Die Michael Jackson Halloween-Compilation „Scream“

Es ist Herbst, die Tage werden deutlich kürzer, die Blätter bunt und Halloween nähert sich. Schon seit Jahren ist das auch hierzulande für viele ein Anlass, ihre Fenster und Vorgärten mit Kürbissen und allerlei schaurigem Dekomaterial auszustatten. Für Michael Jackson-Fans wie mich bedeutet es vor allem eines: Es ist wieder die Zeit, verstärkt Songs wie „Thriller“, „Ghosts“ und „Threatened“ zu hören und Jacksons visuelle Gothic-Meisterwerke „Thriller“ und „Ghosts“ anzuschauen – spätestens am Halloween-Abend. Tatsächlich heißt Halloween für viele Jackson-Fans schon lange nur noch „Thrillerween“ oder „Thriller Night“.

Michael Jackson hatte sein Leben lang eine Vorliebe fürs Gruselige. Mit dem „Thriller“-Video lebte er diese Vorliebe 1983 künstlerisch aus und schuf gleichzeitig einen Meilenstein im Genre des Musik-Kurzfilms. Im Lauf seiner Karriere kehrte er mit Songs wie „Ghosts“, „Is It Scary“ oder „Threatened“ immer wieder zur Grusel- und Gothic-Thematik zurück. Diese faszinierte ihn nicht nur deswegen, weil er Verkleidungen und Schauergeschichten liebte, sondern auch, weil er beim Zurückgreifen auf die Konventionen dieses Genres der Welt einen Spiegel vorhalten konnte. Ganz nach dem Motto „Ihr denkt, ich bin ein Monster? Seht hier, ihr seid selber welche!“ Eine dunkle Seite steckt in jedem von uns…

Für die Aufnahmen zu „Thriller“ holten Michael Jackson und Quincy Jones Horrorfilm-Legende Vincent Price ins Studio, der den nun berühmten gesprochenen Teil am Ende des Stücks aufnahm. Die Handlung des Kurzfilms „Ghosts“ entwarf Jackson in den Neunzigern gemeinsam mit dem Meister des Horros, Stephen King. Auch war er ein großer Bewunderer Edgar Allan Poes, den er sogar in einem Film spielen wollte. 2009, als er mit seiner Rückkehr auf die Konzertbühne ein großes Comeback feiern wollte, plante Jackson außerdem ein Halloween-Special im amerikanischen Fernsehen (wie dieses ausgesehen hätte, kann man hier lesen). Dazu kam es bekanntlich leider nicht mehr. Dennoch ist zumindest das Lied „Thriller“ aus der Halloween-Saison nicht mehr wegzudenken.

In Anbetracht von Jacksons Vorliebe für die Thematik liegt es also nahe, rechtzeitig zu Halloween ein paar Produkte herauszubringen, die die Grusel-Songs und -Filme des King of Pop in den Mittelpunkt rücken. Auf dem Internationalen Filmfestival von Venedig hat John Landis, Regisseur des „Thriller“-Videos, eine 3D-Version des Kurzfilms vorgestellt. Man kann nur hoffen, dass diese auch außerhalb des Festvials zu sehen sein wird und hoffentlich auch als 3D-Bluray erscheint (zusammen mit dem bislang nur auf VHS veröffentlichten, ebenfalls in Venedig gezeigten „Making of Thriller“). Im Oktober wird im US-Fernsehen zudem ein animiertes Halloween-Special ausgestrahlt. Darin soll es um zwei Figuren gehen, die sich in der Halloween-Nacht treffen und ein „magisches Abenteuer“ erleben, das in einer spektakulären Tanzszene mit einem „animierten Michael Jackson“ endet. Die Sprecher sind dabei zum Teil durchaus prominent (Alan Cumming, Christine Baranski, Lucy Liu), aber trotzdem ist mein Kommentar dazu nur: WTF!!?? So wie ich Sony Music und den Michael Jackson Estate einschätze, wird wohl eher dieses Special auf Bluray veröffentlicht als die 3D-Version von Thriller…

Kommen wir aber mal zum eigentlichen Gegenstand dieses Blogposts: Am Freitag erscheint nämlich auch eine neue Michael Jackson-Compilation namens „Scream“, die thematisch ebenfalls zur Halloween-Saison passen soll. Das ist prinzipiell eine gute Idee, schließlich hat Jackson mehrere dazu passende Lieder veröffentlich. Aber schauen wir uns das Album, von dem ein Rezensionsexemplar gerade vor mir auf dem Schreibtisch liegt, mal genauer an.
Optisch ist es auf jeden Fall sehr schön gestaltet. Die Illustration auf dem Cover ist wirklich gut gelungen und dürfte von nun an auf keiner Einladung für eine Jackson-Halloween-Party mehr fehlen. Das Booklet lässt sich zu einem Poster mit einer dann aber leider recht lieblos wirkenden Illustration auffalten. (Auf meinem Instagram-Account findet ihr mehrere Fotos des Albums.) Zusätzlich liegt dem Album ein kleiner Flyer bei. Hat man auf seinem Smartphone die „Shazam“-App installiert und scannt diesen damit, soll man in Verbindung mit dem Poster Zugang zu einer Augmented Reality-Erfahrung erhalten. Bei mir hat das allerdings noch nicht funktioniert, ich wurde nur auf eine Webseite weiter geleitet, auf der ich das Album vorbestellen kann.

Was den Inhalt des Albums betrifft, wirkt dieser zum Teil etwas willkürlich zusammen gewürfelt. Natürlich liegt das auch daran, dass Michael Jackson zwar durchaus eine Handvoll „Grusel-Songs“ veröffentlicht hat, aber eben nicht genug, um damit ein ganzes Album zu füllen. Unter den 14 Tracks finden sich neben dem obligatorischen „Thriller“ deshalb auch solche, die lediglich vom Titel oder der allgemeinen Atmosphäre her weitestgehend auf das Album passen. So haben „Blood On The Dance Floor“ und „Dangerous“ zwar die Worte „Blut“ und „gefährlich“ im Titel, behandeln aber unter anderem das ebenfalls bei Jackson beliebte Thema der „femme fatale“. Ähnliches gilt für „Scream“ und „Unbreakable“ – beides für Michael Jackson äußerst persönliche Lieder mit Botschaften, die ihm sehr wichtig waren. Diese Songs sollte man nicht auf rein „gruselige“ Lieder reduzieren! Etwas kurios wirkt es, dass sich auch „Somebody’s Watching Me“ auf das Album verirrt hat. Klar, der Titel klingt nach Horrorfilm und Grusel, aber eigentlich handelt es sich hier um ein bestenfalls mittelmäßiges Stück des Sohns von Motown-Gründer Berry Gordy, zu dem Michael Jackson lediglich den immer wieder aus denselben beiden Zeilen bestehenden Refrain beigetragen hat. Fast am schlimmsten finde ich jedoch, dass das Stück „Xscape“ hier nur in der 2014 veröffentlichten Remixversion vorliegt. Wie willkürlich die Aufnahme mancher Stücke in die Tracklist ist, zeigt auch, dass es durch aus noch andere Stücke gegeben hätte, die  zumindest vom Titel her auf das Album gepasst hätten, „State of Shock“ oder „Speed Demon“ zum Beispiel.

Die wirklich zur Thematik passenden Lieder sind neben „Thriller“ noch „Ghosts“ und „Threatened“. Auch „This Place Hotel“, das das Album eröffnet, lässt sich durchaus der Kategorie der Gothic-Grusel-Songs zuordnen. Das ursprünglich 1980 auf dem Jacksons-Album „Triumph“ erschienene Stück war eines der ersten Lieder, die Michael Jackson im Alleingang geschrieben, gesungen und produziert hat. (Eigentlich heißt der Song „Heartbreak Hotel“, wurde aber damals wegen angeblicher Verwechslungsgefahr mit dem gleichnamigen Elvis Presley-Titel nicht unter diesem Titel veröffentlicht. Inzwischen finde ich diese Umbenennung nur noch lächerlich, schließlich gibt es genug andere Songs, die genauso heißen.) Unerklärlicherweise fehlt mit „Is It Scary“ einer der besten und vielschichtigsten Jackson-Titel überhaupt. Den Abschluss des Albums bildet ein neuer Mashup aus mehreren der auf dem Album enthaltetenen Songs (hier ist dann auch „Is It Scary“ dabei), an dem das Bemerkenswerte ist, dass es sich hier um einen Michael Jackson-Halloween-Mashup handelt, der ganz ohne „Thriller“ auskommt! Dafür ist dieser Remix aber ziemlich hektisch und durcheinander geraten, also bezweifle ich, dass er ein Hit auf Halloween-Parties oder im Radio werden wird.

Positiv an dieser Zusammenstellung von Liedern ist, dass es viele unbekanntere Stücke auf das Album geschafft haben. Tatsächlich findet sich darauf nur ein Song aus dem sonst so ausgeschlachteten „Thriller“-Album, dafür aber mit „Unbreakable“ und „Threatened“ zwei Titel aus Jacksons „vergessenem“ Studioalbum „Invincible“. Zu beiden Liedern wollte Jackson übrigens spektakuläre Kurzfilme drehen; leider bekam er aufgrund der Streitigkeiten mit seiner Plattenfirma 2001/2002 nicht die Gelegenheit dazu. Die optische Gestaltung des Albums finde ich wie gesagt sehr gelungen. Im Oktober wird auch eine „glow in the dark“-Vinylausgabe erscheinen, deren Anschaffung sich wohl zumindest aus optischen Gesichtspunkten lohnt. Davon abgesehen ist „Scream“ aber mal wieder ein äußerst lieblos zusammen geschustertes Produkt des Michael Jackson Estates. Wie erwähnt hegte Michael Jackson eine lebenslange Vorliebe für alles Gruselige und Mysteriöse, für Horrorfilme und Verkleidungen. Was läge also näher, als darauf in ein paar Liner Notes im Booklet des Albums einzugehen und zu erklären, warum man sich zur Zusammenstellung dieser Compilation entschlossen hat? Auch Interpretationen und Analysen der einzelnen Songs könnte man dabei liefern. Der einzige Satz, den man dazu im Booklet findet, lautet aber „This album celebrates the King of Pop, Michael Jackson, and his love for the Halloween season.“ Äußerst schwach!

Braucht man also ein Album wie „Scream“? Sicherlich nicht, jedenfalls nicht in dieser From. Und ganz sicher hätte der Michael Jackson Estate auch an dieses Projekt mit mehr Detailliebe und Umsicht heran gehen können (und müssen!). Eine Compilation, die vielleicht einigen Jackson-Neulingen ein paar der nicht so bekannten Songs nahe bringt, ist ja prinzipiell eine gute Sache. Aber es gäbe so viele wichtigere und dringendere Veröffentlichungen, um die sich Sony und die Nachlassverwalter längst hätten kümmern müssen. Ganz bestimmt brauchen wir kein Halloween-Animationsspecial mit einem tanzenden CGI-Michael am Ende. Stattdessen sollte zum Beispiel endlich mal Jacksons Meisterwerk „Ghosts“ auf Bluray veröffentlich werden! (Der Film ist tatsächlich noch nicht einmal offiziell auf DVD erschienen.) Davon, dass man auch alle anderen Kurzfilme und Aufnahmen von Jacksons Konzerten endlich einmal ordentlich remastern und in hochaufllösender Fassung veröffentlichen sollte, will ich gar nicht erst anfangen…

Interessant fände ich es allerdings, wenn nach „Scream“ noch weitere Compilations veröffentlicht werden, die sich mit konkreten Themen beschäftigen. Einen „Love Songs“-Sampler bekommt sowieso fast jeder Künstler früher oder später spendiert. Eine „Dance“-Compilation bietet sich bei Michael Jackson natürlich auch an. Am wichtigsten wäre mir aber die Veröffentlichund eines Albums mit Liedern, in denen es um das große soziale und umweltpolitische Bewusstsein Jacksons geht. Man könnte ein solches Album schlicht „Earth“ oder „Planet Earth“ nennen. DAS wäre mal ein wirklich notwendiges Projekt, das man in Verbinung zu zahlreichen Umwelt- und Benefizaktionen stellen könnte. (Unten findet ihr Links zu Spotify-Playlisten – einmal die Tracks aus „Scream“, allerdings mit der Originalversion von „Xscape“ und eine Liste mit einigen potentiellen Kandidaten für ein „Earth“-Album.) Übrigens ist gerade Joseph Vogels hervorragendes Buch zur Entstehung von „Earth Song“ in einer neuen, erweiterten Auflage erschienen. Einen Auszug könnt ihr hier lesen. Die Anschaffung des Buches lohnt sich sehr!


Copyright Bild: Sony Music

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Buchrezension: „Making Michael“ von Mike Smallcombe

Während es zum Zeitpunkt von Michael Jacksons Tod 2009 kaum Bücher gab, die sich ernsthaft mit seinem Werk auseinandersetzten, erscheinen in den letzten Jahren regelmäßig Sachbücher, wissenschaftliche Aufsätze und Biografien, die die Karriere Jacksons oder einzelne Teile daraus einer ausführlichen Analyse unterziehen. Zwei davon habe ich bereits hier im Blog besprochen: „Man in the Music“ von Joseph Vogel und Susan Fasts Buch über das „Dangerous“-Album. Mit „Making Michael“ hat der britische Journalist Mike Smallcombe nun eine neue Jackson-Biographie geschrieben, die sich – wie der Titel schon andeutet – ganz dem Werk von Michael Jackson widmet. Es gibt ja bereits eine ganze Reihe von Biografien über Michael Jackson; neben der 1988 erschienenen Autobiographie „Moonwalk“ wäre da vor allem J. Randy Taraborellis „The Magic, The Madness, The Whole Story“ (deutsch als „Die ultimative Biografie“ erschienen) zu erwähnen. Das Buch von Taraborelli ist sicherlich die ausführlichste Jackson-Biografie auf dem Markt, aber wenn man konkrete Informationen zu den Liedern und Alben von Michael Jackson sucht, dann ist man mit anderen Büchern besser beraten. „Man in the Music“ kann dabei bereits als Standardwerk betrachtet werden, aber auch „Making Michael“ erweist sich für alle an Jacksons Musik interessierten Leser als ein Muss.

Mike Smallcombe bezieht in seine chronologische Schilderung der Entstehung von Jacksons Liedern und Alben nämlich nicht nur zahlreiche bereits veröffentlichte Quellen ein, sondern hat auch neue Interviews mit über 60 Personen geführt, die mit Michael Jackson zusammengearbeitet haben. Sein Ziel war es, den Leser in einem „fly on the wall“-Ansatz an den Studiosessions teilhaben lassen, was ihm wirklich hervorragend gelungen ist. Dabei konzentriert sich das Buch ganz auf die Solokarriere von Michael Jackson. Zwar wird in zwei kurzen Kapiteln zu Beginn die Karriere der Jackson 5 bzw. Jacksons nacherzählt, doch diese dienen eher der Einleitung und bieten für Kenner der Materie noch nichts Neues. Mit Beginn der Arbeiten an „Off The Wall“ zeigt das Buch dann seine Stärke. Smallcombe schildert die Zusammenarbeit Jacksons mit seinem Produzenten Quincy Jones und lässt auch die wichtigen Beiträge anderer Personen nicht unter den Tisch fallen. Dabei geht er auf die Entstehung jedes einzelnen Songs ein und erwähnt natürlich auch Lieder, die es letztendlich nicht aufs Album geschafft haben. Immer wieder fördert er dabei interessante Anekdoten zutage, die sich aber nie in Tabloid-Geschwätz erschöpfen, sondern stets Aspekte von Jacksons kreativer Arbeit betreffen. Vieles davon war auch für mich neu, wie zum Beispiel die Entstehung des Fotos für das Albumcover von „Off The Wall“.

Diese chronologische Erzählweise und die Betonung der Zusammenarbeit Jacksons mit Produzenten, Studiotechnikern, Musikern, Songschreibern und Managern behält Smallcombe im ganzen Buch bei. Immer wieder wird nicht nur Michael Jacksons Drang zur Perfektion geschildert (und dessen positive wie negative Folgen), sondern auch wie er seine Mitarbeiter stets zu Höchstleistungen antrieb. So werden beispielsweise mehrere von Jacksons Musikproduzenten zitiert, er habe von ihnen und ihren Teams verlangt, völlig neue Klänge zu entwickeln. Das konnte dann schon mal dazu führen, dass sie im Hinterhof des Studios auf Mülltonnen schlugen oder Autogeräusche aufnahmen, aus denen schließlich der Instrumentaltrack für einen Song wurde („She Drives Me Wild“). Dank der Originalinterviews kann das Buch mit einer Fülle an Informationen auftrumpfen, die selbst mir noch nicht bekannt waren.

Äußerst interessant fand ich beispielsweise auch die Schilderung der genauen Zusammenarbeit mit Produzenten und Songschreibern. Neben den Liedern, die Jackson (fast) alleine schrieb („Heal The World“, „Speechless“) und solchen, die von anderen geschrieben wurden („Rock With You“, „Human Nature“, „Man In The Mirror“) wurden nämlich auch zahlreiche seiner Songs in enger Zusammenarbeit mit Produzententeams komponiert. Diese entwickelten häufig eine Reihe von Instrumental-Demoversionen, aus denen Jackson dann seine Lieblingsstücke auswählte und dazu selbst eine Melodie und einen Text verfasste. Auf diese Weise entstanden zum Beispiel „Blood On The Dance Floor“, „Jam“, „Scream“ oder „You Rock My World“.

„Making Michael“ kann also als ein Making of-Buch zu den Alben von Michael Jackson betrachtet werden. Besonders im Fall der späteren Alben (von „Dangerous“ bis „Invincible“) ist dies von großem Wert, da über diese Alben noch recht wenig geschrieben wurde und sie natürlich auch in „Moonwalk“ noch nicht erwähnt wurden. Das Buch geht jedoch immer wieder über die Arbeit an den Alben hinaus. So schildert Smallcombe zum Beispiel die Pläne, die Jackson jenseits der Musikindustrie verfolgte. Sein Leben lang hegte der Star den Wunsch, ins Filmgeschäft einzusteigen und als Filmproduzent, Regisseur und Schauspieler tätig zu sein. Obwohl er mit seinen teils revolutionären Musikvideos wohl in einem Maße filmisch tätig war wie kaum ein anderer Popstar und Musiker, blieb ihm dieser Traum leider verwehrt. Es ist hochinteressant zu lesen, wie Jackson diesbezüglich mehrmals vor einem großen Durchbruch stand, der aber jedes Mal durch äußere Umstände zunichte gemacht wurde. So hatte er beispielsweise Ende der Neunzigerjahre die Idee, Marvel zu kaufen, weil er überzeugt davon war, dass sich mit Superheldenfilmen eine Menge Geld verdienen ließ – zu Recht, wie wir heute wissen. Daraus wurde schließlich ebenso wenig etwas wie aus Jacksons Plan, selbst die Rolle des SpiderMan zu übernehmen. Sein Interesse am Filmgeschäft war jedenfalls so groß, dass er sich dem Buch zufolge in seiner zweiten Lebenshälfte – nach der Veröffentlichung von „Invincible“ vor allem darauf konzentrieren wollte.

Im Zusammenhang mit Jacksons letztem Studioalbum „Invincible“ fand ich übrigens Smallcombs neutrale Schilderung des Konflikts zwischen Jackson und seiner Plattenfirma Sony sehr interessant. Während Jackson selbst stets die unter Fans beliebte Therie verbreitet hat, Sony habe sein Album absichtlich sabotiert, lässt Smallcombe auch die andere Seite zu Wort kommen. Auf diese Weise erfährt man, dass die Dinge nicht so einfach lagen und auch Jackson damals einige Fehler begangen hat. Dass er sich stur weigerte, Promotion-Auftritte zu absolvieren oder auf Tour zu gehen, weil Sony ihm keine astronomisch hohen Budgets für Musikvideos mehr genehmigen wollte und dergleichen, lässt jedenfalls darauf schließen, dass in diesem Konflikt beide Seiten nicht unschuldig waren.

Die Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs werden natürlich nicht unter den Tisch fallen gelassen, allerdings sind sie in „Making Michael“ vor allem wegen ihrer Konsequenzen für Jacksons Arbeit relevant. So wird etwa der Gerichtsprozess von 2005 nicht ausführlich thematisiert, wohl aber die Jahre danach, in denen Jackson in verschiedenen Teilen der Welt lebte und mit unterschiedlichen Leuten neue Pläne schmiedete und Songs aufnahm. Auch wie es dazu kam, dass Jackson sich schließlich doch dazu entschloss, wieder Konzerte zu geben, schildert Smallcombe. Natürlich spielten finanzielle Überlegungen dabei eine große Rolle, dem Deal mit dem Konzertveranstalter AEG Live stimmte Jackson aber nur deswegen zu, weil AEG ihm das Geld für einige Filmproduktionen zur Verfügung stellen wollte, denen er sich nach den „This Is It“-Konzerten widmen wollte.

„Making Michael“ konzentriert sich wie gesagt ganz auf die kreative Arbeit an Michael Jacksons Liedern und Alben, mit einer Ausnahme: Die letzten Monate und Wochen in Jacksons Leben werden hier detailliert geschildert, ohne dass dabei viel auf die Arbeit den geplanten Konzerten eingegangen wird. Stattdessen stützt sich Smallcombe hier vor allem auf die in den Prozessen gegen Jacksons Arzt und den Konzertveranstalter ans Licht gekommenen Informationen, um aufzuzeigen, wie es schließlich zu Michael Jacksons Tod kommen konnte. Das unterscheidet dieses letzte Kapitel zwar deutlich vom Rest des Buches, aber weil es natürlich direkt mit dem Scheitern von „This Is It“ zu tun hat und weil diese Informationen bisher noch in keinem Buch zusammengefasst worden sind, ist es es trotzdem lesenswert. Natürlich ist auch einiges Erschreckendes dabei, aber wer sich nur für die Entstehung der Musik interessiert, kann diesen Abschnitt ja überspringen. (In den letzten Wochen seines Lebens könnte Michael Jackson ein weiteres Mal Neuland betreten haben, in diesem Fall aber nicht als Künstler: Einem Schlafexperten zufolge, der in einem der Prozesse ausgesagt hat, könnte Jackson nämlich der bislang einzige Mensch gewesen sein, der dank der nächtlichen Propofol-Inujektionen mehrere Wochen lang ohne REM-Schlaf ausgekommen ist.)

Fazit: „Making Michael“ bietet selbst für langjährige Jackson-Fans viele neue Informationen, gerade was die späteren Alben betrifft. Dabei betreibt Smallcombe keine kritiklose Heldenverehrung, sondern lässt mitunter auch kritische Stimmen zu Wort kommen (wenn sich diese zugegeben auch in starken Grenzen halten). Wer sich für das Werk Michael Jacksons und dessen Entstehung interessiert, der wird hier haufenweise interessante Informationen und Geschichten finden. Allerdings konzentriert sich das Buch dabei auf die Musik und lässt die Musikvideos und Konzerte meist außen vor (mit den Regisseuren der Videos hat Smallcombe auch keine Interviews geführt, wenn ich mich richtig erinnere). Auch die posthum veröffentlichten Alben werden nicht berücksichtigt; allerdings hat Damien Shields ja mit „Xscape Origins“ bereits ein hervorragendes Buch vorgelegt, das sich ganz dem „Xscape“-Album widmet.
„Making Michael“ kann ich also jedem Jackson-Fan und allen anderen an Michael Jacksons Musik und seiner Arbeitsweise interessierten Lesern ans Herz legen. Neben Joseph Vogels „Man In The Music“, das sich mehr der kulturellen und zeithistorischen Einordnung der Alben und Songs widmet, kann dieses Buch bereits jetzt als eines der Standardwerke zu Jacksons Werk betrachtet werden, an dem sich zukünftige Bücher messen lassen müssen. Eine deutsche Übersetzung ist bislang nicht angekündigt.

Wer Näheres zur Entstehung des Buches erfahren möchte, sollte sich dieses Interview anhören, das Mike Smallcombe dem MJCast gegeben hat.

Die Neuauflage von Michael Jacksons „Off The Wall“

Off The Wall - CoverMichael Jacksons Album „Off The Wall“ feiert dieses Jahr zwar kein rundes Jubiläum (es wurde 1979 veröffentlicht), Sony Music und der Michael Jackson Estate bringen die Platte aber trotzdem in einer Neuauflage heraus. Am 26.02. erscheint „Off The Wall“ als CD/DVD- bzw. CD/Blu-ray-Package. Nebem dem Originalalbum ist ein neuer Dokumentarfilm von Spike Lee enthalten, der die Entstehung und den Einfluss des wegweisenden Albums in den Blick nimmt.

„Michael Jackson’s Journey from Motown to Off The Wall“ – so der Titel des Films – folgt demselben Schema wie schon Lees erste Jackson-Dokumentation „Bad 25“. Anhand von Archivmaterial, Ausschnitten aus Musikvideos und Auftritten sowie neuen Interviews zeichnet Lee die Entstehung des Albums nach. Der Film beginnt mit Aufnahmen verschiedener Auftritte der Jackson 5 und schildert die Trennung der Gruppe von Motown Mitte der Siebziger Jahre, nach der die Jacksons (die den Namen Jackson 5 fortan nicht mehr verwenden durften) bei Epic Records unterkamen. Dort sollte Michael Jackson schließlich mit „Off The Wall“ das erste Soloalbum veröffentlichen, auf dessen Entstehung er maßgeblichen Einfluss hatte. Als er für die Dreharbeiten zum Musicalfilm „The Wiz“ für einige Zeit nach New York ging, lernte Jackson den Musiker, Komponisten und Musikproduzenten Quincy Jones kennen, den er schließlich als Produzent für sein Album verpflichtete.

Jackson-Fans und all diejenigen, die schon einmal eine Michael Jackson-Biografie gelesen haben, kennen diese Geschichte natürlich bereits. Der Film liefert keine neuen Einsichten und bringt fast keine bisher unbekannten Fakten zutage; das war aber wohl auch nicht die Absicht von Spike Lee. Stattdessen möchte er einfach einen Meilenstein in Jacksons Karriere feiern und den großen Einfluss des Albums auf die moderne Popmusik würdigen. Leider verheddert sich Lee dabei jedoch in zu vielen Beiträgen zu vieler Interviewpartner. Dass Familienmitglieder und Weggefährten des späteren King of Pop befragt werden, ist ja durchaus nachvollziebbar und sinnvoll. Der Informationsgehalt der Beiträge von Künstlern wie The Weeknd oder ?uestlove (das sind beides keine Schreibfehler!), die nie mit Jackson zusammengearbeitet haben, hält sich jedoch in Grenzen. Sie können halt nicht viel mehr erzählen, als dass sie Michael Jackson super und das Album wahnsinnig toll finden. Das ist zwar schön und  freut den Jackson-Fan, der Erkenntnisgewinn hält sich dabei allerdings doch stark in Grenzen.

Erhellender sind natürlich die Beiträge von Quincy Jones, mit dem aber für den Film leider kein neues Interview geführt worden ist. Spike Lee musste also auf Archivmaterial zurückgreifen. Auch die Szene, in der Stevie Wonder davon berichtet, wie es dazu kam, dass der von ihm geschriebene Song „I Can’t Help It“ auf dem Album landete, ist interessant. Leider hat man es offenbar nicht geschafft, für den Film auch Paul McCartney vor die Kamera zu kriegen, der mit „Girlfriend“ ebenfalls einen der zehn Titel auf „Off The Wall“ geschrieben hat. Erfreulich wiederum war es, den Jackson-Experten Joseph Vogel zu sehen und zu hören; der hat zwar Michael Jackson nie persönlich kennen gelernt, sich aber intensiv mit dessen Werk auseinander gesetzt und kann etwa die Bedeutung eines Songs oder Albums für Jacksons Karriere klar auf den Punkt bringen. Ausschnitte aus Interviews mit Michael Jackson selbst dürfen natürlich auch nicht fehlen, allerdings verwendet Lee im Film keinerlei Aufnahmen von ihm, die nach der „Off The Wall“-Äre entstanden sind. Das ist insofern schade, als es durchaus auch spätere interessante Interviews mit Michael Jackson gibt sowie Live-Performances einiger Songs aus dem Album von späteren Konzert-Tourneen.

Gerade die Konzertausschnitte sind es natürlich auch, die im Film am meisten begeirstern können. Wie Michael Jackson da um 1980 herum – damals noch mit seinen Brüdern – auf der Bühne alles gibt, das ist immer wieder sehens- und hörenswert. Mir wäre eine Blu-ray-Veröffentlichung eines kompletten Konzerts der Triumph-Tour viel lieber gewesen als ein Dokumentarfilm, bei dem man immer nur kurze Ausschnitte aus diversen Auftritten zu sehen bekommt.

Michael JacksonIn der zweiten Hälfte des Films arbeitet Lee das Album Song für Song ab. Leider wird dabei der Eindruck erweckt, als seien ihm manche Lieder wesentlich wichtiger als andere. „Girlfriend“ beispielsweise wird kaum eine Minute gewidmet (wohl auch, weil man Paul McCartney nicht als Interviewpartner gewinnen konnte/wollte – ich hoffe, das wird bei einer möglichen „Thriller“-Doku anders sein). Bei der Besprechung der drei von Rod Temperton geschriebenen Stücke fällt dann negativ auf, dass Temperton im Film leider gar nicht zu Wort kommt. Natürlich gibt es nur zu fünf der zehn Lieder Musikvideos und/oder Konzertauftritte zu zeigen, trotzdem hätte ich mir auch zu den anderen Songs ein wenig mehr Analyse und Hintergrund gewünscht.

Meine Lieblingsstelle im Film ist die, wo es um Jacksons Zeit in New York geht. Als er für die Dreharbeiten zu „The Wiz“ mit seiner Schwester LaToya dort wohnte, war Jackson ein regelmäßiger Besucher des legendären Studio 54. In einer Szene des Films wird der 19-jährige Jackson von einer Reporterin gefragt, ob es dort nicht auch mal ziemlich verrückt und wild zugehe. Er verneint, nur um dann nachzuschieben, dass er gerne die Besucher im Studio 54 beobachte, weil man da alles mögliche zu sehen bekomme: „Neulich war zum Beispiel Darth Vader da.“
Michael Jacksons kurze New York-Phase finde ich überhaupt sehr interessant. Diese Zeit muss ihn sehr geprägt haben. Rückblickend ist es kaum vorstellbar, dass es tatsächlich ein paar wenige Jahre gab, in denen der erwachsene Michael Jackson noch in Diskotheken gehen und dort Spaß haben konnte.

„Michael Jackson’s Journey from Motown to Off The Wall“ ist also genau der Film geworden, den man nach „Bad 25“ von Spike Lee erwarten konnte. Viele Jackson-Fans und all diejenigen, die erst wenig über Michael Jackson wissen, werden daran sicher ihre Freude haben. Wer sich aber für eine detallierte Schilderung der Entstehungsgeschichte des Albums oder für Analysen der Lieder interessiert, der muss auf andere Quellen zurück greifen (wie z.B. Joseph Vogels hervorragendes Buch). Spike Lee hat übrigens sein Interesse daran bekundet, nach „Bad“ und „Off The Wall“ auch noch „Thriller“ einen Film zu widmen und so die Trilogie an Dokumentationen zu den drei Alben, die Michael Jackson mit Quincy Jones aufgenommen hat, zu komplettieren. Das kann ich zwar nur begrüßen, würde mir aber sehr wünschen, wenn man es nicht bei diesen drei Alben beließe. „Dangerous“, „HIStory“ und „Invincible“ haben meiner Meinung nach ebenso sehr Dokumentarfilme verdient wie Jacksons frühere Alben (und zudem wurde zu ihnen noch längst nicht so viel gesagt).

OTW kleinWie erwähnt gibt es den Film nur zusammen mit dem Album zu kaufen. Das ist zwar für all diejenigen von Vorteil, die das Album noch nicht besitzen; alle anderen werden damit aber leider ein weiteres Mal zum Kauf des Albums gezwungen, auch wenn sie nur den Film haben möchten. Abgesehen von der beigelegten DVD bzw- Blu-ray und einer neuen Verpackung ist an dieser Version von „Off The Wall“ übrigens nichts neu! Es ist wirklich schade, dass man sich nicht die Mühe gemacht hat, eine mit Bonustracks ausgestattete Version herauszubringen, für die man als Fan gerne auch dann Geld ausgegeben hätte, wenn man das Album schon fünfmal im Schrank stehen hat. Bei „Bad 25“ hat das 2012 im Großen und Ganzen doch auch geklappt, warum dann nicht auch bei „Off The Wall“? Als Bonusmaterial hätte man unter anderem die bereits veröffentlichten Demoversionen einiger Songs, ein paar Live-Aufnahmen sowie den einen odere anderen Song aus den „Off The Wall“-Sessions verwenden können, der es nicht aufs Album geschafft hat (wie z.B. „Sunset Driver“, aber vielleicht gibt es auch noch ein paar bisher gänzlich unveröffentlichte Titel).

Eine Bonus-CD gibt es also bei dieser Neuauflage des Albums leider nicht, dafür aber etwas anderes: Kreide. Ja, richtig gelesen. Irgendjemand bei Sony Music muss sich gedacht haben, es sei doch eine ganz tolle Idee, dem Album ein Stück weiße Kreide beizulegen, schließlich scheint der Titelschriftzug auf dem Cover auch wie mit Kreide auf eine Mauer geschrieben. Mit der Kreide kann man die Innenseite des aufklappbaren CD-Pappschubers bemalen, die ebenfalls im Mauer-Design gehalten ist. Verbunden wurde das Ganze mit der Aufforderung an die Fans, die so entstandenen Kreationen zu fotografieren und im Internet zu posten. Das habe ich auch gleich getan und eben meine Forderung nach „Bonustracks statt Kreide“ auf diese Weise festgehalten:

Copyright Bilder: Sony Music

Mehr als sieben Songs, Teil 9: Foy Vance – Billie Jean

Foy VanceZum zweiten Mal ist heute eine Coverversion in dieser Rubrik an der Reihe. Auf den aus Nordirland kommenden Singer-Songwriter Foy Vance wurde ich vor einer paar Jahren aufmerksam, als seine Musik an der Bar des Theater…und so fort in München lief. Seine teils nachdenklichen, teils kraftvollen, aber stets sehr emotionalen Stücke erinnerten mich an die Lieder von Damien Rice, der schon lange zu meinen Lieblingskünstlern gehört.

Auf seinen Konzerten scheint Foy Vance eine Weile Michael Jacksons „Billie Jean“ in der Setlist gehabt zu haben, und zwar bereits vor Jacksons Tod, denn der Song ist auch auf der 2005 veröffentlichten Live-EP „Live Sessions and the Birth of the Toilet Tour“ zu finden (siehe Spotify-Link ganz unten).

Vor zwei Jahren durfte ich Foy Vance bei einem grandiosen Konzert in München live erleben (dabei entstand auch das Foto). Leider hat er „Billie Jean“ damals nicht gesungen, ich finde seine Version von Jacksons Klassiker nämlich einfach großartig – nicht nur deswegen, weil es eben ein Michael Jackson-Song ist, sondern weil Vance das Lied auf die wohl einzig richtige Weise covert: er geht vollkommen anders an das Stück heran und macht eine langsame Akustikversion daraus. Die tragische Geschichte, die der Text beschreibt, wird so auf ganz besondere Weise unterstrichen. Auf YouTube findet man einige weitere Live-Versionen des Songs von Foy Vances Konzerten, wie zum Beispiel diese hier:

Falls Ihr nun auf den Geschmack gekommen seid und mehr von Foy Vance hören wollt, dann kann ich euch sein zweites Album „Joy of Nothing“ sowie das im letzten Jahr erschienene Live-Album „Live at Bangor Abbey“ empfehlen. Beide sind auch auf Spotify verfügbar.

20 Jahre „HIStory“

Der deutschen Wikipedia-Seite zufolge erschien Michael Jacksons „HIStory“-Album heute vor 20 Jahren, am 14. Juni 1995. Da ich das Erscheinen dieses Albums als den Beginn meines Fanseins markiere, bin ich also bereits seit 20 Jahren Michael Jackson-Fan! Lasst mich noch ein bisschen weiter in der Zeit zurück gehen. Ich wurde im November 1981 geboren. Bereits einige Zeit vor der Veröffentlichung von „HIStory“, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, begann ich meine Leidenschaft für Michael Jackson zu entdecken. Meine Eltern hatten zu dieser Zeit zwei seiner Alben als CDs im Regal stehen: „Thriller“, das man einfach haben musste und das mein Vater wohl gekauft hatte, sobald ein CD-Player bei uns in der Wohnung stand, und das 1991 veröffentlichte „Dangerous“, das er wohl deshalb gekauft hatte, weil es bei seinem Erscheinen – wie die meisten MJ-Alben – aufwändig beworben wurde. Ich erinnere mich, dass meine Eltern mir einmal erzählten, sie hätten die Premiere eines Musikvideos von Michael Jackson im Fernsehen gesehen; vielleicht handelte es sich dabei um „Black Or White“, die erste Singleauskopplung aus „Dangerous“ und vielleicht war das der Auslöser, der zum Kauf des Albums geführt hatte. Musikvideos, gerade die von Michael Jackson, waren damals ja noch eine große Sache. Für uns umso mehr, wir hatten nämlich bis zu unserem Umzug 1996 kein Kabelfernsehen, was bedeutete, dass wir MTV und VIVA nicht empfangen und damit auch fast keine Musikvideos sehen konnten. Ich erinnere mich auch daran, dass mein Vater einmal nach Hause kam und vollkommen beeindruckt davon erzählte, er habe bei einem Freund das Video zu Meat Loafs „I’d Do Anything For Love“ (Regie: Michael Bay!) gesehen. Natürlich hatte er danach gleich das dazugehörige Album gekauft (das ich wie die beiden Jackson-Alben irgendwann quasi beschlagnahmte und in meinen eigenen CD-Ständer stellte – ich habe die drei CDs noch heute). Jedenfalls überspielte ich mir „Thriller“ und „Dangerous“ auf Kassette, um die Alben mit meinem Walkman hören zu können, den ich glaube ich zum zwölften Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Dabei handelte es sich nicht um einen „echten“ Walkman, also nicht um ein Sony-Gerät, aber man konnte mit ihm auch Radio hören, was zumindest in dieser Kombination etwas Besonderes war. Ich kann mich nicht erinnern, die beiden Alben schon damals besonders häufig gehört zu haben oder bereits eine bewusste Vorliebe für Michael Jackson entwickelt zu haben, aber sie müssen sich irgendwie in mein Unterbewusstsein eingebrannt haben.

Im Juni 1995 erschien also Michael Jacksons neues Album „HIStory“. Über Michael Jackson wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht besonders viel. Ich war 13 Jahre alt, interessierte mich erst seit etwa einem Jahr aktiv für Musik und konnte wie erwähnt zuhause kein MTV gucken. An einem Samstag im Juni schlug mein Vater vor, zum TV Markt 2000 zu fahren, um Michael Jacksons neues Album zu kaufen. Der TV Markt 2000 war ein großer Elektronikmarkt in einer der umliegenden Gemeinden und genau wie Media Markt oder Saturn (damals noch Saturn Hansa) in unserer Familie ein beliebtes Wochenendausflugsziel. In meiner Erinnerung handelte es sich bei diesem Samstag um den Erscheinungstag von „HIStory“, vielleicht war das Album aber auch bereits einige Tage auf dem Markt (der 14.06.1995 war jedenfalls ein Mittwoch). Mein Vater und ich fuhren also in den Elektronikmarkt, kauften dort die Doppel-CD und füllten im Geschäft auch noch jeder eine Teilnahmekarte für ein Gewinnspiel aus. Als wir wieder zuhause waren, klingelte das Telefon und es meldete sich ein Mitarbeiter des Marktes. Mein Vater und ich hatten bei dem Gewinnspiel den ersten und zweiten Preis gewonnen: er eine Stereoanlage, ich einen Videorekorder! Wir konnten die Gewinne sofort abholen, mussten uns aber beeilen, da damals die Geschäfte an Samstagen noch um 13 oder 14 Uhr schlossen. Doch wir kamen noch rechtzeitig, um unsere Gewinne in Empfang zu nehmen, düsten wieder zurück nach Hause und tauschten dort unsere Gewinne: Da ich mir sowieso eine Stereoanlage gewünscht hatte, bekam ich die Anlage und mein Vater den Videorekorder. Tja, und der Rest ist HIStory… Ich hatte die Stereoanlage über neun Jahre lang in meinem Besitz und hörte dort vor allem sämtliche Jackson-Alben rauf und runter. Mit „HIStory“ nahm meine Jackson-Leidenschaft so richtig Fahrt auf. Ein paar Wochen später kaufte ich mir „Off The Wall“ und „Bad“ und hatte damit erst einmal die wichtigsten, damals erschienen MJ-Alben beisammen.

die deutsche

Die deutsche „Earth Song“ Maxi-CD.

Seitdem sind 20 Jahre vergangen. Michael Jackson hat nach „HIStory“ mit „Invincible“ noch ein weiteres volles Studioalbum veröffentlicht, aus dem wegen seiner Streitigkeiten mit Sony Musik jedoch kaum Musikvideos, Hitsingles und Performances hervorgegangen sind. Ich bin froh, 1995 zum Fan geworden zu sein und so wenigstens noch ein paar Jahre lang miterlebt zu haben, wie aufregend es war, auf eine neue Single oder ein neues Musikvideo zu warten bzw. diese ganz unvorbereitet zu entdecken. Denn damals – das Internet war bei mir noch nicht richtig angekommen – wusste ich oft gar nicht, dass etwa eine neue Single bevorstand. Ich weiß noch, wie ich einige Tage vor MJ’s Auftritt bei „Wetten dass…?“ die „Earth Song“-Maxi-CD zufällig im Geschäft entdeckte. Auf der Hülle prangte ein Aufkleber mit dem Hinweis „Der Song aus Wetten, dass…?“, allerdings lag der Auftritt in Thomas Gottschalks Sendung noch einige Tage in der Zukunft. Erst durch diese Entdeckung erfuhr ich überhaupt von der Singleauskopplung. Auch dass es von manchen Maxi-CDs verschiedene Versionen gab, entdeckte man oft nur durch das geduldige Durchsuchen der CD-Abteilungen in den Geschäften. Als ich 1998 im Frankreich-Urlaub in einem Laden, der gebrauchte CDs verkaufte, französische, in Pappschubern steckende Versionen von „You Are Not Alone“, „Earth Song“ und „They Don’t Care About Us“ ergatterte, war ich überrascht und überglücklich.

drei französische Singles

Drei französische Singles.

Gestern jährte sich Michael Jacksons Freispruch von den falschen Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs zum zehten Mal. Der australische MJ-Podcast „The MJCast“ hat dazu ein zweistündiges Interview mit Jacksons Anwalt Tom Mesereau geführt, das – wie alle Episoden des Podcasts – sehr hörenswert und informativ ist. Die 15 neuen Lieder auf der zweiten Disc von „HIStory“ beschäftigen sich bekanntlich zu einem großen Teil mit den Anschuldigungen von 1993, als Michael Jackson zum ersten Mal dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs ausgesetzt wurde. In „Scream“ setzen sich Michael und seine Schwester Janet gegen die Schmutzkampagnen der Medien zur Wehr, in „D.S.“ geht Michael persönlich mit Bezirkstaatsanwalt Tom Sneddon ins Gericht (dem Booklet zufolge steht „D.S.“ für „Dom Sheldon“, Michael singt aber hörbar „Tom Sneddon“) und in „Tabloid Junkie“ beklagt er sich über den Teufelkreis aus falschen Sensationsmeldungen und der Jagd nach immer höheren Auflagen und Einschaltquoten und fordert die Medienkonsumten auf, sich diesem Kreislauf schlicht zu verweigern: „To buy it is to feed it.“ (Lange Zeit dachte ich als Jugendlicher, der Song handele von MJ’s Tablettensucht, weil ich das in einer Zeitschrift gelesen hatte. Der Redakteur hatte das Lied wohl nicht genau angehört und nicht gewusst, dass „tabloid“ eine Bezeichnung für die Boulevardpresse ist.) Bei all den Aggressionen, die in vielen Liedern spürbar sind, finde ich es bezeichnend, dass Jackson das Album mit einer positiven Note enden ließ: mit seiner Version eines seiner Lieblingslieder, Charlie Chaplins „Smile“. „He starts the record with a scream, but ends it with a smile“, schreibt Brad Sundberg, der lange im Studio mit Jackson zusammen gearbeitet hat.

Der volle Titel des Albums lautet „HIStory – Past, Present and Future, Book I“. Ein „Book II“ ist nie erschienen, obwohl Michael nach den Jahren 2003 bis 2005 wohl Grund genug gehabt hätte, ein weiteres, sehr persönliches Album aufzunehmen. Während des Prozesses 2005 schrieb er zwar Songs, in denen er sich mit den Erfahrungen dieser Zeit auseinandersetzte, aber bekanntlich wurde zu seinen Lebzeiten keines der Lieder, an denen er nach „Invincible“ arbeitete, vollendet und veröffentlicht. „HIStory“ wurde 1995 beworben, als handele es sich um einen Kinoblockbuster. Michael drehte einen Kurzfilm, mit dem auf die Album-Veröffentlichung aufmerksam gemacht werden sollte und der soweit ich weiß auch im Kino zu sehen war (wer sich für die Interpretation dieses als „HIStory Teaser“ bekannten Werks interessiert, dem empfehle ich die drei sehr ausführlichen Blogposts auf dem „Dancing With The Elephant“-Blog). In mehreren europäischen Großstädten ließ Sony Music Statuen die vom Albumcover bekannten Michael Jackson aufstellen, unter anderem in London, wo eine davon auf der Themse schwamm. Michael Jackson gab zur Albumveröffentlichung eines seiner seltenen Interviews. Gemeinsam mit seiner damaligen Frau Lisa Marie Presley stellte er sich live im Fernsehen den Fragen von Diane Sawyer, die sich natürlich wie die meisten Journalisten kaum für die neue Musik interessierte, sondern Fragen stellte wie die, ob Michael und Lisa wirklich Sex miteinander hätten… (Auch zu diesem Interview gibt es eine sehr interessante Analyse.) Im September legte Michael einen spektakulären, 15-minütigen Auftritt bei den MTV Video Music Awards hin, der zu seinen besten Auftritten zählt: Wenn ich schon bei spektakulären Auftritten bin, darf ich natürlich auch Michaels Performance bei „Wetten, dass…?“ nicht vergessen, wo er die Halle zunächst mit „Dangerous“ und dann mit „Earth Song“ zum Beben brachte. Dieser Auftritt brachte ihm auch endlich seine erste Nummer 1-Single in Deutschland ein – „Earth Song“ blieb sechs Wochen auf dem Spitzenplatz. Auch die nächste Singleauskopplung „They Don’t Care About Us“ schaffte es hierzulande ganz nach oben in die Charts. Rückblickend hätte ich mir gerne noch weitere Singleauskopplungen aus „HIStory“ gewünscht. Insgesamt wurden sechs Titel als Singles ausgekoppelt (wenn man von den nicht käuflich erwerbbaren Promo-Singles einmal absieht), einer davon („HIStory“) jedoch nur als Remixversion und ohne richtig neues Musikvideo. Bemerkenswert ist die (für damalige Verhältnisse nicht ungewöhnliche) lange Lebensdauer des Albums. Durch die erst im September 1996 gestartete und über ein Jahr dauernde HIStory Tour und die zwischenzeitliche Veröffentlichung des Remixalbums „Blood On The Dance Floor – HIStory in the Mix“ wurde das Album über zwei Jahre lang aktiv beworben. Mit „Smile“ war zumindest eine weitere Singleauskopplung 1997 noch geplant gewesen, die jedoch wieder zurück gezogen wurde. Die wenigen bereits produzierten Promo-CDs sind heute ein begehrtes Sammlerstück (ich besitze leider keine). Besonders schade finde ich es, dass „2 Bad“ nicht als Single veröffentlicht wurde. Es ist eines der drei Lieder, die im knapp 40-minütigen Film „Ghosts“ vorkommen, der ursprünglich sogar als Musikvideo ganz allein für diesen Song geplant war. Es handelt sich dabei übrigens nicht um eine Fortsetzung von „Bad“, auch wenn das Wortspiel im Titel dies andeutet. Stattdessen setzt sich Michael hier ein weiteres Mal gegen all die Anschuldigungen zur Wehr, denen er ausgesetzt war.

Vor kurzem habe ich mir „HIStory“ wieder einmal angehört. Ich höre eigentlich so gut wie jeden Tag Musik von Michael Jackson, aber eben meistens auf dem iPod oder dem Laptop und in zufälliger Reihenfolge. Schon lange habe ich kein ganzes Album mehr am Stück gehört, so wie ich das früher oft getan habe. Genau das habe ich aber neulich getan: Die CD in den Player geschoben, mir gute Kopfhörer aufgesetzt und das Album vom ersten bis zum letzten Song durchgehört. In gewisser Weise war es, als hörte ich das Album zum ersten Mal. So viele Details gehen beim Anhören von mp3s auf dem Laptop oder mit kleinen iPod-Ohrstöpseln verloren und gerade Michael Jacksons Musik ist ja bekannt dafür, dass sie in teils jahrelanger Studioarbeit mit viel Liebe zum Detail aufgenommen und produziert worden ist. Ich habe so viele Dinge in den Liedern entdeckt, die ich schon lange nicht mehr – oder manchmal sogar noch nie – gehört habe.

die deutsche Erstveröffentlichung des

Die deutsche Erstveröffentlichung des „HIStory“-Albums (für eine größere Ansicht auf das Bild klicken).

A propos Details, von „HIStory“ existieren – wie von allen Jackson-Alben – verschiedene Versionen, die sich nicht nur äußerlich unterscheiden, sondern zum Teil auch inhaltlich. Wer das Album 1995 in Deutschland gekauft hat, der wird vielleicht genau wie ich eine Version der auf 500.000 Exemplare limitierten Erstauflage besitzen, die mit einem Aufkleber versehen war (siehe Foto). Die „persönliche Botschaft“ an seine deutschen Fans befindet sich als 16. Track auf der ersten CD. Neben Deutschland bekamen auch Frankreich und Holland eine eigene Botschaft von Michael. Außer dem Booklet lag der Erstauflage noch ein Flyer bei, mit dem man T-Shirts und anderes offizielles Merchandise bestellen konnte. (Übrigens besitze ich das Album, das mein Vater damals 1995 gekauft hat, schon seit einigen Jahren nicht mehr. Durch den jahrelangen fast täglichen Gebrauch ist irgendwann die Hülle kaputt gegangen, sodass ich das Album irgendwann leider weggeschmissen und mir bei Ebay ein anderes Exemplar der Erstauflage besorgt habe.) Neben diesen äußeren Besonderheiten bietet die Erstauflage des Albums auch ein paar inhaltliche: „They Don’t Care About Us“ liegt hier noch in der usprünglichen Version, bei der die Worte „jew“ und „kike“ noch nicht durch Geräusche unhörbar gemacht worden waren. (Für die Singleversion des Songs wurde zusätzlich der erste Refrain des Songs verändert. In der Albumversion singt Michael ihn alleine, in der Singleversion zusammen mit dem Chor, genau wie auch im späteren Verlauf des Songs.) Ein weiterer Unterschied betrifft den Titelsong des Albums: Auf der ursprünglichen Fassung beginnt das Lied mit einem Auszug der Orchesterfassung von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, der später durch ein anderes, ähnlich klingendes Stück ersetzt wurde (den Grund dafür kenne ich nicht). „Come Together“ liegt auf „HIStory“ leider nur in einer gekürzten Version vor (dabei hätten doch noch zwei Minuten mehr auf die CD gepasst). Die ursprüngliche, fast fünfeinhalb Minuten lange Fassung des Liedes wurde 1992 auf der Maxi-CD zu „Remember The Time“ veröffentlicht. Dass Michael den Song 1995 auf das Album packte, obwohl er ihn zuvor bereits veröffentlicht hatte, finde ich sehr interessant. Auch „You Are Not Alone“ ist auf „HIStory“ nicht in voller Länge zu hören, zumindest ist die 2004 auf der „Ultimate Collection“ veröffentlichte Fassung des Songs tatsächlich um etwa 15 Sekunden länger (es wird später ausgeblendet).

die beiden Discs des

Die beiden Discs des „HIStory“-Albums als Einzel-CD-Ausgaben.

„HIStory“ ist fast überall nur als Doppelalbum erschienen. Zwar wurde 2001 die erste CD des Albums als separates Greatest Hits-Album unter dem Titel „Greatest Hits – HIStory Volume I“ in den Handel gebracht, die zweite Disc – also das eigentlich neue Album – erschien jedoch nie als einzelne CD. Das dachte ich zumindest bis vor ein paar Jahren, als ich im Internet auf eine spezielle, in Italien veröffentlichte „HIStory“-Version stieß. Dabei handelt es sich um eine Einzel-CD, die nur aus der zweiten Disc besteht – diese ist allerdings nicht gold, wie die ursprünglichen „HIStory“-CDs, sondern in normalem „CD-Silber“ gehalten. Ich bin ja eigentlich niemand, der jede einzelne mal irgendwo auf der Welt veröffentlichte Fassung eines Albums sammelt, aber diese Version musste ich mir dann doch kaufen.

die italienische Single-Disc-Version von

Die italienische Single-Disc-Version von „HIStory“ mit silberner CD.

Mit „HIStory“ bin ich also zum Michael Jackson-Fan geworden. Mein Lieblingsalbum ist „Dangerous“, aber jetzt – nachdem ich mir „HIStory“ wieder einmal ganz angehört habe – ist mir erneut bewusst geworden, was für ein Meisterwerk auch dieses Album ist. Als es 1995 erschien, taten die Medien das Album fast ausnahmslos als Musik eines paranoiden und größenwahnsinnigen Spinners ab, der seine besten Zeiten hinter sich hatte. Dass Michael Jackson sich durchaus künstlerisch weiter entwickelt hatte und auf „HIStory“ einige seiner besten Lieder („Earth Song“, „Stranger In Moscow“) veröffentlichte, wollten oder konnten damals die Wenigsten sehen. Neben der geradezu unverstellbar detailverliebten Produktion der Songs ist auch die Zusammenstellung der Lieder bemerkenswert. Wütende Aufschreie gegen die Medien („Scream“, „Tabloid Junkie“) stehen neben einem Protestsong, der sich für die Rechte der Armen und Benachteiligten einsetzt („They Don’t Care About Us“). Ein intimer Blick in Jacksons manchmal so einsame Seele („Stranger In Moscow“), eine sämtliche Konventionen der Popmusik sprengende Hymne für den Planeten („Earth Song“) und sogar eine klassisch instrumentierte Ballade über Kindesmisshandlung (!) („Little Susie“) finden sich ebenfalls auf dem Album. Dann gibt es noch einen Sprechgesang gegen Gier und Korruption („Money“), einen simplen und aggressiven Rocksong, in dem Michael seine Wut über Tom Sneddon herausschreit („D.S.“), ein funkiges R&B-Stück, mit dem Michael Tom Sneddon, Evan Chandler & Co. quasi die Zunge raustreckt („This Time Around“), eine ganz konventionelle Liebesballade („You Are Not Alone“), eine sehr gelungene Beatles-Coverversion („Come Together“), einen weiteren intimen Blick in Michaels Seelenleben und sein wohl persönlichstes Lied („Childhood“), eine aggressive Funk/R&B-Tanznummer („2 Bad“) und ein mit Zitaten angereichertes, in den Strophen zackig-trotziges und im Refrain euphorisch-hymnisches Stück, das sich wie der Albumtitel sowohl auf Michael Jackson persönlich als auch auf den Zustand der Welt im Allgemeinen beziehen lässt („HIStory“). Zum versöhnlichen Abschluss dann Michaels grandiose Version von „Smile“.

„HIStory“ ist sicherlich Michael Jacksons vielseitigstes Album. Er wechselt darauf zwischen so vielen Genres und Stilen hin und her, dass der Begriff „Popalbum“ fast schon nicht mehr auszureichen scheint. Wenn man dem Album eines vorwerfen kann, dann dass es uneinheitlich ist. Im Gegensatz zu „Dangerous“, das sich trotz auch dort vorhandener Genrewechsel wie aus einem Guss anhört, ist „HIStory“ eine Zusammenstellung höchst unterschiedlicher Stücke, die auf den ersten Blick nicht immer zusammenpassen wollen. Michael hätte sich dafür entscheiden können, erst einmal nur ein Album voller aggressiver, funkiger Songs herauszubringen. Doch er dachte jenseits von Genregrenzen, Musik war für ihn Musik und ein guter Song ein guter Song. Zudem waren ihm viele Lieder auf „HIStory“ sicherlich wegen ihrer Botschaft sehr wichtig. Der fehlende musikalische rote Faden ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass er hier noch mehr als bei „Dangerous“ mit mehreren unterschiedlichen Produzenten arbeitete. Erstmals produzierte er allerdings auch einige Titel ganz alleine (z.B. „Stranger In Moscow“, „Little Susie“, „They Don’t Care About Us“). „HIStory“ ist wahrlich ein monumentales Album, ein in seinem Umfang extrem ehrgeiziges Werk, aber auch eines, das Michael Jackson auf dem Höhepunkt seines musikalischen Schaffens zeigt und intime Blicke in seine Sicht auf die Welt – nicht nur auf seine Welt – ermöglicht. Leider hat der Michael Jackson Estate das Jubiläum des Albums vollkommen ignoriert. Wir warten also erst einmal auf den 25. Jahrestag des Albums – vielleicht erwartet uns ja dann die Jubiläumsedition mit Demoversionen, unveröffentlichten Stücken und Hintergrundmaterial (allerdings bezweifliche ich das). Bis dahin höre ich einfach das Original-Album wieder und wieder an – es gibt darin noch so vieles zu entdecken.

Susan Fast: Dangerous (Buchrezension)

Ich habe bereits mehrmals über Michael Jackson geschrieben (z.B. hier und hier) und nun ist es mal wieder an der Zeit. Im letzten Jahr ist ein fantastisches neues Buch erschienen, das ich hier besprechen will. Jackson musste anscheinend leider wirklich erst sterben, bevor sich die akademische Welt ernsthaft mit ihm zu beschäftigen begann. Inzwischen gibt es tatsächlich so etwas wie die „Michael Jackson Studies“ und es erscheinen immer mehr wissenschaftliche Aufsätze und Sachbücher über Jackson, seine Kunst, sein Leben und den Einfluss, den er auf die Welt hatte und hat. Weil Mainstream-Künstler ihre Kunst meistens nun mal kaum zu erklären pflegen und weil es sich eben um Mainstream-/Popkultur handelt, wird ihnen oft jegliche künstlerische Tiefe abgesprochen und in ihrem Werk nur oberflächliches Entertainment gesehen. Dass es George Lucas dabei ähnlich geht wie Michael Jackson, dazu habe ich zumindest schon begonnen zu schreiben; interessanterweise scheint auch die ernste wissenschaftliche Beschäftigung mit George Lucas‘ Werk allmählich Fahrt aufzunehmen, nun da er seine Firma verkauft und sich von „Star Wars“ distanziert hat (diesen wirklich phänomenalen Artikel über die Erzählstruktur der sechs „Star Wars“-Filme kann ich jedem Interessierten wirklich nur empfehlen; ich werde vielleicht auch darüber mal bloggen). Einer der wenigen Künstler, denen es anders zu gehen scheint, ist Joss Whedon – die „Buffy Studies“ haben sich längst als wissenschaftliches Feld innerhalb der Cultural Studies etabliert.

Aber zurück zu Michael Jackson. Eines der ersten Bücher, die sein Werk in den Vordergrund stellten und einer ernsthaften Analyse unterzogen, war vor ein paar Jahren Joseph Vogels „Man in the Music“. Darin wurden Jacksons Alben und Lieder besprochen. Susan Fast, Professorin für Cultural Studies an der kanadischen McMaster Universität, hat nun ein Buch vorgelegt, in dem es nur um ein einziges Album von Michael Jackson geht, noch dazu um sein (wie ich finde) bestes: „Dangerous“. Streng genommen handelt es sich um ein kleinformatiges Büchlein mit nur 150 Seiten; die Länge war leider durch den Rahmen der „33 1/3“-Serie vorgegeben, als deren 100. Band das Buch erschienen ist. Jeder Band dieser Serie bespricht ein Musikalbum und unter 100 Büchern darf natürlich auch eines über den King of Pop nicht fehlen. Doch nicht „Thriller“ oder „Off The Wall“ wurden dafür ausgewählt, sondern eben „Dangerous“, bei dessen Veröffentlichung Jacksons Musik von den Kritikern längst als bedeutungsloser Kommerz abgetan wurde.

Susan Fast sieht das anders und bezeichnet „Dangerous“ als Michael Jacksons „coming of age album“, das weit mehr biete als „shiny, happy pop music“. Inhaltlich handle es sich sehr wohl um ein äußerst komplexes Werk, schreibt sie in der Einleitung: „[Dangerous is] about losing oneself to desire, about the state of the world, systematic racism, loneliness, the search for redemption and community.“ Sie bezeichnet das Album als Konzeptalbum, das aus mehreren Gruppen von jeweils thematisch zusammengehörigen Liedern besteht. Jedes der folgenden Kapitel behandelt eine dieser Gruppen.

Im ersten Kapitel, „Noise“, beschäftigt sie sich unter anderem mit dem Aspekt, dass Jackson beginnend mit „Dangerous“ auf seinen Alben verstärkt nicht-musikalische Geräusche verwendete (tatsächlich beginnt das Album mit einem davon, dem Bersten von Glas). Die ersten beiden Lieder, „Jam“ und „Why You Wanna Trip On Me“ seien politische Songs, wenn ihre politische Botschaft auch nicht so klar und direkt sei, wie beispielsweise im Hip-Hop. Als erstes Lied des Albums stehe „Jam“ programmatisch für eine von dessen wichtigsten Botschaften: Ganz egal wie schlimm der Zustand der Welt auch sein mag, er ist niemals zu schlimm, um kreativ zu sein. Weiter schreibt Fast: „Jamming can be taken as a metaphor in this context for coming together to create anything in a positive way.“ In diesem Kontext ließen sich auch alle folgenden Songs auf dem Album lesen. Nicht zum letzten Mal verweist die Autorin hier auch darauf, dass Jackson sich seiner schwarzen Wurzeln sehr wohl bewusst gewesen sei und keineswegs versucht habe, sie zu leugnen (wie ihm ebenfalls oft vorgeworfen wurde). Der Einsatz seiner Stimme bei „Jam“ sei nur eines von vielen Beispielen dafür auf „Dangerous“ und der Song „a full-on tribute to James Brown“.

Das zweite Kapitel, „Desire“, behandelt die nächsten vier Lieder und beginnt mit Fasts Festsellung, dass Jackson für viele seiner Fans zwar ein Sexsymbol gewesen sei (und immer noch ist), aber die Medien 1991, dem Jahr der Veröffentlichung von „Dangerous“, längst ein anderes Bild von Jackson zeichneten, demzufolge er ein Freak sei, der sein Gesicht zerstört habe und dessen teilweise stark sexualisierte Darstellungen auf der Bühne und in seinen Kurzfilmen unglaubwürdig oder lächerlich seien. Der Grund dafür, wie Fast herausarbeitet, sei der gewesen, dass Jackson zu dieser Zeit selbst als „dangerous“ wahrgenommen wurde, ganz einfach, weil er soziale Normen überschritt und sich außerhalb konventioneller sozialer Kategorien positioniert hatte: „[A] huge part of his politics is not only that he transgressed social norms, but that his transgressions cannot be easily read.“ Während man Avantgarde-Künstler für derartige Grenzüberschreitungen feiern würde, führten sie bei Jackson nur zu Unverständnis und Abwehrreaktionen. Er war ein schwarzer Mann, der irgendwann weiß aussah. Sein Gesicht und sein Körper wiesen 1991 sowohl typisch männliche als auch typisch weibliche äußere Erkennungsmerkmale auf. Zu den Personen, die er als seine Familie und Freunde bezeichnete, gehörten unter anderem Kinder, eine alternde Hollywood-Diva, ja sogar Tiere. Man könnte die Liste noch viel weiter fortsetzen. Ihm seine Sexualität abzusprechen, diente nur dem Ziel, überhaupt irgendwie mit ihm umgehen zu können:

„[D]enying [his sexual energy] and his masculinity […] works to contain his complex gendered and sexualized self and to police the boundaries of what can be considered desirable, sexy, and masculine. It erases the beautiful conundrum. But it also makes him safer.“

Im dritten Kapitel namens „Utopia“ kommt Susan Fast zum formellen wie thematischen Mittelpunkt des Albums, den Liedern „Heal The World“ und „Black Or White“. Gleichzeitig handelt es sich dabei auch um einen Wendepunkt, wie sie schreibt, denn zu den ersten sechs „noisy“ Liedern, die von den Problemen dieser Welt und „desires of the flesh and heart“ handeln, stellt „Heal The World“ einen starken Kontrast dar, klanglich wie inhaltlich. Jackson betonte oft, dass er mit seinen Liedern und Auftritten den Menschen eine Flucht aus dem Alltag bieten wollte und wurde leider genau dafür häufig kritisiert. Tatsächlich ist aber genau dies eine wichtige Funktion von Kunst, wie Fast darlegt:

„[Moments of relief] are not about abdicating responsibility […], but about creating in both body and mind the space to imagine different or possible worlds. Escaping might mean feeling a different way, changing your body chemistry, momentarily stepping into love, euphoria, bliss, empathy, a strong sense of community – or anger, fear, hurt.“

Die Tracks 9 bis 12 des Albums werden in Kapitel vier, „Soul“, besprochen. Fast bezeichnet sie als „the heart and sould of the record“ und versucht unter anderem zu ergründen, warum Jackson dabei gleich drei Lieder über Verzweiflung und Einsamkeit direkt hintereinander platzierte. Auch geht sie erneut darauf ein, wie er sich in „Will You Be There“ und „Keep The Faith“ erneut ganz deutlich schwarzen Traditionen zuwendet.

Es folgt schließlich noch eine „Coda“, die sich mit den letzten beiden Songs auf dem Album beschäftigt. Nach der traurigen Ballade „Gone Too Soon“, die stilistisch erneut vollkommen anders ist als alles vorhergehende, kommt das Album mit seinem Titelsong „Dangerous“ zum Abschluss und kehrt gleichzeitig zu seinem Anfang zurück, nämlich zum von Teddy Riley produzierten „noise“ der ersten Stücke. „Dangerous is a monumental album.“, fasst Fast abschließend zusammen. Damit hat sie recht und es ist erfreulich, dass gerade dieses Album als erstes für eine ausführliche Betrachtung in Buchform ausgewählt worden ist. Neben den hier erwähnten Themen arbeitet Fast noch weitere heraus und bezieht zudem auch einige der Musikvideos und Auftritte Jacksons in ihre Analyse mit ein. Ebenso anaylisiert sie das von Mark Ryden gezeichnete Cover des Albums.

Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite hoch interessant und dicht mit Informationen und Analyseergebnissen vollgepackt. Leider ist es allerdings, wie eingangs erwähnt, etwas kurz geraten. Einige der Songs fallen bei der Analyse unter den Tisch: „She Drives Me Wild“, „Can’t Let Her Get Away“ und „Gone Too Soon“ wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die Musikvideos finden leider nicht alle Berücksichtigung (die Kurzfilme zu „Who Is It“ und „Give In To Me“ finde sie nicht besonders interessant, schreibt Fast und analysiert sie deswegen nicht). Von diesen Auslassungen abgesehen ist das Buch aber hervorragend gelungen; jeder Fan, der sich für eine ernsthafte Analyse von Jacksons Werk interessiert (und der englischen Sprache mächtig ist) wird es in kürzester Zeit verschlungen haben. Ich habe es jedenfalls schon zweimal gelesen und hoffe, dass es nicht die letzte Veröffentlichung der Autorin zum Thema Michael Jackson bleiben wird.

Im sehr lesenswerten Blog „Dancing with the elephant“ gibt es ein Gespräch mit Susan Fast über ihr Buch zum Nachlesen. Eine deutsche Übersetzung dieses Gesprächs gibt es im Blog „all4Michael“, wo offenbar auch die Kapitel des Buches nach und nach ins Deutsche übersetzt werden. Zuletzt noch der Hinweis auf einen neuen Podcast: „The MJCast“ wird sich regelmäßig mit Themen rund um den King of Pop beschäftigen. Bislang habe ich nur die einleitende „Episode 000“ gehört, hoffe aber auf einen unterhaltsamen, lehrreichen und spannenden Podcast.

Michael Jackson: Xscape

Mit „Xscape“ ist vor einer guten Woche ein neues Album von Michael Jackson erschienen. Wobei man bei einem seit knapp fünf Jahren toten Künstler natürlich nicht wirklich von einem „neuen“ Album sprechen kann; vielmehr handelt es sich hier um acht unter der Aufsicht von L.A. Reid, Musikproduzent und Vorsitzender von Epic Records, zusammen gestellte und nachträglich von verschiedenen Produzenten „vollendete“ Lieder, an denen Michael Jackson zwischen 1980 und 2002 gerabeitet hat. Für einen Fan wie mich sind solche posthumen Veröffentlichungen stets ein zweischneidiges Schwert: einerseits weiß man, dass hier von Jackson angefangene Werke von anderen in einer Weise fertig gestellt worden sind, die der Künstler so wohl nicht für gut (genug) befunden hätte, andererseits ist man aber natürlich gierig nach jedem Songschnipsel, den man in die Finger kriegen kann (und wenn man eine offizielle CD mit acht Liedern kaufen kann, ist es gleich noch einmal schöner, als nur einen geleakten Song im Internet downzuloaden). Es ist bekannt, was für ein Perfektionist Michael Jackson war; er arbeitete teilweise über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg immer wieder an einem Lied, bis es endlich seinen Vorstellungen entsprach und seiner Meinung nach reif für eine Veröffentlichung war (Joseph Vogel hat diesen Prozess sehr ausführlich und gut recherchiert exemplarisch an Jacksons „Earth Song“ beschrieben). Viele Songs, die andere Künstler wohl sofort veröffentlicht hätten, hielt Jackson unter Verschluss, weil sie noch nicht vollkommen seiner Vision entsprachen – so eben auch die acht Titel, die nun auf „Xscape“ erschienen sind.

Immerhin versucht der Michael Jackson Estate bei der Veröffentlichung dieses neuen Albums einige Fehler zu vermeiden, die beim ersten posthumen Album „Michael“ 2010 passiert sind. Zum einen gibt es dieses Mal keine Zweifel, dass auf allen acht Stücken auch wirklich Michael Jackson selbst singt (wie viele andere Fans bin auch ich inzwischen überzeugt davon, dass auf den drei berüchtigten „Cascio Tracks“ auf „Michael“ nicht Jackson selbst, sondern ein Imitator zu hören ist). Zum anderen gibt es neben der normalen Ausgabe des Albums mit den nachträglich „fertig produzierten“ Versionen auch eine Deluxe Edition zu kaufen, die zusätzlich die Originalfassungen aller acht Stücke enthält, also (Demo-)Versionen der Songs, so wie Jackson sie hinterlassen hat. Das finde ich eine sehr lobenswerte Entscheidung, denn auf diese Weise kann man sich nicht nur ein Bild davon machen, auf welche Weise genau die Songs verändert worden sind, sondern kann auch die neuen Fassungen links liegen lassen und sich immer wieder nur die Originale anhören, falls man das möchte.

Von den acht Liedern auf dem Album sind für langjährige Jackson-Fans freilich nur zwei wirklich neu. Außer „Chicago“ und „Loving You“ kursieren alle Titel bereits seit Jahren zum Teil in verschiedenen Fassungen im Internet; der Titelsong „Xscape“ ist sogar bereits 2002 im Internet geleakt. Die kreative Aufsicht über die Fertigstellung der neuen Fassungen hatte Star-Produzent Timbaland, der auch bei fünf Titeln selbst Hand anlegte. Unter den weiteren beteiligten Produzenten befinden sich John McClain (der auch bereits am „Michael“-Album beteiligt gewesen war) und das norwegische Duo Stargate (bekannt durch die Arbeit mit Rihanna oder an Beyoncés Hitsingle „Irreplaceable“), auf das Jackson selbst noch zu Lebzeiten wegen einer Zusammenarbeitet zugegangen war, zu der es aber nie kam. Rodney „Darkchild“ Jerkins ist der einzige unter den beteiligten Produzenten, der tatsächlich selbst mit Michael Jackson gearbeitet hat (er produzierte sechs Titel auf Jacksons letztem Studioalbum „Invincible“). Der langjährige Jackson-Produzent Teddy Riley, der noch an einige der auf „Michael“ veröffentlichten Stücke nachträglich Hand angelegt hatte, war dieses Mal nicht mehr mit von der Partie.

Nun werden also bislang unveröffentlichte Lieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Aber warum musste man diese Stücke eigentlich eigentlich nachträglich abändern und damit quasi remixen? Hier zitiere ich mal aus dem Booklet des Albums: „[T]he goal was bold, but straightforward: take some of Jackson’s best and most complete unreleased music and make it feel as new, as current, as fresh as if the artist was still with us.“  Im weiteren Verlauf des Textes wird argumentiert, Jackson habe oft über Jahre hinweg an seinen Liedern gearbeitet, sie sich immer wieder vorgenommen und zu verbessern versucht und sie manchmal erst viele Jahre später auf einem Album veröffentlicht. „With this process in mind, Jackson’s Estate began combing through the artist’s vault in late 2012, looking for some of the strongest material the artist left behind.“ Ungefähr 24 Stücke wurden dabei ausgewählt. L.A. Reid nahm nur solche Titel in die engere Auswahl mit auf, die Jackson mehrmals komplett eingesungen hatte und bei denen keine Lead- und Background Vocals fehlten. (Dass man aus diesen 24 Stücken nun nur acht aufs Album gepackt hat, bedeutet wohl, dass noch mindestens zwei weitere Alben mit unveröffentlichten Songs auf uns zu kommen.)

„The primary vision for XSCAPE […] was to ‚make it new‘ (to adopt a modernist credo) to accentuate the music’s relevance to the here and now.“, heißt es weiter. Was allerdings besonders neu oder aktuell an den hier nun mit aus Hunderten anderen Songs bekannten Elektro-Sounds und Timbaland-Basslines versehenen Neufassungen sein soll, erschließt sich mir ganz und gar nicht. Michael Jackson hat in Interviews immer wieder betont, dass er stets auf der Suche nach neuen Sounds war, nach Klängen, die man so in der Popmusik noch nie gehört hatte. Auf dieser Suche war er im Lauf seiner Karriere immer wieder  erfolgreich und hat damit einen für ihn eigenen, typischen Jackson-Sound geschaffen. „Remember The Time“ vom 1991er Album „Dangerous“ ist ein schönes Beispiel für diesen neuen Sound, nach dem Jackson stets strebte – der Song hört sich vollkommen anders an als die Jackson-Lieder der 80er Jahre, klingt aber trotzdem zeitlos und eben typisch nach Jackson. Wenn nun aber ein paar Musikproduzenten daher kommen und alte Jackson-Stücke zu modernisieren versuchen, damit diese dem aktuellen Musikgeschmack und den momentanen Trends entsprechen, darf man sich davon wohl nicht zu viel versprechen. Ich wage jedenfalls die Vorhersage, dass sich die neuen Fassungen der acht Titel auf „Xscape“ in ein paar Jahren ziemlich alt anhören werden, während die Orginalversionen überwiegend frisch bleiben.

Die neu produzierten Fassungen hören sich für mich jedenfalls überhaupt nicht nach „on the cutting-edge“ an, wie es im CD-Booklet weiter heißt; beim ersten Durchhören der CD und Vergleichen der alten mit den neuen Versionen habe ich fast jedes Mal den Kopf geschüttelt, als ich gehört habe, was Timbaland & Co. aus Jacksons Vorlagen gemacht haben. Klar, das klingt wie vieles andere, das in den letzten Jahren im Radio lief und wird vielleicht gerade deswegen Erfolg haben. Wirklich „neu“ ist daran aber nichts. Hätten wir nur diese neuen Fassungen zur Verfügung, würde ich mich darüber wahnsinnig aufregen. Wie gesagt gibt es aber auf der Deluxe Version von „Xscape“ auch die Originale, die ich mir viel lieber anhöre. So habe ich mich also doch noch mit diesem Album versöhnen können.

In einem der nächsten Sätze im Booklet ist dann interessanterweise auch nicht mehr von „cutting-edge“ die Rede, also davon, mit diesen Songs über den Sound der Zeit hinaus zu gehen und womöglich etwas ganz Neues, so noch nie zuvor Gehörtes zu schaffen, sondern lediglich von „contemporizing Jackson’s songs“, also davon, sie dem momentanen Geschmack anzupassen. Zumindest in dieser Hinsicht haben die Produzenten hier wohl Erfolg gehabt (und mehr konnte man auch nicht erwarten) – sowohl meine Mutter als auch meine Schwester fanden die neu produzierten Versionen jedenfalls ziemlich gut.

Noch ein paar Worte zu den einzelnen Songs:

„Love Never Felt So Good“ – Meiner Meinung nach der gelungenste unter den „modernisierten“ Songs und eine passende erste Singleauskopplung. Die Originaldemo des von Jackson und Paul Anka geschriebenen Stücks ist schon lange einer meiner Favoriten, für die neue Fassung haben sich John McClain und Giorgio Tuinfort ganz klar den „Off The Wall“-Sound zum Vorbild genommen. Statt auf Gimmicks setzen sie auf Altbewährtes – mit Erfolg. Trotzdem möchte ich auch die nur mit Klavierbegleitung unterlegte Demo von 1980 nicht missen. Auf der Deluxe Edition gibt es noch eine dritte Fassung, als Duett mit Justin Timberlake und produziert von Timbaland. Die ist auch ganz okay. 🙂
„Chicago“ – Der Songtitel ist etwas irreführend, zum einen weil es noch ein weiteres (bislang nicht veröffentlichtes) Jackson-Lied gibt, das auf den Namen „Chicago 1945“ hört und zum anderen weil das Wort „Chicago“ hier eben nur einmal am Anfang des Liedes vorkommt und im Refrain immer wieder die Worte „She was lovin‘ me“ wiederholt werden. Warum man das Stück dann trotzdem „Chicago“ genannt hat, weiß nicht. Damien Shields hat Anfang April in seinem Blog diesem Song einen eigenen Post gewidmet, um die Fans darüber aufzuklären, dass das bis dahin als „She Was Lovin‘ Me“ bekannte (aber noch von niemandem gehörte) Stück und „Chicago“ ein und derselbe Song sind. Zum Lied selbst: Es wurde vom Musikproduzenten Cory Rooney geschrieben, Jackson liebte den Song und nahm ihn auf. Die Originalfassung hört sich noch nicht richtig fertig an, aber ich liebe Jacksons abwechselns sanften und agressiven Gesang. Wenn ich den Beginn der neuen Fassung höre, schüttelt es mich einfach nur…
„Loving You“ – Vielleicht ist die Verwechslungsgefahr mit diesem Titel der Grund dafür, warum „Chicago“ eben nicht „She Was Lovin‘ Me“ heißt. „Loving You“ wurde von Jackson ganz allein geschrieben und ist einer dieser wunderschönen Lovesongs, die man sich an einem grauen Regentag anhören und bei denen man träumen kann. Auch hier hat Timbaland meiner Meinung nach mehr verschandelt als verbessert, deswegen werde ich überwiegend die Originalfassung anhören.
„A Place With No Name“ – Eine von Jackson neu getextete Fassung des America-Hits „A Horse With No Name“. Ich finde es sehr interessant, dass er sich auch für so etwas nicht zu schade war (andererseits hat er sich ja dazu entschieden, das Lied nicht zu veröffentlichen). Die Originalfassung hat einen Groove, der einen sofort mitschwingen lässt und ich muss zugeben, dass ich die von Stargate neu erstellte Version nach anfänglicher Skepsis gar nicht mehr so übel finde. Die eingesetzten Elektrosounds sind gar nicht so unpassend, aber auch hier bin ich froh, die Wahl zwischen beiden Fassungen zu haben.
„Slave To The Rhythm“ – Von diesem Song ist vor ein paar Jahren eine von Tricky Stewart gemixte Fassung im Internet aufgetaucht, deren Elektrosound ich sehr cool finde und die mir seitdem ins Ohr gegangen ist. Auch als Duett mit Justin Bieber gibt es den Song… Der auf der Deluxe Edition von „Xscape“ veröffentlichten Originalfassung hört man ihren Ursprung deutlich an – sie wurde während der Sessions für das „Dangerous“-Album aufgenommen. Damals geschrieben und produziert von L.A. Reid und Babyface, wurde das Stück nun unter anderem von Timbaland auf den neuesten Stand gebracht. Von allen Timbaland-Produktionen auf dem Album finde ich diese hier am gelungensten, ziehe aber die Tricky Stewart-Fassung immer noch vor, auch wenn sie bislang nicht in bester CD-Qualität vorliegt und offiziell unveröffentlicht ist. Letzte Nacht ist Michael Jackson übrigens bei den Billboard Music Awards mit diesem Song (in der neuen Timbaland-Fassung) aufgetreten – ja, richtig gelesen! Ein Jackson-Hologramm, das wohl zumindest teilweise auf einem Jackson-Imitator basierte (wie man am Gesicht erkennen konnte) tanzte zusammen mit anderen Tänzern, die anscheinend auch zumindest teilweise nur Hologramme waren und bewegte mehr schlecht als recht die Lippen zum Text. Gut gemeint, aber irgendwie gruselig, auch wenn das Outfit des Holo-Michaels cool aussah.
„Do You Know Where Your Children Are“ – Genau wie bei „Slave To The Rhythm“ ist auch hier seit einigen Jahren eine Fassung des Songs im Umlauf, die sich von der auf der Deluxe Version enthaltenen Originalfassung unterscheidet – und auch in diesem Fall ist diese „dritte“ Fassung mein Favorit. Sie ist deutlich rockiger als offizielle Originalfassung. Vom Text her ist dieser Song einer der interessanteren Titel auf „Xscape“; Jackson singt darin von einem Mädchen, das sexuell missbraucht wird, von zuhause fortläuft und schließlich in die Fänge der Kinderprostitution gerät. Den Songtitel hat Jackson einer Reihe von US-Fernsehwerbespots entliehen, in denen Eltern in den 80er Jahren die Frage gestellt wurde „Do You Know Where Your Children Are?“ Damien Shields beschreibt die neue, unter anderem von Timbaland verbrochene Fassung als „video game-ish“, womit eigentlich schon alles gesagt ist, denn sie klingt tatsächlich zumindest phasenweise mehr nach GameBoy als nach Jackson…
„Blue Gangsta“ – Diesen Song liebe ich schon lange, weil er sich anhört wie kein zweiter Jackson-Song. Er hat ein wenig dieses „Smooth Criminal“-Feeling, ist aber deutlich langsamer und geht trotzdem sehr in die Beine. Geschrieben und produziert wurde das Lied genau wie das auf „Invincible“ veröffentlichte „Break Of Dawn“ von Dr. Freeze. Die geleakte Fassung, die ich kenne, entspricht der Originalfassung auf der Deluxe Version, ist aber noch ein wenig länger. Die neue Fassung ist im Intro noch in Ordnung, aber dann machen Timbaland & Co. wieder alles kaputt…
„Xscape“ – Diesen Song kennen viele Jackson-Fans wie gesagt schon seit 2002, als er plötzlich im Internet auftauchte, und zwar nicht in einer unfertigen Demofassung, wie das bei vielen anderen Leaks der Fall war, sondern in einer Version, die sich vollkommen fertig produziert anhörte und die man so auch sofort hätte veröffentlichen können. Gerüchten zufolge wollte Jackson das damals auch tun (auf sein 2001er Album „Invincible“ schaffte es der Song trotzdem nicht), entschied sich aber dagegen, nachdem der Song ins Netz durchgesickert war. Oder die damaligen Streiteren mit Sony Music machten ihm einen Strich durch die Rechnung, wer weiß. Ich bin jedenfalls nach wie vor überzeugt, dass das Lied ein Riesenhit hätte werden können. Auf der Deluxe Version des Albums hören wir nun genau jene seit 2002 bekannte Originalfassung, die Jackson-Funk in Perfektion darstellt. Mit fast sechs Minuten mag der Titel vielen zu lang sein, aber ich liebe es, wenn Jackson in seinen Songs immer noch einen draufsetzt. Auch der abwechselnd fauchende und dann wieder kraftvoll herausgeschrieene Gesang fasziniert mich. Von allen Stücken auf dem Album ist die Originalfassung von „Xscape“ bei weitem mein Favorit! Warum bloß hat man auch diese nun verändert, der Titel war doch längst fertig? Rodney Jerkins, mit dem Jackson das Stück damals geschrieben und produziert hatte, hat sich den Song noch einmal vorgenommen und das Ergebnis finde ich einfach nur befremdlich. Das Lied hat einen Großteil seiner Power verloren! Ich höre weiter das Original. Übrigens ist auch hier der Text höchst interessant; Jackson singt davon, wie er auf Schritt und Tritt von „elektrischen Augen“ beobachtet wird, von denen er fliehen will. „When I go, this problem world won’t bother me no more“, heißt es in der Überleitung. Hoffen wir mal, dass es ihn nun wirklich nicht mehr stört, wie sich andere Leute an seinem musikalischen Nachlass vergreifen.

Zum Schluss möchte ich noch auf interessante Artikel zweier Jackson-Experten verweisen: Joseph Vogel hat für Slate die Entstehung des Titelsongs des Albums beschrieben, von der ursprünglichen Zusammenarbeit zwischen Jackson und Rodney Jerkins bis hin zur posthumen „Weiterentwicklung“ des Songs. Damien Shields hat in seinem Blog eine ausführliche Rezension zum neuen Album gepostet, in der er auch noch mehr auf die Entstehungsgeschichten der einzelnen Titel eingeht (ich habe mich in meinem Post hier mehrmals auf diesen Artikel gestützt).

Und zu allerletzt noch ein weiteres Zitat aus dem Album-Booklet, über das sich nachzudenken lohnt (ich wollte es eigentlich im Text unterbringen und kommentieren, aber die Zeit reicht nicht mehr und der Post ist auch schon lang genug – vielleicht also ein anderes Mal):
„Throughout his career, Jackson frequently used the term ‚escape‘ or ‚escapism‘ to describe his art. It was a term critics often misunderstood as meaning superficial entertainment detached from real-world problems. Yet for Jackson, as the songs on this album (and the rest of his catalog) indicate, it was not an aesthetic of evasion. Very few popular artists have tackled the range of subject matter of Michael Jackson. Escape, for Jackson, was about transporting his audience (and himself) into different stories, different spaces, different sounds and emotions; it was about drawing contrasts between the way things are and the way things could be, between our realities, fears and desires.“

 

Madonna – MDNA World Tour

Ich habe leider noch nie ein Madonna-Konzert besucht, aber ihre letzten Tourneen habe ich mir immer auf DVD oder Blu-Ray angeschaut. So auch ihre 2012er Tour, die „MDNA World Tour“. Die Aufzeichnung der Konzerte aus Miami ist gerade erschienen und landete am Donnerstag in meinem Blu-Ray-Player. Und was soll ich sagen, die Show, die Madonna zusammen mit ihren Tänzern usw. hier aufführt, ist erwartungsgemäß bombastisch. Es geht schon nicht unerwartet mit allerlei religiöser Symbolik los, bevor Madonna überhaupt die Bühne betritt. Leider verstehe ich davon fast nichts, aber ich bin mir sicher, Robert Langdon hätte seine helle Freude an all den christlichen und sonstigen religiösen Symbolen, die Madonna hier im Lauf der Show zusammen mixt. Darauf, am Kreuz hängend „Live To Tell“ zu singen, verzichtet sie dieses Mal zwar, aber das hat sie ja sowieso schon mal gemacht. Und Madonna macht eigentlich nie irgendetwas, das sie vorher schon einmal genauso gemacht hat

Die Show ist in vier Akte unterteilt, die Wikipedia zufolge den Themen „Transgression, Prophecy, Masculine/Feminine and Redemption“ zugeordnet sind, was wohl relevant wäre, wenn man das Konzert und seine ganze Symbolik wirklich tiefgehend analysieren wollte. Pragmatisch gedacht geben die Pausen zwischen den Akten Madonna die Gelegenheit, zwischendurch auch mal durchzuschnaufen, wohl eine Flasche Gatorade runterzukippen und natürlich jeweils in ein neues Kostüm zu schlüpfen. Nachdem jedenfalls zu Beginn ein überdimensionales Weihrauchfass über der Bühne hin- und herschwingt während einige Sänger wie in einem Choral immer wieder Madonnas Namen singen, erscheint die Besungene schließlich in einem gläsernen Beichtstuhl, aus dem sie sich erst einmal mit einem Maschinengewehr den Weg frei schießt. Passend dazu heißt der erste Song, zu dem sie dann ansetzt, auch „Girl Gone Wild“. Noch mehr Knarren gibt es anschließend bei „Revolver“ – hier dürfen auch die Backgroundtänzerinnen damit herumfuchteln. Den ersten Höhepunkt erreicht die Show für mich dann mit den folgenden beiden Stücken: Zu „Gang Bang“, einem unter anderem von William Orbit produziertem Stück, das mir mit seinem treibenden Bass schon auf dem MDNA-Album am besten gefallen hatte, singt Madonna im Setting eines Motel-Rooms (in dem natürlich auch ein großes Kreuz hängt) mit einer Pistole in der Hand. Einer nach dem anderen tauchen ihre Tänzer in dem Zimmer auf (sie sollen hier wohl ihre Ex-Lover darstellen) – und einer nach dem anderen werden sie von Madonna niedergeschossen, Blutspritzer inklusive. Nach dem Ende des Songs kriecht sie auf dem ins Publikum führenden Laufsteg herum, und bittet für ihre begangenen Verbrechen um Vergebung, indem sie die erste Strophe und einmal den Refrain von „Papa Don’t Preach“ singt, womit sie dem Song eine andere als die ursprünglich darin angelegte Bedeutung verleiht.

Madonna hat mal in einem Interview gesagt, dass sie ihre eigenen Lieder eigentlich schon wieder langweilig findet, sobald sie sie fertiggestellt und veröffentlicht hat. Auf ihren Tourneen singt sie deshalb überwiegend die Songs des jeweils aktuellen Albums und streut nur relativ wenige ihrer großen Hits ein. Und vor allem diese älteren Songs verändert sie dann meistens, indem sie sie als Remixe oder Mashups performt (bei ihrem Konzert im Pariser Olympia performte sie beispielsweise den Song „Beautiful Killer“ zum Soundgerüst von „Die Another Day“ – wobei allerdings „Beautiful Killer“ gar kein älteres Stück ist). Dieses Verfremden von Liedern muss man natürlich nicht immer mögen und die Ergebnisse klingen manchmal gewöhnungsbedürftig und sind nicht immer gelungen. (In dieser Hinsicht unterscheiden sich die künstlerischen Philosophien von Madonna und Michael Jackson übrigens vollkommen. Für Jackson wäre nämlich der Gedanke, einen seiner großen Hits – oder überhaupt irgendeinen seiner Songs – als geremixte Fassung aufzuführen, völlig abwegig gewesen. Nachdem er teilweise jahrelang an seinen Songs gefeilt hatte, bevor er sie veröffentlichte, wollte er auch, dass sie bei Konzerten fürs Publikum genauso klingen, wie er sie geschrieben und produziert hatte. An einer Stelle sagt er dies auch im „This Is It“-Film, als er gerade „The Way You Make Me Feel“ probt: „I want it the way I wrote it.“)

Ihre besten Momente erreicht eine Madonna-Show immer dann, wenn es gelingt, durch dieses Remixen, Ineinandermischen und Aneinanderreihen von Songs diesen in Verbindung mit der Performance eine ganz neue Bedeutung zu verleihen oder zumindest neue Facetten zu entdecken, auf die man beim Anhören der CDs so noch nicht gekommen ist. Die „Gang Bang / Papa Don’t Preach“-Performance im ersten Akt der MDNA-Show ist für mich eine solche Stelle. Sich ein Madonna-Konzert auf CD anzuhören ist genau aus dem Grund ziemlich langweilig, weil die Bühnen-Performances eben ein so wichtiger Teil der Show sind, ja eigentlich wichtiger als die Musik und der Gesang. (Auf CD hat ein Madonna-Konzert auch deswegen einen schalen Beigeschmack, weil man sich nicht immer sicher sein kann, ob sie wirklich live singt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das eben nicht durchgehend tut, aber immerhin wird das Ein- und Aussetzen des Playback ziemlich geschickt verschleiert, was übrigens einen weiteren Unterschied zu Michael Jackson darstellt.)

Nach ihrer „Papa Don’t Preach“-Beichte lässt sich Madonna von ihren Tänzern fesseln und quer über die Bühne schleifen. Anscheinend will sie den Titel des Songs, den sie dazu singt, wörtlich verstanden wissen – der lautet nämlich „Hung Up“. Im zweiten Teil verabschiedet sich die Show von allem Düsteren und Gewalttäigem, dafür wird es jetzt zwanghaft überfröhlich. Los geht es mit „Express Yourself“, dem Madonna auch Neues abgewinnt, indem sie zum Ende hin einfach Lady Gagas „Born This Way“ hineinsingt, was ich zuerst gar nicht bemerkt hatte. Ich hatte die ganze Zeit fröhlich mit dem Fuß mitgewippt, bis mir plötzlich ein Licht aufging: Das ist ja gar nicht Madonnas Song! Natürlich kann sich die Queen of Pop es dann auch nicht verkneifen, ein paar Mal die Titelzeile ihres 2008er Songs „She’s Not Me“ hineinzurufen; auf die eigentlich folgende Zeile „And she never will be“ verzichtet sie aber und den Song hat sie damals wohl sowieso noch nicht in Bezug auf Lady Gaga geschrieben. In Verbindung mit Gagas „Born This Way“ bekommt jedenfalls auch die Zeile „She’s Not Me“ eine neue Bedeutung.

Weiter geht es im zweiten Akt dann mit „Give Me All Your Luvin'“, zu dem eine ganze Marschkapelle an Seilen hängend einschwebt. Bei „Open Your Heart“ singt Madonna dann wie bei einigen anderen Liedern auch in Begleitung des französischen Kalakan Trios, das sie, wie sie selbst sagt, bei einem Urlaub im Baskenland entdeckt hat. Der dritte Akt des Konzerts beginnt mit „Vogue“, wofür Jean-Paul Gaultier extra eine neue Version seines legendären Kegel-BHs designte. Mit einem Medley aus „Candy Shop“ und „Erotica“ geht es erotisch weiter, während sich Madonn dann zu „Human Nature“ auszieht und schließlich halbnackt auf dem ins Publikum führenden Laufsteg liegt. Dort singt sie dann – sich auf dem Boden und einem Klavier räkelnd – eine seltsame, zum Waltzer umfunktionierte Piano-Version von „Like A Virgin“. In diesem Fall kann man die veränderte Fassung des Songs nicht wirklich als gelungen betrachten, Madonnas deutlich näher am Original liegende Performance des Songs auf der Confessions-Tour 2006 fand ich jedenfalls viel gelungener. Nach dem Ende des Songs wird Madonna von einem ihrer Tänzer in ein Korsett geschnürt und räkelt sich noch einmal halbnackt auf dem Boden, während sie „Love Spent“ singt und die ihr aus dem Publikum zugeworfenen Dollarnoten einsammelt. Was diese Nacktheit anderes bewirken soll, als Madonnas durchtrainierten Körper vorzuführen, bleibt aber rätselhaft. Aber vielleicht muss man die Szene nach dem Ende des Songs, als sie mit verzweifeltem Blick die Geldscheine in den Händen zusammenkrallt, im Kontext dessen sehen, was sie zuvor während der Show gesagt hat – dass sie nämlich die Liebe und Unterstützung ihrer Fans keineswegs für selbstverständlich erachtet und dankbar dafür ist, diesen Job nun schon dreißig Jahre lang machen zu dürfen, in einer Zeit, in der viele Leute gar keine Arbeit haben. Gelungen finde ich die „Like A Virgin“- und „Love Spent“-Performance trotzdem nicht. Ich hätte auf all das theatralische, halbnackte am-Boden-Räkeln verzichten können und hätte es lieber gesehen, wenn sich Madonna einfach mal auf einen Hocker gesetzt hätte, und ein kurzes Acoustic-Set mitten im Konzert zum Besten gegeben hätte, bei dem mal die Musik und der Gesang (also wirklich die Lieder!) im Mittelpunkt stehen. Aber gut, bei Madonna geht halt nichts ohne Show drumherum und die eigenen Lieder findet sie ja wie gesagt eh zu langweilig, um sie einfach so dahin zu singen…

Im vierten und letzten Akt wird die Show dann bei „I’m Addicted“ und „I’m A Sinner“ zur großen Party, bevor mit „Like A Prayer“ wieder die Religiosität Einzug hält, mit den Sängern als großem Gospelchor im Hintergrund. Beim letzten Stück wird dann aber doch wieder klar gemacht, dass es Madonna eigentlich nur ums Partymachen geht, das Konzert endet nämlich in einer ganz unverfänglichen „Celebration“ (das Stück geht schließlich in das wesentlich schwungvollere „Give It 2 Me“ über). Im Großen und Ganzen muss ich also sagen, dass mich die Show selbst auf Blu-Ray ganz schön mitgerissen hat. Was Madonna mit ihren Tänzern, Sängern, Choreographen und allen anderen kreativ Beteiligten hier auf die Bühne gestellt haben, ist so ziemlich das Größte und Bombastischste, was man heutzutage in einem Popkonzert bieten kann. Auch die Bühnentechnik mit den auf- und abfahrenden Bodenteilen, deren Wände gleichzeitig als Bildschirme dienen, wird hervorragend eingesetzt. Dass man nicht mit jeder neu gemixten Fassung älterer Lieder einverstanden ist, versteht sich von selbst. Auch dass sich Madonna hier, wie bei ihren letzten Tourneen auch, bei einigen Stücken zur E-Gitarre greift, wirkt ein wenig unglaubwürdig, zumindest aber überflüssig, so als ob sie uns beweisen will, dass es eigentlich nichts gibt, das sie nicht kann. Wie erwähnt kann ein Madonna-Konzert aber auch wirklich brillante Momente hervorbringen, wenn sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Songs und den dazugehörigen Performances ganz neue Bedeutungen ergeben – wenn auch keine weltbewegenden. Aber vorrangig geht es ja doch nur darum, Spaß zu haben, und den hatte ich defintiv, auch wenn ich gar nicht live dabei war.

Übrigens beschweren sich bei Amazon zahlreiche Käufer der Blu-Ray über deren angeblich schlechte Bildqualität. Ich kann das nicht nachvollziehen. Das Bild weist zwar oft eine deutlich sichtbare Körnung auf, wie man sie von modernen Digitalaufnahmen nicht mehr gewohnt ist, das ist aber wohl gewollt. Allerdings ist das Menü der Disc sehr unvorteilhaft gestaltet. Mir war zu Beginn jedenfalls nicht klar, wie ich die einzelnen Menüpunkte anwähle. Durch Drücken des Enter/OK-Knopfs konnte ich zwar das Konzert starten, aber nicht die Auswahl der einzelnen Songs, die Tonauswahl oder die Bonusdokumentation anwählen. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich darauf gekommen bin, dass ich einfach nach links drücken muss, um vom Menüpunkt „World Tour“, der gar nicht klar als solcher ersichtlich war, zu den anderen vier Menüpunkten zu kommen. Das hätte man besser gestalten müssen!

Hier ist noch der oben erwähnte, 45-minütige Auftritt von Madonna im Pariser Olympia in voller Länge. Auf die aufwändige Bühnentechnik der anderen Shows musste dabei natürlich verzichtet werden, „Vogue“ ist aber trotzdem toll und außerdem gibt Madonna hier zwei exklusive Songs zum Besten, die sie noch nirgends sonst gesungen hat („Beautiful Killer“ und „Je t’aime“). Schade, dass man diesen Auftritt nicht auch noch auf die Blu-Ray gepackt hat.

Michael Jackson: Slave To The Rhythm

Es ist Samstag und trotz des Baustellenlärms, der durch das offene Fenster in meine Wohnung dringt, habe ich heute bis in den späten Vormittag hinein geschlafen. Als ich dann frisch geduscht am Frühstückstisch saß, eine heiße Tasse Kaffee und die Zeitung vor mir, warf ich zum ersten Mal heute einen Blick auf mein Handy: Neben einem halben Dutzend nicht relevanten Emails, die über Nach eingetroffen waren, gab es die obligatorischen Michael Jackson-News. Die bestehen dieser Tage ja naturgemäß eher in Banalitäten wie „Lady Gaga trägt im Aufnahmestudio MJ’s alte Pullover“ (wurde so ähnlich vor ein oder zwei Tagen tatsächlich gemeldet).

Die heutige Jackson-Nachricht des Tages lautete „Justin Bieber and Michael Jackson duet goes viral“ und hat anscheinend die letzte Nacht über unter Jackson-Fans auf der ganzen Welt hitzige Diskussionen ausgelöst. Mich hat die Neuigkeit – auch nach dem Anhören des Songs – allerdings eher kalt gelassen. Zum einen, weil mich so ziemlich alles kalt lässt, was mit Justin Bieber zu tun hat. Ich glaube, ich habe noch nie zuvor ein Lied von ihm gehört, insofern war das für mich heute eine Premiere. Zum anderen hat mich die Neuigkeit kalt gelassen, weil der Song, um den es sich hier handelt, bereits bekannt ist. „Slave To The Rhythm“ ist schon seit Jahren bei YouTube zu finden, und zwar in einer besseren, da von Michael Jackson alleine gesungenen Version:

Der Song hätte es 2010 beinahe auf das Album „Michael“ geschafft, die erste offizielle Veröffentlichung von noch unbekannten Jackson-Songs nach dessen Tod. Damals hat man sich gegen eine Veröffentlichung entschieden, der Song ist aber trotzdem geleakt und hat die Jackson-Fans bereits damals überrascht, weil der Elektro-Sound des Stücks so gar nicht zu Michael Jackson passen wollte (sich aber trotzdem zumindest bei diesem Lied verdammt cool anhört). Wie Damien Shields nun in seinem Blog unter Berufung auf den Musikproduzenten Rodney „Darkchild“ Jerkins (u.a. MJ’s „You Rock My World“) berichtet, hat Michael Jackson den Song bereits 1989 während der Arbeiten an seinem Album „Dangerous“ aufgenommen. Das Stück wurde damals produziert von L.A. Reid und Babyface – diese Version würde ich sehr gerne hören, da sie außer Jacksons Gesang mit der geleakten Fassung fast nichts gemeinsam haben dürfte. Jackson hat sich damals dagegen entschieden, den Song auf dem Album zu veröffentlichen. Die bekannte 2010er-Fassung wurde von Tricky Stewart erstellt, der auch schon einige Bieber-Songs produziert hat (siehe die Diskographie der von ihm produzierten Songs bei Wikipedia). Auf dem posthum veröffentlichen Album landete aber auch diese neue Version nicht.

Interessant an der ganzen Sache ist, dass der Michael Jackson Estate nun vehement gegen die Duett-Fassung vorzugehen scheint, während man die Auffindbarkeit der von MJ alleine gesungenen Version bei YouTube seit Jahren toleriert. In Bezug auf das Jackson-Bieber-Duett heißt es in einem offiziellen Statement „this recording was not authorized and has been taken down“. Zumindest in dem Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, ist das Stück aber noch mehrfach bei YouTube zu finden. Dass der Michael Jackson Estate und Sony Music das Bieber-Duett unbedingt aus dem Internet gelöscht sehen wollen, kann eigentlich nur bedeuten, dass man eine offizielle Veröffentlichung plant. Schon seit einigen Jahren geht das Gerücht um, es sei ein Duett-Album in Planung, auf dem wohl zum größten Teil noch unbekannte Jackson-Songs als Duette mit anderen Stars veröffentlicht werden sollen. Der Grund für diese Planung ist, dass Michael Jackson zwar eine große Menge unveröffentlichter Stücke hinterlassen hat, aber nur wenige davon in einem komletten, fertig produzierten Zustand vorliegen. Ein Großteil des Materials besteht aus Demoversionen, bei denen Jackson oft nur eine Strophe und einmal den Refrain singt, um seine Idee für ein Lied festzuhalten und eventuell später weiter daran zu arbeiten. Da diese Demos noch keine vollstänigen Songs darstellen, bietet sich eine poshume Fertigstellung als Duett natürlich an.

Das erklärt allerdings nicht, warum nun gerade aus dem fantastischen „Slave To The Rhythm“ ein Duett gemacht worden ist. Das Stück wurde schließlich von Michael Jackson komplett eingesungen und die neue Fassung stellt eher eine Verstümmelung dar. Zwar hat man an der Bieber-Version auch produktionstechnisch noch hier und da herumgeschraubt, was positiv zu hören ist, aber gleichzeitig wurde eben ein Großteil von Jacksons Gesang herausgenommen und durch Justin Bieber ersetzt. Bei Facebook existiert bereits eine Gruppe, die die Veröffentlichung des MJ-Bieber-Duetts verhindern will und sich für eine Veröffentlichung der Solo-Version von „Slave To The Rhythm“ stark macht. Ich bin der Gruppe zwar noch nicht beigetreten, kann aber auch nicht nachvollziehen, warum man nun gerade diesen Song für eine Bearbeitung als Duett ausgewählt hat. Die Solo-Version klingt besser – sie hat einfach mehr Michael! 🙂 Aber wie gesagt lässt mich das Ganze insgesamt ziemlich kalt, da ich mir ja jederzeit die von MJ alleine gesungene Fassung anhören kann. Als Jackson-Fans ist man es ja schon lange gewohnt, dass selbst offiziell veröffentlichte Stücke nicht die Anerkennung bekommen, die sie verdienen und dass sich auch unter den unveröffentlichten Titeln einige Wahnsinnssongs befinden. Insofern ist mir egal, welche Version von „Slave To The Rhythm“ die breite Öffentlichkeit (nicht) wahrnimmt. Trotzdem bin gespannt, welche Veröffentlichung der MJ Estate und Sony Music als nächstes planen.

Gedanken über George Lucas und Michael Jackson

Nach meinem Michael Jackson-Post von vorgestern komme ich heute noch einmal (und ganz sicher nicht zum letzten Mal) auf den King of Pop zurück. Neben Michael Jackson ist alles rund um STAR WARS die zweite große, mein Leben seit vielen Jahren bestimmende – oder zumindest beeinflussende 😉 – Leidenschaft. Gerade eben habe ich einen Fernsehbeitrag (den man hier anschauen kann) über den „Star Wars“-Schöpfer George Lucas gesehen, der in San Francisco ein Museum gründen will, dem er Bilder, Literatur und Kunstgegenstände aus seiner eigenen, nicht gerade kleinen Sammlung zur Verfügung stellen will, um junge Menschen dazu zu inspirieren, kreativ tätig zu werden.

Was das Ganze nun mit Michael Jackson zu tun hat? Nun, der Bericht hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie ähnlich sich die meisten großen Künstler (und dazu zähle ich die beiden genannten definitiv) in so mancher Hinsicht sind. Eine idealistische Sichtweise auf die Welt gehört dazu ebenso, wie die Fähigkeit zur geradezu kindlichen Begeisterung. Ganz genauso natürlich die beneidenswerte Gabe der scheinbar unerschöpflichen Kreativität, die mit den anderen beiden Eigenschaften sicher in Verbindung steht.
Genau wie George Lucas sich auf seiner Skywalker Ranch eine ganze Bibliothek voller Bücher eingerichtet hat und Bilder von Norman Rockwell und anderen Künstlern sammelt, hatte auch Michael Jackson seine Neverland Ranch mit zahlreichen Kunstgegenständen und einer eigenen Bibliothek ausgestattet. Und für seinen Kunstgeschmack galt das Gleiche wie für den von George Lucas (siehe Lucas eigene Aussage darüber im oben verlinkten TV-Beitrag) – ernsthafte Kunstkritiker hätten für die Bilder und Skulpturen, die Jackson sammelte, wohl nur eine hochgezogene Augebraue übrig gehabt und sie mit Adjektiven wie „kitschig“ und „oberflächlich“ beschrieben (genau so wurden auch Jacksons Lieder oft bezeichnet, und auch auf Lucas‘ Filme trifft das zum Großteil zu, schließlich sind sie „nur“ Blockbuster- und Popcornkino für die breite Masse).
Darüber hinaus liegt bzw. lag es beiden Künstlern sehr am Herzen, junge Menschen und nachfolgende Generationen zu inspirieren und dazu anzuleiten, ihr eigenes Potential zu entdecken und ihre Kreativität zu entfalten. Nachdem ich den Fernsehbeitrag gesehen hatte, waren mir die Parallelen zwischen George Lucas und Michael Jackson in diesen beiden Punkten sofort vor Augen.

Und da ist noch ein dritter Punkt, den ich ebenfalls kurz anreißen möchte, aber hier und heute noch nicht vertiefen kann:

Nach Michael Jacksons Tod begann sich die Sichtweise der Öffentlichkeit auf ihn und sein Werk zu ändern. Wenn über Jackson geschrieben wird, liegt der Fokus seitdem immer seltener auf den „Skandalen“, die zu seinen Lebzeiten die Medien beherrschten, sondern mehr und mehr auf seiner Kunst und seinem Wirken (einige Links dazu hatte ich in meine letzten Beitrag gepostet). Sein Lebenswerk wird nun auf eine ganz andere Weise wahrgenommen und es ist auf einmal auch unter ernsten Musikkritikern schick, sich tiefgründig mit seinen Liedern, Videos usw. auseinanderzusetzen, die doch früher bloß als reine Unterhaltung und damit als oberflächlich bezeichnet wurden. Nun aber rückt der Künstler Michael Jackson allmählich in den Vordergrund und die Inhalte, Hintergründe und Intentionen seiner Werke werden mit berücksichtigt.
George Lucas ist glücklicherweise noch nicht tot und ich wünsche ihm noch ein langes, erfülltes Leben; trotzdem wage ich es einmal zu behaupten, dass ihm dieser Prozess auf ganz ähnliche – wenn auch wohl weniger extreme Weise – widerfährt. Lucas galt Mitte der Siebziger als einer der talentiertesten jungen Regisseure Hollywoods. Dann veröffentlichte er mit „Star Wars“ 1977 den erfolgreichsten Film aller Zeiten und war damit plötzlich für die ganze Welt „nur“ noch ein Blockbusterfilmemacher, ein Regisseur und Produzent massenkompatibler (also inhaltsleerer, glatt gebügelter) Fantasyfilme (es folgte unter anderem die „Indiana Jones“-Reihe), die man nur ihrer Einspielergebnisse wegen ernst nehmen musste. Er war also mit einem Wort kommerziell geworden, und das galt automatisch als schlecht. Ganz genau wie Jackson, der mit „Thriller“ das erfolgreichste Album aller Zeiten veröffentlichte und fortan zwar für seine Tanzschritte und seine unterhaltsamen Songs geliebt wurde, dessen Kunst aber eben nicht wirklich als Kunst, sondern als reine Unterhaltung galt, und damit automatisch als inhaltsleer, oberflächlich (und das war noch zu einem Zeitpunkt, als Jackson die schlimmsten Anfeindungen seines Lebens erst noch bevorstanden).

Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch das Lebenswerk von George Lucas in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auf eine völlig andere Weise wahrgenommen werden wird, als dies heute der Fall ist. Spätestens seit Ende der Neunziger, als Lucas zum ersten Mal das (in den Augen vieler „Star Wars“-Fans) Sakrileg beging, die „Star Wars“-Originaltriolgie durch neue Szenen und Effekte zu verändern und schließlich mit der „Episode I“ und den beiden weiteren Prequels nach Ansicht sowohl vieler Fans als auch Kritiker seinen eigenen „Star Wars“-Mythos schändete, wird er von der breiten Öffentlichkeit überwiegend nur noch als zwar cleverer, aber geldgieriger Geschäftsmann wahrgenommen, der es bestens versteht, aus der Marke „Star Wars“ auch noch den letzten Cent heraus zu pressen. Ob das zutrifft und inwiefern das verwerflich ist, darüber kann man natürlich streiten, Tatsache ist aber, dass Lucas erstens mehr ist als „bloß“ der Mann hinter „Star Wars“ (der er im Übrigen ja seit dem Verkauf von „Star Wars“ an Disney nicht mehr ist), weil er sich beispielsweise über verschiedene Stiftungen schon seit Jahrzehnten im Bildungsbereich engagiert. Und zweitens lenkt diese Sichtweise vom Blick auf Lucas‘ Kunstwerke selber ab, die trotz all der Mängel, die sie durchaus haben mögen, immer noch großartige Kunstwerke sind.
Mit großem Interesse habe ich in letzter Zeit zur Kenntnis genommen, dass sich dieser Blick auf George Lucas‘ Werk bereits zu verschieben begonnen hat, so wie es bei Michael Jackson erst nach seinem Tod der Fall war. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Lucas „Star Wars“ verkauft und offiziell seinen Ruhestand angekündigt hat. Jedenfalls bin ich in den letzten Wochen auf zwei interessante Artikel aufmerksam geworden, die ich hier zum Schluss ganz unkommentiert erwähnen möchte: Zum einen der Artikel „George Lucas’s Force“ von der Kulturkritikerin Camille Paglia, die Lucas darin als den „größten Künstler unserer Zeit“ bezeichnet und die auch ein Buch mit dem Titel „Glittering Images: A Journey Through Art from Egypt to Star Wars“ geschrieben hat (schon am Titel wird deutlich, dass sie „Star Wars“ – und zwar die dritte Prequel-Episode „Die Rache der Sith“! – in eine Reihe mit großen Kunstwerken wie etwa ägyptischen Königsgräbern stellt). Zum anderen ist da der amüsante Bericht „Watching the Star Wars Prequels on Mute: An Experiment“, in dem die Autorin Emily Asher-Perrin wie im Titel angedeutet das Experiment wagt, die „Star Wars“-Episoden I bis III ohne Ton anzuschauen und sich auf diese Weise erst ihrer vollen visuellen, künstlerischen Pracht bewusst wird. Das kann man mit einem Augenzwinkern lesen – schließlich werden viele sagen, sie hätten es schon vorher gewusst, dass die Prequels mit abgeschaltetem Ton leichter erträglich sind – muss man aber nicht.

Nun habe ich doch viel mehr geschrieben, als ich vorhatte. Eigentlich wollte ich nur ganz kurz auf die Parallelen zwischen zwei großen Künstlern aufmerksam machen, die mir in den Sinn gekommen sind, nachdem ich den oben erwähnten Nachrichtenbeitrag gesehen hatte. Um zum Schluss erneut auf die Gemeinsamkeiten zwischen George Lucas und Michael Jackson (die übrigens für Jacksons 3D-Kurzfilm „Captain EO“, der viele Jahre in einem der Disney-Freizeitparks lief, zusammen gearbeitet haben – so schließt sich der Kreis!) aufmerksam zu machen, zitiere ich abschließend ein paar Worte von George Lucas aus diesem Fernsehbeitrag, die genauso gut auch von Michael Jackson hätten stammen können:

„You either look at the world through cynical eyes or through idealistic eyes. … I don’t see anything wrong with having a[n] idealistic, sentimental, fun point of view – especially for people that are growing up.“

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Und noch ein kleiner Nachtrag für alle Jackson-Fans, als weitere Verbindung zwischen Lucas und Jackson: Das Gemälde, das im Video kurz bei 1:41 zu sehen ist, sieht mir doch verdammt so aus, als hätte es Michael Jackson als Inspiration zu seinem „You Are Not Alone“-Video gedient. Ich habe keine Ahnung, was das für ein Bild ist, aber vielleicht hat der gute George unseren Michael ja mal durch seine private Sammlung geführt…?

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Update am 20.03.2013:
Ich scheine mit meiner im Nachtrag aufgestellten Behauptung recht gehabt zu haben: Bei dem im Video bei 1:41 kurz zu sehenden Gemälde handelt es sich um „Daybreak“ von Maxfield Parrish. Gerade eben habe ich in einem alten Blogpost von Willa Stillwater und Joie Collins gelesen, dass auch die beiden der Ansicht sind, das Gemälde habe Michael Jackson als visuelle Vorlage zum „You Are Not Alone“-Video gedient.