House of Cards – Season 1

„After all, we are nothing, more or less, than what we choose to reveal.“ (Frank Underwood)

Nachdem ich sie schon mehrere Monate lang bei mir zuhause herumliegen hatte, habe ich die 1. Staffel von Beau Willimons „House of Cards“ diesen Sommer endlich in meinen Blu-ray-Player befördert. Und was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt, auch wenn ich bestimmt kein Riesenfan der Serie werde. Dazu interessieren mich Intrigen und Politik im fiktiven Fernsehen dann zu wenig – es sei denn, sie sind zum Beispiel mit Fantasy vermengt, wie das in „Game of Thrones“ der Fall ist. Die Parallelen zwischen diesen beiden Serien sind wirklich frappierend. Beide Serien zeigen, wie man sich in der Politik durch Lügen, Betrügen, Täuschen und Morden nach oben durchschlagen kann. Dass letzters in „House of Cards“ wesentlich weniger vorkommt als in „Game of Thrones“, bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass der von Kevin Spacey gespielte Frank Underwood wesentlich zivilisierter handelt als die Menschen im mittelalterlich angelegten Westeros.

Frank Underwood ist ein so abgrundtief schlechter Mann, dass es schon wieder Spaß macht, ihn zu hassen. Antihelden im Fernsehen sind in, das wissen wir unter anderem aus „Dexter“ und „Breaking Bad“. Aber während Walter White zumindest anfangs wenigstens noch noble Motive für seine schlechten Taten zu haben scheint und Dexter beim Ausleben seiner Mordgelüste nach einem strengen Kodex handelt, der ihm vorschreibt, nur solche Menschen zu töten, die selbst schwere Verbrechen begangen haben, scheint Frank Underwood andere Menschen – egal ob Freund oder Feind, Kollege, langjähriger Weggefährte oder was auch immmer – stets nur als Mittel zum Zweck anzusehen, die man nach allen Regeln der politischen Kunst (aus)nutzen darf und muss. Wäre Underwood Teil der „Game of Thrones“-Welt Westeros, er würde in derselben Liga spielen wie Lord Varys und Littlefinger, was die Kunst des politischen Intrigierens betrifft. Zu Beginn der ersten Folge tötet er auf der Straße einen angefahrenen Hund und erklärt in einem ans Publikum gerichteten, direkt in die Kamera gesprochenen Kommentar, manchmal müsse man eben Dinge tun, die zwar unangenehm, aber notwendig sind. 13 Folgen später kann ich  dazu nur sagen: Bullshit, Frank! Ich nehme es dir nicht ab, dass du dir über die Auswirkungen deiner Handlungen auf andere Lebewesen überhaupt Gedanken machst. Dass es unter erfolgreichen Politikern und den CEOs großer Firmen eine überdurchschnittlich hohe Quote an Psychopathen geben soll, liest man ja immer wieder und Underwood scheint tatsächlich so ein Fall zu sein. Frank wird im Lauf der Staffel jedenfalls noch weitere Tote in Kauf nehmen, um seine Ziele zu erreichen.

Das Traurige in „House of Cards“ ist, dass es Leute wie Frank in der Serie ganz nach oben schaffen. Je disziplinierter und rücksichtsloser jemand betrügt und lügt, umso mehr wächst seine Macht. Das beginnt auch Zoey Barnes (Kate Mara) zu lernen, eine junge Reporterin, die zu Beginn der Serie für den (fiktiven) Washington Herald schreibt. Sie geht einen Pakt mit Frank ein und verkauft auf diese Weise vielleicht nicht unbedingt ihre Seele, opfert aber auf jeden Fall ihre journalistische Integrität und wirft nach und nach immer mehr ihrer Moralvorstellungen über Bord. Auf diese Weise wird sie zwar bald zu einer landesweit bekannten Politikjournalistin, aber zu welchem Preis? Ich habe den Verdacht, dass es in Staffel zwei für Zoey erst einmal nur noch bergab gehen kann… (Ganz nebenbei: Ich wusste ja gar nicht, dass Rooney Mara („The Girl with the Dragon Tattoo“) eine Schwester hat, die mindestens genau so hübsch ist wie sie und eine ebenso talentierte Schauspielerin!)
Zoey ist jedenfalls noch nicht komplett verdorben, sondern vielleicht ja nur vorrübergehend geblendet von den Aussichten, die ihr das Bündnis mit Frank verspricht. Von Underwoods Ehefrau Claire (Robin Wright) kann man das nicht behaupten. Viel mehr als die Tatsache, dass sie ohne mit der Wimper zu zucken etwa die Hälfte ihrer Angestellten feuert, zeigt folgender kurzer Dialog zwischen ihr und Frank, dass Claire ihrem Mann in Sachen Skrupellosigkeit und utilitaristischem Denken in nichts nachsteht:

Frank, der mit Zoey geschlafen hat, kommt spät abends nach Hause.
Seine Frau Claire fragt nur: „The reporter?“
Frank: „Yes.“
Darauf Claire: „What does she offer us?“

Wow. Was für eine tolle Ehe muss das sein, in der selbst der Seitensprung des Partners nur im Hinblick seiner potentiellen Nützlichkeit für die gemeinsamen Ziele gesehen wird. Zugegeben, als Claire einige Folgen später ihre Beziehung mit einem Fotografen wieder aufleben lässt und dafür sogar für ein paar Tage nach New York verschwindet, scheint Frank tatsächlich eifersüchtig zu sein. Aber dass er und Claire sich wirklich lieben oder jemals geliebt haben, dafür gibt es hier dennoch keine Anzeichen. Aber Liebe ist eben eine Währung, die in Washington nicht angenommen wird.

Frank Underwood wird als eine so skrupellose, nur um den eigenen Vorteil bedachte Figur gezeichnet, dass ich mich immer wieder gefragt habe, ob diese Schlechtigkeit denn keine Spuren in ihm hinterlässt. In seinen direkt zum Fernsehzuschauer gesprochenen Kommentaren zum Geschehen offenbart Frank immer wieder, was er wirklich von den Menschen hält, mit denen er im Washingtoner Politikbetrieb täglich zu tun hat. Er hält sie für Idioten, für gefährlich oder für nützlich, aber er sieht sie nie als ganze Menschen an, sondern stets nur als Figuren im Schachspiel der Politik. Ins Gesicht sagt er einem Kollegen vielleicht, wie sehr er sich doch über dessen nützliche Vorschläge freut; insgeheim freut er sich aber darüber, dass der andere ohne es zu wissen nach seiner Pfeife tanzt und plant schon die nächsten Schritte, um ihn weiter zu manipulieren. Nimmt es einen nicht mit, wenn man sich tagein, tagaus auf diese Weise verstellt? Wenn man so gut wie nie einem Menschen die Wahrheit ins Gesicht sagt (außer wenn es mal den eigenen Zwecken dienlich ist)? Löst das keinen Stress aus, keine Gewissensbisse? Kopfschmerzen? Einen Herzinfarkt? Franks in die Kamera gesprochene Kommentare sind zum Teil so bitterböse, sein Charakter so abgrundtief schlecht, dass man sich fragt, wie ein Mensch mit dieser Sicht auf das Leben, die Welt und die Menschen mit sich selbst leben kann. Wie kann Frank Underwood mit sich selbst im Reinen sein? Er muss wohl wirklich zumindest psychopathische Züge aufweisen, anders kann ich mir sein Handeln nicht erklären. So vollkommen ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer handelt doch nur jemand, für den Emotionen und Empathie nur theoretische Konzepte sind. Frank Underwood hat keine Gewissensbisse, weil er kein Gewissen hat.

Vielleicht ist die Erklärung dafür, warum Frank bislang von Stresssymptomen verschont geblieben ist, aber auch eine ganz einfache: Er spielt zu Hause regelmäßig Ego-Shooter. An ihnen reagiert er sich ab, hier lässt er all den Frust und Ärger heraus, der sich im Lauf eines Tages in ihm angestaut hat (was für die karthatische Wirkung von Gewaltinhalten in Videospielen spricht).

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