Babylon 5 – Die Science-Fiction-Kultserie

Ich war dabei, als ein neues Zeitalter der Fernsehunterhaltung begann…"Weltraum-Uno des Jahres 2257"

Vor 18 Jahren, im Sommer 1995, durchblätterte ich als 13-Jähriger eine Ausgabe der Fernsehzeitschrift TV Today und stieß dort auf einen Artikel mit der Überschrift „Weltraum-Uno des Jahres 2257“. Auf einer ganzen Seite wurde dort eine neue Science-Fiction-Serie namens „Babylon 5“ vorgestellt, die ab August wöchentlich auf Pro Sieben zu sehen sein würde. Einige Monate zuvor hatte ich zum ersten Mal die klassische „Star Wars“-Trilogie gesehen, die mich sofort in ihren Bann gezogen hatte. Auch in das „Star Trek“-Universum hatte ich gerade begonnen einzutauchen. Kein Wunder also, dass ich von der Aussicht auf neue, wöchentliche Weltraumabenteuer begeistert war, zumal mich die in dem Artikel abgebildeten Fotos sofort in ihren Bann zogen. Das sah alles so neu, so frisch, so anders aus. Der Look der Aliens und der titelgebenden Raumstation war weder mit dem von „Star Trek“ noch dem von „Star Wars“ zu vergleichen.

Ich setzte mich also am 3. August 1995, einem Donnerstag, um 20:15 Uhr vor den Fernseher, um mir den Pilotfilm von „Babylon 5“ anzuschauen und war von den ersten Minuten an von der Serie fasziniert. In den folgenden Jahren versuchte ich, keine einzige Folge zu verpassen, nahm schließlich die komplette Serie auf VHS-Kassetten auf und kaufte mir die ab 2002 erscheinenden DVD-Boxen. Meine Leidenschaft für „Babylon 5“ ist seit der Ausstrahlung des Pilotfilms nie abgerissen, sondern im Gegenteil sogar gewachsen. Die letzte Folge der Serie wurde hierzulande 1999 ausgestrahlt, aber ein großer Fan bin ich trotzdem über all die Jahre geblieben. Den TV Today-Artikel (und zahlreiche andere Zeitschriftenausschnitte) habe ich bis heute aufgehoben.

Vor etwa drei Monaten habe ich einen (englischen) Podcast entdeckt, der sich ganz und gar „Babylon 5“ widmet. Im „Babble On Project“ besprechen die „Babylon 5“-Fans Matt Dillon und Gillian Coyle seit Februar 2011 in jeder ihrer Episoden zwei Folgen von „Babylon 5“. Dabei sind die beiden Geeks mit viel Freude und Leidenschaft, aber auch mit viel Hintergrundwissen bei der Sache, so dass es für Fans der Serie sowohl extrem unterhaltsam als auch sehr lehrreich ist, ihnen zuzuhören (übrigens können auch Serienneulinge, die „Babylon 5“ zum ersten Mal anschauen, den Podcast anhören, da jede Folge in einen spoilerfreien und einen spoilerhaltigen Bereich aufgeteilt ist). Zudem haben die beiden es geschafft, den Serienschöpfer J. Michael Straczysnki sowie die Darstellerinnen Claudia Christian und Patricia Tallman für Interviews zu gewinnen. Derzeit erscheint alle drei Wochen eine neue Folge des Podcasts und die zwei nähern sich inzwischen dem Ende der vierten „Babylon 5“-Staffel. In den letzten Monaten hat mich beim Durchhören aller Episoden des Babble On Projects das „Babylon 5“-Fieber erneut gepackt. Schon seit Längerem spiele ich daher mit dem Gedanken, die Serie hier im Blog zum Thema zu machen.

Für alle, die „Babylon 5“ noch gar nicht kennen, zitiere ich hier einmal aus der TV Today von 1995: „Im Mittelpunkt der TV-Saga steht die Raumstation Babylon 5. Hier leben im Jahr 2257 Vertreter aller Völker, die im All existieren [Anmerkung: Das stimmt so nicht gaaanz]. Ihre gemeinsame Aufgabe ist die Erhaltung des Friedens im Universum. Ein schwieriges Unterfangen, denn die verschiedenen Rassen sind teilweise seit Jahrhunderten bis aufs Blut verfeindet. Chef der Zukunfts-Uno: Commander Sinclair, von der Erde entsandt, um Babylon 5 zu führen.“ Im Zentrum von „Babylon 5“ steht also die gleichnamige Raumstation, doch zugleich ist „Babylon 5“ viel mehr als nur die Geschichte dieser Raumstation und ihrer Bewohner.

Joe Michael Straczynski hatte die erste Idee zu seiner Serie bereits Mitte der 1980er Jahre. Genau genommen hatte er zunächst Ideen für zwei große Fernsehserien: die eine sollte auf einer Raumstation spielen, während die andere eine epische Saga erzählen sollte. Irgendwann wurde Straczynski schließlich klar, dass er die beiden Ideen kombinieren musste, um sie zu einer Serie zu machen, die zwar hauptsächlich auf einer Raumstation spielt, aber in ihren Storylines eben auch eine epische Handlung über einen große Krieg erzählt, den wir durch die Augen der Charaktere miterleben. So erfahren die Zuschauer zusammen mit den Protagonisten der Serie die ganz persönlichen Konsequenzen, die große galaktische Zusammenhänge für einzelne Individuen haben. Die Auswirkungen galaxisweiter Krisen werden auf der persönlichen Ebene nachvollziehbar.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass „Babylon 5“ als „Roman fürs Fernsehen“ konzipiert worden ist. Das heißt, die einzelnen Staffeln und Episoden stehen hier für einzelne, aber zusammenhängende (Unter-)Kapitel, die eine große, zusammenhängende Geschichte erzählen. Die fünf Staffeln erzählen jeweils ein Jahr der Serienhandlung, tragen eigene Titel und bilden so jeweils ein eigenes Kapitel der „Babylon 5“-Saga. Auch wenn es während der ersten Staffel noch nicht den Anschein danach hat, wird hier doch von den ersten Minuten an eine Geschichte epischen Ausmaßes erzählt, in der alle Elemente aufeinander aufbauen und wo bereits im Pilotfilm Dinge vorkommen oder angesprochen werden, die erst mehrere Staffeln später relevant werden. Genau wie ein Roman hat „Babylon 5“ einen Anfang, an dem die Figuren, die Örtlichkeiten und Gegebenheiten vorgestellt werden, eine Mitte, in der die Geschichte so richtig Fahrt aufnimmt und einen Schluss, an dem…nun ja, an dem die Geschichte eben endet. „Babylon 5“ war einer der Wegbereiter für episodenübergreifendes Erzählen, wie es heute in vielen Serien selbstverständlich ist. So selbstverständlich sogar, dass man sich Serien wie „The Sopranos“, „Lost“, „Mad Men“ oder „Game of Thrones“ gar nicht mit in sich geschlossenen Folgen vorstellen kann, die mit Beginn jeder neuen Episode quasi den Reset-Knopf drücken und damit die Entwicklungen der vorhergehenden Folge wieder rückgängig machen und die Beziehungen der Charaktere wieder zurücksetzen. Im Unterschied zu manchen der modernen Serien hatte Straczynski aber für „Babylon 5“ von Anfang an einen „Fünfjahresplan“ und damit eine genaue Vorstellung davon, wie er seine Geschichte über fünf Staffeln hinweg erzählen wollte. Dabei kamen ihm zwar immer wieder äußere Umstände (wie z.B. der Ausstieg von Darstellern) in die Quere, so dass er sich gezwungen sah, diesen großen story arc an mehreren Stellen etwas anzupassen, doch im Großen und Ganzen hat er es geschafft, seinen Plan umzusetzen und fünf Staffeln von „Babylon 5“ ins Fernsehen zu bringen.

Das episodenübergreifende Erzählen ist jedoch nicht der einzige Punkt, in dem „Babylon 5“ Neuland betreten hat. Ein weiterer (und nicht der letzte) Aspekt ist die Art und Weise, in der Straczynski schon lange bevor der Pilotfilm produziert wurde, mit Science-Fiction-Fans im Internet kommunizierte. Bereits 1991 richtete sich Straczynski in diversen Online-Foren – die es damals tatsächlich schon gab, obwohl sie natürlich noch in ihren Kinderschuhen, ach was, in ihren Strampelanzügen steckten – offizielle Accounts ein, von denen aus er die interessierte Öffentlichkeit (also die Science Fiction-Community) über seine Vision und ihre schrittweise Realitätswerdung informierte. Diese Onlinepräsenz behielt er auch während der gesamten Produktionszeit von „Babylon 5“ bei und stand so in einem ständigen und ausführlichen Dialog mit den Fans der Serie, der auch weit über die gelegentliche Twitter-Korrespondenz hinausging, wie sie einige der führenden Kreativköpfe der Film- und Fernsehbranche heute pflegen. Zudem war Straczynskis Onlinepräsenz keineswegs nur eine Marketingstrategie (1991 hätten das im Internet ohnehin nur sehr wenige mitbekommen), sondern es ging ihm darum, den Prozess der Herstellung seiner Serie von den ersten getippten Zeilen bis hin zur im Fernsehen ausgestrahlten Episode für sein Publikum nachvollziehbar zu machen und natürlich auch darum, sich Feedback zu holen und die zahlreichen Fragen der Fans zu beantworten. Hier kann man alle von Straczynski verfassten Posts von 1991 bis in die Gegenwart nachlesen; vor ein paar Jahren wurden seine gesammelten Forumposts aus der Produktionszeit von „Babylon 5“ sogar in Buchform veröffentlicht (5 Bände, 2000 Seiten!). Im Vorwort des ersten Bandes schreibt JMS über den regen Online-Kontakt, in dem er schon Anfang der 1990er mit seinen Fans stand:
„I wanted to talk about the making of the show, on the theory that (as a fan myself) we cannot get what we want until we understand the process enough to concisely elucidate exactly what it is that we want. Until, in short, viewers understand the process of making television, and why things are done the way they’re done.“

Das einem Roman-/Saga-Modell folgende episodenübergreifende Erzählen der Serie hat natürlich zur Folge, dass man an „Babylon 5“ dann die meiste Freude hat, wenn man vorher noch nichts über den Handlungsverlauf weiß. Allen, die die Serie noch nicht kennen, empfehle ich also: besorgt euch die DVDs, beginnt mit dem Pilotfilm („Die Zusammenkunft“ / „The Gathering“) und geht dann zu den fünf regulären Staffeln über, ohne euch irgendwo spoilern zu lassen. Ich empfehle diese wirklich unschlagbar günstige Komplettbox, in der der Pilotfilm, alle fünf Staffeln und alle weiteren TV-Filme enthalten sind (die Box dürft ihr natürlich auch gerne bei einem anderen Händler kaufen als bei dem, auf den ich hier gewohnheitsmäßig verlinkt habe). Auf Blu-ray wird „Babylon 5“ übrigens wahrscheinlich leider nie erscheinen; das hat technische Gründe, aber eine genaue Erklärung würde hier zu weit führen (und ich verstehe die Gründe sowieso nicht genug 😉 ). Und noch eine Anmerkung: Nur im Deutschen trägt die Serie bereits seit 1995 in den TV-Zeitschriften und auch heute noch auf vielen DVD-Boxen den dämlichen Zusatz „Spacecenter“ vor ihrem Namen. Anscheinend hat man sich damals vor der deutschen Erstausstrahlung gedacht, den Fernsehzuschauern auf diese Weise klar machen zu müssen, dass es sich hier um eine Serie handelt, die auf einer Raumstation spielt.

Leider fristet „Babylon 5“ trotz des Kultstatus immer noch ein Nischendasein. Die Serie ist längst nicht so bekannt, wie sie es meiner Meinung nach verdient hätte. Einerseits war sie zwar wie erwähnt Wegbereiter für viele andere episodenübergreifend erzählende Serien und hat prominente Fans wie beispielsweise den „Doctor Who“-Showrunner und „Sherlock“-Schöpfer Steven Moffat (und anscheinend auch jemanden im Autorenteam von „Breaking Bad“), andererseits wird sie aber in den USA seit etwa zehn Jahren nicht mehr im Fernsehen wiederholt und lässt sich auch nicht auf Netflix und ähnlichen Diensten finden (nur auf iTunes ist sie soweit ich weiß verfügbar). Das hat dazu geführt, dass es zwar nach wie vor einen sehr treuen Kern „alter“ B5-Fans gibt, aber kaum neue Fans nachwachsen. Auch die Chancen auf weitere „Babylon 5“-Abenteuer – sei es in Form einer neuen Serie, eines Kinofilms oder was auch immer – sind aus diesem Grund nicht besonders hoch. Und obwohl sich die DVDs sehr, sehr gut verkauft haben, haben die Verantwortlichen bei Warner Bros. anscheinend keinen blassen Schimmer, auf welchem Schatz sie da sitzen und welch ein großes Publikum für die Serie (in Form von alten und potentiellen neuen Fans) noch immer da ist. Straczysnki hat dies in Interviews immer wieder betont. Anfang September – nachdem „Babylon 5“ in einer Folge von „Breaking Bad“ erwähnt wurde – rief er über Twitter und Facebook die B5-Fangemeinde dazu auf, sich unter dem Hashtag #FreeBabylon5 dafür einzusetzen, die Serie wieder ins US-Fernsehen zu bringen, wo sie seit vielen Jahren nicht mehr wiederholt wird:

Ausführlicher wurde Straczynski einen Tag später auf seiner Facebook-Seite:
To the online backinh and forthing…some hard facts. Because Babylon 5 isn’t on the air in the US anywhere, it’s impossible for the show to add new viewers except one at a time, friend to friend, or if you’ve heard about it enough to want to shell out the money for the DVDs. Casual viewers can’t stumble across it while channel surfing. (As we all know, after Trek was canceled for poor ratings, it found its audience in syndication.) So in answer to the photo below, either WB has to be convinced to release the show somewhere, or a network like Syfy or Chiller or another along those lines has to be prompted to pick it up. If not, quite honestly, and without any way to add new viewers, the show will eventually slide into obscurity. This ain’t something I can do, or even directly participate in. It’s up to the fans now.

Ob hinter dem Zeitpunkt seines Aufrufs mehr steckt, als nur eine Reaktion auf die Erwähnung in „Breaking Bad“, darüber kann man nur spekulieren. Es würde mich aber nicht wundern, wenn Straczynski wieder einmal kurz vor dem Abschluss eines wichtigen Deals für einen B5-Film oder eine neue B5-Serie stand, so wie das in den letzten Jahren schon mehrmals der Fall war (leider kam es zu den entsprechenden Projekten nie). „Babylon 5“ zurück ins Fernsehen, in die Streaming-Dienste wie Netflix und damit stärker ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, ist aber auf jeden Fall eine gute Idee. Die „Free Babylon 5“-Kampagne hat auch eine eigene Facebook-Seite, hier gibt es außerdem einen weiteren Artikel über Straczynskis Aufforderung an die Fans. Ein paar kleine Wellen hat die Aktion also schon geschlagen.

Falls Ihr jetzt Lust bekommen habt, die Serie (wieder einmal) anzuschauen, dann freut mich das und ich wünsche Euch viel Spaß. Wann ich mich mit einem weiteren Blogpost über „Babylon 5“ zurückmelde, steht noch in den Sternen. Motiviert durch die vielen Folgen des „Babble On Project“-Podcasts hatte ich zunächst vor, selbst einen B5-Rewatch zu starten und hier in regelmäßigen Abständen die Serie Folge für Folge zu besprechen. Inzwischen zweifle ich allerdings stark daran, ob ich ein solches Projekt lange durchhalten würde. Aber vielleicht finde ich einen Kompromiss, man muss ja nicht unbedingt jede einzelne Episode ausführlich besprechen. Die Idee, „Babylon 5“ wieder bekannter zu machen, finde ich jedenfalls sehr gut. Denn ganz egal, ob es nun irgendwann neue B5-Abenteuer im Fernsehen oder sogar einen Kinofilm geben wird oder ob nie wieder auch nur eine einzige neue Szene gefilmt wird: Ich halte „Babylon 5“ für eine der besten und wichtigsten Fernsehserien, die je produziert worden sind. J. Michael Straczynski steht als Geschichtenerzähler für mich auf einer Ebene mit Tolkien oder George Lucas. „Babylon 5“ ist ein episches Drama, ein moderner Mythos und behandelt zeitlose Themen, die heute mindestens ebenso relevant sind, wie vor zwanzig Jahren und die es auch in Zukunft bleiben werden. Und vielleicht melde ich mich ja doch bald mit einem Post zum B5-Pilotfilm und den ersten Folgen der ersten Staffel zurück…

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FRINGE – Season 5

Achtung! Weiterlesen sollte nur, wer „Fringe“ bereits komplett (Staffel 1-5) gesehen hat. Erstens, weil ich im Text nicht viel erkläre und dieses Wissen also voraussetze, vor allem aber, weil Ihr sonst gnadenlos gespoilert werdet. Und das soll doch nicht sein, oder? —

Vor ein paar Wochen habe ich die fünfte (und letzte) Staffel von „Fringe“ angeschaut. Mit der Serie habe ich vor ein paar Jahren eigentlich nur deswegen angefangen, weil der kreative Kopf hinter ihrem Konzept J.J. Abrams heißt und weil es mich außerdem neugierig gemacht hat, dass John Noble (den ich zuvor als Denethor im dritten „Herr der Ringe“-Film kannte) eine der Hauptrollen spielt. Im Gegensatz zu den ersten vier Staffeln besteht die fünfte Season nur aus 13 Folgen (bei Staffel 1-4 waren es jeweils zwischen 20 und 23). Doch immerhin hat man hier den Autoren und Darstellern die Chance gegeben, ihre Geschichte zu einem abgeschlossenen Ende zu bringen, statt nach der vierten Staffel einfach den Stecker zu ziehen.

Wenn man sich alle Staffeln von „Fringe“ anschaut, fällt besonders auf, wie sehr sich die Serie mit jeder Staffel weiter entwickelt und ihr Erzähluniversum konsequent erweitert hat. Die erste Staffel bestand zum großen Teil aus (scheinbar) für sich allein stehenden Episoden, die meist nach dem Schema „monster of the week“ abliefen: FBI-Agentin Olivia Dunham (Anna Torv), ihr Berater Peter Bishop (Joshua Jackson) und dessen Vater, der extra aus der Psychiatrie zurück geholte Professor Walter Bishop (John Noble) wurden jede Woche mit seltsamen, unerklärlichen Phänomenen konfrontiert, die sie erforschen, begründen und immer wieder auch bekämpfen mussten. Dass dabei auch episodenübergreifend erzählt wurde, war am Anfang noch nicht ganz klar. Nach und nach schälten sich aber einige zentrale Themen heraus und es wurde klar, dass viele der von Dunham und den beiden Bishops untersuchten Phänomene in Verbindung stehen. Mit dem Paralleluniversum, den „Observern“ (da ich die Serie im englischen Originalton anschaue, werde ich die „Beobachter“ hier weiter so nennen) und dem Sprung ins Jahr 2036 schälten sich ab dem Ende der ersten Staffel aber immer mehr Erzälstränge heraus, die episodenübergreifend behandelt wurden. Für sich allein stehende Episoden ließ „Fringe“ nach der ersten Staffel schnell hinter sich und es wurde klar, dass die Autoren von Anfang an einen großen story arc geplant hatten, die Zuschauer aber nicht schon zu Beginn mit einer zu komplexen Story überfordern oder abschrecken wollten. Im Gegensatz zu „Lost“ habe ich zudem den Eindruck, dass das Ende, auf das hier hin erzählt wurde, schon von der ersten Folge an feststand, während die Autoren von „Lost“ ja im Lauf der Serie mal die eine, mal die andere Richtung einschlugen, zahlreiche neue Elemente in die Serie einbrachten, von denen nicht wenige ins Nichts führten und erst mit Beginn der vierten Staffel auf ein vorausgeplantes Ende hin erzählten. Insofern erinnert mich „Fringe“ ein wenig an meine Lieblingsserie „Babylon 5“, die ebenfalls einen über fünf Staffeln hinweg geplanten story arc erzählte, ihre erste Staffel aber vor allem dazu benutzte, in meist für sich allein stehenden Folgen die Charaktere auszuarbeiten und das Fundament für die späteren Entwicklungen zu legen.

Auch hinsichtlich der Figuren und Themen hat sich Fringe ganz schön weiterentwickelt. Zu Beginn der Serie wirkte Anna Torvs FBI-Agentin eher blass und langweilig, John Nobles Figur einfach wie ein trottliger, verrückter Professor und was Joshua Jacksons Figur bezwecken sollte, wusste man noch gar nicht genau. Doch alle drei Hauptfiguren machen im Lauf der Serie eine glaubhafte und nachvollziehbare Entwicklung durch, ihre Beziehungen zueinander verändern sich. Natürlich wird dabei auch ein wenig mit den Mitteln der Science Fiction geschummelt, wenn Peter am Ende der dritten Staffel aus der Zeitlinie „gelöscht“ wird und sich in der vierten Staffel dann seine Beziehung zu Olivia ganz neu aufbauen muss. Aber im Kontext dieser Serie ist das vollkommen in Ordnung. Beeindruckender ist außerdem, wie sich auch die in „Fringe“ behandelten Themen wandeln bzw. erweitern. War die Serie am Anfang nur eine Serie über mysteriöse Phänomene wie sich in Monster verwandelnde Menschen oder plötzlich verflüssigte Gehirne, so sind derartige Phänomene zwar auch in späteren Staffeln noch an der Tagesordung, besonders in der fünften Staffel ist aber klar, dass hier nicht von Monstern usw. erzählt wird, sondern zentrale menschliche Werte und Moralvorstellungen im Fokus stehen. Dies wird ganz besonders an der sich verändernden Titelsequenz deutlich (eine weitere Gemeinsamkeit mit „Babylon 5“).

Die Handlung der fünften Staffel, in der Walter, Peter und Olivia (und natürlich Astrid) versuchen, die Observer unter Anleitung von Walters im Jahr 2015 auf Videokassetten festgehaltenen Plan zu besiegen, wirkt natürlich arg konstruiert. Dass Walter sich an seinen eigenen Plan nicht mehr erinnern kann, ist noch nachvollziehbar. Dass er ihn aber auf verschiedenen Videos festgehalten hat, die erst nach und nach im Lauf der Staffel aus dem Bernstein heraus geschnitten werden können, das erinnert doch stark an Videospiele, die ihre Spielzeit in die Länge ziehen, indem sie Missionen wie „Finde die sechs Kristalle, um das Tor zum nächsten Abschnitt zu öffnen“ einbauen. (Mir gefällt allerdings sehr, dass Walter seine Filme ausgerechnet auf alten Betamax-Kassetten festhält. Dass „Fringe“ immer wieder „alte“ Technik wie Videokassetten oder Schallplatten in sein Hi-Tech-Universum mischt, finde ich sehr sympathisch und es hilft dabei, das „Fringe“-Universum in der Realität zu verankern.) Auch an „Lost“ fühle ich mich durch die Videos erinnert; dort fanden die Figuren schließlich auch immer wieder mal Filme, die ihnen und den Zuschauern stückchenweise Informationen vermittelten.

Und wo ich gerade wieder bei einem „Lost“-Vergleich bin, hier noch einige andere Punkte, in denen die fünfte „Fringe“-Staffel Ähnlichkeiten zu „Lost“ und anderen Filmen/Serien aufweist: In der achten Folge („The Human Kind“)  gibt es einen Dialog zwischen Olivia und einer Frau namens Simone (Jill Scott), dessen Thematik stark an „Lost“ erinnert. Simone erzählt Olivia von ihrer Gabe, in die Zukunft sehen zu können, was Olivia einfach als „Anomalie“ abtut, hinter der nichts Göttliches stehe. Olivia fährt fort, sie habe so viele seltsame Phänomene gesehen, dass derartiges für sie nichts Mysteriöses mehr habe. Letztendlich lasse sich all das auf Mathematik – also auf Wissenschaft – zurückführen. Der Krieg, den die Menschen gegen die Observer führen, wird nach Olivias Sicht also mit den Mitteln der Wissenschaft geführt. Während Olivia hier auf der Seite der Wissenschaft und der Rationalität steht, steht Simone auf der Seite der Spiritualität, der Emotionen und des Glaubens. Dieser Gegensatz zwischen Glaube und Wissenschaft war eines der zentralen Themen in „Lost“, verkörpert durch die Figuren von Jack Shephard und John Locke. Interessant ist übrigens, dass die von mir hier paraphrasierten Sätze Olivias an Ruttger Hauers berühmten Monolog aus Blade Runner erinnern („I’ve seen things you people wouldn’t believe…“), aber in beiden Fällen ganz andere Überzeugungen dahinter stehen. Während der Replikan Roy Batty in „Blade Runner“ kurz vor seinem Tod die Wunder des Universums preist, die im Lauf seines Lebens sehen durfte, erwähnt Olivia in „Fringe“ all die Phänomene, die sie gesehen hat, nur, um zu verdeutlichen, dass diese Erfahrungen sie zu einer rationaleren Person gemacht haben, die eben nicht an Wunder glaubt. Eine kleine Referenz an „Blade Runner“ findet sich auch in Folge 5, als Peter einen gefesselten Observer befragt und dazu ein Gerät benutzt, das eine Nahaufnahme von dessen Auge auf einem Bildschirm darstellt und so die emotionalen Reaktionen deutlich machen soll.

Als kleinen Wink an „Lost“ kann man vielleicht auch den Satz „Ich dachte ich sei im Fegefeuer“ verstehen, mit dem ein in einem pocket universe gefangener Mann in der sechsten Episode seine Erfahrung beschreibt. Die fast alles sehnden Observer, die auftauchen können wo immer sie wollen und sich zum Teil unbewaffnete Kämpfe mit Peter liefern, erinnern natürlich an die Agenten aus „Matrix“, ebenso wie der Observer-Junge Michael, der eine „Anomalie“ darstellt, aber gleichzeitig auch den Auserwählten, der die Welt retten soll. In ihren grauen Anzügen und Hüten erinnern die Observer zudem an die grauen Herren aus „Momo“ oder die Agenten aus der Philip K. Dick-Verfilmung „The Adjustment Bureau“ („Der Plan“). Die Handlung der fünften Staffel, in der die Helden gegen ein die gesamte Menschheit unterdrückendes Regime kämpfen, erinnert zu dem etwas an die Serie „V“, die sich um den Besuch außerirdischer Wesen auf der Erde dreht. Und zum Schluss noch eine weitere Paralelle zu „Lost“: Nachdem Peter sich ein Observer-Implantat eingesetzt hat und danach zwar ungeahnte Fähigkeiten erlangt, aber auch immer rationaler, rücksichts- und emotionsloser zu werden droht, ist es allein die Kraft der Liebe, die ihn überzeugt, seine Entscheidung gerade noch rechtzeitig wieder rückgängig zu machen. Auch in „Lost“ siegt immer wieder die Kraft der Liebe über alles andere.

Der schon erwähnte Gegensatz zwischen Glaube und Emotionen auf der einen und Rationalität und Wissenschaft auf der anderen Seite zieht sich durch die ganze fünfte Staffel von „Fringe“. An Peters Entscheidung, sich das Implantat einzusetzen und daraufhin zum gefühllosen Observer zu mutieren ist interessant, dass die Ursache dafür ja gerade ein Gefühl ist – der Hass auf Windmark, den Anführer der Observer und der Wunsch nach Rache für Peters getötete Tochter. Man muss allerdings zugeben, dass er die möglichen negativen Konsequnzen seiner Handlung wahrscheinlich nicht im Blick gehabt hat. Auch Walter Bishop kämpft in dieser Season einen Kampf zwischen den Polen Rationalität und Emotionalität; in seinen Körper wurde ebenfalls etwas eingesetzt, nämlich der Teil seines Gehirns, den Walter extra hatte entfernen lassen, aus Angst vor den schrecklichen Taten, zu denen er sonst fähig sein würde. Auch hier zeigen sich besorgniserregende Tendenzen; zwar ist der geistig verwirrte Walter weitgehend verschwunden, dafür wird aber auch er immer rationaler und rücksichtsloser. Ihm sind die möglichen Konsequenzen daraus sofort klar und er würde es in Kauf nehmen, nicht mehr im vollen Besitz seiner geistigen Fähigkeiten zu sein, um diese negativen Eigenschaften wieder loszuwerden.

Gerade darin besteht ja der Unterschied zwischen den Menschen und den Observern, wie Nina in Episode 10 Windmark erklärt: die Menschen sind den Observern insofern überlegen, als sie zu Liebe, Bindungen und Träumen fähig sind, während die Observer all diese Fähigkeiten und Emotionen mit wissenschaftlichen Mitteln ganz bewusst immer mehr aus ihren Gehirnen verdrängt haben, um Platz zu machen für größere intellektuelle, rationale Fähigkeiten. Gefühle wurden für Intelligenz geopfert, was noch erschreckender ist, weil es sich bei den Observern ja um die Menschen der Zukunft handelt. Wie jede gute Science-Fiction-Geschichte stellt „Fringe“ damit Fragen, die nicht nur in der Zukunft, sondern im Hier und Jetzt von Relevanz sind. Würden wir jemals so weit gehen? Dass wir jetzt schon von „Observern“ umgeben sind, die jederzeit Zugriff auf unsere privaten Gedanken haben, dürfte ja spätestens seit der Enttarnung von Prism klar sein. Der Plan, mit dem in „Fringe“ die Observer besiegt werden sollen, gefällt mir übrigens sehr gut: die Menschheit der Zukunft soll davon überzeugt werden, dass es sich nicht lohnt, die Fähigkeit des menschlichen Gehirns zu komplexen Emotionen für immer größere Intelligenz zu opfern. Damit wird es in der noch späteren Zukunft niemals eine Notwendigkeit für die Observer geben, in der Zeit zurück zu reisen und im Jahr 2015 die Weltherrschaft zu übernehmen. Die Menschheit wird sich nämlich gar nicht zu „Observern“ entwickeln, sondern weiterhin sowohl ihre emotionale wie auch ihre rationale Seite kultivieren. Übrigens würde ich sehr gerne noch sehen, wie Walter und Michael im Jahr 2036 aufgenommen werden und die Menschheit davon überzeugen, einen anderen Weg einzuschlagen. Ein bisschen idealistisch gedacht ist das ja schon, dass Wissenschaftler einmal etwas nicht tun, nur weil es vielleicht böse Folgen haben könnte….

Die fünfte Staffel von „Fringe“ hat mir insgesamt gut gefallen. Vor allem war es schön, dass die Serie überhaupt zu einem Abschluss gebracht wurde, nachdem gegen Ende der vierten Staffel bereits ein Ausblick ins Jahr 2036 gegeben wurde. Es wäre schade gewesen, wenn das einfach offen geblieben wäre. Allerdings wirkte zumindest auf mich die in der fünften Staffel bekämpfte Bedrohung kleiner als das Schicksal, das der Welt am Ende der vierten Staffel drohte (dort wollte William Bell ein vollkommen neues Universum schaffen und es mit eigens gezüchteten Kreaturen bevölkern). Die letzte Staffel wirkt zudem ein wenig wie „nachträglich angeklebt“, was daran liegen mag, dass die Autoren zumindest einen Teil der Handlungsstränge schon im vierten Jahr beendet haben, aus Unsicherheit, ob es eine fünfte Staffel geben würde (ob das zutrifft, weiß ich aber nicht). Ganz am Ende ist jedenfalls wieder alles gut, die Invasion wurde verhindert und damit eine neue Zeitlinie bzw. ein neues Paralleluniversum eröffnet (ist das im Endeffekt nicht dasselbe…?). Ganz ähnlich hatten das Jack, Sawyer usw. am Ende der vierten Staffel von „Lost“ geplant, wo mit der Zündung der Bombe der Reset-Knopf gedrückt werden sollte. Da hat es aber nicht  funktioniert.

Ein paar Fragen hätte ich zum Schluss noch: Warum ist Walter am Ende eigentlich „gelöscht“ worden? Das wurde erklärt, aber ich hab’s anscheinend vergessen. Wieso können die Observer zwar Gedanken lesen, aber anscheinend keine Handygespräche mithören – hätten sie das in der letzten Folge getan, dann wüssten sie nämlich, was Olivia und Philip Broyles besprechen und könnten eingreifen. Wieso ist Michael aus dem Zug ausgestiegen und dann den Observern in die Hände gefallen? Falls das ein Missverständnis zwischen ihm und Olivia sein sollte, dann sah es nicht so aus. Seine Gefangennahme musste wohl irgendwie passieren, damit die Autoren Olivia einen Grund geben konnten, noch einmal im Paralleluniverum vorbeizuschauen. Trotzdem wirkte das alles andere als elegant. Warum sind die Observer überhaupt in der Zeit zurück gereist und haben eine Invasion gestartet? Ist die Erde in der Zukunft unbewohnbar geworden? Ich glaube, das wurde in der vierten Staffel erwähnt, aber daran erinnere ich mich auch nicht mehr genau. Ach ja: Und warum sind die Observer eigentlich alle männlich? Dass sich die Menschen der Zukunft nur noch durch Klonen fortpflanzen, hat Donald ja erklärt (nach Ausschaltung sämtlicher Emotionen besteht auch kein Drang mehr nach Sex, so dass andere Reproduktionsmethoden nötig geworden sind). Aber warum sind anscheinend alle Klone männlich? Gibt es in der Zukunft keine Frauen mehr? Warum? Was mich noch ein bisschen genervt hat: Das Harvard-Gelände ist im Jahr 2036 Sperrgebiet, aber Walter, Peter, Olivia und Astrid gehen trotzdem in Walters altem Labor ein und aus und arbeiten dort. Klar, sie haben einen geheimen Zugang gefunden, aber trotzdem müsste das doch mal jemand bemerken…

„Alias“ – Season 1: weitere Eindrücke

Nachdem ich vor kurzem bereits meine allerersten Eindrücke zu J.J. Abrams „Alias“ hier gepostet hatte, gibt es nun den zweiten Teil. Inzwischen habe ich 17 (von 22) Folgen der ersten Staffel gesehen und würde mich zwar noch nicht als Fan der Serie bezeichnen, bin aber durchaus gespannt, wo all die Handlungsfäden hinführen und wie es dann in der zweiten Season weitergeht.

Was mir an der Serie gut gefällt, ist der abwechslungsreiche Aufbau der einzelnen Episoden. Eigentlich laufen die meisten Folgen nach dem gleichen Schema ab – Sydney bekommt einen Auftrag und muss in Verkleidung in feindliches Territorium vordringen, um dann Informationen, Daten oder Gegenstände zu beschaffen – aber die Macher der Serie haben es geschafft, dieses meiste gleiche Schema durch sehr unterschiedliche Schauplätze und Nebenfiguren doch jedes Mal aufs Neue interessant zu gestalten. Jedes Mal ist man aufs neue gespannt, welcher Tarnung und Verkleidung Sydney sich bedienen wird, welche technischen Spielereien sie dieses Mal dabei hat und in welchen Teil der Erde es sie verschlägt. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen wurde die gesamte Serie in und um Los Angeles gedreht, die Location Scouts dürften also viel Arbeit dabei gehabt haben, um Drehorte für ein Vatikan-Archiv, einen orientalischen Bazar und all die anderen Orte zu finden, an denen Sydney Aufräge ausführen muss. Allerdings findet ein Großteil der Überzeugungsarbeit im Kopf des Zuschauers statt: Jedes Mal, wenn Sydney irgendwo hinfliegt, wird der Name der entsprechenden Stadt eingeblendet und man sieht ein oder zwei Panoramaaufnahmen, um die Örtlichkeit zu etablieren. Sydneys Einsätz finden dann überwiegend in Innenräumen statt; das Budget einer solchen Serie erlaubt es natürlich nicht, für jede Folge in eine andere Ecke der Erde zu reisen, so dass für Außenaufnahmen, die in Brasilien, Russland oder Deutschland spielen, entsprechende Gebäude oder Landstriche im Raum Los Angeles gefunden werden mussten, die als Double herhalten mussten. Das funktioniert meist ganz gut, da das Tempo der Serie sowieso sehr hoch ist und Sydneys Auslandseinsätze oft nur ein paar Minuten Bildschirmzeit beanspruchen.

Die Aufgaben, die Sydney bei ihren Einsätzen zu erfüllen hat, wirken dabei manchmal wie Teile eines Videospiels. Sydney erhält beispielsweise den Auftrag, möglichst viele Seiten einer mittelalterlichen Schrift abzufotografieren oder muss an drei verschiedenen Stellen innerhalb eines Gebäudes Sprengstoff deaktivieren. Selten hat sich eine Fernsehserie so sehr für eine Videospielumsetzung geeignet wie „Alias“ (wahrscheinlich gab es dazu auch ein Spiel, ich kenne es aber jedenfalls nicht).

Sehr willkommene Überraschungen, die noch zusätzlich Abwechslung in die Serie gebracht haben, waren die Auftritte bekannter Gaststars, die bislang in der Staffel vorkamen: Quentin Tarantino mit einer coolen Rolle in einer Doppelfolge, Roger Moore als einer der Köpfe des organisierten Verbrechens, Terry O’Quinn (wobei der ja erst nach „Alias“ mit seiner Rolle als John Locke in „Lost“ bekannt wurde) und vielleicht noch ein paar andere, die ich übersehen habe, weil sie mir nicht bekannt waren. Es spricht wahrscheinlich sehr für die Serie, dass sie bereits in ihrer ersten Staffel Gaststars eines solchen Kalibers anlocken kann (oder für die Überzeugungskraft und die Kontakte von J.J. Abrams und der anderen Serien-Macher).

In meinem ersten Beitrag über „Alias“ habe ich geschrieben, dass das, was hier als Wahrheit gilt, im Laufe der Serie sicherlich noch mehrmals erweitert und neu definiert werden wird. Dazu passend stellt in Episode 1.15 Sydneys Vorgesetzter Arvin Sloane (Ron Rifkin) fest: „There are some truths that Sydney must never learn.“ Natürlich spricht er damit zugleich das Versprechen aus, dass diese Wahrheiten früher oder später trotzdem ans Licht kommen und Sydneys Leben verändern werden – und damit auch das Er-Leben der Serie durch die Zuschauer.

Auch wenn es sich bei „Alias“ um eine bereits seit mehreren Jahren abgeschlossene Serie handelt, möchte ich hier keine Spoiler verraten, deshalb werde ich nicht ausführlich auf die Handlung der ersten Staffel eingehen. Der Mystery-Handlungsbogen um einen italienischen Gelehrten aus dem 15. Jahrhundert wurde im Lauf der Staffel immer weiter getrieben, so dass nun noch mehr offene Fragen existieren, aber immer noch keine Antworten. Wie konnte dieser Rambaldi bereits vor Jahrhunderten so exakte Vorhersagen für die ferne Zukunft treffen? Und was genau haben diese Vorhersagen mit dem Leben der Serienfiguren zu tun? Wie dies alles zufriedenstellend erklärt werden soll, kann ich mir immer noch nicht vorstellen und ich habe meine Zweifel, ob es überhaupt vollständig aufgelöst und erklärt werden wird. Mit der inzwischen ins Spiel gebrachten Prophezeihung Rambaldis, die für die Handlung der Serie von großer Bedeutung ist, nimmt „Alias“ nun wirklich  „Lost“-ähnliche Züge an.
Ich persönlich würde diesen Handlungsstrang zu Ende bringen, indem ich spätestens nach zwei oder drei Staffeln einiges von Rambaldis eigener Hintergrundgeschichte klären würde. Dazu könnte man mehrere Folgen zu dessen Lebzeiten spielen lassen, um so seine Verbindungen zu unserer Gegenwart zu erklären. Vielleicht IST ja sogar einer der bereits bekannten Hauptcharaktere genau jener Rambaldi und wird all die Vorhersagen treffen, nachdem er in der Zeit zurück gereist ist…? Zugegeben, Zeitreisen scheinen noch nicht so ganz in das Konzept der Serie zu passen, aber wie sonst will man eine Jahrhunderte alte Prophezeihung und all die anderen Verbindungen Rambaldis zum Seriengeschehen erklären? Ich hätte jedenfalls nichts dagegen, wenn sich die Serie immer mehr in die Mystery-Richtung bewegt. Dieser Aspekt der Handlung interessiert mich eigentlich jetzt schon mehr als all die „normale“ Agentenarbeit und die angestrebte Zerschlagung der Verbrecherorganisation SD6.

Noch kurz zu Episode 1.17, der bislang letzten, die ich gesehen habe: Diese Folge bestand hauptsächlich darin, dass die augrund ihres Auftauchens in jener Prophezeihung in Verdacht geratenen Sydney ausführlich zu ihrerm Agentendasein befragt wurde. Im Kern bestand die Episode damit aus dem Zusammenfassen der vorherigen 16 Folgen und aus ziemlich vielen Rückblenden. Aber warum nur? Waren die Quoten zu diesem Zeitpunkt im Keller? Gab es Personen beim Fernsehsender, die Bedenken hatten, dass die Handlung für die Zuschauer zu komplex werden würde und die die Notwenidgkeit sahen, alles noch einmal zusammen zu fassen, um neue Zuschauer zu gewinnen? Die Episode (schlicht „Q & A“ betitelt) wirkte wie ein Lückenfüller, wenn auch am Ende eine neue Erkenntnis stand.
Allerdings wurde hier noch einmal verstärkt das Thema herausgearbeitet, das wohl eines der zentralen Themen der Serie (und im Werk von J.J. Abrams überhaupt) ist: Die Frage nach dem Schicksal – haben wir den Gang unseres Lebens selbst in der Hand oder folgt es einem bereits feststehenden Schema? In „Lost“ wurde die Bearbeitung dieser Frage fast bis zur Redundanz durchexerziert. Je mehr Folgen von „Alias“ ich sehe, um so mehr nimmt die Serie für mich die Gestalt eines typischen Abrams-Werkes an, zum einen wegen dieser Thematik, zum anderen durch die Mystery-Elemente.

Ich bin gespannt, wo all das noch hin führt.

„V – Die Besucher“ (Season 1)

Man kann sich ja in den letzten Jahren vor lauter sensationell guter Fernsehserien gar nicht mehr retten: „Mad Men“, „Breaking Bad“, „Game of Thrones“, „Downton Abbey“, „Boardwalk Empire“, „Deadwood“, „Die Sopranos“,… Ich jedenfalls komme mit dem Anschauen schon lange nicht mehr hinterher. Und als wären all diese qualitativ hochwertigen Serien nicht genug, habe ich nun auch noch eine Serie dazwischen geschoben, von der ich vorher bereits ahnte, dass sie weniger innovativ, weniger gut geschrieben und längst nicht so fesselnd sein würde wie die oben genannten: „V – Die Besucher“.

Auf die Serie aufmerksam geworden bin ich, weil Elizabeth Mitchell, meine Lieblingsblondine aus „Lost“ (sie hat in Staffel 3 bis 5 Juliet Burke gespielt), darin die Hauptrolle spielt. Das war Grund genug für mich, zumindest mal in die Serie reinzuschauen. Weil ich aber gelesen hatte, dass „V – Die Besucher“ ein Remake der angeblich ziemlich kultigen 80er Jahre-Serie „V – Die außerirdischen Besucher kommen“ ist, wollte ich die Originalserie unbedingt zuvor anschauen. Also besorgte ich mir vor ein paar Monaten eine DVD-Komplettbox des Originals, das aus einem TV-Zweiteiler, einem anschließenden Dreiteieler und einer sich wiederum daran anschließenden Serie mit 19 45minütigen Folgen besteht (ohne Wikipedia hätte ich gar nicht gewusst, in welcher Reihenfolge man das alles anschauen muss…).

Die Ausgangssituation sowohl des Originals als auch des Remakes ist folgende: In der Gegenwart (1983 bzw. 2009) tauchen plötzlich riesige außerirdische Raumschiffe über mehreren großen Städten der Erde auf. Es stellt sich heraus, dass die außeridischen Besucher genauso aussehen wie wir Menschen und auch unsere Sprachen sprechen. Sie verkünden, in Frieden gekommen zu sein und nur die besten Absichten für die Menschheit zu haben. Zwar wollen sie auch ein paar kleine Gegenleistungen, zeigen sich aber insgesamt äußerst großzügig und beschenken die Erde mit neuen Technologien, laden die Menschen ein, ihre riesigen Mutterschiffe zu besichtigen und rufen Programme ins Leben, die das nähere Kennenlernen von Menschen und Besuchern, wie sie in den Serien genannt werden, ermöglichen sollen. So soll es zumindest erscheinen. In Wahrheit verfolgen die Besucher natürlich ganz andere Pläne, die ich hier nicht verraten möchte, die aber nichts Gutes für die Menschheit bedeuten. Auch ist das äußere Erscheinungsbild der Außerirdischen dem unseren keineswegs so ähnlich, wie es den Anschein hat. Unter einer künstlich gezüchteten menschlichen Haut verbergen sich nämlich Reptilienwesen mit gelben Augen, Krallen und scharfen Zähnen.

Das von Kenneth Johnson erdachte Original hat zu Beginn, während des ursprünglichen Zweiteilers und des anschließenden Dreiteilers, durchaus seinen Reiz. Schließlich kommt man recht schnell darauf, dass hier nicht nur von Menschen und Außerirdischen erzählt wird, sondern vor allem davon, wie sich eine ganze Gesellschaft durch Propagandamechanismen und schöne, aber leere Versprechungen hinters Licht führen lässt. Beispielsweise ziehen die Besucher durch ein der Hitlerjugend ähnliches Programm einen Großteil der Jugendlichen auf ihre Seite, die nur zu gerne in den aufregenden Dienst der Außerirdischen treten und ihre schicken Uniformen tragen. Dass sie dafür ihre Freunde und Nachbarn ausspionieren sollen und verdächtige, gegen die Besucher gerichtete Aktivitäten melden sollen, nehmen sie nur zu gerne in Kauf, schließlich geschieht all dies ja angeblich im Namen des Weltfriedens. Auf der anderen Seite existiert jedoch auch ein weltweit operierendes Netzwerk aus Widerstandskämpfern, die die Herrschaft der Besucher beenden und vor allem dem Rest der Menschheit deren wahre Natur und ihre Pläne vor Augen führen wollen. Das erinnert natürlich ganz gewollt an die Resistance-Bewegung während des 3. Reichs. Durch die Einbeziehung eines Holocaust-Überlebenden in die Handlung der ersten Folgen werden die geschichtlichen Parallelen dabei noch deutlicher.

Nach den fünf 90minütigen Filmen wandte ich mich der daran anschließenden 19teiligen Serie zu, während der ich dann das Interesse an der Serie verlor (nach etwa 12 Episoden habe ich nicht mehr weiter geschaut). Schienen die Macher zuvor noch ein Konzept für einen übergreifenden Handlungsbogen zu haben, bei dem sie auf ein bestimmtes Ziel hin erzählten, verkommt die Serie nun nämlich ziemlich schnell zu einer ziemlichen Lachnummer. Folge für Folge schleichen sich die im Zentrum der Handlung stehenden Widerstandskämpfer in irgendeine Zentrale oder ein Raumschiff der Besucher ein, um einen Sabotageakt zu verüben oder einen gefangenen Kameraden zu befreien. Dabei entkommen sie fast immer wie durch ein Wunder alle unversehrt – und wenn doch nicht, dann wird eben in der nächsten Episode eine erneute Befreiungsaktion gestartet. Durch diesen erzählerischen Stillstand nutzte sich die Serie für mich dann recht schnell ab, auch die kultigen Uniformen, die herrlich-schrecklichen 80er-Jahre-Frisuren und die Machtkämpfen der beiden an der Spitze der Besucher stehenden „Kommando-Bitches“, wie ich sie mal nennen möchte, konnten daran nichts mehr ändern.

Also wandte ich mich nach einigen Wochen Pause dem 2009er-Remake mit Elizabeth Mitchell zu. Das wirkt natürlich wesentlich moderner, die Raumschiffe sind verchromt und stromlinienförmig, aber eines ist beim Alten geblieben: Die Besucher sind immer noch Echsen in menschlicher Hülle. Damit habe ich bei beiden Serien die ganze Zeit über ein Problem gehabt, denn mal ehrlich: das ist schon verdammt unglaubwürdig! Klar, man muss diese Ausgangssituation nun mal so hinnehmen und sie dient ja wie gesagt nur dazu, von ganz anderen Dingen zu erzählen, trotzdem habe ich mindestens einmal pro Folge gedacht: Wie soll das bitte funktionieren – Außerirdische in menschlicher Hülle? Wie praktisch, dass die Aliens so dünn sind, dass sie da reinpassen… 😉  Auch mit modernen Effekten und Makeup-Techniken sehen übrigens die Szenen, in denen man ein wenig hinter die Maskerade der Besucher blicken (meistens, weil sie verletzt werden), lächerlich aus. Wenn man den Gedanken der „verkleideten Aliens“ auf diese Weise ernst nimmt, kommt einfach nichts Glaubwürdiges dabei heraus. Andererseits geht es ja darum gar nicht, obwohl man die wahre Gestalt der Aliens natürlich unbeding sehen will (die kultigen Szenen, in denen die Besucher lebende Vögel und andere Kleintiere am Stück verspeisen, fehlen im Remake übrigens).

Die neue Serie geht handlungstechnisch genauso los, wie die alte. Ich hatte zwar das Gefühl, dass hier alles ein wenig schneller geht und weniger Tamtam um die Ankunft der Besucher gemacht wurde, davon abgesehen ist es aber das Gleiche: Raumschiffe tauchen auf, Besucher behaupten in Frieden zu kommen usw. Im Zentrum der Hauptfiguren steht im Remake mit der von Mitchell gespielten Erica Evans eine FBI-Agentin, dazu kommen auf der Seite des Widerstandes noch ein Priester, ein Ex-Söldner und ein Besucher, der die Seiten gewechselt hat (diese Figur gab es auch im Original). Das ständige Reinschleichen und Befreien von Kameraden entfällt dieses Mal zum Glück, sonst hätte ich wohl nicht alle zwölf Folgen der ersten Staffel überstanden. Während das V in der Original-Serie übrigens noch für „Victory“ und damit für den erfolgreichen Widerstand gegen und den erhofften Sieg über die Besucher stand, steht es in der 2009er Fassung zunächst einfach für „Visitors“ und wird erst am Ende der ersten Staffel zu „Victory“ umgedeutet.

Ich hatte erwartet, dass das allmähliche Unterwandern der menschlichen Gesellschaft durch die Besucher noch stärker herausgearbeitet wird, als im Original, wurde in dieser Hinsicht aber enttäuscht. Allerdings stellen sich die Menschen dieses Mal auch so dumm an, dass es da von Seiten der Besucher nicht viel Täuschung und Raffinesse braucht, um die Menschheit für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen. (Zahllose Menschen geben sich für irgendwelche medizinischen Untersuchungen her oder fliegen einfach so mit auf eines der riesigen Schiffe der Besucher, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. Im Original kam mir die Menschheit weniger blöd und naiv vor.)

Insgesamt fand ich das Remake auf jeden Fall schwächer als das Original. Das lag zum einen an den nicht besonders kreativen Drehbüchern (ich habe das Gefühl, dass die Autoren sich am Ende der ersten Staffel immer noch überlegen, auf welches Ziel sie denn eigentlich hin erzählen wollen), sondern auch daran, dass die meisten Darsteller mich nicht überzeugen konnten. Wobei die Figuren auch nicht besonders gut ausgearbeitet sind, also ist es vielleicht doch eher ein Problem auf Autorenseite. Jedenfalls hatte ich zu keinem Zeitpunkt wirklich den Eindruck, es handele sich bei der kleinen Gruppe von Widerstandskämpfern tatsächlich um eine durch äußere Umstände zusammengeschweißte Truppe, die sich nach außen verteidigen muss. Ein echtes Gemeinschaftsgefühl kam da nie auf, es wirkte eher alles wie zufällig. Elizabeth Mitchell hat in „Lost“ wesentlich nuancierter und facettenreicher gespielt und wirkt in „V“ über weite Strecken lust- und ideenlos; auch das liegt vielleicht wieder daran, dass ihre Figur erst gegen Ende der Staffel endlich etwas Tiefe erlangt.

Die interessanteste Figur ist für mich Chad Decker, ein Journalist und Fernsehreporter, der von Anna, der Anführerin der Besucher, immer wieder die Gelegenheit für Exklusivinterviews und spektakuläre Ankündigungen erhält, im Gegenzug aber auch für die Propaganda der Besucher herhalten muss, denn Anna kontrolliert natürlich genau, was Chad zu sehen und zu hören bekommt. Allerdings stellt Decker durchaus kritische Fragen und lässt sich und seine Sendung nicht so schnell von der Propagandamaschinerie der Besucher vereinnahmen, wie dies bei der Reporterin in der Originalserie geschah. Für lange Zeit weiß man nicht, auf wessen Seite sich Decker schlagen wird, ja er weiß es wahrscheinlich selbst nicht und ist hin und her gerissen zwischen den beruflichen Perspektiven, die sich durch eine Kooperation mit den Besuchern ergeben und dem Drang, moralisch richtig zu handeln. Er ist sich durchaus bewusst, dass er für die Besucher nicht unersetzlich ist und sie ihn jederzeit ausschalten können und bewegt sich auf einem sehr schmalen Grat. Leider spielen die Medien davon abgesehen keine große Rolle in der Serie; es wäre durchaus interessant gewesen, wie verschiedene Journalisten mit diesem Dilemma umgehen und unterschiedliche Meinungen präsentiert zu bekommen. Dennoch bleibt Decker die interessanteste, weil konsequent ambivalent gezeichnete Figur.

Die übrigen Charaktere wirken dagegen meistens sehr schablonenhaft. Da gibt es etwa den ehrenhaften Priester, der natürlich Gewissensbisse bekommt, wenn einer der anderen Widerstandskämpfer einen Gefangenen foltern muss, um wichtige Informationen zu erhalten. Die Hauptfigur, FBI-Agentin Erica Evans, wird als besorgte Mutter gezeichnet, die sich um ihren der Faszination der Besucher erlegenen Sohn sorgt, bleibt jedoch lange Zeit trotzdem ziemlich blass. Erst gegen Ende der Staffel findet ein großartiges Aufeinandertreffen von Erica und Anna statt, das eine der sehr wenigen erinnerungswürdigen Szenen dieser Staffel darstellt und Erica etwas gefährlicher, risikobereiter und damit interessanter werden lässt.

Interessant ist auch die in den letzten Folgen eingeführte Idee, dass die emotionslosen Besucher allmählich menschliche Gefühle in sich entdecken und so mit Schrecken feststellen müssen, dass sie uns allmählich ähnlicher werden und menschliche Schwächen entwickeln. Ebenso setzt sich Erica am Ende über einige der Prinzipien hinweg, die für sie bislang unverrückbar gegolten haben und handelt damit genauso rücksichtslos und gefühlskalt wie Anna. Sie lässt ihre eigene Menschlichkeit also ein Stück weit hinter sich. Wohin diese Erzählfäden führen werden, wird sich in der zweiten Staffel zeigen, die ich mir irgendwann anschauen werde (in nächster Zeit bin ich aber erst mal mit „Alias“ und anderen Serien beschäftigt). Da „V – Die Besucher“ allerdings nach der zweiten Staffel eingestellt worden ist, gehe ich mal davon aus, dass da nicht mehr allzu viel Gutes auf mich zu kommt.

Übrigens kann man die 2009er Serie auch auf eine weitere Weise politisch lesen: Von Anna, der obersten Kommandantin der Besucher (die im Jahr 2009 auch in den USA landen), erwarten die Menschen die plötzliche Lösung zahlreicher Probleme, sie wollen „Change“ und haben „Hope“. Zudem verspricht Anna der Menschheit doch tatsächlich „universal health care“! Wer da noch widerstehen kann und behaupten will, die Besucher hätten nichts Weniger als das Beste für die Menschheit im Sinn, der muss doch ganz einfach falsch liegen. Oder?

„Alias“ – meine ersten Eindrücke nach sechs Episoden

Als ob es nicht genug tolle aktuelle Fernsehserien gäbe, bei denen ich nicht auf dem neuesten Stand bin oder die ich noch nicht einmal anzuschauen begonnen habe, habe ich nun auch noch eine schon etwas ältere Serie dazwischen geschoben: ALIAS (2001 – 2006)
Der Grund dafür, dass ich nun angefangen habe, noch eine weitere Serie anzuschauen, ist natürlich J.J. Abrams, der Mann hinter „Lost“, hinter dem fantastischen „Star Trek“-Reboot und (für mich nicht ganz unwichtig) auch der Regisseur von „Star Wars: Episode VII“. Nachdem „Lost“ eine meiner Lieblingsserien ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir mal eines von Abrams‘ anderen TV-Werken vorgenommen habe („Fringe“ bin ich bereits verfallen und warte nur noch auf den Blu-ray-Release der letzten Staffel; Abrams‘ Frühwerk „Felicity“ werde ich mir sicherlich auch irgendwann vornehmen).

Nun also zu „Alias“: Zunächst einmal muss ich betonen, dass ich bislang erst sechs Episoden gesehen habe und hier nur meine allerersten Eindrücke wiedergeben kann. Ich weiß zum Glück noch nichts über den weiteren Verlauf der Serie und kann sie vollkommen ungespoilert genießen. Da die Serie fünf Staffeln mit jeweils 22 (Staffeln 1-4) bzw. 17 (Staffel 5) Episoden umfasst, liegt der größte Teil des Vergnügens noch vor mir. Und ein Vergnügen ist sie bis jetzt durchaus, diese rasante Serie, die wie im Geschwindigkeitsrausch von einem Plotpoint zum nächsten rauscht und sich zwischendurch trotzdem die Zeit nimmt, die Charaktere und deren Beziehungen auszuarbeiten.

Jennifer Garner spielt in „Alias“ die Studentin Sydney Bristow, die – wie bislang zu Beginn jeder Folge aufs Neue erklärt wird – schon seit einigen Jahren als Geheimagentin arbeitet. Im Lauf der Pilotfolge muss sie erfahren, dass es sich bei der Organisation, für die sie tätig ist, keineswegs um eine Unterabteilung der CIA handelt, wie Sydneys Auftraggeber behaupten. Tatsächlich handelt es sich bei SD6, so der Name der Organisation, um eben jene Feinde, gegen die sie bisher immer glaubte zu kämpfen. Als Sydney ihrem Verlobten die Wahrheit über ihre Arbeit und ihre Identität als Agentin erzählt, wird dieser von SD6 ermordet. Sydney nimmt sich daraufhin erst einmal eine kurze Auszeit vom Agentendasein, kehrt aber bald als Doppelagentin zurück – von nun an arbeitet sie (zusätzlich zu ihrem Job bei SD6) tatsächlich für die CIA und soll bei der Bekämpfung von SD6 helfen. Noch ein wenig komplizierter für Sydney wird das Ganze dadurch, dass es noch einen weiteren Doppelagenten mit der gleichen Aufgabe gibt: ihren Vater, den sie kaum kennt und zu dem sie alles andere als ein herzliches Verhältnis hat. Ach, und selbstverständlich darf sie gegenüber keinem ihrer Freunde auch nur die leiseste Andeutung über ihr Agentendasein machen, was aber unter anderem dazu führt, dass ihr bester Freund Will (ein sehr junger und sehr blonder Bradley Cooper!) Nachforschungen über den Tod von Sydneys Verlobtem anstellt, die einen als Zuschauer ständig um Wills Leben bangen lassen. Schließlich wissen wir, was die Konsequenz wäre, sollte er Sydneys Geheimnis erfahren…

Einer meiner ersten Gedanken beim Anschauen der ersten Folge war die Parallele zu „Indiana Jones“. Genau wie Indy, der ja seiner eigenen Aussage zufolge ein Teilzeitprofessor ist, den Rest seiner Zeit aber um den Globus hetzt, um wertvolle Kunstgegenstände und ähnliches vor den Schergen des Bösen zu retten, ist auch Sydney zum einen eine strebsame Studentin mit Sorgen, Problemen, aber auch Beziehungen wie sie ganz normale Studenten haben. Zum anderen ist sie aber eben eine professionell ausgebildete Geheimagentin, die in aller Welt gefährliche und actionreiche Aufträge zu erledigen hat (während ihre Freunde glauben, sie arbeite für eine weltweit operierende Bank).
Gegen Ende der ersten Folge herrschte dann bei mir ein Gefühl von allgemeiner Ratlosigkeit vor, weil ich wenn ich ehrlich bin bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr völlig durchblickte vor lauter Verschwörungen und Doppel- und Dreifachagenten. Wer arbeitet hier eigentlich gegen wen? Und was soll das bitteschön für eine Organisation sein, die offensichtlich von amerikanischem Boden aus operiert, aber angeblich der Feind ist? Wessen Feind denn? Und warum? Und wodurch?? Die erste Folge stellt Sydneys gesamtes Leben auf den Kopf und wirbelt auch in dem des Zuschauers so einiges durcheinander. Inzwischen, nach sechs Folgen, weiß ich: man muss das alles gar nicht so genau verstehen (dazu weiter unten mehr). Diese Fragen gehören zu den großen Mysterien von „Alias“, die bestimmt noch eine ganze Weile Teil der Serie sein und nicht so schnell aufgelöst werden. Schließlich ist hier J.J. Abrams am Werk, der später auch im Pilotfilm von „Lost“ eine ganze Reihe von Fragen aufgeworfen hat, die zum Teil am Ende der Serie noch immer nicht völlig zufrienden stellend beantwortet waren.

Als Sydney in der zweiten Episode den Entschluss fasst, SD6 – also die Organisation, für die sie (inzwischen nur noch scheinbar) arbeitet, die aber zu „den Bösen“ gehört – zu zerstören, ist das auch nur der Beginn eines wohl mehrere Staffeln andauernden Erzählstranges. Mit eigentlich ganz einfachen Mitteln und nur wenigen Figuren hat J.J. Abrams (der die ersten beiden Episoden geschrieben hat) hier scheinbar unbegrenzte erzählerische Möglichkeiten geschaffen. Zu den zentralen Fragen der Serie gehört dabei die nach der Wahrheit – was ist die Wahrheit? Bislang dachte Sydney, sie arbeite für „die Guten“, für die CIA, für Amerika. Diese Wahrheit wurde gleich zu Beginn der Serie als Lüge entlarvt. Das führt direkt zur nächsten Frage: Wem kann man (also Sydney, aber auch der Zuschauer) hier trauen? Wer sagt die Wahrheit und wer nicht? Mich würde es ja nicht überraschen, wenn das, was als Wahrheit gilt, im weiteren Verlauf der Serie noch mehrmals neu definiert wird, ähnlich wie in der Pilotfolge. Sydney hat die Wahrheit, SD6 sei der Feind, ziemlich schnell und unkritisch akzeptiert – vielleicht stimmt das gar nicht? Vielleicht sind die Personen, die nun behaupten, sie repräsentierten die echte CIA, in Wahrheit die Feinde? Mit zunehmender Dauer werden in „Alias“ wohl immer neue Ebenen von Wahrheit erreicht werden. Das Infragestellen der Wahrheit sät hier ständige Zweifel, was zu den Grundelementen vieler Fernsehserien gehört.

In der dritten Folge kommt dann ein weiteres Mysterium ins Spiel, dass auch noch eine ganze Weile Teil der Handlung bleiben wird: SD6 ist einem Wissenschaftler aus dem 15. Jahrhundert auf der Spur, der damals schon in Binärcode geschrieben, anscheinend das Handy erfunden und viele weitere tolle Dinge getan und erfunden hat, die seiner Zeit um Jahrhunderte voraus waren. Ich bin mir noch nicht sicher, wie mir dieses Science-Fiction-Element der Serie gefällt; jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, wo das hinführen soll. Aliens? Zeitreisen? Ein Besuch bei Dan Brown? Willkommen in der Welt von J.J. Abrams, wo alles möglich ist, man muss die Ausgangssituation nur so vage formulieren, dass es in alle Richtungen und prinzipiell ewig weiter gehen kann (was keinesfalls heißt, dass es nicht spannend und unterhaltsam wird).

Eine weiterer zentraler Handlungsbogen von „Alias“ ist natürlich die Beziehung Sydneys zu ihrem Vater, der von Victor Garber gespielt wird (den viele wohl als den Konstrukteur der Titanic kennen werden; auch in „Argo“ hat er kürzlich eine Rolle gehabt). Genau wie die anderen offenen Fragen der Serie bietet auch diese Thematik Stoff für mehrere Staffeln: Die Vergangenheit ihres Vaters, seine genaue Rolle innerhalb der Organisation, die anfangs scheiternden Kontakt- und Annäherungsversuche. Auch in dieser Beziehung wird es wohl noch so einige schockierende Offenbarungen geben.

Ein Schema der Serie, das ich bereits jetzt sowohl sehr verwirrend, als auch sehr amüsant finde, ist die Rekordzeit, in der in jeder Folge die Mission Briefings erfolgen. Da Sydney zumindest bisher in jeder Episode einen bestimmten Auftrag zu erledigen hat, muss sie (und mit ihr der Zuschauer) diesen natürlich vorher von ihren Vorgesetzten erklärt bekommen – Einsatzort und -ziel, beteiligte Personen, technische Hilfsmittel usw. Ich habe oben schon geschrieben, dass mich all diese in Windeseile vorgtragene Exposition schon in der ersten Folge verwirrt hat. Inzwischen weiß ich: das ist nicht weiter schlimm, denn darum geht es in der Serie überhaupt nicht. Es ist vollkommen egal, ob man im Detail verstanden hat, wie und warum Sydney in einer Einzelfolge einen konkreten Auftrag auszuführen hat. Es geht nämlich um zwei andere Dinge: Zum einen soll man natürlich die Durchführung der Auträge selbst genießen – wie Sydney sich in Vekleidung irgendwo einschleicht, Sicherheitssysteme umgeht und ihr ganzes Wissen und Können sowie irgendwelche technischen Spielereien dazu einsetzt, um ihre Aufgabe zu erledigen.
Zum anderen erfüllen diese Aufträge eine ganz essentielle Funktion: sie treiben die Handlung voran. Am Ende eines Auftrags wissen wir mehr, als vorher. Genauer gesagt wissen wir eigentlich weniger, weil aus den gewonnenen Erkenntnissen sofort neue, offene Fragen folgen (hat da jemand „Lost“ gerufen?), die dann unmittelbar zum nächsten Einsatz führen. Das Ende des einen Einsatzes ist schon der Anfang des nächsten Auftrages für Sydney; die Antwort auf eine Frage stellt zugleich die nächste Frage dar. „Alias“ bietet damit ein TV-Serienprinzip in perfektionierter Form. Hier ist jede Folge darauf angelegt, zur nächsten überzuleiten, die Serie weiter gehen zu lassen (was nicht unbedingt gleichbedeutend damit sein muss, dass wirklich die Handlung vorangetrieben wird und Fragen zufrieden stellend beantwortet werden). Es geht der Serie zuallererst einmal darum, weiter zu gehen, fortgesetzt zu werden. Schließlich ist das das Prinzip der Serie. Ganz anders verfahren beispielsweise aktuell Serien wie „Mad Men“ und „Breaking Bad“, die sich manchmal fast quälend lange Zeit für die Ausarbeitung ihrer Figuren nehmen – quälend deswegen, weil man eben manchmal den Eindruck hat, dass da fast gar nichts passiert. „Alias“ ist da meinen ersten Eindrücken nach eher mit „24“ zu vergleichen: hier passiert so viel, dass es eigenlich auch schon wieder egal ist, was da passiert. Hauptsache es herrscht nie Stillstand. Und ähnlich wie bei „Lost“ scheint es bislang nicht um einen Abschluss der Geschichte zu gehen, sondern erst einmal nur darum, eine große Zahl an Fragen aufzuwerfen. Ob die dann zur Befriedigung der Zuschauer beantwortet werden, ist zu diesem Zeitpunkt unmöglich zu sagen. (Dass „Alias“ in den ersten sechs Folgen wesentlich mehr Fragen als Antworten in den Raum stellt, will ich keineswegs kritiseren. Schließlich handelt es sich hier erst um den Beginn einer großen Erzählung. Ich sehe allerdings die Gefahr, dass das Ganze aus dem Ruder laufen könnte und bin sehr gespannt, an welchem Punkt die Serie nach ein oder zwei Staffeln stehen wird.)

Ich finde es sehr interessant, dass die einzelnen Episoden oft mitten während eines von Sydneys Einsätzen beginnen, dann erst zum Mission Briefing für den nächsten Auftrag übergehen und schließlich mitten in diesem nächsten Aufrag mit einem Cliffhanger abbrechen. Es geht in einer Einzelfolge von „Alias“ also nicht darum, einen dieser Einsätz im Detail und von Anfang bis Ende zu erzählen. Und deshalb ist es auch nicht unbedingt notwenig, dass man als Zuschauer alle Details und Hintergründe dieser Einsätze im Kopf hat. Man weiß sowieso, dass nach diesem Einsatz ein weiterer folgen wird und dass dieser nächste nach einem ähnlichen Muster ablaufen wird. Hauptsache es geht immer weiter. Ich werde Sydney Bristows Agentenleben jedenfalls auch weiter verfolgen und vielleicht irgendwann erneut darüber bloggen.