Hannibal – Season 1

Hannibal Lecter war schon immer eine faszinierende Figur. Gebildeter Akademiker, begabter Koch, Genussmensch – und gleichzeitig brutaler Serienmörder und Kannibale. Gerade diese Kombination macht den von Thomas Harris für seinen Roman „Roter Drache“ erdachten Charakter für viele Leser so interessant. In Michael Manns „Blutmond“ („Manhunter“), der ersten Verfilmung dieses Romans, war Lecter 1986 zum ersten Mal im Kino zu sehen, damals noch gespielt von Brian Cox. Aber erst die Verkörperung Lecters durch Anthony Hopkins fünf Jahre später in Jonathan Demmes Verfilmung des zweiten Lecter-Buches „Das Schweigen der Lämmer“ machte den Namen Hannibal Lecter zum weltweit bekannten Synonym für das Böse schlechthin und Hannibal Lecter zu einem der bekanntesten Filmbösewichte überhaupt.

1999 veröffentlichte Harris mit „Hannibal“ sein drittes Lecter-Buch. Kurz bevor Ridley Scotts Verfilmung des Romans zwei Jahre später in die Kinos kam, tauchte auch ich erstmals in die Welt von Hannibal Lecter ein; ich las die Romane, sah mir danach die beiden Filme an und war damals vor allem ein großer Fan von „Hannibal“. Die Special Limited Edition des Films mit den beiden blutroten (!) DVDs ist ein tolles Sammlerstück, das ich nie wieder hergeben möchte. 2002 kam schließlich die zweite Verfilmung von „Roter Drache“ ins Kino, die angesichts der Tatsache, dass Brett Ratner als Regisseur dahinter stand, überraschend gut war. Damit war die Kino-Trilogie mit Anthony Hopkins als Lecter komplett.

2006 folgte schließlich mit „Hannibal Rising“ noch ein weiterer Roman von Thomas Harris, in dem er Lecters Vorgeschichte erzählte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich allerdings das Interesse am Lecterversum wieder verloren, sicherlich auch deshalb, weil die dazugehörige Verfilmung von Lecters Jugendjahren von der Kritik zerrissen wurde (ich habe den Film bis heute noch nicht gesehen und auch das Buch nicht gelesen).

Als ich dann aber irgendwann im letzten Jahr davon las, dass es eine Hannibal-Fernsehserie mit Mads Mikkelsen in der Titelrolle geben würde, erwachte mein Interesse für die Figur und das Thema wieder. Hannibal Lecter ist zwar einerseits scheinbar untrennbar mit der Darstellung, Präsenz und Stimme von Anthony Hopkins verbunden, andererseits aber machte für mich die Nachricht, dass Mads Mikkelsen nun Hannibal Lecter spielen würde, irgendwie sofort Sinn. Das schien eine perfekte Castingentscheidung zu sein – und war es auch, wie ich nun bestätigen kann.

In den letzten Wochen habe ich mir alle 13 Episoden der ersten Staffel von „Hannibal“ angeschaut. Die Serie heißt zwar „Hannibal“, basiert aber (bislang) auf dem Buch „Roter Drache“. Die Handlung dieser ersten 13 Folgen hat allerdings noch nichts mit dem Roman zu tun, es wurden lediglich die Charaktere des Buches übernommen und eine größtenteils neue Geschichte erzählt. Auch wenn es dem Titel nach um Hannibal geht, steht er hier keineswegs allein im Vordergrund. Die eigentliche Hauptfigur ist der junge FBI-Profiler Will Graham (Hugh Dancy), der sich im Lauf dieser ersten Staffel mit Dr. Lecter anfreundet.

Bewusst zeigen die Autoren Hannibal Lecter nicht schon zu Beginn als das, von dem wir alle wissen, dass er es ist: als Serienmörder. Seine Identität als grausamer Killer wird lange nur angedeutet und auch später nur ganz kurz gezeigt. Da die Figur Lecters eine so bekannte ist, wird seinem Gegenüber Will Graham zunächst viel mehr Aufmerksamkeit zuteil, denn schließlich ist diese Figur dem Publikum längst nicht so gut bekannt wie Lecter. Lecter ist auch in der Serie ein wahnsinnig charmanter, intelligenter und eleganter Mann, von dem man sich gerne bekochen lassen würde und mit dem man anregende Gespräche führen möchte. Diese fast schon aristokratische Seite an Lecter vermittelt Mikkelsen sehr gut; gleichzeitig gibt er ihm aber auch von Beginn an den Schatten des Dunklen und Mysteriösen – oder sind das nur die Erwartungen, die der Zuschauer automatisch auf die Figur projiziert? Wie auch immer, Mikkelsen erweist sich jedenfalls als ideale Besetzung.

Will Graham ist jedoch wie erwähnt die Figur, die zunächst stärker ausgearbeitet wird. Der junge FBI-Agent verfügt über eine Begabung, die zugleich sein Fluch sein wird. Dank seiner hoch ausgeprägten empathischen Fähigkeiten fällt es ihm extrem leicht, sich in die Täter hineinzuversetzen, die all die schrecklichen Morde begangen haben, bei deren Aufklärung er dem Team von Jack Crawford (Laurence Fishburne) behilflich sein soll. Genau dies wird über die 13 Folgen hinweg aber immer mehr zum Problem. „There’s nothing he can’t understand and that terrifies him“, fasst Lecter an einer Stelle Wills zentrales Problem zusammen. Will kann sich tatsächlich in jeden Mörder hineinversetzen, jeden Tathergang nachvollziehen und bis in die Details hinein nicht nur rekonstruieren, sondern nacherleben. Auf diese Weise schafft er es, vollkommen die Perspektive des Mörders einzunehmen, ja er wird dabei gewissermaßen jeweils zu dem Täter, dessen Tat er aufzuklären helfen soll. Will erlebt die Morde so intensiv, als wäre er selbst dabei gewesen, als hätte er sie selbst begangen. Das führt dazu, dass ihn die Bilder dieser Taten immer mehr verfolgen und er sich immer weniger von den Morden distanzieren kann. Schließlich kommt er an einen Punkt, an dem er sich nicht mehr sicher ist, ob er nicht selbst zum Mörder geworden ist. An dieser Stelle scheint der Grat zwischen Genie und Wahnsinn ein sehr schmaler zu sein.

Hugh Dancy spielt dieses graduelle Verrücktwerden Grahams wirklich fantastisch. Ist er anfangs lediglich verwirrt und unsicher, schlägt diese Verwirrtheit schließlich immer mehr in Angst und Verzweiflung um bis Will sich schließlich nicht mehr sicher sein kann, was noch Realität ist und was nicht. All das bringt Dancy in seinem nuancierten Schauspiel wirklich sehr gut zum Ausdruck, als Zuschauer leidet man zeitweise förmlich mit ihm.

Die dritte, aber kleinste Hauptrolle in diesem fantastischen Cast hat Laurence Fishburne als Direktor der Behavioral Analysis Unit des FBI. Fishburne hat es anscheinend akzeptiert, dass er hier nicht im Vordergrund steht und einmal mehr den Mentor-Typen à la Morpheus („Matrix“) spielt. Das macht er aber erwartungsgemäß routiniert und überzeugend. Crawford ist es auch, der Lecter und Graham miteinander bekannt macht: Er holt Dr. Lecter ins Team, um Will Graham zu helfen, besser mit den schrecklichen Morden zurecht zu kommen. Ein fataler Fehler, wie sich später herausstellen wird – nicht nur deswegen, weil Lecter einer der Serienmörder ist, nach denen das FBI sucht (auch wenn Lecters zweite Identität natürlich noch niemandem bekannt ist). Neben Lecter, Graham und Crawford tauchen noch weitere aus dem Buch bekannte Charaktere in der Serie auf: Dr. Chilton, der Direktor des Baltimore State Hospitals for the Criminally Insane (wo in „Das Schweigen der Lämmer“ die erste Begegnung zwischen Clarice Starling und Lecter stattfindet) wird hier von Raúl Esparza gespielt, der zwar überhaupt keine Ähnlichkeit mit Anthony Heald hat, dem Darsteller der Figur in „Das Schweigen der Lämmer“ und „Roter Drache“, sie aber dennoch genauso schmierig und unsympathisch anlegt. Schade, dass er bis jetzt nur in drei Folgen vorkam! Aus dem Klatschreporter Freddy Lounds wurde für die Serie eine Frau, Fredricka „Freddie“ Lounds (Lara Jean Chorostecki). Und wie es sich heute gehört, schreibt sie auch nicht für ein lokales Käseblatt, sondern für eine Klatschwebsite, die über spektakuläre Kriminalfälle berichtet. Es ist schon lange her, seit ich „Roter Drache“ gelesen habe, aber ich habe das Gefühl, dass Will Graham hier die Figur ist, die am stärksten ausgebaut wurde (Bryan Fuller hat allerdings in einem Interview erzählt, dass diese Komplexität Wills bereits in den Büchern vorhanden war und lediglich nicht in die bisherigen Verfilmungen übernommen wurde).

Sehr gut gefallen hat mir Hannibal Lecters Psychotherapeutin, Dr. Bedelia Du Maurier. Richtig gelesen, der Psychoanalytiker Dr. Lecter sucht in der Serie selbst reglemäßig eine Therapeutin auf. Sie wird gespielt von der großartigen Gillian Anderson (ich bin ein Fan von ihr, obwohl ich in meinem ganzen Leben bislang nur etwa 1,5 Folgen von „Akte X“ gesehen habe; ich mag ihre Ausstrahlung einfach unglaublich gerne). Interessant an Lecters Beziehung zu Dr. Du Maurier ist vor allem die Frage, wie viel sie über ihren Patienten und seine mörderischen und kannibalischen Neigungen weiß. In dieser Richtung hat die Serie bislang lediglich ein paar Andeutungen gemacht.

— Spoilerwarnung: Die folgenden drei Absätze enthalten Spoiler zum Ende der ersten Staffel. Ich bleibe zwar vage und verrate keine Details, aber wer sich die Spannung nicht nehmen lassen möchte, sollte die kommenden drei Absätze lieber überspringen! —

Der Kern der Serie ist bislang eindeutig die Beziehung zwischen Will Graham und Dr. Hannibal Lecter. Lecter erkennt sich selbst in dem jungen, begabten FBI-Agenten wieder und ich glaube, er sorgt sich wirklich um ihn und möchte ihm helfen. Gleichzeitig möchte Lecter natürlich seine „Nebentätigkeit“ als Serienmörder geheim halten und genau dieser Drang ist der entscheidende Punkt, an dem seine Freundschaft und Fürsorge zu Will schließlich endet. Als er nämlich die Möglichkeit sieht, Wills Zustand auszunutzen, um ihm jene Morde anzuhängen, die er selbst begangen hat, nutzt er sie sofort. Er fördert Wills Krankheit ja sogar noch, anstatt sie zu heilen und an diesem Punkt ist er dann leider doch kein Freund für Will mehr, sondern sein böses Spiegelbild. Dass Lecter hier der eigentliche Feind ist, hat außer Will am Ende der Staffel noch niemand begriffen und auch Will kommt leider zu spät hinter Lecters Geheimnis. Die letzten Folgen der Staffel sind von der Frage geprägt, ob Hannibal Lecter enttarnt wird und wie er das dann verhindert, ist wirklich toll geschrieben und wurde schon die ganze Staffel über angelegt.

Dass das Ganze dann in einer Spiegelung der klassichen Situation aus „Das Schweigen der Lämmer“ und „Roter Drache“ endet, gefällt mir sehr gut. Viele werden das sicher dämlich finden, ich aber finde es vor allem interessant, dass nach „Star Trek Into Darkness“ hier nun ein weiteres Mal im popkulturellen Bewusstsein fest verankerte Charaktere und Situationen einem Update unterzogen werden, indem das bekannte Szenario einfach „umgedreht“ wird. Die grundlegenden Eigenschaften der Figuren bleiben in beiden Fällen die gleichen, aber die Positionen der Figuren in der Erzählung werden vertauscht.

Das Ende ist dann in diesem Fall ein äußerst tragisches: natürlich für Will, aber auch für Jack Crawford (der diese Tragik nur noch nicht sehen kann). Crawford hat ja Lecter in Wills Leben gebracht, aus genau dem Grund, um Wills psychische Gesundheit zu erhalten. Stattdessen hat Lecter Will einfach benutzt und das genaue Gegenteil erzielt. Crawford bleibt dabei bis zum Schluss vollkommen ahnungslos. Lecter hat fast alle hinters Licht geführt.

— Spoiler Ende —

Neben der Tatsache, dass „Hannibal“ in allen Bereichen erstklassige Unterhaltung bietet, finde ich an der Serie vor allem interessant, dass man sie in eine Reihe mit einigen anderen aktuellen Serien stellen kann, die ihr in der Ausgangssituation ähnlich sind. Hannibal Lecter ist ein Serienmörder, was aber zu Beginn der Serie keiner der anderen Protagonisten weiß. Allein daraus entsteht ja schon ein Spannungsverhältnis, denn wenn die Figuren hier eine Entwicklung durchmachen sollen, muss Lecters Geheimnis früher oder später ans Licht kommen. Wann und wie also werden Crawford, Graham und die anderen herausfinden, dass Lecter ein Mörder und Kannibale ist? Wird Lecter einen Fehler machen und sich unabsichtlich selbst verraten? Erzählerisch bewegen sich die Autoren hier auf einem schmalen Grat: Denn einerseits möchte man als Zuschauer ja, dass die anderen Lecter auf die Schliche kommen, andererseits möchte man aber auch, dass er möglichst lange ungeschoren davonkommt. Eine ähnliche Konstellation findet man in „Dexter“ – auch dort ist die Hauptfigur ein Serienmörder, auch dort weiß zu Beginn der Serie noch niemand etwas davon. Und auch dort sympathisiert man mit der Hauptfigur, fragt sich aber gleichzeitig ständig, wie die Serie weitergehen würde und sich die Beziehung Dexters zu den anderen Protagonisten verändern würde, wenn einer oder mehrere von ihnen hinter sein Geheimnis kämen. Ähnliches gilt auch für „Breaking Bad“; Walter White begibt sich hier im Lauf der Serie auf einen Pfad, der ihn vom Status eines rechtschaffenen Bürgers in immer tiefere kriminelle und moralische Abgründe führt. Die Gründe für seine Verbrechen sind zwar andere als bei Hannibal oder Dexter, doch auch hier fiebert man mit der Hauptfigur mit und möchte manchmal geradezu applaudieren, wenn Walter White in seiner Heisenberg-Identität Erfolge feiert indem er zum Beispiel skrupellos seine Gegner und Konkurrenten ausschaltet. Gleichzeitg steht lange Zeit ständig die Frage im Raum, ob Walts Schwager Hank, der bei der Drogenfahndung arbeitet, jemals hinter Walts Geheimnis kommen und ihn verhaften wird.

Weiterhin scheint der Trend in Fernsehserien in den letzten Jahren zu „gestörten, aber sympathischen“ Hauptfiguren zu gehen. Will Graham in „Hannibal“ ist dem FBI dank seiner stark ausgeprägten empathischen Fähigkeiten eine große Hilfe, gleichzeitig zerbricht er aber an den Konsequenzen, die diese Fähigkeiten in ihm auslösen. Auch Sherlock Holmes in „Sherlock“ verfügt über für seine Mitmenschen nicht nachvollziehbare geistige Fähigkeiten, dank derer er zu unglaublichen Denkleistungen in der Lage ist, zugleich hat er aber Defizite im sozialen Umgang mit seinen Mitmenschen. Und auch Dexter ist in seinem Job ein für die Polizei wertvoller Experte, gleichzeitig aber „gestört“ und schleppt einen „dark passenger“, wie er es nennt, mit sich herum, der ihn dazu zwingt, Morde zu begehen.

„Hannibal“ ist eine äußerst faszinierende Serie, die in allen Bereichen – Darsteller, Drehbücher und Storyentwicklung, Setdesign – sehr gute Fernsehunterhaltung bietet. Im nächsten Jahr wird es eine zweite Staffel geben und wenn es nach Bryan Fuller geht, sollen es insgesamt sogar sieben werden. Wie er in dem bereits erwähnten Interview erläutert hat, sollen die ersten drei Staffeln neue Geschichten erzählen, während die Staffeln vier bis sechs auf den Büchern „Roter Drache“, „Das Schweigen der Lämmer“ und „Hannibal“ basieren sollen. Das würde natürlich auch bedeuten, dass bekannte Charaktere wie Clarice Starling, Francis Dolarhyde oder Jame Gumb doch noch in der Serie vorkommen. Die zweite Staffel wird bereits gedreht, die weitere Zukunft der Serie ist aber noch nicht sicher, zumal Fuller sich bisher nur die Rechte an „Roter Drache“ gesichert hat. Ich bin von Fullers Plan wirklich begeistert und wünsche ihm dabei alles Gute (und immer wieder grünes Licht für eine weitere Staffel!). Ganz besonders seine Idee, in der letzten und siebten Staffel schließlich zu erzählen, wie die Geschichte von Hannibal Lecter und Clarice Starling nach dem Ende des Romans „Hannibal“ (das ein anderes ist als das des Films) weitergeht, finde ich reizvoll. Generell finde ich ja, dass man mehr Romane in Serienform verfilmen sollte (hoffentlich macht das irgendwann einmal jemand mit den „Harry Potter“-Büchern!). „Hannibal“ ist jedenfall eine weitere Serie, die nun für mich zur Pflicht geworden ist und die ich in ihrer Gänze anschauen möchte. Ich freue mich schon auf die zweite Staffel.

Star Trek Into Darkness

Nachdem ich „Star Trek Into Darkness“ inzwischen schon zweimal im Kino gesehen und habe und den Film einfach fantastisch finde, muss ich einfach ein paar Zeilen über ihn verlieren. Mein Herz schlägt seit 18 Jahren für „Star Wars„, aber ich habe auch „Star Trek“ immer geliebt, alle Kinofilme mehrmals gesehen, einen Großteil der Episoden aller Serien angeschaut und war von der Idee der Autoren des 2009er Reboots, eine alternative Zeitlinie einzuschlagen, wirklich begeistert. Ich glaube ja, dass die Tatsache, dass Regisseur J.J. Abrams „Star Trek“ zwar kannte, bevor er damals die Regie des Films übernahm, aber nie wirklich ein Fan davon war, dem Film sehr zugute gekommen ist; nur jemand, der das Phänomen „Star Trek“ ein wenig von außen betrachten konnte und nicht aus dem Blick eines Fans, konnte wohl den Mut und die Entschlossenheit haben, einen so radikalen Schritt wie die Zerstörung von Vulkan und die Verlagerung der gesamten Erzählung in ein Paralleluniversum in Betracht zu ziehen und durchzusetzen. (Das bringt mich jetzt wieder zu der Sorge darüber, was der erklärte „Star Wars“-Fan Abrams in „Episode VII mit „Star Wars“ anrichten wird, aber das ist ein anderes Thema.)

Mehrmals habe ich in den letzten Tagen in verschiedenen Kritiken zum nun erschienenen Sequel „Star Trek Into Darkness“ gelesen, es sei schade, dass auch dieser zweite Film den Zuschauer zwar auf eine extrem unterhaltsame Action-Achterbahnfahrt schickt, es aber nicht schafft, essentielle Fragen des „Star Trek“-Universums ausreichend zu thematisieren (die Bedeutung der obersten Direktive wird beispielsweise nur kurz angerissen). Dazu will ich Folgendes sagen: In den Kinofilmen der Reihe lag der Actionanteil stets höher als in den Serien. Die Filme waren darauf angewiesen, ein großes Publikum zu erreichen, das nur zu einem relativ kleinen Teil aus Fans bestand. Ausführliche Diskussionen philosophischer oder ethischer Fragen waren da natürlich fehl am Platz – und wenn man es mal versucht hat, ging das eher nach hinten los (siehe die Filme Nr. 5 & 9). In einer Fernsehserie, bei der nicht in jeder Folge alle Charaktere bedient werden wollen und nicht auch noch jedes Mal eine ordentliche Portion Spannung und Action enthalten sein muss, kann man es sich natürlich leisten, mal zum Beispiel eine ganze Episode lang über die Todesstrafe zu diskutieren. Ein zweistündiger Kinofilm muss aber all das auf einmal unter einen Hut bringen und zudem noch möglichst viele Zuschauer ansprechen, die sich im „Star Trek“-Universum bislang noch kaum oder gar nicht auskennen. Am besten gelungen ist dieser schwierige Spagat zwischen Tiefgang und Unterhaltung bislang im besten der alten „Star Trek“-Filme, dem zweiten („Der Zorn des Khan“). Bei „Star Trek Into Darkness“ hat man sich für etwas weniger Tiefgang entschieden als das vielleicht möglich gewesen wäre, dafür hält der Film genau wie Teil eins sein Tempo konstant hoch und reiht eine beeindruckende Actionsequenz an die nächste. Mich persönlich stört das überhaupt nicht, denn Kino ist nun mal nicht Fernsehen (und platt ist die in „Into Darkness“ erzählte Geschichte deswegen noch lange nicht).

Für mich ist „Star Trek Into Darkness“ ein nahezu perfekter SciFi-Actionfilm, der mich mehrmals überraschen konnte. Und damit bin ich bei der zweiten mutigen Entscheidung von J.J. Abrams: seiner Geheimniskrämerei. Selbst ein Fan – wenn auch nicht von „Star Trek“ – weiß der Mann ganz einfach, wie schön es sein kann, ins Kino zu gehen und nicht schon bis ins Detail zu wissen, was einen erwartet. Die Trailer der meisten großen Filme nehmen inzwischen viel zu viel von deren Handlung vorweg und im Internet kann man oft schon Monate vor dem Kinostart die kleinsten Storydetails (manchmal sogar das komplette Drehbuch!) vieler Filme finden. Deswegen finde ich es höchst bewundernswert, dass J.J. Abrams sich dazu entschieden hat, bei jedem seiner Projekte gerade so viel nach außen dringen zu lassen, dass man neugierig wird – mehr aber nicht. Mir ist natürlich bewusst, dass es auch eine brillante Marketingstrategie darstellt, die Internetfangemeinde monatelang über die Identität des von Benedict Cumberbatch gespielten Antagonisten rätseln zu lassen. Aber ich nehme es Abrams ehrlich ab, dass er diese Geheimniskrämerei nicht nur aus Marketingzwecken betreibt, sondern weil er wirklich daran glaubt, dass man im Kino am besten unterhalten wird, wenn man vorher möglichst wenig über den Ablauf des Films weiß. Und gerade weil mir Abrams‘ Absichten so glaubwürdig und ehrenhaft erscheinen, bin ich auch bereit, meinen Teil zu dieser Strategie beizutragen und habe deshalb in den Monaten und Wochen vor dem Kinostart des neuen „Star Trek“-Films alle Spoilerfallen bewusst gemieden. Ich habe fast keine Kritiken gelesen, ich habe mich nicht in Fan-Foren umgesehen, den letzten Trailer zum Film habe ich im Internet gar nicht mehr angeschaut.

Dass ich „Star Trek Into Darkness“ so fantastisch fand, dass der Film eine so überwältigende Wirkung auf mich hatte wie sie wirklich nur selten ein Film hat, hat zu einem großen Teil damit zu tun, dass ich eben dieses Mal vorher schlicht und einfach fast nichts über die Handlung wusste. Aber auch damit, dass es sich einfach um einen sehr, sehr guten Film handelt. Das geht schon beim Drehbuch los: Zwar ist die Handlung insgesamt nicht besonders komplex, doch die Dialoge und die Ausarbeitung und Weiterentwicklung der meisten Figuren so gut gelungen, dass das Zuschauen und -hören eine große Freude ist. Die Darsteller müssen einen Riesenspaß dabei gehabt haben, sich die Textzeilen wie Tischtennisbälle zuzuspielen. Die Humordichte ist dabei zum Teil sehr hoch, aber das Schöne ist, dass die Lacher hier nie um ihrer selbst willen in den Film geschrieben worden sind, sondern stets der Charakterisierung der Figuren dienen (gut, ein paar wenige Ausnahmen gibt es, aber die haben micht überhaupt nicht gestört). Das beste Beispiel ist die Szene, in der Spock und Uhura in einem Shuttel ihre Beziehungsprobleme diskutieren, sehr zum Unwohlsein ihres Captains, der das Ganze nicht nur mit anhören muss, sondern auch noch mit hinein gezogen wird. Des Weiteren gibt es eine ganze Reihe von Anspielungen, die dem „Star Trek“-Kenner ein Grinsen ins Gesicht zaubern und die eines der Mittel sind, die diesen Film, der doch sowohl optisch als auch inhaltlich Lichtjahre vom alten „Star Trek“ entfernt zu sein scheint, mit der „Classic“-Serie verbinden und helfen, ihm das entscheidende „Star Trek“-Feeling zu verpassen.

Dieses Feeling ist aber nicht nur den Dialogen und den nur für Fans gemachten Anspielungen zu verdanken, sondern in erster Linie den Darstellern. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber nach diesen beiden Filmen von J.J. Abrams akzeptiere ich Chris Pine, Zachary Quinto und auch alle anderen Darsteller der Crewmitglieder ebenso in den Rolle von Kirk, Spock usw. wie die Originaldarsteller aus der klassichen Serie. Irgendwie haben Abrams, seine Drehbuchautoren und seine Schauspieler das schier unmögliche Kunststück hinbekommen, die ikonenhaften Originalfiguren nicht zu kopieren, beim Zuschauer aber dennoch das Gefühl zu wecken, als kenne er diese Charaktere schon jahrzehntelang. Das hat sicherlich viel damit zu tun, dass wir im ersten Film das Zusammenkommen und gegenseitige Kennenlernen dieser Crew miterleben durften und auch damit, dass die beiden Filme in einer alternativen Realität (quasi einem Spiegeluniversum) spielen, so dass sich die Autoren und Schauspieler zwar an entscheidende Grundkomponenten halten können und müssen (Vulkanier haben spitze Ohren, Kirk und Spock werden enge Freunde), aber eben in einigen entscheidenden Punkten davon abweichen, um „Star Trek“ aufzufrischen und zu erneuern (Spock darf zum Beispiel etwas emotionaler sein als früher).

Dieses Spielen mit Details findet sich im Film auf allen Ebenen. Immer wieder entdeckt man bekannte Elemente, die durch Neues verändert und modernisiert worden sind (oder umgekehrt). Die „Wollkragen“ einiger hochrangiger Sternenflottenoffiziere (sind das Admiralsuniformen? Da kenne ich mich zu wenig aus…) haben mich beispielsweise sehr an die Filme mit William Shatner und Co. erinnert und dazu beigetragen, dass ich den Film wie von selbst als „Star Trek“ akzeptiert habe, obwohl doch vieles – zum Beispiel die grauen Uniformen, die die Figuren in einigen Szenen tragen – vollkommen anders aussieht, als man es vom alten „Star Trek“ gewohnt war. Das gleiche gilt für das Design der Enterprise, die aus manchen Blickwinkeln fast so aussieht wie das Modell aus den 1960er Jahren, aus anderen dagegen überhaupt nicht.

In einem „Star Trek“-Fanforum habe ich vor ein paar Tagen heftige Diskussionen darüber mitgelesen, ob es ein kreatives Armutszeugnis sei, dass sich die Filmemacher für die Handlung von „Star Trek Into Darkness“ auf bereits etablierte Figuren stützen, statt etwas vollkommen Neues zu erfinden (schließlich muss man sich dank der eröffneten alternativen Zeitlinie ja theoretisch an keinen Kanon halten). Ich bin überhaupt nicht dieser Ansicht, denn auch hier ist es geglückt, bekannte Figuren und Handlungsbögen mit einem Twist zu versehen und genau darin lag für mich das Vergnügen beim Anschauen. Irritiert hat mich allein, dass ich bei einer hochemotionalen Szene am Ende des Films nicht aufhören konnte zu grinsen, obwohl das Geschehen eigentlich zum Weinen war. Aber so ist das nun mal, wenn eine der bekanntesten Szenen der Kinogeschichte noch einmal aufgegriffen, dabei aber gespiegelt wird, ohne zur Parodie zu verkommen. „Star Trek“ thematisiert sich selbst – willkommen im Meta-Universum!

Dass ich die Schauspieler in ihren Rollen alle großartig finde, habe ich schon geschrieben und das war nach dem ersten Teil auch nicht mehr überraschend. Im zweiten Teil kommen nun ein paar Neuzugänge hinzu. Peter Weller spielt Admiral Marcus, den Oberkommandierenden der Sternenflotte. Ohne zuviel zu verraten kann ich nur sagen, dass ich den Darsteller in der Rolle zunächst äußerst unpassend fand, später wurde mir aber klar, warum man ihn gecastet hat. Alice Eve spielt Carol Marcus, die Tochter des Admirals, die als weitere Wissenschaftsoffizierin an Bord der Enterprise kommt. Ihre Rolle ist die wohl undankbarste im ganzen Film, was aber überhaupt nicht negativ gemeint ist, sondern im Gegenteil ein weiteres Kompliment an die Filmemacher darstellt: Abrams und seine Autoren haben ganz klar langfristig gedacht und Carol Marcus hier als Figur etabliert, ohne sie auf Kosten der Geschichte unnötig in den Vordergrund zu rücken. Ich bin mir sicher, dass sie im nächsten Film eine wichtigere und interessantere Rolle einnehmen wird und dafür dann auf ihre Darstellung in diesem Film aufgebaut werden kann. Dann ist da natürlich noch Benedict Cumberbatch als Terrorist John Harrison (ich hätte ihn ja Ringo McCartney genannt…). Dieser Schauspieler und sein unglaublicher Erfolg in den letzten Jahren sind ja ein Phänomen für sich. Natürlich bin auch ich ein großer „Sherlock“-Fan (interessant übrigens, dass darin mit den Sherlock Holmes-Geschichten ähnlich verfahren wird wie im neuen „Star Trek“ mit dem „Star Trek“-Mythos) und dementsprechend auch ein großer Cumberbatch-Fan. Das ist also vielleicht der einzige Aspekt des Films, von dem ich nicht überrascht war: dass Benedict Cumberbatch als John Harrison einfach wahnisinnig charasmatisch ist und sämtliche Facetten dieser Figur mit Genuss ausspielt. „Star Trek Into Darkness“ zieht eine ähnlich Masche durch wie zuletzt schon „Skyfall“ und „The Avengers“: Der Oberbösewicht lässt sich gefangen nehmen und scheint damit zunächst unter Kontrolle zu sein, bis dann klar wird, dass alles genau nach seinem Plan verläuft. Aber viel mehr als in den beiden anderen genannten Filmen habe ich hier vorübergehend tatsächlich geglaubt, dass dieser Bösewicht es wirklich meint, wenn er sagt, er stehe auf der Seite der Helden. Es ist zum Großteil Cumberbatchs Schauspielkunst – nicht zuletzt seiner tiefen, hypnotischen Stimme – zu verdanken, dass man sich von seiner Figur einlullen lässt. Umso größer ist der Schock dann später, als er… aber mehr sollte ich jetzt wirklich nicht verraten, auch wenn das hier eh fast niemand liest. 😉

Ich könnte noch auf einige weitere, ebenfalls großartig gelungene Aspekte des Films eingehen, will aber doch allmählich zum Ende kommen. Nur noch Folgendes: Ich bin sehr gespannt, was J.J. Abrams mit „Star Wars“ anfangen wird. Den Weg des Reboots kann er dort ja nicht wählen, schließlich soll die Geschichte in Episode VII sinnvoll weiter erzählt werden. Aber obwohl ich großer „Star Wars“-Fan bin, wäre es mir eigentlich noch lieber, Abrams würde „Star Wars“ links liegen lassen und sich stattdessen voll auf den nächsten „Star Trek“-Film konzentrieren. Denn hinter dem möchte ich das gleiche Kreativteam am Werk sehen, dem wir die letzten beiden Filme zu verdanken haben. Abrams hat zwar wirklich einen Schlag, was seinen Lens Flare-Fetisch betrifft, davon abgesehen finde ich seine „Star Trek“-Filme aber fast perfekt und kann mir nicht vorstellen, dass der dritte Teil dieses Niveau halten kann, wenn Abrams nicht mehr so stark involviert ist. Zwar besteht theoretisch die Möglichkeit, dass Abrams „Star Wars“ dreht, der im Sommer 2015 erscheinen soll und danach sofort die Dreharbeiten zum „Star Trek“-Threequel startet, das 2016 zum 50-jährigen Trek-Jubiläum in die Kinos kommen soll. Doch unter einem derart gehetzten Vorgehen würden womöglich beide Filme leiden.

Nun hat er uns aber erst einmal „Star Trek Into Darkness“ geschenkt, den für mich bis jetzt besten Film des Jahres. Popcorn-Kino, bei dem man vor Spannung und vor Lachen vergisst, dass man einen Popcorneimer auf dem Schoß stehen hat, perfekte Unterhaltung längst nicht nur für Trekkies (aber für die ganz besonders, wenn sie sich auf das „Star Trek“ von J.J. Abrams einlassen können). Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass Abrams einen noch besseren Film hinkriegt (ein paar Ideen und meine eigene Meinung dazu hätte ich natürlich…), aber er soll es bitte, bitte mit allen Kräften versuchen. Wie sagte doch Captain Pike zu James T. Kirk im ersten Film? „I dare you to do better!“