Cloud Atlas

Vor kurzem habe ich wieder einmal einen Film nachgeholt, den ich letztes Jahr verpasst habe: „Cloud Atlas“. Dass ich ihn verpasst habe, stimmt allerdings nicht ganz, denn ich habe ihn bewusst nicht im Kino gesehen, weil ich erst die Buchvorlage von David Mitchell lesen und danach den Film anschauen wollte. Mit dem Buch bin ich Anfang des Jahres fertig geworden, der Film lief aber leider nicht mehr im Kino, so dass ich erst auf das Erscheinen der Blu-ray warten musste.

David Mitchells Buch „Cloud Atlas“ einfach als Roman zu bezeichnen, scheint schon fast untertrieben. Der Autor hat sich dabei nämlich an nichts Geringerem versucht, als in einer allumfassenden, allgemeingültigen Geschichte aufzuzeigen, wie die Handlungen einer jeden Einzelperson für die Entwicklung der gesamten Menschheit von Bedeutung sein können und wie diese Handlungen weit über den direkten Wirkungsbereich des Einzelnen hinaus reichen – auch in der Zeitdimension. Dies sind jedenfalls aus meiner Sichtweise die Haupthemen des Buches. Je nach Sichtweise und Interpretation nimmt die in „Cloud Atlas“ erzählte Geschichte philoshophische bis esoterische Züge an und ist mit der für die Verfilmung kreierten Tagline „Alles ist verbunden“ zwar korrekt, aber natürlich auch nur äußerst knapp umschrieben.

Mitchell erzählt in „Cloud Atlas“ zumindest auf den ersten Blick sechs vollkommen unterschiedliche Geschichten, die alle zu unterschiedlichen Zeiten spielen (vom 19. Jahrhundert bis hin in eine apokalyptische Zukunft, in der weite Teile der menschlichen Zivilisation zusammen gebrochen sind). Die ersten fünf Geschichten werden jeweils mitten in der Handlung unterbrochen (eine sogar mitten im Satz!), dann folgt die in der Mitte des Buches angeordnete Endzeit-Geschichte, bevor die ersten fünf Erzählungen in umgekehrter Reihenfolge zu Ende erzählt werden. Daraus ergibt sich ein symmetrischer Aufbau des Buches. Zusätzlich folgen die einzelnen Erzählstränge in ihrem Aufbau jeweils noch einer eigenen literarischen Form; bei der das Buch beginnenden und abschließenden Erzählung handelt es sich beispielsweise um ein Tagebuch, es folgen unter anderem ein Briefroman, ein Thriller und ein Interview.

Von der den Film begleitenden Werbekampagne wurde man letztes Jahr immer wieder darauf hingewiesen, dass hier Halle Berry, Tom Hanks und andere Darsteller jeweils (zum Teil bis zu sechs) verschiedene Rollen spielen. Als etwa Hanks und Berry im November auf der „Wetten dass…?“-Couch saßen, wurden in einem kurzen Video-Einspieler ihre verschiedenen Figuren in den unterschiedlichen Masken und Verkleidungen gezeigt, der eigentliche Inhalt des Films wurde jedoch mit keinem Satz thematisiert. Aber wie auch? All jenen Fernsehzuschauern, die keine eingefleischten Kinofans sind und noch nie von diesem Film gehört haben, die Handlung erklären zu wollen, würde wohl eher eine abschreckende als werbewirksame Wirkung haben. Und es ist wohl kein Wunder, dass der Film im Kino als Flop zu verbuchen war, nachdem man nicht in der Lage war, seinen Inhalt anders als über den Hinweis auf Tom Hanks in verschiedenen Masken und die alles- und nichtssagende Zeile „Alles ist verbunden“ zu vermitteln.

Auch unter denjenigen, die sich dann tatsächlich eine Karte gekauft haben, dürften sich recht viele bereits nach zehn Minuten gefragt haben, worum es denn bitteschön in diesem Film eigentlich geht und was diese scheinbar durcheinander ablaufenden, völlig unterschiedlichen Geschichten miteinander zu tun haben. Und warum in allen Tom Hanks auftaucht. Übrigens hat wohl auch der überlange – nämlich achtminütige – Trailer, der im Vorfeld im Internet veröffentlicht wurde, zwar wohl diejenigen, die sich sowieso schon für „Cloud Atlas“ interessiert hatten, neugieriger gemacht, aber viele weitere Zuschauer dürfte man mit dieser Marketingmaßnahme nicht überzeugt oder auch nur erreicht haben. Ein achtminütiger Trailer – das allein klingt doch schon anstrengend und kompliziert, dabei war die Absicht doch, einen Einblick in die Geschichte zu geben und zu zeigen, dass die dem Film zugrunde liegenden Gedanken zwar tiefgründig, aber eigentlich ganz einfach sind. Aber der Aufbau der Geschichte bringt es nun einmal mit sich, dass sich eine kurze Zusammenfassung des Films wie auch des Buchs nach einem fürchterlich schwierigen Werk anhören muss. Was für ein Dilemma!

Mir als großem Filmfan war all das zum Glück egal, ich habe den Trailer in voller Länge gesehen und wie gesagt vor dem Anschauen des Films extra das Buch gelesen, war also auf einen komplexen Film vorbereitet (ich war sogar ziemlich gehypet, nachdem „Babylon 5“-Schöpfer J. Michael Straczynski, auf dessen Meinung ich sehr viel gebe, den Film in den höchsten Tönen gelobt hatte). Nachdem ich „Cloud Atlas“ nun einmal gesehen habe, weiß ich zwar noch nicht, ob er auch für mich das Meisterwerk darstellt, als das ihn manche seiner Bewunderer bezeichnen. Ein großartiger Film ist es aber allemal.

Die Entscheidunge, fast alle Darsteller mehrere unterschiedliche Rollen spielen zu lassen, ist insofern nachvollziehbar, als es in den verschiedenen Handlungssträngen ja immer wieder um die selben Themen geht und die handelnden Figuren vor ähnliche Entscheidungen gestellt werden. Natürlich bildet bei der Interpretation der Geschichte die Idee der Reinkarnation ein naheliegendes Konzept (welches nie explizit angesprochen wird), doch man muss die verschiedenen, jeweils vom selben Darsteller gespielten Figuren nicht unbedingt als Wiedergeburten derselben Seele oder was auch immer ansehen. Dass man in jeder der Episoden die Gesichter von Tom Hanks und Halle Berry wieder findet, macht auch ohne das Reinkarnationskonzep Sinn, da es die Ähnlichkeiten zwischen den Handlungssträngen betont und zeigt, dass einzelne Individuen zu allen Zeiten immer wieder für die gleichen Ideale kämpfen müssen. Die Masken und Verkleidungen sind wirklich großartig, führen aber leider auch dazu, dass man ein ganzes Stück lang fast zu sehr damit beschäftigt ist, in jeder der sechs Geschichten alle Schauspieler zu identifizieren und so von der Handlung abgelenkt ist. Nicht immer sind die Schauspieler nämlich sofort zu erkennen (z.B. wenn Hugh Grants einen Stammeskrieger spielt, dessen Gesicht unter aufwändigen Bemalungen verborgen ist).

Mit dem Anspruch, David Mitchells Roman in einen knapp dreistündigen Film packen zu wollen, haben sich die Filmemacher hier wahrlich keinen Gefallen getan. Aus dem Stoff hätte man ohne Probleme auch einen Mehrteiler fürs Fernsehen machen können. Auch ein Episodenfilm mit konventionellerem Aufbau, bei dem die sechs Handlungsstränge einfach nacheinander erzählt werden, wäre sicherlich naheliegend gewesen. Höchstwahrscheinlich hätte aber unter der letzteren Variante die Botschaft des Films gelitten, denn die große Stärke von „Cloud Atlas“ ist es gerade, dass durch die ineinander verwobenen Geschichten, die quasi gleichzeitig erzählt werden, deren Parallelen hervortreten und vielleicht sogar deutlicher werden, als nach dem einmaligen Lesen des Buches. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber der Film ist tatsächlich auf eine Weise zusammengeschnitten, die einen nie den Faden verlieren lässt. Man kann allen sechs Geschichten ohne größere Probleme folgen (zumindest konnte ich das, mit dem Roman im Hinterkopf), selbst als die Wechsel zwischen ihnen zum Ende des Films in immer kürzerem Abstand erfolgen. Vielleicht liegt das daran, dass die Filmemacher den Film beim Schnitt als eine einzige, durchgehende Geschichte betrachtet haben und nicht als aus sechs unterschiedlichen Geschichten zusammengesetzt. Besonders positiv ist mir übrigens der Tonschnitt aufgefallen, denn gerade auf akustischer Ebene werden die einzelnen Segmente sehr gut miteinander verbunden und plötzliche Übergänge „kaschiert“, sowohl durch Musik als auch durch Soundeffekte (z.B. wenn das Geräusch eines galoppierenden Pferdes in das Rattern eines Zuges überblendet wird).

Nicht nur beim Schnitt, sondern ganz generell ist es notwendig, „Cloud Atlas“ als eine Geschichite zu betrachten. Alles ist verbunden – so banal sich dieser Satz auch anhören mag, man muss ihn erst einmal verinnerlicht und seine wirkliche Bedeutung verstanden haben: dass jede Handlung eines jeden Einzelnen weitreichende Folgen haben kann und jede Person die Chance hat, die Welt in der wir leben, aktiv mit zu gestalten. (Ich muss gerade an eine Szene aus dem „Making of“ zu Ridley Scotts „Blade Runner“ denken: Dort erzählt Scott, wie er den „money people“ vom Studio die Einhornszene seines Films zu erklären versucht. Seine Erklärung erschöpft sich weitgehend in einem Satz: „If you don’t get it, what’s the point in me explaining it?“ – Ich kann mir vorstellen, dass die Wachowskis und Tykwer zunächst in ähnlich verständnislose Gesichter geblickt haben wie Scott, als sie den Studiobossen ihren Film und ihr Konzept dazu zu erklären versucht haben.) Der Film fügt dem Roman jedenfalls nicht einfach nur ein paar beeindruckende Bilder hinzu, sondern hilft einem auch, dessen Themen und Motive besser zu verstehen, die man nach einmaligem Lesen vielleicht nicht alle bewusst wahrgenommen hat.

Insgesamt hat mir „Cloud Atlas“ also sehr gut gefallen, wobei ich mir nicht sicher bin, wie weit ich der Handlung hätte folgen können, ohne vorher den Roman gelesen zu haben. Ein paar Kritikpunkte habe ich aber auch. So sah zum Beispiel das Alters-Makeup nicht besonders überzeugend aus und war sofort als Maske erkennbar. Weiterhin hatte Susan Sarandon zwar auch in mehreren der Handlungsstränge jeweils eine Rolle, aber keine davon ist mir besonders in Erinnerung geblieben, was schade ist, da ich Sarandon sehr mag. Ach ja, dann ist da noch Halle Berry…zu ihr habe ich bislang noch in keinem Film eine enge emotionale Beziehung aufbauen können, ich mag sie als Schauspielerin einfach nicht (ihre mit dem Oscar ausgezeichnete Performance in „Monster’s Ball“ habe ich allerdings noch nicht gesehen). Zugegeben, da können die Filmemacher nichts dafür. Noch mehr gestört hat mich aber die Musik des Films, die unter anderem von Tom Tykwer selbst geschrieben wurde (er wurde dafür sogar für einen Golden Globe nominiert). Sie war zwar irgendwie nett und die Stimmung unterstreichend, aber bei einem Film von solcher epischer Breite erwarte ich dann doch etwas viel Pompöseres als Tykwers belangloses Gedudel. Da hätte mal ein klassischer John Williams-Score gut getan, um den Film nochmal in eine ganz andere Sphäre zu heben.

Trotz dieser Schwächen ist „Cloud Atlas“ aber durchaus ein gelungener und vor allem optisch beeindruckender Film. Es ist schade, dass er im Kino gefloppt ist, aber ich bin überzeugt davon, dass er – ganz ähnlich wie der bereits erwähnte „Blade Runner“ – im Laufe der Jahre seine Fans finden wird. Denn die Botschaften des Buches wie des Films sind tatsächlich sehr wichtige. Kleine, scheinbar unbedeutende Ereignisse können für die weitere Entwicklung der ganzen Menschheit von Bedeutung sein und so kann jeder Einzelne dazu seinen Beitrag leisten. Oftmals lässt sich das erst nach langer Zeit erkennen, der kurzfristige Blick reicht dafür nicht aus. Aber genau diesen Blick wollen David Mitchell, Andy und Lana Wachowski und Tom Tykwer verändern und ihr Publikum für größere Zusammenhänge sensibilisieren. Wer weiß schon, was die eigenen Handlungen für Auswirkungen haben werden? Im Film führen die Entscheidungen eines einzelnen Arbeiterklons zu weitreichenden Veränderungen und genau jener Klon – das Mädchen Sonmi~451 ~ wird Jahrhunderte später als Göttin verehrt. „My life extends far beyond the limitations of me“, erklärt der junge Komponist Robert Frobisher (Ben Wishaw) in einem der anderen Handlungsstränge und genau diese Einsicht ist es, die meiner Meinung nach notwendig ist, um viele der Probleme und Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, zu meistern. Kurzfristiges, egoistisches Denken und der Blick auf den schnellen (wirtschaftlichen) Erfolg muss ersetzt werden durch einen umfassenderen Denk- und Erfahrungshorizont. Denn genau wie im Film hat auch in der Realität jede Handlung eines jeden Einzelnen weit reichende Konsequenzen für den ganzen Planeten, auch wenn sie für sich allein genommen vielleicht unbedeutend erscheinen mag. Eine achtlos weggeworfene, aber tatsächlich hochgiftige Zigarettenkippe kann durch Wind und Regen über Abwasserkanäle und Flüsse ins Meer gelangen und dabei zahlreiche Meereslebewesen töten. Ein für 4,95 gekauftes T-Shirt wurde in Bangladesch von schlecht bezahlten Näherinnnen unter schlimmsten Bedingungen hergestellt. Mit unseren Entscheidungen und Handlungen tragen wir dazu bei, die Zukunft unserer Welt mitzugestalten – und dabei sind es auch und gerade solche alltäglichen, scheinbar bedeutungslosen Dinge, die fatale Auswirkungen haben können.

„Alles ist verbunden.“ Dieser Satz klingt simpel und erscheint banal, aber ich bin überzeugt davon, dass die hinter ihm stehenden Bedeutungen, die der Film und das Buch transportieren, hochbrisant sind. Früher oder später wird die Menschheit hoffentlich erkennen, dass der Horizont eines einzelnen Menschenlebens zu klein ist, um die Entwicklung unserer Welt und Zukunft im Blick zu haben und dass wir in größeren Zeitabschnitten denken müssen. „Cloud Atlas“ zeigt in jedem seiner sechs Handlungsstränge Personen, die sich über ihre eigenen Grenzen hinwegsetzen müssen, deren Weltbild erschüttert wird, die vor weit reichende Entscheidungen gestellt werden und schließlich versuchen, auch gegen Widerstand Veränderungen durchzusetzen. Auf diese Weise wird hier exemplarisch verdeutlicht, wie gesellschaftlicher Wandel durch Erlebnisse und Entscheidungen Einzelner in Gang gesetzt werden kann. Zum Beispiel, wenn ein junger Seefahrer, dessen Leben von einem schwarzen Sklaven gerettet wird, sich später der noch kleinen Gruppe an Gegnern der Sklaverei anschließt und auf diese Weise dazu beiträgt, die Sklaverei abzuschaffen. Solche Entwicklungen und Veränderungen sind oft größer als wir selbst, größer als der Erfahrungs- und Wirkungshorizont einer Einzelperson. Aber auch wenn einzelne Menschen sterben, können sie doch zu ihren Lebzeiten wichtige Veränderungen in Gang setzen, die auch nach ihrem Tod weiter wirken.

If you don’t get it, what’s the point in me explaining it….. 😉

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