Woody Allen: Wonder Wheel

Es ist schon länger ziemlich ruhig hier im Blog. Zwar habe ich einige Blogposts „in Planung“ und es liegt auch noch das ein oder Rezensionsexemplar in meiner Wohnung herum, aber irgendwie habe ich in den letzten Monaten nie die Motivation zum Schreiben gefunden.

Nachdem ich gestern Abend aber Woody Allens letzten Film „Wonder Wheel“ angeschaut habe, habe ich direkt im Anschluss einer Tinder-Bekanntschaft eine relativ ausführliche Kritik zum Film geschrieben. (Ich muss dazu sagen, dass wir uns bereits vorher kurz über den Film unterhalten hatten.) Nachdem ich diese Filmkritik in mein Smartphone getippt hatte, dachte ich mir, es wäre doch schade, wenn ich sie nicht auch hier veröffentliche. Hier ist sie also, meine extra für euch noch einmal überarbeitete und erweiterte Tinder-Filmkritik zu „Wonder Wheel“:

Der Film spielt in den 1950er Jahren im Vergnügungspark Coney Island. Ginny (Kate Winslet) ist 39 Jahre alt und lebt dort mit ihrem Mann Humpty (Jim Belushi) und ihrem Sohn aus erster Ehe. Sie arbeitet als Kellnerin, während Humpty sein Geld als Karussellbesitzer verdient. Eines Tages taucht dessen erwachsene Tochter Carolina (Juno Temple) auf. Diese will sich vor ein paar üblen Typen verstecken, die hinter ihr her sind (warum, ist gar nicht so wichtig) und kommt in der Wohnung von Humpty und Ginny unter. Als Carolina den Rettungsschwimmer Mickey (Justin Timberlake) kennen lernt, versucht Ginny zu verhindern, dass sich zwischen den beiden etwas anbahnt. Der Grund dafür: Ginny hat selbst eine Affäre mit Mickey, von der weder ihr Mann noch Carolina etwas wissen dürfen.

Ich habe inzwischen schon viele Filme von Woody Allen gesehen. „Wonder Wheel“ war ziemlich genau so, wie ich erwartet hatte. Ich mag Woody Allen, aber gerade an seinen jüngeren Filme regt mich immer viel auf. Zum Beispiel, dass er Voice Over benutzt, um die Geschichte zu erzählen, obwohl man das immer auch über Dialoge zwischen den Figuren tun könnte oder die Infos im Voice Over manchmal gar nicht nötig wären. Allen ist ein guter Geschichtenerzähler, aber sehr oft ein schlechter Filmemacher, weil er die Möglichkeiten, die das Kino bietet, gar nicht ausnutzt. Dass Justin Timberlakes Figur direkt zum Zuschauer in die Kamera spricht, um die Geschichte zu erzählen, kann ich ja noch akzeptieren. Schließlich spielt Timberlake mit Mickey hier einen Amateur-Theaterautor, der auf seinen großen Durchbruch hofft. An einer Stelle gibt es aber eine Szene, in der sich Mickey mit einem Freund trifft und bei der zu Beginn im Voice Over angekündigt wird, wer dieser Freund ist (er arbeitet am Philosophie-Institut einer Uni, welch Überraschung!) und warum sie sich treffen. Nichts davon wäre nötig gewesen und alles hätte man auch im Dialog zwischen den beiden Charakteren unterbringen können!

Die Figuren sind ziemlich schablonenhaft und der ganze Film wirkt, als hätte jemand anderes versucht, einen Film im Woody-Allen-Stil zu schreiben. Aber dieses Gefühl hat man wohl bei vielen Künstlern, die schon so lange dabei sind wie Allen. Viele seiner altbekannten Themen kommen hier vor und auch ein Junge, der Probleme in der Schule hat, immer wieder Feuer legt und schließlich zum Psychiater muss. Da kann man natürlich alles mögliche reindeuten und psychologisieren, aber gerade dieser Handlungsstrang um Ginnys Sohn läuft ziemlich ins Leere.
Die typisch witzigen Dialoge findet man hier nur ganz selten; dafür aber manchmal auch richtig schlimme Dialogzeilen, die wie Platzhalter wirken. Kate Winslet sagt an einer Stelle tatsächlich „I’ve become consumed with jealousy“! Schade, dass dem Autor da keine andere Möglichkeit eingefallen ist, diese Emotion im Dialog rüber zu bringen – so wirkt es jedenfalls wie eine Bühnenanweisung für die Schauspielerin, aber nicht wie eine Zeile, die sie wörtlich so sagen sollte! Einem weniger etablierten Drehbuchautor würde man eine solche Zeile wahrscheinlich niemals durchgehen lassen, aber Woody Allen kann sich solche Faulheiten an diesem Zeitpunkt seiner Karriere leider erlauben.

Die Schauspieler haben mir überwiegend gut gefallen. Kate Winslet kämpft zwar in manchen Szenen sichtbar mit dem für sie geschriebenen Material, kommt aber in ihrer Rolle authentisch rüber; noch besser fand ich fast Jim Belushi als ihren Mann. Justin Timberlake war okay. Insgesamt war der Film also ganz nett und ich würde ihn irgendwo im Mittelfeld der Woody Allen-Filme einordnen. Demnächst werde ich noch Allens vorherigen Film „Café Society“ anschauen, den habe ich nämlich auch im Kino verpasst.

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