Meine Oscar-Tipps 2019

Update vom 25.02.:

So, die Oscarverleihung ist vorbei, ich bin wieder wach und will hier kurz Fazit ziehen. Dieses Jahr habe ich mal wieder in 16 von 24 Oscar-Kategorien richtig getippt. Seit 2013 (seitdem schreibe ich mir meine „Trefferquote“ auf) habe ich damit insgesamt fünf Mal zwei Drittel der Oscarpreisträger korrekt vorhergesagt. Mittlerweile sind diese „16 von 24“ auch immer mein erklärtes Ziel, das ich dieses Mal zumindest nicht unterschritten habe. (Zweimal war ich in den letzten sechs Jahren aber sogar deutlich besser: 2014 hatte ich 21 Richtige, 2018 20).
Auf meine Tipps hatte ich mich ja ein paar Tage vor den Oscars endgültig festgelegt. Ich war zu stur, daran noch einmal etwas zu ändern, obwohl mir mein Bauchgefühl insbesondere in der Kategorie „Visuelle Effekte“ gesagt hat, dass ich mit „Infinity War“ falsch liege. Denn auch dieses Jahr hat mal wieder der Film mit den „unscheinbarsten“ Effekten unter den fünf Nominierten gewonnen, „Aufbruch zum Mond“. Genau das hatte ich vorher vermutet, aber meinen Tipp nicht mehr geändert. Selbst schuld.
Die Oscarshow an sich war gut, bot aber keine größeren Höhepunkte. Die größte Überraschung war Olivia Colmans Auszeichnung als beste Schauspielerin, wobei auch das nicht ganz aus heiterem Himmel kam und vollkommen verdient ist. Glenn Close tut mir trotzdem ein bisschen leid. Einen Moderator habe ich während der Show über weiter Strecken einerseits nicht vermisst, andererseits hätte ein erfahrener Host etwas Spontanität in die doch sehr zackig und streng nach Plan ablaufende Show bringen können. Für nächstes Jahr wünsche ich mir jedenfalls wieder entweder einen traditionellen Eröffnungsmonolog oder eine große Musicalnummer zu Beginn der Show. Und ich werde mich anstrengen, 2020 mindestens 17 Richtige zu tippen! 🙂


In der Nacht von Sonntag auf Montag findet in Hollywood die 91. Oscar-Verleihung statt. Was hat es schon im Vorfeld für ein Drama gegeben in diesem Jahr! Der recht spät gefundene Moderator (Kevin Hart) hat wieder abgesagt, jemand anderes wollte den Job anscheinend nicht machen. Also geht die Show zum ersten Mal seit 30 Jahren ohne durch den Abend führenden Host über die Bühne. Weil aber die Zuschauerzahlen in den letzten Jahren gesunken sind, wurden noch einige andere Änderungen vorgenommen. Da wäre zum Beispiel die strikte Begrenzung der Länge der Show – drei Stunden (inklusive Werbepausen) sollen es in diesem Jahr sein, auf keinen Fall mehr. Ich persönlich hätte ja gar nichts gegen eine auch deutlich längere Oscar-Show, schließlich bleibe ich dafür ja sowieso extra die ganze Nacht wach. Außerdem kommt es weniger auf die Länge an als auf den Inhalt. Lassen wir uns also überraschen, ob die Zeremonie eine willkürliche Aneinanderreihung von mehr oder weniger gelungenen Gags und Reden wird oder ob es doch so etwas wie einen roten Faden und ein paar einfallsreiche, lustige Momente geben wird.

Die Produzenten der Show versuchen jedenfalls, die Show zu straffen und hatten dazu zunächst die Performance von drei der fünf als „bester Song“ nominierten Liedern aus dem Programm geschmissen. Nach dem medienwirksamen Protest von Lady Gaga (die einen der beiden verbliebenen Songs hätte singen dürfen), sind jetzt wieder alle fünf Lieder Teil der Show, allerdings wohl nur als jeweils 90-sekündige Kurzversionen.
Auch die kurzzeitig geplante Verbannung der Verleihung von Oscars in vier bestimmten Kategorien (u.a. Kamera und Schnitt) aus der Live-Übertragung wurde nach lautstarkem Protest vieler prominenter Filmschaffender wieder rückgängig gemacht. Die Oscar-Show wird damit wahrscheinlich doch wieder länger als drei Stunden dauern (natürlich inklusive der zahlreichen Werbepausen). Wie gesagt setze ich meine Erwartungen an die Show eher niedrig an, aber ich lasse mich gerne positiv überraschen und hoffe insgeheim, dass das (ziemlich haltlose) Gerücht stimmt , welches gestern die Runde machte – nämlich dass Whoopi Goldberg die große Geheimwaffe der Show-Produzenten ist und tatsächlich wieder einmal die Show moderieren wird! (Ich glaube es allerdings nicht.)

Hier nun meine Tipps in allen 24 Kategorien:

Bester Film
Wahnsinnig schwierig in diesem Jahr. Ich gehe mal nach dem Ausschlussverfahren vor. Danach würde ich als erstes „Vice“ rauswerfen. Bleiben noch sieben Filme übrig. „BlacKkKlansman“ kann ich mir auch nicht als Gewinner vorstellen, also weg damit. Noch sechs Filme. „Roma“ ist ein interessanter Fall, weil der Film natürlich einerseits als Favorit gilt, andererseits aber auch als „bester fremdsprachiger Film“ nominiert ist. Das könnte dazu fühen, dass viele Mitglieder der Academy dort dafür stimmen, aber beim „besten Film“ „Roma“ weiter unten auf ihre Liste setzen (die Abstimmung erfolgt in dieser Kategorie, indem die acht Filme in eine Reihenfolge gebracht werden müssen). Auch die Tatsache, dass es sich um eine Netflix-Produktion handelt, könnte den Film viele Stimmen kosten. All das wiederum könnte einigen anderen Filmen helfen. Allerdings kann ich mit nicht vorstellen, dass „A Star Is Born“ hier gewinnt, schmeißen wir den also auch mal raus. Bleiben (mit „Roma“) noch fünf Filme.

Sich ein bisschen in das genaue Abstimmungsverfahren einzulesen, ist zwar interessant, sorgt am Ende vor allem für einen rauchenden Kopf. Wenn ich zum Beispiel davon ausgehe, dass „Vice“ von den wenigsten Abstimmungsberechtigten auf Platz eins gewählt wird, muss ich mir ja im nächsten Schritt vorstellen, welchen Film die Mehrheit dieser Minderheit auf den zweiten Platz gewählt hat. Damit geht das große Mutmaßen endgültig los, aber interessant ist es wie gesagt allemal.
Ich wollte hier eigentlich auf „Roma“ setzen. Doch da der Film aus den oben erwähnten Gründen nicht nur Fans, sondern auch Gegner in der Academy hat, entscheide ich mich nun für „Green Book“. Dieser Film könnte meiner Meinung nach am ehesten davon profitieren, dass „Roma“ die Academy spaltet

Bester Hauptdarsteller
Rami Malek hat für seinen Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ den Golden Globe, BAFTA und SAG-Award gewonnen. Vor ein paar Monaten hätten es wohl die wenigsten gedacht, aber nun sieht es so aus, als sei er auf dem besten Weg zum Oscar. Christian Bale und Willem Dafoe sind wohl nur Außenseiter. Bradley Cooper dürfte mit „A Star Is Born“ in der Academy mehr Fans haben und gerade „Green Book“ sollte man nicht unterschätzen. Und obwohl es sowohl um „Bohemian Rhapsody“ als auch um „Green Book“ ein paar Kontroversen gab, dürften diese kaum auf die Schauspieler abfärben. Also… Malek oder Mortensen? Ich tippe auf Rami Malek, auch wenn ich seine Leistung gar nicht soooo toll fand und den Oscar lieber bei Viggo „Aragorn“ Mortensen sehen würde.

(Übrigens bin ich überrascht, dass „Der Spitzenkandidat“ vollkommen übergangen worden ist. Hugh Jackman liefert darin eine phänomenale Leistung ab und auch die Kameraarbeit fand ich beeindruckend.)

Beste Hauptdarstellerin
Hier sieht es ausnahmsweise mal ganz einfach aus in diesem Jahr. Glenn Close ist 71 Jahre alt und zum siebten Mal nominiert, hat aber noch nie einen Oscar gewonnen! Da wird es ganz einfach Zeit. Ihre Leistung in „The Wife“ („Die Frau des Nobelpreisträgers„) ist großartig, sie hat bei den Golden Globes eine tolle Dankesrede gehalten – da sollte eigentlich nichts mehr zwischen sie und ihren ersten Oscar kommen, oder? Olivia Colman hat zwar bei den BAFTAs gewonnen, dort aber auch einen Heimvorteil gehabt. Ihre Leistung in „The Favourite“ würde ich hier lieber ausgezeichnet sehen als die von Glenn Close in „The Wife“. Aber ich tippe trotzdem auf Glenn Close. Beim siebten Mal muss es einfach klappen.

Bester Nebendarsteller
Auch hier scheint der Gewinner bereits ausgemacht zu sein. Richard E. Grant freut sich mit 61 Jahren über seine erste Oscarnomominierung so sehr, dass man ihn gerne auch auf der Bühne die Trophäe in Empfang nehmen sehen würde. Als großer „Star Wars“-Fan würde ich mich auch wahnsinnig für Adam Driver freuen. Aber Mahershala Ali hat für seine Rolle in „Green Book“ bereits alle anderen wichtigen Filmpreise abgeräumt und wird wohl auch bei den Oscars nicht mit leeren Händen sitzen bleiben müssen, obwohl er erst vor zwei Jahren für „Moonlight“ gewonnen hat. Fast hätte ich auch diesen Tipp noch einmal geändert und doch auf Grant gesetzt. Schließlich dürften viele Stimmen an ihn gehen, weil Ali eben erst vor kurzem gewonnen hat. Und wer weiß, vielleicht reicht es für Grant wirklich und ich liege falsch. Das würde gleich zu Beginn der Oscar-Show für eine Überraschung sorgen. Aber ich traue mich nicht, diesen doch etwas riskanten Tipp abzugeben. Also bleibe ich bei Mahershala Ali.

Beste Nebendarstellerin
Hier wird es wieder schwieriger. Amy Adams ist für ihre Rolle in „Vice“ zum sechsten Mal nominiert und hat noch nie gewonnen. Regina King gilt mit „If Beale Street Could Talk“ als Favoritin, aber auch Rachel Weisz („The Favourite“) hat viele Fans. Ich tippe mal auf Regina King, unter anderem auch deswegen, weil das vielleicht die einzige realistische Chance für den Film auf eine Oscarauszeichnung sein wird. In die Kategorie „bester Film“ scheint es die Literaturverfilmung ja nur ganz knapp nicht geschafft zu haben.

Beste Regie
Ich denke mal, dass sich die Academy hier auf Alfonso Cuarón einigen wird.

Bester Animationsfilm
Wenn ein Pixar-Film in dieser Kategorie nominiert war, dann hat er bisher auch immer gewonnen, oder? Nun, ich tippe dieses Jahr dennoch nicht auf Pixars „Die Unglaublichen 2“. Denn wenn das, was die Macher von „Spider-Man: Into The Spider-Verse“ abgeliefert haben, nicht oscarwürdig ist, was denn bitteschön dann? Der Film ist einer der besten Superheldenfilme seit Jahren und hat endlich mal einen neuen, kreativen Weg gezeigt, wie man Comics auch wirklich als solche auf die Leinwand bringt.

Bester fremdsprachiger Film: Hier dürfte Roma gewinnen, der deutsche Beitrag „Werk ohne Autor“ hat keine realistische Chance.

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bestes adaptiertes Drehbuch:  Charlie Wachtel, David Rabinowitz, Kevin Willmott und Spike Lee für „BlacKkKlansman“
Bestes Originaldrehbuch: „The Favourite“ (Deborah Davis und Tony McNamara)
Beste Ausstattung: „The Favourite“ (Fiona Crombie und Alice Felton)
Beste Kamera (Cinematography): Alfonso Cuarón für „Roma“
Bester Ton (Sound Mixing): „Bohemian Rhapsody“ (Paul Massey, Tim Cavagin und John Casali)
Bester Tonschnitt (Sound Editing): „Bohemian Rhapsody“ (John Warhurst und Nina Hartstone)
Beste Musik: „If Beale Street Could Talk“ (Nicholas Britell)
Bestes Lied: „Shallow“ aus „A Star Is Born“ (geschrieben von Lady Gaga, Mark Ronson, Anthony Rossomando und Andrew Wyatt)
Beste Kostüme: Sandy Powell für „The Favourite“
Beste Dokumentation: Elizabeth Chai Vasarhelyi, Jimmy Chin, Evan Hayes und Shannon Dill für „Free Solo“
Beste Kurzdokumentation: „Black Sheep“
(Ed Perkins and Jonathan Chinn)

Bester Schnitt: Hank Corwin für „Vice“
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „Vice“ (Greg Cannom, Kate Biscoe und Patricia Dehaney)
Bester animierter Kurzfilm: Hier tippe ich auf Pixars „Bao“ (von Domee Shi und Becky Neiman-Cobb), der vor „Die Unglaublichen 2“ im Kino gezeigt wurde.
Bester Kurzfilm: Skin von Guy Nattiv und Jaime Ray Newman. Es könnte aber auch „Marguerite“ gewinnen. Wie immer habe ich in den Kurzfilmkategorien wenig Ahnung, die meisten Filme noch nicht gesehen und mich nur ein wenig in die Expertenmeinungen eingelesen. (Eventuell werde ich aber am Sonntag noch alle fünf nominierten Live Action-Kurzfilme im Kino anschauen.)
Beste visuelle Effekte: Dan DeLeeuw, Kelly Port, Russell Earl und Dan Sudick für „Avengers: Infinity War“

Arlo & Spot (The Good Dinosaur) – Der neue Pixar-Film

Arlo & Spot - PlakatÜbermorgen startet der neue Pixar-Film „Arlo & Spot“ („The Good Dinosaur“) in den deutschen Kinos. Nach „Alles steht Kopf“ ist es bereits das zweite neue Werk von Pixar innerhalb weniger Monate. Geplant war dieser kurze Abstand eigentlich nicht, denn „Arlo & Spot“ hätte eigentlich schon viel früher ins Kino kommen sollen. Doch die Produktionsgeschichte des Films war eine sehr holprige. Die Story wurde mindestens einmal komplett über den Haufen geworfen und der urpsprüngliche Regisseur des Films gegen Peter Sohn ausgetauscht, der damit seinen ersten Langfilm inszeniert hat.
Dass die Produktion von „Arlo & Spot“ besonders lange und kompliziert gewesen ist, bedeutet aber leider noch nicht automatisch, dass dabei auch ein besonders guter Film herausgekommen ist. Pixar ist zwar bekannt dafür, an seinen Produktionen oftmals gerade in der Phase der Ideen- und Handlungsfindung besonders lange und gründlich zu arbeiten, bei „Arlo & Spot“ scheint aber gerade das nicht der Fall gewesen zu sein. Vielmehr dürfte man hier mit den zahlreichen Änderungen versucht haben, zu retten was noch zu retten ist.

Der Film beginnt mit einer kurzen Szene, die auch schon im Trailer zu sehen war: Was wäre wenn der Asteroid, der vor 65 Millionen Jahren die Auslöschung der Dinosaurier verursachte, die Erde knapp verfehlt hätte? Der Idee der Filmemacher zufolge hätten sich dann die Saurier zu intelligenten, sprechenden Wesen entwickelt. Menschen existieren im Film zwar auch, doch sie laufen meist noch auf vier Beinen und verständigen sich nur über Grunzlaute. Die Geschichte, die der Film nun vor diesem Hintergrund erzählt, ist die eines jungen Dinosauriers namens Arlo, der mit zwei Geschwistern bei seinen Eltern aufwächst. Während seine Geschwister eine große Hilfe beim Ackerbau (!) sind, bekommt der tollpatschige und furchtsame Arlo immer wieder vor Augen geführt, dass er die Aufgaben des täglichen Lebens noch nicht so recht meistert. Eines Tages kommt es zu einem Ereignis, das – wie offenbar einige andere Entwicklungen im Film auch – direkt aus dem „König der Löwen“ importiert worden zu sein scheint und das einen herben Schicksalsschlag für Arlo und seine Familie darstellt. Noch dazu verschlägt es ihn kurz darauf in einen weit entfernten Landstrich. Während seine Familie ihn für tot hält, muss der ängstliche Arlo lernen, sich in der Wildnis zurecht zu finden, um wieder zurück nach Hause zu kommen. Dabei trifft er nicht nur auf alle möglichen Kreaturen, die ihm nicht alle freundlich gesonnen sind, sondern hat auch einen Begleiter in Form eines Menschenjungen, den er bald auf den Namen Spot tauft. Anfänglich hat Arlo noch Angst vor Spot, ist dann eine zeitlang genervt von ihm, bevor er lernt, dass so ein kleiner menschlicher Begleiter ziemlich nützlich sein kann und eine Freundschaft zwischen den beiden entsteht.

Arlo & Spot

Die besten Pixar-Filme wie die „Toy Story“-Reihe, „The Incredibles“, „Wall-E“ oder „Inside Out“ zeichnen sich stets dadurch aus, dass sie für kein spezifisches Publikum gemacht sind. Sie enthalten sowohl lustige Charactere, Action und Slapstick-Einlagen, über die Kinder lachen können, als auch popkulturelle Anspielungen, reife emotionale Themen und Witze für deren Verständnis man etwas Lebenserfahrung braucht. Dies ist bei „Arlo & Spot“ jedoch nicht der Fall. Hier haben wir es mit einem ziemlich konventionellen, ganz auf eine junge Zielgruppe zugeschnittenen Film zu tun, dessen vorhersehbare Geschichte und schablonenartige Figuren für Erwachsene zwar nett anzusehen sind, aber mehr eben nicht. Das gewisse „Pixar-Etwas“, das den Meisterwerken der Trickfilmschmiede innewohnt, fehlt hier.
In den letzten Jahren hatte man bei den Animationsfilmen anderer Studios oft das Gefühl, dass diese die Erfolgsformel von Pixar zu kopieren versuchten, aber meist nicht über eine kreative, manchmal auch völlig abgedrehte Ausgangsidee hinauskamen. So entstanden dann Filme, die aus einem oftmals durchaus originellen Konzept meist nur konventionelle bis langweilige Geschichten sponnen (zum Biespiel „Megamind“ oder „Epic“). Auf ganz ähnliche Weise versuchenten auch die Walt Disney Animation Studios in Konkurrenz mit den hauseigenen Leuten von Pixar, deren Erfolgsformel zu kopieren – mit ähnlichen Ergebnissen (z.B. „Bolt“). Mit „Arlo & Spot“ haben wir es nun mit einem Pixar-Film zu tun, der denselben Eindruck macht: als hätte hier jemand versucht, die Pixar-Erfolgsformel zu kopieren, sei aber nicht über eine kreative Ausgangsidee hinausgekommen, nur um sich dann eben in einer überraschungsarmen Geschichte mit platten Figuren zu verlieren.
SpotDas beginnt schon mit der oben erwähnten Ausgangssituation des Films. Diese ist nämlich für den späteren Verlauf der Geschichte kaum noch relevant. Dinosaurier können sprechen und leben gemeinsam mit Menschen auf der Erde? Schön und gut, aber dazu hätte es die einleitende Szene mit dem den Planeten verfehlenden Asteroiden gar nicht gebraucht bzw. wenn man den Film schon damit beginnt, dann hätte man auch wesentlich mehr daraus machen müssen. Doch der Film würde in seiner jetzigen Form genau so ohne diese erste Szene funktionieren. In der „Ice Age“-Reihe leben Menschen und Saurier schließlich auch zur gleichen Zeit, ohne das das irgendwie begründet oder erklärt wird. Wirklich gründlich durchdacht scheint „Arlo & Spot“ also nicht zu sein, was sehr schade ist.
Die Handlung selbst funktioniert zwar, die Hauptfiguren machen nachvollziehbare Entwicklungen durch und es kommt zu ein paar sehr emotionalen, teilweise sogar wirklich tief berührenden Szenen. Doch all das ist wie gesagt in eine äußerst platte Geschichte eingebettet, die zwar für Kinder spannend und lustig ist, erwachsenen Zuschauern aber nur ein müdes Gähnen entlockt. Dass Animationsfilme keineswegs automatisch Kinderfilme sind, hat Pixar oft genug bewiesen, dieser Film stellt allerdings ein Gegenbeispiel dar.
Die Entwicklung Arlos, der sich seiner Angst stellen und über sich selb
st hinaus wachsen muss, ist zwar glaubwürdig, wirkt in ihrer Ausführung aber wie nach einem Handbuch „Drehbücher schreiben für Anfänger“ erstellt. Zu Beginn des Films bekommt Arlo von seinem Vater wortwörtlich erklärt, er müsse seine Angst überwinden. Statt seine Botschaft also auf kreative Weise in Bildern, Handlungen und Action zu vermitteln, wählt „Arlo & Spot“ den direkten, aber äußerst einfallslosen Weg, der – man muss es einmal mehr sagen – zwar für Kinder neu und spannend ist, für Erwachsene aber einfach etwas schon dutzendfach Gesehenes darstellt. „Arlo & Spot“ ist im Gegensatz zu „Alles steht Kopf“, „Ratatouille“ oder „The Incredibles“ kein Film mit Metaebene und doppeltem Boden – oder auch nur ein paar Witzen, die sich speziell an Erwachsene richten. Der ganze Film erzählt eine schon in unzähligen anderen Kinderfilmen erzählte Geschichte, ohne diese aber raffiniert in eine vor kreativen Einfällen überbordende Welt zu verpacken. Zugegeben, die Messlatte liegt für Pixar, gerade nach der Rückkehr zu alter Form mit „Alles steht Kopf“ halt besonders hoch.
Die VelociraptorenDass es den Verantwortlichen nie gelungen ist, aus ihrer Idee eine in sich runde und schlüssige Geschichte zu machen, wird auch an anderen Schlampereien des Drehbuchs deutlich. So weist der Film zum Beispiel eine Reihe von Szenen und Nebenfiguren auf, die nicht schlüssig zu Ende entwickelt werden. Ganz besonders der aufwändig eingeführte Styracosaurier, der eine Reihe von „Helfertieren“ auf seinen Hörnern mit sich herumträgt, macht dies deutlich: nach seiner ersten und einzigen Szene bleibt er für den Rest des Films verschwunden und man fragt sich, was die Vorstellung seiner Figur und der einzelnen Tiere auf seinen Hörnern denn nun bewirken sollte.
Dass die Geschichte alles andere als originell ist, macht auch die schon erwähnte Ähnlichkeit des Films zu „Der König der Löwen“ deutlich. Neben einer auch optisch stark an den Klassiker erinnernden Szene im ersten Drittel des Films gibt es noch eine ganze Reihe von weiteren Ähnlichkeiten, darunter drei mit Federn ausgestattete (wie es neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht!) Velociraptoren, deren Funktion in der Handlung stark an die Hyänen aus dem „König der Löwen“ erinnert. Das Ende des Film scheint schließlich direkt aus dem „Dschungelbuch“ übernommen worden zu sein.

Fotorealistische LandschaftenMit „Arlo & Spot“ ist Pixar also kein großer Wurf gelungen, stattdessen wirkt der Film wie sich an ein Kinderpublikum anbiedernde Massenware. Man kann aber nicht verleugnen, dass der Film das, was er macht, immerhin sehr gut macht (was für Pixar allerdings längst nicht gut genug sein sollte). Zum Schluss möchte ich noch auf einige postivie Aspekte des Films zu sprechen kommen:
Mir hat gefallen, dass nicht alle Figuren, denen Arlo und Spot auf ihrer Reise begegnen, genau das sind, was sie zunächst zu sein scheinen. Das beginnt natürlich schon mit der Begegnung Arlos mit Spot, setzt sich aber im Verlauf des Films fort, wenn die beiden zum Beispiel auf eine Familie von furchterregnd aussehenden Tyrannosauriern treffen. Und zumindest in den Beziehungen der verschiedenen Saurierarten untereinander und der Saurier zu den weniger intelligenten Lebensformen (also vor allem den Menschen) zieht der Film seine Ausgangsidee dann konsequent durch. So kann man hier zum Beispiel nicht davon ausgehen, dass Menschen von allen Fleisch fressenden Sauriern als Futter angesehen werden.
Die größte Stärke des Films liegt sicherlich in seiner höchst beeindruckenden visuellen Pracht. Die Landschaften mit ihren Bergketten, reißenden Flüssen und malerischen Steppen und Wäldern sind von einem solchen Detailreichtum und Realismus, dass man sich immer wieder fragt, ob hier denn wirklich alles künstlich am Computer erzeugt worden ist oder ob nicht das ein oder andere Mal „echte“ Aufnahmen dazwischen geschmuggelt worden sind. Ich frage mich allerdings, warum man sich dazu entschieden hat, Felsen, Blätter, Wasser usw. so realistisch wie möglich zu gestalten, während die Figuren alle deutlich catoonhaft und reduziert wirken. Ist es nicht die Stärke des Animationsfilms, dass der gesamte Look des Films von Grund auf in einem einheitlichen, auch mal recht eigenwilligen Stil gestaltet werden kann? Warum also nicht auch die Umgebungen in einem speziell für den Film entwickelten Design anlegen?
Western-FeelingIch habe oben geschrieben, dass „Arlo & Spot“ ein paar berührende Szenen aufweist. Die stärkste davon ist die „Familienaufstellung“, in der sich die beiden Hauptfiguren, die nicht mit Worten kommunizieren können, die Geschichte ihrer Familien erzählen. Da blitzt kurz die Genialität früherer Pixar-Werke durch, die ja auch oft mit wenigen Bildern eine große emotionale Wucht erzielen konnten. Leider gelingt dies in „Arlo & Spot“ viel zu selten.

Bilder: Copyright Walt Disney Pictures