheint mit den kriminellen Machenschaften seiner Verwandschaft von Anfang an kaum Probleme zu haben und lässt sich selbst schnell dafür einspannen. Wo bleibt da noch Raum für die Figur, sich zu entwickeln? Wie es sich für eine Serie gehört, werden mehrere Andeutungen gemacht, aus denen sich in den weiteren Folgen Storyelemente zimmern lassen. Aber all das ist Standardkost und nichts davon kann wirklich überraschen. Wer gerne halbnackten, verschwitzten Männern dabei zusieht, wie sie sich im Pool prügeln oder Autos auseinandernehmen, der kommt bei „Animal Kingdom“ wohl auf seine Kosten. Und Ellen Barkin spielt die unsympathische, aber stets um ihre Familie besorgte Mutter bzw. Großmutter wirklich gut. Aber ich werde die Serie nicht weiter verfolgen.

Interessanter fand ich da schon die in „Flesh and Blood“ dargestellte Familie. Auch hier geht es um Kriminalität, Drogenprobleme und familiären Zusammenhalt. Regisseur Mark Webber hat sich selbst und seine eigenen Familienmitglieder als Schauspieler besetzt. Er erzählt die Geschichte von Mark (Mark Webber), der nach fünf Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und bei seiner Mutter (Madeline Brewer) und seinem 13-jährigen Bruder (Guillermo Santos) unterkommt. Alle Protagonisten haben hier ihr Päckchen zu tragen: Mark droht wieder in die Sucht abzurutschen, sein Bruder muss mit einer Asperger-Diagnose und seinem Außenseiter-Status leben und die Mutter musste als Teenagerin aus einem gewalttätigen Elternhaus fliehen.

Flesh and BloodDavon erzählt der Film in authentischen Bildern, bei denen nie so ganz klar ist, wieviel denn nun gespielt bzw. im Drehbuch festgelegt ist und wann die Darsteller ganz einfach spontan miteinander interagieren. Die Interaktionen wirken jedenfalls vollkommen natürlich und der Film damit schon fast dokumentarisch. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass Marks Bruder eine Dokumentation über seine Familie dreht und wir dadurch z.B. Interviewsequenzen mit der Mutter zu sehen bekommen. Übrigens spielen auch die Väter von Mark und seinem Bruder eine wichtige Rolle. In zwei wirklich nahe gehenden Szenen wird die Begnung der jungen Männer mit ihren Vätern geschildert und was man am Ende aus diesem Film mitnimmt, ist die Erkenntnis, dass Familie wohl immer viel (Beziehungs-)Arbeit bedeutet. Ein starker Film, der einen direkt berührt und ohne künstlich wirkendes Happy End daherkommt.

Leider sind auch die Vorführungen von „Flesh and Blood“ schon vorbei.

Ebenfalls ein starker Fim ist „The Road to Mandalay“. Die junge Lianquing kommt als illegale Einwanderin von Myanmar nach Thailand. Sie hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser und hofft, möglichst bald eine offizielle Arbeitserlaubnis zu erhalten. Dabei erlebt sie Rückschlag um Rückschlag, gibt aber nicht auf. Guo, der mit ihr nach Thailand gekommen ist, will sie dazu überreden, eine Stelle in einer Textilfabrik zu übernehmen, die besser bezahlt wird als viele andere Jobs. Zudem empfindet er für sie mehr als nur Freundschaft, traut sich jedoch nicht, ihr seine Gefühle zu offenbaren.

The Road to MandalayRegisseur Midi Z, der bereits mit zwei früheren Werken auf dem Filmfest München zu Gast war, hat mit „The Road to Mandalay“ zwar einen Film gedreht, in dem gar nicht viel passiert. Dank der großartigen Hauptdarstellerin, die die Hoffnungen, Ängste und Leiden ihrer Figur in jeder Einstellung für den Zuschauer spürbar macht, ist der Film aber trotzdem nie langweilig. Auch dieser Film wirkt phasenweise dokumentarisch, wenn man die Protagonisten etwa bei der Arbeit in Restaurants oder Fabriken beobachtet oder bei ihrem schwierigen Umgang mit Polizei und Behörden. Bestechung und Korruption sind dabei an der Tagesordnung und die Hoffnung auf eine legale Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zerschlägt sich schnell, so dass sich Lianquing auf ebenfalls sehr frustrierende Weise gefälschte Papiere zu besorgen versucht. „The Road to Mandalay“ ist ein manchmal ernüchternder und deprimierender, aber doch stets faszinierender und authentisch wirkender Einblick in eine Welt, die sowohl erschreckende Unterschiede als auch Parallelen zu unserer mitteleuropäischen Gesellschaft aufweist. Und spätestens das Ende des Films sorgt dann dafür, dass der Film im Gedächtnis haften bleibt und lange im Kopf des Zuschauers nachwirkt.

„The Road to Mandalay“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt: am 28.6. um 20 Uhr

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmfest München: „Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“ & „Rey“

Es ist wieder so weit: Das Filmfest München hat begonnen und das bedeutet: neun Tage Ausnahmezustand! Den ersten Tag habe ich schon überstanden. Weil alle meine Screenings gestern in der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) stattfanden, musste ich dabei nicht einmal kreuz und quer durch die Innenstadt hetzen und konnte zwischen den einzelnen Vorstellungen vor der HFF Sonne tanken.

Mein erster Film trug witzigerweise den Titel „Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“. Ob es ein schlechtes Omen ist, wenn das Filmfest bereits so beginnt? Ich fühlte mich gestern tatsächlich etwas gerädert, weil ich bereits in der Nacht vor dem ersten Festivaltag zu wenig Schlaf bekommen hatte – ein großer Fehler. Beim ersten Film, der in der Reihe „Neues deutsches Kino“ läuft, war ich aber noch wach und aufmerksam. Der Film erzählt die Geschichte der Paartherapeutin Luisa (Lina Beckmann). Sie ist schätzungsweise Mitte vierzig und mit Richard (Charly Hübner) verheiratet. Der ahnt nichts davon, dass seine Frau seit einiger Zeit eine heiße Affäre mit seinem Vorgesetzten Leopold (Benno Fürmann) hat. Dies wiederum bedeutet für Luisa natürlich einen erheblichen logistischen Aufwand, denn all die beruflichen und privaten Termine wollen erst einmal unter einen Hut gebracht werden – selbstverständlich ohne dass Richard von der Affäre erfährt.

Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?Doch Luisa erhält unerwartete Hilfe: Wie aus dem Nichts taucht plötzlich eine Doppelgängerin von ihr auf! Nachdem der erste Schock überwunden ist, tauft Luisa das Wesen auf den Namen Ann und erkennt, dass Anns Existenz durchaus ihre praktischen Seiten hat. Sie beauftragt Ann, sich um Richard zu kümmern, während sie sich selbst ganz in die Beziehung zu Leopold stürzen will. Aber so einfach, wie Luisa sich das ausmalt, läuft die Sache natürlich nicht ab…
Regisseurin Lola Randl hat mit „Fühlen Sie sich manchmal…“ eine charmante, witzige Komödie abgeliefert, deren größte Stärke die sympathische und vollkommen natürlich spielende Hauptdarstellerin ist. Es ist wirklich erfrischend, auch mal eine Person wie aus dem wahren Leben im Kino zu sehen und nicht immer nur auf Hochglanz gestylte Stars, denen man den Alltagsstress einer solchen Rolle gar nicht abnimmt. Lina Beckmann bringt genau die richtige Mischung aus Überdrehtheit und Bodenständigkeit in die Rolle ein und macht es dem Publikum leicht, sich mit ihr zu identifizieren. Zudem spielt sie hier natürlich eine Doppelrolle und darf als anfangs vollkommen naive und ahnungslose Ann auch eine andere Seite von sich zeigen.
Die ersten zehn oder fünfzehn Minuten wusste ich nicht so recht, was ich mit dem Film anfangen soll. Die teils absurd überzeichneten Szenarien, in denen das Bild am Computer verfremdet zu sein schien, fand ich etwas verwirrend und es war zunächst nicht klar, was das eigentlich für ein Film sein soll. Hat man die Figuren aber erst einmal kennen gelernt, versinkt man schnell in der Geschichte. Eines der Themen, die hier behandelt werden, ist natürlich das der Identität. Wer bin ich und wie kann ich angesichts all der Rollen, die ich im Alltag zu spielen habe (Ehefrau, Therapeutin, Geliebte,…) zu mir selbst finden und ich selbst bleiben? Das ist nur eine der Fragen, die der Film stellt.
Meine Lieblingsszene des Films ist eine eigentlich recht unscheinbare, die ich wohl nur deshalb so faszinierend fand, weil ich studierter Soziologe bin: Da sitzt Luisa mit Richard abends auf der Couch, mit dem Wissen, dass sie von Ann beobachtet werden. Weil Luisa Ann darauf vorbereiten will, bald ihre (Luisas) Rolle einzunehmen, versucht sie dieser zu erklären, was man als Richards Ehefrau so alles zu tun hat – selbstverständlich aber ohne Richard merken zu lassen, dass sie gerade eigentlich zu jemand anderem spricht. Sie betont also jede ihrer Handlungen und spricht Sätze wie „Und dann trinken wir zusammen Wein“, während Ann das Ganze wissbegierig beobachtet. Spannend fand ich die Szene, weil hier sowohl für das Kinopublikum, als auch für Ann – die Beobachterin im Film – gespielt wird. Dadurch werden soziale Konventionen klar herausgestellt, die sonst zwischen Luisa und Richard ganz selbstverständlich ablaufen würden, ohne dass Luisa darüber sprechen würde.
Aber damit will ich euch nicht weiter langweilen. Als Fazit bleibt mir noch zu sagen: „Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“ ist wie erwähnt charmant, witzig und authentisch. Die letzte halbe Stunde zieht sich leider etwas und der ganz große Wurf ist Lola Randl damit nicht gelungen, aber eine unterhaltsame Komödie um ernste aktuelle Themen ist der Film allemal.
„Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“ hat heute Abend Premiere im Arri-Kino (24.06., 19:30) und wird danach noch zweimal auf dem Festival gezeigt (am 25.6. um 22:30 und am 28.6. um 17:30, jeweils in der HFF).

Ein weiterer Film, den ich gestern gesehen habe, war der im Programmheft als „experimenteller Abenteuerfilm“ angekündigte „Rey“. Darin geht es um den französischen Anwalt Orélie-Antoine de Tounens (Rodrigo Lisboa), der 1860 in Südamerika die unabhängigen Königreiche Araucana und Patagonien gründete.

Rey„Experimentell“ ist der Film wirklich! Denn wenn ich die Einführung vor der Vorstellung richtig verstanden habe, dann hat Regisseur Niles Attalah den Film auf 35-Millimeter-Material gedreht und dieses dann für mehrere Monate vergraben! Das Ergebnis sieht man dem Film deutlich an, denn es gibt immer wieder Szenen, in denen der Film so verschmutzt und verwittert ist, dass tatsächlich kaum noch etwas zu erkennen ist. Eindeutig eine eigenwillige stilistische Entscheidung, die zusammen mit der ruhigen, meditativen und poetischen Inszenierung bei mir allerdings für akute Müdigkeit gesorgt hat. „Rey“ war überhaupt kein Film für mich und wäre ich nicht genau in der Mitte des Saals gesessen, dann hätte ich diesen wohl noch während des Films verlassen. Würde „Rey“ als Endlosschleife in einem Museum gezeigt werden, wo man sich für ein paar Minuten hinsetzen und zuschauen kann, dann fände ich das wohl cool. Als „ganz normaler“ Kinofilm war mir das dann aber doch zu sonderbar.

„Rey“ wird noch zweimal auf dem Filmfest gezeigt: am 26.6. um 16:30 und am 28.6. um 19:00 (jeweils im Theatiner Film).

Copyright Bilder: Filmfest München