Filmfest München 2019: „Maggie“ & „Los Tiburones“

Heute hat das 37. Filmfest München begonnen und ich nehme das mal zum Anlass, endlich diesen vernachlässigten Blog zu reaktivieren. Während des Filmfestes wird es also von mir hier ein paar Beiträge geben; hoffentlich werde ich auch danach wieder regelmäßig bloggen.

Mein Filmfest ging heute mit einem Fehlstart los. Ich wollte mir nämlich um 9 Uhr in der Früh den Eröffnungsfilm „The Art of Self-Defense“ in der Pressevorführung anschauen. Gewohnheitsmäßig bin ich dafür ins City/Atelier-Kino an der Sonnenstraße gefahren, das von meiner Wohnung so schnell erreichbar ist und wo die meisten der Pressevorstellungen stattfinden. Aber eben nur die meisten! Kurz vor meiner Ankunft musste ich bei einem Blick ins Programm nämlich feststellen, dass genau diese eine Vorstellung im Festivalzentrum im Gasteig stattfand. Dort noch rechtzeitig zum Filmbeginn hin zu kommen, war leider nicjt nicht mehr möglich. Also bin ich erst einmal wieder nach Hause gefahren.

Dort habe ich als Akkreditierter von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, mir einige der Filmfest-Filme zu Hause per Stream anzuschauen. Mit dem Laptop auf dem Bett liegend habe ich so den koreanischen Independent-Film „Maggie“ von Ok-seop Yi gesehen. Ein richtiges Kinoerlebnis ist das natürlich nicht und ich habe mich immer wieder durch mein Smartphone ablenken lassen, was mir im Kino nie passieren würde.

Maggie - SzenenbildIn „Maggie“ geht es um eine junge Krankenschwester (Ju-young Lee), die Grund zu der Annahme hat, dass sie und ihr Freund auf dem plötzlich im Krankenhaus aufgetauchten Röntgenbild zu sehen sind, das ein Paar beim Sex zeigt. Als wäre dies nicht schon absurd genug, taucht auch noch ein die Geschichte erzählender Wels auf, der in einem Aquarium im Krankenhaus lebt. Und dann beginnen sich über die gesamte Stadt verteilt riesige Sinklöcher zu bilden…

Wie das alles genau zusammen hängt, will ich hier gar nicht verraten. Ich könnte es auch gar nicht, denn wie so oft im asiatischen Kino wird in „Maggie“ nichts zu Ende erklärt. Der Film vermittelt stattdessen Stimmungsbilder und Gefühle – Einsamkeit, die Sehnsucht nach Nähe und Verbindung und mehr. Die eigentliche Geschichte ist gar nicht so wichtig. Dass der Film dadurch keine wirklich greifbare Handlung hat und man sich viel selbst zusammenreimen bzw. dazu denken muss, mag den einen oder anderen abschrecken. Gleichzeitig macht es den Film aber auch leichter zugänglich, sofern man bereit ist, sich auf diese Erzählweise einzulassen.

Abends ging es dann endlich richtig los für mich. Um 18 Uhr stand in der Hochschule für Film und Fernsehen die Vorführung des argentinischen Independentfilms „Los Tiburones“ an. Der Saal war nur sehr spärlich besucht, vielleicht waren viele Münchner einfach noch nicht in Filmfest-Stimmung. Im Mittelpunkt des Regiedebüts von Lucía Garibaldi steht die 14-jährige Rosina (Romina Bentancur), die mit ihrer Familie in einem Dorf in Uruguay lebt. An der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein ist sie von Sex und allen anderen Dingen, die das Leben der Erwachsenen ausmachen, ebenso fasziniert wie eingeschüchtert. Ein etwas schmierig wirkender Typ, der für Rosinas Vater arbeitet, versucht sich Los Tiburones - Szenenbildimmer wieder plump an sie heran zu machen. Er scheint damit Erfolg zu haben, doch wohl nur, weil es Rosina an anderen Optionen mangelt und ihre Neugier auf das faszinierende Unbekannte zu groß ist. Schließlich sind da noch die titelgebenden Haie, die Rosina im Meer gesichtet haben will.

Genau eine Szene gibt es in „Los Tiburones“ die stark an Steven Spielberg erinnert. Darin beschließen die am Strand zusammen stehenden Dorfbewohner, den Hai zu jagen und zu töten. Ansonsten nimmt dieser Handlungsstrang gar keinen so großen Raum ein, wie man glauben könnte. Womöglich ist der Hai hier gar kein Hai, sondern vielmehr ein Symbol für all das, was Rosina im Kopf herumgeht – Erwachsenwerden, Männer, Sex,… Genau wie diese ihr größtenteils noch unbekannten Seiten des Lebens ist nämlich auch der Hai faszinierend und furchteinflößend zugleich.

Im Gesicht der Hauptdarstellerin spiegeln sich den ganzen Film über ihre Reaktionen auf die Ereignisse um sie herum. Allzu viel passiert auch in diesem Film nicht, aber immerhin passt er mit seinen glühend heißen Bildern von Sonne, Strand und Meer bestens zur Stimmung, die auch auf Deutschlands sonnigstem Filmfestival herrscht.

„Maggie“ wird noch dreimal auf dem Filmfest gezeigt: am 3., 4. und 5. Juli. „Los Tiburones“ läuft noch zweimal, am 4. und 6. Juli.

 

Copyright Bilder: Filmfest München

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Meine Oscar-Tipps 2019

Update vom 25.02.:

So, die Oscarverleihung ist vorbei, ich bin wieder wach und will hier kurz Fazit ziehen. Dieses Jahr habe ich mal wieder in 16 von 24 Oscar-Kategorien richtig getippt. Seit 2013 (seitdem schreibe ich mir meine „Trefferquote“ auf) habe ich damit insgesamt fünf Mal zwei Drittel der Oscarpreisträger korrekt vorhergesagt. Mittlerweile sind diese „16 von 24“ auch immer mein erklärtes Ziel, das ich dieses Mal zumindest nicht unterschritten habe. (Zweimal war ich in den letzten sechs Jahren aber sogar deutlich besser: 2014 hatte ich 21 Richtige, 2018 20).
Auf meine Tipps hatte ich mich ja ein paar Tage vor den Oscars endgültig festgelegt. Ich war zu stur, daran noch einmal etwas zu ändern, obwohl mir mein Bauchgefühl insbesondere in der Kategorie „Visuelle Effekte“ gesagt hat, dass ich mit „Infinity War“ falsch liege. Denn auch dieses Jahr hat mal wieder der Film mit den „unscheinbarsten“ Effekten unter den fünf Nominierten gewonnen, „Aufbruch zum Mond“. Genau das hatte ich vorher vermutet, aber meinen Tipp nicht mehr geändert. Selbst schuld.
Die Oscarshow an sich war gut, bot aber keine größeren Höhepunkte. Die größte Überraschung war Olivia Colmans Auszeichnung als beste Schauspielerin, wobei auch das nicht ganz aus heiterem Himmel kam und vollkommen verdient ist. Glenn Close tut mir trotzdem ein bisschen leid. Einen Moderator habe ich während der Show über weiter Strecken einerseits nicht vermisst, andererseits hätte ein erfahrener Host etwas Spontanität in die doch sehr zackig und streng nach Plan ablaufende Show bringen können. Für nächstes Jahr wünsche ich mir jedenfalls wieder entweder einen traditionellen Eröffnungsmonolog oder eine große Musicalnummer zu Beginn der Show. Und ich werde mich anstrengen, 2020 mindestens 17 Richtige zu tippen! 🙂


In der Nacht von Sonntag auf Montag findet in Hollywood die 91. Oscar-Verleihung statt. Was hat es schon im Vorfeld für ein Drama gegeben in diesem Jahr! Der recht spät gefundene Moderator (Kevin Hart) hat wieder abgesagt, jemand anderes wollte den Job anscheinend nicht machen. Also geht die Show zum ersten Mal seit 30 Jahren ohne durch den Abend führenden Host über die Bühne. Weil aber die Zuschauerzahlen in den letzten Jahren gesunken sind, wurden noch einige andere Änderungen vorgenommen. Da wäre zum Beispiel die strikte Begrenzung der Länge der Show – drei Stunden (inklusive Werbepausen) sollen es in diesem Jahr sein, auf keinen Fall mehr. Ich persönlich hätte ja gar nichts gegen eine auch deutlich längere Oscar-Show, schließlich bleibe ich dafür ja sowieso extra die ganze Nacht wach. Außerdem kommt es weniger auf die Länge an als auf den Inhalt. Lassen wir uns also überraschen, ob die Zeremonie eine willkürliche Aneinanderreihung von mehr oder weniger gelungenen Gags und Reden wird oder ob es doch so etwas wie einen roten Faden und ein paar einfallsreiche, lustige Momente geben wird.

Die Produzenten der Show versuchen jedenfalls, die Show zu straffen und hatten dazu zunächst die Performance von drei der fünf als „bester Song“ nominierten Liedern aus dem Programm geschmissen. Nach dem medienwirksamen Protest von Lady Gaga (die einen der beiden verbliebenen Songs hätte singen dürfen), sind jetzt wieder alle fünf Lieder Teil der Show, allerdings wohl nur als jeweils 90-sekündige Kurzversionen.
Auch die kurzzeitig geplante Verbannung der Verleihung von Oscars in vier bestimmten Kategorien (u.a. Kamera und Schnitt) aus der Live-Übertragung wurde nach lautstarkem Protest vieler prominenter Filmschaffender wieder rückgängig gemacht. Die Oscar-Show wird damit wahrscheinlich doch wieder länger als drei Stunden dauern (natürlich inklusive der zahlreichen Werbepausen). Wie gesagt setze ich meine Erwartungen an die Show eher niedrig an, aber ich lasse mich gerne positiv überraschen und hoffe insgeheim, dass das (ziemlich haltlose) Gerücht stimmt , welches gestern die Runde machte – nämlich dass Whoopi Goldberg die große Geheimwaffe der Show-Produzenten ist und tatsächlich wieder einmal die Show moderieren wird! (Ich glaube es allerdings nicht.)

Hier nun meine Tipps in allen 24 Kategorien:

Bester Film
Wahnsinnig schwierig in diesem Jahr. Ich gehe mal nach dem Ausschlussverfahren vor. Danach würde ich als erstes „Vice“ rauswerfen. Bleiben noch sieben Filme übrig. „BlacKkKlansman“ kann ich mir auch nicht als Gewinner vorstellen, also weg damit. Noch sechs Filme. „Roma“ ist ein interessanter Fall, weil der Film natürlich einerseits als Favorit gilt, andererseits aber auch als „bester fremdsprachiger Film“ nominiert ist. Das könnte dazu fühen, dass viele Mitglieder der Academy dort dafür stimmen, aber beim „besten Film“ „Roma“ weiter unten auf ihre Liste setzen (die Abstimmung erfolgt in dieser Kategorie, indem die acht Filme in eine Reihenfolge gebracht werden müssen). Auch die Tatsache, dass es sich um eine Netflix-Produktion handelt, könnte den Film viele Stimmen kosten. All das wiederum könnte einigen anderen Filmen helfen. Allerdings kann ich mit nicht vorstellen, dass „A Star Is Born“ hier gewinnt, schmeißen wir den also auch mal raus. Bleiben (mit „Roma“) noch fünf Filme.

Sich ein bisschen in das genaue Abstimmungsverfahren einzulesen, ist zwar interessant, sorgt am Ende vor allem für einen rauchenden Kopf. Wenn ich zum Beispiel davon ausgehe, dass „Vice“ von den wenigsten Abstimmungsberechtigten auf Platz eins gewählt wird, muss ich mir ja im nächsten Schritt vorstellen, welchen Film die Mehrheit dieser Minderheit auf den zweiten Platz gewählt hat. Damit geht das große Mutmaßen endgültig los, aber interessant ist es wie gesagt allemal.
Ich wollte hier eigentlich auf „Roma“ setzen. Doch da der Film aus den oben erwähnten Gründen nicht nur Fans, sondern auch Gegner in der Academy hat, entscheide ich mich nun für „Green Book“. Dieser Film könnte meiner Meinung nach am ehesten davon profitieren, dass „Roma“ die Academy spaltet

Bester Hauptdarsteller
Rami Malek hat für seinen Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ den Golden Globe, BAFTA und SAG-Award gewonnen. Vor ein paar Monaten hätten es wohl die wenigsten gedacht, aber nun sieht es so aus, als sei er auf dem besten Weg zum Oscar. Christian Bale und Willem Dafoe sind wohl nur Außenseiter. Bradley Cooper dürfte mit „A Star Is Born“ in der Academy mehr Fans haben und gerade „Green Book“ sollte man nicht unterschätzen. Und obwohl es sowohl um „Bohemian Rhapsody“ als auch um „Green Book“ ein paar Kontroversen gab, dürften diese kaum auf die Schauspieler abfärben. Also… Malek oder Mortensen? Ich tippe auf Rami Malek, auch wenn ich seine Leistung gar nicht soooo toll fand und den Oscar lieber bei Viggo „Aragorn“ Mortensen sehen würde.

(Übrigens bin ich überrascht, dass „Der Spitzenkandidat“ vollkommen übergangen worden ist. Hugh Jackman liefert darin eine phänomenale Leistung ab und auch die Kameraarbeit fand ich beeindruckend.)

Beste Hauptdarstellerin
Hier sieht es ausnahmsweise mal ganz einfach aus in diesem Jahr. Glenn Close ist 71 Jahre alt und zum siebten Mal nominiert, hat aber noch nie einen Oscar gewonnen! Da wird es ganz einfach Zeit. Ihre Leistung in „The Wife“ („Die Frau des Nobelpreisträgers„) ist großartig, sie hat bei den Golden Globes eine tolle Dankesrede gehalten – da sollte eigentlich nichts mehr zwischen sie und ihren ersten Oscar kommen, oder? Olivia Colman hat zwar bei den BAFTAs gewonnen, dort aber auch einen Heimvorteil gehabt. Ihre Leistung in „The Favourite“ würde ich hier lieber ausgezeichnet sehen als die von Glenn Close in „The Wife“. Aber ich tippe trotzdem auf Glenn Close. Beim siebten Mal muss es einfach klappen.

Bester Nebendarsteller
Auch hier scheint der Gewinner bereits ausgemacht zu sein. Richard E. Grant freut sich mit 61 Jahren über seine erste Oscarnomominierung so sehr, dass man ihn gerne auch auf der Bühne die Trophäe in Empfang nehmen sehen würde. Als großer „Star Wars“-Fan würde ich mich auch wahnsinnig für Adam Driver freuen. Aber Mahershala Ali hat für seine Rolle in „Green Book“ bereits alle anderen wichtigen Filmpreise abgeräumt und wird wohl auch bei den Oscars nicht mit leeren Händen sitzen bleiben müssen, obwohl er erst vor zwei Jahren für „Moonlight“ gewonnen hat. Fast hätte ich auch diesen Tipp noch einmal geändert und doch auf Grant gesetzt. Schließlich dürften viele Stimmen an ihn gehen, weil Ali eben erst vor kurzem gewonnen hat. Und wer weiß, vielleicht reicht es für Grant wirklich und ich liege falsch. Das würde gleich zu Beginn der Oscar-Show für eine Überraschung sorgen. Aber ich traue mich nicht, diesen doch etwas riskanten Tipp abzugeben. Also bleibe ich bei Mahershala Ali.

Beste Nebendarstellerin
Hier wird es wieder schwieriger. Amy Adams ist für ihre Rolle in „Vice“ zum sechsten Mal nominiert und hat noch nie gewonnen. Regina King gilt mit „If Beale Street Could Talk“ als Favoritin, aber auch Rachel Weisz („The Favourite“) hat viele Fans. Ich tippe mal auf Regina King, unter anderem auch deswegen, weil das vielleicht die einzige realistische Chance für den Film auf eine Oscarauszeichnung sein wird. In die Kategorie „bester Film“ scheint es die Literaturverfilmung ja nur ganz knapp nicht geschafft zu haben.

Beste Regie
Ich denke mal, dass sich die Academy hier auf Alfonso Cuarón einigen wird.

Bester Animationsfilm
Wenn ein Pixar-Film in dieser Kategorie nominiert war, dann hat er bisher auch immer gewonnen, oder? Nun, ich tippe dieses Jahr dennoch nicht auf Pixars „Die Unglaublichen 2“. Denn wenn das, was die Macher von „Spider-Man: Into The Spider-Verse“ abgeliefert haben, nicht oscarwürdig ist, was denn bitteschön dann? Der Film ist einer der besten Superheldenfilme seit Jahren und hat endlich mal einen neuen, kreativen Weg gezeigt, wie man Comics auch wirklich als solche auf die Leinwand bringt.

Bester fremdsprachiger Film: Hier dürfte Roma gewinnen, der deutsche Beitrag „Werk ohne Autor“ hat keine realistische Chance.

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bestes adaptiertes Drehbuch:  Charlie Wachtel, David Rabinowitz, Kevin Willmott und Spike Lee für „BlacKkKlansman“
Bestes Originaldrehbuch: „The Favourite“ (Deborah Davis und Tony McNamara)
Beste Ausstattung: „The Favourite“ (Fiona Crombie und Alice Felton)
Beste Kamera (Cinematography): Alfonso Cuarón für „Roma“
Bester Ton (Sound Mixing): „Bohemian Rhapsody“ (Paul Massey, Tim Cavagin und John Casali)
Bester Tonschnitt (Sound Editing): „Bohemian Rhapsody“ (John Warhurst und Nina Hartstone)
Beste Musik: „If Beale Street Could Talk“ (Nicholas Britell)
Bestes Lied: „Shallow“ aus „A Star Is Born“ (geschrieben von Lady Gaga, Mark Ronson, Anthony Rossomando und Andrew Wyatt)
Beste Kostüme: Sandy Powell für „The Favourite“
Beste Dokumentation: Elizabeth Chai Vasarhelyi, Jimmy Chin, Evan Hayes und Shannon Dill für „Free Solo“
Beste Kurzdokumentation: „Black Sheep“
(Ed Perkins and Jonathan Chinn)

Bester Schnitt: Hank Corwin für „Vice“
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „Vice“ (Greg Cannom, Kate Biscoe und Patricia Dehaney)
Bester animierter Kurzfilm: Hier tippe ich auf Pixars „Bao“ (von Domee Shi und Becky Neiman-Cobb), der vor „Die Unglaublichen 2“ im Kino gezeigt wurde.
Bester Kurzfilm: Skin von Guy Nattiv und Jaime Ray Newman. Es könnte aber auch „Marguerite“ gewinnen. Wie immer habe ich in den Kurzfilmkategorien wenig Ahnung, die meisten Filme noch nicht gesehen und mich nur ein wenig in die Expertenmeinungen eingelesen. (Eventuell werde ich aber am Sonntag noch alle fünf nominierten Live Action-Kurzfilme im Kino anschauen.)
Beste visuelle Effekte: Dan DeLeeuw, Kelly Port, Russell Earl und Dan Sudick für „Avengers: Infinity War“

Woody Allen: Wonder Wheel

Es ist schon länger ziemlich ruhig hier im Blog. Zwar habe ich einige Blogposts „in Planung“ und es liegt auch noch das ein oder Rezensionsexemplar in meiner Wohnung herum, aber irgendwie habe ich in den letzten Monaten nie die Motivation zum Schreiben gefunden.

Nachdem ich gestern Abend aber Woody Allens letzten Film „Wonder Wheel“ angeschaut habe, habe ich direkt im Anschluss einer Tinder-Bekanntschaft eine relativ ausführliche Kritik zum Film geschrieben. (Ich muss dazu sagen, dass wir uns bereits vorher kurz über den Film unterhalten hatten.) Nachdem ich diese Filmkritik in mein Smartphone getippt hatte, dachte ich mir, es wäre doch schade, wenn ich sie nicht auch hier veröffentliche. Hier ist sie also, meine extra für euch noch einmal überarbeitete und erweiterte Tinder-Filmkritik zu „Wonder Wheel“:

Der Film spielt in den 1950er Jahren im Vergnügungspark Coney Island. Ginny (Kate Winslet) ist 39 Jahre alt und lebt dort mit ihrem Mann Humpty (Jim Belushi) und ihrem Sohn aus erster Ehe. Sie arbeitet als Kellnerin, während Humpty sein Geld als Karussellbesitzer verdient. Eines Tages taucht dessen erwachsene Tochter Carolina (Juno Temple) auf. Diese will sich vor ein paar üblen Typen verstecken, die hinter ihr her sind (warum, ist gar nicht so wichtig) und kommt in der Wohnung von Humpty und Ginny unter. Als Carolina den Rettungsschwimmer Mickey (Justin Timberlake) kennen lernt, versucht Ginny zu verhindern, dass sich zwischen den beiden etwas anbahnt. Der Grund dafür: Ginny hat selbst eine Affäre mit Mickey, von der weder ihr Mann noch Carolina etwas wissen dürfen.

Ich habe inzwischen schon viele Filme von Woody Allen gesehen. „Wonder Wheel“ war ziemlich genau so, wie ich erwartet hatte. Ich mag Woody Allen, aber gerade an seinen jüngeren Filme regt mich immer viel auf. Zum Beispiel, dass er Voice Over benutzt, um die Geschichte zu erzählen, obwohl man das immer auch über Dialoge zwischen den Figuren tun könnte oder die Infos im Voice Over manchmal gar nicht nötig wären. Allen ist ein guter Geschichtenerzähler, aber sehr oft ein schlechter Filmemacher, weil er die Möglichkeiten, die das Kino bietet, gar nicht ausnutzt. Dass Justin Timberlakes Figur direkt zum Zuschauer in die Kamera spricht, um die Geschichte zu erzählen, kann ich ja noch akzeptieren. Schließlich spielt Timberlake mit Mickey hier einen Amateur-Theaterautor, der auf seinen großen Durchbruch hofft. An einer Stelle gibt es aber eine Szene, in der sich Mickey mit einem Freund trifft und bei der zu Beginn im Voice Over angekündigt wird, wer dieser Freund ist (er arbeitet am Philosophie-Institut einer Uni, welch Überraschung!) und warum sie sich treffen. Nichts davon wäre nötig gewesen und alles hätte man auch im Dialog zwischen den beiden Charakteren unterbringen können!

Die Figuren sind ziemlich schablonenhaft und der ganze Film wirkt, als hätte jemand anderes versucht, einen Film im Woody-Allen-Stil zu schreiben. Aber dieses Gefühl hat man wohl bei vielen Künstlern, die schon so lange dabei sind wie Allen. Viele seiner altbekannten Themen kommen hier vor und auch ein Junge, der Probleme in der Schule hat, immer wieder Feuer legt und schließlich zum Psychiater muss. Da kann man natürlich alles mögliche reindeuten und psychologisieren, aber gerade dieser Handlungsstrang um Ginnys Sohn läuft ziemlich ins Leere.
Die typisch witzigen Dialoge findet man hier nur ganz selten; dafür aber manchmal auch richtig schlimme Dialogzeilen, die wie Platzhalter wirken. Kate Winslet sagt an einer Stelle tatsächlich „I’ve become consumed with jealousy“! Schade, dass dem Autor da keine andere Möglichkeit eingefallen ist, diese Emotion im Dialog rüber zu bringen – so wirkt es jedenfalls wie eine Bühnenanweisung für die Schauspielerin, aber nicht wie eine Zeile, die sie wörtlich so sagen sollte! Einem weniger etablierten Drehbuchautor würde man eine solche Zeile wahrscheinlich niemals durchgehen lassen, aber Woody Allen kann sich solche Faulheiten an diesem Zeitpunkt seiner Karriere leider erlauben.

Die Schauspieler haben mir überwiegend gut gefallen. Kate Winslet kämpft zwar in manchen Szenen sichtbar mit dem für sie geschriebenen Material, kommt aber in ihrer Rolle authentisch rüber; noch besser fand ich fast Jim Belushi als ihren Mann. Justin Timberlake war okay. Insgesamt war der Film also ganz nett und ich würde ihn irgendwo im Mittelfeld der Woody Allen-Filme einordnen. Demnächst werde ich noch Allens vorherigen Film „Café Society“ anschauen, den habe ich nämlich auch im Kino verpasst.

Das 36. Filmfest München 2018

Ein Hinweis in eigener Sache:

Über das Filmfest München schreibe ich dieses Jahr nicht hier auf dem Blog. Stattdessen könnt ihr mein Festivaltagebuch auf Filmszene.de lesen. Am besten speichert ihr euch den Link, weil ich das Tagebuch im Verlauf der nächsten Tage noch ein paar mal um neue Einträge erweitern werde.
Auf Twitter werde ich euch jedes Mal sofort informieren, wenn das Festivaltagebuch aktualisiert worden ist.

Viel Spaß beim Lesen!

Star Wars: The Last Jedi – Der Film & der Soundtrack

Es ist wieder Dezember und das bedeutet seit 2015: es kommt ein neuer „Star Wars“-Film ins Kino (nur 2018 wird mit dieser Regel brechen, denn „Solo – A Star Wars Story“ startet bereits im Mai). Ich habe den Film am Starttag zweimal gesehen und wollte ihn eigentlich noch ein drittes Mal anschauen, bevor ich darüber blogge. „The Force Awakens“ und „Rogue One“ habe ich jeweils kurz nach dem Kinostart besprochen, aber „The Last Jedi“ ist ein Film, den man mehrmals sehen muss, um sich eine feste Meinung dazu bilden zu können. Zu meinem dritten Kinobesuch bin ich noch nicht gekommen, den Blogpost über den Film – und das Soundtrack-Album! – wollte ich aber auf jeden Fall noch 2017 fertig stellen. Der Form halber weise ich an dieser Stelle darauf hin dass der folgende Text massive Spoiler zum Film beinhaltet!

Rey und Luke auf Ahch-ToNachdem zum ersten Mal vor mir der Abspann der achten „Star Wars“-Episode über die Leinwand lief, war ich verwirrt und alles andere als begeistert. Mir hatte der Film nicht gefallen und inzwischen weiß ich auch, warum. Regiesseur und Drehbuchautor Rian Johnson, der bei der Gestaltung seiner Fortsetzung der von J.J. Abrams in Episode VII begonnenen Geschichte völlig freie Hand hatte, widersetzt sich hier nämlich zahlreichen Erwartungen und liefert einen Film ab, der einem wenig bis nichts von dem vorsetzt, das man bei einem „Star Wars“-Film sehen will. Dafür liefert er ab sehr viel ab, das nötig war, um die „Star Wars“-Saga im Kino auch weiterehin frisch und relevant zu halten. Spätestens nach meinem zweiten Kinobesuch war mir klar, dass zahreiche Handlungselemente des Films zwar unterwartet, irritierend und für viele vielleicht sogar entäuschend erscheinen mögen, aber Johnson so doch einen viel besseren Film abgeliefert hat, als wenn er den Fans einfach das gegeben hätte, was sie erwartet hatten.

Das geht natürlich bei Luke Skywalker (Mark Hamill) los. In den Büchern und Comics des alten erweiterten Universums blieb Luke nach dem Ende von „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ der strahlende und erfolgreiche Held, zu dem er im Lauf von drei Filmen geworden war. Er gründete den Jedi-Orden neu, bildete eine neue Generation von Jedis aus und stellte sich so manchem übermächtig erscheinenden Gegner, den er nicht selten in einem epischen Lichtschwertduell besiegte. Inzwischen ist mir klar, dass auch ich mir für Episode VIII einen solchen Luke Skywalker gewünscht hatte. Zwar haben schon „The Force Awakens“ und der erste Teaser zu „The Last Jedi“ klar gemacht, dass wir es hier mit einem anderen Luke zu tun bekommen werden. Doch insgeheim habe ich mir wohl gewünscht, der einsiedlerische, zweifelnde und abweisende Luke würd im Lauf des Films seine Insel verlassen und Kylo Ren für einen mindestens 20-minütigen epischen Lichtschwertkampf gegenübertreten. Ich sehe aber  – genau wie Mark Hamill – inzwischen ein, dass der Film tatsächlich eine viel interessantere Geschichte erzählt und alles andere wohl nur eine Wiederholung dessen gewesen wäre, was wir im Verlauf der letzten sieben Filme schon erlebt haben.

Meine Enttäuschung nach dem Film bezog sich auch darauf, dass wir in meinen Augen weder einen „richtigen“ Lichtschwertkampf noch eine wirklich interessante Actionsequenz zu sehen bekommen. Auch hier habe ich meine Meinung aber inzwischen geändert. Zwar gibt es tatsächlich nicht das klassische Duell eines (oder mehrerer) Jedi gegen einen dunklen Machtnutzer. Stattdessen serviert uns Rian Johnson aber den brillanten Kampf Reys und Kylo Rens gegen Snokes Wachen, der auch optisch eine Augenweide ist. Und was sonstige Actionsequenzen betrifft, so findet sich die „traditionellste“ von ihnen gleich zu Beginn des Films, als Poe Dameron fast im Alleingang einen Dreadnaught ausschaltet. Roses und Finns Ritt auf den Fathiers durch Canto Walker (aber nicht Johnny)Bight hat mich nicht gerade umgehauen und die sogenannte Schlacht von Crait ist zu Ende, bevor sie richtig beginnt. Aber auch dabei gilt: hätte Johnson nur die Schlacht von Hoth größer und bombastischer wiederholt, dann wären zwar die Kinogänger vorrübergehend geflasht gewesen. Tatsächlich ging es ihm aber wohl nicht um bombastische Action, sondern um Charaktermomente, was der Auftritt von Luke Skywalker am Ende des Films gut verdeutlicht. Die kurze Belagerung des Widerstandes in der alten Rebellenbasis durch die Erste Ordnung endet nicht mit einem großen Kampf, sondern damit, dass Luke seiner Schwester und ihren Mitstreitern Zeit für die Flucht verschafft. Und das eben auch nicht in einem großen Lichtschwertduell, sondern in einer Weise, die man nicht hat kommen sehen.

Der schwächste Handlungsstrang des Films ist sicherlich der um Finn und Rose, die auf Canto Bight nach dem „Master Codebreaker“ suchen. Allerdings gefällt mir dieser „Monte Carlo-Planet“ sehr gut und die sozialen Unterschiede, auf die der Film damit aufmerksam macht, stellen nicht nur höchst aktuelle Bezüge zur Realität her, sondern wurden im „Star Wars“-Universum bislang auch wenig beleuchtet. Die Einführung der Sklavenkinder und insbesondere die letzte Szene des Films finde ich hochinteressant. Zum einen, weil wir damit am Ende von Episode VIII wieder dort sind, womit in Episode I das ganze Schlamassel angefangen hat: bei einem machtbegabten Sklavenjungen, der von den Sternen träumt. Zum anderen, weil sie so viel Stoff für eigene Gedanken und Spekulationen bietet. Zunächst dachte ich, Johnson (und Lucasfilm) wollen uns mit dieser Szene einen Ausblick auf zukünftige Filme geben. Wird es darin um eines der Kinder auf Canto Bight gehen? Inzwischen glaube ich das nicht mehr so sehr. Viel mehr soll diese Szene wohl die Bedeutung des Mythos von Luke Skywalker unterstreichen. War dieser schon zuvor galaxisweit für seine Heldentaten bekannt, so ist er mit seiner überraschenden Rückkehr und seinem Heldentod endgültig zur Legende geworden – und zur Inspiration für unzählige Wesen in der ganzen Galaxis.

Amilyn Holdo (Laura Dern)

Von den neuen Figuren hat mir Admiral Holdo (Laura Dern) mit Abstand am besten gefallen. Beim ersten Kinobesuch habe ich diese Figur richtig gehasst, bis schließlich klar wurde, dass sie sehr wohl die ganze Zeit über einen festen Plan hatte, um dem Widerstand zur Flucht zu verhelfen. Schauspielerisch hat mich Adam Driver sehr beeindruckt, während ich Mark Hamill zwar gut fand, aber wohl nicht so überagend wie viele andere Zuschauer. Die Szenen mit Carrie Fisher waren natürlich auch für mich besonders emotional. Ihren „Weltraumspaziergang“ fand ich einfach nur großartig. Es ist wunderbar, dass wir nun endlich auch Leia einmal die Macht nutzen haben sehen, und noch dazu in einer Szene in der es um Leben und Tod ging und auf eine Art und Weise, wie wir es zumindest in den Filmen noch nie gesehen haben. (In „Star Wars Rebels“ hat Kanan ja einen ähnlichen Trick vollführt.) Kurzzeitig irritiert war ich am Ende des Films über Finns Schicksal. Meiner Meinung nach ist seine Charakterentwicklung nun nach zwei Filmen abgeschlossen und ich war ein paar Sekunden lang überzeugt, dass er sterben würde. Seine Rettung durch Rose empfand ich als unpassend, sehe aber ein, dass sein Tod zusammen mit dem von Luke Skywalker dramaturgisch wohl etwas zuviel gewesen wäre.

Zum Schluss will ich noch einmal kurz auf die Erwartungen zurückkommen, die Rian Johnson hier alle unterlaufen hat: Finn liegt im Koma? Nein, er läuft dank Bacta-Behandlung bereits zu Beginn des Films wieder putzmunter herum. Snoke ist ein mysteriöser Oberbefehlshaber, über dessen Herkunft und Ziele wir noch mehr erfahren werden? Nun, zumindest in den Filmen dürfte davon kaum noch etwas vorkommen, schließlich ist Snoke nun mausetot. Selbst der nach Episode VII fast schon erwartete Wechsel Kylo Rens zur hellen Seite bleibt aus, stattdessen wird er zum neuen Obersten Anführer der Ersten Ordnung. Und unter Reys Vorfahren finden sich wohl weder Luke, Leia oder Han noch Obi-Wan Kenobi. Ich finde, Rian Johnson hat bei „The Last Jedi“ sehr vieles richtig gemacht und bei der Ausarbeitung seiner Geschichte Mut und Können bewiesen. Ich kann nur hoffen, dass J.J. Abrams und seinem Co-Autoren dies auch bei Episode IX gelingt und sie die Trilogie gleichzeitig zu einem würdigen Abschluss bringen werden.

Die Filmmusik von John Williams

Der Start einer neuen „Star Wars“-Episode bedeutet auch immer, dass wir einen brandneuen, von John Williams komponierten Soundtrack bekommen. Die CD mit der Filmmusik ist für mich stets das begehrteste Stück Merchandise; das Album mit der Musik zu „The Last Jedi“ ist seit 15.12.2017 als CD, Download und Stream erhältlich. Da ich dieses Mal freundlicherweise ein Rezensionsexemplar davon zur Verfügung gestellt bekommen habe will ich das Album hier kurz besprechen. Ich habe es inzwischen mehrmals angehört, wobei mir vor allem eines aufgefallen ist: Die Musik zu „The Last Jedi“ bietet so wenig neu komponierte Themen und Motive, wie das bisher bei keiner anderen „Star Wars“-Fortsetzung der Fall war. Das mag zunächst enttäuschen, lässt sich aber in gewisser Weise vielleicht auch gar nicht vermeiden. Schließlich hat John Williams über sieben Filme einen Fundus an Melodien aufgebaut, die mit verschiedenen Charakteren, Orten, Situationen und Gruppierungen verbunden sind und auf die er nun zurückgreifen kann. Natürlich wird Prinzession Leias Thema gespielt, wenn diese zu sehen ist! Und natürlich hören wir im Verlauf des Films immer wieder das berühmte „Force Theme“, insbesonder während der Sezenen, in denen Luke die junge Rey unterrichtet.

Star Wars: The Last Jedi (Soundtrack Album)

Zum Großteil besteht das Soundtrack-Album also aus Wiederholungen und Variationen bekannter Themen und Motive. Dazu gehören auch solche, die in Episode VII neu eingeführt worden waren, allen voran „Reys Theme“,  der „March of the Resitance“ und die beiden kurzen Motive für Kylo Ren bzw. die Erste Ordnung. Poes Thema ist zumindest auf dem Album leider kaum vertreten und das actiongeladene Thema, das wir im Verlauf von Episode VII mit Finn assoziiert haben, glänzt mit vollkommener Abwesenheit. Für alle bekannten Themen, die Williams erneut aufgreift, gilt jedoch, dass sie immer wieder variiert und zum Teil auch miteinander verwoben werden. So entdeckt man auch an altbekannten Melodien hier noch neue Seiten.

Das Album stellt zwei wichtige neue Themen vor, nämlich eines für Rose und eines das man als „Last Jedi“-Thema oder als Thema für den gealterten Luke Skywalker bezeichnen könnte. Ich muss zugeben, dass sie mir beide noch nicht im Gedächtnis hängen geblieben sind. Leider findet sich auf dem Album dieses Mal auch nur ein einziges Konzertarrangement der neuen Themen („The Rebellion is Reborn“). Dieses beinhaltet die beiden eben angesprochenen Themen. Dies sind zwar nicht die einzigen neuen Themen, die John Williams für den Film komponiert hat, aber die einzigen beiden, die sich an prominenter Stelle auf dem Soundtrack finden lassen. (Das für Admiral Holdo geschriebene Thema findet sich auf dem Album anscheinend nur kurz im letzten Track der während des Abspanns läuft.)

Neben dem bereits erwähnten „The Rebellion Is Reborn“ finden sich noch einige andere Höhepunkte auf dem Album. „Ahch-To Island“ untermalt Reys Interaktionen mit Luke zu Beginn des Films und nutzt dazu sowohl das vom Ende von „The Force Awakens“ bekannte „Jedi Steps“-Thema als auch „Reys Theme“, das „Force Theme“ und das neue „Last Jedi“-Thema. „Canto Bight“ geht nach einem majestätische Beginn zu einem Stück „Source Music“ über, die im Casino auf Canto Bight zu hören ist und stark an die „Cantina Band“ des ersten Films erinnert (anscheinend hat John Williams hier übrigens bereits für andere Filme komponierte Musik erneut verwendet und neu instrumentiert). Das verspielte „The Fathiers“ untermalt Finns und Roses Ritt auf den gleichnamigen Reittieren und erinnert an Williams‘ Soundtrack zu Spielbergs „Tintin“. In „The Spark“ kehrt zusammen mit Luke Skywalker auch ein lange nicht gehörtes Thema zurück, nämlich das bisher nur aus Episode VI bekannte „Luke & Leia“-Thema. Es wird wohl einer der Gründe dafür gewesen sein, warum der Kinobesucher im Sessel neben mir beim Zusammentreffen von Luke und Leia hörbar schluchzen musste. Etwas befremdlich mutetet dieses Mal das für den Abspann zusammen gestellte „Finale“ an. In den bisherigen Filmen hat John Williams die End Credits jedes Mal dazu genutzt, um einige der neuen Themen in all ihrer Breite zu präsentieren. Dieses Mal wirkt das entsprechende Stück allerdings wie ein nachträglich im Studio zusammenkopiertes Medley aus zahlreichen „Star Wars“-Melodien. Darunter befinden sich zwar einige der neuen Themen, aber auch die Themen von Rey und dem Widerstand sind hier erneut anzutreffen, ebenso wie Yodas Thema. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen, denn keinem der einzelnen Themen wird hier genug Raum geschenkt und es wäre wirklich schön gewesen, wenn man hier noch einmal nur die neuen Themen hätte kennen lernen können.

Insgesamt ging es mir mit dem Soundtrack-Album ein wenig wie mit dem Film selbst: Ich war zunächst enttäuscht davon, konnte mich aber inzwischen damit anfreunden. Die von Williams verwendete Leitmotiv-Technik bringt es nun einmal mit sich, dass er auf bereits etabliertes Material zurückgreifen muss, von dem es inzwischen eine ganze Menge gibt. Immerhin wird dieses aber oft in einer neuen, frischen Weise präsentiert und gerade die schnelleren, actiongeladeneren Stücke verdeutlichen wieder einmal Williams‘ meisterhaften Umgang mit der Leitmotivtechnik. Trotzdem hätte ich mir auf dem Album mehr neue Themen gewünscht. Ich hoffe, dass Lucasfilm auch dieses Mal online eine „For Your Consideration“-Version des Soundtracks ins Internet stellt, die zum Teil aus noch nicht veröffentlichten Stücken besteht und vor allem die neuen Stücke in den Vordergrund stellt.

© 2017 & TM Lucasfilm Ltd.

Rezension: „It Was Fifty Years Ago Today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond“

Es gilt immer noch als das einflussreichste Album der Musikgeschichte: „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles. Dieses Jahr wurde das 50-jährige Jubiläum des Albums mit dem Erscheinen einer erstmals völlig neu abgemischten Version gefeiert, dank der man das legendäre Werk nun in einer ganz neuen, frischen Weise genießen kann.

Bl-ray: "It Was Fifty Years Ago Today"

Aber nicht nur von offizieller Seite kommen zum Jubiläum Neuveröffentlichungen, auch andere wollen ein Stück vom Kuchen abhaben. So kommt am 20. Oktober der Dokumentarfilm „It Was Fifty Years Ago Today! The Beatles: Sgt. Pepper & Beyond“ als DVD und Blu-ray in den Handel. Wie der Titel schon sagt, versucht Regisseur Alan G. Parker darin, ein Bild der Beatles im Zeitraum um die Veröffentlichung von „Sgt. Pepper“ zu zeichnen. So jedenfalls könnte man wohlwollend beschreiben, worum es in dem Film geht. Tatsächlich besteht dieser nämlich aus einer ziemlich wahllosen Aneinanderreihung von Interviews und Aufnahmen, die halt alle irgendwie mit den Beatles in den Jahren 1966 bis 1968 zu tun haben. Um die Entstehung und Rezeption des legendären Albums geht es dabei zwar bisweilen auch, aber generell bekommt man beim Anschauen eher den Eindruck, dass Parker ganz einfach all die (oft nicht besonders interessanten oder tiefgehenden) Informationen, die er seinen Interviewpartnern entlocken konnte, in eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge bringen und daraus eben irgendwie einen Film machen wollte.

Bereits die Auswahl dieser Interviewpartner zeigt, dass es sich hier nicht gerade um eine Beatles-Doku allererster Klasse handelt. Musikexperten, Kulturkritiker und dergleichen sucht man vergebens; auch neue Interviews mit den noch lebenden Bandmitgliedern fehlen. Stattdessen darf unter anderem Ringos Vorgänger in der Band, Pete Best,  fröhlich in die Kamera grinsen und erzählen, wie froh und stolz er ist, auch einmal ein Beatle gewesen zu sein. Das war er für kurze Zeit zwar tatsächlich, aber nun einmal ganz bestimmt nicht mehr während der Entstehung von „Sgt. Pepper“. Der Informationsgehalt seiner Beiträge hält sich dementsprechend in engen Grenzen. Unter den weiteren Personen, die Parker vor seine Kamera bekommen hat, befinden sich unter an derem die Schwester von George Harrisons Frau sowie die frühere Sekretärin des Beatles-Fanclubs. Die eine oder andere interessante Anekdote springt dabei zwar schon heraus, oftmals scheint Parker aber leider viel zu verliebt in sein eigenes Material zu sein und hätte viel mehr kürzen und einzelne Redebeiträge stärker zusammenschneiden müssen, um sein Publikum nicht zu ermüden.

Die interessantesten Teile des Films sind dementsprechend stets die Originalaufnahmen aus den 1960er Jahren, darunter zahlreiche Interviews mit den Fab Four, die immer wieder zum Schmunzeln einladen. Doch wer sich nicht gerade erst seit gestern mit den Beatles beschäftigt, wird auch dabei nur noch wenig Neues finden. Thematisch ist „Fifty Years Ago Today“ wie bereits erwähnt ziemlich unfokussiert. Der Film beleuchtet zu Beginn die Umbrüche, denen sich die Band nach der Veröffentlichung von „Revolver“ und ihrer – wie sich heraus stellen sollte – letzten Konzerttournee ausgesetzt sah. Im Mittelteil beschäftigt sich Parker zwar dann schon mit dem „Sgt. Pepper“-Album, fördert dabei aber kaum neue Einsichten zutage, sondern arbeitet nacheinander einige Standardthemen (wie z.B. die Entstehung des Plattencovers) ab, lässt aber viele wichtige und interessante Aspekte einfach weg. Schließlich springt der Film zu den Erlebnissen der Beatles mit dem indischen Maharishi und dem Tod ihres Managers Brian Epstein. Die Frage ist nur, warum – schließlich hat das wenig bis gar nichts mit „Sgt. Pepper“ zu tun. Der Film zerfasert in seiner zweiten Hälfte immer mehr, bis er schließlich ganz zum Schluss doch plötzlich wieder zum „Sgt. Pepper“-Album zurückkehrt.

Insgesamt kann ich „It Was Fifty Years Ago Today“ überhaupt nicht empfehlen. Die Dokumentation wirkt lieblos und bringt nicht nur Beatles-Kennern keine neuen Erkenntnisse, sondern ist auch für Neulinge ungeeignet. Zu willkürlich werden die Schwerpunkte gesetzt, zu uninteressant sind zum Teil die Interviewpartner und deren Aussagen. Aber den vielleicht größten Schwachpunkt dieser Dokumentation habe ich noch gar nicht erwähnt: Die Filmemacher haben nämlich keine Erlaubnis für die Nutzung der Beatles-Lieder erhalten! Man hört also in dieser Beatles-Dokumentation kein einziges Beatles-Lied, was die Besprechung des Albums natürlich noch zusätzlich erschwert. Auch Musikvideos oder Auftritte der Band sind dementsprechend so gut wie gar nicht in den Film eingebunden.

Meine Empfehlung lautet daher: Besorgt euch die Neuauflage von „Sgt. Pepper“ und hört sie euch auf einer guten Anlage oder mit hochwertigen Kopfhörern an. Das bringt ein Vielfaches an Erleuchtung als es dieser nutzlose Film tut.

© Studio Hamburg Enterprises

Filmfest München: „78/52“, „David Lynch: The Art Life“, „The Man“, „Brigsby Bear“

Das 35. Filmfest München ist vorbei. Es waren wieder wunderbare neun Tage. Ich habe 30 Filme gesehen (vielleicht so viele wie bei keinem Festival zuvor), drei weitere Veranstaltungen besucht und auch zwei etwas ruhigere Tage eingelegt, an denen ich vor allem mit Freundinnen in Hotelbars oder vor dem Gasteig gesessen bin und gute Gespräche geführt habe. Abschließen will ich das Ganze nun mit einem letzten Blogpost, in dem ich noch einmal meine Eindrücke von ein paar der gesehenen Filmen schildere.

Ein Film, den ich natürlich sehen musste, war „78/52“. Diese Dokumentation beschäftigt sich allein mit der berühmten Duschszene in Alfred Hitchcocks „Psycho“. Regisseur Alexandre O. Philippe war vor ein paar Jahren bereits mit der (unter „Star Wars“-Fans umstrittenen) Dokumentation „The People vs. George Lucas“ auf dem Filmfest München zu Gast. Auch dieses Mal war er persönlich angereist und stand dem Publikum nach dem Film für ein Q&A zur Verfügung.
78/52Der Titel „78/52“ leitet sich aus der Länge der Duschszene (in Sekunden) und der Anzahl der Schnitte darin ab. Mit Hilfe von Interviews mit anderen Filmschaffenden und Kreativen wie Guillermo del Toro, Bret Easton Ellis, Eli Roth, Elijah Wood, Peter Bogdanovich oder Schnittlegende Walter Murch wirft Philippe nicht nur einen Blick auf den Entstehungsprozess der vielleicht berühmtesten Filmszene der Kinogeschichte, sondern arbeitet auch den enormen Einfluss heraus, den diese Szene seitdem auf das Kino hatte. Hitchcock hat damit dramaturgisch, musikalisch, schnitttechnisch und auf viele weitere Arten Neuland betreten und mit alten Konventionen gebrochen. Leider sind die meisten an der Entstehung von „Psycho“ beteiligten Personen bereits verstorben. Als einzige von ihnen hat Philippe noch eine der als Body Doubles für Janet Leigh dienenden Frauen interviewen können.
„78/52“ ist für Kino- und ganz besonders Hitchcock-Fans natürlich ein Muss. Der Film bringt einem keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse, verdeutlicht aber einmal mehr den Einfluss und die Bedeutung, die Hitchcocks Werk im Allgemeinen und „Psycho“ im Besonderen in der Filmgeschichte einnehmen. Alexandre O. Philippe hat auf dem Filmfest übrigens verraten, dass er momentan an einer Doku-Fernsehserie arbeitet, bei der in jeder Folge eine andere berühmte Filmszene behandelt werden soll. Danach werde ich auf jeden Fall die Augen offen halten.

David Lynch: The Art LifeEbenfalls in der Reihe „Lights! Camera! Action!“ wurde die Dokumentation „David Lynch: The Art Life“ gezeigt. Ich erinnere mich noch an eine andere beeindruckende Dokumentation über den Kultregisseur, die einfach den Namen „Lynch“ trug und vor zehn Jahren auf dem Filmfest gezeigt wurde. Darin konnte man David Lynch nicht nur als Filmemacher kennen lernen, sondern als Allroundkünstler, der insbesondere sehr interessante Fotos schoss. Auch in „The Art Life“ geht es nun, wie der Titel verspricht, um David Lynch als Künstler. Um seine Filme geht es hier kaum, dafür aber um sein Leben und seine Biographie. Man sieht Lynch vor allem beim Malen und beim Schaffen von Skulpturen zu. Über diese Bilder haben die Regisseure Jon Nguyen und Rick Barnes die Stimme David Lynchs gelegt, der uns aus seinem interessanten Leben erzählt. Er beginnt mit Kindheitserinnerungen und schildert dann seine Anfänge als Künstler. Ein bisschen wirkt das so, als würde man sich ein mit Bildern unterlegtes Hörbuch anhören. Es hat schon fast etwas Meditatives, einem ganz in sich und seine Kunst versunkenen David Lynch beim Malen zuzusehen. Doch dank der über diese Bilder gesprochenen autobiographischen Elemente ist der Film auch hochinteressant.

Um Kunst geht es auch in „The Man“. Der dänische Film von Regisseurin Charlotte Sieling erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte: Simon (Søren Malling) ist ein weltweit gefeierter Künstler Mitte fünfzig. Sein Sohn Caspar (Jakob Oftebro) hat bisher bei der Mutter gelebt, taucht eines Tages aber im Atelier seines Vaters auf. Der ist gar nicht begeistert, verhält sich abweisend und unhöflich und hofft, den jungen Wilden schnell wieder los zu werden. Doch Caspar hat vor, eine Weile zu bleiben. Auch er ist Künstler, stößt mit seinen von Simon als „Grafitti“ verspotteten Werken bei diesem jedoch auf Ablehnung. Die Konfrontationen zwischen den beiden schaukeln sich mehr und mehr hoch.
The Man„The Man“ ist kein schlechter Film, aber leider auch in keiner Hinsicht besonders herausragend. Die Entwicklung der Vater-Sohn-Geschichte ist äußerst vorhersehbar und selbst die letzte, vielleicht als große Überraschung gemeinte Szene habe ich ab einem bestimmten Punkt kommen sehen. Die Charaktere wirken klischeehaft und auch die Schauspieler haben mich nicht vollends überzeugt. Ich bereue es nicht, „The Man“ angeschaut zu haben, aber viel wird davon bei mir nicht hängen bleiben.

Wesentlich interessanter fand ich da schon „Brigsby Bear“. Der amerikanische Independentfilm von Dave McCary zeigt in den ersten Minuten eine Familie, bei der scheinbar alles in Ordnung ist. Der 25-jährige James (Kyle Mooney) lebt noch bei seinen Eltern und verehrt die Fernsehserie „Brigsby Bear“, mit der er aufgewachsen ist. Erst ein paar Szenen später wird klar, dass James als Baby entführt worden ist und seitdem ein vollkommen von der Außenwelt abgeschottetes Leben bei seinen Entführern gelebt hat. „Brigsby Bear“ ist eine von seinem „Vater“ eigens für James gedrehte Science Fiction-Serie, die James nicht nur unterhalten, sondern ihm auch gute Manieren und wichtige Lebenslektionen beibringen soll. Nachdem James von der Polizei befreit und zu seinen wahren Eltern zurück gebracht worden ist, kann er zunächst nicht fassen, dass außer ihm niemand jemals von „Brigsby Bear“ gehört hat. Weil er sehnsüchtig auf neue Episoden wartet, beschließt er, einfach selbst einen „Brigsby Bear“-Film zu drehen. Dabei hat er zwar die Unterstützung seiner Schwester und einiger neu gewonnener Freunde, doch seine Eltern sehen diese Entwicklung mit Sorge und finden, ihr Sohn solle sich lieber dem (so genannten) realen Leben zuwenden.
Brigsby BearLetztes Jahr lief mit „Slash“ ein so richtig nerdiger Film auf dem Filmfest. „Brigsby Bear“ rangiert auf der Nerd-Skala zwar wohl ein paar Punkte darunter, doch auch hier geht es darum, die teilweise etwas speziellen, nerdigen Hobbies anderer Leute zu akzeptieren und zu verstehen, dass etwa das Schreiben von Slash Fiction oder die an Besessenheit grenzende Beschäftigung mit einer Fernsehserie nicht sinnloser Zeitvertreib sind. Das müssen (kleiner Spoiler!) auch James‘ Eltern mit der Zeit erkennen: während sie zunächst seine Fokussierung auf „Brigsby Bear“ wie gesagt mit Sorge betrachten und ihn zu allerlei anderen sozialen Aktivitäten drängen wollen, verstehen sie später, dass das Fandasein ihren Sohnes keineswegs in die Einsamkeit abdriften lässt. „Brigsby Bear“ ist ein charmanter kleiner Film mit gut aufgelegten Darstellern (darunter u.a. Claire Danes und Mark Hamill, der auch die Figuren in der fiktiven „Brigsby Bear“-Serie spricht). Jeder, dessen Lieblingsserie vorzeitig abgesetzt worden ist, wird James‘ Leiden nachvollziehen können. 🙂


Natürlich habe ich längst nicht über alle Filme gebloggt, die ich dieses Jahr auf dem Filmfest gesehen habe. Ich habe mich meistens auf die Filme konzentriert, die mir gefallen haben (die größte Ausnahme dabei war „Rey“, mit dem ich überhaupt nichts anfangen konnte). Es gab dieses Mal nicht den einen Film, der mir am besten gefallen hat, so wie etwa letztes Jahr „Closet Monster“ oder vor drei Jahren „Under The Skin“. Meine beiden Lieblingsfilme in diesem Jahr waren wohl „Home“ und „The Death and Life of Otto Bloom“. Darüber hinaus haben mir „The Road to Mandalay“, „Handsome Devil“, „Prinzessinnen und Drachen“ und „Überleben in Neukölln“ sehr gut gefallen.

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmfest München: „Home“, „Wakefield“, „The Death and Life of Otto Bloom“, „Prinzessinnen und Drachen“

Sieben von neun Festivaltagen liegen hinter mir. 25 Filme habe ich schon gesehen und heute und morgen werden es noch ein paar mehr werden. Über ein paar Filme habe ich schon gebloggt (hier, hier und hier), aber bevor ich nachher wieder ins Kino muss, sollen auch hier im Blog noch ein paar Filmbesprechungen dazu kommen.

Einen der besten – ja vielleicht sogar den besten – Film meines diesjährigen Festivalprogramms habe ich am Dienstag gesehen. „Home“ ist ein belgisches Drama der Regisseurin Fien Troch, die darin die Geschichte einiger Jugendlicher schildert. Einer von ihnen, Kevin, ist soeben aus dem Jugendgefängnis entlassen worden und kommt bei seiner Tante unter. Er freundet sich mit Sammy und John an, die beide ihre eigenen Probleme haben. Mehr will ich über die Handlung gar nicht verraten. Auch wenn es zunächst den Anschein hat, der Film habe gar keine richtige Geschichte, so spitzt diese sich mit zunehmendem Verlauf doch immer mehr zu. Viele Szenen dienen allerdings ganz einfach der Etablierung der Charaktere und ihrer Lebenswelt. Dadurch wirken die Figuren so nahbar und authentisch.

HomeEin weiterer Grund dafür ist, dass Troch überwiegend Laiendarsteller gecastet hat, die sich bei den Dreharbeiten nicht streng ans Drehbuch halten mussten. Zudem basiert vieles von dem, was im Film gezeigt wird, auf eigenen Jugenderinnerungen der Regisseurin. Das Ergebnis ist ein Film, der einen mit seiner Direktheit und Natürlichkeit sehr berührt und einem das eine oder andere Mal auch einen Schlag in die Magengrube versetzt. „Home“ ist spannend, aber zum Teil auch erschreckend. Denn hier wird nichts beschönigt oder verschwiegen und Themen wie Gewalt und sexueller Missbrauch werden offen thematisiert. Das ist ganz großes, aber sicherlich nicht leicht verdauliches Kino.
Lockerer geht es da schon in „Wakefield“ (Regie: Robin Swicord) zu – allerdings nur auf den ersten Blick. Der diesjährige CineMerit Award-Preisträger Bryan Cranston („Breaking Bad“) spielt darin den New Yorker Anwalt Howard Wakefield, der jeden Abend nach der Arbeit mit dem Zug nach Hause in den Vorort fährt, zurück zu seiner Frau (Jennifer Garner, „Alias“) und seinen beiden Töchtern. Eines Abends jedoch entdeckt er bei seiner Ankunft einen Waschbär vor der Garage gegenüber des Hauses. Als er das Tier verscheuchen will, flüchtet es in die Garage.Wakefield Howard folgt ihm und landet schließlich in der Abstellkammer über der Garage. Von dort hat er durch ein kleines Fenster einen guten Blick in die Küche und das Wohnzimmer seines Hauses. Weil er sich mit seiner Frau gestritten hat und einer weiteren Konfrontation aus dem Weg gehen will, macht er es sich in dem Schuppen bequem und beobachtet seine Familie aus der sicheren Distanz, bis ihn der Schlaf übermannt. Auch am nächsten Morgen traut er sich jedoch nicht, wieder ins Haus zu gehen und beginnt, sich in der Kammer über der Garage häuslich einzurichten…

So seltsam und unglaubwürdig die Situation klingen mag, so absurd und bisweilen komisch ist dann doch die sich daraus ergebende Geschichte. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, einfach alles hinzuschmeißen und aus dem Alltag auszubrechen, fragt Howard Wakefield in einem seiner per Voice-Over vorgetragenen inneren Monologe das Publikum. Natürlich stehen hinter diesem Wunsch bei ihm tieferliegende Probleme in der Beziehung zu seiner Familie, die der Film zum Teil in Rückblenden erläutert. Auf diese Weise wird Howards Entscheidung, quasi als Obdachloser beim eigenen Haus zu leben, doch noch nachvollziehbar. Er lebt von den Essensresten, die seine Familie und die Nachbarn wegwerfen und je mehr Zeit vergeht, umso „professioneller“ wird er einerseits was diesen Lebensstil betrifft, umso weniger traut er sich allerdings auch, seiner Frau wieder gegenüber zu treten.

Der Geschichte wird ganz aus Howards Perspektive gezeigt, was u.a. bedeutet, dass man seine Familie meistens nur durch die Fenster des Hauses zu sehen bekommt, ihre Unterhaltungen aber nicht hört. Stattdessen hört man dagegen die Version dieser Unterhaltungen, die Howard sich im Kopf zurechtlegt – seine eigene Interpretation des Geschehens, die stets von seinem anfänglichen Hass auf seine Frau geprägt ist und mit der Zeit auch immer mehr davon, dass er sich in seinen Zustand mehr und mehr hineinsteigert, mit kaum jemandem mehr spricht und, nun ja, ein wenig verrückt dabei wird.

WakefieldIn gewisser Weise ist „Wakefield“ ein Gedankenexperiment, welches durchspielt, was passieren würde, wenn man sich seinen Problemen nicht stellen würde und stattdessen aus dem eigenen Leben heraustreten und zum bloßen Beobachter werden könnte. Der Film ist absurd und komisch, aber doch in sich schlüssig und Bryan Cranston überzeugt auch in der Rolle des Durchschnittstypen, die weniger Aufmerksamkeit erregend ist als seine Rollen in „Breaking Bad“ oder als Präsident Lyndon B. Johnson in „All The Way“, welcher auch auf dem Filmfest gezeigt wurde.

„Gedankenexperiment“ ist ein gutes Stichwort, das mich gleich zum nächsten Film führt. Oben habe ich „Home“ als den vielleicht besten Film meines diesjährigen Programms bezeichnet. Nun, dasselbe muss ich auch über „The Death and Life of Otto Bloom“ sagen. Dieser Film ist in der Ausführung zwar weniger spektakulär als „Home“, dafür aber voll von Kreativität und naiver Lebenslust. Es handelt sich hierbei um eine Mockumentary, also eine fiktive Dokumentation, mit der Regisseur Cris Jones seinen ersten Langfilm vorgelegt hat. Er erzählt darin die Geschichte von Otto Bloom (Xavier Samuel), der die Zeit rückwärts erlebt. Er hat also keinerlei Erinnerungen an alles Vergangene, kann sich aber an die Zukunft „erinnern“. Mit Hilfe von (gespielten) Interviewaufnahmen von Ottos Weggefährten, fiktiven dokumentarischen Aufnahmen aus dessen Leben und auch mit einigen Aufnahmen, die genau genommen mit der Form der Dokumentation brechen, erzählt Jones die Geschichte dieses Mannes.

Das Szenario wird dabei erstaunlich ernsthaft und gut durchdacht durchgespielt. Was wäre, wenn es einen solchen Menschen tatsächlich geben würde? Sein Leben wäre gewissermaßen eine Mischung aus „Benjamin Button“ und „Memento“, denn während sein Körper altert wie der aller anderen auch, bewegt sich sein Bewusstsein doch fortwährend in die andere Richtung. Die sich daraus ergebenden philosophischen uThe Death and Life of Otto Bloomnd sonstigen wissenschaftlichen Fragen sind natürlich endlos, und einige davon werden im Film auch angesprochen. Filmisch ist an „Otto Bloom“ wie bereits angedeutet nichts besonders aufregend; die Grundidee jedoch und die Konsequenz, mit der diese weiterverfolgt wird, machen den Film nicht nur zu einem wahren Vergnügen, sondern auch zu einer Geschichte, über die man noch lange nach dem Abspann nachdenkt. Der Film bringt nicht nur Vergangenheit und Zukunft zusammen, sondern betrachtet zahlreiche weitere Themen mal aus einem etwas anderen Blickwinkel: Wissenschaft, Religion, Liebe, Tod… Man entdeckt hier Zusammenhänge, die man nicht für möglich gehalten hätte und folgt gespannt der Lebensgeschichte des fiktiven Otto Bloom, als sei er tatsächlich eine reale, zeitgeschichtliche Person. „The Death and Life of Otto Bloom“ ist ein Film, über den ich noch lange nachdenken werde.

Um die ganz großen Themen des Lebens geht es auch im Festivalbeitrag „Prinzessinnen und Drachen“ („Ivan Tsarevitch et la Princesse Changeante“) von Michel Ocelot. Allerdings werden diese dort kindgerecht aufbereitet (und der Film läuft auch in der Reihe des Kinderfilmfestes). In wunderschöner Scherenschnitt-Optik erzählt der 57 Minuten lange Animationsfilm vier verschiedene Märchen aus aller Welt. Davon hat es mir vor allem die erste Geschichte angetan: Sie handelt von einer Gruppe von Menschen, die in einer Höhle leben und von Monstern bedroht werden. Nur wenn die Monster gnädig sind, lassen sie die Menschen an die Trinkwasserquelle oder zum Pilzesammeln. Ein kleines Mädchen, für das alle anderen nur Verachtung übrig haben, traut sich jedoch – unterstützt von einer Ratte – den Monstern gegenüber zu treten. Und siehe da: Tritt man ihnen entgegen und blickt ihnen in die Augen, dann werden die Monster immer kleiner und verschwinden schließlich ganz. Auf diese Weise kommt das Mädchen nicht nur an Wasser und Nahrung, sondern findet schließlich einen Weg aus der Höhle hinaus in eine Welt, die keiner der Höhlenbewohner je gesehen hat.

Die Moral dieser Geschichte ist natürlich, dass man sich seinenPrinzessinnen und Drachen Ängsten stellen muss, um sie zu überwinden. Dann sehen sie auf einmal gar nicht mehr so groß aus, wie man vorher dachte. Zugleich entdeckt man so ganz neue Welten, anstatt wie die Menschen in der Geschichte sein Leben lang in einer Höhle zu verbringen. Hätte ich Kinder, würde ich ihnen diesen Film auf jeden Fall zeigen, nicht nur wegen der wichtigen Botschaften in den Geschichten. Die Märchenerzählungen sind optisch wunderschön gestaltet und lassen sich (zumindest wenn man die Möglichkeit hat, sie zuhause anzuschauen) auch als einzelne, in sich geschlossene Kurzfilme betrachten. Wie gesagt war der erste davon meine Lieblingsepisode, und darin wiederum hatte ich eine Lieblinsszene: Die Ratte lotst das Mädchen aus der Höhle heraus, wobei jedoch eine Reihe von Monstern überwunden werden müssen. Wieder und wieder beteuert das Mädchen, dass es große Angst vor diesen habe. Und was erwidert die Ratte darauf jedes Mal? „Bien sur. Vas-y!“ („Natürlich. Geh weiter!“) Denn was bleibt einem schon anderes übrig, wenn man sich nicht von seiner Angst besiegen lassen will? Den Monstern in die Augen schauen und weitergehen! Ich wünsche mir, auch ich hätte eine kleine Ratte an meiner Seite, die mir dabei hilft…

Leider sind alle Vorführungen der vier hier besprochenen Filme auf dem Filmfest schon vorbei.

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Filmfest München: „Handsome Devil“ & „Überleben in Neukölln“

Ich kann nicht mehr sitzen! Das ist mein vorläufiges Fazit vom Filmfest München. Ein Screening nach dem anderen, dazwischen „Filmmakers Live“-Panels mit Bryan Cranston und Sofia Coppola und heute morgen ein Drehbuchworkshop – irgendwann tut einem der Allerwerteste vom ständigen Sitzen nur noch weh. Wie gut, dass ich vorgestern zwischen zwei Filmvorführungen einen Spaziergang durch München gemacht habe.

Nun aber zu einigen weiteren Filmen, von denen spätestens ab dem dritten Festivaltag viele in meinem Kopf miteinander zu verschwimmen scheinen. Ich werde also mal versuchen, meine Erinnerungen an sie zu rekonstruieren. Am Samstagabend habe ich „Handsome Devil“ gesehen, eine irische Internatsgeschichte um zwei ungleiche Schüler, die sich zunächst spinnefeind sind. Ned (Fionn O’Shea) interessiert sich mehr für Musik als für Rugby und fühlt sich u.a. deswegen dem Spott vieler seiner Mitschüler ausgesetzt. Dann muss er sich auch noch ein Zimmer mit Conor (Nicholas Galitzine) teilen, der dem Rugby-Team der Schule dabei helfen soll, an alte Erfolge anzuknüpfen. Vielleicht weil sich die beiden überhaupt nicht riechen können kommt ihr engagierter Englischlehrer (Andrew Scott, bekannt als Moriarty aus „Sherlock“) auf die Idee, sie mit einem Lied zusammen bei einer örtlichen Talentshow auftreten zu lassen. Beim Proben für ihren Auftritt lernen sich Ned und Connor besser kennen. Doch der Trainer und die anderen Mitglieder des Rugbyteams sehen es gar nicht gerne, dass ihr wichtigster Spieler so viel Zeit mit Ned und der Musik verbringt.
Handsome DevilRegisseur John Butler hat die Geschichte mit viel Feingefühl inszeniert und zudem seine jungen Darteller zu wirklich großartigen, nuancierten Leistungen angetrieben. Natürlich ist die Geschichte nicht neu und ziemlich vorhersehbar, aber die beiden glaubwürdigen Hauptdarsteller und der großartige Andrew Scott machen „Handsome Devil“ ebenso sehenswert wie der mit vielen tollen Songs angereicherte Soundtrack. Dieser Festivlabeitrag stellt einmal mehr das Thema „Identität“ in den Raum und stellt Fragen wie die, ob es einem wert ist, sein wahres Selbst zu verstecken, um seine Ruhe vor der Verachtung und Belästigung durch andere zu haben. Denn mehrere der Personen in der Geschichte sind homosexuell bzw. beginnen ihre Homosexualität zu entdecken, was besonders im Umfeld eines Jungeninternats natürlich alles andere als einfach ist. „Handsome Devil“ ist ein großartiger und kurzweiliger Film, der sowohl brandaktuelle als auch zeitlose Themen behandelt.

Die beiden Vorstellungen von „Handsome Devil“ auf dem Filmfest München sind leider bereits vorbei, aber ich gehe davon aus, dass man diesen Film hierzulande auch regulär im Kino oder zumindest durch eine DVD-Veröffentlichung zu sehen bekommen wird.

Überleben in Neukölln„Identität“ ist auch eines der Stichwörter zu „Überleben in Neukölln“. Zum einen geht es darin natürlich um die Identität eines ganzen Stadtviertels, aber auch um die seiner Bewohner. Diese werden in der Dokumentation von Rosa von Praunheim und Markus Tiarks portraitiert. Und auch wenn die Filmemacher sich dabei auf Mitglieder der LGBTIQ-Szene konzentrieren, so ist dies doch kein rein queerer Film. Denn man lernt darin Menschen kennen, die ganz einfach Spaß daran haben, sie selbst zu sein. Das kann z.B. bedeuten, sich als Mann jedes Wochenende in Frauenkleider zu werfen und in der eigenen Galerie selbst geschriebene Lieder zum Besten zu geben, so wie das Stefan alias Juwelia tut. Sobald er nach Berlin kam, erzählt Stefan im Film, brach diese Seite an ihm einfach aus ihm hervor.
So unterschiedlich die Neukölln-Bewohner, die im Film zu Wort kommen, auch sind, einen sie doch zwei Dinge: Zum einen das Engagement für die Erhaltung der Vielfalt und Buntheit des Kiezes und seiner Bewohner. Sie alle wollen auf ihre ihnen jeweils einzigartige Weise sie selbst sein, sich zum Ausdruck bringen und dafür sorgen, dass dies auch allen von ihnen gestattet ist. Zum anderen eint sie aber eben auch die Sorge, dass Neukölln seine beste Zeit vielleicht schon wieder hinter sich hat; schließlich sind auch hier bereits die Folgen der Gentrifizierung spürbar.

„Überleben in Neukölln“ ist ein manchmal zu Tränen rührender, insgesamt aber äußerst hoffnungsvoller Film. Denn die Art und Weise, wie hier so unterschiedliche Menschen nach dem Motto „leben und leben lassen“ zusammen leben, lässt einen hoffen, dass die Menschheit vielleicht doch noch eine Zukunft hat. Und gerade München kann sich von der Offenheit, Lockerheit und Warmherzig der Neuköllner ruhig mal eine Scheibe abschneiden.

„Überleben in Neukölln“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt: am 1.7. um 20 Uhr. Unbedingt hingehen!

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmfest München: „Buster’s Mal Heart“, „Animal Kingdom“, „Flesh and Blood“, „The Road to Mandalay“

13 Filme in drei Tagen, das ist meine vorläufe Bilanz vom Filmfest München. Heute werden es wieder ein paar mehr, aber bevor ich gleich wieder los muss ins Kino will ich hier noch ein paar Eindrücke festhalten.

Rami Malek, bekannt aus der Serie „Mr. Robot“, spielt in „Buster’s Mal Heart“ seine erste Kinohauptrolle. Eigentlich spielt er darin sogar drei Rollen. Und eigentlich auch wieder doch nicht, es ist etwas verwirrend. Der Film jedenfalls zeigt parallel drei verschiedene Handlungsstränge: Da ist zum einen Jonah, der als Concierge in einem Hotel arbeitet – stets in der Nachtschicht. Dann ist da „Buster“, der in fremde Häuser einbricht, um dort zu übernachten und bei Radiosendern anruft, um vor dem Weltuntergang zu warnen. Und dann ist da noch ein Mann in einem einsamen Boot auf dem weiten Meer…

Buster's Mal HeartAll diese drei Männer werden von Rami Malek gespielt und wer nun erwartet, dass der Film irgendwann klar herausstellt, wie ihre Geschichten zusammenhängen, der wird enttäuscht werden. Es werden zwar Andeutungen gemacht, doch die endgültige Interpretation bleibt dem dem Zuschauer überlassen. Malek gelingt es mit seinen Darstellungen, den gesamten Film zu tragen. Dieser enthält außerdem einiges an religiöser Symbolik, u.a. in den Kirchenliedern, die zum Teil den Soundtrack bilden. Mich hat „Buster’s Mal Heart“ an „Matrix“ und „Vanilla Sky“ denken lassen, auch wenn er mit diesen beiden Filmen eigentlich kaum etwas gemeinsam hat, außer eben ein paar Andeutungen bezüglich des Sinns und Zusammenhangs der drei Geschichten. Ein seltsamer Film, aber einer der einen zum Nachdenken bringt. Wer bin ich, wer will ich sein, wie wirken sich meine Entscheidungen auf meinen weiteren Lebensweg aus und steht dieser überhaupt unter meiner eigenen Kontrolle? Das sind Fragen, die Regisseurin Sarah Adina Smith hier auf äußerst interessante Weise stellt.

Leider sind die beiden Vorstellungen von „Buster’s Mal Heart“ auf dem Filmfest bereits vorbei.

Seit einigen Jahren hat das Filmfest eine eigene Programmreihe für neue Fernsehserien. Davon habe ich mir dieses Jahr die ersten beiden Folgen von „Animal Kingdom“ angeschaut. Die Serie ist momentan in Deutschland bei TNT Serie zu sehen und basiert auf dem gleichnamigen australischen Film von 2010. Für die Serie wurde die Handlung nun in die USA verlegt. Sie beginnt mit dem Drogentod der Mutter des 17-jährigen Joshua (Finn Cole), der daraufhin zu seiner Großmutter (Ellen Barkin) zieht. Bei dieser wohnen auch ihre drei erwachsenen Söhne, die mit Raubzügen für die finanzielle Sicherheit des Familienclans sorgen – stets überwacht und geleitet von der alles kontrollierenden Matriarchin.

Animal Kingdom„Animal Kingdom“ bietet solide Unterhaltung, ist aber meiner Meinung nach in keinem Bereich wirklich herausragend. Joshua scheint mit den kriminellen Machenschaften seiner Verwandschaft von Anfang an kaum Probleme zu haben und lässt sich selbst schnell dafür einspannen. Wo bleibt da noch Raum für die Figur, sich zu entwickeln? Wie es sich für eine Serie gehört, werden mehrere Andeutungen gemacht, aus denen sich in den weiteren Folgen Storyelemente zimmern lassen. Aber all das ist Standardkost und nichts davon kann wirklich überraschen. Wer gerne halbnackten, verschwitzten Männern dabei zusieht, wie sie sich im Pool prügeln oder Autos auseinandernehmen, der kommt bei „Animal Kingdom“ wohl auf seine Kosten. Und Ellen Barkin spielt die unsympathische, aber stets um ihre Familie besorgte Mutter bzw. Großmutter wirklich gut. Aber ich werde die Serie nicht weiter verfolgen.

Interessanter fand ich da schon die in „Flesh and Blood“ dargestellte Familie. Auch hier geht es um Kriminalität, Drogenprobleme und familiären Zusammenhalt. Regisseur Mark Webber hat sich selbst und seine eigenen Familienmitglieder als Schauspieler besetzt. Er erzählt die Geschichte von Mark (Mark Webber), der nach fünf Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und bei seiner Mutter (Madeline Brewer) und seinem 13-jährigen Bruder (Guillermo Santos) unterkommt. Alle Protagonisten haben hier ihr Päckchen zu tragen: Mark droht wieder in die Sucht abzurutschen, sein Bruder muss mit einer Asperger-Diagnose und seinem Außenseiter-Status leben und die Mutter musste als Teenagerin aus einem gewalttätigen Elternhaus fliehen.

Flesh and BloodDavon erzählt der Film in authentischen Bildern, bei denen nie so ganz klar ist, wieviel denn nun gespielt bzw. im Drehbuch festgelegt ist und wann die Darsteller ganz einfach spontan miteinander interagieren. Die Interaktionen wirken jedenfalls vollkommen natürlich und der Film damit schon fast dokumentarisch. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass Marks Bruder eine Dokumentation über seine Familie dreht und wir dadurch z.B. Interviewsequenzen mit der Mutter zu sehen bekommen. Übrigens spielen auch die Väter von Mark und seinem Bruder eine wichtige Rolle. In zwei wirklich nahe gehenden Szenen wird die Begnung der jungen Männer mit ihren Vätern geschildert und was man am Ende aus diesem Film mitnimmt, ist die Erkenntnis, dass Familie wohl immer viel (Beziehungs-)Arbeit bedeutet. Ein starker Film, der einen direkt berührt und ohne künstlich wirkendes Happy End daherkommt.

Leider sind auch die Vorführungen von „Flesh and Blood“ schon vorbei.

Ebenfalls ein starker Fim ist „The Road to Mandalay“. Die junge Lianquing kommt als illegale Einwanderin von Myanmar nach Thailand. Sie hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser und hofft, möglichst bald eine offizielle Arbeitserlaubnis zu erhalten. Dabei erlebt sie Rückschlag um Rückschlag, gibt aber nicht auf. Guo, der mit ihr nach Thailand gekommen ist, will sie dazu überreden, eine Stelle in einer Textilfabrik zu übernehmen, die besser bezahlt wird als viele andere Jobs. Zudem empfindet er für sie mehr als nur Freundschaft, traut sich jedoch nicht, ihr seine Gefühle zu offenbaren.

The Road to MandalayRegisseur Midi Z, der bereits mit zwei früheren Werken auf dem Filmfest München zu Gast war, hat mit „The Road to Mandalay“ zwar einen Film gedreht, in dem gar nicht viel passiert. Dank der großartigen Hauptdarstellerin, die die Hoffnungen, Ängste und Leiden ihrer Figur in jeder Einstellung für den Zuschauer spürbar macht, ist der Film aber trotzdem nie langweilig. Auch dieser Film wirkt phasenweise dokumentarisch, wenn man die Protagonisten etwa bei der Arbeit in Restaurants oder Fabriken beobachtet oder bei ihrem schwierigen Umgang mit Polizei und Behörden. Bestechung und Korruption sind dabei an der Tagesordnung und die Hoffnung auf eine legale Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zerschlägt sich schnell, so dass sich Lianquing auf ebenfalls sehr frustrierende Weise gefälschte Papiere zu besorgen versucht. „The Road to Mandalay“ ist ein manchmal ernüchternder und deprimierender, aber doch stets faszinierender und authentisch wirkender Einblick in eine Welt, die sowohl erschreckende Unterschiede als auch Parallelen zu unserer mitteleuropäischen Gesellschaft aufweist. Und spätestens das Ende des Films sorgt dann dafür, dass der Film im Gedächtnis haften bleibt und lange im Kopf des Zuschauers nachwirkt.

„The Road to Mandalay“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt: am 28.6. um 20 Uhr

Copyright Bilder: Filmfest München