Buchrezension: „How To Be Everything“ von Emilie Wapnick

Was haben David Bowie, James Franco, Steve Jobs, Galileo Galilei und Patti Smith gemeinsam? Sie alle sind bzw. waren sogenannte „Multipotentialites“. Dieser Begriff bezeichnet Personen, die vielfältige Interessen und Talente besitzen und sich in zahlreichen verschiedenen Feldern ausprobieren und einsetzen wollen. Keine/r der Genannten war ihr/sein Leben lang nur in einem einzigen Beruf tätig; sie alle gehen bzw. gingen verschiedenen Beschäftigungen nach, die manchmal auf den ersten Blick nicht einmal etwas miteinander zu tun haben müssen.

Wenn sich zwei Menschen kennen lernen, stellt einer von beiden früher oder später die „Was machst du?“-Frage. Noch immer werden Menschen in unserer Gesellschaft über ihren Beruf definiert, und zwar über den einen Beruf. Werden sie danach gefragt, was sie denn machen, dann impliziert die Frage zweierlei: zum einen wird dabei eben gefragt, was man beruflich macht und zum anderen wird eine einzige, klare Antwort erwartet. „Ich bin Ärztin“, „ich bin Schneider“ oder „ich bin Programmierer“ sind gesellschaftlich akzeptable Antworten auf die Frage „Was machst du?“. Doch was, wenn man sich nicht über eine einzige Tätigkeit definieren will und das vielleicht auch gar nicht kann, weil man tatsächlich zwei oder mehr unterschiedlichen Berufen nachgeht? Und was, wenn es sich dabei – zumindest aus Sicht der Allgemeinheit – gar nicht um voll- bzw. gleichwertige „Berufe“ handelt?

Um diese und viele andere Fragen geht es in Emilie Wapnicks Buch „How To Be Everything“. Es richtet sich gezielt an Leser, die sich selbst als Multipotentialites bezeichnen – aber auch an solche, die vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie eigentlich welche sind. Auf ihrer Website und in ihrem TED-Talk beschäftigt sich die Autorin schon seit längerem mit dem Thema „Multipotentialites“, nun hat sie auch ein Buch darüber veröffentlicht. Und Wapnick weiß, wovon sie schreibt, denn sie kann und will sich selbst auf keine einzelne Tätigkeit festlegen und keiner Bezeichnung unterwerfen, die ihre Persönlichkeit mit nur einem einzigen Begriff beschreibt. Sie hat Musik, Kunst, Film und Jura studiert und war bereits auf all diesen Feldern aktiv.

Wer nun denkt „Die soll sich mal entscheiden und herausfinden, was sie wirklich machen will“, der ist wohl auch noch dem Glauben daran verhaftet, dass jeder Mensch einen bestimmten Beruf ergreifen, darin möglichst gut werden und ihn vielleicht sogar sein ganzes restliches Leben lang ausführen soll. Die Vorstellung dass nicht jeder/r von uns eben (nur) eine einzige Berufung im Leben hat, wie Wapnick es in ihrem TED-Talk darlegt, ist solchen Personen wahrscheinlich neu. Tatsächlich müssen sich Multipotentialites noch häufig für ihre vielfältigen Interessen, unterschiedlichen Tätigkeiten und wenig zielstrebig wirkenden Lebensläufe rechtfertigen. Damit, wie man diesbezüglich mit Fragen, Unverständnis und Kritik umgehen soll, beschäftigt sich ein Kapitel am Ende von Wapnicks Buch. Der Großteil des Buches jedoch handelt von den Stärken und Möglichkeiten des Daseins als Multipotentialites – und hat mir damit selbst Mut gemacht und Auftrieb gegeben.

So führt Wapnick zum Beispiel die „Superkräfte“ auf, über die Multipotentialites verfügen. Dazu zählen meist ein außerordentlich hohes Maß an Kreativität, die Fähigkeit, Ideen und Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen zu verbinden, eine hohe Anpassungsfähigkeit und die Fähigkeit, schnell dazu zu lernen und sich rasch in neuen Aufgabenfeldern zurecht zu finden. Die Autorin gibt aber auch nützliche Tipps dazu, wie man etwa seinen Alltag strukturiert, wenn man mehrere unterschiedliche Tätigkeiten unter einen Hut bringen will – und natürlich auch dazu, wie man dabei finanziell über die Runden kommt.

Einen Großteil des Buches macht die Beschreibung vier verschiedener Modelle aus, nach denen man ein Leben als Multipotenitalite gestalten kann. (Wobei es sich dabei natürlich nur um Modelle handelt, die man – ganz dem Dasein als Multipotenitalite entsprechend – auch miteinander verbinden kann.) Will man etwa dem „Phoenix Approach“ folgen und sich immer wieder neu erfinden? Will man es wie Albert Einstein in dem nach ihm benannten Ansatz tun und einen Hauptberuf ergreifen, der einem aber genügend Zeit und Energie lässt, um sich nebenbei noch vielfältigen anderen Interessen zu widmen? Fühlt man sich vom „Group Hug Approach“ angesprochen, dann sollte man sich einen Job suchen, der möglichst viele der eigenen Interessengebiete umfasst und Raum zum Einsatz zahlreicher verschiedener Fähigkeiten lässt. Wem dieser Ansatz nicht zusagt, der kann schließlich dem „Slash Approach“ folgen und zwei oder mehr Teilzeitberufen gleichzeitig nachgehen, die natürlich vollkommen unterschiedlich sein können. Die einzelnen Kapitel werden nicht nur mit einer Zusammenfassung der jeweils wichtigsten Punkte abgeschlossen, sondern auch mit einer kurzen Anleitung, die dabei hilft, das zuvor Beschriebene in die Tat umzusetzen und zunächst einmal zu prüfen, ob es überhaupt auf das eigene Leben anwendbar ist. Als Leser/in wird man dabei immer wieder zum Erstellen von Listen (z.B. der eigenen Interessen oder Prioritäten) aufgefordert, soll sich aber auch wichtige Fragen stellen (Kann ich mit nur einem einzigen Job glücklich werden? Würde dieser mir genügend Einkommen verschaffen?).

Bevor sie zur Beschreibung der einzelnen Modelle kommt, leitet Wapnick ihre Leser aber zunächst einmal dazu an, sich sowohl über ihre finanziellen Bedürfnisse und Erwartungen klar zu werden als auch darüber, was dem eigenen Leben eigentlich Bedeutung verleiht und in welchen Tätigkeiten man so richtig aufgeht – definitv etwas, worüber man sich erst einmal klar werden sollte. Auch dabei dürfen kurze Anleitungen zum genauen Durchdenken der Fragen natürlich nicht fehlen. Zum Ende des Buches hin folgen dann nicht nur die bereits erwähnten Strategien zum Umgang mit Kritik und Unverständnis am Dasein als Multipotentialite, sondern auch solche dazu, wie man einen Alltag meistert, der mit unterschiedlichen Aufgaben und Tätigkeiten angefüllt ist (Stichwort Zeitmanagemant).

Insgesamt ist „How To Be Everything“ ein äußerst inspirierendes Buch, das wie die meisten anderen Selbsthilfebücher (denn um ein solches handelt es sich hier im weiteren Sinn) nützlich sein kann, wenn man es denn lässt. Umsetzen muss man das Gelesene nämlich natürlich immer noch alleine. Ich habe das Buch einmal von vorne bis hinten durchgelesen, bin aber noch nicht den Aufforderungen zum Erstellen von Listen meiner Interessen, Prioritäten usw. gefolgt. Nimmt man diese Aufgaben jedoch ernst, dann kann das Buch eine wertvolle Hilfe dabei sein, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und erste Schritte auf dem Weg in ein interessanteres, erfülltes Leben zu tun. Ich selbst bin mit jedenfalls sicher, ein Multipotenialite zu sein; ich habe vielfältige Interessen und kann mir nicht vorstellen, tagtäglich nur immer ein und dieselbe Tätigkeit auszführen. Nun muss ich nur noch auf meine innere Stimme hören und einige der Ratschläge des Buches befolgen. 🙂

Copyright Bild: Harper Collins

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