„The Visit“ von M. Night Shyamalan

M. Night ShyamalanDer Name M. Night Shyamalan auf einem Filmplakat löst bei Filmfans unterschiedliche Reaktionen aus. Diese reichen von freudiger Erwartung bis hin zu empörter Abwendung. Zugegeben, mehr und mehr frühere Fans neigen in den letzten Jahren eher zu letzterer Reaktion, hat der nach „The Sixth Sense“ (1999) als neues Regie-Wunder gefeierte Shyamalan doch spätestens mit „Die Legende von Aang“ („The Last Airbender“, 2010) und „After Earth“ (2013) zwei Filme abgeliefert, die sich selbst eingefleischte Fans nicht mehr schönreden konnten. Ich persönlich habe den Regisseur zumindest bis „The Happening“ (2008) immer gegen die meiner Meinung nach zu scharfe Kritik an seinen Filmen verteidigt. „Unbreakable“ (2000) halte ich für ein kleines Meisterwerk und zähle „The Village“ (2004) zu meinen Lieblingsfilmen. Dass ich „Lady in the Water“ („Das Mädchen aus dem Wasser“, 2006) und „The Happening“ aber jeweils nur einmal gesehen habe und seitdem nicht mehr zu ihnen zurückgekehrt bin, zeigt vielleicht schon, dass auch ich Angst habe, diese Filme könnten bei einer zweiten Sichtung in einem ganz anderen Licht erscheinen und viel von der Faszination verlieren, die sie auf mich ausgeübt haben. „After Earth“ war schließlich einer der schlechtesten Filme, die ich je gesehen habe – das muss ich einfach so sagen und diesen Film will ich auch ganz bestimmt kein zweites Mal sehen.
Trotzdem bin ich auf jeden neuen Film von Shyamalan gespannt. Der Mann hat schließlich schon mal bewiesen, was er draufhat und es könnte ja sein, dass ihm eines Tages wieder ein so meisterhaft inszenierter, atmosphärisch dichter und hervorragend gespielter Film gelingt, wie es in der Schaffensphase von „The Sixth Sense“ bis „The Village“ der Fall war. Nun, sein neuester Film „The Visit“, der am 4. Februar auf DVD und Blu-ray erscheint, ist kein solcher Film – und ist dennoch keine Enttäuschung.
The Visit - Blu-rayNachdem anscheinend niemand mehr in Hollywood bereit ist, Shyamlan größere Geldsummen für einen Film zur Verfügung zu stellen, hat dieser aus der Not eine Tugend gemacht und „The Visit“ als Found Footage-Film gedreht, was bedeutet: Es darf hier nicht nur billig und amateurhaft aussehen, sondern das ist sogar gewollt. Der Film erzählt die Geschichte der 15-jährigen Rebecca (Olivia DeJonge) und ihres 13-jährigen Bruders Tyler (Ed Oxenbould). Die beiden besuchen für eine Woche ihre Großeltern, die sie nie zuvor getroffen haben, da Rebeccas und Tylers Mutter (Kathryn Hahn) als 19-Jährige den Kontakt zu ihnen abgebrochen hat. Den genauen Grund dafür verschweigt sie ihren Kindern, will ihnen aber den Wunsch nicht verwehren, die Großeltern endlich kennen zu lernen. Da sie und ihr Lebensgefährte eine Kreuzfahrt machen, kommt es ihr sowieso gerade recht, dass sie die Kinder für eine Woche dort unterbringen kann. Sie setzt Rebecca und Tyler also in den Zug und die beiden machen sich auf zu Oma und Opa (Peter McRobbie und Deanna Dunagan). Die Hobbyfilmerin Rebecca will die Chance nutzen und eine Dokumentation über das Zusammentreffen mit ihren Großeltern drehen. Insgeheim hofft sie dabei, den Grund für das plötzliche Ausreißen ihrer Mutter aus dem Elternhaus und den folgenden Kontaktabbruch herauszufinden.
Doch erst einmal machen sie und ihr Bruder ganz andere Entdeckungen. Die zunächst so sympathisch wirkenden Großeltern lassen nach und nach immer mehr seltsame, erschreckende und verstörende Seiten erkennen. Die Oma kotzt nachts in den Hausflur, rennt wie wahnsinnig durchs Haus und kratzt nackt an der Tür; der Opa wiederum werkelt tagsüber in einem Schuppen, zu dem er niemand anderem Zutritt gewährt und hat gelegentliche Anfälle von Verwolgungswahn. Rebecca und Tyler bekommen es allmählich mit der Angst zu tun und fragen sich, was mit ihren Großeltern los ist.

The Visit 2Bei „The Visit“ hat Shyamalan nicht nur kein zweistelliges Millionenbudget mehr zur Verfügung, auch sonst ist der Film in vielfacher Hinsicht sehr reduziert gehalten. Es gibt nur wenige Darsteller und der Großteil der Handlung spielt sich im bzw. um das Farmhaus der Großeltern ab. Gefilmt ist das alles wie gesagt im Found Footage-Stil, da der Film die Illusion vermitteln will, gänzlich aus dem von Rebecca gefilmten Material zusammen geschnitten worden zu sein. (Ob es sich tatsächlich um Found Footage handelt, sprich: ob jemand anderes das Material gefunden und geschnitten hat oder aber ob Rebecca die Arbeit an ihrem Film selbst beendet hat, kann man natürlich nicht verraten, ohne zu spoilern.) Diese Illusion wird auch recht überzeugend aufrecht erhalten und so fängt die Kamera hier das Geschehen schon mal auf einem Geländer oder auf der Arbeitsplatte in der Küche liegend ein. Viel unglaubwürdiger als das Found Footage-Konzept ist an dem Film sowieso die Tatsache, dass zwei Teenager sich voller Vorfreude auf die Fahrt zu ihren Großeltern machen, die sich noch nie gesehen haben und bei denen sie eine ganze Woche bleiben sollen…
Doch abgesehen von dieser Ausgangssituation sind die Charaktere glaubwürdig und der Film ziemlich unterhaltsam. Wie Tyler seiner Oma spontan seine Rap-Künste demonstriert und sich die Kinder darüber aufregen, dass es kein WiFi im Haus gibt, das wirkt lebensnah. Die Beiden scheinen anfangs gut mit ihren Großeltern auszukommen. Auch die ersten Anzeichen seltsamen Verhaltens bei den Großeltern werden auf Nachfragen der beiden Kinder von den Großeltern plausibel mit körperlichen und psychischen Krankheiten begründet. Die Großmutter habe einfach einen kurzen, aber schweren Magen-Darm-Infekt gehabt, erklärt der Opa zum Beispiel nach der ersten Nacht im Haus.

The Visit 4Horrorfilme thematisieren häufig auf die eine oder andere Weise das Verhältnis des Menschen zu seinem eigenen Körper. Zombies, Werwölfe oder die allmähliche Verwandlung eines Menschen in ein Insekt stehen als Metaphern für die Angst vor dem Verfall des Körpers und das Unbehagen, das oft mit körperlichen Veränderungen einhergeht – ganz besonders mit solchen, die den Körper schwach und gebrechlich machen. Bei „The Visit“ braucht man nicht viel herum deuten, um auf eine solche Lesart zu kommen, denn sie ist in den Film bereits eingebaut. Tyler und Rebecca versuchen sich nach ihrer ersten Panik zu beruhigen, indem sie das Verhalten der Großeltern schlicht als normales Verhalten alter Menschen (also: von Menschen mit alten Körpern) interpretieren. Im Alter leiden Menschen nun einmal häufiger unter Schlafstörungen, Inkontinenz oder Gedächtnislücken und sie entwickeln Verhaltensweisen und Vorstellungen, die anderen, jüngeren Menschen seltsam vorkommen können. All dies kommt auch in „The Visit“ vor, nur scheinen die Alten hier tatsächlich einfach nur alt zu sein und das Grauen nicht von der Verwandlung des Körpers in einen Werwolf zu kommen, sondern einfach von den natürlichen Begleiterscheinungen des Alterns. Auch in dieser Hinsicht ist „The Visit“ ein aufs Wesentliche reduzierter Horrorfilm: Wer braucht schon Zombies, wenn die realen Begleiterscheinungen des Alters genauso grauenvoll sein können?
(Und was mir außerdem aufgefallen ist: Jedesmal, wenn die Oma den Kindern eine plausible Erklärung für das seltsame Verhalten des Opas liefert, lenkt sie danach vom Thema ab, indem sie vom Essen spricht – was ja wieder in direktem Bezug zum Körper steht.)

Ihr merkt schon, der Film hat mich zum Nachdenken gebracht, was schon mal ein gutes Zeichen ist. Aber ich hatte auch Spaß. „The Visit“ ist definitiv kein Film, der sich selbst zu ernst nimmt, sondern sich der Tatsache bewusst ist, dass er Themen und Motive aufgreift, die im Horrorgenre ein alter Hut sind. Zwar bin ich mir nicht sicher, ob die Komik des Films nicht manchmal eine unfreiwillige ist, insgesamt ist es aber ein gutes Zeichen, dass Shyamalan inzwischen fähig zu sein scheint, so etwas wie Selbstironie in seine Filme einzubauen und nicht mehr alles so bierernst zu nehmen. Nur so ist es auch möglich, tatsächlich eine Szene im Film zu haben, in der die Großmutter ihre Enkelin bittet, in den Ofen zu kriechen, um ihn zu putzen. Das ist gruselig, gerade weil man weiß worauf hier Bezug genommen wird und genau deswegen darf man auch lachen (und kann sich trotzdem gleichzeitig noch gruseln).
The Visit 3Man darf also aufatmen: Shyamalans neuester Film ist kein erneuter Griff ins Klo. „The Visit“ hält durchgehend eine bedrohliche Atmosphäre aufrecht, hat einige kreative Einfälle zu bieten und punktet mit überzeugenden Schauspielleistungen (ganz besonders Deanna Dunagan merkt man an, wie viel Spaß es ihr macht, hier eine verrückte, alte Großmutter zu spielen und dabei einige Klischees des Horrorfilms durchzuexerzieren). Das Ende mag zwar nicht jeden Zuschauer befriedigen und ist ganz bestimmt nicht so verblüffend wie einst bei „The Sixth Sense“ oder „Unbreakable“,
muss es aber auch gar nicht sein. Eine künstlerische Weiterentwicklung stellt der Film für Shyamalan zwar nicht dar, aber nach den schrecklichen letzten Filmen ist sein back to basics-Ansatz – ob nun gewollt oder aus Sparzwang resultierend – trotzdem eine gute Entscheidung gewesen. Mit „The Visit“ erfindet er das Rad nicht neu, aber Shyamalan erinnert uns endlich wieder an seine Stärken als Filmemacher. Zugegeben, ich finde den Film vielleicht zum Teil deswegen gut, weil er eben auf (mindestens) zwei wirklich schlechte Filme folgt; aber trotzdem: wenn Shyamalan sich bei seinem nächsten Film auf dieselben Stärken besinnt, erneut die Fähigkeit zur Selbstironie zeigt und ein paar mehr kreative Risiken eingeht, dann könnte das Ergebnis ein noch besseres sein. Und irgendwann könnte es dann so weit sein, dass man sich auf einen neuen Shyamalan-Film wieder uneingeschränkt freuen kann. Das ist momentan noch schwer vorstellbar, doch mit „The Visit“ ist der Regisseur schon mal auf dem richtigen Weg.

Bilder: Copyright Universal Pictures

„Chronicle“ & „Unbreakable“ – Superhelden abseits ausgetretener Pfade

Man hat ja als Filmfan immer so einiges nachzuholen, seien es jahrzehntealte Klassiker, die man immer noch nicht gesehen hat oder die Filme des vergangenen Jahres, die man einfach nicht alle im eigenen Film-Kalender hat unterbringen können. Welche Titel bei mir in die erste Kategorie gehören, verrate ich lieber nicht, ein Nachzügler des Kinojahres 2012 war bei mir aber „Chronicle“ von Josh Trank, den ich gestern gesehen habe. Besonders große Lust hatte ich auf den Film eigentlich gar nicht, weil die Form des „Found Footage“-Films für mich sehr schnell ihren Reiz verloren hat. Ich muss zwar zugeben, dass ich gar nicht besonders viele Filme, die dieses Konzept verwenden, gesehen habe („Blair Witch Project“ gehört bei mir in die Kategorie „immer noch nicht gesehen“), aber die wenigen, die ich kenne, benutzen erstens die Form des „gefundenen Filmmaterials“ meist nur dazu, bestimmte Schwächen zu kaschieren und widersprechen zweitens in ihrem Verlauf früher oder später ihrem eigenen Ausgangspunkt, dass nämlich alles, was man zu sehen bekommt, eben aus von irgendjemandem irgendwo gefundenem Filmmaterial zusammen geschnitten wurde. Damit wirken sie zwangsläufig genauso „unrealistisch“ wie andere Filme eben auch, die gar nicht erst vorgeben, „wahre“ Geschichten zu erzählen. (Oder sie machen sogar noch mehr darauf aufmerksam, wie blödsinnig ihr als wahr hingestellter Inhalt ist, wie beispielsweise der dämliche „Apollo 18“ vor zwei Jahren.)

Aber mir geht es hier eigentlich gar nicht darum, das Found Footage-Konzept zu kritisieren, denn im Großen und Ganzen war ich von „Chronicle“ ziemlich fasziniert. Für alle, die den Fim nicht kennen, hier die Story in wenigen Sätzen: Drei Jugendliche, von denen einer ständig mit einer Kamera unterwegs ist, steigen in ein seltsames Erdloch und als sie wieder herauskommen, haben sie Superkräfte! Ja, das wird im Film auch nicht viel mehr erklärt oder gezeigt, als ich es hier erklärt habe, aber das macht nichts, denn es geht um die Konsequenzen: Wie die drei anfangen, ihre telekinetischen Kräfte zu entdecken und weiter zu entwickeln, wie sie erste Streiche damit spielen und wie das Ganze schließlich außer Kontrolle gerät. All das ist wirklich hervorragend umgesetzt und nach einer Weile wird man auch nicht mehr von wackeligen Handkamerabildern genervt, weil die Hauptfigur Andrew (Dane DeHaan) schließlich lernt, die Kamera per Telekinesis in sanften Bögen um das Geschehen kreisen zu lassen (statt blöde Streiche zu spielen, hätte er sich vielleicht einfach bei einem großen Filmstudio bewerben sollen, die hätten jemanden mit dieser Fähigkeit sofort genommen und sich viel Geld für Steadycams, Kräne und computergenerierte Kamerafahrten sparen können!).

Da das „Found Footage“-Konzept letztendlich nur ein Stilmittel darstellt und kein eigenes Genre verkörpert (theoretisch könnte man auf diese Weise ja auch einen Nicholas Sparks-Roman verfilmen), muss man „Chronicle“ wohl dem Genre „Superheldenfilm“ zuordnen. Wie bei „Spiderman“ & Co. geht es hier darum, wie ganz normale Durchschnittsmenschen (oder oft sogar solche, denen weniger Begabungen und weniger Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts zufällt, als dem Durchschnitt) entdecken, dass sie über außergewöhnliche Fähigkeiten und übermenschliche Kräfte verfügen. Die entscheidenden Fragen sind: Was fängt man damit an? Welche Konsequenzen hat das dann für das eigene Leben und für das der Mitmenschen? Und wie geht man damit wiederum um? Die entscheidenden Weichen werden meist im ersten Akt einer solchen Geschichte gestellt, wo der Held sich zum Beispiel dafür entscheidet, seine Kräfte nicht zum eigenen Vorteil einzusetzen, sondern zum Wohl der Allgemeinheit und wo sich meist auch herausstellt, wer sein Gegner, sein Erzfeind ist.

Ich persönlich finde meistens diesen ersten Akt, die Entstehungsgeschichte des Helden, am interessantesten. „Batman Begins“ gefällt mir bis heute besser als seine beiden hoch gelobten Nachfolger. Ebenfalls einer meiner Lieblings-Superheldenfilme ist „Unbreakable“ von M. Night Shyamalan, an den ich beim Anschauen von „Chronicle“ mehrmals denken musste. Die Ähnlichkeit besteht eigentlich nur darin, dass beide Filme das Superheldengenre auf eine erfrischend andere Weise erzählen – „Chronicle“ eben aus Found Footage-Sicht, „Unbreakable“ dagegen als ruhiger Mystery-Thriller fast ohne Action. Während in „Chronicle“ die Entstehungsgeschichte des Superhelden noch weiter erzählt wird (wie weit genau und mit welchem Ende, möchte ich nicht verraten, es soll ja niemand gespoilert werden), erzählt „Unbreakable“ tatsächlich nur die Origin-Story seines von Bruce Willis dargestellten Superhelden: Die Entdeckung und das Austesten der Superkräfte, die Entscheidung, wie diese Fähigkeiten genutzt werden sollen und auch die Einführung eines Gegners, der dem Helden als negatives Spiegelbild gegenübersteht. Tatsächlich war „Unbreakable“ ursprünglich als Auftakt einer Trilogie geplant gewesen, hatte dann aber beim Publikum nicht den entsprechenden Erfolg, um noch eine Fortsetzung nach sich zu ziehen. Ich wage mal zu behaupten, dass ein Großteil der Zuschauer mit falschen Erwartungen in den Film gegangen ist und einfach ein zweites Mal so geflasht werden wollte, wie bei der ersten Shyamalan-Willis-Zusammenarbeit „The Sixth Sense“. Dementsprechend wirkte das Ende auf die meisten wohl enttäuschend und eher verwirrend; dabei dürften nur wenige verstanden haben, dass das Ende von „Unbreakble“ eigentlich nur das Ende des Anfangs einer klassischen Superheldengeschichte ist. Schade, dass sie meines Wissens nach nie weitererzählt wurde (wenn es schon kein Sequel gibt, würden sich Comics doch dafür anbieten!).

„Chronicle“ erzählt wie gesagt weit über die Origin-Story seiner Helden hinaus und bringt deren Geschichte zu einem Abschluss. Dennoch bringt auch dieser Film frischen Wind ins Superhelden-Genre, auch wenn ich „Unbreakable“ da noch wesentlich mutiger und innovativer finde. Ich fordere jedenfalls mehr solche ungewöhnlichen Superheldenfilme, denn so gut die aktuelle Welle der „Avengers“- und „X-Men“-Filme auch ist – irgendwann wird das immer Gleiche doch langweilig. Wo also bleibt bitte das längst überfällige Schwarz-weiß-Arthouse-Superhelden-Drama?