Cloud Atlas

Vor kurzem habe ich wieder einmal einen Film nachgeholt, den ich letztes Jahr verpasst habe: „Cloud Atlas“. Dass ich ihn verpasst habe, stimmt allerdings nicht ganz, denn ich habe ihn bewusst nicht im Kino gesehen, weil ich erst die Buchvorlage von David Mitchell lesen und danach den Film anschauen wollte. Mit dem Buch bin ich Anfang des Jahres fertig geworden, der Film lief aber leider nicht mehr im Kino, so dass ich erst auf das Erscheinen der Blu-ray warten musste.

David Mitchells Buch „Cloud Atlas“ einfach als Roman zu bezeichnen, scheint schon fast untertrieben. Der Autor hat sich dabei nämlich an nichts Geringerem versucht, als in einer allumfassenden, allgemeingültigen Geschichte aufzuzeigen, wie die Handlungen einer jeden Einzelperson für die Entwicklung der gesamten Menschheit von Bedeutung sein können und wie diese Handlungen weit über den direkten Wirkungsbereich des Einzelnen hinaus reichen – auch in der Zeitdimension. Dies sind jedenfalls aus meiner Sichtweise die Haupthemen des Buches. Je nach Sichtweise und Interpretation nimmt die in „Cloud Atlas“ erzählte Geschichte philoshophische bis esoterische Züge an und ist mit der für die Verfilmung kreierten Tagline „Alles ist verbunden“ zwar korrekt, aber natürlich auch nur äußerst knapp umschrieben.

Mitchell erzählt in „Cloud Atlas“ zumindest auf den ersten Blick sechs vollkommen unterschiedliche Geschichten, die alle zu unterschiedlichen Zeiten spielen (vom 19. Jahrhundert bis hin in eine apokalyptische Zukunft, in der weite Teile der menschlichen Zivilisation zusammen gebrochen sind). Die ersten fünf Geschichten werden jeweils mitten in der Handlung unterbrochen (eine sogar mitten im Satz!), dann folgt die in der Mitte des Buches angeordnete Endzeit-Geschichte, bevor die ersten fünf Erzählungen in umgekehrter Reihenfolge zu Ende erzählt werden. Daraus ergibt sich ein symmetrischer Aufbau des Buches. Zusätzlich folgen die einzelnen Erzählstränge in ihrem Aufbau jeweils noch einer eigenen literarischen Form; bei der das Buch beginnenden und abschließenden Erzählung handelt es sich beispielsweise um ein Tagebuch, es folgen unter anderem ein Briefroman, ein Thriller und ein Interview.

Von der den Film begleitenden Werbekampagne wurde man letztes Jahr immer wieder darauf hingewiesen, dass hier Halle Berry, Tom Hanks und andere Darsteller jeweils (zum Teil bis zu sechs) verschiedene Rollen spielen. Als etwa Hanks und Berry im November auf der „Wetten dass…?“-Couch saßen, wurden in einem kurzen Video-Einspieler ihre verschiedenen Figuren in den unterschiedlichen Masken und Verkleidungen gezeigt, der eigentliche Inhalt des Films wurde jedoch mit keinem Satz thematisiert. Aber wie auch? All jenen Fernsehzuschauern, die keine eingefleischten Kinofans sind und noch nie von diesem Film gehört haben, die Handlung erklären zu wollen, würde wohl eher eine abschreckende als werbewirksame Wirkung haben. Und es ist wohl kein Wunder, dass der Film im Kino als Flop zu verbuchen war, nachdem man nicht in der Lage war, seinen Inhalt anders als über den Hinweis auf Tom Hanks in verschiedenen Masken und die alles- und nichtssagende Zeile „Alles ist verbunden“ zu vermitteln.

Auch unter denjenigen, die sich dann tatsächlich eine Karte gekauft haben, dürften sich recht viele bereits nach zehn Minuten gefragt haben, worum es denn bitteschön in diesem Film eigentlich geht und was diese scheinbar durcheinander ablaufenden, völlig unterschiedlichen Geschichten miteinander zu tun haben. Und warum in allen Tom Hanks auftaucht. Übrigens hat wohl auch der überlange – nämlich achtminütige – Trailer, der im Vorfeld im Internet veröffentlicht wurde, zwar wohl diejenigen, die sich sowieso schon für „Cloud Atlas“ interessiert hatten, neugieriger gemacht, aber viele weitere Zuschauer dürfte man mit dieser Marketingmaßnahme nicht überzeugt oder auch nur erreicht haben. Ein achtminütiger Trailer – das allein klingt doch schon anstrengend und kompliziert, dabei war die Absicht doch, einen Einblick in die Geschichte zu geben und zu zeigen, dass die dem Film zugrunde liegenden Gedanken zwar tiefgründig, aber eigentlich ganz einfach sind. Aber der Aufbau der Geschichte bringt es nun einmal mit sich, dass sich eine kurze Zusammenfassung des Films wie auch des Buchs nach einem fürchterlich schwierigen Werk anhören muss. Was für ein Dilemma!

Mir als großem Filmfan war all das zum Glück egal, ich habe den Trailer in voller Länge gesehen und wie gesagt vor dem Anschauen des Films extra das Buch gelesen, war also auf einen komplexen Film vorbereitet (ich war sogar ziemlich gehypet, nachdem „Babylon 5“-Schöpfer J. Michael Straczynski, auf dessen Meinung ich sehr viel gebe, den Film in den höchsten Tönen gelobt hatte). Nachdem ich „Cloud Atlas“ nun einmal gesehen habe, weiß ich zwar noch nicht, ob er auch für mich das Meisterwerk darstellt, als das ihn manche seiner Bewunderer bezeichnen. Ein großartiger Film ist es aber allemal.

Die Entscheidunge, fast alle Darsteller mehrere unterschiedliche Rollen spielen zu lassen, ist insofern nachvollziehbar, als es in den verschiedenen Handlungssträngen ja immer wieder um die selben Themen geht und die handelnden Figuren vor ähnliche Entscheidungen gestellt werden. Natürlich bildet bei der Interpretation der Geschichte die Idee der Reinkarnation ein naheliegendes Konzept (welches nie explizit angesprochen wird), doch man muss die verschiedenen, jeweils vom selben Darsteller gespielten Figuren nicht unbedingt als Wiedergeburten derselben Seele oder was auch immer ansehen. Dass man in jeder der Episoden die Gesichter von Tom Hanks und Halle Berry wieder findet, macht auch ohne das Reinkarnationskonzep Sinn, da es die Ähnlichkeiten zwischen den Handlungssträngen betont und zeigt, dass einzelne Individuen zu allen Zeiten immer wieder für die gleichen Ideale kämpfen müssen. Die Masken und Verkleidungen sind wirklich großartig, führen aber leider auch dazu, dass man ein ganzes Stück lang fast zu sehr damit beschäftigt ist, in jeder der sechs Geschichten alle Schauspieler zu identifizieren und so von der Handlung abgelenkt ist. Nicht immer sind die Schauspieler nämlich sofort zu erkennen (z.B. wenn Hugh Grants einen Stammeskrieger spielt, dessen Gesicht unter aufwändigen Bemalungen verborgen ist).

Mit dem Anspruch, David Mitchells Roman in einen knapp dreistündigen Film packen zu wollen, haben sich die Filmemacher hier wahrlich keinen Gefallen getan. Aus dem Stoff hätte man ohne Probleme auch einen Mehrteiler fürs Fernsehen machen können. Auch ein Episodenfilm mit konventionellerem Aufbau, bei dem die sechs Handlungsstränge einfach nacheinander erzählt werden, wäre sicherlich naheliegend gewesen. Höchstwahrscheinlich hätte aber unter der letzteren Variante die Botschaft des Films gelitten, denn die große Stärke von „Cloud Atlas“ ist es gerade, dass durch die ineinander verwobenen Geschichten, die quasi gleichzeitig erzählt werden, deren Parallelen hervortreten und vielleicht sogar deutlicher werden, als nach dem einmaligen Lesen des Buches. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber der Film ist tatsächlich auf eine Weise zusammengeschnitten, die einen nie den Faden verlieren lässt. Man kann allen sechs Geschichten ohne größere Probleme folgen (zumindest konnte ich das, mit dem Roman im Hinterkopf), selbst als die Wechsel zwischen ihnen zum Ende des Films in immer kürzerem Abstand erfolgen. Vielleicht liegt das daran, dass die Filmemacher den Film beim Schnitt als eine einzige, durchgehende Geschichte betrachtet haben und nicht als aus sechs unterschiedlichen Geschichten zusammengesetzt. Besonders positiv ist mir übrigens der Tonschnitt aufgefallen, denn gerade auf akustischer Ebene werden die einzelnen Segmente sehr gut miteinander verbunden und plötzliche Übergänge „kaschiert“, sowohl durch Musik als auch durch Soundeffekte (z.B. wenn das Geräusch eines galoppierenden Pferdes in das Rattern eines Zuges überblendet wird).

Nicht nur beim Schnitt, sondern ganz generell ist es notwendig, „Cloud Atlas“ als eine Geschichite zu betrachten. Alles ist verbunden – so banal sich dieser Satz auch anhören mag, man muss ihn erst einmal verinnerlicht und seine wirkliche Bedeutung verstanden haben: dass jede Handlung eines jeden Einzelnen weitreichende Folgen haben kann und jede Person die Chance hat, die Welt in der wir leben, aktiv mit zu gestalten. (Ich muss gerade an eine Szene aus dem „Making of“ zu Ridley Scotts „Blade Runner“ denken: Dort erzählt Scott, wie er den „money people“ vom Studio die Einhornszene seines Films zu erklären versucht. Seine Erklärung erschöpft sich weitgehend in einem Satz: „If you don’t get it, what’s the point in me explaining it?“ – Ich kann mir vorstellen, dass die Wachowskis und Tykwer zunächst in ähnlich verständnislose Gesichter geblickt haben wie Scott, als sie den Studiobossen ihren Film und ihr Konzept dazu zu erklären versucht haben.) Der Film fügt dem Roman jedenfalls nicht einfach nur ein paar beeindruckende Bilder hinzu, sondern hilft einem auch, dessen Themen und Motive besser zu verstehen, die man nach einmaligem Lesen vielleicht nicht alle bewusst wahrgenommen hat.

Insgesamt hat mir „Cloud Atlas“ also sehr gut gefallen, wobei ich mir nicht sicher bin, wie weit ich der Handlung hätte folgen können, ohne vorher den Roman gelesen zu haben. Ein paar Kritikpunkte habe ich aber auch. So sah zum Beispiel das Alters-Makeup nicht besonders überzeugend aus und war sofort als Maske erkennbar. Weiterhin hatte Susan Sarandon zwar auch in mehreren der Handlungsstränge jeweils eine Rolle, aber keine davon ist mir besonders in Erinnerung geblieben, was schade ist, da ich Sarandon sehr mag. Ach ja, dann ist da noch Halle Berry…zu ihr habe ich bislang noch in keinem Film eine enge emotionale Beziehung aufbauen können, ich mag sie als Schauspielerin einfach nicht (ihre mit dem Oscar ausgezeichnete Performance in „Monster’s Ball“ habe ich allerdings noch nicht gesehen). Zugegeben, da können die Filmemacher nichts dafür. Noch mehr gestört hat mich aber die Musik des Films, die unter anderem von Tom Tykwer selbst geschrieben wurde (er wurde dafür sogar für einen Golden Globe nominiert). Sie war zwar irgendwie nett und die Stimmung unterstreichend, aber bei einem Film von solcher epischer Breite erwarte ich dann doch etwas viel Pompöseres als Tykwers belangloses Gedudel. Da hätte mal ein klassischer John Williams-Score gut getan, um den Film nochmal in eine ganz andere Sphäre zu heben.

Trotz dieser Schwächen ist „Cloud Atlas“ aber durchaus ein gelungener und vor allem optisch beeindruckender Film. Es ist schade, dass er im Kino gefloppt ist, aber ich bin überzeugt davon, dass er – ganz ähnlich wie der bereits erwähnte „Blade Runner“ – im Laufe der Jahre seine Fans finden wird. Denn die Botschaften des Buches wie des Films sind tatsächlich sehr wichtige. Kleine, scheinbar unbedeutende Ereignisse können für die weitere Entwicklung der ganzen Menschheit von Bedeutung sein und so kann jeder Einzelne dazu seinen Beitrag leisten. Oftmals lässt sich das erst nach langer Zeit erkennen, der kurzfristige Blick reicht dafür nicht aus. Aber genau diesen Blick wollen David Mitchell, Andy und Lana Wachowski und Tom Tykwer verändern und ihr Publikum für größere Zusammenhänge sensibilisieren. Wer weiß schon, was die eigenen Handlungen für Auswirkungen haben werden? Im Film führen die Entscheidungen eines einzelnen Arbeiterklons zu weitreichenden Veränderungen und genau jener Klon – das Mädchen Sonmi~451 ~ wird Jahrhunderte später als Göttin verehrt. „My life extends far beyond the limitations of me“, erklärt der junge Komponist Robert Frobisher (Ben Wishaw) in einem der anderen Handlungsstränge und genau diese Einsicht ist es, die meiner Meinung nach notwendig ist, um viele der Probleme und Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, zu meistern. Kurzfristiges, egoistisches Denken und der Blick auf den schnellen (wirtschaftlichen) Erfolg muss ersetzt werden durch einen umfassenderen Denk- und Erfahrungshorizont. Denn genau wie im Film hat auch in der Realität jede Handlung eines jeden Einzelnen weit reichende Konsequenzen für den ganzen Planeten, auch wenn sie für sich allein genommen vielleicht unbedeutend erscheinen mag. Eine achtlos weggeworfene, aber tatsächlich hochgiftige Zigarettenkippe kann durch Wind und Regen über Abwasserkanäle und Flüsse ins Meer gelangen und dabei zahlreiche Meereslebewesen töten. Ein für 4,95 gekauftes T-Shirt wurde in Bangladesch von schlecht bezahlten Näherinnnen unter schlimmsten Bedingungen hergestellt. Mit unseren Entscheidungen und Handlungen tragen wir dazu bei, die Zukunft unserer Welt mitzugestalten – und dabei sind es auch und gerade solche alltäglichen, scheinbar bedeutungslosen Dinge, die fatale Auswirkungen haben können.

„Alles ist verbunden.“ Dieser Satz klingt simpel und erscheint banal, aber ich bin überzeugt davon, dass die hinter ihm stehenden Bedeutungen, die der Film und das Buch transportieren, hochbrisant sind. Früher oder später wird die Menschheit hoffentlich erkennen, dass der Horizont eines einzelnen Menschenlebens zu klein ist, um die Entwicklung unserer Welt und Zukunft im Blick zu haben und dass wir in größeren Zeitabschnitten denken müssen. „Cloud Atlas“ zeigt in jedem seiner sechs Handlungsstränge Personen, die sich über ihre eigenen Grenzen hinwegsetzen müssen, deren Weltbild erschüttert wird, die vor weit reichende Entscheidungen gestellt werden und schließlich versuchen, auch gegen Widerstand Veränderungen durchzusetzen. Auf diese Weise wird hier exemplarisch verdeutlicht, wie gesellschaftlicher Wandel durch Erlebnisse und Entscheidungen Einzelner in Gang gesetzt werden kann. Zum Beispiel, wenn ein junger Seefahrer, dessen Leben von einem schwarzen Sklaven gerettet wird, sich später der noch kleinen Gruppe an Gegnern der Sklaverei anschließt und auf diese Weise dazu beiträgt, die Sklaverei abzuschaffen. Solche Entwicklungen und Veränderungen sind oft größer als wir selbst, größer als der Erfahrungs- und Wirkungshorizont einer Einzelperson. Aber auch wenn einzelne Menschen sterben, können sie doch zu ihren Lebzeiten wichtige Veränderungen in Gang setzen, die auch nach ihrem Tod weiter wirken.

If you don’t get it, what’s the point in me explaining it….. 😉

Star Trek Into Darkness

Nachdem ich „Star Trek Into Darkness“ inzwischen schon zweimal im Kino gesehen und habe und den Film einfach fantastisch finde, muss ich einfach ein paar Zeilen über ihn verlieren. Mein Herz schlägt seit 18 Jahren für „Star Wars„, aber ich habe auch „Star Trek“ immer geliebt, alle Kinofilme mehrmals gesehen, einen Großteil der Episoden aller Serien angeschaut und war von der Idee der Autoren des 2009er Reboots, eine alternative Zeitlinie einzuschlagen, wirklich begeistert. Ich glaube ja, dass die Tatsache, dass Regisseur J.J. Abrams „Star Trek“ zwar kannte, bevor er damals die Regie des Films übernahm, aber nie wirklich ein Fan davon war, dem Film sehr zugute gekommen ist; nur jemand, der das Phänomen „Star Trek“ ein wenig von außen betrachten konnte und nicht aus dem Blick eines Fans, konnte wohl den Mut und die Entschlossenheit haben, einen so radikalen Schritt wie die Zerstörung von Vulkan und die Verlagerung der gesamten Erzählung in ein Paralleluniversum in Betracht zu ziehen und durchzusetzen. (Das bringt mich jetzt wieder zu der Sorge darüber, was der erklärte „Star Wars“-Fan Abrams in „Episode VII mit „Star Wars“ anrichten wird, aber das ist ein anderes Thema.)

Mehrmals habe ich in den letzten Tagen in verschiedenen Kritiken zum nun erschienenen Sequel „Star Trek Into Darkness“ gelesen, es sei schade, dass auch dieser zweite Film den Zuschauer zwar auf eine extrem unterhaltsame Action-Achterbahnfahrt schickt, es aber nicht schafft, essentielle Fragen des „Star Trek“-Universums ausreichend zu thematisieren (die Bedeutung der obersten Direktive wird beispielsweise nur kurz angerissen). Dazu will ich Folgendes sagen: In den Kinofilmen der Reihe lag der Actionanteil stets höher als in den Serien. Die Filme waren darauf angewiesen, ein großes Publikum zu erreichen, das nur zu einem relativ kleinen Teil aus Fans bestand. Ausführliche Diskussionen philosophischer oder ethischer Fragen waren da natürlich fehl am Platz – und wenn man es mal versucht hat, ging das eher nach hinten los (siehe die Filme Nr. 5 & 9). In einer Fernsehserie, bei der nicht in jeder Folge alle Charaktere bedient werden wollen und nicht auch noch jedes Mal eine ordentliche Portion Spannung und Action enthalten sein muss, kann man es sich natürlich leisten, mal zum Beispiel eine ganze Episode lang über die Todesstrafe zu diskutieren. Ein zweistündiger Kinofilm muss aber all das auf einmal unter einen Hut bringen und zudem noch möglichst viele Zuschauer ansprechen, die sich im „Star Trek“-Universum bislang noch kaum oder gar nicht auskennen. Am besten gelungen ist dieser schwierige Spagat zwischen Tiefgang und Unterhaltung bislang im besten der alten „Star Trek“-Filme, dem zweiten („Der Zorn des Khan“). Bei „Star Trek Into Darkness“ hat man sich für etwas weniger Tiefgang entschieden als das vielleicht möglich gewesen wäre, dafür hält der Film genau wie Teil eins sein Tempo konstant hoch und reiht eine beeindruckende Actionsequenz an die nächste. Mich persönlich stört das überhaupt nicht, denn Kino ist nun mal nicht Fernsehen (und platt ist die in „Into Darkness“ erzählte Geschichte deswegen noch lange nicht).

Für mich ist „Star Trek Into Darkness“ ein nahezu perfekter SciFi-Actionfilm, der mich mehrmals überraschen konnte. Und damit bin ich bei der zweiten mutigen Entscheidung von J.J. Abrams: seiner Geheimniskrämerei. Selbst ein Fan – wenn auch nicht von „Star Trek“ – weiß der Mann ganz einfach, wie schön es sein kann, ins Kino zu gehen und nicht schon bis ins Detail zu wissen, was einen erwartet. Die Trailer der meisten großen Filme nehmen inzwischen viel zu viel von deren Handlung vorweg und im Internet kann man oft schon Monate vor dem Kinostart die kleinsten Storydetails (manchmal sogar das komplette Drehbuch!) vieler Filme finden. Deswegen finde ich es höchst bewundernswert, dass J.J. Abrams sich dazu entschieden hat, bei jedem seiner Projekte gerade so viel nach außen dringen zu lassen, dass man neugierig wird – mehr aber nicht. Mir ist natürlich bewusst, dass es auch eine brillante Marketingstrategie darstellt, die Internetfangemeinde monatelang über die Identität des von Benedict Cumberbatch gespielten Antagonisten rätseln zu lassen. Aber ich nehme es Abrams ehrlich ab, dass er diese Geheimniskrämerei nicht nur aus Marketingzwecken betreibt, sondern weil er wirklich daran glaubt, dass man im Kino am besten unterhalten wird, wenn man vorher möglichst wenig über den Ablauf des Films weiß. Und gerade weil mir Abrams‘ Absichten so glaubwürdig und ehrenhaft erscheinen, bin ich auch bereit, meinen Teil zu dieser Strategie beizutragen und habe deshalb in den Monaten und Wochen vor dem Kinostart des neuen „Star Trek“-Films alle Spoilerfallen bewusst gemieden. Ich habe fast keine Kritiken gelesen, ich habe mich nicht in Fan-Foren umgesehen, den letzten Trailer zum Film habe ich im Internet gar nicht mehr angeschaut.

Dass ich „Star Trek Into Darkness“ so fantastisch fand, dass der Film eine so überwältigende Wirkung auf mich hatte wie sie wirklich nur selten ein Film hat, hat zu einem großen Teil damit zu tun, dass ich eben dieses Mal vorher schlicht und einfach fast nichts über die Handlung wusste. Aber auch damit, dass es sich einfach um einen sehr, sehr guten Film handelt. Das geht schon beim Drehbuch los: Zwar ist die Handlung insgesamt nicht besonders komplex, doch die Dialoge und die Ausarbeitung und Weiterentwicklung der meisten Figuren so gut gelungen, dass das Zuschauen und -hören eine große Freude ist. Die Darsteller müssen einen Riesenspaß dabei gehabt haben, sich die Textzeilen wie Tischtennisbälle zuzuspielen. Die Humordichte ist dabei zum Teil sehr hoch, aber das Schöne ist, dass die Lacher hier nie um ihrer selbst willen in den Film geschrieben worden sind, sondern stets der Charakterisierung der Figuren dienen (gut, ein paar wenige Ausnahmen gibt es, aber die haben micht überhaupt nicht gestört). Das beste Beispiel ist die Szene, in der Spock und Uhura in einem Shuttel ihre Beziehungsprobleme diskutieren, sehr zum Unwohlsein ihres Captains, der das Ganze nicht nur mit anhören muss, sondern auch noch mit hinein gezogen wird. Des Weiteren gibt es eine ganze Reihe von Anspielungen, die dem „Star Trek“-Kenner ein Grinsen ins Gesicht zaubern und die eines der Mittel sind, die diesen Film, der doch sowohl optisch als auch inhaltlich Lichtjahre vom alten „Star Trek“ entfernt zu sein scheint, mit der „Classic“-Serie verbinden und helfen, ihm das entscheidende „Star Trek“-Feeling zu verpassen.

Dieses Feeling ist aber nicht nur den Dialogen und den nur für Fans gemachten Anspielungen zu verdanken, sondern in erster Linie den Darstellern. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber nach diesen beiden Filmen von J.J. Abrams akzeptiere ich Chris Pine, Zachary Quinto und auch alle anderen Darsteller der Crewmitglieder ebenso in den Rolle von Kirk, Spock usw. wie die Originaldarsteller aus der klassichen Serie. Irgendwie haben Abrams, seine Drehbuchautoren und seine Schauspieler das schier unmögliche Kunststück hinbekommen, die ikonenhaften Originalfiguren nicht zu kopieren, beim Zuschauer aber dennoch das Gefühl zu wecken, als kenne er diese Charaktere schon jahrzehntelang. Das hat sicherlich viel damit zu tun, dass wir im ersten Film das Zusammenkommen und gegenseitige Kennenlernen dieser Crew miterleben durften und auch damit, dass die beiden Filme in einer alternativen Realität (quasi einem Spiegeluniversum) spielen, so dass sich die Autoren und Schauspieler zwar an entscheidende Grundkomponenten halten können und müssen (Vulkanier haben spitze Ohren, Kirk und Spock werden enge Freunde), aber eben in einigen entscheidenden Punkten davon abweichen, um „Star Trek“ aufzufrischen und zu erneuern (Spock darf zum Beispiel etwas emotionaler sein als früher).

Dieses Spielen mit Details findet sich im Film auf allen Ebenen. Immer wieder entdeckt man bekannte Elemente, die durch Neues verändert und modernisiert worden sind (oder umgekehrt). Die „Wollkragen“ einiger hochrangiger Sternenflottenoffiziere (sind das Admiralsuniformen? Da kenne ich mich zu wenig aus…) haben mich beispielsweise sehr an die Filme mit William Shatner und Co. erinnert und dazu beigetragen, dass ich den Film wie von selbst als „Star Trek“ akzeptiert habe, obwohl doch vieles – zum Beispiel die grauen Uniformen, die die Figuren in einigen Szenen tragen – vollkommen anders aussieht, als man es vom alten „Star Trek“ gewohnt war. Das gleiche gilt für das Design der Enterprise, die aus manchen Blickwinkeln fast so aussieht wie das Modell aus den 1960er Jahren, aus anderen dagegen überhaupt nicht.

In einem „Star Trek“-Fanforum habe ich vor ein paar Tagen heftige Diskussionen darüber mitgelesen, ob es ein kreatives Armutszeugnis sei, dass sich die Filmemacher für die Handlung von „Star Trek Into Darkness“ auf bereits etablierte Figuren stützen, statt etwas vollkommen Neues zu erfinden (schließlich muss man sich dank der eröffneten alternativen Zeitlinie ja theoretisch an keinen Kanon halten). Ich bin überhaupt nicht dieser Ansicht, denn auch hier ist es geglückt, bekannte Figuren und Handlungsbögen mit einem Twist zu versehen und genau darin lag für mich das Vergnügen beim Anschauen. Irritiert hat mich allein, dass ich bei einer hochemotionalen Szene am Ende des Films nicht aufhören konnte zu grinsen, obwohl das Geschehen eigentlich zum Weinen war. Aber so ist das nun mal, wenn eine der bekanntesten Szenen der Kinogeschichte noch einmal aufgegriffen, dabei aber gespiegelt wird, ohne zur Parodie zu verkommen. „Star Trek“ thematisiert sich selbst – willkommen im Meta-Universum!

Dass ich die Schauspieler in ihren Rollen alle großartig finde, habe ich schon geschrieben und das war nach dem ersten Teil auch nicht mehr überraschend. Im zweiten Teil kommen nun ein paar Neuzugänge hinzu. Peter Weller spielt Admiral Marcus, den Oberkommandierenden der Sternenflotte. Ohne zuviel zu verraten kann ich nur sagen, dass ich den Darsteller in der Rolle zunächst äußerst unpassend fand, später wurde mir aber klar, warum man ihn gecastet hat. Alice Eve spielt Carol Marcus, die Tochter des Admirals, die als weitere Wissenschaftsoffizierin an Bord der Enterprise kommt. Ihre Rolle ist die wohl undankbarste im ganzen Film, was aber überhaupt nicht negativ gemeint ist, sondern im Gegenteil ein weiteres Kompliment an die Filmemacher darstellt: Abrams und seine Autoren haben ganz klar langfristig gedacht und Carol Marcus hier als Figur etabliert, ohne sie auf Kosten der Geschichte unnötig in den Vordergrund zu rücken. Ich bin mir sicher, dass sie im nächsten Film eine wichtigere und interessantere Rolle einnehmen wird und dafür dann auf ihre Darstellung in diesem Film aufgebaut werden kann. Dann ist da natürlich noch Benedict Cumberbatch als Terrorist John Harrison (ich hätte ihn ja Ringo McCartney genannt…). Dieser Schauspieler und sein unglaublicher Erfolg in den letzten Jahren sind ja ein Phänomen für sich. Natürlich bin auch ich ein großer „Sherlock“-Fan (interessant übrigens, dass darin mit den Sherlock Holmes-Geschichten ähnlich verfahren wird wie im neuen „Star Trek“ mit dem „Star Trek“-Mythos) und dementsprechend auch ein großer Cumberbatch-Fan. Das ist also vielleicht der einzige Aspekt des Films, von dem ich nicht überrascht war: dass Benedict Cumberbatch als John Harrison einfach wahnisinnig charasmatisch ist und sämtliche Facetten dieser Figur mit Genuss ausspielt. „Star Trek Into Darkness“ zieht eine ähnlich Masche durch wie zuletzt schon „Skyfall“ und „The Avengers“: Der Oberbösewicht lässt sich gefangen nehmen und scheint damit zunächst unter Kontrolle zu sein, bis dann klar wird, dass alles genau nach seinem Plan verläuft. Aber viel mehr als in den beiden anderen genannten Filmen habe ich hier vorübergehend tatsächlich geglaubt, dass dieser Bösewicht es wirklich meint, wenn er sagt, er stehe auf der Seite der Helden. Es ist zum Großteil Cumberbatchs Schauspielkunst – nicht zuletzt seiner tiefen, hypnotischen Stimme – zu verdanken, dass man sich von seiner Figur einlullen lässt. Umso größer ist der Schock dann später, als er… aber mehr sollte ich jetzt wirklich nicht verraten, auch wenn das hier eh fast niemand liest. 😉

Ich könnte noch auf einige weitere, ebenfalls großartig gelungene Aspekte des Films eingehen, will aber doch allmählich zum Ende kommen. Nur noch Folgendes: Ich bin sehr gespannt, was J.J. Abrams mit „Star Wars“ anfangen wird. Den Weg des Reboots kann er dort ja nicht wählen, schließlich soll die Geschichte in Episode VII sinnvoll weiter erzählt werden. Aber obwohl ich großer „Star Wars“-Fan bin, wäre es mir eigentlich noch lieber, Abrams würde „Star Wars“ links liegen lassen und sich stattdessen voll auf den nächsten „Star Trek“-Film konzentrieren. Denn hinter dem möchte ich das gleiche Kreativteam am Werk sehen, dem wir die letzten beiden Filme zu verdanken haben. Abrams hat zwar wirklich einen Schlag, was seinen Lens Flare-Fetisch betrifft, davon abgesehen finde ich seine „Star Trek“-Filme aber fast perfekt und kann mir nicht vorstellen, dass der dritte Teil dieses Niveau halten kann, wenn Abrams nicht mehr so stark involviert ist. Zwar besteht theoretisch die Möglichkeit, dass Abrams „Star Wars“ dreht, der im Sommer 2015 erscheinen soll und danach sofort die Dreharbeiten zum „Star Trek“-Threequel startet, das 2016 zum 50-jährigen Trek-Jubiläum in die Kinos kommen soll. Doch unter einem derart gehetzten Vorgehen würden womöglich beide Filme leiden.

Nun hat er uns aber erst einmal „Star Trek Into Darkness“ geschenkt, den für mich bis jetzt besten Film des Jahres. Popcorn-Kino, bei dem man vor Spannung und vor Lachen vergisst, dass man einen Popcorneimer auf dem Schoß stehen hat, perfekte Unterhaltung längst nicht nur für Trekkies (aber für die ganz besonders, wenn sie sich auf das „Star Trek“ von J.J. Abrams einlassen können). Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass Abrams einen noch besseren Film hinkriegt (ein paar Ideen und meine eigene Meinung dazu hätte ich natürlich…), aber er soll es bitte, bitte mit allen Kräften versuchen. Wie sagte doch Captain Pike zu James T. Kirk im ersten Film? „I dare you to do better!“

Poltergeist (1982) – von desperate housewives und Geistergemeindeversammlungen

Vor ein paar Wochen bin ich auf Facebook auf ein Video-Review zur neuen 3D-Fassung von „Jurassic Park“, die in den USA bereits angelaufen ist (Deutschlandstart ist im September), aufmerksam geworden. Da Steven Spielbergs Dinosaurier-Klassiker einer meiner Lieblingsfilme ist, musste ich das Video natürlich sofort in voller Länge ansehen. Als ich dann feststellte, dass der Autor des Videos, Donald W. Pfeffer, auf seinem YouTube-Kanal derzeit dabei ist, sich in einem „Spielberg-A-Thon“ an sämtlichen Werken des Regisseurs abzuarbeiten, verbrachte ich schließlich zwei ganze Abende damit, mir seine Besprechungen aller Filme von Steven Spielberg anzuschauen, inklusive einiger früher Fernseharbeiten und des einen oder anderen Films, bei dem Spielberg gar nicht selbst Regie geführt hat. Pfeffer bespricht die Spielberg-Filme überwiegend in chronologischer Reihenfolge („Jurassic Park“ wurde aufgrund der aktuellen 3D-Wiederveröffentlichung vorgezogen) und ist momentan bei der „Jurassic Park“-Fortsetzung „The Lost World“ angekommen. Es werden in den nächsten Wochen und Monaten also noch mindestens zwölf weitere Videos folgen, die die Filme thematisieren werden, die Spielberg seitdem noch gemacht hat. (Übrigens finden sich auf Pfeffers YouTube-Seite und auf seinem Blog „Blessed Are The Geeks“ auch noch Video-Reviews zu allen „Planet der Affen“-Filmen sowie ein ganzer „Bond-A-Thon“, in dem alle – aber wirklich alle! – Filme besprochen werden, in denen die Figur des James Bond aufgetreten ist. Das trug ebenfalls dazu bei, dass ich zwei volle Abende vor meinem Laptop saß und mich von einem Video zum nächsten klickte.) Pfeffers Videos sind meistens sehr unterhaltsam, man erfährt immer wieder interessante Hintergrundfakten zu den besprochenen Filmen und natürlich ist es auch jedes Mal wieder einfach schön, ein wenig in Erinnerung an Filme zu schwelgen, die man schon lange nicht mehr gesehen hat (das einzige wirklich schlechte und langeweilige unter den Video-Reviews ist das zu Spielbergs „Hook“ – wenn Ihr es anschaut, werdet Ihr merken, warum).

Die allermeisten Werke von Steven Spielberg habe ich mindestens einmal gesehen. „Poltergeist“, einen Film, an dem Spielberg 1982 offiziell „nur“ als Produzent beteiligt war, kannte ich allerdings noch nicht. In Pfeffers Besprechung zum Film wird ausführlich der Frage nachgegangen, inwiefern man diesen Film trotzdem als Spielberg-Film bezeichnen kann. Offiziell ist Tobe Hooper der Regisseur des Films (nicht zu verwechseln mit Tom Hooper, der „The King’s Speech“ und „Les Misérables“ gedreht hat), Spielberg scheint aber zumindest phasenweise die Regie selbst übernommen zu haben. Vor kurzem habe ich mir „Poltergeist“ ausgeliehen und spät abends angeschaut; es handelt sich definitiv nicht um einen Film, den man unbedingt gesehen haben muss, aber wenn man wie ich ein großer Fan von Steven Spielberg ist, dem 80er-Jahre-Look des Films etwas abgewinnen kann (wir hatten früher zuhause die gleichen Stühle!) und vielleicht auch noch ein Fan des Übernatürlichen und von Geistergeschichten ist, dann kann man mit diesem Film bestimmt nichts falsch machen.

„Poltergeist“ handelt schlicht und einfach davon, dass eine fünfköpfige Familie in ihrem selbst gebauten Vorstadthaus von Geistern heimgesucht wird. Zunächst macht sich das nur durch sich wie von selbst verrückende Stühle und ein paar fliegende Gegenstände bemerkbar, kurz darauf verschwindet dann aber die fünfjährige Tochter Carol Anne (Heather O’Rourke) und muss mit Hilfe einer Gruppe von Parapsychologen wieder befreit werden – und zwar aus dem Fernseher, in dem sie anscheinend gefangen war. Verstehen muss man das alles nicht, aber schließlich geht es ja auch um Vorgänge und Erscheinungen, die jenseits unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen. Die Drehbuchautoren – unter ihnen Spielberg – haben hier wohl all das in den Film geschrieben, was sie selbst gerne sehen wollten und mussten sich aufgrund der bequemen Ausgangslage der Geschichte gar keine Gedanken darum machen, wie viel oder wenig Sinn es ergibt. Und das ist auch okay so, wenn man von „Poltergeist“ nicht mehr erwartet, als eine knapp zweistündige Fahrt durch die Geisterachterbahn. Als solche funktioniert der Film tadellos, die Special Effects können zum Teil auch heute noch beeindrucken und vor allem die Darsteller überzeugen. Jobeth Williams und Craig T. Nelson spielen das in den Wahnsinn getriebene und immer mehr verzweifelnde Ehepaar; während Nelson im Verlauf des Films immer hilfloser wirkt, weil er allein nichts gegen die Geister ausrichten und seine Familie nicht wirkunsvoll beschützen kann, beeindruckt Williams als verzweifelte, zu allem bereite Mutter, die ihre Tochter um jeden Preis zurück in die Welt der Lebenden holen will. Unter den Nebendarstellern ist zum einen Beatrice Straight hervorzuheben, die die Parapsychologin Dr. Lesh spielt. Ihre Rolle besteht nach einer ersten Untersuchung des verfluchten Hauses zwar hauptsächlich darin, mit aufgerissenen Augen und zitternden Händen herumzustehen, sie legt aber eine solches Maß an Ernsthaftigkeit in ihre Darstellung, dass dies den ganzen Film aufwertet. Wenn Dr. Lesh den anderen Figuren und uns Zuschauern den Unterschied zwischen Poltergeistern und anderen Gespenstern erklärt, dann zieht einen das so in die Handlung hinein, dass man zumindest vorübergehend gar nicht mehr darauf kommt, diesen ganzen Spuk lächerlich zu finden.

Eine weitere interessante Nebenfigur ist das von Zelda Rubinstein gespielte „Medium“ Tangina – schon allein wegen der vielen kultigen Zeilen, die die Autoren der Schauspielerin in den Mund gelegt haben („Y’all mind hanging back? You’re jamming my frequency“). Der wirkliche Star des Films ist aber die kleine Heather O’Rourke, die die fünfjährige Tochter Carol Anne spielt (und deren unheimliches „They’re here!“ wahrscheinlich das bekannteste Zitat aus dem Film ist). Von Steven Spielberg zufällig entdeckt, wurde sie durch ihre Rolle in „Poltergeist“ zum Kinderstar, spielte auch in den beiden Fortsetzungen mit und starb leider 1988 im Alter von nur zwölf Jahren.

Im Film wird von Dr. Lesh und Tangina ausführlich erklärt, was ein Poltergeist ist, was er will und warum nun einer die kleine Carol Anne entführt hat. Ich habe jedoch schon zu Beginn des Films begonnen, meine eigene Theorie zu den geschilderten Ereignissen zu entwickeln: Ziemlich früh im Film sieht man die Mutter, Diane, neben ihrem Mann auf dem Bett sitzen und einen Joint rauchen (ich behaupte jetzt einfach mal, dass das keine normale Zigarette war). Später im Film versichert ihr die Parapsychologin Dr. Lesh, dass sie sie nicht allein lassen und sich um sie kümmern wird; denn Diane fühlt sich hilflos, einsam, verzweifelt. Das ist angesichts der traumatisierenden Ereignisse und des Verschwindens ihrer Tochter verständlich, aber steckt nicht vielleicht noch mehr dahinter? Geht es hier vielleicht nur vordergründig um „echte“ Geister, tatsächlich aber um die inneren Dämonen einer zutiefst verzweifelten Mutter und Hausfrau? Sie und ihr Mann scheinen alles zu haben, was sie sich nur wünschen könnten – ein neues Haus, finanzielle Absicherung, drei wunderbare Kinder. Doch ist das wirklich das Leben, das sich Diane erträumt hat? Mutter und Hausfrau, also kochen, putzen, bei den Hausaufgaben helfen und abends dem Mann zuhören, wenn er vom Stress in der Arbeit erzählt? Vielleicht ist es ja kein Wunder, dass Diane allmählich vollkommen ausgelaugt ist, sich leer und verzweifelt fühlt – die klassischen Symptome einer desperate housewife, die vom immer gleichen Vorstadtalltag irgendwann einfach die Nase voll hat. Was macht sie also? Sie sucht Ablenkung, versucht sich zu beruhigen. Vielleicht mal hier und da ein Gläschen Wein, eine schnelle Zigarette, nachdem die Kinder morgens aus dem Haus sind. Und vielleicht auch mal einen Joint. Die Kombination leichter bis mittelschwerer Drogen mit der sich über Jahre hinweg angestauten inneren Unruhe kann durchaus dazu führen, dass man die Geister, von denen man sich heimgesucht fühlt, tatsächlich vor sich sieht. Existieren all die Geschehnisse des Films also nur in Dianes Kopf? Ist die Parapsychologon Dr. Lesh nur eine Manifestation von Dianes unterbewusstem Wunsch nach einer Flucht aus diesem Leben? Diese Theorie ist nicht ganz ernst gemeint – und ich selbst habe während des Films nicht geraucht und nur Tee getrunken!

Und noch einen lustigen Gedanken hatte ich nach dem Film. An dieser Stelle muss ich allerdings eine Spoilerwarnung aussprechen, denn nun werde ich den kleinen Twist am Ende des Films verraten: „Poltergeist“ endet mit einem Schuss Kapitalismuskritik, denn wieder einmal war es die Gier des Menschen, die Schuld daran ist, dass es überhaupt zu all den schrecklichen Ereignissen kommen konnte. Es stellt sich nämlich heraus, dass die Neubausiedlung, in der das von den Geistern heimgesuchte Haus steht, auf dem Gelände eines früheren Friedhofs erbaut wurde. Der Friedhof wurde zwar vor dem Bau der Häuser an eine andere Stelle versetzt, aber um Geld zu sparen wurden vor dem Bau lediglich die Grabsteine versetzt. Die Leichen blieben im Boden! (Wieso das niemandem aufgefallen ist, ist mir ein Rätsel. Beim Graben müssen die Bauarbeiter doch auf die Särge gestoßen sein. Oder haben die Häuser in Amerika tatsächlich alle keine Keller?) Grund für den ganzen Spuk scheint also das Unbehagen der Leichen/Geister darüber gewesen zu sein, plötzlich eine Neubausiedlung quasi auf dem Dach zu haben. Was mich allerdings stutzig gemacht hat, war die Tatsache, dass lediglich ein einziges Haus zum Opfer ihres Spuks (und am Ende schließlich vollkommen zerstört) wurde. Wenn die Geister die lebenden Menschen loswerden wollten, warum haben sie dann nicht in allen Häusern ihr Unwesen getrieben?

Über die Gründe für diese Entscheidung sollte man einen weiteren Film drehen. Und zwar kein Sequel oder Prequel, sondern sozusagen ein „Sidequel“ (okay, es wäre auch zum Teil ein Prequel) – eine Geschichte, die jedenfalls teilweise parallel zu den in „Poltergeist“ gezeigten Ereignissen abläuft und darstellt, wie die verärgeten Geister zu der Entscheidung gekommen sind, sich auf dieses eine Haus zu konzentrieren. Ganz genau, dieser Film erzählt die Ereignisse überwiegend aus der Sicht der Geister! Meine Theorie dazu sieht so aus: Auf einer großen Geistergemeindeversammlung bilden sich zu dem Thema, wie mit der Neubausiedlung umgegangen werden soll, (mindestens) zwei Fraktionen. Die einen sind dafür, einfach der gesamten Siedlung und allen sie bewohnenden Menschen quasi den Krieg zu erklären. Also alle Häuser bespuken, die Menschen entführen oder töten und schließlich alles zerstören, damit das Friedhofsgeläne am Schluss wieder den Geistern gehört. Eine kleine Minderheit, die sich schließlich durchsetzt, hat aber eine viel bessere Idee (diese Minderheit könnte aus nur einem einzigen Geist bestehen, den man zur Hauptfigur des Films machen könnte) und kann sich schließlich durchsetzen: Sie setzen auf einen gezielten Angriff auf nur ein einziges Haus. Auf diese Weise muss man nur ein Haus zerstören, alle übrigen bleiben intakt. Da aber natürlich kein vernünfiger Mensch mehr in einer Siedlung wohnen will, in der eine Familie von Geistern terrorisiert worden und schließlich ihr ganzes Haus zerstört worden ist, kann man davon ausgehen, dass die übrigen Familien nach und nach alle wegziehen werden. Die Siedlung wird zur Geisterstadt – im wahrsten Sinne des Wortes, wenn es sich schließlich nach dem Weggang aller Lebenden die Untoten dort bequem machen. Neubauhäuser sind doch so viel schöner als Grabsteine! Zudem kann man zu diesem Film auch noch Sequels drehen, da sich ja bestimmt immer wieder Menschen in diese Geisterstadt verirren (das wäre dann wohl so eine Art „Silent Hill“). Hmm, vielleicht sollte ich diese Idee mal bei MGM pitchen, dort wird nämlich angeblich an einem „Poltergeist“-Remake gearbeitet. Aber ein reines Remake ist doch langweilig, meine Story-Idee hat dagegen den Vorteil, dass das Ganze mal von der anderen Seite aus betrachtet wird….. „It’s Poltergeist – with a twist!“