Babylon 5: Episode 1.22 – Chrysalis

— Ganz am Ende dieses Blogposts findet Ihr eine Übersicht aller bisherigen „Babylon 5“-Blogposts! —

Neuigkeiten von B5-Schöpfer J. Michael Straczynski und aus dem „Babylon 5“-Universum

Seit meinem letzten „Babylon 5“-Blogpost ist natürlich so einiges passiert. Wie ihr wahrscheinlich wisst, ist seitdem die komplette zweite Staffel von „Sense8“ bei Netflix erschienen – und die Serie kurz danach abgesetzt worden. 😦 Die Fans haben nicht locker gelassen und Netflix lautstark dazu aufgefordert, die von JMS und den Wachowskis ursprünglich auf fünf Staffeln angelegte Serie doch noch weiterzuführen. Einen kleinen, aber beachtenswerten Erfolg konnte die #RenewSense8-Kampagne immerhin verbuchen: Irgendwann im nächsten Jahr wird es ein zweistündiges Special geben, welches die noch offenen Handlungsfäden der Serie abschließt.
Auf der San Diego Comic Con hat JMS auch dieses Jahr wieder ein eigenes Panel gehabt, in dem er die Fans über den aktuellen Stand seiner Projekte informiert hat. Unter anderem arbeitet er gerade an einem Roman, die Vorproduktion zur Verfilmung seiner Comicserie „Rising Stars“ ist angelaufen und er will immer noch einen „Babylon 5“-Kinofilm drehen, hat aber Angst, dass die Marke umso uninteressanter wird, je mehr Zeit verstreicht. Eine kurze Zusammenfassung seiner wichtigsten Aussagen könnt ihr euch hier durchlesen. Es ist zudem in den letzten Jahren fast schon zur Tradition geworden, dass JMS auf diesen Panels auch äußerst Persönliches aus seinem Leben erzählt. Auch diesbezüglich hat er dieses Mal nicht enttäuscht. Er hatte einige sehr bewegende Dinge aus seiner Kindheit und Jugend zu berichten, die mich zu einem noch größeren Fan und Bewunderer von ihm gemacht haben. Gleichzeitig erklären sie ein bisschen, warum JMS in der Branche bisweilen einen Ruf als Sturkopf hat und man manchmal hört, mit ihm arbeite es sich nicht leicht zusammen. In einem weiteren Panel gab JMS allen Nachwuchsautoren hilfreiche Tipps fürs Schreiben von Drehbüchern, Romanen und Comics und berichtete von seinen eigenen Erfahrungen aus der Branche. Eine Zusammenfassung könnt ihr euch hier durchlesen.
Am 16. Juni verstarb leider erneut ein Darsteller aus „Babylon 5“: Stephen Furst, den wir alle als Vir Cotto kennen, erlag den Komplikationen, die im Zusammenhang mit seiner langjährigen Diabetes-Erkrankung entstanden. Er wurde nur 63 Jahre alt. Neben seiner Rolle in „Babylon 5“ war er vor allem als Flounder in „National Lampoon’s Animal House“ bekannt. Außerdem führte er bei drei Folgen von „Babylon 5“ Regie.
Auch der langjährige ausführende Produzent von „Babylon 5“, Douglas Netter, verstarb am 8. Mai im stolzen Alter von 95 Jahren. In der Episode, die ich unten bespreche, bekommt man ihn kurz zu sehen (siehe „Hinter den Kulissen-Fakten“).

Und nun zur Episode, um die es in diesem Blogpost geht – dem Finale der ersten Staffel. 🙂


Episode 1.22 „Chrysalis“ („Chrysalis“)

Drehbuch: J. Michael Straczynski, Regie: Janet Greek
Erstausstrahlung: 26.10.1994 (USA), 17.12.1995 (Deutschland)

„Chrysalis“ bildet den Abschluss der ersten Staffel von „Babylon 5“. Die Folge stellt eine der wichtigsten und sicherlich auch besten Episoden der Staffel dar, wartet mit mehreren Cliffhangern auf und lässt den Zuschauer mit zahlreichen offenen Fragen zurück.

„Alles wie gehabt“, denkt man sich in den ersten Minuten der Episode noch. Diese beginnt nämlich mit einem Streit zwischen Londo und G’Kar vor den versammelten Ratsmitgliedern. Genau wie in der ersten Folge geht es dabei um ein Stück Weltraum – genauer gesagt Quadrant 37 – das beide Völker für sich beanspruchen, das aber momentan einen Außenposten der Narn beherbergt.
Auch als Garibaldi in der daran anschließenden Szene einem sterbenden Informanten gerade noch die Worte „They’re gonna kill him…“ entlocken kann, reißt einen das noch nicht unbedingt vom Hocker. Wahrscheinlich werden es wieder ein paar Kleinkriminelle auf den Commander oder einen anderen Stationsbewohner abgesehen haben, denkt man sich zu diesem Zeitpunkt. Auch so etwas haben wir ja bereits mehrmals erlebt.

Doch nach der Titelsequenz werden im weiteren Verlauf der Folge viele der Erwartungen des Zuschauers über den Haufen geworfen – und ebenso zahlreiche Entwicklungen und Gegebenheiten, die im Verlauf der Staffel etabliert worden waren. Der Präsident ist tot, Botschafterin Delenn steckt in einem Kokon, Londo Mollari hat sich endgültig auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen und Sicherheitschef Garibaldi liegt im Koma. Dass Commander Sinclair seiner Freundin Catherine Sakai einen Heiratsantrag gemacht hat, wird angesichts dieser Ereignisse zur Nebensache.

Beginnen wir mal mit der Handlung um den Tod des Präsidenten.  Michael Garibaldi hat zunächst keine Ahnung, in was für eine große Sache er seine Nase dieses Mal hineinsteckt. Am Anfang ist es schön zu sehen, dass er sich um seinen Informanten, Petrov, sorgt. Mit diesem kann er sich offenbar identifizieren, da auch Garibaldis eigene Vergangenheit alles andere als blitzsauber ist. Deshalb versucht er Leuten eine Chance zu geben, die seiner Meinung nach eine zweite (oder dritte, vierte,…) Chance verdient haben, genau so wie Sinclair ihm mit dem Posten auf Babylon 5 noch einmal eine Chance gegeben hat. Doch Petrov stirbt und Garibaldi hat von ihm nur erfahren, dass irgendjemand umgebracht werden soll.
Dass es sich dabei um den Erdpräsidenten handeln könnte, deutet die Serie an, indem sie gleich danach zum ISN-Bericht über die „goodwill tour“ von Präsident Santiago schneidet (wir erinnern uns: dieser war in der allerersten Folge ins Amt gewählt worden). Beginnend beim Mars will Santiago mit der EarthForce One mehrere Kolonien besuchen und soll schließlich am Neujahrstag, dem 1.1.2259, auf Io eine Rede über die Beziehung der Menschen zu fremden Völkern halten. (Das Schiff des Präsidenten haben wir bereits in „Survivors“ zu sehen bekommen.) Später in der Episode erfahren wir zudem, dass Vizepräsident Morgan Clark (Gary McGurk) dieser Reise aufgrund einer angeblichen Vireninfektion für eine Weile fernbleibt.
Bei seinen Nachforschungen stößt Garibaldi auf einen Mann namens Devereaux (Edward Conery), der sich aber nicht von ihm nicht einschüchtern lässt. Devereaux wird in Gewahrsahm genommen, entkommt aber aus seiner Gefngniszelle, was ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass es sich hier nicht nur um eine Angelegenheit unter Kleinkriminellen handelt und Deveraux Unterstützer unter den Sicherheitskräften der Station hat.
Als Garibalid schließlich einige Frachtcontainer ausfindig macht, in denen Störsender an Bord Bord der Station geschmuggelt worden sind, zieht er aus der dort eingestellten Frequenz die richtige Schlussfolgerung: jemand will den Präsidenten umbringen! Doch kurz darauf stellt sich ihm Deveraux in den Weg – und noch viel wichtiger: hinterrücks wird Garibaldi von einem seiner eigenen Leute erschossen, der für die Verschwörer arbeitet. Dabei handelt es sich glaube ich um Garibaldis Stellvertreter, den wir schon in einigen anderen Folgen gesehen haben. Gespielt wird er von Macauly Bruton, dessen Name ja schon ein wenig nach „Brutus“ klingt. 😉
Garibaldi kann sich anschließend schwerverletzt in einen Aufzug schleppen, wird auf einer Silvesterfeier entdeckt und ins Medlab gebracht. Dort kann er Sinclair zwar noch mitteilen, dass es jemand auf den Präsidenten abgesehen hat, doch es ist zu spät: Sinclair und alle anderen ISN-Zuschauer müssen mitansehen, wie die EarthForce One mit Präsident Luis Santiago an Bord explodiert. Aufgrund der gestörten Kommunikationskanäle gelingt es Sinclair nicht, vorher noch eine Warnung zu senden. Mit der Bewachung des im Koma liegenden Garibaldi beauftragt er ausgerechnet dessen Stellvertreter…
Dieser wiederum beseitigt später ein paar lose Enden und bringt Deveraux um. Im Gespräch mit einer Senatorin von der Erde versucht Sinclair die Regierung vergeblich davon zu überzeugen, dass die Explosion des Raumschiffs des Präsidenten kein Unfall war. Doch er hat keinerlei Beweise für seine Anschuldigungen. Schließlich wird Vizepräsident Clark zum Nachfolger von Santiago ernannt und legt an Bord der EarthForce Two den Amtseid ab.
Genau wie die anderen Handlungsstränge der Episode ist die Ermordung von Santiago und der Amtsantritt von Clark wegweisend für die Zukunft der Serie: Nicht nur ist Clark ein korrupter Politiker, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Seine Politik ist auch eine völlig andere als die seines Vorgängers. In seiner ersten Rede teilt er der Erdbevölkerung mit, die Erde werde sich von nun an wieder mehr um ihre eigenen Probleme kümmern. Das hat mich beim Anschauen diese Mal stark an die Antrittsrede von Donald Trump erinnert, in der dieser die Botschaft „America First“ kundtat. (Überhaupt wird im weiteren Verlauf der Serie noch einiges an aktuelle politische Entwicklungen erinnern.)
Von dieser Entwicklung gibt es jedenfalls kein Zurück; Clark ist nun Präsident, der politsche Kurs der Erdregierung ändert sicht damit stark und auch Babylon 5 und seine Bewohner werden davon betroffen sein.

Auch Londo Mollari trifft in dieser Episode eine folgenschwere Entscheidung, die seine weitere Laufbahn entscheidend beeinflussen wird: Im oben schon erwähnten Streit mit den Narn um den Außenposten in Quadrant 37 kommt ihm unerwartet der zwielichtige Mr. Morden (Ed Wasser) zu Hilfe. Dieser hatte ihm bereits in „Signs and Portents“ einen großen Gefallen getan, scheinbar ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Mordens Hilfsbereitschaft macht Mollari misstrauisch, doch die Antwort, die Morden gibt, als er ihn darauf anspricht, sollte ihn eigentlich noch misstrauischer machen: Mollari müsse erst einmal gar keinen Preis für die Gefallen zahlen, sagt Morden. Irgendwann in der Zukunft aber würden er und seine Verbündeten auf Mollari zukommen und von ihm eine Gegenleistung erwarten. Das klingt zunächst vielleicht zu schön um wahr zu sein, bei näherer Betrachtung ähnelt es aber den Strukturen in der Mafia. (In einem der „Babylon 5“-Podcasts, die ich regelmäßig höre, wird Mr. Morden dementsprechend auch als „space mob“ bezeichnet.)
Londo nimmt Mordens Angebot jedenfalls an, ohne genau zu wissen, wie ihm dieser eigentlich helfen will und wer seine mysteriösen Verbündeten sind. Nachdem der Narn-Außenposten in Quadrant 37 schließlich restlos zerstört worden ist, steigt Londos Ansehen bei seiner eigenen Regierung natürlich enorm. Londo selbst aber ist entgeistert darüber, dass Morden zehntausend Narn hat ermorden lassen. Allerspätestens an diesem Punkt müsste er einsehen, dass er sich auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen hat. Ob es davon noch ein Zurück gibt, werden die kommenden Staffeln zeigen.
Dass Mr. Morden absolut nichts Gutes im Schilde führt, unterstreicht jedenfalls seine letzte Szene in dieser Episode. Darin sieht man ihn in einem Quartier mit zwei unbekannten Wesen sprechen. Es wird klar, dass Morden mit einer fremden Macht zusammenarbeitet und dass er Londo Mollari für deren Zwecke manipuliert.

Commander Sinclair versucht unterdessen im Streit zwischen Londo und G’Kar zu vermitteln. Keiner der beiden will nachgeben und G’Kar ist immer noch von tiefem Hass auf die Centauri erfüllt, die seinen Planeten verwüstet und sein Volk versklavt haben. Nach der Zerstörung des Außenpostens ist G’Kar verständlicherweise am Boden zerstört, zieht aber eine richtige Schlussfolgerung: Keines der bekannten Völker kann dafür verantwortlich sein. Die Centauri mögen zwar die größten Feinde der Narn sein, doch auch sie haben nicht die militärische Stärke, um so einen Schlag durchzuführen. Es muss also noch eine unbekannte und äußerst mächtige Partei existieren.
Am Ende der Episode hat G’Kar die Station verlassen, um diesbezüglich weitere Nachforschungen anzustellen. Er stimmt Sinclair in seiner Einschätzung zu, dass sie alle an einer Weggabelung stünden und große Veränderungen auf sie zukommen.

Auch für Minbari-Botschafterin Delenn ist diese Episode der Beginn großer Veränderungen. Wohl nirgends ist dies so offensichtlich wie in ihrem Fall, denn sie befindet sich am Ende der Folge tatsächlich in einem Kokon, einer Chrysalis. Als wer oder was sie diese wieder verlassen wird, wissen wird noch nicht. Ich weiß noch, wie ich mir nach der deutschen Erstausstrahlung der Folge darüber den Kopf zerbrochen habe. 😉
Die ganze Staffel über haben wir Delenn immer wieder ein seltsames Gebilde zusammensetzen sehen (z.B. in „Signs and Portents“), bei dem nicht klar war, ob es sich um ein Geschicklichkeitsspiel, ein Kunstobjekt oder etwas ganz anderes handelt. Nun ist klar: Es handelt sich um die Vorrichtung, welche die Chrysalis erzeugt. Die Gründe für Delenns Handeln liegen allerdings noch vollkommen im Dunkeln. Lennier stellt in ihrem Auftrag Botschafter Kosh eine (uns unbekannte) Frage, die dieser mit „ja“ beantwortet. Daraufhin sucht Delenn Kosh selbst auf, der für sie seinen Schutzanzug öffnet und ihr seine wahre Gestalt zeigt (auch das bekommen wir nicht zu sehen). Dies scheint eine Vermutung Delenns zu bestätigen, was sie wiederum in ihrem Vorhaben bestärkt, sich in einen Kokon zu begeben und einer Transformation zu unterziehen. (Dass sie schon länger über diesen Schritt nachdenkt, zeigt die Tatsache, dass in der letzten Folge die junge Thelepatin Alisa in Delenns Gedanken zufällig auf das Wort „Chrysalis“ gestolpert war.)
Bevor sie das tut, besucht sie noch Sinclair, der aber gerade keine Zeit für sie hat. Sie zeigt ihm das dreieckige Triluminarium, welches bei der Befragung Sinclairs durch die Minbari während der Schlacht um die Erde zum Einsatz kam (davon haben wir bereits in „And the Sky Full of Stars“ erfahren). Mit dem Versprechen, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen, bittet sie ihn, sie später in ihrem Quartier zu besuchen. Sinclair hat also endlich die Chance, zu erfahren was es mit der „Lücke in seinem Gedächtnis“ auf sich hat. Doch weil er in dieser Folge genug andere Dinge um die Ohren hat, vergisst er Delenn aufzusuchen. Als Kosh ihn schließlich daran erinnert, ist es zu spät: Delenn steckt bereits im Kokon. Das Triluminarium dient Delenn schließlich auch als letztes Bauteil ihrer Maschine, mit deren Hilfe sie sich verpuppt.
Delenns Geschichte enthält hier so viele Unbekannte, dass man als Zuschauer nur abwarten kann. Die kommenden Episoden werden zeigen, was aus ihr wird und was ihr Handeln zu bedeuten hat.

Commander Sinclair hat also im Verlauf dieser Episode alle Hände voll zu tun; an eine Silvesterfeier kann er nicht einmal einen Gedanken verschwenden. Delenn verspricht ihm verblüffende Enthüllungen, sein Sicherheitschef wird schwer verletzt, der Präsident getötet und Londo und G’Kar liegen wie gewohnt miteinander im Clinch. Doch immerhin eines verspricht Sinclairs Leben Stabilität zu verleihen: seine Beziehung zu Catherine Sakai (Julia Nickson). Die beiden kennen sich seit etwa 15 Jahren und haben es nun trotz ihrer zeitraubenden Jobs geschafft, so etwas wie eine funktionierende Beziehung aufzubauen. Also macht Sinclair seiner Catherine einen Heiratsantrag – dumm nur, dass die Chemie zwischen den Schauspielern so gar nicht stimmt. (Im Audiokommentar spricht JMS von der „feurigen“ Catherine Sakai, was ich beim besten Willen nicht erkennen kann.)
Garibaldi und Ivanova werden als Trauzeugen rekrutiert (Ivanova bekommt leider die ganze Folge über kaum mehr zu tun), ansonsten dürfte Sinclair aber in dieser Episode über ziemlich wenig Gedanken an seine Verlobung verschwenden. Am Ende liegt er erschöpft in Catherines Armen und stellt fest: „Nothing is the same anymore.“ Er hat ja keine Ahnung, wie recht er hat…

JMS hat „Chrysalis“ als eine Folge bezeichnet, die weniger ein Finale darstellt als vielmehr eben nur den Abschluss des ersten Kapitels der „Babylon 5“-Geschichte. Dementsprechend erhalten wir hier auch kaum Antworten und es wird nichts zum Abschluss gebracht. Stattdessen gibt es Andeutungen, Cliffhanger und viele offene Fragen. Die erste Staffel besteht zum Großteil aus in sich abgeschlossenen Episoden, aber das Finale weist wie wohl keine andere Episode der Staffel schon darauf hin, dass JMS in größeren Handlungsbogen denkt.
Dass die Folge um die Silvesternacht herum aufgebaut ist, ist übrigens kein Zufall: Jede der fünf Staffeln von „Babylon 5“ erzählt ein Jahr der Serienhandlung. Mit „Chrysalis“ ist das Jahr 2258 abgeschlossen, die Geschichte allerdings hat gerade erst so richtig begonnen. Wie formuliert es Kosh doch am Ende treffend: „And so it begins…“

 

Highlight der Episode: „Chrysalis“ ist nicht arm an Höhepunkten, aber beim ersten Anschauen war der größte WTF-Moment für mich Delenn in ihrem Kokon. Ich konnte mir damals beim besten Willen nicht vorstellen, wo das hinführen sollte…

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode:

Ich habe eigentlich alles Wichtige oben im Text schon erwähnt, aber ich fasse noch einmal zusammen:

  • Präsident Santiago ist tot, sein Vize Morgan Clark wurde zum Nachfolger ernannt und verfolgt eine gänzlich andere Politik als sein Vorgänger.
  • Michael Garibaldi liegt im Koma.
  • Delenn steckt in einem Kokon. Wir wissen nicht warum oder was aus ihr werden wird.
  • Commander Sinclair und Catherine Sakai haben sich verlobt.
  • Londo Mollari ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen: Ohne die wahren Motive (oder die Verbündeten) von Mr. Morden zu kennen, hat er diesen das Problem um Quadrant 37 „lösen“ lassen.
  • G’Kar hat erkannt, dass es in der Galaxis eine ungeheuer mächtige, unbekannte Macht geben muss und hat die Station verlassen, um Nachforschungen anzustellen.

(Weitere) Fragen:

  • Wer bzw. welche Gruppierung steckt hinter dem Anschlag auf die Earth Force One? War Vizepräsident Clark tatsächlich krank – oder hatte er etwas mit der Explosion der EarthForce One zu tun und hat das Schiff deshalb verlassen?
  • Welche Frage hat Lennier in Delenns Auftrag an Botschafter Kosh gestellt?Was sieht Delenn, als Kosh sich ihr zeigt? Warum fühlt sie sich dadurch in ihrer Entscheidung bestätigt, sich in den Kokon zu begeben? Warum konnte sie nicht noch ein wenig mit dem Beginn ihrer Transformation warten? Sie hätte mit Sinclair sprechen können, nachdem sich die Lage auf der Station beruhigt hat und sich dann erst in den Kokon begeben können.
  • Warum lässt die Frau, die Garibaldi im Lift liegen sieht, eigentlich sofort einen Schrei los? Während einer rauschenden Silvesterparty jemanden am Boden liegen zu sehen, sollte doch gar nicht so ungewöhnlich sein.
  • Wer oder was sind die Wesen, mit denen sich Morden in seinem Quartier unterhält? Arbeitet er für sie oder sie für ihn? Welche Ziele verfolgen sie und welche Rolle soll Londo Mollari dabei spielen?

Weitere interessante Punkte:

  • Dank der mehrmaligen Datumseinblendungen und der in der Episode gezeigten Silvesterfeier wissen wir, dass die gezeigten Ereignisse im Zeitraum vom 30.12.2258 bis zum 1.1.2259 spielen.
  • Einmal mehr werden wir in dieser Folge Zeuge von G’Kars Vorliebe für menschliche Frauen. Die Szene, in der drei Frauen sein Schlafzimmer verlassen, nachdem Na’Toth zuvor noch Sinclair mitgeteilt hatte, der Botschafter sei äußerst beschäftigt, ist herrlich.
  • Die Imperatoren der Centauri können nach ihrem Tod zu Göttern erhoben werden. Aktuell befinden sich um die 50 Götter im Centauri-Pantheon.

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten:

  • Die Episode wurde bei ihrer Erstausstrahlung in den USA über zwei Monate nach der vorhergehenden Episode gesendet. Bereits eine Woche später ging es mit der zweiten Staffel weiter.
  • Auf dem Foto, welches Präsident Santiago zeigt, ist tatsächlich Douglas Netter zu sehen, einer der Produzenten der Serie.
  • Für Ed Wasser war diese Folge der erste Auftritt in seiner Rolle als Mr. Morden. Obwohl dieser zum ersten Mal in „Signs and Portents“ zu sehen ist, wurde das Staffelfinale vorher gefilmt (als zwölfte der 22 Episoden), damit man genug Zeit hatte, die aufwändigen Effekte fertig zu stellen.
  • Für die Szene, in der Präsident Clark an Bord der EarthForce Two eingeschworen wird, orientierte man sich an Fotos, auf denen zu sehen ist, wie Lyndon B. Johnson nach der Ermordung von John F. Kennedy an Bord der Air Force One seinen Amtseid ablegt. Zufälligerweise wurde die Szene sogar am Jahrestag dieses Ereignisses gefilmt.
  • Eigentlich hätte Laurel Takashima (Ivanovas Vorgängerin im Pilotfilm) diejenige Person sein sollen, die Garibaldi in den Rücken schießt. Doch nachdem die Schauspielerin Tamlyn Tomita für die Serie nicht zurückkehrte, teilte JMS die eigentlich für ihre Figur gedachte Verräter-Handlung auf mehrere andere Charaktere auf.
  • Für die Szene, in der G’Kar im Morgenmantel zu sehen ist, musste das Makeup von Schauspieler Andreas Katsulas auf dessen Brust und Unterarme ausgedehnt werden. Das war nicht nur äußerst zeitraubend, sondern die anschließende Entfernung auch besonders schmerzhaft.
  • Die Szene, in der Londo den Garten betritt, um dort Mr. Morden zu treffen, enthielt bei der Erstaustrahlung der Episode einen Fehler. Man hatte aus Versehen eine unfertige Version an den Fernsehsender geschickt, so dass statt des CGI-Hintergrundes ein Teil der Studiokulissen zu sehen war, inklusive eines „Exit“-Zeichens, an dem Londo vorbeigeht. Bei allen nachfolgenden Ausstrahlungen und auf den DVDs wurde der Fehler korrigiert. Mit der CGI-Ansicht des Gartens waren die Macher der Serie dennoch nicht zufrieden und er taucht in dieser Form in der Serie nie wieder auf.
  • Gleiches gilt für das Set des „Dark Star“-Nachtclubs. Der Platz wurde ab der zweiten Staffel für andere Kulissen verwendet.

Zitate:

Londo: „I think I’ll stick my head in the station’s fusion reactor. It would be quicker, and I suspect after a while I might even come to enjoy it.“
Vir: „Ambassador, why don’t you-“
Londo: „But this, this is like being nibbled to death by… What are those Earth creatures called? Feathers, long bill, webbed feet, go ‚quack‘?“
Vir:
„Cats.“
Londo:
„Cats. Like being nibbled to death by cats.“

Morden: „My associates believe that you’re a person of great potential, trapped in a position where your skills are unseen and unappreciated. They’d like to change that.“
Londo: „Yes, I’ve heard this before. And I have stopped listening. There comes a time when you look into the mirror and you realise that what you see is all that you will ever be. Then you accept it, or you kill yourself… or you stop looking into mirrors. No, nothing can be changed.“
Morden: „Then nothing’s lost by trying.“

Londo: „Is something wrong with your hearing?“
Vir: „No. Just for a moment I thought I’d entered an alternate universe.“

„If you let your anger cloud your judgment, it’ll destroy you.“ (Sinclair zu G’Kar)

„It is important that we move on to create the world that Luis Santiago would have wanted for his children, my children, and for posterity yet to come. We will begin by focusing more on the needs of our own people to sustain them through this difficult time and prepare them for the tasks ahead.“ (aus der Antrittsrede des soeben eingeschworenen Präsidenten Morgan Clark)

„And so it begins.“ (Kosh zu Sinclair)

„Nothing is the same anymore.“ (Sinclair zu Catherine Sakai)

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch wird der Auftakt zur zweiten Staffel sein, „Points of Departure“. Ich verspreche euch, dass ich mir nicht wieder elf Monate Zeit dafür lassen werde…


Übersicht über die Blogposts zu den Episoden der ersten Staffel

Nachdem ich meine Besprechungen der ersten Staffel nun endlich beendet habe, poste ich hier noch eine Übersicht all meiner bisherigen „Babylon 5“-Blogposts. Einfach auf die entsprechende Episode klicken und ihr kommt zum Blogpost. 🙂 Die Reihenfolge entspricht der von JMS empfohlenen Episodenreihenfolge und weicht gerade in der ersten Staffel deutlich von der Reihenfolge auf den DVDs ab. (Dort wo die Reihenfolge abweicht, habe ich die Episodentitel fett markiert.)

„Babylon 5“ – Die Science-Fiction-Kultserie (Einführung)
„Babylon 5“-Podcasts
(noch nicht erwähnt habe ich den einzigen deutschsprachigen B5-Podcast, „Der graue Rat“!)
The Gathering (Die Zusammenkunft – Pilotfilm)

1.01    Midnight on the Firing Line (Ragesh 3)                                

1.02    Soul Hunter (Der Seelenjäger)
1.03    Born to the Purple (Die Purpurdaten)
1.04    Infection (Ein unheimlicher Fund)
1.05    The Parliament of Dreams (Angriff auf G’Kar)                               
1.06    Mind War (Die Macht des Geistes)
1.07    The War Prayer (Angriff auf die Außerirdischen)
1.08    And The Sky Full Of Stars (Gefangen im Cybernetz)
1.09    Deathwalker (Die Todesbringerin)                                                    
1.10    Believers (Die Gläubigen)
1.11    Survivors (Ein Wiedersehen mit Folgen)
1.12    By Any Means Necessary (Mit allen Mitteln…)
1.13    Signs and Portents (Visionen des Schreckens)
1.15    Grail (Der Gral)
1.16    Eyes (Die Untersuchung)
1.18    A Voice in the Wilderness – Part 1 (Angriff der Aliens – Teil 1)
1.19    A Voice in the Wilderness – Part 2 (Angriff der Aliens – Teil 2)
1.20    Babylon Squared (Verloren in der Zeit)
1.21    The Quality of Mercy (Die Heilerin)
1.14    TKO (Im Ring des Blutes)
1.17     Legacies (Krieger wider Willen)  
                                                                    
1.22    Chrysalis (Chrysalis)

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Filmfest München: „Buster’s Mal Heart“, „Animal Kingdom“, „Flesh and Blood“, „The Road to Mandalay“

13 Filme in drei Tagen, das ist meine vorläufe Bilanz vom Filmfest München. Heute werden es wieder ein paar mehr, aber bevor ich gleich wieder los muss ins Kino will ich hier noch ein paar Eindrücke festhalten.

Rami Malek, bekannt aus der Serie „Mr. Robot“, spielt in „Buster’s Mal Heart“ seine erste Kinohauptrolle. Eigentlich spielt er darin sogar drei Rollen. Und eigentlich auch wieder doch nicht, es ist etwas verwirrend. Der Film jedenfalls zeigt parallel drei verschiedene Handlungsstränge: Da ist zum einen Jonah, der als Concierge in einem Hotel arbeitet – stets in der Nachtschicht. Dann ist da „Buster“, der in fremde Häuser einbricht, um dort zu übernachten und bei Radiosendern anruft, um vor dem Weltuntergang zu warnen. Und dann ist da noch ein Mann in einem einsamen Boot auf dem weiten Meer…

Buster's Mal HeartAll diese drei Männer werden von Rami Malek gespielt und wer nun erwartet, dass der Film irgendwann klar herausstellt, wie ihre Geschichten zusammenhängen, der wird enttäuscht werden. Es werden zwar Andeutungen gemacht, doch die endgültige Interpretation bleibt dem dem Zuschauer überlassen. Malek gelingt es mit seinen Darstellungen, den gesamten Film zu tragen. Dieser enthält außerdem einiges an religiöser Symbolik, u.a. in den Kirchenliedern, die zum Teil den Soundtrack bilden. Mich hat „Buster’s Mal Heart“ an „Matrix“ und „Vanilla Sky“ denken lassen, auch wenn er mit diesen beiden Filmen eigentlich kaum etwas gemeinsam hat, außer eben ein paar Andeutungen bezüglich des Sinns und Zusammenhangs der drei Geschichten. Ein seltsamer Film, aber einer der einen zum Nachdenken bringt. Wer bin ich, wer will ich sein, wie wirken sich meine Entscheidungen auf meinen weiteren Lebensweg aus und steht dieser überhaupt unter meiner eigenen Kontrolle? Das sind Fragen, die Regisseurin Sarah Adina Smith hier auf äußerst interessante Weise stellt.

Leider sind die beiden Vorstellungen von „Buster’s Mal Heart“ auf dem Filmfest bereits vorbei.

Seit einigen Jahren hat das Filmfest eine eigene Programmreihe für neue Fernsehserien. Davon habe ich mir dieses Jahr die ersten beiden Folgen von „Animal Kingdom“ angeschaut. Die Serie ist momentan in Deutschland bei TNT Serie zu sehen und basiert auf dem gleichnamigen australischen Film von 2010. Für die Serie wurde die Handlung nun in die USA verlegt. Sie beginnt mit dem Drogentod der Mutter des 17-jährigen Joshua (Finn Cole), der daraufhin zu seiner Großmutter (Ellen Barkin) zieht. Bei dieser wohnen auch ihre drei erwachsenen Söhne, die mit Raubzügen für die finanzielle Sicherheit des Familienclans sorgen – stets überwacht und geleitet von der alles kontrollierenden Matriarchin.

Animal Kingdom„Animal Kingdom“ bietet solide Unterhaltung, ist aber meiner Meinung nach in keinem Bereich wirklich herausragend. Joshua scheint mit den kriminellen Machenschaften seiner Verwandschaft von Anfang an kaum Probleme zu haben und lässt sich selbst schnell dafür einspannen. Wo bleibt da noch Raum für die Figur, sich zu entwickeln? Wie es sich für eine Serie gehört, werden mehrere Andeutungen gemacht, aus denen sich in den weiteren Folgen Storyelemente zimmern lassen. Aber all das ist Standardkost und nichts davon kann wirklich überraschen. Wer gerne halbnackten, verschwitzten Männern dabei zusieht, wie sie sich im Pool prügeln oder Autos auseinandernehmen, der kommt bei „Animal Kingdom“ wohl auf seine Kosten. Und Ellen Barkin spielt die unsympathische, aber stets um ihre Familie besorgte Mutter bzw. Großmutter wirklich gut. Aber ich werde die Serie nicht weiter verfolgen.

Interessanter fand ich da schon die in „Flesh and Blood“ dargestellte Familie. Auch hier geht es um Kriminalität, Drogenprobleme und familiären Zusammenhalt. Regisseur Mark Webber hat sich selbst und seine eigenen Familienmitglieder als Schauspieler besetzt. Er erzählt die Geschichte von Mark (Mark Webber), der nach fünf Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und bei seiner Mutter (Madeline Brewer) und seinem 13-jährigen Bruder (Guillermo Santos) unterkommt. Alle Protagonisten haben hier ihr Päckchen zu tragen: Mark droht wieder in die Sucht abzurutschen, sein Bruder muss mit einer Asperger-Diagnose und seinem Außenseiter-Status leben und die Mutter musste als Teenagerin aus einem gewalttätigen Elternhaus fliehen.

Flesh and BloodDavon erzählt der Film in authentischen Bildern, bei denen nie so ganz klar ist, wieviel denn nun gespielt bzw. im Drehbuch festgelegt ist und wann die Darsteller ganz einfach spontan miteinander interagieren. Die Interaktionen wirken jedenfalls vollkommen natürlich und der Film damit schon fast dokumentarisch. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass Marks Bruder eine Dokumentation über seine Familie dreht und wir dadurch z.B. Interviewsequenzen mit der Mutter zu sehen bekommen. Übrigens spielen auch die Väter von Mark und seinem Bruder eine wichtige Rolle. In zwei wirklich nahe gehenden Szenen wird die Begnung der jungen Männer mit ihren Vätern geschildert und was man am Ende aus diesem Film mitnimmt, ist die Erkenntnis, dass Familie wohl immer viel (Beziehungs-)Arbeit bedeutet. Ein starker Film, der einen direkt berührt und ohne künstlich wirkendes Happy End daherkommt.

Leider sind auch die Vorführungen von „Flesh and Blood“ schon vorbei.

Ebenfalls ein starker Fim ist „The Road to Mandalay“. Die junge Lianquing kommt als illegale Einwanderin von Myanmar nach Thailand. Sie hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser und hofft, möglichst bald eine offizielle Arbeitserlaubnis zu erhalten. Dabei erlebt sie Rückschlag um Rückschlag, gibt aber nicht auf. Guo, der mit ihr nach Thailand gekommen ist, will sie dazu überreden, eine Stelle in einer Textilfabrik zu übernehmen, die besser bezahlt wird als viele andere Jobs. Zudem empfindet er für sie mehr als nur Freundschaft, traut sich jedoch nicht, ihr seine Gefühle zu offenbaren.

The Road to MandalayRegisseur Midi Z, der bereits mit zwei früheren Werken auf dem Filmfest München zu Gast war, hat mit „The Road to Mandalay“ zwar einen Film gedreht, in dem gar nicht viel passiert. Dank der großartigen Hauptdarstellerin, die die Hoffnungen, Ängste und Leiden ihrer Figur in jeder Einstellung für den Zuschauer spürbar macht, ist der Film aber trotzdem nie langweilig. Auch dieser Film wirkt phasenweise dokumentarisch, wenn man die Protagonisten etwa bei der Arbeit in Restaurants oder Fabriken beobachtet oder bei ihrem schwierigen Umgang mit Polizei und Behörden. Bestechung und Korruption sind dabei an der Tagesordnung und die Hoffnung auf eine legale Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zerschlägt sich schnell, so dass sich Lianquing auf ebenfalls sehr frustrierende Weise gefälschte Papiere zu besorgen versucht. „The Road to Mandalay“ ist ein manchmal ernüchternder und deprimierender, aber doch stets faszinierender und authentisch wirkender Einblick in eine Welt, die sowohl erschreckende Unterschiede als auch Parallelen zu unserer mitteleuropäischen Gesellschaft aufweist. Und spätestens das Ende des Films sorgt dann dafür, dass der Film im Gedächtnis haften bleibt und lange im Kopf des Zuschauers nachwirkt.

„The Road to Mandalay“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt: am 28.6. um 20 Uhr

Copyright Bilder: Filmfest München

Fernsehen mal drei: „Designated Survivor“, „The Night Manager“ & „Wayward Pines“

Was macht man, wenn man sein Leben gerade nicht auf die Reihe kriegt und sich von Problemen ablenken lassen will? Genau, fernsehen! Das habe ich in den letzten Wochen auch wieder viel gemacht. Dabei bin ich unter anderem „Seinfeld“ verfallen – ich hatte bis vor etwa zwei Monaten tatsächlich noch keine einzige Folge der legendären Sitcom gesehen, obwohl ich schon seit Jahren ein großer Fan von Larry David bin. Auch mit „The Big Bang Theory“ habe ich endlich angefangen, nachdem ich mir schon seit Jahren anhören muss, dass ich einem gewissen Sheldon ziemlich ähnlich bin. 😉 Davon habe ich aber erst drei Folgen angeschaut. Und um diese Sitcoms soll es hier eigentlich gar nicht gehen, sondern um drei andere Serien.

Designated Survivor

In diesem Politdrama, das in den USA auf ABC und hierzulande auf Netflix zu sehen ist, wird der von Kiefer Sutherland gespielte Thomas Kirkman unerwartet zum US-Präsidenten. Er ist nämlich jener „designated survivor“, der sich, während der Präsident im Kapitol seine Rede zur Lage der Nation (State of the Union) hält, an einem geheimen Ort aufhält – nur für den Fall der Fälle, dass eben der Präsident und alle anderen Amtsträger, die für dessen Nachfolge in Frage kommen, ums Leben kommen sollten. Dieser Fall tritt hier in der ersten Episode tatsächlich ein, als ein Bombenanschlag auf das Kapitol verübt wird, dem nicht nur der US-Präsident, sein Stellvertreter und sämtliche versammelten Minister, sondern auch ein Großteil des Kongresses zum Opfer fallen.
So wird Kirkman, der bislang Minister für Wohnungsbau und Stadtplanung war (und dem der Präsident dieses Amt eigentlich wieder entziehen wollte) also Hals über Kopf vereidigt und steht fortan an der Spitze einer Regierung, in der viele den unerfahrenen Neuling sofort wieder absägen möchten. Dazu kommen chaotische Zustände, Intrigen und Verschwörungen wie sie eben nach einem das Land erschütternden Terroranschlag dazu gehören.
Ich muss zugeben, dass für mich das Spannendste an „Designated Survivor“ eigentlich die Ausgangssituation ist. Klar wäre es furchtbar, sollte dieser Fall jemals wirklich eintreffen. Aber ihn mal im Fersehen durchzuspielen, das hat schon seinen Reiz. Leider verfliegt dieser Reiz aber recht schnell wieder. Nach drei oder vier Folgen unterscheidet sich „Designated Survivor“ nur noch wenig von anderen Politthrillern. Folge für Folge muss die Serie mit immer neuen überraschenden Wendungen und schockierenden Entwicklungen aufwarten. Dadurch hat man gelegentlich das Gefühl, sich hier mehr in einer Polit-Soap zu befinden (und die Serie schreckt diesbezüglich tatsächlich nicht vor einigen sehr billigen Handlungselementen zurück – Stichwort: Sohn des Präsidenten). Insofern habe ich mich ein paar Mal an „Political Animals“ erinnert gefühlt, allerdings waren dort die schauspielerischen Leistungen deutlich besser und es handelte sich nur um eine Miniserie. Die erste Staffel von „Designated Survivor“ dagegen ist auf 22 Episoden angelegt, von denen ich bislang zehn gesehen habe. Wären bereits alle Folgen auf Netflix verfügbar, hätte ich wohl schon aufgegeben. Da hier aber ganz altmodisch jede Woche nur eine Folge veröffentlicht wird, könnte es sogar sein, dass ich dran bleibe. Und sei es nur, weil ich mich so freue, Natascha McElhone mal wieder zu sehen, die hier die First Lady spielt.
Fazit: „Designated Survivor“ ist eine Art Mischung aus „House of Cards“, „24“ und „Political Animals“. Spannende und kurzweilige Unterhaltung mit einem Kiefer Sutherland, der eben so spielt wie er es immer tut. Aber eben auch eine Serie wie viele andere.

The Night Manager

Weiter geht es von der amerikanischen Regierung zum britischen Geheimdienst. „The Night Manager“ ist in Deutschland momentan exklusiv bei Amazon Prime zu sehen. Nachdem mir mehrere Freunde von der achtteiligen Serie vorgeschwärmt hatten, habe ich mir vor kurzem selbst ein Bild gemacht – und wollte eigentlich schon nach der zweiten Episode wieder Schluss machen.
Ein Nachtmanager eines Hotels, der vom britischen Geheimdienst undercover ins Team eines weltweit operierenden Waffenhändlers eingeschleust wird? Vollkommen unglaubwürdig, dachte ich mir. Noch dazu ist die Inszenierung hier ziemlich altmodisch und behäbig, was ja nicht schlecht sein muss, aber bei mir mal wieder die Frage aufwirft, warum man denn heute gleich aus jedem Stoff eine TV-Serie machen muss. Letztes Jahr kam „Verräter wie wir“ ins Kino, genau wie „The Night Manager“ die Verfilmung eines Romans von John le Carré. Der Film war zwar kein Meisterwerk, aber spannend und gut gespielt und inszeniert (meine Kritik könnt ihr hier lesen). Aber auf acht Episoden breitgetreten hätte ich den Stoff nicht gebraucht. Auch „The Night Manager“ hat die Streckung des Stoffes meiner Meinung nach nicht gut getan. Man hätte doch auch einen flotten und spannenden Zweiteiler inszenieren können? Stattdessen müssen (oder dürfen) wir nun Tom Hiddleston (als Nachtmanager, der zum Spion wird) und Hugh Laurie (als auf großem Fuß lebenden Waffenhändler) acht Folgen lang dabei zusehen, wie sie sich misstrauisch anschauen.
Mir war das wie gesagt nach zwei Folgen schon zu langweilig; ich habe danach nur weiter zugeschaut, weil mir eine Freundin eingeredet hat, danach gehe es doch erst richtig los. Tut es aber nicht, sondern es geht einfach genauso weiter, wie es angefangen hat. Und das mit dem Hotelmanager, der zum Undercoveragenten wird, mag zwar realistischer sein, als ich zunächst dachte. John le Carré hat schließlich selbst eine Vergangenheit im Geheimdienst und wird schon wissen, wovon er schreibt. Trotzdem haben mich hier nicht einmal die guten Schauspieler überzeugen können. Weil es nur acht Folgen waren, habe ich mich halt irgendwie durchgequält, großen Spaß gemacht hat es mir allerdings nicht.

Wayward Pines

Ganz anders verhält es sich mit „Wayward Pines“: Danach bin ich momentan regelrecht süchtig. Ich wollte vorgestern abends eigentlich nur die ersten zwei Folgen anschauen, daraus wurden dann fünf (und gestern noch einmal zwei). Die Mystery-Serie stand schon lange auf meiner „to watch“-Liste, weil sie von M. Night Shyamalan produziert wird, der auch bei der ersten Folge Regie geführt hat (auch die durch „Stranger Things“ bekannt gewordenen Duffer-Brüder sind als Produzenten und bei einigen Episoden auch als Drehbuchautoren beteiligt).
„Wayward Pines“ basiert auf einer Romantrilogie von Blake Crouch und wird oft mit „Twin Peaks“ verglichen. Der Vergleich ist allerdings trügerisch. Gemeinsam haben beide Serien, dass jeweils ein Geheimagent in eine US-Kleinstadt kommt, um dort ein Verbrechen aufzuklären. In beiden Serien trifft dieser Agent auf allerlei sonderbare und schräge Stadtbewohner. Aber viel weiter gehen die Ähnlichkeiten meiner Meinung nach nicht, da sich in „Wayward Pines“ die Handlung ab der Mitte der ersten Staffel in eine vollkommen andere Richtung entwickelt als bei „Twin Peaks“. Generell möchte ich über die Handlung nicht viel mehr verraten und kann jedem nur empfehlen, sich vorher möglichst nicht spoilern zu lassen. Wie der von Matt Dillon gespielte Ethan Burke hier in den ersten Folgen in eine durch und durch kafkaeske, alptraumhafte Situation gerät, ist nämlich hochspannend, sodass man am Ende jeder Folge gleich weiter schauen muss, um Antworten zu finden. Warum wollen die Bewohner von Wayward Pines scheinbar nicht, dass Ethan die Stadt wieder verlässt? Warum scheint es für sie verboten zu sein, über ihre Vergangenheit zu sprechen? Das sind nur zwei der zahlreichen Fragen, die am Anfang für Kopfkratzen sorgen.
Die Serie wartet mit ein paar überraschenden Wendungen auf, von denen zumindest eine ein richtig großer „WTF!?“-Moment ist. Den kann man dann doof finden oder eben richtig großartig (so wie ich). Auf jeden Fall hat mich die Serie nun äußerst neugierig auf die Romane von Blake Crouch gemacht (auf alle seine Bücher, nicht nur die Vorlagen zu „Wayward Pines“). Momentan exisitieren zwei Staffeln der TV-Serie mit jeweils zehn Folgen. Eine dritte Staffel scheint derzeit nicht in Planung zu sein, allerdings war auch schon die Pause zwischen den ersten beiden Staffeln ungewöhnlich lang (weswegen auch einige Darsteller für die zweite Staffel nicht mehr oder nicht im gewohnten Umfang zur Verfügung standen).
Es wundert mich, dass die Serie kein größerer Hit geworden ist, denn sie schlägt einige Themen an, die in den letzten Jahren eigentlich ziemlich angesagt sind (ich muss leider so vage bleiben, um Spoiler zu vermeiden). Die Darstellerriege ist mit Matt Dillon, Melissa Leo, Terrence Howard, Toby Jones, Juliette Lewis und Hope Davis äußerst beeindruckend. Vielleicht haben sich manche potentielle Zuschauer von Shyamalans Namen abschrecken lassen… Ich werde heute Abend auf jeden Fall die erste Staffel zu Ende anschauen. Mal sehen, ob meine Begeisterung danach noch genau so groß ist.
Die erste Staffel von „Wayward Pines“ ist in Deutschland auf DVD/Bluray sowie auf Amazon Prime verfügbar. Staffel 2 kann bei Amazon als Video-Download gekauft werden. (Zudem war/ist die Serie anscheinend in der Free-TV-Erstausstrahlung auf ZDFneo zu sehen.) Begleitend zur Serie gibt es die aus zehn dreiminütigen Kurzepisoden bestehende Serie „Gone“, die man auf YouTube finden kann. (Ich habe sie noch nicht angeschaut, bin aber schon gespannt, was mich dabei erwartet.)

Buffy the Vampire Slayer – Season 6

Meine Beziehung zu „Buffy“ hatte so schön angefangen: Während der ersten Staffeln war ich von der Serie restlos begeistert (und habe das auch in Blogposts hier, hier und hier zum Ausdruck gebracht). Aber die vierte Staffel zeigte dann einige merkliche Schwächen und die fünfte war für mich die eindeutig schlechteste der Serie. Schon damals hatte ich keine Lust mehr, einen so ausführlichen Blogpost zu verfassen wie noch zu den ersten Staffeln.
Auch mit dem Bloggen über Staffel sechs habe ich mir lange Zeit gelassen. Ich habe die Staffel bereits vor mehreren Monaten angeschaut; nun liegen vor mir einige Zettel mit Notizen, die meine Erinnerung anregen sollen…

Beginnen wir mal mit der Feststellung, dass ich das sechste Jahr von „Buffy“ wieder besser fand als das fünfte. Doch von den starken ersten drei Staffeln ist die Serie leider immer noch weit entfernt (und ich fürchte sie wird es auch in der siebten und letzten Staffel bleiben, die ich noch vor mir habe). Zwar gab es auch dieses Mal einige wirklich starke Episoden, doch die sich durch die Staffel ziehende Handlung um Jonathan und seine beiden Freunde, die sich zu kriminellen Herrschern über Sunnydale aufschwingen wollen (oder so etwas in der Art), wirkte einfach nur lächerlich und verzweifelt.
Was aber rückblickend in diesen 22 Episoden am meisten überzeugen konnte, waren die Charaktere und ihre Beziehungen. Und das war ja immer schon eine der größten Stärken von „Buffy“. Nach Buffys Tod am Ende der fünften Staffel sind ihre Freunde am Boden zerstört, desorientiert und hoffnungslos. Verzweifelt versuchen sie mithilfe eines „Buffybots“ und etwas Magie von Willow (Alyson Hannigan) das Böse im Zaum und Buffys Ableben geheim zu halten (und stellen seltsamerweise trotzdem einen Grabstein mit Buffys Namen auf ihr Grab), doch ihre Aussichten dabei sind alles andere als rosig. Da fasst Willow einen aberwitzig erscheinenden Plan: sie will einen Zauber durchführen, der Buffy zurück ins Leben holen soll.

Die Doppelfolge „Bargaining“ zum Staffelauftakt hat alles, was man sich von einer guten „Buffy“-Episode wünscht: witzige Dialoge, Action und eine konsequente Weiterentwicklung der Figuren. Auch die daran anschließende Episode „After Life“ weiß zu begeistern, u.a. mit wirklich beeindruckendem Schauspiel von Sarah Michelle Gellar, James Marsters und Michelle Trachtenberg. Nachdem Buffy erfolgreich wieder zum Leben erweckt wurde, stellt die Serie die Frage, ob Buffy denn immer noch dieselbe Person ist wie früher. Diese Frage wird Buffy und ihre Freunde die ganze Staffel über beschäftigen – ein Beispiel dafür, dass die Figuren dieses Mal vor allem mit inneren Dämonen zu kämpfen haben. Denn Buffy ist eindeutig nicht mehr dieselbe wie früher, ihre Todeserfahrung hat sie verändert. Dies kann freilich niemand so richtig nachfühlen und so steht sie mit ihren Gefühlen ziemlich alleine da.

Aber ganz alleine ist sie dann doch nicht, denn sie hat ja Spike. Der hatte im Verlauf der fünften Staffel eine ungesunde Obsession für Buffy enwickelt. Diese erwidert seine Liebe nun zwar (vorerst?) nicht, vertraut Spike aber als einzigem einige ihrer intimsten Gedanken an und, nun ja, wird auch sonst recht intim mit ihm. Die Beziehung zwischen Buffy und Spike nimmt einen Großteil der Staffel ein. Man kann sich darüber lustig machen, dass die beiden hier gefühlt in jeder Episode wilden Sex haben und dabei schon mal ein ganzes Gebäude zu Bruch gehen lassen. Aber nichts zeigt Buffys Verwirrung über sich selbst und ihre Rolle im Freundeskreis und in der Welt so eindrucksvoll, wie die (meist äußerst miese) Art, in der sie Spike hier behandelt. Wieder und wieder schläft sie mit ihm, nur um ihm jedes Mal danach ins Gesicht zu sagen, wie sehr sie ihn doch verabscheut. Irgendwann muss einem der Arme einfach leid tun. Am Ende jedoch, in Folge 19 („Seeing Red“), gesteht Buffy, dass sie doch Gefühle für Spike hat. Aber Liebe ist es nicht:

Buffy: „I have feelings for you. I do. But it’s not love. I could never trust you enough for it to be love.“
Spike: „Trust is for old marrieds, Buffy. Great love is wild, and passionate and dangerous. It burns and consumes.“
Buffy: „Until there’s nothing left. Love like that doesn’t last“

Spike kann und will mit Buffys Worten nicht umgehen, ihre Zurückweisung nicht akzeptieren. In einer schockierenden Szene versucht er, sie zu vergewaltigen. Zusammen mit einem weiteren Schock am Ende der Episode macht diese Szene „Seeing Red“ zu einer der besten Folgen der Staffel.

Dass Buffy sich in dieser Staffel mit allerlei anderen Problemen herumschlagen muss (und nicht nur mit Dämonen), zeigen beispielhaft auch ihre Geldsorgen („Out of My Mind“). „It’s not like it’s the end of the world. Which is too bad, you know, cause that I’m really good at.“, stellt Buffy fest. Es folgt eine Szene auf der Bank, in der Sarah Michelle Gellar einmal das dumme Blondchen geben darf, das der Name Buffy nahelegt (ein Bild, das die Serie sonst immer so gekonnt unterläuft). Vampire pfählen fällt Buffy nicht schwer, aber was ganz alltägliche Probleme betrifft fühlt sie sich oft genauso hilflos wie alle anderen.

Natürlich kann man nicht über die sechste Staffel schreiben, ohne auch ein paar Worte über die Musicalepisode zu verlieren. Was soll ich sagen? „Once More With Feeling“ ist einfach großartig! Mit Musik kann man Emotionen vielleicht so direkt und unmittelbar zum Ausdruck bringen wie auf keine andere Weise und Joss Whedon nutzt dies gleich doppelt: zum einen, weil die Episode ihre Geschichte und damit das Innenleben der handelnden (und singenden und tanzenden) Figuren über Lieder ausdrückt. Und zum anderen (Whedon wäre nicht Whedeon, wenn nicht auch seine Musicalepisode etwas meta wäre), weil es eben auch in der Episode selbst genau darum geht – Buffy, Xander, Giles usw. können auf einmal gar nicht anders, als ihre innersten Gefühle über Gesang und Tanz nach außen zu posaunen, ob sie wollen oder nicht. Das führt zu einigen wirklich fantastischen Szenen und obendrein ist das Ganze nicht als Stand Alone-Folge konzipiert, sondern entwickelt auch noch die Handlung und Beziehungen weiter. Hut ab, Herr Whedon!

Auch die daran anschließende Folge „Tabula Rasa“ weiß noch zu begeistern. Darin versucht Willow, bestimmte unliebsame Erinnerungen aus Taras bzw. Buffys Gedächtnis zu löschen. Doch der Zauber geht schief und so leidet plötzlich die ganze Scooby Gang an  Gedächtnisverlust. Sie erinnern sich an nichts, nicht einmal an ihre Namen, und versuchen in einer herrlich komischen Szene zu rekonstruieren, in welchen Beziehungen sie wohl zueinander stehen. Ob man Buffy-Neulinge wohl mit dieser Folge an die Serie heranfüheren könnte? Am Ende ist die Gang jedenfalls gespaltener denn je und Tara (Amber Benson) verlässt Willow.

Eine weitere gute Folge war „Wrecked“ (6.10), in der Willow erstmals eingesteht, dass sie ein ernstes Problem hat. Sie ist quasi süchtig nach Magie und Hexerei, welche man hier als Metapher für reale Drogen sehen kann. Fortan geht Willow auf kalten Entzug und verspricht, sich von der Hexerei fern zu halten. Alles in allem war die erste Hälfte der Staffel also gar nicht so schlecht, jedenfalls wenn man davon absieht, dass weit und breit kein ernst zu nehmender großer Bösewicht in Aussicht war und Jonathon & Co. einfach nur nervten. Die zweite Staffelhälfte legt mit „Doublemeat Palace“ leider einen grauenhaften Start hin. Die Folge spielt fast ausschließlich in einem Fastfoodrestaurant, in dem Buffy nun arbeitet und wo natürlich Dämonen am Werk sind. Das Ganze ist aber so langweilig und peinlich geraten, dass die Folge sicher in vielen Listen der schlechtesten „Buffy“-Episoden ihren Platz finden dürfte.

Für den Rest der Staffel tritt die Serie ein wenig auf der Stelle. Buffy erniedrigt Spike regelmäßig, Xander trauert Anya hinterher, die er kurz vor der Trauung hat sitzen lassen. Und Willow kann die Finger natürlich doch nicht ganz von der Magie lassen, was dazu führt, dass wir wenigstens für die letzten drei Episoden eine richtig spannende Handlung mit einem ernstzunehmendem Gegner für Buffy bekommen: Willow. Dazu gleich mehr, vorher aber noch ein paar Worte zu Episode 17 („Normal Again“), die zumindest bei mir gekonnt Verwirrung darüber gestiftet hat, was hier denn nun real ist und was nicht. Die Episode will uns – und Buffy – nämlich glauben machen, dass die letzten sechs Jahre, die wir gemeinsam mit Buffy in Sunnydale erlebt haben, gar nicht so stattgefunden haben. Stattdessen soll Buffy sich alles – inklusive ihrer Freunde wie Willow, Xander und Giles – nur eingebildet haben und seit sechs Jahren in einer psychiatrischen Klinik leben. Natürlich ist es am Ende die Klinik, die sich als Wahnvorstellung entpuppt, aber man merkt Buffy an, dass sie eigentlich gar nicht so viel dagegen hätte, wenn sie den Ereignissen und Problemen in Sunnydale entfliehen könnte. Wünschen wir uns das nicht alle manchmal? Dass unser ganzes Leben, all unsere Sorgen und Probleme nur eine Illusion, eine Wahnvorstellung sind? Je weiter man diese Gedanken treibt, um so mehr nähert man sich der Schwelle an, an der man vor der Frage steht, ob man nun endgültig verrückt werden werden oder aber sich der Realität stellen will. Und Buffy entscheidet sich für letzteres. Hervorragend – die Entscheidung ebenso wie die Episode.

Nun also zurück zu den letzten Folgen, in denen Alyson Hannigan als Willow mal so richtig schön böse sein darf. Nach einer Durststrecke mittelmäßiger Episoden (die nur durch „Normal Again“ unterbrochen wurde), nimmt die Staffel also erst am Ende von „Seeing Red“ so richtig Fahrt auf, um dann einen sich über drei Folgen hinziehenden Showdown zu bieten, der zwar nicht für alles Vorhergehende entschädigt, aber doch für so Manches. Ich habe mir zu diesen Folgen kaum Notizen gemacht, was aber nur für ihre Qualität spricht. Ich saß ganz einfach so gebannt vor dem Bildschirm, dass ich gar nicht zum Schreiben gekommen bin! Giles (Anthony Stewart Head), der sich seiner Mentorenrolle entsprechend zu Beginn der Staffel nach England zurückgezogen hatte (gut, eigentlich hätte er nach den Regeln der klassischen Heldenreise ja sterben müssen), kehrt schließlich zurück, um Buffy im Kampf gegen Willow zu unterstützen. Am Ende ist es aber Xander (Nicholas Brendon), der Willow besiegt bzw. sie wieder zur Vernunft bringt. Action und große Kämpfe haben wir zu diesem Zeitpunkt schon so einige gesehen und so ist es umso angenehmer, dass der entscheidende Sieg dann nicht mit Gewalt errungen wird, sondern mit der Kraft von Liebe und Freundschaft. Mit ehrlichen, einfühlsamen Worten schafft es Xander, Willow von ihrem Irrweg abzubringen und zurück auf die Seite des Guten zu holen.

Insgesamt war diese Staffel also vielleicht doch nicht so schlecht, wie ich noch zu Beginn dieses Textes gedacht hatte. Sie hatte durchaus großartige Momente, einige herausragende Episoden und ein furioses Finale (inklusive eines Cliffhangers: Spike hat seine Seele zurück bekommen!). Die Figuren sind alle nicht mehr dieselben wie noch zu Beginn der Staffel (und ganz bestimmt nicht mehr wie zu Beginn der Serie). Die Entwicklungen, die sie durchgemacht haben, kann man vielleicht erst im Rückblick erkennen und zu schätzen wissen. Dennoch hätte ich mir eine interessantere Handlung und einen richtig guten, charismatischen Bösewicht für die Staffel gewünscht, nachdem wir beides auch schon in der fünften Staffel nicht bekommen haben. Ich bin schon sehr gespannt, ob die siebte  Staffel der Geschichte und den Charakteren noch auf sinnvolle Weise etwas hinzufügen wird. Dass ich mit dem Anschauen der letzten Staffel immer noch nicht angefangen habe, liegt auch daran, dass ich nicht will, dass die Serie ein Ende findet…

Eine Anmerkung noch: Natürlich habe ich parallel zur vierten Staffel von „Buffy“ auch „Angel“ weiter angeschaut (in diesem Fall die dritte Staffel). Das war zumeist aber mehr die Pflichtübung eines Komplettheitsfanatikers. Einige der Figuren mag ich inzwischen zwar recht gerne, aber insgesamt kann ich der Serie längst nicht so viel abgewinnen wie „Buffy“ und gucke sie halt nur, weil sie auch ins Buffyverse gehört.

Das war 2016 – Mein persönlicher Film- und Serien-Jahresrückblick

Zum letzten (und bisher einzigen) Mal habe ich hier im Blog 2013 einen Jahresrückblick geschrieben. 2016 habe ich es endlich mal wieder (auf den letzten Drücker) geschafft!
Wie auch schon 2013 werde ich hier zusammenfassen, welche besonders guten und schlechten Filme und TV-Serien ich dieses Jahr gesehen habe – ganz egal, ob es sich dabei um neue oder schon ältere Veröffentlichungen handelt.

Die besten neuen Filme

Beginnen wir mal mit den neuen, also in diesem Jahr veröffentlichten Filmen. Da fällt es mir leicht, meine „Top 3“ zusammen zu stellen (aber nicht leicht, sie in eine Reihenfolge zu bringen). „Room“ („Raum“) kam bereits im Frühjahr ins Kino und ich habe den Film seitdem nicht noch einmal gesehen, aber weil ich zwischenzeitlich das Hörbuch zu Emma Donoghues Romanvorlage gehört habe, sind mir die Geschichte und die Figuren immer noch sehr präsent. Lenny Abrahamsons Film um einen Jungen, der gemeinsam mit seiner Mutter jahrelang von einem Entführer gefangen gehalten wird und vollkommen von der Außenwelt abgeschottet aufwächst, ist ein kleines Wunderwerk. Denn trotz dieser düster und depressiv klingenden Ausgangssituation ist der Film das genaue Gegenteil von düster: „Room“ ist ein hoffnungsvoller Film, was nicht zuletzt an den hervorragenden Leistungen der beiden Hauptdarsteller Brie Larson (die dafür einen Oscar gewann) und des siebenjährigen Jacob Tremblay liegt. Ich werde mir den Film auf jeden Fall noch einmal anschauen. Aufgrund einer sehr persönlichen Beziehung, die ich zu der Geschichte habe, könnte er sogar zu einem meiner Lieblingsfilme werden!

Ein weiterer äußerst emotionaler Filmhöhepunkt war dieses Jahr ganz klar „Closet Monster“ von Stephen Dunn. Das Spielfilmdebüt des jungen kanadischen jungen kanadischen Regisseurs strotzt nur so vor kreativen Einfällen und ist in seiner Ausführung so gelungen, dass man gar nicht glauben mag, dass da jemand seinen ersten Kinofilm inszeniert hat! Und natürlich gibt es in keinem anderen Film einen Hamster, der von Isabella Rossellini gesprochen wird! 😉 (Hier könnt ihr meine Filmkritik auf filmszene.de lesen.)

Dass es wie bereits 2015 ein deutscher Film ganz weit nach oben in meiner Top-Ten-Liste schaffen würde, hätte ich nicht erwartet (schon allein, weil ich nicht besonders viele deutsche Filme anschaue). An „Toni Erdmann“ führte in diesem Jahr aber nicht nur kein Weg vorbei, sondern der Film wird seinem Ruf auch wirklich gerecht! Auf so eine Geschichte, in der ein von seiner Tochter entfremdeter Vater dieser über den Umweg einer erfundenen Persönlichkeit wieder näher zu kommen versucht, muss man erst einmal kommen. Aber selbst dann hätte noch eine Menge schiefgehen können, zum Beispiel wenn Regisseurin Maren Ade den Stoff als platte Komödie inszeniert und zur Vorlage für lauter dämliche Witze genommen hätte. Hat sie aber natürlich nicht. Das Endergebnis ist einfach nur großartig – ein Film wie kein anderer. Ein Bekannter von mir hat „Toni Erdmann“ allerdings mit „Borat“ verglichen und ich muss zugeben, dass er damit nicht ganz unrecht hat. Trotzdem handelt es sich um zwei sehr verschiedene Filme, vor allem wohl deshalb, weil Ade die Figuren und Situationen in ihrem Film nie um der bloßen Provokation willen oder für einen billigen Lacher eskalieren lässt. (Meine ausführliche Filmkritik könnt ihr hier lesen.)

Weitere Filmhighlights waren dieses Jahr für micht „Everybody Wants Some!!“ von Richard Linklater (nach dem Kinobesuch bin ich singend und tanzend durch die Straßen gelaufen) und „The Girl With All The Gifts“, ein schauspielerisch wie atmosphärisch extrem gut gemachter Zombiefilm, den ich auf dem Fantasy Filmfest gesehen habe (regulärer Kinostart wird im Februar sein). Auch „Arrival“ von Denis Villeneuve gehört ganz klar zu den besten neuen Filmen von 2016. Nicht nur Science-Fiction-Fans sollten hier definitv einen Blick riskieren.

Das waren die sechs besten, neuen Filme, die ich 2016 gesehen habe. Es gab aber natürlich noch eine Reihe weiterer guter bis sehr guter, die erwähnenswert sind. Da wäre zum Beispiel die Dokumentation „The Hunting Ground“ über sexuellen Missbrauch an US-Universitäten (verfügbar auf Netflix). Auch Jeff Nichols‘ Mystery-Drama „Midnight Special“ hat mir gut gefallen und ich muss ihn definitiv noch einmal anschauen.
Marvel hat dieses Jahr mit dem dritten „Captain America“-Film „Civil War“ einen Volltreffer hingelegt – ich habe mich blendend unterhalten gefühlt, aber einen Großteil des Films schon lange wieder vergessen.

Der neue Tim Burton-Film „Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children“ („Die Insel der besonderen Kinder“) hat mir gut gefallen, auch wenn er wohl nicht zu den großen Meisterwerken des Regisseurs zählt. Als Beatles-Fan fand ich auch Ron Howard’s Dokumentation „Eight Days A Week“ sehr schön, aber man muss den Beatles natürlich schon grundsätzlich etwas abgewinnen können, um hier auf seine Kosten zu kommen (aber wer kann das bitteschön nicht?).

Zumindest von der Form her interessant fand ich „Der Nachtmahr“, allerdings liefen all die inszenierungstechnischen Tricksereien dabei irgendwie ins Leere, sodass der Film mehr versprach als er letztendlich einlösen konnte. Gegen Jahresende schließlich hat mich der neue Disney-Animationsfilm „Moana“ (in Deutschland „Vaiana“) gut amüsiert. Und auch das diesjähriger „Star Wars“-Abenteuer „Rogue One“ fand ich als großer Fan der Sternensaga trotz einiger Schwachstellen doch ziemlich gelungen.

Auch auf dem Filmfest München habe ich dieses Jahr wieder viele tolle (und auch ein paar nicht so tolle) Filme gesehen, über die ich größtenteils gebloggt habe. Ein paar davon habe ich hier schon genannt, hinzuzufügen wären aber zum Beispiel noch „Ein deutsches Leben“, „Oleg Y Las Raras Artes“ und „Die letzte Sau“.

Was ich sonst noch für tolle Filme angeschaut habe

Neben diesen Neustarts gab es jedoch auch ziemlich viele ältere Filme, die ich 2016 nachgeholt habe. M. Night Shyamalan hat 2015 mit „The Visit“ endlich mal wieder einen spannenden und gelungenen Film abgeliefert. Aber auch die Österreicher können Horror! Das haben vor zwei Jahren Severin Fiala und Veronika Franz mit der Genre-Perle „Ich seh ich seh“ bewiesen, die ich ebenfalls dieses Jahr gesehen habe und wirklich sehr empfehlen kann!

Noch besser fand ich „Nightcrawler“, in dem Jake Gyllenhaal vor zwei Jahren als ehrgeiziger TV-Journalist zu sehen war. Ein fantastisches Stück Kino, ein bitterböser Blick auf die harte Medien- und Journalismusbranche und ein grandioser Soundtrack! Auch „Love Steaks“ hat mich begeistert. Die deutsche Low Budget-Produktion hat vor einigen Jahren auf mehreren Festivals für Aufsehen gesorgt; nun habe ich sie auch endlich gesehen und war begeistert von der Unmittelbarkeit und Natürlichkeit dieser etwas anderen (oder vielleicht einfach nur kino-untypischen und realistischen?) Liebesgeschichte. Auch Wim Wenders Dokumentation „The Salt of the Earth“ über den Fotografen Sebastião Salgado fand ich sehr beeindruckend. Und wenn ich schon bei deutschen Filmen bin: Auch die Komödie „Wir sind die Neuen“ hat mich positiv überrascht, weil hier das Aufeinandertreffen der Generationen wirklich mit Witz behandelt wird und die Schauspieler sichtlich Spaß an ihren Rollen haben.

Als großer David Bowie-Fan war 2016 natürlich kein gutes Jahr für mich; „The Man Who Fell to Earth“ („Der Mann, der vom Himmel fiel“) habe ich erst nach Bowies Tod zum ersten Mal gesehen – und muss den Film auf jeden Fall irgendwann noch einmal anschauen. Weitere Kultfilme, die ich dieses Jahr tatsächlich zum ersten Mal gesehen habe, waren „The Exorcist“ („Der Exorzist“), „Thelma & Louise“, „Interview with the Vampire“ („Interview mit einem Vampir“) und „Zoolander“ (Teil zwei habe ich einige Tage später angeschaut). Nachdem ich die „Godfather“-Trilogie zum Geburtstag bekommen hatte, habe ich außerdem mehrere Abende damit verbracht, mir mal wieder Francis Ford Coppolas Saga einer italo-amerikanischen Familie zu Gemüte zu führen. Würden Mario Puzos Romane heute verfilmt werden, dann würde man daraus wahrscheinlich eine TV-Serie machen, also habe ich mir die Filme häppchenweise in feierabendfreundlichen Blöcken von 60 bis 90 Minuten über mehrere Abende verteilt angeschaut. Auch die „Alien“-Filme habe ich mir dieses Jahr mal wieder alle angeschaut, und zwar gleich mehrfach: Teil 1 bis 3 habe ich sowohl in der Kinofassung als auch in den auf den Blu-rays enthaltenen längeren Schnittfassungen angeschaut. Bei „Alien: Resurrection“ habe ich es allerdings bei der Kinofassung belassen, da ich mir diesen Murks nicht noch einmal antun wollte.

Die schlechtesten Filme des Jahres

Wie jedes Jahr gab es auch 2016 ein paar Filme, über die ich mich richtig geärgert habe. Ganz oben auf der Liste steht „Independence Day: Resurgence“. Ganz ehrlich, ich hätte die zehn Euro, die ich hier für den Kinobesuch ausgegeben habe, lieber verbrennen und dann dabei zuschauen sollen. Das wäre unterhaltsamer gewesen als diese völlig uninspirierte, vor Klischees nur so strotzende Fortsetzung von Roland Emmerichs Science Fiction-Klassiker. Dicht dahinter folgt „Batman v Superman: Dawn of Justice“. Es ist mir unbegreiflich, warum Zack Snyder immer noch riesige Budgets anvertraut werden, wo doch jedes Mal so ein Murks dabei herauskommt. (Halt, ich verstehe es doch: seine Filme spielen das Geld – und sogar noch mehr! – nämlich tatsächlich wieder ein. Unbegreiflich!) Auch die zweite Comicverfilmung aus dem DC-Universum, „Suicide Squad“, fand ich grottenschlecht. Ich kenne mich mit Comics zwar kaum aus, aber bei Marvel schaffen sie es immerhin, unterhaltsame Filme rauszuhauen!

Wobei es zumindest einen Marvel-Film gab, den ich dieses Jahr auch ziemlich schlecht fand: „X-Men: Apocalpyse“. Der gehört zwar nicht zum „Marvel Cinematic Universe“ von Disney, aber gerade weil die beiden vorherigen „X-Men“-Filme so großartig waren, hatte ich mir einen würdigen Abschluss dieser Trilogie gewünscht. Weitere Filmgurken aus 2016 waren „Die 5. Welle“ und „London Has Fallen“. Bei letzterem war mir das eigentlich schon vorher klar, schließlich war auch schon Teil 1 nur leidlich unterhaltsam. Ich schaue mir solche Filme wohl nur an, um sie dann am Jahresende auf meine Flop-Liste setzen zu können… 😉 Auch bei Duncan Jones Videospielverfilming „Warcraft: The Beginning“ habe ich nach etwa einer Viertelstunde geistig abgeschaltet und darauf gehofft, dass es bald vorbei ist. Schade, denn ich bin ein großer Fan seiner ersten beiden Filme „Moon“ und „Source Code“. Dass die neue „Ben Hur“-Verfilmung einfach nur überflüssig sein würde, war mir natürlich auch schon vorher klar. Angeschaut (und darüber geschrieben) habe ich den Film trotzdem.

…und noch mehr schlechte Filme

Als hätte 2016 nicht schon genug schlechte Filme hervorgebracht, habe ich mir zusätzlich auch noch einige ältere Filmgurken reingezogen. Das ging Anfang des Jahres los mit Cameron Crowes „Aloha“. Ich bin ja wirklich ein großer Fan von Crowe und zähle mit „Almost Famous“ und „Vanilla Sky“ zwei seiner Werke zu meinen Lieblingsfilmen, aber was er mit „Aloha“ abgeliefert hat, ist einfach so was von langweilig, uninspiriert und voller Klischees, dass man sich fragt, ob da wirklich noch derselbe Autor und Regisseur am Werk war. Schade! Josh Tranks „Fantastic Four“-Verfilmung von 2015 war auch nicht besser, konnte mich aber immerhin mit unfreiwilliger Komik unterhalten. Auch in diesem Fall kann man aber nur sagen: schade, dass nichts Besseres dabei herausgekommen ist. „Chronicle“ wird wohl Tranks bester Superheldenfilm bleiben…

Auch richtig schlecht fand ich Disneys Realversion von bzw. Parallelgeschichte zu „Dornröschen“, „Maleficent“. Schrecklich gelangweilt habe ich mich bei Angelina Jolies „By the Sea“ und „Kingsman“ fand ich extrem dämlich. Dass mich auch die „Hunger Games“ mit „Mockingjay: Teil 2“ nicht mehr begeistern konnten, hat mich nach dem extrem handlungsarmen dritten Film nicht mehr überrascht. Der bei weitem schlechteste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe, war jedoch der Weinachts-Grusel „Krampus“. So etwas kommt also dabei heraus, wenn sich die Amerikaner an für sie wohl total exotisch anmutenden mitteleuropäischen Schreckgestalten abarbeiten! Cultural appropriation mal anders…

Mein Serienjahr

Ich habe 2016 zwar knapp 200 neue, alte und teils auch altbekannte Filme angeschaut, aber es hätten noch wesentlich mehr sein können, wenn es nicht so viele gute TV-Serien gäbe. Dass „Hannibal“ ein vorzeitiges Ende gefunden hat, ist für mich eine mittelschwere Katastrophe. Bryan Fullers Neuverfilmung der Romane von Thomas Harris gehört für mich zu den besten Fernsehserien überhaupt und ich hoffe sehr, dass er es doch noch irgendwie schaffen wird, eine Fortsetzung in Form einer Miniserie für irgendeine Streamingplattform zu produzieren.

Das beste Fernsehen scheint inzwischen ja sowieso auf Netflix & Co. stattzufinden. „Jessica Jones“ war für mich der bislang beste Beitrag zum filmischen Marveluniversum und auch die beiden „Daredevil“-Staffeln fand ich toll. Sehr gut unterhalten hat mich dieses Jahr auf Netflix auch die zweite Staffel von „Grace and Frankie“. Darin geht es zwar um Figuren, die mehr als doppelt so alt sind wie ich, aber wenn sie von so grandiosen Schauspielern wie Jane Fonda oder Martin Sheen gespielt werden, dann macht das auch dann riesigen Spaß, wenn man sich nicht mit allen Problemen der Figuren identifizieren kann.

Mit „Downton Abbey“ fand dieses Jahr eine meiner Lieblingsserien ihr Ende. Auch hier sind es vor allem die erstklassigen Darsteller, die das meist doch recht banale Soap-Geschehen sehenswert machen. Bei „Stranger Things“ wiederum stimmte das Gesamtpaket aus Schauspielern, Mystery-Handlung und gekonnt reproduzierter Achtziger-Jahre-Atmosphäre. Ich bin schon gespannt auf Staffel zwei! Eine weitere Staffel von „Heroes Reborn“ wird es dagegen nicht geben, was aber kein großer Verlust ist. Tim Krings Superhelden-Ensemblesoap „Heroes“ war in ihrer ersten Staffel 2006 noch revolutionär und verdammt gut, danach ging es aber leider immer weiter bergab. Der Neuaufguss „Heroes Reborn“ hätte toll werden können, aber leider hat man dabei die Schwächen der späteren „Heroes“-Staffeln nicht ausgemerzt, sondern sie nur noch verstärkt.

Richtig, richtig gut dagegen ist „Bates Motel“. Man hätte es von einem „Psycho“-Prequel nicht unbedingt erwartet, aber der auf fünf Staffeln angelegten Serie ist es tatsächlich gelungen, die Hintergründe von Norman Bates und seiner Mutter interessant und plausibel zu beleuchten. Die Staffeln drei und vier habe ich dieses Jahr hier im Blog besprochen. Weniger begeistert war ich von Woody Allens erster „Fernsehserie“ „Crisis in Six Scenes“. Ich habe „Fernsehserie“ hier bewusst in Anführungszeichen geschrieben, denn eigentlich handelt es sich dabei nur um einen in sechs Teile aufgespaltenen Film. Die jeweils 22 Minuten langen, auf Amazon Video verfügbaren Folgen bieten typischen, größtenteils recht altbackenen Woody Allen-Humor. Darunter sind zwar hin und wieder wirklich gelungene, lustige Momente, doch zu Allens besseren Werken gehört dieser „Serienfilm“ bestimmt nicht. (Außerdem verdient sich „Crisis in Six Scenes“ den Preis für den unkreativsten Titel des Jahres. Hat da jemand aus Versehen den Arbeitstitel der Serie stehen lassen!?)

Im Herbst habe ich mir die letzten Folgen von „Mad Men“ angeschaut und wurde nicht enttäuscht. Die Serie hat ihr durchgehend hohes Niveau halten können und ein nicht spektakuläres, aber angemessenes und passendes Ende gefunden. Neu angefangen habe ich dagegen mit „Scream“. Die Serie basiert auf der gleichnamigen Slasherfilmreihe und es gelingt ihr recht erfolgreich, die aus den Filmen bekannte Metaeben (z.B. in Form von Diskussionen über die Regeln des Slasher-Genres) ins Fernsehen zu übertragen. Natürlich handelt es sich dabei um Unterhaltung mit nicht allzu viel Tiefgang, aber für zwischendurch eignet sich die Serie allemal. Staffel zwei habe ich auch schon angeschaut.

Eines meiner Serienlangzeitprojekte ist Joss Whedons „Buffy the Vampire Slayer“. Vor ein paar Jahren habe ich mit der ersten Staffel angefangen und lasse mir zwischen den Staffeln immer ziemlich viel Zeit. Mittlerweile habe ich sechs Staffeln geschafft (und drei Staffeln von „Angel“, das ich parallel anschaue), aber erst bis zur fünften Staffel gebloggt. Ich werde demnächst mit dem Anschauen der letzten Staffel anfangen und hoffentlich auch noch einen Blogpost über Staffel sechs schreiben, aber so begeistert wie zu Beginn bin ich von der Serie nicht mehr.

Nach wie vor begeistert bin ich aber natürlich von meiner Lieblingsserie „Babylon 5“. Seit ich vor ein paar Jahren einen einführenden Überblick über J. Michael Straczynskis revolutionäre Science Fiction-Saga geschrieben habe, blogge ich in unregelmäßigen Abständen über jede einzelne Folge. Immerhin bis zur vorletzten Episode der ersten Staffel habe ich es 2016 geschafft; weitere Blogposts werden definitiv folgen, ich hatte nur in den letzten Monaten zu wenig Zeit dazu. Ebenfalls noch nicht gebloggt habe ich über Straczynskis neue Serie „Sense8“, die er zusammen mit den Wachowski-Schwestern realisiert hat. Die 2015 gestartete Netflix-Serie wurde vor einer Woche endlich mit einem Christmas Special fortgesetzt und soll im Mai eine zweite Staffel spendiert bekommen. Ich bin schon sehr gespannt, da ich „Sense8“ für eine der wichtigsten gegenwärtigen Serien halte!

Weiterhin habe ich dieses Jahr die zweite Staffel von „True Detective“ angeschaut (nicht so mein Fall) und mir endlich die Miniserie „Top of the Lake“ angesehen (schon viel eher mein Fall – und wenn mir jemand gesagt hätte, diese düstere und deprimierende Serie sei die dritte Staffel von „True Detective“, hätte ich das sofort geglaubt). Neben der zweiten Staffel von „The Newsroom“ (ich liebe Aaron Sorkins Dialoge!) habe ich mir auch die erste Staffel von „The Extant“ angeschaut (interessant, leider gibt es ja nur eine weitere Staffel).

Mit der Science Fiction-Anthologieserie „Black Mirror“ habe ich zumindest schon angefangen und bin davon sehr angetan. Auch „Devious Maids“ von „Desperate Housewives“-Schöpfer Marc Cherry habe ich begonnen zu gucken und war zumindest ein paar Tage lang süchtig danach, das hat sich also schnell wieder gelegt. Ich weiß also nicht, ob ich das weiter anschauen werde. Ach ja, bevor ich’s vergesse: ich habe dieses Jahr auch wieder ein bisschen „Star Trek“ geguckt, genauer gesagt die zweite Staffel von „Enterprise“. Ich freue mich schon auf die neue „Star Trek“-Serie, die im Mai starten wird!

Schließlich gab es dieses Jahr natürlich auch ein paar Serien, die ich anzuschauen begonnen habe, die aber nicht so ganz meinen Geschmack getroffen haben. Darunter waren „Terminator: The Sarah Connor Chronicles“, „Penny Dreadful“ und „Ascension“. Auch von „The Expanse“ habe ich bislang nur zwei Folgen gesehen, die mich vor allem verwirrt haben. Bei „Luke Cage“ bin ich noch nicht über Episode 1 hinaus gekommen, die ich eigentlich nicht so toll fand. Da mir aber die anderen Marvel-Serien bei Netflix so gut gefallen haben, werde ich vielleicht doch irgendwann weitersehen. „Masters of Sex“ wollte ich schon lange sehen und habe 2016 endlich damit begonnen. Eigentlich ist die Serie ziemlich gut, aber der Funke wollte dann doch nicht überspringen. Manchmal wäre es vielleicht doch besser, nicht aus jedem Thema gleich eine Serie zu machen. Ein „Masters of Sex“-Film wäre jedenfalls sehr viel schneller zu konsumieren gewesen.

Was alle an „Mr. Robot“ so toll finden, habe ich noch nicht verstanden und hier auch nach drei oder vier Folgen erstmal Schluss gemacht. Die Serie ist zwar gut gemacht, bietet aber meiner Meinung nach nicht viel Neues. Es geht mal wieder um einen unsicheren männlichen Protagonisten, der seine Gefühle schlecht ausdrücken kann und sich im Umgang mit anderen Menschen schwertut. Das kennen wir inzwischen schon zu Genüge aus anderen Serien (Sherlock, „Dexter“).

Falls Ihr diesen Text tatsächlich bis hierhin gelesen haben solltet, wünsche ich euch an dieser Stelle ein gutes, gesundes und erfolgreiches Jahr 2017! Möge es uns viele tolle neue Filme und Serien bringen. 🙂

Star Wars Rebels – Season 2

Dieser Text enthält nur einige kleine Spoiler zur zweiten Staffel!

Seit 24.11. ist die zweite Staffel von „Star Wars Rebels“ als DVD und Blu-ray im Handel erhältlich. Die Serie spielt einige Jahre vor „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“ (und auch noch einige Jahre vor dem wiederum unmittelbar vor Episode IV spielenden Film „Rogue One“, der bald ins Kino kommt). Die erste Staffel habe ich bereits letztes Jahr hier im Blog besprochen, nun widme ich mich der zweiten, die mit 22 Episoden deutlich länger ausgefallen ist als Staffel 1 (nur 15 Episoden).

Cover der Blu-ray-Ausgabe von Staffel 2 von "Star Wars Rebels"

In der ersten Staffel hat die kleine Rebellengruppe auf dem abgelegenen Planeten Lothal den Waisenjungen Ezra (Taylor Gray) aufgenommen. Kanan (Freddie Prinze Jr.), ein früherer Jedi, dessen Ausbildung jedoch nie beendet worden ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den machtsensitiven Ezra auszubilden, und das obwohl Darth Vader und seine Inquisitoren alle noch überlebenden Jedi gnadenlos jagen und vernichten. Den Großinquisitor haben Kanan und seine Freunde am Ende der ersten Staffel überraschend besiegt, doch in Staffel zwei bekommt Darth Vader (wie in den Filmen gesprochen von James Earl Jones) vom Imperator den Auftrag, weitere Inquisitoren auf Kanan, Ezra und die anderen Rebellen auf Lothal anzusetzen. Das Interesse Vaders und des Imperators wird noch dadurch verstärkt, dass sich Darth Vaders/Anakin Skywalkers früherer Padawan Ahsoka Tano (Ashley Eckstein) den Rebellen angeschlossen hat. Neben der Jagd, die das Imperium auf sie macht, haben die Rebellen noch andere Probleme: es fehlt ihnen an Schiffen, Waffen und Ausrüstung und nicht zuletzt auch an einem Planeten, auf dem sie eine neue geheime Basis errichten können.

Darth Vader im Duell mit Kanan

Darth Vader war in der ersten Staffel nur ganz am Anfang für eine Szene zu sehen. In Staffel zwei ist seine Rolle etwas größer, zum Glück taucht er aber dennoch nur in wenigen Folgen auf. Schließlich wäre es äußerst unglaubwürdig, den dunklen Lord der Sith immer wieder auf Kanan, Ezra und Co. treffen zu lassen, nur um jedes Mal von ihnen besiegt zu werden. Mit Vaders Auftreten in der ersten Folge geht Staffel zwei stimmungsvoll und bedrohlich los, danach sorgen vor allem die beiden neuen Inquistoren – der „fünfte Bruder“ und die „siebte Schwestere“ –  dafür, dass auch die dunkle Seite der Macht in der Serie vertreten ist. Auch die beiden kommen allerdings nicht besonders häufig vor und bleiben vollkommen eindimensionale Charaktere. Das ist besonders deshalb schade, weil ich mich sehr darauf gefreut hatte, dass Sarah Michelle Gellar („Buffy“) eine Rolle in der Serie übernimmt, doch ihre siebte Schwester wird kommt wie gesagt nur wenig vor und hat keine besonders wichtige Rolle.

Die Crew der "Ghost"Mit dem Auftauchen Ahsokas am Ende ersten Staffel war natürlich klar, dass Dave Filoni (einer der leitenden kreativen Köpfe hinter der Serie), früher oder später ein Aufeinandertreffen Ahsokas und Vaders würde inszenieren müssen. Dieses findet im brillanten Staffelfinale auch statt, zu Beginn muss Ahsoka jedoch erst einmal erschüttert feststellen, dass ihr früherer Meister noch am Leben ist und sich in den furchtbaren Darth Vader verwandelt hat. Neben Ahsoka kommen noch eine Reihe weiterer Figuren aus „The Clone Wars“ vor, allen voran Captain Rex (Dee Bradley Baker), der zusammen mit einigen weiteren Klonsoldaten die Klonkriege überlebt hat und dessen Unterstützung die Rebellen nun benötigen. Auch der bei den Fans beliebte Schmuggler Hondo Ohnaka, Heras Vater Cham Syndulla und Lando Calrissian (erneut gesprochen von Billy Dee Williams) haben Gastauftritte.

Wenn ich schon bei „The Clone Wars“ bin, so muss ich hier erneut feststellen, dass „Rebels“ beim direkten Vergleich mit der Vorgängerserie in einer Hinsicht ganz klar schlechter abschneidet: „Rebels“ sieht einfach viel schlechter aus. Das Figurendesign, die Animationen, die Locations und Hintergründe – alles wirkt hier meistens ein wenig liebloser. „The Clone Wars“ konnte visuell mit seinem eigenwilligen Figurendesign und den schönen Texturen punkten, während Rebells einfach um einiges billiger aussieht (was wohl daran liegt, dass die Serie auch billiger produziert wird).

Ezra, Kanan und HeraErzählerisch liegen die Unterschiede woanders. Während „The Clone Wars“ immer wieder wild zwischen verschiedenen Figuren, Handlungsorten und teilweise auch Zeitebenen hin- und hersprang, folgen wir in „Rebels“ derselben Gruppe an Charakteren. Abwechslung kommt dadurch ins Spiel, dass die kleine Rebellentruppe zu Beginn der Staffel von Lothal flüchten muss und erst einmal nicht dorthin zurückkehren kann. Der Wechsel zu verschiedenen Handlungsorten ist also vorprogrammiert. Zudem stellen einzelne Episoden immer wieder andere Charaktere in den Mittelpunkt. Mal geht es um Hera und die Beziehung zu ihrem Vater, dann wieder um Sabine und ihre Vergangenheit als mandalorianische Kopfgeldjägerin. Auch Zeb bekommt zwei Episoden spendiert, von denen eine zu den besten der Staffel gehört: In „The Honorable Ones“ stürzt er ausgerechnet mit dem imperialen Agent Kallus (David Oyelowo) auf einem der Monde von Geonosis ab, wo die beiden ums Überleben kämpfen müssen und auf Rettung hoffen.

Die beiden Hauptfiguren der Serie sind nach wie vor Kanan und Ezra. Letzterer muss sich damit zurecht finden, dass nun nicht mehr allein lebt und tun und lassen kann, was er will. Als Mitglied der kleinen „Familie“ an Rebellen hat er bestimmte Pflichten und muss Verantwortung übernehmen, was ihm nicht immer gefällt. Auch seine Jedi-Ausbildung unter Kanan macht ihm zu schaffen, unter anderem deshalb, weil er sich gar nicht sicher ist, ob er überhaupt ein Einsatzbesprechung der RebellenJedi werden möchte. Das macht natürlich auch Kanan zu schaffen, der zusätzlich im ersten Drittel der Staffel noch lernen muss, Captain Rex zu vertrauen – schließlich waren es die Klone, die maßgeblich für die Auslöschung der Jedi verantwortlich waren.

Die Qualität der einzelnen Episoden schwankt mitunter stark. Es gibt einige wirklich tolle und spaßige Folgen mit unterhaltsamen Actionsequenzen, aber auch ein paar ziemlich langweilige und uninspirierte Episoden. Wer sich im „Star Wars“-Universum und mit seinen Hintergründen auskennt, wird des Öfteren nette Easter Eggs entdecken. So verkleidet sich Kanan beispielsweise in „A Princess on Lothal“ (wo Prinzessin Leia ihren bislang einzigen Auftritt in „Rebels“ hat) als Sturmtruppler und geht in Sturmtruppenrüstung mit seinem Lichtschwert in der Hand auf einen AT-AT los. Der belesene Fan muss dabei natürlich sofort an die alten Konzeptzeichnungen von Ralph McQuarrie denken, die anfangs auch noch mit Lichtschwertern bewaffnete Sturmtruppler zeigten. In einer anderen Episode fällt der Begriff „Ashla“, mit dem George Lucas in frühen Drehbuchentwürfen die helle Seite der Macht bezeichnete. Und auch eine kleine Verbindung zu „Rogue One“ findet sich bereits: als die Rebellen nämlich Geonosis erreichen, stellen sie fest, dass das Imperium im Orbit des Planeten irgendetwas Riesiges hat bauen lassen. Was das bloß sein könnte…? 😉

Ahsoka Tano trifft auf ihren früheren Meister...Ihren qualitativen wie emotionalen Höhepunkt erreicht die Staffel schließlich beim Finale. Die abschließende Doppelfolge wartet nicht nur mit dem lang ersehnten Aufeinandertreffen von Darth Vader und Ahsoka auf, sondern bringt auch eine weitere altbekannte Figur zurück: Darth Maul (Sam Witwer). (Für alle, die sich jetzt wundern: er tauchte bereits in „The Clone Wars“ ab Staffel vier auf. Einen Sith Lord hält so schnell nichts auf, auch nicht dass er von Obi-Wan Kenobi mit dem Lichtschwert halbiert wird!) Dabei zeigen sich unerwartete Parallelen zwischen Maul und Ahsoka: Während Ahsoka ja bereits in „The Clone Wars“ aus dem Jedi-Orden ausgetreten war, ist auch Maul inzwischen kein Sith mehr. „Formerly Darth. Now just Maul“, stellt er sich hier vor und hat überraschend schnell Erfolg dabei, Ezras Vertrauen zu gewinnen… Darth Vader wiederum hat hier wohl den coolsten Auftritt der gesamten Serie, als er mit aktiviertem Lichtschwert und wehendem Umhang auf seinem schwebenden TIE-Fighter stehend erscheint. Wie der Kampf, in den Kanan, Ezra, Ahsoka, Vader, Maul und gleich drei Inquisitoren verwickelt sind, ausgeht, werde ich hier nicht verraten. Das Staffelfinale beantwortet ein paar Fragen, schafft aber wie es sich gehört auch einige neue. Man darf sich auf also trotz der insgesamt durchwachsenen Qualität der Staffel auch auf die dritte Season freuen, zumal darin eine der beliebtesten Figuren des alten „erweiterten Universums“ ihren ersten Auftritt haben wird: Großadmiral Thrawn.

Copyright: © 2016 & TM Lucasfilm Ltd.

Bates Motel – Season 4

Dieser Blogpost enthält Spoiler zum Ende der vierten Staffel!

Seit 3. November ist die vierte Staffel von „Bates Motel“ auf DVD und Blu-ray erhältlich. Ich war schon von der ersten Staffel an ein großer Fan der Serie (meine bisherigen Blogposts dazu findet ihr hier und hier). In der vierten Staffel kann die Serie nun ihr hohes erzählerisches und darstellerisches Niveau halten, während sie zügig weiter auf die Ereignisse hin erzählt, die wir bereits aus Hitchcocks „Psycho“ kennen.

Bates Motel - Die komplette vierte Staffel auf Blu-ray

Die Staffel beginnt damit, dass Norman Bates (Freddie Highmore) endlich dorthin kommt, wo man ihn als Zuschauer schon seit der ersten Staffel einweisen wollte: in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses. Das könnte man nun zum Anlass nehmen, erleichtert aufzuatmen, weil es schließlich bedeutet, dass Norman nun geholfen wird und sich die Dinge für ihn und seine Mutter zum Besseren wenden werden. Aber dem ist nicht so, schließlich befinden wir uns hier in einer Fernsehserie, wo – wie in fast allen Serien – Lösungen stets nur der Beginn neuer Probleme und Konflikte sind. Noch dazu wissen wir ja bereits, dass Norman eben nicht geheilt wird, sondern dass alles noch viel schlimmer werden muss…
Die Spannung speist sich hier also eine Weile daraus, dass man wissen will, was nun als nächstes schief läuft. Warum kann Norman nicht erfolgreich behandelt werden, ein gesundes Verhältnis zu seiner Mutter entwickeln und schließlich doch noch ein „ganz normaler“ junger Mann werden?

Norman Bates in der Klinik

Zunächst scheint für Norman auch alles gut zu laufen: Nach ein paar anfänglichen Schwierigkeiten öffnet er sich seinem Therapeuten, zeigt seine große Angst und bittet ihn um Hilfe. Erneut keimt hier die Hoffnung auf, dass alles gut werden könnte. Gleichzeitig hat man als Zuschauer aber genau daran auch berechtigte Zweifel. Doch auch in der Mitte der Staffel geht es für Norman positiv weiter. Seinem Arzt gelingt ein Durchbruch, nachdem er erkannt hat, dass Norman sich häufig die Anwesenheit seiner Mutter einbildet. Mit dieser Tatsache konfrontiert, kommt Normans zweite Persönlichkeit zum Vorschein: seine Version seiner Mutter Norma, die alles tut, um Norman zu beschützen. Sein Therapeut erkennt, dass bei Norman eine dissotiative Identitätsstörung vorliegt und kann nun beginnen, seinen Patienten entsprechend zu behandeln.
Norma Bates (Vera Farmiga)In gewisser Weise ist es allerdings wieder Normans Mutter Norma (Vera Farmiga), die die Schuld daran trägt, dass alles weiter den Bach runter geht, obwohl sie Norman doch nur helfen will. Norma kann sich den teuren Klinikaufenthalt für Norman nämlich nicht leisten und heiratet deshalb den örtlichen Sheriff Alex Romero (Nestor Carbonell), um so an dessen gute Krankenversicherung zu kommen. Liebe ist bei dieser Hochzeit erst einmal nicht im Spiel, obwohl Romero natürlich schon lange ein Auge auf Norma geworfen hat. Nach und nach erkennen die beiden schließlich, dass sie sich wirklich gern mögen und keineswegs nur eine Scheinehe führen wollen. Vor ihrem Sohn hält Norma die Hochzeit trotzdem geheim. Doch Geheimnisse sind in TV-Serien bekanntlich nur dazu da, um früher oder später gelüftet zu werden. Als Norman also in der Klinik aus der Zeitung erfährt, dass seine Mutter geheiratet hat, fasst er den Entschluss, sofort wieder nach Hause zu gehen. Da er sich selbst in die Klinik eingewiesen hat, ist das kein großes Problem.

„You can be married to her, you can be sleeping with her, but you’re never going to get in between us.“

Sheriff Alex Romero (Nestor Carbonell)Und so setzt sich der Strudel aus schlimmen Ereignissen fort, sobald Norman wieder zuhause wohnt. Zusammen mit seiner Mutter und ihrem neuen Ehemann bildet er eine dysfunktionale Familie. Norman ist extrem eifersüchtig auf Romero und verlangt von diesem, sich nun wieder von Norma scheiden zu lassen. „There’s something you don’t understand.“ sagt er zu ihm, „You can be married to her, you can be sleeping with her, but you’re never going to get in between us.“ Romero entgegnet zwar, das wolle er auch gar nicht, aber er kann hier nur verlieren; das Verhältnis zwischen Norman und Norma war noch nie ein gesundes und so kommt es schließlich am Ende der Staffel zu jenem Ereignis, das man bei „Bates Motel“ schon erwartet hat, noch bevor man die erste Folge gesehen hatte…
Mehr spoilern will ich an dieser Stelle mal lieber nicht, auch wenn sich jeder, der „Psycho“ gesehen hat, denken kann, welche Tat Norman begeht. In den meisten anderen Serien käme die entsprechende Szene äußerst überraschend daher und wäre ein richtiger Hammer; bei einer Prequel-Serie wie „Bates Motel“, die auf eine bereits bekannte Geschichte und Figurenkonstellation hin erzählt, fällt die Schockwirkung aber nun einmal weg. Überraschend an der Szene ist höchstens, wie unspektakulär sie letztendlich daher kommt und dass das Ergebnis nicht ganz Normans Absichten entspricht, um hier einaml vage zu bleiben.

Am Ende der vierten Staffel ist der Prequel-Handlungsbogen von „Bates Motel“ jedenfalls fertig erzählt. Die nun noch folgende letzte Staffel kann dort beginnen, wo auch „Psycho“ ansetzte. Ich bin schon sehr gespannt, wie der berühmte Mord unter der Dusche hier umgesetzt werden wird und auf welche Weise die bekannten Ereignisse abgeändert und in die Länge gezogen werden.
Norma & NormanDie vierte Staffel konnte das Niveau der vorhergehenden Staffeln jedenfalls halten. An „Bates Motel“ stimmt einfach fast alles: Das Erzähltempo, die Hauptdarsteller, die Atmosphäre. Einzig die Handlungsstränge um die hinzu erfundenen Nebenfiguren (Dylan, Emma) wirken einmal mehr wie aufgezwungen und haben mich dieses Mal noch weniger interessiert als in den ersten drei Staffeln. Glücklicherweise hatte ich aber auch das Gefühl, dass man ihnen dieses Mal weniger Raum gegeben und sich noch mehr auf Norma(n) konzentriert hat. Vielleicht wird sich die große Stärke dieser neuen Figuren erst in der letzten Staffel zeigen, schließlich könnten sie für die nötige Variation sorgen, die Spannung in die eigentlich altbekannte „Psycho“-Geschichte bringt. Ich freue mich jedenfalls sehr auf Staffel fünf! 🙂

Copyright Bilder: Universal Pictures Home Entertainment

Babylon 5 – Episode 1.17: „Legacies“

Neuigkeiten von B5-Schöpfer J. Michael Straczynski

Bevor ich zur Besprechung der Episode komme, will ich hier kurz alle Neuigkeiten zusammenfassen, die es über „Babylon 5“ und alle anderen Projekte von JMS gibt. Seit meinem letzten Blogpost ist da einiges zusammengekommen.

JMS war im Juli auf der San Diego Comic Con zu Gast, wo er seine Fans in einem einstündigen Panel auf den neuesten Stand brachte. Eine Zusammenfassung könnt ihr euch hier durchlesen, ich greife mal die wichtigsten Punkte heraus:

  • JMS nannte den Grund dafür, warum er über die letzten Jahre immer weniger Comics geschrieben hatte – aufgrund einer Augenkrankheit verschlechterte sich seine Sehkraft dramatisch. Inzwischen hat er sich einer Operation unterzogen und sieht besser als je zuvor, aus dem Comicgeschäft will er sich aber trotzdem ganz zurückziehen, weil er sich auf andere Dinge konzentrieren will (u.a. das Schreiben von Romanen). Das Ganze könnt ihr ausführlicher und in den Worten von JMS auch hier lesen.
  • Seine Comicreihe „Rising Stars“ wird verfilmt. JMS arbeitet zurzeit am Drehbuch; bei entsprechendem Erfolg soll der Film natürlich ein ganzes Filmfranchise begründen.
  • Sein Comic „Midnight Nation“ wiederum soll als Vorlage für eine Fernsehserie dienen. JMS hat vor, die ganze erste Staffel selbst zu schreiben.
  • „Sense8“ wird kurz vor Weihnachten mit einem Christmas Special fortgesetzt; Anfang 2017 soll dann die „richtige“ zweite Staffel auf Netflix veröffentlicht werden. (Inzwischen gibt es Gerüchte, dass Netflix die Serie abgesetzt haben soll. Die zweite Staffel wurde so weit ich weiß bereits komplett gefilmt und wird damit wohl auf jeden Fall noch veröffentlicht. Ich hoffe auf jeden Fall, dass an diesen Gerüchten nichts dran ist!)
  • In Bezug auf den „Babylon 5“-Kinofilm, den JMS vor zwei Jahren angekündigt hatte, gab es keine konkreten Neuigkeiten. Darauf angesprochen sagte er, dass er zunächst noch weitere TV-Serien produzieren und mindestens einen weiteren Film schreiben will. Davon erhofft er sich, dass potentielle Investoren ihm schließlich ihr Vertrauen schenken, sodass er 100 Millionen Dollar für einen B5-Film zusammenbekommt (Warner Bros. ist ja bekanntlich und unverständlicherweise überhaupt nicht mehr an „Babylon 5“ interessiert…).

Ein Video des Panels könnt ihr euch hier anschauen:

Für „House of Speak Easy“ hat JMS auf die für ihn typische, humorvolle Weise einen Fragebogen ausgefüllt. Das Ergebnis ist lesenwert. 🙂 Der Anlass dafür ist eine Veranstaltung am 20.9. in New York, bei der JMS anscheinend einen Vortrag halten wird. (Falls ihr da gerade in New York sein solltet: Tickets gibt’s hier – ich erwarte danach selbstverständlich einen Bericht von euch!)

Zum Schluss noch eine äußerst traurige Nachricht, die ihr sicherlich schon mitbekommen habt: Jerry Doyle, der in „Babylon 5“ Michael Garibaldi gespielt hat, ist am 27.7. verstorben, elf Tage nach seinem 60. Geburtstag. Erneut ist damit einer der Hauptdarsteller der Serie viel zu früh von uns gegangen. Inzwischen ist bekannt geworden, dass die Todesursache chronischer Alkoholismus war. Angesichts der Tatsache, dass Doyles Figur in „Babylon 5“ ebenfalls ein Alkoholproblem hatte, ist dies besonders tragisch (Michael Garibaldis Alkoholismus wurde in der Serie bereits mehrmals thematisiert, vor allem in „Survivors“). Einen Nachruf von JMS könnt ihr hier lesen.

 


Nun aber weiter zur Besprechung der Episode. Ich halte mich an die von JMS empfohlene Reihenfolge (die ihr ganz am Ende des Blogpost zu „Signs and Portents“ einsehen könnt). Dementsprechend ist jetzt Episode 1.17 an der Reihe, die so die vorletzte Folge der ersten Staffel bildet.

Episode 1.17 „Legacies“ („Krieger wider Willen“)

Drehbuch: D.C. Fontana, Regie: Bruce Seth Green
Erstausstrahlung: 20.07.1994 (USA), 26.11.1995 (Deutschland)

„Legacies“ wurde genau wie „The War Prayer“ von Dorothy Catherine Fontana geschrieben, deren bekannteste Arbeiten die Drehbücher sind, die sie zur klassischen „Star Trek“-Serie beigesteuert hat. Bei den beiden Konflikten, die das Gerüst der Episode bilden, steht für die beteiligten Parteien jeweils vor allem emotional viel auf dem Spiel.
Beginnen wir mal mit dem unwichtigeren und auch weniger spannenden Konflikt. Die Telepathin Talia Winters (Andrea Thompson) und Susan Ivanova (Claudia Christian) entdecken auf dem Zocalo ein 14-jähriges Mädchen, das Talia zufolge gerade eine „Bewusstseinsexplsion“ (englisch: „mind burst“) erlitten hat. Sie bringen das Mädchen, das auf den Namen Alisa Beldon hört und dessen Eltern verstorben sind, zu Dr. Franklin ins Medlab. Dort erläutert Talia, dass Alisa (Grace Una) offenbar eine starke Telepathin ist, deren Kräfte sich erst vor kurzem manifestiert haben müssen. Weil Alisa im Umgang mit ihren telepathischen Fähikeiten noch völlig untrainiert ist, kann sie die ständig auf sie einprasselnden Gedankenfetzen anderer Lebewesen noch nicht ablocken – daher ihr Zusammenbruch auf dem Zocalo. Nach Talias Ansicht gibt es für dieses Problem jedoch eine ganz einfache Lösung: Alisa soll dem PsiCorps beitreten, was ihr nicht nur eine kostenlose Ausbildung und Wohnung einbringen wird, sondern eben auch das Training ihrer telepathischen Fähigkeiten und einen lebenslangen, sicheren Arbeitsplatz.
Dass Ivanova sofort gegen Talias Vorhaben ist, überrascht nicht. Seit der ersten Folge wissen wir, dass Susan für das PsiCorps sowie seine Mitglieder und Methoden nur Hass und Verachtung übrig hat. Ihre Beziehung zu Talia war bislang eine äußerst kühle, da Susan allen Mitgliedern des PsiCorps grundsätzlich misstraut. Wir erinnern uns: Susans Mutter war eine Telepathin, weigerte sich jedoch, dem Corps beizutreten. Daraufhin wurde sie zur Einnahme von Medikamenten gezwungen, um ihre telepathischen Fähigkeiten zu unterdrücken. Sie begann, unter starken Nebenwirkungen und Depressionen zu leiden und brachte sich schließlich im Alter von 45 Jahren um, als Susan noch ein Kind war.
Als Susan Commander Sinclair um Unterstützung im Konflikt um Alisas Zukunft bittet, signalisiert er ihr, dass er ihrer Entscheidung vertraut und vollkommen hinter ihr steht. Er befasst sich jedoch nicht näher mit der Angelegenheit, wahrscheinlich weil er gerade in viel größeren Schwierigkeiten steckt (dazu unten mehr). Während also Talia Alisa die Vorteile einer Mitgliedschaft im PsiCorps darlegt, erzählt Ivanova ihr von ihrer Mutter und davon, dass die Absichten des Corps nicht immer so edel sind, wie das Corps es gern darstellt. Vor die Wahl gestellt, entweder dem Corps beizutreten oder ihre Fähigkeit mit Medikamenten zu unterdrücken, erkundigt sich Alisa nach weiteren Optionen. Also lässt Ivanova sie mit Vertretern der anderen Spezies sprechen. Als einzige Spezies ohne Telepathen sind die Narn stets besonders interessiert an entsprechendem Genmaterial (dies wurde im Pilotfilm in einer Szene zwischen G’Kar und der damaligen Stationstelepathin Lyta Alexander verdeutlicht – Stichwort „Erregungsschwelle“ 😉 ). G’Kars Assistentin Na’Toth (Julie Caitlin Brown) macht Alisa zwar ein verlockendes Angebot, doch als das Mädchen in Na’Toths Gedanken blickt, reagiert sie auf den Kontakt mit einem so fremden, außerirdischen Bewusstsein verstört.
Als nächstes statten Alisa und Ivanova Botschafterin Delenn einen Besuch ab. Auch deren Angebot hört sich gut an, gilt es doch bei den Minbari als höchste Ehre, der Gesellschaft zu dienen, indem man seine Talente zur Verfügung stellt. Das Treffen wird jedoch abrupt abgekürzt, als Talia unabsichtlich in Delenns Gedanken blickt und dort zwei Entdeckungen macht (auch dazu gleich mehr). Am Ende der Episode entscheidet sich das Mädchen dennoch dafür, nach Minbar zu gehen, sehr zur Erleichterung Ivanovas. Auf Delenns Wunsch hin soll Alisa dort zur Annäherung zwischen Minbari und Menschen und zum besseren gegenseitigen Verständnis beider Völker beizutragen. Das ist auch dringend nötig, da zwischen den beiden Völkern auch über zehn Jahre nach dem Ende des Krieges noch Hass und Vorurteile an der Tagesordnung sind. Zumindest zwischen Talia Winters und Susan Ivanova hat Alisa aber schon ein wenig den Abbau von Vorurteilen und die gegenseitige Annäherung bewirkt. Die beiden gestehen sich nämlich am Ende des Handlungsstrangs, dass sie sich unhöflich verhalten und stur auf den jeweils eigenen Standpunkt beharrt haben. Talia lädt Susan sogar auf einen Drink ein, womit wir ein gutes Beispiel dafür hätten, dass Figuren und Beziehungen in „Babylon 5“ niemals statisch sind (wie es im Fernsehen in den Neunzigern noch meistens der Fall war). Wer weiß also, wohin sich die Beziehung der beiden noch entwickeln wird?
Im Großen und Ganzen gefällt mir dieser Handlungsstrang. Er entwickelt die Beziehung zwischen Talia und Susan weiter und verdeutlicht die Rolle, die Telepathen sowohl bei den Menschen als auch in verschiedenen außerirdischen Kulturen spielen. All das gelingt gut. Ganz und gar unglaubwürdig ist allerdings das Schauspiel der jungen Darstellerin, die Alisa Beldon spielt. Hätte man eine passendere Schauspielerin gefunden, dann hätte das diese Storyline (und damit die Episode an sich) um einiges aufgewertet. Konseqzenzen für die Zukunft hat sie – abgesehen von der Beziehung Talia-Ivanova – allerdings sowieso nicht. Dabei hätte ich gerne gesehen, wie Alisa auf Minbar arbeitet und welche Probleme sie dort löst. Da sie von Grace Una hier aber so schlecht gespielt wurde, ist es vielleicht besser so, dass man sie nie in die Serie zurückgeholt hat.

Kommen wir also zum anderen Handlungsstrang, der nicht nur den besseren Gaststar aufzuweisen hat, sondern auch weit mehr Bedeutung für zukünftige Entwicklungen in der Serie. Der Minbari-Krieger Neroon (John Vickery) besucht die Station und hat eine Leiche im Gepäck. Dabei handelt es sich um den Körper von Branmer, der im Krieg gegen die Menschen den Angriff auf die Erde angeführt hat. Nach seinem Tod soll seine Leiche nun einem alten Brauch folgend noch einmal möglichst vielen Minbari präsentiert werden, weswegen Neroon damit quasi auf Tour durch alle Minbari-Kolonien geht und auch auf Babylon 5 Station macht. Commander Sinclair, der einer der ganz wenigen Überlebenden der Schlacht um die Erde ist, hat seine Schwierigkeiten damit. Weil er als Diplomat aber von der Notwendigkeit von Annäherung und gegenseitigem Verständnis überzeugt ist, will er der Zeremonie beiwohnen, bei der Branmers Leiche gezeigt werden soll.
Wie wir bald erfahren, sind sich allerdings die Minbari selbst untereinander alles andere als einig, was den Umgang mit Branmers Leiche und sein Vermächtnis betrifft. Delenn erklärt, dass eine derartige Präsentation des Leichnams äußerst ungewöhnlich ist. Zwar handelt es sich dabei um eine große Ehre, aber auch um einen Brauch der Kriegerkaste, mit der Delenn als Angehörige der religiösen Kaste immer wieder in Auseinandersetzungen gerät. Später erzählt sie weiterhin, dass Branmer ursprünglich ebenfalls ein Mitglied der religiösen Kaste war und erst im „heiligen Krieg“ der Minbari gegen die Erde unfreiwillig in die Rolle des Anführers und Kriegshelds geriet. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum Delenn so sehr gegen die Verehrung Branmers als Krieger ist. Mit dieser Uneinigkeit haben wir ein weiteres Beispiel dafür, dass auch die Alienrassen in „Babylon 5“ nicht homogen sind. Sie bestehen jeweils aus unterschiedlichen Glaubensrichtungen, Kasten usw. und sind damit genauso vielfältig wie die Menschheit.
Als sich kurz nach Beginn der Zeremonie herausstellt, dass Branmers Leichnam verschwunden ist, droht Neroon den Menschen mit einem erneuten Krieg. Doch Delenn erinnert ihn daran, dass nicht ein Clan allein die Politik der Minbari bestimmen sollte. Wie wir aber später erfahren, macht sich Delenn genau dieser Tat schuldig; sie ist für das Verschwinden von Branmers Leichnam verantwortlich! Statt den Dialog mit der Kriegerkaste zu suchen, um zu einem Kompromiss zu kommen, setzt sie sich über einfach über Neroon hinweg und lässt Branmers Leiche verschwinden und einäschern. Das zeigt, dass das Verhältnis zwischen den beiden Kasten äußerst angespannt ist. Aber auch zwischen Menschen und Minbari sind alte Feindbilder und Hass noch tief verwurzelt. Sinclair tut sich wie gesagt schwer damit, Neroon auf Babylon 5 zu empfangen. Doch es gelingt ihm, seine persönlichen Gefühle außen vor zu lassen und ganz im Sinne der Ziele von Babylon 5 offen für einen Dialog zu sein. Neroon stellt seine Verachtung für die Menschen offen zur Schau und äußert seine Wut darüber, dass die Kriegerkaste kurz vor dem Sieg zur Kapitulation gezwungen wurde. John Vickery macht in dieser Gastrolle eine hervorragende Figur und man kann sich jetzt schon auf alle zukünftigen Episoden freuen, in denen Neroon auftauchen wird.
Als wäre es nicht schon empörend genug, dass Delenn einen Leichnam hat stehlen lassen und ihre persönlichen Wünsche über die einer ganzen Kaste gestellt hat, geht sie sogar noch weiter und lenkt den Verdacht auf ein vollkommen unbeteiligtes und unschuldiges Volk: die Pak’ma’ra. Als Aasfresser haben sie naturgemäß ein Interesse an totem Fleisch. Als vor einem Pak’ma’ra-Quartier ein Fetzen von Branmers Kleidung gefunden wird, wirkt das verdächtig. Dass aber Garibaldi anschließend die Mägen aller Pak’ma’ra auf der Station auspumpen lässt und damit die Mitglieder einer gesamten Spezies unter Generalverdacht stellt, sollte für den Botschafter der Pak’ma’ra ein Anlass zu einer ordentlichen Beschwerde bei Sinclair sein.
Aber auch Neroon verhält sich alles andere als vorbildlich. Er durchwühlt Sinclairs Quartier und greift den Commander an. In diesem Fall hat sich Garibaldi allerdings mal kompetent verhalten und das Quartier bereits zuvor durchsuchen lassen. Kurz danach werden er und Sinclair ohnehin von Alisa auf die richtige Spur gebracht und können Delenn dabei ertappen, wie sie eine Urne mit Branmers Asche nach Minbar schicken will. Die Gründe für ihr Handeln wurden oben schon angedeutet: Als eine von drei Minbari, die die religiöse Kaste im grauen Rat repräsentieren, ist Delenn dagegen, dass Branmer als Krieger verehrt wird. Sie war eng mit ihm befreundet und ist sich sicher, dass er dies nicht gewollt hätte. Dass Delenns Tat nun aufgeflogen ist, kann angesichts der ohnehin schon bestehenden Spannungen zwischen den Kasten nichts Gutes bedeuten. Widerwillig gesteht sie Neroon ihre Tat. Als Rechtfertigung wirft sie ihm vor, er hätte nur im eigenen Interesse und gegen Branmers Willen gehandelt, was angesichts ihrer mit niemandem außerhalb ihrer Kaste abgesprochenen Tat ziemlich scheinheilig wirkt. Noch dazu muss sich der stolze Krieger Neroon nun wieder einmal dem Befehl des grauen Rates (und dem Wunsch Delenns) beugen und sich öffentlich hinter die Aussage stellen, dass Branmers sterbliche Überreste „transformiert“ wurden. Das Verschwinden des Leichnams soll also als religiöses Wunder verkauft werden. Um die Kluft zwischen den beiden Kasten nicht noch weiter zu vergrößern, stimmt Neroon zu. Zusätzlich muss er sich bei Sinclair entschuldigen, was zu einer wirklich schönen Szene führt, in der sie sich gegenseitig ihres Respekts für den anderen versichern. Das lässt hoffen, dass sich die einst verfeindeten Völker tatsächlich auf einem stetigen Weg der gegenseitigen Annäherung befinden.

Nachdem alles geregelt ist, fliegen sowohl Neroon als auch Alisa wieder ab. Für beide geht es nach Minbar. Neroon ist immer noch voller Hass und Vorurteile für die Menschen, hat aber zumindest schon einmal Respekt für Sinclair gewonnen. Alisa ist noch jung und offen für neue Einflüsse und Erfahrungen. Womöglich werden es erst Angehörige ihrer Generation – die keine bzw. kaum Erinnerungen an den Krieg haben – sein, die den Hass hinter sich lassen und offen auf den früheren Feind zugehen können.
Je mehr ich so über diese Episode nachdenke und darüber schreibe, umso mehr gefällt sie mir. Die Beziehung zwischen Menschen und Minbari ist von zentraler Bedeutung für die Serie. Beim ersten Anschauen mag die Episode belanglos erscheinen, doch tatsächlich werden hier entscheidende Weichen für zukünftige Ereignisse gestellt und es findet auch etwas „foreshadowing“ statt. Nicht zuletzt hat Neroon hier seinen ersten Auftritt, der zu den interessantesten Nebenfiguren in „Babylon 5“ gehört. Hätte man nur eine bessere Schauspielerin für die junge Alisa gefunden, dann hätte aus dieser soliden Folge eine sehr gute werden können.

 

Highlight der Episode: Die letzte gemeinsame Szene von Sinclair und Neroon. Nicht nur, weil sie beispielhaft für die Annäherung zweier bislang verfeindeter Völker steht, sondern auch, weil sie ein wegweisendes, legendäres Zitat von Neroon enthält. Das jetzt schon genau zu erklären, käme allerdings einem riesigen Spoiler gleich!

Londo/G’Kar-Moment: Beide kommen in dieser Episode leider nicht vor.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode:

  • In der Kultur der Minbari gilt es als ein Zeichen von Respekt, dem Gegner mit aktivierten Waffen (in diesem Fall „open gunports“) gegenüber zu treten. Das sollte man definitiv wissen, sonst kann das für so manches Missverständnis sorgen…
  • Talia und Ivanova sind sich etwas näher gekommen und haben festgestellt, dass sie trotz einiger Differenzen eigentlich ganz gut miteinander auskommen.
  • Die überraschende Kapitulation der Minbari kurz vor ihrem Sieg über die Streitkräfte der Erde wurde von der religiösen Kaste befohlen. Die Kriegerkaste hatte diesem Befehl zu gehorchen. Doch was war der Grund dafür?

Sonstige Fragen:

  • Wie heißt der Saal, in dem Branmers Leiche aufgebahrt werden und wo dann die Zeremonie stattfinden sollte? Sehen wir diesen Raum im Lauf der Serie noch einmal wieder? Ich kann mich gerade ehrlich nicht erinnern.
  • Als Delenn Sinclair in ihrem Quartier empfängt, setzt sie ihre Arbeit an einem scheinbar aus bunten Glasscheiben bestehenden Gebilde fort. Wir haben sie bereits mehrmals beim Bau dieses Gebildes beobachten können (z.B. in „Signs and Portents“). Worum handelt es sich dabei? Ist es nur ein Geschicklichkeitsspiel?
  • Woher weiß Talia, dass Alisa eine P-10 ist? Hat sie irgendwie Alisas telepathische Fähigkeiten getestet? (Die Skala geht übrigens bis P-12, Alisa ist also eine sehr starke Telepathin.)
  • Delenn erzählt Sinclair am Ende der Folge, sie habe in Alisa eine gewisse Unsicherheit gespürt, als diese kurzzeitig telepathischen Kontakt mit ihr aufnahm. Soweit wir wissen, verfügt Delenn selbst nicht über telepathische Fähigkeiten. Wie kam es also dazu, dass nicht nur Alisa in Delenns Gedanken blicken konnte, sondern auch Delenn in Alisas? Liegt der Grund dafür in Alisas Unerfahrenheit, ist sie also schlicht ungeübt darin, bei einem telepathischen Kontakt ihre eigenen Gedanken abzublocken? Oder liegt die Ursache in speziellen Fähigkeiten der Minbari begründet?
  • Die Fremdartikeit des Geistes der Narn schreckt Alisa ab (wozu man anmerken muss, dass sie genaugenommen ja nur mit Na’Toths Geist Kontakt hatte). Als sie Delenns Gedanken scannt, scheint Alisa jedoch kein Unwohlsein zu verspüren. Sind Narn-Gehirne/Gedanken für Menschen also wesentlich fremder als die der Minbari? Oder anders ausgedrückt: Sind Minbari und Menschen sich vielleicht ähnlicher als es den Anschein hat?
  • Wie ist Neroon eigentlich in Sinclairs Quartier gekommen?
  • Wo hat Delenn denn bitteschön Branmers Leichnam einäschern lassen? Gibt es irgendwo in Downbelow jemanden, der einen Verbrennungsofen vermietet und keine Fragen stellt!?
  • Neben der Lüge über Branmers Leiche entdeckt Alisa in Delenns Gedanken noch etwas – ein einziges Wort: „Chrysalis“. Wie das angesichts der Sprachbarriere möglich ist, darüber sollte man wohl nicht zuviel nachdenken (Delenn wird dieses Wort wohl kaum auf englisch gedacht haben). Wie Sinclair am Ende anmerkt, handelt es sich dabei jedenfalls um eine Insektenpuppe bzw. einen Kokon. Genau wie der Zuschauer fragt sich Sinclair, warum dieses Wort für Delenn so wichtig ist und warum sie den Gedanken sofort wieder versteckt hat. Wenn er doch nur wüsste, dass „Chrysalis“ der Titel der nächsten Folge ist… 😉

Weitere interessante Punkte:

  • Neroon trägt den Titel „Alit“; Branmer, der über ihm stand, trug den Titel „Shai Alit“. Beide gehör(t)en dem Clan der Star Riders an.
  • Garibaldi betreibt nicht nur bei den Narn und den Pak’ma’ra Nachforschungen, sondern auch bei den Llort. Dabei handelt es sich anscheinend um eine Spezies, deren Angehörige dafür bekannt sind, alles mögliche zu sammeln. Ich glaube nicht, dass sie später in der Serie noch einmal erwähnt werden.
  • Wenn ich mich richtig erinnere, sehen wir in dieser Folge zum einzigen Mal das Quartier eines Pak’ma’ra.
  • Wie auch schon im Pilotfilm sehen wir Sinclair und Delenn gemeinsam im Garten sitzen.

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten (aus Jane Killicks Episodenführer zur ersten Staffel):

  • Als einzige von einem Freelancer geschriebene Episode der ersten Staffel beruhte diese Episode nicht auf einem dem Drehbuchautor von JMS zugeteilten Handlungskonzept. Die Idee für die Handlung kam also allein von D.C. Fontana, die durch ein Buch über Abraham Lincolns Beerdigung auf den Gedanken kam (sein Leichnam wurde auf Paraden in Philadelphia und New York präsentiert). Weil JMS die Idee so gut gefiel, wurde dafür sogar eine andere Handlungsidee aus der Staffel gestrichen.
  • Statt Na’Toth sollte eigentlich G’Kar in der Episode vorkommen. Weil Andreas Katsulas aber nicht zur Verfügung stand, bekam Na’Toth G’Kar’s Szenen und Dialogzeilen zugeteilt. Deren Darstellerin Julie Caitlin Brown war davon nicht begeistert, weil man ihrer Meinung nach merkte, dass die Zeilen nicht für Na’Toth geschrieben worden waren.

Zitate:

„It’s been my experience that discussions of old battles only interest historians.“ (Delenn zu Neroon und Sinclair)

„There’s nothing more annoying than Mr. Garibaldi when he’s right.“ (Ivanova)

„We will see… what we will see.“ (Delenn)

„You talk like a Minbari, Commander. Perhaps there was some small wisdom in letting your species survive.“ (Neroon zu Sinclair)

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch ist das Finale der ersten Staffel, Episode 1.22 („Chrysalis“).

Bates Motel – Season 3

Nachdem mir die ersten beiden Staffeln von „Bates Motel“ so gut gefallen haben, musste ich natürlich auch Staffel 3 anschauen. Nicht um zu wissen, wo die Geschichte hingeht – das sollte bei einem „Psycho“-Prequel allseits bekannt sein -, sondern um zu erfahren, wie die Figuren (in erster Linie Norman Bates) dorthin kommen, wo sie in „Psycho“ sind. Und man hatte es sich zwar auch nach dem Anschauen von Hitchcocks „Psycho“ schon denken können, aber nach drei Staffeln „Bates Motel“ erhärtet sich der Verdacht noch mehr: Norman Bates‘ Mutter ist schuld.

Die Staffel eröffnet mit einer Szene, die uns zeigt, dass Norman (Freddie Highmore) auch im Alter von 18 Jahren noch gelegentlich bei seiner Mutter Norma (Vera Farmiga) im Bett schläft. Wenig später macht seine Mutter ihm den Vorschlag, ihn aus der Schule zu nehmen, fortan selbst zuhause zu unterrichten und zum Manager ihres Motels zu machen. Norma hat also ganz offensichtlich keine Vorstellung davon, wie eine normale und gesunde Mutter-Sohn-Beziehung auszusehen hat. Dabei erkennt sie durchaus, dass einigiges am Verhalten ihres Sohnes ganz und gar nicht „normal“ ist; nur wenn es um seine Beziehung zu ihr geht, kann und will sie nicht einsehen, dass daran etwas falsch ist. Vera Farmigas Schauspiel ist wie schon in den ersten beiden Staffeln grandios. Hinter ihren Augen lassen sich immer wieder ihre zahlreichen Ängste (um die Zukunft, um Norman,…) und hin und wieder auch ihre Panik oder Verzweiflung ausmachen. Ihren Wunsch nach eine engen Beziehung zu Norman begründet sie in der ersten Folge damit, dass sie ihre eigene Mutter nie richtig gekannt habe. Was sie selbst nie hatte, will sie Norman nun unbedingt geben…

Norman wiederum wirkt oft wie ein ganz normaler Teenager. Er ist von seiner Mutter genervt und weist jegliche Andeutungen, dass er derjenige von ihnen beiden sei, der ein Problem hat, weit von sich. Allerdings wissen wir auch: So nett und unschuldig Norman bisweilen auch wirkt, in ihm hat sich längst eine zweite Persönlichkeit eingenistet – eine ihn ständig überwachende Version seiner Mutter. Wenn es darum geht, ihren Sohn zu beschützen, geht diese „Norma“ noch weiter als die echte. Deshalb begeht Norman am Ende der Staffel auch einen weiteren Mord an einer jungen Frau, die ihm nahe gekommen ist. „Norma“ wird nun mal sehr schnell eifersüchtig…

Das Tragische an der Figur der (echten) Mutter ist, dass sie ihren Sohn nur beschützen will und auch durchaus erkennt, dass mit Norman etwas nicht stimmt. Nur kann sie leider nicht sehen, dass sie selbst die Ursache dafür ist. Norma versucht Norman im Verlauf der Staffel mehrmals zu helfen. Sie arrangiert zum Beispiel ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten, das allerdings abrupt endet, als der Psychologe Norman nach seiner sexuellen Begierde für seine Mutter fragt und Norman ihn daraufhin körperlich angreift. Der Therapeut ergreift daraufhin panikartig die Flucht, eine wirklich herrliche Szene! In der nächsten Episode überrascht Norman dann mit der Einsicht, dass mit ihm vielleicht wirklich etwas nicht stimmt und dass seine Beziehung zu Norma möglicherweise gestört ist. Aber als er diese Gedanken gegenüber seiner Mutter äußert, tut sie sie als bedeutungslos ab. Sie besteht darauf, dass an ihrer Mutter-Sohn-Beziehungs nichts falsch oder unnormal ist – während sie Arm in Arm mit Norman im Bett liegt…

Auch Norman-Darsteller Freddie Highmore kann wie auch schon in den ersten beiden Staffel schauspielerisch vollkommen überzeugen. Im Rückblick habe ich aber das Gefühl, dass die dritte Staffel mehr von Normans Mutter erzählt als von Norman. Von Normans Blackouts und seiner gespaltenen Persönlichkeit wissen wir schon aus den ersten beiden Staffeln. In Staffel drei zementiert sich zusätzlich die ernüchternde Einsicht, dass Norma zwar einsieht, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt, aber nicht, dass sie selbst ein entscheidender Teil des Problems ist. Auch der Rest der Bates-Familie – Normans Bruder Dylan (Max Thieriot) und Normas Bruder Caleb (Kenny Johnson) – ist hier wieder mit dabei, doch deren Handlungsstränge wirken oft wie unwichtiges Füllmaterial. Es ist nun einmal die Geschichte um Norman und Norma Bates, die man hier wirklich sehen will. Erst als die Handlungsstränge um Dylan und Caleb in der Mitte der Staffel mit denen um Norma und Norman zusammengeführt werden, werden auch diese Nebenfiguren etwas interessanter. Wobei ich mich bei Kenny Johnsen, dem Dasteller von Caleb, des Öfteren gefragt habe, ob er schlicht und einfach ein Schauspieler mit beschränkten Fähigkeiten ist oder ob er nur äußerst überzeugend eine etwas beschränkte Figur spielt… Ich tendiere zu ersterem.

Ebenfalls wieder mit dabei ist der örtliche Sheriff, Alex Romero (Nestor Carbonell). Da Norma sich auch in dieser Staffel wieder mit dem organisierten Verbrechen in White Pine Bay anlegt, hat er weiterhin eine Menge zu tun. Jeder lügt jeden an und fast jede Figur hat so ihre Geheimnisse. Wie es sich für eine Fernsehserie gehört, werden diese nach und nach wohldosiert gelüftet, um auch immer ausreichend Konfliktstoff in die Handlung bringen zu können. Als Norma und Romero sich in der vierten Episode gegenseitig des Lügens beschuldigen, rechtfertigt sich der Sheriff mit ein paar Sätzen, die auch als Meta-Kommentar der Serienmacher gelesen werden können:

„I’m not lying – I’m not revealing the whole truth. That’s my job, to decide what and when to tell whom.“

Damit beschreibt er recht gut die Aufgabe eines Showrunners. Auch der muss ja entscheiden, welche Informationen er wann preisgibt, um die Spannung für die Zuschauer aufrecht zu erhalten. Zumindest was mich betrifft, haben Carlton Cuse und die anderen Autoren von „Bates Motel“ ihre Aufgabe diesbezüglich erfüllt. Zum Glück haben sie auch bekannt gegeben, dass nach der fünften Staffel mit der Serie Schluss sein wird. Das ist eine sehr gute Entscheidung, denn allzu lange lässt sich die Entwicklung hin zu Normans Matrizid nicht mehr strecken, ohne die Zuschauer mit viel überflüssigem Füllmaterial zu langweilen. Für zwei weitere Staffeln werde ich aber bestimmt noch dran bleiben.

„The English version of a happy ending“: Downton Abbey – Series 6

Am 04. August ist in Deutschland die sechste Staffel von „Downton Abbey“ auf DVD und Bluray erschienen. Die Staffeln drei, vier und fünf habe ich bereits hier im Blog besprochen und weil mir zumindest in dieser Hinsicht Traditionen genauso wichtig sind wie einigen der Bewohner von Downton Abbey, widme ich nun auch der sechsten und letzten Staffel einen Blogpost.

"Downton Abbey" - Die 6. Staffel auf Bluray

Seit dem 04.08. auf DVD & Bluray erhätlich: Die 6. Staffel von „Downton Abbey“

Ich habe bereits in meinen Blogposts zu den anderen Staffeln einiges darüber geschrieben, dass „Downton Abbey“ im Grunde „nur“ eine Soap Opera ist – wenn auch eine mit außergewöhnlich guten Schauspielern, tollen Kulissen und aufwändigen Kostümen. Zu den wichtigsten Regeln einer Soap Opera gehört es, dass sie auf Endlosigkeit hin angelegt ist; Soaps können immer weiter erzählt werden, wozu ihnen jede noch so unwahrscheinlich erscheinende Wendung der Ereignisse und Häufung von Krisen und Problemen recht ist. Da von „Downton Abbey“ nicht vier oder fünf Episoden pro Woche, sondern nur neun pro Jahr produziert worden sind, fällt diese Häufung der Ereignisse nicht so stark ins Gewicht. Zudem erstrecken sich die von der Serie abgedeckten Ereignisse auf einen Zeitraum von 14 Jahren. Dennoch werden die Charaktere natürlich auch hier in weitaus größerem Maß zum Opfer von Intrigen, Krisen, Unfällen und anderen Widrigkeiten, als dies in der Realität der Fall ist. Oder täuscht dieser Eindruck? Sind es vielleicht einfach nur die Probleme, die erzählenswert erscheinen? Durchleben auch die Figuren in „Downton Abbey“ immer wieder lange Phasen des Glücks oder sogar der Langeweile, die in der Serie aber schlicht weggelassen werden, weil sie aus narrativer Sicht nicht interessant sind? Sicher ist jedenfalls (und das ist jetzt ein großer Spoiler fürs Serienfinale!), dass am Ende der Serie alle Figuren ihr Glück gefunden haben. Das ist zum einen verständlich: Aus narrativer Sicht ist die Serie am Ende nicht auf das Fortbestehen alter oder Auftauchen neuer Krisen angewiesen. Es muss schließlich nichts weitererzählt werden. Die Figuren können nun glücklich bis an ihr Lebensende leben. Die Fans der Serie sind beruhigt, weil sie wissen, dass sie sich um ihre Lieblinge nun nicht mehr zu sorgen brauchen. Ich persönlich fand die Entscheidung, alles gut ausgehen zu lassen, allerdings etwas langweilig und noch unglaubwürdiger als so manche der narrativen Wendungen zuvor. Ich hatte fest damit gerechnet, dass wenigstens eine Figur sterben würde, aber sogar Violet Crawley (Maggie Smith), die zu diesem Zeitpunkt wohl mindestens hundert Jahre alt ist, überlebt das Serienfinale. Womöglich konnte es Serienschöpfer Julian Fellowes (der übrigens alle 52 Episoden selbst geschrieben hat) nicht übers Herz bringen, eine oder oder mehrere seiner Figuren zu töten (er hat dies im Verlauf der Serie ja nur dann getan, wenn Schauspieler aussteigen wollten), vielleicht wollte er den Fans aber auch einfach ein rundum perfektes Happy End schenken.

Joanne Froggat & Brendan Coyle

Anna (Joanne Froggatt) und ihr Ehemann Mr. Bates (Brendan Coyle)

Bis es zum Happy End kommt, gibt es aber für fast alle Figuren noch genug zu leiden. Gelegentlich wirkt es dabei so, als kommentierten die Charaktere selbst ihr eigenes Dasein als Soap-Figuren. Als beispielsweise wieder einmal der örtliche Polizist Sergeant Willis sein Kommen ankündigt, kommentiert dies der Butler Mr. Carson (Jim Carter) trocken mit den Worten: „Do other butlers have to content with the police arriving every ten minutes?“ Man könnte ihm antworten: Nein, nur in einer Soap Opera muss sich der Butler ständig mit solchen Problemen herumschlagen. Der Grund des Besuchs von Sergeant Willis ist immer noch der Mord an Annas Vergewaltiger Mr. Green. Annas Ehemann, John Bates (Brendan Coyle), ist noch immer nicht von dem Verdacht befreit, der Schuldige in diesem Mordfall zu sein, worunter er und Anna leiden. „Do you ever think of a time when we’re told the whole Mr. Green business is over?“, fragt er Anna an einer Stelle. Diese Frage verweist auf das Soap-Gesetz, wonach die Protagonisten zwar von einer sorgenfreien Zukunft träumen, diese jedoch niemals erreichen dürfen, solange die Soap noch fortgesetzt wird. Eine Krise muss entweder immer wieder verlängert werden – wie im Fall des Zweifels an Mr. Bates Unschuld – oder durch eine neue Krise ersetzt werden. Zum Glück befindet sich das Ehepaar Bates hier aber in der letzten Staffel einer Serie; das Leiden darf also ein Ende nehmen. Die Zweifel an Mr. Bates Unschuld werden ausgeräumt und auch alle anderen Probleme, die Anna und John Bates haben, lösen sich im Verlauf der sechsten Staffel in Luft auf.

„I feel so completely, completely happy“

Laura Carmichael, Elizabeth McGovern & Michelle Dockery

Cora (Elizabeth McGovern) mit ihren beiden Töchtern, Lady Edith (Laura Carmichael) und Lady Mary (Michelle Dockery)

Auch für die beiden überlebenden Crawley-Töchter geht am Ende alles gut aus. Sowohl Lady Mary (Michelle Dockery) als auch Lady Edith (Laura Carmichael) finden die große Liebe und heiraten. Normalerweise hält das Glück, das Hochzeiten versprechen, in Soap Operas nie besonders lange an. Das hat sich auch bei „Downton Abbey“ im Verlauf der Serie mehrmals gezeigt: Marys erster Ehemann Matthew ist am Ende der dritten Staffel überraschend verstorben (daran war zugegeben der Wunsch des Darstellers nach einem Ausstieg aus der Serie schuld, doch man kann sich sicher sein, dass die Ehe unter anderen Problemen gelitten hätte, wenn Matthew überlebt hätte). Edith wiederum ist einmal der Bräutigam kurz vor der Trauung davongelaufen. Nun jedoch dürfen beide endlich glücklich sein, es besteht schließlich aus narrativer Sicht mehr kein Bedarf an Unglück, das noch Erzählstoff liefern müsste. Im Fall von Lady Edith ist das besonders erfreulich, schließlich musste die Arme über sechs Staffeln hinweg so einiges mitmachen und hatte immer wieder Pech mit ihren Männern. In einem Dialog zwischen ihrer Tante Rosamund (Samantha Bond) und ihrer Großmutter wird auch dies kommentiert:

Rosamund: „We didn’t always think there’d be a happy ending for Edith.“
Violet: „Well, there’s a lot at risk, but with any luck, they’ll be happy enough. Which is the English Version of a happy ending.“

Hier wird also immerhin keine vollkommen rosige Zukunft in Aussicht gestellt, sondern darauf Bezug genommen, dass Lady Edith und ihr „Bertie“ in ihrer Ehe noch so einige Probleme zu bewältigen haben werden. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit hat jedoch Lady Edith selbst: „It’s so strange, I feel so completely, completely happy. I don’t think I’ve ever felt that before.“ Auch das wirkt wieder wie ein Meta-Kommentar der Figur auf ihren Status als Soap-Charakter. Doch nun gilt: Ende gut, alles gut.

„This life is over for us“

Noch stärker als in der vierten und fünften Staffel ist dieses Mal der Wandel der britischen Gesellschaft ein Thema. Das zeigt sich vor allem an der schon in der ersten Folge der Staffel angesprochenen Tatsache, dass die Zahl der Diener im Anwesen drastisch reduziert werden soll. Nicht nur gibt es immer weniger dieser großen Anwesen im Land, auf denen eine so große Dienerschaft tätig ist. Die Familie kann es sich auch einfach schlicht nicht mehr leisten, diesen Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Selbst Robert (Hugh Bonneville) sieht das mittlerweile ein, wie in einem (von mir hier gekürzt wiedergegebenen) Dialog mit seiner auf Traditionen und die Aufrechterhaltung der Lebensweise der britischen Adelsklasse bedachten Mutter deutlich wird:

Robert: „To be honest, I am starting to ask myself how much longer we can go on with it all.“
Violet: „Well, go on with what?“
Robert: „The household, the servants.“
Violet: „You think it’s a bit too much in 1925.“
Robert: „Who lives as we used to now?“
Violet: „It seems hard that men and women should lose their livelihoods because it’s gone out of fashion.“

Maggie Smith

Violet Crawley, Dowager Countess of Grantham (Maggie Smith)

Violet sorgt sich hier nicht nur um ihren eigenen Lebensstandard, sondern auch um die Existenzgrundlage der Dienerschaft, was auf die enge Beziehung zwischen dem Adel und den Dienern hinweist. Den Crawleys ergeht es jedenfalls noch vergleichsweise gut. In der ersten Folge besuchen einige von ihnen eine Auktion, bei der die Besitztümer eines anderen Adelshaushalts versteigert werden. Dessen Besitzer konnte sich das Leben als Adeliger schlicht und einfach nicht mehr leisten. „This life is over for us. It won’t come back.“, stellt er fest. Lady Mary will überhaupt nicht einsehen, dass ihre Familie etwas an ihrer Lebensweise ändern soll. Doch auch sie kann die Veränderung nicht aufhalten. Ein bezeichnendes Beispiel ist die Öffnung des Anwesens für die Öffentlichkeit, die in der sechsten Staffel für einen einzigen Tag erfolgt. Bereits im Vorfeld hat jeder im Haus eine Meinung dazu (Mr. Carson: „The next thing you know, there’s a guillotine in Trafalgar Square!“) und nachdem wesentlich mehr Besucher kommen, als die Familie erwartet hatte, schlägt am Ende des Tages Tom (natürlich!) vor, das Haus regelmäßig für Besucher zu öffnen, um auf diese Weise Einnahmen zu erzielen. Robert ist von dieser Vorstellung empört, aber seine Frau Cora (Elizabeth McGovern) ist der Idee nicht abgeneigt und kann das Interesse der Öffentlichkeit nachvollziehen:

Cora: „People are curious about what it’s like to live here.“
Edith: „Which is sad, in a way.“
Cora: „Why?“
Edith: „Because it means our way of life is something strange. Something to cue up and buy a ticket to see, a museum exhibit, a fat lady in a circus.“

Die Crawleys können sich den sich ändernden Zeiten also nicht verschließen und werden sich sicher schon bald daran gewöhnen müssen, dass ihr Wohnsitz regelmäßig zum Anzugspunkt für Touristen wird. (Ich hätte ja zu gerne eine Nachfolgeserie, die in den 1950er Jahren spielt und das Leben der nächsten Generation der Crawleys erzählt.)
Auf die eine oder andere Weise müssen sich alle Figuren in der Serie mit dem sozialen Wandel auseinandersetzen. Manche passen sich dabei besser an als andere und manche haben auch einfach Glück. Unter der Dienerschaft gibt es einige, die bereits im Verlauf dieser Staffel neue Arbeit finden. Mr. Molesley entdeckt sein Talent als Grundschullehrer, Mrs. Patmore baut das von ihr geerbte Häuschen zu einer Pension um und der Butler von Violet, Mr. Spratt (Jeremy Swift), schreibt eine Modekolumne für die von Lady Edith geleitete Zeitschrift! Nur Thomas Barrow (Rob James-Collier), der sich weiterhin von allen anderen unverstanden und ungeliebt fühlt, scheint zunächst der Verlierer in diesem Rennen zu sein. Mr. Carson legt ihm bereits früh nahe, sich eine andere Stelle zu suchen. Doch Barrow muss zu seinem Unglück feststellen, dass der Arbeitsmarkt für (Under)Butler sehr viel kleiner geworden ist. Das führt ihn schließlich zu einem Selbstmordversuch; in der letzten Folge wendet sich jedoch auch für ihn alles zum Guten, als Robert ihm anbietet, Mr. Carsons Nachfolger als Butler des Hauses zu werden. Das war mir dann doch etwas zu unglaubwürdig, die Schauspielleistung von Rob James-Collier fand ich dagegen großartig.

Sozialer Wandel & soziale Regeln

Die Dienerschaft beim Essen

Die Dienerschaft beim Essen

Die ganze Staffel ist von Nostalgie und dem Nachtrauern nach einer zu Ende gegangenen Ära durchzuogen, insofern ist es richtig, die Serie genau zu diesem Zeitpunkt zu beenden. Denn obwohl die britische Gesellschaft natürlich auch heute noch stark vom Klassengedanken geprägt ist, so zeigt „Downton Abbey“ dennoch den Niedergang des britischen Adels. Besonders interessant fand ich im Verlauf der Serie stets jene Momente, an denen es zu unerwarteten Verbindungen zwischen verschiedenen Gruppen (also z.B. zwischen Adeligen und ihren Dienern) kam. Auch in der sechsten Staffel gab es diesbezüglich noch ein paar interessante Szenen, zum Beispiel als Mr. Spratt, der wie erwähnt neben seiner Tätigkeit als Butler inzwischen auch für Lady Ediths Zeitschrift arbeitet, sich weigert, sich in Ediths Gegenwart zu setzen, als die beiden in Violets Haus aufeinandertreffen. Seine Tätigkeiten als Butler und Redakteur stürzen ihn hier in einen Rollenkonflikt; gleichzeitig kann man dies als ein Anzeichen dafür sehen, dass die Trennlinien zwischen den Klassen zumindest an manchen Stellen aufgeweicht werden.
Nach wie vor bekommen die Diener auch in dieser Staffel einen Großteil des Privatlebens ihrer Vorgesetzten mit. Sie stehen daneben, wenn diese sich beim Essen unterhalten und halten sich in deren Schlafzimmern auf, um sie anzukleiden oder zu frisieren. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie sich über die ihnen zugewiesenen Aufgaben hinaus in den Alltag ihrer Vorgesetzten einmischen dürfen. Als Violets Dienstmädchen Denker (Sue Johnston) Dr. Clarkson ihre Meinung sagt, weil dieser ihrer Ansicht nach Violet in einer wichtigen Angelegenheit in den Rücken gefallen ist, muss sie sich später eine Standpauke von Violet anhören. Sie dürfe als Dienstmädchen keine private Meinung zu den Angelegenheiten ihrer Vorgesetzten haben und diese schon gar nicht ausdrücken, weist Violet sie zurecht. Der Alltag der Adeligen und der Dienerschaft ist eng miteinander verbunden, doch es bestehen trotzdem ganz klare Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Wie sehr diese beiden Sphären trotz ihrer Verzahnung voneinander abgegrenzt sind, wird deutlich, als die „upstairs“-Gesellschaft sich in einer Folge nach „unten“ begibt, um die von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrten Diener Mr. Carson und Mrs. Hughes zu begrüßen. Da macht Violet nämlich die Bemerkung „I haven’t been into the kitchens for at least 20 years“.

Michelle Dockery & Matthew Goode

Lady Mary (Michelle Dockery) & Henry Talbot (Matthew Goode)

Aber nicht nur für den Umgang zwischen den Klassen gibt es strenge Regeln, sondern auch für den Umgang der Adeligen untereinander. Dies fällt wahrscheinlich niemandem so sehr auf wie Tom (Allen Leech), der einst als Chauffeur auf Downton Abbey begonnen hat, bis er schließlich eine der Crawley-Töchter heiratete. Seine Frau ist inzwischen verstorben, aber Tom ist weiterhin ein Mitglied der Familie und damit nun selbst Angehöriger des Adels. Dennoch wird er immer wieder daran erinnert, dass er eben sein Leben als Angehöriger der Arbeiterklasse begonnen hat und so niemals ein vollwertiges Mitglied der Adelsgesellschaft werden kann, ganz egal wie oft ihm die anderen Familienmitglieder auch das Gegenteil versichern.
Dass Tom in gewisser Weise
für immer ein Fremder bleiben wird, der zwar am Leben der Adeligen um ihn herum teilnimmt, sie aber zugleich auch mit einer gewissen Distanz betrachet, wird in einer Szene deutlich, in der er gemeinsam mit Mary und ihrem zukünftigen Ehemann Henry Talbot (Matthew Goode) in einem Pub sitzt. Als Henry im Gespräch mit Mary nach Gründen sucht, um sich wieder einmal mit Evelyn Napier zu treffen, kann Tom nicht anders, als seine Verwunderung zum Ausdruck zu bringen:

Tom: „You are funny.“
Mary: „What do you mean?“
Tom: „The way you have to keep making reasons for why you’ll meet. You to watch him drive cars, you to have dinner with a friend. Why can’t you just say ‚I’d love to spend more time with you. When can we do it?'“
Mary (zu den anderen): „You see? He may have assimilated in some ways, but he still fights playing by the rules.“

Diese Beobachtung Toms und der sich daraus entspinnende, kurze Dialog weist auf die zahlreichen ungeschriebenen Regeln hin, die den sozialen Umgang der Mitglieder der britischen Oberklasse untereinander bestimmen. Als „Quereinsteiger“ in diese Klasse wird Tom auf ewig zugleich Mitglied und doch ein Fremder bleiben, der diese Regeln noch nicht alle beherrscht, dem sie viel deutlicher bewusst werden und der sie deshalb auch leichter in Frage stellen kann. (Seine Figur hat in dieser Hinsicht viele Gemeinsamkeiten mit der von Scarlett Johansson in „Under The Skin“ gespielten Außerirdischen in Menschengestalt. Auch dort braucht es erst den Blick des Fremden, um das typisch Menschliche auszumachen.)

Ende gut, alles gut

Es ist gut, dass „Downton Abbey“ nun zu Ende gebracht worden ist. Denn so sehr ich die Serie auch liebe, im Verlauf dieser letzten Staffel habe ich mir des Öfteren gedacht, dass hier nichts Neues mehr kommt und alles irgendwie dasselbe ist wie in den vorhergehenden Staffeln. Dass das Finale in einem hundertprozentigen Happy End gipfelte finde ich wie gesagt äußerst langweilig, aber was Dialogwitz und Schauspielleistungen betrifft, habe ich mich doch auch von dieser Staffel meist gut unterhalten gefühlt. Lediglich die Oneliner, die Julian Fellowes regelmäßig Maggie Smiths Figur in den Mund legt, wollten hier nicht mehr so richtig zünden. Dafür haben sich in der fünften und sechsten Staffel Violets Diener – Mr. Spratt und Mrs. Denker – zu zweien meiner Lieblingsfiguren entwickelt (ich will eine „Denker & Spratt“-Spinoff-Serie!). Andere Figuren wiederum wurden im Verlauf der Serie immer langweiliger und uninteressanter – ich denke da vor allem an Mr. Bates, der zu Beginn der Serie eine interessante und tiefgründige Figur war, aber nach und nach immer mehr in den Hintergrund getreten ist, bis Fellowes anscheinend nicht mehr so richtig wusste, was er mit der Figur anfangen sollte. Dennoch bleibt am Ende von sechs Jahren „Downton Abbey“ festzustellen, dass Julian Fellowes hier eine herausragende Serie mit Kultpotential geschaffen hat. Trotz der in bester Soap-Manier gehäuft auftretenden Wendungen, Unglücksfälle und Liebesverwicklungen ist die Serie weit mehr als nur oberflächliche Unterhaltung. Das ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass Fellowes sich mit der Materie auskennt und dem Zuschauer einen Einblick in die Geschichte der britischen Klassengesellschaft gibt. So habe ich nach sechs Staffeln tatsächlich den Eindruck, etwas gelernt zu haben – und soziologisch interessant ist die Serie sowieso, wie in meinen Blogposts immer wieder deutlich geworden sein dürfte. 😉

Downton AbbeyBilder: Copyright Universal Pictures Germany