Arlo & Spot (The Good Dinosaur) – Der neue Pixar-Film

Arlo & Spot - PlakatÜbermorgen startet der neue Pixar-Film „Arlo & Spot“ („The Good Dinosaur“) in den deutschen Kinos. Nach „Alles steht Kopf“ ist es bereits das zweite neue Werk von Pixar innerhalb weniger Monate. Geplant war dieser kurze Abstand eigentlich nicht, denn „Arlo & Spot“ hätte eigentlich schon viel früher ins Kino kommen sollen. Doch die Produktionsgeschichte des Films war eine sehr holprige. Die Story wurde mindestens einmal komplett über den Haufen geworfen und der urpsprüngliche Regisseur des Films gegen Peter Sohn ausgetauscht, der damit seinen ersten Langfilm inszeniert hat.
Dass die Produktion von „Arlo & Spot“ besonders lange und kompliziert gewesen ist, bedeutet aber leider noch nicht automatisch, dass dabei auch ein besonders guter Film herausgekommen ist. Pixar ist zwar bekannt dafür, an seinen Produktionen oftmals gerade in der Phase der Ideen- und Handlungsfindung besonders lange und gründlich zu arbeiten, bei „Arlo & Spot“ scheint aber gerade das nicht der Fall gewesen zu sein. Vielmehr dürfte man hier mit den zahlreichen Änderungen versucht haben, zu retten was noch zu retten ist.

Der Film beginnt mit einer kurzen Szene, die auch schon im Trailer zu sehen war: Was wäre wenn der Asteroid, der vor 65 Millionen Jahren die Auslöschung der Dinosaurier verursachte, die Erde knapp verfehlt hätte? Der Idee der Filmemacher zufolge hätten sich dann die Saurier zu intelligenten, sprechenden Wesen entwickelt. Menschen existieren im Film zwar auch, doch sie laufen meist noch auf vier Beinen und verständigen sich nur über Grunzlaute. Die Geschichte, die der Film nun vor diesem Hintergrund erzählt, ist die eines jungen Dinosauriers namens Arlo, der mit zwei Geschwistern bei seinen Eltern aufwächst. Während seine Geschwister eine große Hilfe beim Ackerbau (!) sind, bekommt der tollpatschige und furchtsame Arlo immer wieder vor Augen geführt, dass er die Aufgaben des täglichen Lebens noch nicht so recht meistert. Eines Tages kommt es zu einem Ereignis, das – wie offenbar einige andere Entwicklungen im Film auch – direkt aus dem „König der Löwen“ importiert worden zu sein scheint und das einen herben Schicksalsschlag für Arlo und seine Familie darstellt. Noch dazu verschlägt es ihn kurz darauf in einen weit entfernten Landstrich. Während seine Familie ihn für tot hält, muss der ängstliche Arlo lernen, sich in der Wildnis zurecht zu finden, um wieder zurück nach Hause zu kommen. Dabei trifft er nicht nur auf alle möglichen Kreaturen, die ihm nicht alle freundlich gesonnen sind, sondern hat auch einen Begleiter in Form eines Menschenjungen, den er bald auf den Namen Spot tauft. Anfänglich hat Arlo noch Angst vor Spot, ist dann eine zeitlang genervt von ihm, bevor er lernt, dass so ein kleiner menschlicher Begleiter ziemlich nützlich sein kann und eine Freundschaft zwischen den beiden entsteht.

Arlo & Spot

Die besten Pixar-Filme wie die „Toy Story“-Reihe, „The Incredibles“, „Wall-E“ oder „Inside Out“ zeichnen sich stets dadurch aus, dass sie für kein spezifisches Publikum gemacht sind. Sie enthalten sowohl lustige Charactere, Action und Slapstick-Einlagen, über die Kinder lachen können, als auch popkulturelle Anspielungen, reife emotionale Themen und Witze für deren Verständnis man etwas Lebenserfahrung braucht. Dies ist bei „Arlo & Spot“ jedoch nicht der Fall. Hier haben wir es mit einem ziemlich konventionellen, ganz auf eine junge Zielgruppe zugeschnittenen Film zu tun, dessen vorhersehbare Geschichte und schablonenartige Figuren für Erwachsene zwar nett anzusehen sind, aber mehr eben nicht. Das gewisse „Pixar-Etwas“, das den Meisterwerken der Trickfilmschmiede innewohnt, fehlt hier.
In den letzten Jahren hatte man bei den Animationsfilmen anderer Studios oft das Gefühl, dass diese die Erfolgsformel von Pixar zu kopieren versuchten, aber meist nicht über eine kreative, manchmal auch völlig abgedrehte Ausgangsidee hinauskamen. So entstanden dann Filme, die aus einem oftmals durchaus originellen Konzept meist nur konventionelle bis langweilige Geschichten sponnen (zum Biespiel „Megamind“ oder „Epic“). Auf ganz ähnliche Weise versuchenten auch die Walt Disney Animation Studios in Konkurrenz mit den hauseigenen Leuten von Pixar, deren Erfolgsformel zu kopieren – mit ähnlichen Ergebnissen (z.B. „Bolt“). Mit „Arlo & Spot“ haben wir es nun mit einem Pixar-Film zu tun, der denselben Eindruck macht: als hätte hier jemand versucht, die Pixar-Erfolgsformel zu kopieren, sei aber nicht über eine kreative Ausgangsidee hinausgekommen, nur um sich dann eben in einer überraschungsarmen Geschichte mit platten Figuren zu verlieren.
SpotDas beginnt schon mit der oben erwähnten Ausgangssituation des Films. Diese ist nämlich für den späteren Verlauf der Geschichte kaum noch relevant. Dinosaurier können sprechen und leben gemeinsam mit Menschen auf der Erde? Schön und gut, aber dazu hätte es die einleitende Szene mit dem den Planeten verfehlenden Asteroiden gar nicht gebraucht bzw. wenn man den Film schon damit beginnt, dann hätte man auch wesentlich mehr daraus machen müssen. Doch der Film würde in seiner jetzigen Form genau so ohne diese erste Szene funktionieren. In der „Ice Age“-Reihe leben Menschen und Saurier schließlich auch zur gleichen Zeit, ohne das das irgendwie begründet oder erklärt wird. Wirklich gründlich durchdacht scheint „Arlo & Spot“ also nicht zu sein, was sehr schade ist.
Die Handlung selbst funktioniert zwar, die Hauptfiguren machen nachvollziehbare Entwicklungen durch und es kommt zu ein paar sehr emotionalen, teilweise sogar wirklich tief berührenden Szenen. Doch all das ist wie gesagt in eine äußerst platte Geschichte eingebettet, die zwar für Kinder spannend und lustig ist, erwachsenen Zuschauern aber nur ein müdes Gähnen entlockt. Dass Animationsfilme keineswegs automatisch Kinderfilme sind, hat Pixar oft genug bewiesen, dieser Film stellt allerdings ein Gegenbeispiel dar.
Die Entwicklung Arlos, der sich seiner Angst stellen und über sich selb
st hinaus wachsen muss, ist zwar glaubwürdig, wirkt in ihrer Ausführung aber wie nach einem Handbuch „Drehbücher schreiben für Anfänger“ erstellt. Zu Beginn des Films bekommt Arlo von seinem Vater wortwörtlich erklärt, er müsse seine Angst überwinden. Statt seine Botschaft also auf kreative Weise in Bildern, Handlungen und Action zu vermitteln, wählt „Arlo & Spot“ den direkten, aber äußerst einfallslosen Weg, der – man muss es einmal mehr sagen – zwar für Kinder neu und spannend ist, für Erwachsene aber einfach etwas schon dutzendfach Gesehenes darstellt. „Arlo & Spot“ ist im Gegensatz zu „Alles steht Kopf“, „Ratatouille“ oder „The Incredibles“ kein Film mit Metaebene und doppeltem Boden – oder auch nur ein paar Witzen, die sich speziell an Erwachsene richten. Der ganze Film erzählt eine schon in unzähligen anderen Kinderfilmen erzählte Geschichte, ohne diese aber raffiniert in eine vor kreativen Einfällen überbordende Welt zu verpacken. Zugegeben, die Messlatte liegt für Pixar, gerade nach der Rückkehr zu alter Form mit „Alles steht Kopf“ halt besonders hoch.
Die VelociraptorenDass es den Verantwortlichen nie gelungen ist, aus ihrer Idee eine in sich runde und schlüssige Geschichte zu machen, wird auch an anderen Schlampereien des Drehbuchs deutlich. So weist der Film zum Beispiel eine Reihe von Szenen und Nebenfiguren auf, die nicht schlüssig zu Ende entwickelt werden. Ganz besonders der aufwändig eingeführte Styracosaurier, der eine Reihe von „Helfertieren“ auf seinen Hörnern mit sich herumträgt, macht dies deutlich: nach seiner ersten und einzigen Szene bleibt er für den Rest des Films verschwunden und man fragt sich, was die Vorstellung seiner Figur und der einzelnen Tiere auf seinen Hörnern denn nun bewirken sollte.
Dass die Geschichte alles andere als originell ist, macht auch die schon erwähnte Ähnlichkeit des Films zu „Der König der Löwen“ deutlich. Neben einer auch optisch stark an den Klassiker erinnernden Szene im ersten Drittel des Films gibt es noch eine ganze Reihe von weiteren Ähnlichkeiten, darunter drei mit Federn ausgestattete (wie es neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht!) Velociraptoren, deren Funktion in der Handlung stark an die Hyänen aus dem „König der Löwen“ erinnert. Das Ende des Film scheint schließlich direkt aus dem „Dschungelbuch“ übernommen worden zu sein.

Fotorealistische LandschaftenMit „Arlo & Spot“ ist Pixar also kein großer Wurf gelungen, stattdessen wirkt der Film wie sich an ein Kinderpublikum anbiedernde Massenware. Man kann aber nicht verleugnen, dass der Film das, was er macht, immerhin sehr gut macht (was für Pixar allerdings längst nicht gut genug sein sollte). Zum Schluss möchte ich noch auf einige postivie Aspekte des Films zu sprechen kommen:
Mir hat gefallen, dass nicht alle Figuren, denen Arlo und Spot auf ihrer Reise begegnen, genau das sind, was sie zunächst zu sein scheinen. Das beginnt natürlich schon mit der Begegnung Arlos mit Spot, setzt sich aber im Verlauf des Films fort, wenn die beiden zum Beispiel auf eine Familie von furchterregnd aussehenden Tyrannosauriern treffen. Und zumindest in den Beziehungen der verschiedenen Saurierarten untereinander und der Saurier zu den weniger intelligenten Lebensformen (also vor allem den Menschen) zieht der Film seine Ausgangsidee dann konsequent durch. So kann man hier zum Beispiel nicht davon ausgehen, dass Menschen von allen Fleisch fressenden Sauriern als Futter angesehen werden.
Die größte Stärke des Films liegt sicherlich in seiner höchst beeindruckenden visuellen Pracht. Die Landschaften mit ihren Bergketten, reißenden Flüssen und malerischen Steppen und Wäldern sind von einem solchen Detailreichtum und Realismus, dass man sich immer wieder fragt, ob hier denn wirklich alles künstlich am Computer erzeugt worden ist oder ob nicht das ein oder andere Mal „echte“ Aufnahmen dazwischen geschmuggelt worden sind. Ich frage mich allerdings, warum man sich dazu entschieden hat, Felsen, Blätter, Wasser usw. so realistisch wie möglich zu gestalten, während die Figuren alle deutlich catoonhaft und reduziert wirken. Ist es nicht die Stärke des Animationsfilms, dass der gesamte Look des Films von Grund auf in einem einheitlichen, auch mal recht eigenwilligen Stil gestaltet werden kann? Warum also nicht auch die Umgebungen in einem speziell für den Film entwickelten Design anlegen?
Western-FeelingIch habe oben geschrieben, dass „Arlo & Spot“ ein paar berührende Szenen aufweist. Die stärkste davon ist die „Familienaufstellung“, in der sich die beiden Hauptfiguren, die nicht mit Worten kommunizieren können, die Geschichte ihrer Familien erzählen. Da blitzt kurz die Genialität früherer Pixar-Werke durch, die ja auch oft mit wenigen Bildern eine große emotionale Wucht erzielen konnten. Leider gelingt dies in „Arlo & Spot“ viel zu selten.

Bilder: Copyright Walt Disney Pictures

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