„The English version of a happy ending“: Downton Abbey – Series 6

Am 04. August ist in Deutschland die sechste Staffel von „Downton Abbey“ auf DVD und Bluray erschienen. Die Staffeln drei, vier und fünf habe ich bereits hier im Blog besprochen und weil mir zumindest in dieser Hinsicht Traditionen genauso wichtig sind wie einigen der Bewohner von Downton Abbey, widme ich nun auch der sechsten und letzten Staffel einen Blogpost.

"Downton Abbey" - Die 6. Staffel auf Bluray

Seit dem 04.08. auf DVD & Bluray erhätlich: Die 6. Staffel von „Downton Abbey“

Ich habe bereits in meinen Blogposts zu den anderen Staffeln einiges darüber geschrieben, dass „Downton Abbey“ im Grunde „nur“ eine Soap Opera ist – wenn auch eine mit außergewöhnlich guten Schauspielern, tollen Kulissen und aufwändigen Kostümen. Zu den wichtigsten Regeln einer Soap Opera gehört es, dass sie auf Endlosigkeit hin angelegt ist; Soaps können immer weiter erzählt werden, wozu ihnen jede noch so unwahrscheinlich erscheinende Wendung der Ereignisse und Häufung von Krisen und Problemen recht ist. Da von „Downton Abbey“ nicht vier oder fünf Episoden pro Woche, sondern nur neun pro Jahr produziert worden sind, fällt diese Häufung der Ereignisse nicht so stark ins Gewicht. Zudem erstrecken sich die von der Serie abgedeckten Ereignisse auf einen Zeitraum von 14 Jahren. Dennoch werden die Charaktere natürlich auch hier in weitaus größerem Maß zum Opfer von Intrigen, Krisen, Unfällen und anderen Widrigkeiten, als dies in der Realität der Fall ist. Oder täuscht dieser Eindruck? Sind es vielleicht einfach nur die Probleme, die erzählenswert erscheinen? Durchleben auch die Figuren in „Downton Abbey“ immer wieder lange Phasen des Glücks oder sogar der Langeweile, die in der Serie aber schlicht weggelassen werden, weil sie aus narrativer Sicht nicht interessant sind? Sicher ist jedenfalls (und das ist jetzt ein großer Spoiler fürs Serienfinale!), dass am Ende der Serie alle Figuren ihr Glück gefunden haben. Das ist zum einen verständlich: Aus narrativer Sicht ist die Serie am Ende nicht auf das Fortbestehen alter oder Auftauchen neuer Krisen angewiesen. Es muss schließlich nichts weitererzählt werden. Die Figuren können nun glücklich bis an ihr Lebensende leben. Die Fans der Serie sind beruhigt, weil sie wissen, dass sie sich um ihre Lieblinge nun nicht mehr zu sorgen brauchen. Ich persönlich fand die Entscheidung, alles gut ausgehen zu lassen, allerdings etwas langweilig und noch unglaubwürdiger als so manche der narrativen Wendungen zuvor. Ich hatte fest damit gerechnet, dass wenigstens eine Figur sterben würde, aber sogar Violet Crawley (Maggie Smith), die zu diesem Zeitpunkt wohl mindestens hundert Jahre alt ist, überlebt das Serienfinale. Womöglich konnte es Serienschöpfer Julian Fellowes (der übrigens alle 52 Episoden selbst geschrieben hat) nicht übers Herz bringen, eine oder oder mehrere seiner Figuren zu töten (er hat dies im Verlauf der Serie ja nur dann getan, wenn Schauspieler aussteigen wollten), vielleicht wollte er den Fans aber auch einfach ein rundum perfektes Happy End schenken.

Joanne Froggat & Brendan Coyle

Anna (Joanne Froggatt) und ihr Ehemann Mr. Bates (Brendan Coyle)

Bis es zum Happy End kommt, gibt es aber für fast alle Figuren noch genug zu leiden. Gelegentlich wirkt es dabei so, als kommentierten die Charaktere selbst ihr eigenes Dasein als Soap-Figuren. Als beispielsweise wieder einmal der örtliche Polizist Sergeant Willis sein Kommen ankündigt, kommentiert dies der Butler Mr. Carson (Jim Carter) trocken mit den Worten: „Do other butlers have to content with the police arriving every ten minutes?“ Man könnte ihm antworten: Nein, nur in einer Soap Opera muss sich der Butler ständig mit solchen Problemen herumschlagen. Der Grund des Besuchs von Sergeant Willis ist immer noch der Mord an Annas Vergewaltiger Mr. Green. Annas Ehemann, John Bates (Brendan Coyle), ist noch immer nicht von dem Verdacht befreit, der Schuldige in diesem Mordfall zu sein, worunter er und Anna leiden. „Do you ever think of a time when we’re told the whole Mr. Green business is over?“, fragt er Anna an einer Stelle. Diese Frage verweist auf das Soap-Gesetz, wonach die Protagonisten zwar von einer sorgenfreien Zukunft träumen, diese jedoch niemals erreichen dürfen, solange die Soap noch fortgesetzt wird. Eine Krise muss entweder immer wieder verlängert werden – wie im Fall des Zweifels an Mr. Bates Unschuld – oder durch eine neue Krise ersetzt werden. Zum Glück befindet sich das Ehepaar Bates hier aber in der letzten Staffel einer Serie; das Leiden darf also ein Ende nehmen. Die Zweifel an Mr. Bates Unschuld werden ausgeräumt und auch alle anderen Probleme, die Anna und John Bates haben, lösen sich im Verlauf der sechsten Staffel in Luft auf.

„I feel so completely, completely happy“

Laura Carmichael, Elizabeth McGovern & Michelle Dockery

Cora (Elizabeth McGovern) mit ihren beiden Töchtern, Lady Edith (Laura Carmichael) und Lady Mary (Michelle Dockery)

Auch für die beiden überlebenden Crawley-Töchter geht am Ende alles gut aus. Sowohl Lady Mary (Michelle Dockery) als auch Lady Edith (Laura Carmichael) finden die große Liebe und heiraten. Normalerweise hält das Glück, das Hochzeiten versprechen, in Soap Operas nie besonders lange an. Das hat sich auch bei „Downton Abbey“ im Verlauf der Serie mehrmals gezeigt: Marys erster Ehemann Matthew ist am Ende der dritten Staffel überraschend verstorben (daran war zugegeben der Wunsch des Darstellers nach einem Ausstieg aus der Serie schuld, doch man kann sich sicher sein, dass die Ehe unter anderen Problemen gelitten hätte, wenn Matthew überlebt hätte). Edith wiederum ist einmal der Bräutigam kurz vor der Trauung davongelaufen. Nun jedoch dürfen beide endlich glücklich sein, es besteht schließlich aus narrativer Sicht mehr kein Bedarf an Unglück, das noch Erzählstoff liefern müsste. Im Fall von Lady Edith ist das besonders erfreulich, schließlich musste die Arme über sechs Staffeln hinweg so einiges mitmachen und hatte immer wieder Pech mit ihren Männern. In einem Dialog zwischen ihrer Tante Rosamund (Samantha Bond) und ihrer Großmutter wird auch dies kommentiert:

Rosamund: „We didn’t always think there’d be a happy ending for Edith.“
Violet: „Well, there’s a lot at risk, but with any luck, they’ll be happy enough. Which is the English Version of a happy ending.“

Hier wird also immerhin keine vollkommen rosige Zukunft in Aussicht gestellt, sondern darauf Bezug genommen, dass Lady Edith und ihr „Bertie“ in ihrer Ehe noch so einige Probleme zu bewältigen haben werden. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit hat jedoch Lady Edith selbst: „It’s so strange, I feel so completely, completely happy. I don’t think I’ve ever felt that before.“ Auch das wirkt wieder wie ein Meta-Kommentar der Figur auf ihren Status als Soap-Charakter. Doch nun gilt: Ende gut, alles gut.

„This life is over for us“

Noch stärker als in der vierten und fünften Staffel ist dieses Mal der Wandel der britischen Gesellschaft ein Thema. Das zeigt sich vor allem an der schon in der ersten Folge der Staffel angesprochenen Tatsache, dass die Zahl der Diener im Anwesen drastisch reduziert werden soll. Nicht nur gibt es immer weniger dieser großen Anwesen im Land, auf denen eine so große Dienerschaft tätig ist. Die Familie kann es sich auch einfach schlicht nicht mehr leisten, diesen Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Selbst Robert (Hugh Bonneville) sieht das mittlerweile ein, wie in einem (von mir hier gekürzt wiedergegebenen) Dialog mit seiner auf Traditionen und die Aufrechterhaltung der Lebensweise der britischen Adelsklasse bedachten Mutter deutlich wird:

Robert: „To be honest, I am starting to ask myself how much longer we can go on with it all.“
Violet: „Well, go on with what?“
Robert: „The household, the servants.“
Violet: „You think it’s a bit too much in 1925.“
Robert: „Who lives as we used to now?“
Violet: „It seems hard that men and women should lose their livelihoods because it’s gone out of fashion.“

Maggie Smith

Violet Crawley, Dowager Countess of Grantham (Maggie Smith)

Violet sorgt sich hier nicht nur um ihren eigenen Lebensstandard, sondern auch um die Existenzgrundlage der Dienerschaft, was auf die enge Beziehung zwischen dem Adel und den Dienern hinweist. Den Crawleys ergeht es jedenfalls noch vergleichsweise gut. In der ersten Folge besuchen einige von ihnen eine Auktion, bei der die Besitztümer eines anderen Adelshaushalts versteigert werden. Dessen Besitzer konnte sich das Leben als Adeliger schlicht und einfach nicht mehr leisten. „This life is over for us. It won’t come back.“, stellt er fest. Lady Mary will überhaupt nicht einsehen, dass ihre Familie etwas an ihrer Lebensweise ändern soll. Doch auch sie kann die Veränderung nicht aufhalten. Ein bezeichnendes Beispiel ist die Öffnung des Anwesens für die Öffentlichkeit, die in der sechsten Staffel für einen einzigen Tag erfolgt. Bereits im Vorfeld hat jeder im Haus eine Meinung dazu (Mr. Carson: „The next thing you know, there’s a guillotine in Trafalgar Square!“) und nachdem wesentlich mehr Besucher kommen, als die Familie erwartet hatte, schlägt am Ende des Tages Tom (natürlich!) vor, das Haus regelmäßig für Besucher zu öffnen, um auf diese Weise Einnahmen zu erzielen. Robert ist von dieser Vorstellung empört, aber seine Frau Cora (Elizabeth McGovern) ist der Idee nicht abgeneigt und kann das Interesse der Öffentlichkeit nachvollziehen:

Cora: „People are curious about what it’s like to live here.“
Edith: „Which is sad, in a way.“
Cora: „Why?“
Edith: „Because it means our way of life is something strange. Something to cue up and buy a ticket to see, a museum exhibit, a fat lady in a circus.“

Die Crawleys können sich den sich ändernden Zeiten also nicht verschließen und werden sich sicher schon bald daran gewöhnen müssen, dass ihr Wohnsitz regelmäßig zum Anzugspunkt für Touristen wird. (Ich hätte ja zu gerne eine Nachfolgeserie, die in den 1950er Jahren spielt und das Leben der nächsten Generation der Crawleys erzählt.)
Auf die eine oder andere Weise müssen sich alle Figuren in der Serie mit dem sozialen Wandel auseinandersetzen. Manche passen sich dabei besser an als andere und manche haben auch einfach Glück. Unter der Dienerschaft gibt es einige, die bereits im Verlauf dieser Staffel neue Arbeit finden. Mr. Molesley entdeckt sein Talent als Grundschullehrer, Mrs. Patmore baut das von ihr geerbte Häuschen zu einer Pension um und der Butler von Violet, Mr. Spratt (Jeremy Swift), schreibt eine Modekolumne für die von Lady Edith geleitete Zeitschrift! Nur Thomas Barrow (Rob James-Collier), der sich weiterhin von allen anderen unverstanden und ungeliebt fühlt, scheint zunächst der Verlierer in diesem Rennen zu sein. Mr. Carson legt ihm bereits früh nahe, sich eine andere Stelle zu suchen. Doch Barrow muss zu seinem Unglück feststellen, dass der Arbeitsmarkt für (Under)Butler sehr viel kleiner geworden ist. Das führt ihn schließlich zu einem Selbstmordversuch; in der letzten Folge wendet sich jedoch auch für ihn alles zum Guten, als Robert ihm anbietet, Mr. Carsons Nachfolger als Butler des Hauses zu werden. Das war mir dann doch etwas zu unglaubwürdig, die Schauspielleistung von Rob James-Collier fand ich dagegen großartig.

Sozialer Wandel & soziale Regeln

Die Dienerschaft beim Essen

Die Dienerschaft beim Essen

Die ganze Staffel ist von Nostalgie und dem Nachtrauern nach einer zu Ende gegangenen Ära durchzuogen, insofern ist es richtig, die Serie genau zu diesem Zeitpunkt zu beenden. Denn obwohl die britische Gesellschaft natürlich auch heute noch stark vom Klassengedanken geprägt ist, so zeigt „Downton Abbey“ dennoch den Niedergang des britischen Adels. Besonders interessant fand ich im Verlauf der Serie stets jene Momente, an denen es zu unerwarteten Verbindungen zwischen verschiedenen Gruppen (also z.B. zwischen Adeligen und ihren Dienern) kam. Auch in der sechsten Staffel gab es diesbezüglich noch ein paar interessante Szenen, zum Beispiel als Mr. Spratt, der wie erwähnt neben seiner Tätigkeit als Butler inzwischen auch für Lady Ediths Zeitschrift arbeitet, sich weigert, sich in Ediths Gegenwart zu setzen, als die beiden in Violets Haus aufeinandertreffen. Seine Tätigkeiten als Butler und Redakteur stürzen ihn hier in einen Rollenkonflikt; gleichzeitig kann man dies als ein Anzeichen dafür sehen, dass die Trennlinien zwischen den Klassen zumindest an manchen Stellen aufgeweicht werden.
Nach wie vor bekommen die Diener auch in dieser Staffel einen Großteil des Privatlebens ihrer Vorgesetzten mit. Sie stehen daneben, wenn diese sich beim Essen unterhalten und halten sich in deren Schlafzimmern auf, um sie anzukleiden oder zu frisieren. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie sich über die ihnen zugewiesenen Aufgaben hinaus in den Alltag ihrer Vorgesetzten einmischen dürfen. Als Violets Dienstmädchen Denker (Sue Johnston) Dr. Clarkson ihre Meinung sagt, weil dieser ihrer Ansicht nach Violet in einer wichtigen Angelegenheit in den Rücken gefallen ist, muss sie sich später eine Standpauke von Violet anhören. Sie dürfe als Dienstmädchen keine private Meinung zu den Angelegenheiten ihrer Vorgesetzten haben und diese schon gar nicht ausdrücken, weist Violet sie zurecht. Der Alltag der Adeligen und der Dienerschaft ist eng miteinander verbunden, doch es bestehen trotzdem ganz klare Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Wie sehr diese beiden Sphären trotz ihrer Verzahnung voneinander abgegrenzt sind, wird deutlich, als die „upstairs“-Gesellschaft sich in einer Folge nach „unten“ begibt, um die von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrten Diener Mr. Carson und Mrs. Hughes zu begrüßen. Da macht Violet nämlich die Bemerkung „I haven’t been into the kitchens for at least 20 years“.

Michelle Dockery & Matthew Goode

Lady Mary (Michelle Dockery) & Henry Talbot (Matthew Goode)

Aber nicht nur für den Umgang zwischen den Klassen gibt es strenge Regeln, sondern auch für den Umgang der Adeligen untereinander. Dies fällt wahrscheinlich niemandem so sehr auf wie Tom (Allen Leech), der einst als Chauffeur auf Downton Abbey begonnen hat, bis er schließlich eine der Crawley-Töchter heiratete. Seine Frau ist inzwischen verstorben, aber Tom ist weiterhin ein Mitglied der Familie und damit nun selbst Angehöriger des Adels. Dennoch wird er immer wieder daran erinnert, dass er eben sein Leben als Angehöriger der Arbeiterklasse begonnen hat und so niemals ein vollwertiges Mitglied der Adelsgesellschaft werden kann, ganz egal wie oft ihm die anderen Familienmitglieder auch das Gegenteil versichern.
Dass Tom in gewisser Weise
für immer ein Fremder bleiben wird, der zwar am Leben der Adeligen um ihn herum teilnimmt, sie aber zugleich auch mit einer gewissen Distanz betrachet, wird in einer Szene deutlich, in der er gemeinsam mit Mary und ihrem zukünftigen Ehemann Henry Talbot (Matthew Goode) in einem Pub sitzt. Als Henry im Gespräch mit Mary nach Gründen sucht, um sich wieder einmal mit Evelyn Napier zu treffen, kann Tom nicht anders, als seine Verwunderung zum Ausdruck zu bringen:

Tom: „You are funny.“
Mary: „What do you mean?“
Tom: „The way you have to keep making reasons for why you’ll meet. You to watch him drive cars, you to have dinner with a friend. Why can’t you just say ‚I’d love to spend more time with you. When can we do it?'“
Mary (zu den anderen): „You see? He may have assimilated in some ways, but he still fights playing by the rules.“

Diese Beobachtung Toms und der sich daraus entspinnende, kurze Dialog weist auf die zahlreichen ungeschriebenen Regeln hin, die den sozialen Umgang der Mitglieder der britischen Oberklasse untereinander bestimmen. Als „Quereinsteiger“ in diese Klasse wird Tom auf ewig zugleich Mitglied und doch ein Fremder bleiben, der diese Regeln noch nicht alle beherrscht, dem sie viel deutlicher bewusst werden und der sie deshalb auch leichter in Frage stellen kann. (Seine Figur hat in dieser Hinsicht viele Gemeinsamkeiten mit der von Scarlett Johansson in „Under The Skin“ gespielten Außerirdischen in Menschengestalt. Auch dort braucht es erst den Blick des Fremden, um das typisch Menschliche auszumachen.)

Ende gut, alles gut

Es ist gut, dass „Downton Abbey“ nun zu Ende gebracht worden ist. Denn so sehr ich die Serie auch liebe, im Verlauf dieser letzten Staffel habe ich mir des Öfteren gedacht, dass hier nichts Neues mehr kommt und alles irgendwie dasselbe ist wie in den vorhergehenden Staffeln. Dass das Finale in einem hundertprozentigen Happy End gipfelte finde ich wie gesagt äußerst langweilig, aber was Dialogwitz und Schauspielleistungen betrifft, habe ich mich doch auch von dieser Staffel meist gut unterhalten gefühlt. Lediglich die Oneliner, die Julian Fellowes regelmäßig Maggie Smiths Figur in den Mund legt, wollten hier nicht mehr so richtig zünden. Dafür haben sich in der fünften und sechsten Staffel Violets Diener – Mr. Spratt und Mrs. Denker – zu zweien meiner Lieblingsfiguren entwickelt (ich will eine „Denker & Spratt“-Spinoff-Serie!). Andere Figuren wiederum wurden im Verlauf der Serie immer langweiliger und uninteressanter – ich denke da vor allem an Mr. Bates, der zu Beginn der Serie eine interessante und tiefgründige Figur war, aber nach und nach immer mehr in den Hintergrund getreten ist, bis Fellowes anscheinend nicht mehr so richtig wusste, was er mit der Figur anfangen sollte. Dennoch bleibt am Ende von sechs Jahren „Downton Abbey“ festzustellen, dass Julian Fellowes hier eine herausragende Serie mit Kultpotential geschaffen hat. Trotz der in bester Soap-Manier gehäuft auftretenden Wendungen, Unglücksfälle und Liebesverwicklungen ist die Serie weit mehr als nur oberflächliche Unterhaltung. Das ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass Fellowes sich mit der Materie auskennt und dem Zuschauer einen Einblick in die Geschichte der britischen Klassengesellschaft gibt. So habe ich nach sechs Staffeln tatsächlich den Eindruck, etwas gelernt zu haben – und soziologisch interessant ist die Serie sowieso, wie in meinen Blogposts immer wieder deutlich geworden sein dürfte. 😉

Downton AbbeyBilder: Copyright Universal Pictures Germany

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Under The Skin – Der beste Film des Jahres

Spoilerwarnung! Dieser Blogpost enthält inhaltliche Details zu „Under The Skin“ und verrät u.a. das Ende des Films (das jedoch erst im letzten Abschnitt „Fremdheit als Methode“).

Nachdem ich mich in einem meiner letzten Blogposts auf die dunkle Seite der Macht begeben und mich äußerst emotional über den neuen, inhaltslosen „Die Tribute von Panem“-Fim aufgeregt habe, will ich nun ins andere Extrem ausschlagen und Jonathan Glazers „Under The Skin“ zum mit Abstand besten Film des Jahres erklären. In diesem Fall stehe ich mit meiner Meinung viel weniger alleine da, obwohl es durchaus Leute gibt, die mit dem Film überhaupt nichts anfangen können.

Der Film

„Under The Skin“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Michel Faber (auf deutsch erschienen als „Die Weltenwanderin“), wobei Jonathan Glazer und sein Co-Drehbuchautor Walter Campbell hier wirklich nur die Grundidee des Romans für den Film übernommen haben. Und die lautet: Ein als verführerische junge Frau getarntes Alien fährt mit dem Auto durch Schottland, um männliche Anhalter einzusammeln, die anschließend umgebracht und verspeist werden (wobei das mit dem Verspeisen im Film schon nicht mehr ganz eindeutig ist, aber dazu später mehr).

Ich habe „Under The Skin“ Anfang Juli auf dem Filmfest München zum ersten Mal gesehen – es war eines der beeindruckendsten Kinoerlebnisse meines Lebens. Ganz, ganz selten gibt es Filme von einer solch starken und eindrucksvollen bildlichen Erzählkraft, die dann auch noch ganz und gar im Dienst der Geschichte steht, so dass die Bilder nie zum Gimmick oder Selbstzweck verkommen. Mir fällt spontan nur ein einziger anderer Film ein, von dem man das ebenfalls behaupten kann (obwohl es sicher noch einige mehr gibt): „Blade Runner“. In beiden Fällen übernehmen die starken Bilder eine besonders wichtige Rolle bei der Vermittlung der Handlung und erzeugen eine einzigartige Atmosphäre, die einen geradezu in den Film hineinsaugt. Die ganz besondere, ausdrucksstarke Bildsprache von Jonathan Glazer und Ridley Scott (übrigens beide erfahrene Werbefilmer) ergänzt in beiden Fällen die Handlung des Films perfekt, so dass sich jeweils etwas Größeres, Einzigartiges ergibt. „Under The Skin“ ist ein Meisterwerk.

Dabei hätte der Film auch ganz anders aussehen können. Das Drehbuch hielt sich ursprünglich viel enger an den Roman, beinhaltete eine größere Zahl an Figuren und einige viel aufwändiger geplante Szenen (Glazer erzählt davon in den Dokumentationen auf der DVD/Blu-ray). Beispielsweise hätte der Beginn des Films, der die „Geburt“ von Scarlett Johanssons namenloser Figur zeigt, eigentlich wesentlich länger ausfallen sollen. Aus Geldmangel musste Glazer jedoch auf eine aufwändige Szene mit vielen Spezialeffekten verzichten, statt dessen wurde die Sequenz – und das gilt für den gesamten Film – auf ihr Wesentliches reduziert. Stellvertretend für die Formierung des Aliens in Menschengestalt sieht man in den ersten Minuten des Films zunächst nur schemenhaft erkennbare Formen. Dazu hört man Johanssons Stimme immer wieder sinnlose Silben und Laute wiederholen (sind das die Sprechübungen eines außerirdischen Wesens, das die englische Sprache erlernt?). Nach einigen Minuten wird aus den Schemen auf der Leinwand ein Auge. Eine Erklärung für all das wird nicht geliefert, man muss die Bilder und Töne selbst deuten. Genau das macht den Film so interessant und ergiebig. Er liefert eindrucksvolle, teils verstörende Bilder, bleibt deren Erklärung oder Interpretation aber schuldig. Diese Bilder bleiben manchmal vage und zeigen nie mehr als das, was nötig ist – eine sehr ökonomische, aber auch äußerst kraftvolle Art des Geschichtenerzählens, die eben aus der Not geboren wurde, dass hier nur begrenzte Mittel zur Verfügung standen.

Aber „Under The Skin“ kann nicht nur visuell begeistern, auch die Filmmusik von Mica Levi trägt einen entscheidenden Teil zur verstörenden, einzigartigen Atmosphäre des Films bei. Ebenso auf das Wesentliche reduziert wie die Bilder, wirkt auch sie gerade deshalb umso stärker. In den Verführungsszenen, in denen die Männer langsam in ihr Verderben laufen, erzeugt das eingesetzte Streichermotiv eine hypnotische, gleichzeitig warnende und doch sirenenhaft verlockende Wirkung. Ganz und gar nicht mehr verlockend, sondern nur noch furchteinflößend ist das Motiv lediglich am Ende des Films, als sich die Verhältnisse umkehren. Seit Hitchcocks „Psycho“ hatten Geigen in einem Film keine so verstörende Wirkung mehr wie in „Under The Skin“. (Hier kann man den brillanten Score von Mica Levi anhören.)

Um noch einmal auf das hier schon mehrmals benutzte Wort „verstörend“ zurück zu kommen: Mit diesem Wort lässt sich die Wirkung, die der Film auf mich hatte, am besten zusammen fassen. Die Reduktion der Geschichte auf ihre Kernelemente, der äußerst sparsame Einsatz von Dialogen in Verbindung mit einer meisterhaft komponierten Bildsprache und der Filmmusik, die klingt wie nicht von dieser Welt und nicht zuletzt auch Scarlett Johanssons Schauspiel, das über weite Strecken ohne Worte die erwachende Neugier eines fremden Wesens für das Menschsein glaubwürdig und nachvollziehbar darstellt – all das hat mich nach knapp zwei Stunden wie hypnotisiert im Kinosessel zurück gelassen. Ich konnte den Film lange nicht hinter mir lassen; er verfolgte mich auf dem Nachhauseweg bis in meine Träume und ließ mich wochenlang nicht mehr los. Das Gesamtkunstwerk, das alle Beteiligten hier erschaffen haben, rührt scheinbar an menschliche Urängste und bietet schon allein deshalb so guten Stoff für (Alp)Träume, weil die Erzählstruktur und die Bilder des Films selbst einem Traum ähneln. Tatsächlich war ich beim wiederholten Anschauen des Films erstaunt, einige Bilder darin zu sehen, von denen ich dachte, ich hätte sie lediglich geträumt. „Under The Skin“ scheint vom Unterbewusstsein seiner Schöpfer direkt auf die Leinwand geworfen worden zu sein und bahnt sich auch beim Zuschauer direkt den Weg zu im Unterbewusstsein lagernden Ängsten, Trieben und Sehnsüchten.

Das Science-Fiction-Genre wird häufig dazu genutzt, Aussagen über den aktuellen Zustand der Menschheit zu treffen, die so nur über den „Umweg“ über eine fremde, futuristische Welt möglich sind. Einerseits verfährt auch „Under The Skin“ nach diesem Schema, um elementare Fragen nach der Bedeutung des Menschseins zu stellen; andererseits reduziert Jonathan Glazer auch die Science Fiction-Elemente auf das gerade noch Nötige. Am Anfang des Films sind kurz die Lichter eines Raumschiffes zu sehen, das im wolkenverhangenen Himmel verschwindet. Viele Zuschauer werden es beim einmaligen Anschauen des Films gar nicht bewusst wahrnehmen. Und gerade weil die Fremdheit von Scarlett Johanssons Figur so allgemein gehalten wird, ist ihre Aussagekraft umso gößer. Das einzige außerirdische – oder besser, da allgemeingültiger: fremdartige – Element, das der Film zeigt, ist die Psychologie seiner Hauptfigur (vgl. diese Besprechung des Films). Natürlich gibt es die Szenen, in denen die von der Protagonistin angelockten, ahnungs- und scheinbar willenlosen Männer in ein schwarzes Nichts hineingleiten, das später nichts von ihnen zurück lässt als ihre Haut. Doch was genau dabei geschieht, lässt der Film offen, was den Vorgang nur noch, ja, verstörender macht. Sollen diese Bilder lediglich Metaphern sein? Oder sind sie wörtlich zu nehmen, geschieht hier also exakt das, was man sieht? Und wenn ja, was geschieht dann eigentlich? Wie soll das funktionieren, dass Menschen in einem schwarzen Nichts versinken, das sie in einem blitzartigem Sog ihrer Innereien entledigt? „Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.“, lautet das dritte der von Arthur C. Clarke formulierten Gesetze, und dementsprechend finde ich, dass man über das Wie dieser Szenen nicht nachdenken braucht. Was dort aber gezeigt wird, das ist trotz der starken Bilder nicht ganz klar. Geht es den Auftraggebern von Johanssons Figur um die Innereien der gefangenen Männer? Oder haben sie es auf deren Haut abgesehen? (Schließlich könnte man das Abfließen des aus der Haut gesaugten Inhalts auch als davon fließenden Abfall interpretieren.)

Überhaupt wirft der Film viele Fragen auf. Da er zwar wie gesagt ausdrucksstarke Bilder bietet, sie aber nicht erklärt und ihre Interpretation vollkommen dem Zuschauer überlässt, sind hier zahlreiche verschiedene Auslegungen des Geschehens möglich. Warum beispielsweise ist die Hauptfigur des Films überhaupt auf der Erde? Ist sie ein eigenständig handelndes Individuum oder nur eine von vielen, die ähnliche Aufträge ausführen? In welchem Verhältnis steht sie zu dem Motorradfahrer, der immer wieder hinter ihr aufzuräumen scheint? Ist er ihr Kollege oder ihr Vorgesetzter? Er scheint sie jedenfalls zu überwachen, wie die vollkommen wortlose Szene nahelegt, in der er ihre Augen inspiziert. Und falls es zutrifft, dass Menschenfleisch für die Außerirdischen eine Nahrungsquelle darstellt (wie es der Roman nahelegt), warum haben sie dann diese scheinbar so umständliche Methode zu seiner Gewinnung gewählt? Warum fallen sie nicht ganz offen über die Erde her und sammeln uns Menschen ein?

Die Bilder von „Under The Skin“ sind jedenfalls von einer unbeschreiblichen Wucht. Sie stellen Kino in seiner reinsten Form dar und wollen, ja müssen auf der großen Leinwand erlebt werden, um ihre Wirkung voll entfalten zu können. Umso trauriger ist es, dass sich der zuständige Senator Filmverleih dazu entschieden hat, den Film in Deutschland nicht ins Kino zu bringen, angeblich weil hierzulande „kein Markt“ dafür vorhanden zu sein scheint. Das ist äußerst bedauernswert, allerdings hat die daraufhin ins Leben gerufene Kampagne, die sich für einen Kinostart von „Under The Skin“ einsetzt, durchaus Erfolge gezeigt. So haben in den letzten Monaten bundesweit mehr und mehr Kinos den Film in ihr Programm genommen, obwohl ihm offiziell gar kein Kinostart vergönnt war und er seit Mitte Oktober als DVD und Blu-ray zu haben ist. (Inzwischen ist er aus den meisten Kinos wieder verschwunden, aber vielleicht findet der eine oder andere Filminteressierte auf dieser Website doch noch ein Kino, in dem der Film noch läuft.)

Die Buchvorlage

Wie ich schon erwähnt habe, wurde die Handlung des Romans für die Verfilmung auf ihre grundlegenden Elemente reduziert. Während der Film sich vor allem darauf konzentriert, das menschliche Dasein aus einer verfremdeten Perspektive zu betrachten (dazu weiter unten mehr), geht Michel Faber in seinem Roman „Die Weltenwanderin“ viel ausführlicher auf den Prozess der Nahrungsgewinnung ein – denn zu keinem anderen Zweck sammelt die Hauptfigur Männer von der Straße ein. Im Buch trägt diese Hauptfigur den Namen Isserly und gehört einer Spezies von hundeartigen Außerirdischen an, die normalerweise über ein dichtes Fell und große Ohren verfügen und auf vier Beinen laufen. Da Isserly aber als menschliche Frau getarnt auf Männerfang geht, wurde sie operiert, um menschlich auszusehen. Unter anderem wurde ihre Wirbelsäule „begradigt“, sie bekam menschlich-weibliche Brüste verpasst und rasiert sich zudem regelmäßig, damit ihr kein Fell wächst. Zudem trägt sie eine Brille mit dicken Gläsern, die ihre fremdartigen Augen tarnen soll.

Neben Isserly lernen wir im Buch noch einige weitere Angehörige ihrer Spezies kennen. Zur Tarnung betreiben die Aliens einen Bauernhof. Isserlys Vorgesetzter Esswis, der als einiziger von ihnen ebenfalls zum Menschen umoperiert worden ist, tritt als dessen Besitzer auf, bemüht sich jedoch, den Kontakt zu den Menschen auf ein Minimum zu beschränken, um den wahren Zweck der Einrichtung geheim zu halten: Im Untergrund befindet sich dort nämlich so etwas wie ein „Massenmenschhaltungsbetrieb“, in dem die von Isserly herbei geschafften Männer gemästet und schließlich geschlachtet werden. Dort arbeiten zahlreiche weitere Außerirdische, deren äußeres Erscheinungsbild allerdings nicht verändert wurde. (Es ist anzunehmen, dass es sich bei Esswis um die Rolle handelt, die in einer frühen Drehbuchfassung des Films von Brad Pitt hätte gespielt werden sollen.)

Wie im Film fährt Isserly mit dem Auto durch die Gegend, auf der Suche nach männlichen Anhaltern, die sie dann mitnimmt und im Auto ausfragt. Wenn sich herausstellt, dass ihr Mitfahrer keine Familie hat und bei seinem Verschwinden die Spur nicht zu ihr zurück verfolgt werden kann, betätigt Isserly einen am Lenkrad angebrachten Schalter, der aus dem Beifahrersitz zwei Nadeln fahren lässt, die ihrem Opfer ein lähmendes Gift injezieren. Die so überwältigten Männer bringt Isserly anschließend in die unterirdischen Etagen des Bauernhofs, wo man ihnen die Zunge abschneidet und sie kastriert, sie aber vorerst am Leben lässt und mästet. Nach einigen Monaten werden die fett gewordenen Männer schließlich getötet und ihr Fleisch palettenweise auf den Heimatplaneten der Außerirdischen geflogen, wo es offenbar als Delikatesse gilt.

Buch und Film haben gemeinsam, dass nur nach und nach enthüllt wird, was genau vor sich geht. So ist zu Beginn des Romans beispielsweise noch nicht klar, dass es sich bei Isserly nicht um einen Mensch handelt. Auch die verschiedenen Kellergeschosse der Fleischfabrik und die dortigen Geschehnisse werden über den Roman verteilt eines nach dem anderen geschildert. Zudem bietet das Buch – genau wie der Film – ein paar schockierende Bilder, bei denen man das eine oder andere Mal schlucken muss – zum Beispiel bei Fabers Schilderung des Daseins der stummen und hilflosen Männer, kurz bevor sie zu wohlschmeckenden Filets verarbeitet werden.

Interessanterweise bezeichnen sich die Außerirdischen im Roman selbst als „human beings“ und sehen uns Menschen als primitive, nicht zu komplexer sprachlicher Kommunikation fähige Wesen, was ihnen als Rechtfertigung dient, uns  einzufangen und zu essen. (Man muss nicht viel Interpretationsarbeit betreiben, um zu sehen, dass Faber hier eine Metapher auf den Fleischkonsum und die Massentierhaltung der menschlichen Gesellschaft geschrieben hat.) Isserly, die durch ihre Arbeit regelmäßig Kontakt zu Menschen hat, weiß es besser, behält diese Informationen aber aus Angst vor ihren Vorgesetzten für sich. Es ist dieser Aspekt des Kennenlernens einer fremden (nämlich unserer menschlichen) Kultur und die damit einhergehende Vermenschlichung der Hauptfigur, auf den sich Jonathan Glazer in seiner Verfilmung konzentriert hat.

Erwähnenswert ist noch die recht interessante Episode im Roman, als Amlis, der Sohn des Firmenchefs, dem Bauernhof einen Besuch abstattet, um den Betrieb zu inspizieren. Pikanterweise ist Amlis Vegetarier und hält es für falsch „vodsels“, wie die Außerirdischen uns Menschen nennen, als niedere Wesen zu betrachten, die ohne Rücksicht auf ihre Gefühle gemästet und gegessen werden.

Wie durch diese Beschreibung des Romans deutlich wurde, haben sich Walter Campbell und Jonathan Glazer in ihrem Drehbuch wirklich nur auf die Grundidee des Romans gestützt. Zwar enthielten frühere Drehbuchfassungen noch eine größere Anzahl an Figuren und mehr Übereinstimmungen mit dem Buch, doch sowohl finanzielle Notwendigkeiten als auch der Wunsch, sich ganz auf die außerirdische Hauptfigur zu konzentrieren, die unser menschliches Dasein erkundet, führten schließlich zu dem in seiner Handlung sehr reduzierten, aber nichtsdestotrotz äußerst komplexen Film.

Fremdheit als Methode

Da ich Soziologie studiert habe und mich für meine Abschlussprüfungen mehrere Monate lang unter anderem mit dem Phänomen der Fremdheit bzw. des Fremden beschäftigt habe, sind mir in „Under The Skin“ einige Dinge aufgefallen, die ich so oder ähnlich im Studium kennen gelernt habe. Scarlett Johansson spielt ja im Grunde nichts anderes, als eine völlig Fremde. Eine Außerirdische allein unter Menschen, das ist geradzu das Paradebeispiel für Fremdheit. Die Menschen, denen sie begegnet, erkennen sie allerdings nicht als Fremde, da sie wie ein Mensch aussieht und auch wie einer spricht. (Johansson spricht im Film zwar mit einem Londoner Akzent, insofern hat sie für die Schotten, mit denen sie interagiert, durchaus etwas Fremdes an sich – viele dieser Begegnungen wurden übrigens mit versteckten Kameras gefilmt und entstanden mit „echten“ Passanten, die erst im Nachhinein über den Filmdreh aufgeklärt wurden. Aber in der Welt des Films wissen die Menschen um sie herum natürlich nicht, dass sie kein Mensch ist.) Für Isserly – ich benutze jetzt mal den Namen aus dem Buch, obwohl sie im Film namenlos bleibt – sind die Welt und die Lebewesen um sie herum vollkommen fremd. Sie selbst unterscheidet sich deutlich von den Menschen, diese Differenz ist jedoch verborgen und wird deshalb für die Menschen um Isserly nicht relevant. Damit haben wir hier einen Sonderfall von Fremdheit vor uns. Normalerweise wird eine solche Differenz nämlich dann relevant, wenn ein Fremder in eine Gruppe kommt. In diesem Fall aber wird die Differenz, das Außerirdische, bewusst getarnt.
Als eines der wesentlichen Merkmale des Fremden beschreibt der Soziologe Georg Simmel dessen Objektivität. Da der Fremde über die Gruppe, in der er sich nun befindet, kaum etwas weiß und ihm die Gebräuche und Denkweisen der Menschen dort fremd sind, verfügt er über eine gewisse Freiheit, die die „festen“ Gruppenmitglieder nicht besitzen und die es ihm gestattet, das Leben um sich herum aus einer sich von der ihren unterscheidenden Perspektive wahrzunehmen. Aufgrund seiner Herkunft und damit völlig anderen Lebensweise bringt er eine andere Sichtweise der Dinge mit, als sie den Gruppenmitgliedern gegeben ist. Interessanterweise hat Scarlett Johansson schon einmal ein solches Wesen gespielt, in „Lost In Translation“, wo es ja auch u.a. um das Thema Fremdheit ging.

Natürlich kann jeder Fremde mit der Zeit zum (fast) vollwertigen Gruppenmitglied werden, das sich immer weniger von den übrigen Mitgliedern unterscheidet und in diesem Sinne immer weniger fremd wird. Solange diese Annäherung aber noch nicht ausreichend stattgefunden hat, verfügt der Fremde – wie es Alfred Schütz beschreibt – über einen anderen Wissenstypus als die festen Gruppenmitglieder. Er sieht die Welt nicht so, wie die Menschen um ihn herum, was immer dann relevant wird, wenn er mit diesen interagiert und dabei deutlich wird, dass ihm die Möglichkeit zur Bezugnahme auf eine gemeinsam geteilte Welt fehlt. Sein „Denken-wie-üblich“ erweist sich dann als nicht mehr wirksam, bestehende Rezepte zur Auslegung der Welt funktionieren nicht mehr. Der Fremde gerät in eine „Krisis“. (Dazu haben wir damals in einem Seminar einen Filmausschnitt aus „Lost In Translation“ angeschaut, in dem – soweit ich mich erinnere – Scarlett Johansson einer Freundin am Telefon schildert, wie unwohl sie sich im für sie fremden Japan fühlt und schließlich in Tränen ausbricht.)

Die beschriebene Objektivität des Fremden und seine Nichtzugehörigkekt führen auch dazu, dass der Fremde als der „Unentscheibare“ gilt, wie Zygmunt Bauman es formuliert. Das kann positive und negative Auswirkungen für ihn haben. Einerseits liegt gerade in dieser Unbestimmtheit ein großer Spielraum an Möglichkeiten, aber es liegt eben auch noch viel Integrationsarbeit vor dem Fremden, wie das „Lost In Translation“-Beispiel zeigt. Auch Isserly in „Under The Skin“ macht dieses Unentscheidbare zu schaffen. Sie ist den Menschen um sich herum zwar räumlich nah, doch sozial ist sie ihnen fern und enspricht damit ziemlich genau der von Simmel gegebenen Definition des Fremden. Zu dieser gehört auch, dass der Fremde derjenige ist, „der heute kommt und morgen bleibt“, der also nicht nur ein vorrübergehender Besucher ist. Genau das ist auch bei Isserly der Fall, wobei hier allerdings noch dazu kommt, dass sie ihre Tarnung aufrecht erhalten muss und sich den Menschen in ihrer Umgebung gar nicht besonders weit annähern darf. Sie kann also gar nicht zu einem festen Gruppenmitglied werde (in diesem Fall zu einem Menschen, genauer: einem Schotten), sondern muss dauerhaft fremd bleiben.

Eine ähnliche Sichtweise wie die des Fremden, der aus einer anderen Perspektive auf die Menschen blickt, versuchen auch Soziologen häufig einzunehmen. Sie streben danach, eine andere Perspektive einzunehemen, um die soziale Welt um sie herum „von außen“ zu beschreiben und so alle Vorgänge in ihr zu hinterfragen. Jonathan Glazer verfährt in „Under The Skin“ ganz ähnlich; er macht gewissermaßen seine Hauptfigur zur Soziologin (oder Ethnologin) und mit ihr auch die Zuschauer. Wir sehen durch Isserlys Augen unsere eigene Welt ganz neu, denn es ist natürlich keine fremde Welt, die wir hier erforschen, sondern unsere eigene. Sie wird allerdings dadurch fremd gemacht, dass wir sie im Film aus der Perspektive eines Außerirdischen sehen. Soziologisch gesprochen findet dabei ein „Othering“ bzw. eine „VerAnderung“ statt, das heißt es wird ein kulturelles Feld methodisch als fremd behandelt und kann auf diese Weise mit ähnlich Mitteln erforscht werden wie eine tatsächlich fremde Kultur. Unsere eigene, menschliche und vertraute Welt erscheint uns aus der Sichtweise eines Aliens plötzlich als fremd. „Under The Skin“ lässt so den Zuschauer die Welt durch die „soziologische Brille“ sehen.

Eines der stärksten Bilder des Films ist diebezüglich das allein am Strand zurück gelassene Baby. Ein zufällig vorbei kommender Mensch würde sich sofort um das Baby kümmern, nach seinen Eltern suchen und es nach erfolgloser Suche schließlich mitnehmen, auf keinen Fall aber allein am Strand sitzen lassen. Isserly jedoch ist kein Mensch; in ihrem Relevanzschema nimmt das Baby keine besondere Bedeutung ein (schließlich ist sie nur auf der Suche nach gesunden, jungen Männern). Sie nimmt es zwar kurz wahr, betrachtet es jedoch vollkommen objektiv und als etwas ihr Fremdes und lässt es schließlich trotz seiner Schreie zurück. Schließlich zeigt der Film eine letzte Einstellung des einsam am Ufer sitzenden und schreienden Babys, das erfolglos versucht, aufzustehen. Mit einem Mal wird einem die völlige Hilflosigkeit des Menschen in diesem sehr jungen Alter bewusst.

Kurze Zeit später im Film begegnet Isserly einem weiteren Baby, das in einem an der Ampel neben ihr haltenden Auto sitzt – und ungefähr zu diesem Zeitpunkt scheint eine Veränderung in ihr in Gang zu kommen. Nach und nach sieht sie die Menschen nicht mehr völlig objektiv und als bloße Mittel zum Zweck. Sie beginnt sich für sie zu interessieren, und zwar nicht nur im Sinne eines „Verstehens von außen“; sie will nun die menschliche Kultur von innen heraus kennen lernen, sich selbst darin ausprobieren und damit auch ihr eigenes Menschsein erforschen (so paradox das bei einem Außerirdischen auch klingen mag). Fremdheit zu erleben, heißt auch, die Fragwürdigkeit des Eigenen zu spüren und erstmals bewusst die eigene Identität in Frage zu stellen. Obwohl ihr Job es verlangt, dass sie rational und objektiv mit den Menschen umgeht und sie buchstäblich als Ware behandelt, kann Isserly diese Einstellung nicht durchgehend aufrecht erhalten. Die Szene, in der der Motorradfahrer sie von allen Seiten prüfend ansieht und dabei ihren Augen besondere Aufmerksamkeit schenkt, zeigt, dass Isserlys Vorgesetzte offenbar erste Zweifel daran gekommen sind, ob sie ihre Arbeit noch wie vorgesehen ausführen kann. Dies zeigt sich auch ganz klar daran, dass sie eines ihrer Opfer wieder freilässt – aus Mitgefühl?

Zu Beginn des Films sehen wir, dass Isserly nicht die erste Arbeiterin ist, die für die Außerirdischen auf Männerjagd geht. Ihre Vorgängerin, die in die gleiche menschliche Haut gekleidet ist wie sie selbst und damit ebenfalls aussieht wie Scarlett Johansson, liegt scheinbar tot vor ihr. Isserly zieht die Kleidung der Toten an, auf deren Gesicht eine Träne zu sehen ist – ein Zeichen dafür, dass auch sie schon mehr als nur eine bloße Beobachterin sein wollte? Hat auch sie bereits versucht, Teil der menschlichen Gesellschaft zu werden und begonnen, menschliche Gefühle zu entwickeln? Für Isserly selbst wird dieser Versuch – genau wie für ihre Vorgängerin – nicht gut ausgehen. (Übrigens fällt mir gerade auf, wie viele inhaltliche Parallelen sich hier zu „Blade Runner“ finden lassen, aber das würde dann doch zu weit führen.)

Isserly ist also – genau wie ein beobachtender und forschender Soziologe oder Ethnologe – dazu gezwungen, objektiv zu bleiben und sich das Feld, in dem sie sich bewegt, rational und mit einem gewissen emotionalen Abstand anzuschauen. Dies gelingt ihr jedoch nicht; sie möchte schließlich das Menschsein selbst erleben und „von innen heraus“ verstehen, statt es nur „von außen“ zu betrachten. Man könnte also behaupten, dass sie der Gefahr des „going native“ erliegt. Sie verliert durch ihr zu starkes Interesse an der menschlichen Natur und ihre Bemühungen, selbst menschlich zu werden, ihre Objektivität. Letztendlich führt genau das zu ihrem Ende, so wie es vermutlich auch bei ihrer Vorgängerin der Fall war. (Interessante Nebenfrage: Die wievielte „Version“ einer solchen Arbeiterin ist Isserly eigentlich? Führt u.a. vielleicht gerade das Bewusstsein, nur eine von vielen austauschbaren Arbeiterinnen zu sein zu dem Streben nach [menschlicher] Identität? Und wird bei all diesen Arbeiterinnen stets der Wunsch nach einer eigenen Identität und der daraus folgenden versuchten Annäherung an das Menschsein früher oder später zum Problem? Dass Isserly durch den Motorradfahrer genau geprüft wird, scheint zumindest darauf hin zu deuten, dass die Außerirdischen bereits Erfahrungen mit dieser Problematik gemacht haben.)

Das Ende des Films ist ein tragisches. Isserlys Streben nach Identität, nach dem Menschsein und nach einem Kennenlernen der menschlichen Spezies führt zu ihrem Untergang. Sie will die Menschheit besser kennen lernen und muss leider feststellen, dass dieser auch das Schlechte und Böse innewohnt. Diese Erfahrung macht sie gewissermaßen gleich zweimal: Zuerst, als ein Mann sie – als sie noch die Gestalt einer schönen Frau hat – im Wald zu vergewaltigen versucht und anschließend noch einmal, als dieser Mann sie – nachdem er einen Blick auf ihre wahre Gestalt erhascht hat – mit Benzin übergießt und anzündet. In diesem Moment ist sie ganz klar als Fremde zu erkennen. Sie wirkt auf den Mann so fremd, so anders, dass er in seiner Angst vor diesem Anderen, Unerklärbaren zu drastischen Mitteln greift und sie vernichtet.

Fazit

Ich hoffe, es ist deutlich geworden, wie komplex „Under The Skin“ ist. Der Film ist nicht nur handwerklich ein Meisterwerk, sondern auch von einer solch umfangreichen inhaltlichen Aussagekraft, dass man wohl noch wesentlich mehr analysieren und interpretieren könnte. Meine kurze Interpretation aus soziologischer Sicht ist nur ein möglicher Ansatz. Zum Schluss möchte ich noch ein paar interessante Links posten: Hier gibt es ein Interview mit Jonathan Glazer, in dem er auch auf die Tatsache angesprochen wird, dass der deutsche Verleih „Under The Skin“ hierzulande nicht ins Kino gebracht hat. Hier gibt es ein interessantes, langes Interview mit Adam Pearson, dem Darsteller des deformierten Mannes, den Isserly gefangen nimmt und später wieder frei lässt. Und hier geht es zu einer YouTube-Playlist mit Musikvideos von Glazer – sehr zu empfehlen!

Vorfreude auf das Filmfest München 2014

Ab dem kommenden Samstag ist es wieder einmal soweit: Das Filmfest München beginnt und für ganze acht Tage werde ích die Sonne nur sehen, während ich von zuhause zur U-/S-Bahn und dann von dort in einen kühlen Kinosaal hetze. Als akkreditierter Journalist darf ich fast alle Vorstellungen des Festivals gratis besuchen (lediglich der größte Teil der Abendvorführungen zwischen 19 Uhr und 21:30 Uhr bleibt mir verwehrt – aber man kann auch nicht rund um die Uhr im Kino sitzen). Außerdem gibt es zahreiche, bereits ab 9:30 Uhr stattfindende Pressevorführungen, für die ich jedenfalls noch an den ersten Festivaltagen ausgeschlafen genug sein sollte. Erfahrungsgemäß nimmt einen so eine Filmfest-Woche, bei der man zum Teil bis spät in die Nach drei bis sechs Filme am Tag sieht, aber ganz schön mit, so dass es Tag für Tag schwerer wird, sich früh genug aus dem Bett zu quälen.

Zwar habe ich mir vorgenommen, mein perönliches Filmprogramm in diesem Jahr nicht ganz so voll zu stopfen, weil ich eben aus jahrelanger Erfahrung weiß, dass es gar nicht machbar ist, jeden Tag eine Spätvorstellung zu besuchen und am nächsten Morgen wieder topfit zu sein; trotzdem ist mein Programm wieder erstaunlich dicht gepackt – durchschnittlich 4,25 Filme am Tag habe ich mir vorgenommen und zusätzlich noch den Besuch dreier „Filmmakers Live“-Veranstaltungen mit Publikumsgesprächen mit einigen der Ehrengäste des Festivals sowie einen Besuch des TV-Serien-Panels am 30.06. eingeplant. Dass ich diesen Plan nicht werde durchhalten können, versteht sich von selbst; irgendwann im Verlauf der Woche macht man einfach schlapp, braucht eine Pause, muss ausschlafen. Oder man hat einfach irgendwann gar keine Lust mehr, nur wenige Minuten nach dem Verlassen eines Kinos schon in den nächsten Film zu rennen, sondern setzt sich sich stattdessen lieber in die Sonne, gönnt sich einen Kaffee und fachsimpelt mit anderen Festivalbesuchern über schon oder noch nicht gesehene Filme.

Früh aufstehen muss man als Journalist nicht nur, wenn man möglichst viele Pressevorführungen besuchen will, sondern auch, wenn man Tickets für die regulären Vorführungen ergattern will. Die kriegen wir Akkreditierten nämlich erst zwei Tage im Vorraus, was besonders bei begehrten Filmen wie Jonathan Glazers „Under The Skin“ mit Scarlett Johansson, dem der Senator Filmveleih in Deutschland einen regulären Kinostart verwehrt, dazu führt, dass man zwei Tage vor der gewünschten Vorstellung möglichst gleich morgens um 9 Uhr am Ticketschalter stehen sollte, um eine Chance auf die gewünschte Eintrittskarte zu haben. Klappt das mal nicht, weil man verschlafen hat oder andere einfach früher dran waren und das Kontingent an Karten ausgeschöpft ist, muss man sein geplantes Programm über den Haufen werfen und auf einen anderen, weniger begehrten Film ausweichen. Was manchmal gar nicht schlecht sein muss, schließlich entdeckt man auf diese Weise möglicherweise Filmperlen, die man sich sonst nie angeschaut hätte. Und „Under The Skin“ wird man zumindest auf Blu-ray und DVD auch hierzulande noch sehen können (trotzdem habe ich den Film in mein Festival-Programm eingeplant, während ich manche andere Filme, die garantiert regulär ins Kino kommen und/oder auf DVD erscheinen werden, bewusst ignoriert habe, obwohl ich sie definitiv sehen will).

Bei der Auswahl meiner Filme bin ich wie jedes Jahr nach meinen ganz persönlichen Interessen vorgegangen. Meine Programmplanung stellt eine Mischung aus großen Festivalhighlights, einigen obskuren, schwer im Vorfeld einschätzbaren Filmen sowie zwei oder drei pflichtschuldig eingestreuten deutschen Filmen dar (die ich meistens ignoriere, weil sie mich immer noch kaum interessieren; aber zwei deutsche Kino- und sogar einen Fernsehfilm habe ich zumindest eingeplant), Wie in jedem Jahr weiß ich auch jetzt schon, dass es mehrere Filme gibt, die ich sehr gerne sehen würde, aber einfach nicht mehr unterbringen konnte; das macht aber nichts, schließlich wird man manche davon auch noch später im Kino oder auf DVD sehen können und außerdem ist die Qualität vieler Werke im Vorfeld sowieso schwer eizuschätzen. So mancher Film mit großen Namen kann enttäuschen, während ein völlig unbekannter Streifen vom anderen Ende der Welt, auf den man eigentlich gar nicht so richtig Lust hatte, zum persönlichen Festival-Liebling werden kann. Genau diese Unvorhersehbarkeit ist ja das Spannende.

158 Filme aus 51 Ländern zeigt das Filmfest München in diesem Jahr. Den größten Teil meines persönlichen Programms machen Filme der „Spotlight“-Reihe aus, in der sich Werke von weltweit bekannten Regisseuren und Darstellern finden lassen. „Amélie“-Regisseur Jean-Pierre Jeunet steuert hier dieses Jahr mit „The Young and Prodigious T.S. Spivet“ („Die Karte meiner Träume“) den Eröffnugsfilm bei, welcher ebenso auf meinem Plan steht wie „Days and Nights“ mit Katie Holmes und William Hurt oder der dreistündige Science-Fiction-Film „Hard To Be A God“ von Aleksey German. Gerade in der Spotlight-Reihe, wo sich wie gesagt viele bekannte Namen finden lassen, gibt es einige Werke, die mir durch die Lappen gehen werden; aber gerade diese Filme sind es ja meist auch, die man später noch anderswo wird sehen können.

Den zweitgrößten Anteil meines Programms nehmen Filme aus der „Cinemasters“-Reihe ein, in der in diesem Jahr 13 Filme um den mit 50.000 Euro datierten Arri/Osram-Award konkurrieren. Darunter befindet sich unter anderem Jean-Luc Godards in Cannes uraufgeführter „Adieu Au Langage“, den ich leider nicht werde sehen können. Dafür stehe aber sieben andere der 13 Filme auf meinem Programm, unter anderem der schon erwähnte „Under The Skin“, „Leviathan“, „I’m Not Him“ oder „Joe“ mit Nicolas Cage.

Die „International Independents“-Reihe ist dieses Jahr mit nur fünf Filmen bei mir vertreten, obwohl sich ja gerade dort viele Werke finden, die man nur auf Festivals zu sehen bekommt. Das hat sich irgendwie so ergeben. Weitere vier Filme stammen aus der „Cinevision“-Reihe, in der Werke von Nachwuchsregisseuren prämiert werden („Run“, „Beneath The Harvest Sky“ oder „Young Ones“ mit dem immer phänomenal spielenden Michael Shannon). Dazu gesellen sich wie erwähnt voraussichtlich drei deutsche Filme sowie die erste Folge von Damon Lindelofs neuer TV-Serie „The Leftovers“, die im Rahmen des Serien-Specials gezeigt wird.

Die Star-/Ehrengäste finde ich in diesem Jahr leider nicht besonders spannend. Udo Kier, Arthur Cohn, Klaus Lemke, Willy Bogner – sie alle sprechen mich nicht besonders an, wenn auch Kier sicher eine interessante Persönlichkeit ist und in zahlreichen, extrem unterschiedlichen Filmen mitgespielt hat. Das Publikumsgespräch mit ihm werde ich mir jedenfalls nicht entgehen lassen, einfach um mal einen Blick auf ihn zu werfen und ihn ein bisschen kennen zu lernen. Auch zu Walter Hill werde ich gehen, obwohl ich über ihn bislang eigentlich nichts wusste, als dass er einer der Drehbuchautoren von „Alien“ sowie Produzent aller weiteren Filme der Reihe ist. Seine anderen Werke kenne ich jedenfalls bislang fast alle nicht und werde sie mir auch auf dem Filmfest nicht anschauen, schließlich kann man das auch auf DVD tun. In den vergangenen Jahren waren unter anderem Charlotte Rampling, John Malkovich oder Richard Linklater auf dem Filmfest zu Gast, auf die ich mich wesentlich mehr gefreut habe als auf die diesjährigen Gäste. Auch Kim Ki-Duk oder Abbas Kiarostami, mit deren Filmen ich zuvor kaum vertraut gewesen war, habe ich auf dem Filmfest erlebt und beide haben mich mit ihren Filmen tief beeindruckt, so dass ich mir auch nach den jeweiligen Festivals noch mehrere ihrer Werke zuhause angeschaut habe. Wer weiß, vielleicht kommt es ja auch in diesem Jahr zu solchen neuen, inspirierenden Begegnungen. Immer wieder sind bei einzelnen Vorstellungen ja die entsprechenden Regisseure, Produzenten oder Darsteller anwesend, um nach dem Film Publikumsfragen zu beantworten.

Wie jedes Jahr gilt: All meine Angaben zu meinen geplanten Filmbesuchen sind ohne Gewähr! 😉 Es ist gut möglich, dass ich mir in der Mitte der Woche eine Auszeit nehme und mal einen ganzen Tag pausiere, um mich zu erholen. Eine Menge Filme werde ich in diesen acht Tagen aber auf jeden Fall sehen. 🙂
Mein ausführlicher Bericht über das Filmfest wird übrigens ein paar Tage nach Festivalende auf Filmszene.de zu lesen sein. Vielleicht – wenn es mein Terminplan zulässt – werde ich sogar während des Filmfests hier schon ein paar Eindrücke posten. (Ich glaube aber nicht, dass ich wirklich dazu komme. 😉 )

…und noch ein kleiner Nachtrag: schon gibt es den ersten Terminkonflikt in meinem persönlichen Programm. Ich habe nämlich gerade gesehen, dass nun auch ein Publikumsgespräch mit Jean-Pierre Jeunet angekündigt ist, zu dem ich schon allein deswegen gerne gehen würde, um zu hören, was der Regisseur rückblickend über seinen völlig verkorksten „Alien: Resurrection“ zu sagen hat. Leider überschneidet sich der Termin aber mit einem meiner geplanten Filmbesuche…da werde ich diesen dreistündigen Science-Fiction-Film wohl sausen lassen und stattdessen zu Jeunet sowie dem unmittelbar davor stattfindenden Gespräch mit Wim Wenders gehen…