Filmfest München: „Lo and Behold“, „Made in France“ & „Die letzte Sau“

Über zahlreiche Filme aus dem diesjährigen Programm des Filmfest München habe ich schon gebloggt, ein paar wollen aber noch abgearbeitet werden. Da wäre zum Beispiel Werner Herzogs Dokumentation „Lo and Behold, Reveries of the Connected World“. Die deutsche Regie-Legende versucht darin, einem Phänomen auf den Grund zu gehen, von dem Herzog selbst recht wenig versteht: moderne Computertechnologie, insbesondere das Internet. Unterteilt in zehn Segmente widmet er sich unter anderem der Entstehung des Internet, künstlicher Intelligenz, der Frage wie man ein Internet auf dem Mars möglich machen wird oder auch Menschen, die sich entschlossen haben, abseits der Zivilisation in einem nahezu strahlungsfreien Gebiet zu leben.
LO_AND_BEHOLD+ROBOT_700Eine kurze Umfrage des in den Film einführenden Moderators vor der Vorstellung ergab, dass sich die Mehrheit der Zuschauer als unerfahren im Umgang mit Computern und Internet bezeichnen würden. Herzogs Film trug leider nicht viel dazu bei, diesen meist älteren Kinobesuchern die Angst vor der Technologie zu nehmen – ganz im Gegenteil. Werner Herzog schlägt sich in „Lo and Behold“ auf die Seite der Ängstlichen und Unsicheren, die sich mit Technik kaum auskennen und dürfte auch beim gleichermaßen unerfahrenen Zuschauer Ängste vor der Technik hervorrufen. Zwar kommen durchaus auch ein paar positive Aspekte des technologischen Fortschritts zur Sprache, insgesamt überwiegt aber die Darstellung der Nachteile und Gefahren. Zudem bleibt der Film – jedenfalls für auf dem Gebiet bewandertere Zuschauer – zu oberflächlich und dringt in kaum eines der zehn Themengebiete tiefer ein. Herzog erweist sich als großer Zweifler, der den Zukunftsszenarien seiner Interviepartner (darunter z.B. Elon Musk) kaum Positives abgewinnen kann. Bestes Beispiel dafür ist der Schluss des Films: Da erzählt ein Forscher, dass irgendwann in der Zukunft direkter zwischenmenschlicher Kontakt möglicherweise kaum noch nötig oder gewünscht sein wird, weil künstliche Lebensformen dann vielleicht als mit biologischen gleichgesetzt betrachtet werden. Er fügt hinzu, dass man sich das heute kaum vorstellen kann, was im Fall von Werner Herzog definitiv zutrifft. Der kommentiert dieses Szenario nämlich dadurch, dass er den Film anschließend mit einer Einstellung beendet, in der man ein paar vor der Zivilisation Geflüchtete in besagtem strahlungsarmen Gebiet gemeinsam musizieren sieht. Die Botschaft scheint klar: diese zwischenmenschliche Nähe werden Maschinen niemals ersetzen können. Schade, dass Herzog sich hier als so engstirnig erweist und nicht offener an das Thema herangeht. Er hätte damit etwas in den Köpfen seines Publikums bewegen können, statt nur festgefahrene Vorurteile und Ängste zu zementieren.

MadeInFrance02_700Ein weiterer höchst aktueller Film ist „Made in France“. Der französische Thriller von Nicolas Boukhrief handelt von einem Journalisten, der undercover in einer islamistischen Terrorzelle recherchiert. Gedreht 2014, wurde der französische Kinostart nach den Anschlägen in Paris im Januar und November 2015 mehrmals verschoben; inzwischen ist der Film in Frankreich für den Heimkinomarkt erschienen und soll auch in Deutschland nur auf DVD oder über Streamingportale veröffentlicht werden (teilweise wird er auch unter dem Titel „Inside the Cell“ vertrieben). Der Film ist durchgehend spannend inszeniert und die Darsteller spielen äußerst überzeugend. Dennoch wird man nach dem Filmende etwas ratlos im Kinosessel zurückgelassen. Zwar hat man soeben nervenzerreißende 90 Minuten erlebt, doch der Erkenntnisgewinn bleibt gering. „Made in France“ nimmt sich nicht die Zeit, das Glaubenssystem und die Weltsicht der Terroristen detalliert zu betrachten und bleibt damit ein konventioneller, wenn auch gut gemachter und unterhaltsamer Thriller. Aber wie soll man Terror auch verstehen?

Ein dritter Film mit Bezug zur aktuellen Gesellschaftslage ist „Die letzte Sau“ von Aron Lehmann. In seinem dritten Kinospielfilm nach „Kohlhaas“ und „Highway to Hellas“ erzählt der Regisseur die Geschichte des schwäbischen Bauern Huber (Golo Euler), der nach der Pleite seines Hofes und einigen weiteren Schicksalsschlägen frustriert das Handtuch wirft und sich auf einen Roadtrip quer durch Deutschland begibt. Im Beiwagen seines Mopeds mit dabei: die titelgebende letzte Sau, das einzige Überbleibsel seines Bauernhofes. Auf dem Weg durchs Land begegnet Huber einigen anderen schrägen Gestalten, die alle auf die eine oder andere Weise Opfer von Wirtschaft und Politik geworden sind. Da ist zum Beispiel ein ehemaliger Investmentbanker, der auf den Rat seines Psychotherapeuten hin zum Imker umgesattelt hat, aber immer noch einen unbändigen Hass auf die gnadenlose Ellbogengesellschaft der Finanzwelt in sich trägt. Überzeugt, dass es im Land nicht so weitergehen kann, zettelt Huber unterwegs unbeabsichtigt eine Revolution an.
drei-freunde_dieletztesau01_700Trotz der Verwurzelung der Geschichte in Deutschland und des schwäbischen Dialekts seiner Hauptfigur erzäglt „Die letzte Sau“ im Grunde eine universelle Geschichte. Denn die Folgen von Wirtschaftswachstum, Konkurrenzdenken, Leistungsoptimierung und Globalisierung betreffen nicht nur Bauernhöfe (und andere Unternehmen) in Deutschland. Die Art und Weise, wie Lehmann hier seine Zuschauer auf einige der negativen Folgen der Massentierhaltung aufmerksam macht, gefällt mir. Vielleicht braucht es einen solchen, sowohl sehr lustigen als auch immer wieder tragischen Film, um mehr Leute für dieses Thema zu sensibilisieren. Ich würde mich zwar nicht vollkommen hinter die Botschaft des Films stellen, wonach das Ursprüngliche und Traditionelle dem Modernen stets vorzuziehen ist. Aber die Entfremdung des Menschen von der Natur und die Folgen immer größeren, gedankenlosen Konsums sind wichtige Themen, die man im Kino selten auf so unterhaltsame Weise geschildert bekommt. „Die letzte Sau“ kommt im Oktober regulär in die Kinos.

Copyright Bilder: Filmfest München

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