DOK.fest München – Filme aus China

Das DOK.fest in München läuft noch bis zum Sonntag und ich werde zumindest heute und morgen noch ein paar Filme sehen. Auch in den letzten Tagen war ich fast jeden Tag auf dem Festival und habe zufälligerweise – ohne einen bewussten Schwerpunkt zu setzen – drei Filme aus der Reihe „DOK.guest“, die dieses Jahr dem Gastland China gewidmet ist, gesehen.

Little People Big Dreams

Copyright: DOK.fest München / Little People Big Dreams

Der erste davon war „Little People Big Dreams“. Darin geht es um einen Vergnügungsparkt namens „Dwarves Empire“, in dem kleinwüchsige Menschen wie in einem Zoo von Touristen bestaunt werden können. In China gebe es in etwa so viele körperlich behinderte Menschen, wie die Bundesrepublik Deutschland Einwohner hat, erklärt vor Filmbeginn eine Mitarbeiterin des DOK.fest. Einige von ihnen haben im Dwarves Empire Arbeit und leben unter ihresgleichen. Tagsüber liefern sie den Parkbesuchern eine lustige Show ab, Märchenkostüme und einstudierte Choreographien inklusive. Sie werden begafft, fotografiert und bekommen Fragen gestellt, die einem bei anderen Menschen gar nicht einfallen würden. Der Park bietet ihnen ein Zuhause und ein geregeltes Einkommen. Doch das ist natürlich nur die eine Seite. Die andere ist, dass hier Menschen zu Attraktionen eines Vergnügunsparks degradiert werden.

„Little People Big Dreams“ ist ein hoch interessanter Film, dem es gelingt, einen differenzierten Blick auf ein befremdlich erscheinendes Phänomen zu werfen. Der Film begleitet mehrere der kleinwüchsigen Angestellten des Parks über einen längeren Zeitraum, ohne dabei jedoch eine Wertung abzugegeben. Dabei zeigt sich, dass das „Dwarves Empire“ für seine Mitarbeiter Fluch oder Segen – oder auch beides zugleich – sein kann. Einige von ihnen fühlen sich darin zumindest eine Zeit lang durchaus wohl, weil sie unter ihresgleichen sind und sich wenigstens in ihrer Freizeit keine Sorgen über Ausgrenzung und Diskriminierung machen zu müssen. Doch das tägliche zur Schau stellen ihres Andersseins wird für einige zur seelischen Belastung und sie versuchen, aus dem Gewerbe auszusteigen – nicht immer mit Erfolg. Der Film zeichnet von ihnen allen ein Bild als Menschen mit gewöhnlichen menschlichen Sorgen und Sehnsüchten. Er reduziert sie nicht allein auf ihre Kleinwüchsigkeit, wodurch hier differenzierte Portraits der einzelnen Personen und damit ein interessanter Einblick in ein zugleich abstoßendes wie faszinierendes Phänomen entstehen. (Übrigens gab es bis in die 1970er Jahre auch in Deutschland eine „Liliputaner-Stadt“, in der kleinwüchsige Menschen bestaunt werden konnten. Im Süddeutsche Zeitung Magazin ist darüber 2013 ein interessanter Artikel erschienen.)

The Last Moose in Aoluguya

Copyright: DOK.fest München / The Last Moose in Aoluguya

Um eine weitere chinesische Randgruppe geht es in „The Last Moose in Aoluguya“. Die Minderheit der Rentier-Ewenken lebt im Nordosten Chinas. Eigentlich handelt es sich um einen Nomadenstamm, der jedoch von der Regierung in feste Camps umgesiedelt wurde. Damit jedoch hat man ihnen einen Großteil ihrer kulturellen Identität genommen: Die Jagd und die Rentierzucht. So jedenfalls steht es in der Inhaltsbeschreibung des Films auf der DOK.fest-Website. Der Film von Gu Tao gibt seinen Zuschauern leider kaum Informationen über diese Ausgangssituation. Man versteht durchaus schnell, dass hier etwas nicht stimmt. Der im Film portraitierte Weijia ist die meiste Zeit über betrunken und erst als seine Mutter ihm per Internetanzeige eine Freundin verschafft, beginnt er aus dem Kreislauf aus Trinken und Nichtstun auszubrechen. Ich hätte von dem Film allerdings mehr gehabt, wenn er nicht nur aus unkommentierten Aufnahmen bestanden hätte. Ein paar einleitende Worte oder ein erklärendes Voice Over hier und da hätten dem Zuschauer die nötigen Informationen liefern können, um das Gesehene einzuordnen. Der bei der Vorführung anwesenede Kameramann erledigte das für die anwesenden Zuschauer, doch der Film selbst bleibt ein wenig bruchstückhaft, wenn man mit der Materie nicht vertraut ist (und wer ist das schon?).

„The Last Moose in Aoluguya“ ist der dritte Teil einer Trilogie, für die der Regisseur über acht Jahre lang bei den Ewenki gelebt und gefilmt hat. Ohne Zweifel handelt es sich bei dem Film um eine herausragende Leistung, man muss allerdings einiges an Geduld und Konzentration aufbringen, um hier bei der Sache zu bleiben. Hoch interessant fand ich übrigens die Anmerkungen der Produzentin im an die Vorführung anschließenden Publikumsgespräch. Darin erläuterte sie, dass der Film auf einem Festival in China hätte gezeigt werden sollen, die Vorführung aber kurzfristig verboten wurde, weil die im Film an der Regierung geübte Kritik wohl nicht erwünscht war. Daraufhin strich man die Vorführungszeiten des Films im Programmheft des Festivals einfach durch. Die Festivalbesucher wurden auf diese Weise trotz des Verbots auf den Film aufmerksam gemacht. Für alle Interessierten wurden „private Vorstellungen“ organisiert, d.h. Vorführungen vor weniger als 50 Zuschauern, die nicht offiziell angemeldet werden müssen. Auf diese Weise konnte der Film also doch gezeigt und das Verbot umgangen werden.

The Iron Ministry

Copyright: DOK.fest München / The Iron Ministry

Bei „The Iron Ministry“, den ich gestern gesehen habe, handelt es sich zweifellos um einen der Höhepunkte des diesjährigen DOK.fest. Der Film von John Paul Sniadecki zeigt eine Zugfahrt durch China. Genau genommen wurde hier von 2011 bis 2013 in verschiedenen Zügen gefilmt, doch das spielt keine große Rolle. Die Kamera fängt den ganzen Film über des Geschehen im Inneren eines Zuges ein. Das bedeutet: Viele Menschen auf vergleichsweise engem Raum, die sich für mehrere Stunden nicht aus dem Weg gehen können. Den ganzen Film über hört man im Hintergrund das Rattern des Zuges, viel interessanter sind aber natürlich die Interaktionen zwischen den Fahrgästen, die man hier belauschen kann. Sie vertreiben sich die Zeit mit Essen, Schlafen und Unterhaltungen. Das klingt banal, ist aber hoch interessant (zumindest für mich als studierten Soziologen). Denn wie nebenbei erfährt man aus den Gesprächen so einiges über das moderne China. Ein junger Mann sagt, im Mittleren Osten könne es drunter und drüber gehen, China bleibe aber doch immer stabil. Ein anderer dagegen überlegt sich, aus China auszuwandern, wenn sich im Land nichts ändert.

In diesem Fall fand ich es überhaupt nicht störend, dass die Aufnahmen vollkommen unkommentiert gezeigt wurden. Im Gegenteil, das machte das Erlebnis nur noch unmittelbarer. Man fühlt sich tatsächlich mittendrin, als ein weiterer Fahrgast auf der Reise durch China. Einmal versucht der Kameramann, in ein anderes Abteil des Zuges vorzudringen, woran er jedoch gehindert wird. „Hier dürfen Sie nicht filmen. Machen Sie die Kamea aus.“, heißt es (und da musste ich an „Snowpiercer“ denken, jenen anderen Film, in dem anhand des Mikrokosmos Eisenbahn eine ganze Gesellschaft nachgezeichnet wird). „The Iron Ministry“ erzählt allein durch die aufgenommenen Gespräche und Situationen eine ganze Menge über das heutige China und ist hoch spannendes Kino.

Alle drei Filme werden jeweils noch einmal auf dem DOK.fest gezeigt:
„Little People Big Dreams“ am Freitag, 15.05. um 20:00 Uhr im Rio 1, „The Last Moose in Aoluguya“ am Samstag, 16.05. um 20:00 Uhr im Museum Fünf Kontinente und „The Iron Ministry“ am Samstag, 16.05. um 20:00 Uhr im Filmmuseum. Weitere Informationen gibt es auf der Website des DOK.fest.

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