Ruby Sparks

Spoilerwarnung: In diesem Text gehe ich auf die gesamte Handlung des Films, einschließlich seines Endes ein!

Vor etwa zwei Wochen habe ich endlich einen Film des Kinojahres 2012 nachgeholt, den ich schon lange sehen wollte: „Ruby Sparks“, vom Regieduo Jonathan Dayton und Valerie Faris, die uns auch schon den herrlichen „Little Miss Sunshine“ geschenkt haben. Das Drehbuch zu „Ruby Sparks“ hat die Schauspielerin Zoe Kazan geschrieben, die sich wohl aus Frust, einfach keine guten Rollenangebote zu bekommen, einfach eine Traumrolle auf den Leib geschrieben hat. Sie spielt nämlich hier nämlich jene Ruby, die dem Film seinen Namen gibt.

„Ruby Sparks“ ist einer jener Filme, die man schon allein deswegen sehen muss, weil sich ihre zentrale Storyidee so genial anhört – zumindest ging es mir so. „Ein junger Autor schreibt über seine Traumfrau, bis diese erfundene Figur eines Tages Wirklichkeit wird“, so etwa könnte man „Ruby Sparks“ in einem Satz zusammenfassen. Paul Dano spielt diesen Autor, der auf den Namen Calvin Weir-Fields hört. Calvin ist Ende zwanzig, vielleicht gerade dreißig und hat vor zehn Jahren einen Roman geschrieben, der zum Bestseller geworden ist. Der Film beginnt damit, dass ein befreundeter Autor, Langdon Tharp (Steve Coogan), vor einer Lesung Calvins eine kurze Rede hält und allein in dieser Rede erfahren wir schon eine ganze Menge über den Autoren Calvin Weir-Fields. So erwähnt Tharp beispielsweise, dass gerade eine „10th anniversary edition“ von Calvins gefeiertem Romandebüt erschienen ist. Oder dass er wie alle anderen auch die Kurzgeschichten, die Calvin in den letzten Jahren veröffentlicht hat, sehr genossen hat. Oberflächlich betrachtet lobt er Calvin und sein Buch mit seinen Worten, doch durch die Blume sagt er damit nichts anderes als „Wir warten immer noch auf deinen zweiten Roman!!!“.

Calvin wohnt alleine in einem Haus, von dem andere in seinem Alter nur träumen können. Sein Buch scheint ihm also immer noch genügend Geld einzubringen. Den Leuten vom Verlag und allen anderen Menschen, die ihm mit den Fragen nach einem zweiten Roman in den Ohren liegen, versichert er immer wieder, fleißig an einem weiteren Buch zu schreiben. Tatsächlich steckt er aber in einer Schreibblockade. Auch mit dem anderen Geschlecht läuft es nicht so, wie Calvin es sich vorstellt. Seine einzige Beziehung ist schon ein paar Jahre her und er selbst stört sich daran, dass er meist nur von Mädchen angehimmelt wird, die sein Buch in der Highschool gelesen haben und nicht wirklich an ihm selbst interessiert sind.

All diese Probleme redet er sich regelmäßig bei seinem Therapeuten Dr. Rosenthal (Elliott Gould) von der Seele. Dieser stellt ihm am Ende einer Sitzung die Aufgabe, eine Seite über eine junge Frau zu schreiben, die Calvins Hund Scotty mag (was ein wichtiges Kriterium für Calvin zu sein scheint). Es bleibt jedoch nicht bei einer Seite. Ruby Sparks, wie er jenes fiktive Mädchen nennt, verhilft ihm endlich zu jener Inspiration, an der es ihm so lange gemangelt hat. Und so beginnt sich aus der einen Seite bald ein Manuskript zu einem neuen Roman zu entwickeln. So weit, so gut. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Ruby leibhaftig in Calvins Haus auftaucht.

Noch bevor das geschieht, gibt Calvin seinem Bruder Harry (Chris Messina) die ersten Seiten seines Manuskripts zu lesen. Dieser kann Calvins Beschreibung von Ruby jedoch wenig Gutes abgewinnen und behauptet, Calvin würde sich nicht mit Frauen auskennen. „Women are different up close“, lautet einer seiner gut gemeinten Ratschläge. Doch das Entscheidende an Calvins Text ist ja gerade, dass er sich darin um die Realität überhaupt nicht kümmert. Seine Ruby entspringt einem Traumbild und als solches formuliert er sie auch weiter aus. Sie behauptet, gar nicht auf Typen wie ihn zu stehen, ist aber natürlich trotzdem vollkommen in ihn verliebt. Sie ist fröhlich, wagemutig, ein wenig verrückt und bringt damit in ihm genau die Seiten seiner Persönlichkeit hervor, die er bislang kaum ausgelebt hat.

Paul Dano spielt Calvins Verwirrung und Verstörung unmittelbar nach dem Auftauchen Rubys wirklich wunderbar. Nachdem er den ersten Schock überwunden hat, testet er schließlich noch aus, ob auch andere Menschen Ruby sehen können und als sich dies bestätigt, hat er immerhin die Gewissheit, dass er nicht verrückt geworden ist. Etwa nach 30 Minuten des Films kam mir der Gedanke, dass Ruby vielleicht gar nicht plötzlich aufgetaucht ist, sondern schon immer da war. Was also, wenn nicht das plötzliche Erscheinen Rubys „irreal“ wäre, sondern im Gegenteil die Zeit davor, als sie nicht da war? Dann würde der Film davon erzählen, wie sich Calvin aus einer schweren psychischen Krise heraus geschrieben hat und endlich wieder die Realität sehen konnte. Die Tatsache, dass Harry von Rubys Erscheinen genauso überrascht ist wie Calvin, hat diese Theorie aber schnell wieder zunichte gemacht. Ruby ist also tatsächlich Calvins Vorstellung ent-sprungen, im wahrsten Sinne des Wortes. „She’s out of his mind“, wie es in der englischen Tagline des Films heißt.

Nachdem auch Calvins Bruder Ruby kennen gelernt hat und von der unglaublichen Tatsache überzeugt worden ist, dass alles, was Calvin über sie schreibt, sofort Realität wird, erscheint ihm diese Vorstellung geradezu paradiesisch. Lange Beine und große Brüste sind die ersten Stichworte, die ihm dazu einfallen – Calvin könne seine neue Freundin nun genau so schreiben, wie sie ihm gefällt! Der nachdenklichere Calvin teilt den Enthusiasmus seines Bruders jedoch nicht vollkommen und scheint zu ahnen, dass die Möglichkeit, Ruby nach Belieben umzuschreiben auch Gefahren birgt. Er beschließt, keine einzige Zeile mehr über Ruby zu schreiben.

Nachdem Calvin und Ruby ein Wochenende bei Calvins Mutter (phantastisch: Annette Bening) und deren Lebensgefährten (dito: Antonio Banderas) verbracht haben, zeigt die bis dahin so harmonische Beziehung zwischen den beiden jedoch erste Risse. Ruby möchte plötzlich mehr Freiraum haben und nicht mehr ständig mit Calvin zusammen wohnen. Auf einmal ist sie nicht mehr die von Calvin erdachte Traumfrau und die Beziehung der beiden wirkt wie eine ganz normale Beziehung mit ihren Höhen und Tiefen. Calvin, der all das nicht akzeptieren will, holt schließlich doch das Manuskript wieder aus der Schublade und beginnt, wieder über Ruby zu schreiben.

Er schreibt also erst einmal, dass es Ruby schlecht geht, sobald sie nicht in seiner Nähe ist. Danach möchte sie zwar keinen Abstand mehr von ihm gewinnen, dafür ist aber das Gegenteil der Fall: Sie klebt förmlich an ihm und beginnt schon zu weinen, wenn er nur mal schnell aufs Klo geht. Calvin setzt sich also erneut an seine Schreibmaschine und schreibt, dass Ruby fröhlich ist. Das führt dann dazu, dass sie mit einem Dauergrinsen durch die Welt läuft und einfach alles und jeden wahnsinnig toll findet, ganz egal was man zu ihr sagt. Egal also was Calvin über Ruby schreibt, sie fühlt und tut und sagt ganz genau das, was er schreibt. Wie also kann Calvin überhaupt wissen, ob Rubys Gefühle für ihn tatsächlich von Herzen kommen, wie man so schön sagt? An dieser Stelle macht der Film ein Problem jeder romantischen Paarliebe deutlich: Die Notwendigkeit, dem Partner die Aufrichtigkeit der eigenen Liebe, der eigenen Gefühle zu vermitteln. Wenn romantische Liebe, wie es der Soziologe Niklas Luhmann beschreibt, eine „Passion“ ist, also ein Seelenzustand, der von einem Besitz ergreift und unter dessen Einfluss man eben nicht anders kann, als sich nach einer anderen Person schrecklich zu sehnen, sie zu lieben, dann muss diese Passion glaubwürdig und aufrichtig zum Ausdruck gebracht werden. Denn der Partner kennt dieses Bild von der „Liebe als Passion“ ebenfall und erwartet dementsprechend, dass man die eigene Liebe in Übereinstimmung mit diesem Bild zum Ausdruck bringt – ganz genauso, wie man das wiederum selbst tun muss, um den Partner zu überzeugen. Liebe muss also aus einem selbst kommen, darf keinen anderen Grund haben als sich selbst, sonst wirkt sie nicht glaubwürdig.

Genau da liegt in „Ruby Sparks“ das Problem: Rubys Liebe zu Calvin entspringt eben nicht Rubys Herzen, sondern Calvins Schreibmaschine! „How do I know it’s real?“, fragt Calvin seinen Bruder, nachdem er Ruby mehrmals „umgeschrieben“ hat. Er hat inzwischen selbst gemerkt, dass er sich überhaupt nicht sicher sein kann, ob Rubys Gefühle für ihn – sei es Zuneigung oder Abscheu – „real“ sind. Für Calvins Bruder ist die Sache klar: „It’s not.“, beantwortet er die Frage, doch Calvin entgegnet, dass das nicht stimmt. Denn für ihn ist Ruby ja real. Er kann mit ihr reden, er kann sie berühren, er lebt seinen Alltag mit ihr zusammen. Doch nun, als sie ständig fröhlich ist, wird ihm klar, dass sie zugleich eben nicht real ist, weil sie zwar aus Fleisch und Blut vor ihm steht, ihr inneres Wesen und ihre Gefühle jedoch von ihm diktiert werden können. Ihre Liebe zu ihm kommt nicht aus ihr selbst, beruht auf keiner Passion. Ganz egal was Ruby sagt oder tut, die Aufrichtigkeit ihrer Liebe kann sie Calvin nicht vermitteln.

Calvin versucht also, sich wieder aus diesem Schlamassel heraus zu schreiben und schreibt, dass Ruby sich eben so fühlt, wie sie sich gerade fühlt. Also weder durchgehend fröhlich, noch in ständiger Sehnsucht nach ihm. Das Ergebnis sind extreme Stimmungsschwankungen Rubys, die ihm natürlich auch nicht passen. Kurz darauf trifft Calvin auf einer Party auf seine Ex-Freundin Lila (gespielt von Deborah Ann Woll, bekannt als Jessica aus „True Blood“), die zu ihm den schönen Satz sagt „The only person you wanted to be in a relationship with was you“. Genau das hat er ja mit Ruby nun erreicht, denn wie schon erwähnt: „She’s out of his mind.“

Nach der Party kommt es zu einem heftigen Streit zwischen Calvin und Ruby. „You don’t get to decide what I do!“, schreit Ruby Calvin an. „Wanna bet?“, entgegnet Calvin kühl und ich habe mir an dieser Stelle gedacht: Was für ein Arschloch! Denn was nun folgt, kann man sich denken… Ein anderer Gedanke kam mir übrigens auch noch: Wie unheimlich wäre diese Geschichte gewesen, wenn man sie nicht aus Calvins Perspektive erlebt hätte, sondern aus Rubys? Wenn der Film also von einer Person erzählt hätte, die allmählich dahinter kommt, dass mit ihrem Leben etwas nicht stimmt und schließlich heraus findet, dass sie die Realität gewordene Kreation eines Schriftstellers ist? Auf jeden Fall wäre es eine ganz andere Art von Film geworden.

Erneute Spoilerwarnung: Nun gehe ich auf das Ende des Films ein!!

„Ruby Sparks“ hat mir sehr gut gefallen. Großartige Schauspieler in allen Rollen und ein hervorragendes Drehbuch mit wunderbaren Dialogen – was will man mehr? Man kann den Film interpretieren als die Geschichte eines jungen Mannes, der eine psychische Krankheit überwindet. Das einzige, was mich ein wenig gestört hat, war die letzte Szene, in der Calvin – nachdem Ruby wieder verschwunden ist – ein reales Mädchen trifft, das haargenau wie Ruby aussieht. Das war mir ein bisschen zu märchenhaft. Es kann allerdings auch bedeuten, dass er immer noch verrückt ist und seine Krankheit noch nicht überwunden hat. Ich hätte den Film jedenfalls zwar ebenfalls mit dieser Szene enden lassen, das Mädchen aber von einer anderen Schauspielerin spielen lassen. Denn dass er wirklich seine Traumfrau trifft, das ist mir wie gesagt zu märchenhaft. Immerhin beschert uns der Film in dieser letzten Szene eine weitere wunderschöne Dialogzeile:

„Maybe we knew each other from another life. Or maybe we just go to the same coffee shop.“

Richard Linklaters „Before…“-Trilogie

Im folgenden Text werde ich auf die Handlung (einschließlich des jeweiligen Schlusses) von „Before Sunrise“ und „Before Sunset“ eingehen und außerdem weite Teile des dritten Films, „Before Midnight“, skizzieren. Wer also die ersten beiden Filme noch nicht kennt, sollte am besten gleich aufhören zu lesen und sich die DVDs ausleihen; wer sich nur in Bezug auf Teil drei nicht spoilern lassen möchte, der sollte nur die nächsten sechs Absätze lesen.

Mit „Before Sunrise“ gelang Richard Linklater 1995 das Kunststück, einen Film über die Liebe und das Leben zweier junger Menschen gedreht zu haben, der sich irgendwie tatsächlich wie das reale Leben anfühlt und kein bisschen wie kitschige Filmromantik. Als sich der 23-jährige Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die etwa gleichaltrige Französin Céline (Julie Delpy) auf einer Zugfahrt quer durch Europa kennen lernen und spontan beschließen, eine ganze Nacht lang zusammen durch Wien zu spazieren, da hatte das dank fantastisch geschriebener Dialoge und zweier wunderbarer Darsteller einerseits so gar nichts mit den Hollywood-Romanzen zu tun, die man sonst so aus dem Kino gewohnt war und war vielleicht gerade deshalb der romantischste, ehrlichste, gefühlvollste Liebesfilm von allen.

Als ich den Film vor ein paar Tagen nach langer Zeit wieder einmal angeschaut habe, habe ich es schon nach wenigen Minuten aufgegeben, mir die Stellen mit den besten Dialogen und Zitaten heraus zu schreiben. Linklater und seine Ko-Autorin Kim Krizan haben ein so perfektes Drehbuch geschrieben, in dem sich die einzelnen Sätze so gut zusammen fügen, dass man sich am besten gleich das ganze Drehbuch kaufen sollte, um ständig eine Quelle zum immer wieder Nachschlagen von Lebensweisheiten bereit liegen zu haben, die zudem immer wieder für kreative Inspirationsschübe sorgen kann. In Schriftform wären die Dialogie allerdings wohl nur noch halb so gut, wie im grandiosen Schauspiel von Hawke und Delpy. Bestes Beispiel dafür ist die Szene am Flipperautomaten gegen Ende des Films, in der die beiden sich von ihren Ex-Freunden bzw. Freundinnen erzählen, während sie sich mit dem Flippern abwechseln. Es ist einfach wunderbar anzusehen, wie Ethan Hawke die Energie, mit der er den Flipperautomaten bearbeitet, in sein Schauspiel überträgt.

Ein entscheidendes Merkmal des Films ist natürlich auch sein offenes Ende, das es jedem Zuschauer ermöglicht, die Geschichte für sich alleine weiter zu spinnen – werden die beiden sich tatsächlich in sechs Monaten wieder sehen, wie sie es ausgemacht haben? Werden sie sich überhaupt jemals wiedersehen? Trotz dieses offenen Endes war der Film damals nicht auf eine Fortsetzung hin ausgelegt, die dann 2004 auch ziemlich überraschend kam. In „Before Sunset“ treffen sich Céline und Jesse neun Jahre später in Paris wieder und verbringen etwa einen halben Tag zusammen. Wieder besteht der ganze Film eigentlich nur darin, dass sich hier zwei Personen unterhalten, aber wie nur wenige andere Autoren und Regisseure (Quentin Tarantino fällt einem da ein) versteht es Linklater, Szenen, in denen Menschen einfach nur miteinander reden, trotzdem hochspannend zu schreiben und inszenieren.

In zweiten Film sind Céline und Jesse Anfang 30 und haben sich seit der gemeinsam verbrachten Nacht vor neun Jahren nicht gesehen. Scheinbar mühelos gelingt es Linklater, Hawke und Delpy, die für ihr gemeinsam geschriebenes Drehbuch eine Oscarnominierung erhielten, den Zuschauer über die Dialoge über das Leben der beiden Figuren während dieser letzten neun Jahre zu informieren. Heute, im Zeitalter von Smartphones und Social Networks, ist es ja unvorstellbar, dass zwei Personen sich für so lange Zeit nicht nur aus den Augen verlieren können, sondern auch gar keine Möglichkeit haben, einander zu erreichen. Wenn sie damals in Wien doch nur Adressen ausgetauscht oder sich wenigstens ihre Nachnamen verraten hätten…

„Before Sunset“ wirkt ein klein wenig gehetzter und auch weniger unbeschwert als sein Vorgänger, was aber nur die Lebenssituation der beiden Figuren zu diesem Zeitpunkt widerspiegelt. Träume von jugendlicher Romantik haben Jesse und Céline weitgehend hinter sich gelassen, schon so manche Enttäuschung erlebt und vor allem auch in Liebesdingen die Routine des Alltagslebens kennen gelernt. So manchen Traum haben beide inzwischen begraben müssen, doch vor diesem Hintergrund ist die emotionale Öffnung der beiden nun umso intensiver, weil beide anfangs selbst nicht richtig wahrhaben wollen, dass ihre über die Jahre verdrängten und unterdrückten Gefühle immer noch da sind und nun ganz unvermittelt hervorbrechen. Wie sich dies im wunderbaren Schauspiel von Ethan Hawke und Julie Delpy in deren Körpersprache und Blicken zeigt, muss man einfach selbst gesehen haben.

Die dichten, aber nie überladenen und stets noch lebensnahen Dialoge, das fantastische Schauspiel und die mit 77 Minuten sehr kurze Laufzeit geben dem Film einen gut proportionierten Spannungsbogen, so dass die Zeit mit Céline und Jesse für den Zuschauer ebenso zu verfliegen scheint wie für die beiden Figuren im Film. Und dann ist da dieses Ende… Wie schon der erste Film hat auch dieser ein offenes Ende, nach dem sich jeder Zuschauer selbst ausmalen kann (und muss!), wie es weitergeht. Aber dieses Mal kommt das Ende so plötzlich und unerwartet, dass man es im ersten Moment gar nicht fassen kann. So ging es mir jedenfalls beim ersten Anschauen, ich fand es richtig unfair, dass jetzt schon und gerade an dieser Stelle, mitten in der Szene in Célines Wohnung Schluss sein sollte. Man hätte den Film auch noch zwanzig Minuten länger laufen lassen können, aber dann wäre vielleicht zu viel verraten worden und der Zuschauer hätte nicht mehr die Möglichkeit, sich selbst auszumalen wie es weitergehen könnte. „Before Sunset“ ist einer dieser Filme, bei denen man es nicht fassen kann, wenn plötzlich der Abspann beginnt, obwohl die Geschichte doch längst noch nicht vorbei zu sein scheint. Ich finde, es handelt sich hier um eines der besten Enden in der Geschichte des Films (und dass mich das Ende von Teil zwei so viel mehr beschäftig hat als das des ersten Films, liegt wohl vor allem daran, dass ich die beiden Filme vor einigen Jahren beide innerhalb weniger Tage zum ersten Mal gesehen habe und nicht neun Jahre auf die Fortsetzung warten musste).

Nachdem mich dieses fantastische Ende so zum Nachdenken gebracht hatte und ich mir meine eigenen Vorstellungen darüber gemacht hatte, wie die Geschichte von Jesse und Céline weitergehen würde, wollte ich eigentlich gar keine Fortsetzung mehr sehen! Denn wie auch immer ein dritter Teil auch aussehen mag, er deckt sich halt doch nicht mit den eigenen Vorstellungen. Und so ist es nun tatsächlich auch: in „Before Midnight“ geht die Geschichte anders weiter, als ich sie mir ausgemalt hatte. Und trotzdem ist der Film wieder phänomenal geworden, der nun erneut nach neun Jahren Abstand die Geschichte der beiden weiter erzählt.

Als ich zu Beginn des Films realisierte, dass Céline und Jessen seit dem letzten Film ein Paar sind, wollte ich es erst nicht glauben, da ich die Vorstellung hatte, die beiden würden sich nun alle neun Jahre in bester „Harry und Sally“-Manier wieder über den Weg laufen. Doch vom erzählerischen Standpunkt aus betrachtet macht es so natürlich mehr Sinn; ein Wiedersehen nach neun Jahren Pause wurde ja bereits im letzten Film erzählt. Dieses Mal geht es nicht mehr um romantische Jugendträume und Liebe auf den ersten Blick, auch nicht mehr um den möglichen Beginn einer gemeinsamen Zukunft. In „Berfore Midnight“ haben Jesse und Céline einen Teil dieser gemeinsamen Zukunft bereits hinter sich und die große Frage, die über diesem Film schwebt, lautet, ob diese gemeinsame Zukunft denn nun ihrem Ende entgegen geht.

Schauplatz ist diesmal keine europäische Hauptstadt, sondern die Landschaft Südgriechenlands, wo Jesse, Céline, ihre beiden knapp neunjähirgen Zwillingstöchter und Jesses Sohn aus erster Ehe gemeinsam einige Wochen Urlaub gemacht haben. Es ist der letzte Tag vor der Rückreise nach Paris, wo Jesse und Céline nun zusammen leben. Nachdem Jesse seinen Sohn, der zu seiner Mutter nach Amerika zurückkehrt, zum Flughafen gebracht hat, werden wir Zeuge einer Autofahrt. Und was für eine Szene das ist! Während die beiden kleinen Töchter auf dem Rücksitz schlafen, erfährt man aus dem Gespräch zwischen Jesse und Céline alles Wesentliche über ihre Beziehung während der vergangenen neun Jahre. Dabei fühlen sich die Dialoge nie wie bloße Exposition an, sondern fließen ganz natürlich dahin – eine erneute Meisterleistung von Linklater, Hawke und Delpy (das Drehbuch haben die drei wieder gemeinsam verfasst).

Im Anschluss daran folgen ein paar Szenen, in denen einige Nebencharaktere auftauchen, denen hier mehr Raum gegeben wird, als dies in den vorherigen Filmen der Fall war. Das empfand ich zunächst als störend, weil mich andere Figuren hier ganz einfach nicht interessieren. Allerdings nehmen diese Szenen nur einen kleinen Teil der Laufzeit ein und es handelt sich bei „Before Midnight“ sowieso um den längsten der drei Filme, es bleibt also noch genügend Zeit, in der der Zuschauer mit Jesse und Céline alleine ist. Schauspielerisch legen Delpy und Hawke hier noch einmal eins drauf, arbeiten ein noch größeres Spektrum an Gefühlen in noch größerer Intensität ab und verlangen damit auch dem Zuschauer einiges ab. Die lange Szene im Hotelzimmer am Ende des Films lässt einen ziemlich geplättet zurück (und hat bei mir Erinnerungen an Linklaters „Tape“ geweckt, in dem sich ebenfalls Ethawn Hawke in einem Hotelzimmer streitet – allerdings mit Uma Thurman).

Zum Glück folgt auf diese äußerst intensive Szene im Hotel noch eine kurze weitere, die wieder ein bisschen versöhnlich stimmt und die Wogen glättet. Geklärt ist die Zukunft von Céline und Jesse damit aber noch längst nicht, das Ende ist wieder mal ein offenes. So offen wie die Enden der ersten beiden Filme scheint es allerdings nicht zu sein, ganz einfach weil die Lebenssituation der Figuren nun schon wesentlich festgefahrener ist (dafür ist aber dieses Mal der letzte Satz des Films einer der besten letzten Sätze der Filmgeschichte!). Mit 23 ist noch fast alles möglich; mit 41, nach einer langjährigen Beziehung mit zwei gemeinsamen Kindern scheint die weitere Zukunft schon viel mehr vorherbestimmt. Werden Céline und Jesse also zusammenbleiben? Werden sie sich trennen (um womöglich nach einigen Jahren wieder zu einander zu finden)? Die Fortsetzung findet im Kopf eines jeden Zuschauers statt.

Wenn man diese drei Filme – „Before Sunrise“, „Before Sunset“ und „Before Midnight“ – im Abstand einiger Jahre sieht, dann wird einem das eigene Älterwerden und das Vergehen der Jahre bewusst. Als ich die ersten beiden Film vor einigen Jahren zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich noch eindeutig mit Jesse und Céline aus dem ersten Teil identifiziert, als beide Anfang zwanzig waren. Als ich die beiden Filme letzte Woche zur Vorbereitung auf Teil drei noch einmal angesehen habe, kamen mir die 23jährigen Figuren aus „Before Sunrise“ auf einmal so jung vor! Altersmäßig bin ich inzwischen fast bei den Figuren aus Teil zwei angelangt und fühle mich ihnen zumindest in einigen Aspekten näher als ihren jüngeren Alter Egos. Ich bin schon gespannt, inwiefern ich „Before Midnight“ in einigen Jahren mit anderen Augen sehen werde – noch mehr aber darauf, Jesse und Céline 2022 im Kino wieder zu treffen, wenn hoffentlich in einem vierten Film nach weiteren neun Jahren die Geschichte der dann 50jährigen Figuren weiter erzählt wird.

„Before Midnight“ startet am 6. Juni in den deutschen Kinos.