„Michael Jackson – Man in the Music“ von Joseph Vogel

Eigentlich soll es hier ja – zumindest dem momentanen Untertitel des Blogs zufolge – in erster Linie um alles gehen, was mit Film und Kino zu tun hat. Eine weitere meiner großen Leidenschaften ist jedoch Michael Jackson, und weil 2011 ein wirklich großartiges Buch über Michael Jacksons Musik erschienen ist, widme ich diesem Buch nun einen Blogpost.

„Man in the Music“ stammt von dem US-Journalisten Joseph Vogel, der unter anderem für die Huffington Post und den Atlantic schreibt und für dieses Buch bereits 2005 mit den Recherchen begonnen hat. Es handelt sich also keinesfalls um eines jener Werke, mit denen nun nach dem Tod Jacksons abkassiert werden soll. Vogel hat in den letzten Jahren auf seiner Website und in zahlreichen anderen Veröffentlichungen immer wieder sein fundiertes Wissen rund um Michael Jackson im Speziellen und um die Popmusik und -kultur im Allgemeinen unter Beweis gestellt.

Man in the Music

Copyright Bild: Sterling Publishing

Das Besondere an „Man in the Music“ ist, dass es das bislang einzige Werk ist, welches sich ausschließlich und ausführlich mit Michael Jacksons Kunst auseinandersetzt. Es stellt also keine Biographie im Sinne einer Nacherzählung von Jacksons Leben dar, sondern konzentriert sich voll und ganz auf seine Musik, seine Auftritte und seine Musikvideos. Im Zentrum stehen dabei die Soloalben, die Jackson als Erwachsener zwischen 1979 und 2001 veröffentlich hat und denen Vogel jeweils einen eigenen Essay widmet. Dazu kommt noch eine ausführliche Einleitung, eine Betrachtung Jacksons letzter Lebensjahre (ebenfalls unter dem Gesichtspunkt seines kreativen Schaffens während dieser Zeit) sowie eine Besprechung des 2010 erschienen Albums „Michael“. Am Anfang des Buches merkt Vogel an, dass er beim Beginn seiner Recherchen sehr verwundert war, wie wenig Literatur damals über Michael Jackson als Künstler vorhanden war. Seine Motivation war also, einen detaillierten Überblick über Michael Jacksons Werk zu geben und dieses in den zeitgeschichtlichen und kulturellen Kontext einzuordnen. Vogel hatte sogar vor, Jackson 2009 in London während seines dortigen Aufenthalts für die „This is it“-Konzertreihe zu interviewen. Man kann sich nur vorstellen, um wie viel detailreicher das Buch mit solchen Informationen aus erster Hand noch geworden wäre, schließlich wurde Jackson niemals detailliert zu seiner Kunst befragt. Darüber kann man heute nur verständnislos den Kopf schütteln, doch zu seinen Lebzeiten waren die Medien allgemein, aber auch die wenigen Journalisten, denen er längere Interviews gab, eben mehr an anderen Aspekten seiner Person interessiert, von denen die meisten im Rückblick weit weniger bedeutend sind, als sie es damals zu sein schienen.  Doch auch ohne direkte Beteiligung Jacksons ist aus „Man in the Music“ ein tiefgehendes Werk geworden, das zahlreiche neue Einsichten liefert (zumal Vogel ausführliche Interviews mit  mehreren Produzenten, Musikern und Studiotechnikern geführt hat, die mit Jackson zusammengearbeitet haben).

Im der Einführung geht Vogel auf Jacksons Reifung zum Tänzer, Sänger, Entertainer und Songwriter ein; er nennt Jacksons Einflüsse und Vorbilder (James Brown, Stevie Wonder,…) und legt Jacksons Sichtweise dar, wonach gute Songs weder „schwarz“ noch „weiß“ sind, sondern jede Person erreichen können sollen, unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe oder was auch immer. Interessant ist unter anderem die Darstellung von Jacksons Gesang als „jenseits von Sprache“: durch verschiedene Laute (Schluchzen, Stöhnen, Schreien,…) erzeugte der Sänger in seinen Liedern immer wieder Emotionen und Stimmungen, die zum Teil mit Worten gar nicht erreichbar gewesen wären. Auch dass Michael Jackson wesentlich mehr war als nur einfach ein Sänger und Tänzer, beton Vogel immer wieder. So beschreibt er zum Beispiel, welch genaue Vorstellungen Jackson hatte, sobald er die Melodie für einen neuen Song im Kopf hatte und wie detailversessen er während der gesamten Produktionsphase dann in allen Aspekten – Arrangements, Background-Gesang, Instrumentalsoli,… – seine eigenen Vorstellungen umgesetzt sehen wollte.

Besonders gefällt mir an Vogels Buch, dass auch Jacksons spätere Alben (also alles nach „Thriller“, ganz besonders „HIStory“, die fünf neuen Songs auf „Blood On The Dance Floor“ und „Invincible“) eine ernsthafte Würdigung und Einordnung erfahren. Zu Jacksons Lebzeiten gelang es ja leider fast keinem Autoren, an der Person und Mediengestalt Michael Jackson vorbei auf das Werk zu blicken. Vogel tut dies und er macht unmissverständlich klar, dass auch unter Jacksons späteren Liedern einige Meisterwerke sind, die sich durchaus mit den Songs der Thriller-Ära messen lassen können, ja dass Jackson sich sogar als Songschreiber und Künstler im Laufe seiner Karriere weiterentwickelt und zahlreiche neue musikalische Einflüsse (z.B. HipHop) aufgenommen und in seinem Werk verarbeitet hat. Zugleich arbeitet Vogel sehr schön die Themen heraus, die sich wie ein roter Faden durch Jacksons Gesamtwerk ziehen. Darunter befindet sich zum Beispiel die Sorge um die Zukunft unseres Planeten und die Hoffnung, Veränderungen in Gang setzen zu können. Weitere solcher Themen sind die „femme fatale“ (Frauen sowohl als Faszination wie auch als gefährliche Versuchung) in Liedern wie „Billie Jean“, „Dirty Diana“, „Blood On The Dance Floor“ oder „Dangerous“ oder Jacksons Vorliebe für Gothic-Elemente und Horror (Jackson war ein großer Verehrer von Edgar Allen Poe), die natürlich in „Thriller“ zum Ausdruck kommt, aber auch in späteren Liedern wie „Ghosts“, „Is It Scary“ oder „Threatened“.  Als übergreifendes Thema im Werk Jacksons macht Vogel eine grundlegende Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand der Welt aus, sowie den daraus folgenden Versuch, mit Hilfe der Musik eine Fluchtmöglichkeit zu bieten, einen Ausweg, eine Befreiung – aber natürlich auch Hoffnung zu geben und die Menschen zum Nachdenken und Handeln anzuregen.

Im Anschluss an jeden der Essays zu den verschiedenen Alben bespricht Vogel die einzelnen Songs im Detail und fördert dabei zum Teil wirklich neue Bedeutungen und Einsichten zutage, auf die man vorher noch gar nicht gekommen ist (z.B. findet er auch in einigen von Jacksons vermeintlich seichteren Dancetracks eine erstaunliche thematische und textliche Tiefe). Bei all seinen Analysen bezieht er immer wieder auch die Sicht der Medien und der Öffentlichkeit auf Jackson vor dessen Tod mit ein, als Rezensionen seiner Alben sich oftmals in Adjektiven wie „oberflächlich“ oder „größenwahnsinnig“ erschöpften. Gerade dieser Vergleich zwischen der damaligen Sicht der meisten Autoren und der heutigen Perspektive ist es, der einem bewusst macht, wie wenig Wertschätzung Jacksons „spätere“ Lieder und Videos zu seinen Lebzeiten erfahren haben. Ob sein Buch zu einer ebenso großen Huldigung geworden wäre, wenn Jackson noch am Leben wäre, kann natürlich nicht beantwortet werden. Doch Vogel trägt seine Ansichten mit einer solchen Überzeugung vor, dass ich mir durchaus vorstellen kann, dass er beispielsweise „They Don’t Care About Us“ auch dann einen der  wichtigsten Protestsongs der Neunziger nennen würde, wenn alle anderen sich weiterhin nur für Jacksons operierte Nase interessieren würden. Dass er zudem im Zusammenhang mit Michael Jacksons Talent als SongTEXTschreiber einen Vergleich zu Rilke zieht und die Ballade „Stranger In Moscow“ in eine Reihe mit dem Beatles-Stück „A Day In The Life“ stellt, zeigt noch mehr, welchen hohen kulturellen Stellenwert er Jacksons Werk beimisst (nicht zu Unrecht, wie ich finde).

„Man in the Music“ ist wirklich nicht nur für eingefleischte Jackson-Fans interessant (obwohl es auch für die noch haufenweise Neues bietet, was so noch nie geschrieben wurde). Jeder, der sich für Popmusik, für Popkultur im 20. Jahrhundert interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Zwar gibt es inzwischen mehrere Bücher, die sich mit Michael Jacksons Kunst auseinandersetzen (und dabei unterschiedliche Ansätze wählen), doch kein anderes Werk stellt Jacksons Musik so sehr in den Mittelpunkt und beschäftigt sich gleichzeitig so detailliert und vor dem Hintergrund ausführlicher Recherchen damit. Einige kleine Fehler haben sich leider in das Buch eingeschlichen, fallen aber zum Glück kaum ins Gewicht (so behauptet Vogel beispielsweise an einer Stelle, Jackson, der 1958 geboren wurde, habe 1999 seinen 40. Geburtstag gefeiert). Ich hätte mir allerdings an einigen Stellen tatsächlich noch mehr Tiefgang gewünscht. Vogel bezieht nämlich bei der Interpretation der einzelnen Lieder manchmal deren Videos und Performances mit ein, manchmal aber auch nicht bzw. kaum. Aber ich warte mal zuversichtlich auf die nächste Auflage des Buches.

Leider ist das Buch bislang nur auf Englisch erschienen; ich hoffe aber, dass es sich im Laufe der Jahre als eines der Standardwerke zu Michael Jackson etablieren wird und auch in anderen Sprachen erscheint. Neben „Man In The Music“ sind von Joseph Vogel zwei weitere Bücher über Michael Jackson erschienen:  In „Earth Song – Inside Michael Jackson’s Magnum Opus“ erzählt er auf gut 100 Seiten die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des vielleicht besten und wichtigsten Jackson-Songs (die zweite, aktualisierte Auflage des Buches ist Ende 2012 erschienen; allerdings ist sie nicht ganz fehlerfrei und unterschlägt die „Wetten, dass…?“-Performance des Songs völlig, worauf ich Joseph Vogel aber schon aufmerksam gemacht habe). „Featuring Michael Jackson“ fasst mehrere von Vogels zahlreichen Zeitungsartikeln und weiteren Veröffentlichungen über Michael Jackson in einem Band zusammen – beispielsweise seine persönliche Liste der zehn besten Jackson-Songs. Einige Texte finden sich auch auf Vogels Website (zusammen mit einer ständig wachsenden Liste an weiterer Literatur zum Thema). Wer also einen Einblick in Vogels Beiträge zu den „Michael Jackson Studies“ bekommen möchte, kann dort mit dem Lesen beginnen. Viel Spaß!

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