Babylon 5 – Episode 1.01 „Midnight On The Firing Line“

Mein „Babylon 5“-Rewatch geht endlich weiter bzw. geht jetzt erst richtig los. Nachdem ich letztes Jahr einen (wie ich sogar selbst finde) sehr guten Überblicksartikel über die Serie geschrieben habe (ohne Spoiler!) und kurz darauf einen ziemlich unübersichtlichen Blogpost über den Pilotfilm verfasst habe, mache ich nun mit der ersten regulären Serienfolge weiter.
Bevor ich dazu komme will ich aber wie in den letzten Posts erst noch auf ein paar Neuigkeiten aus dem „Babylon 5“-Fandom hinweisen:

Aktuelles aus dem „Babylon 5“-Universum

Im Januar fand in Houston die Space City Con statt, auf der zahlreiche „Babylon 5“-Darsteller anwesend waren. Nach der Reunion des „Babylon 5“-Casts auf der Phoenix Comic Con 2013 zum 20. Jubiläum der Serie war dies das zweite große Zusammentreffen zahlreicher B5-Darsteller auf einer Convention innerhalb weniger Monate. Leider war Serienschöpfer J. Michael Straczynski (JMS) dieses Mal nicht anwesend, er ließ es sich aber nicht nehmen, einen Brief an die Fans zu schreiben, den Bruce Boxleitner auf der Con vorlas. Das Video ist sehr zu empfehlen, es hat mich sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken gebracht, wie es bei Texten aus JMS‘ Feder eben oft der Fall ist.
Auch die „Free Babylon 5“-Bewegung war auf der Convention vertreten. Ihr Ziel ist es, „Babylon 5“ in den USA, aber auch im Rest der Welt wieder ins Fernsehen zu bringen, um die Serie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und auch den Verantwortlichen bei Warner Bros. klar zu machen, dass nach wie vor eine große Fanbasis für die Serie da ist. Auf der Convention gab es ein eigenes „Free Babylon 5“-Panel,
auf dem darüber diskutiert wurde, wie man diese Ziele am besten erreichen könnte. Deutsche Fans können beispielsweise Emails an Pro Sieben schreiben und darum bitten, die Serie dort wieder ins Programm zu nehmen. So weit ich weiß, läuft sie nämlich auch hierzulande zurzeit nicht im Fernsehen. (Hier habe ich noch einen aktuellen Artikel gefunden, in dem 10 Science Fiction/Fantasy-Serien aufgelistet werden, die eine Blu ray-Veröffentlichung verdient hätten. Natürlich ist „Babylon 5“ auch dabei.)
Ein Video des Panels mit allen anwesenden Darstellern von der Space City Con gibt es hier; zudem habe ich gerade noch ein zweiteiliges Video der Fragerunde mit den Darstellern Peter Jurasik (Londo) und Stephen Furst (Vir) gefunden (hier und hier). Diese drei Videos habe ich selbst noch nicht angeschaut, kann also nichts über deren Inhalt und Qualität sagen. Es scheint sich aber um die auf Conventions üblichen Fragerunden zu handeln, wo die Darsteller die oft längst bekannten, aber immer wieder amüsanten Anekdoten erzählen.

Das „Babylon 5“-Jubiläum zieht sich über zwei Jahre hin – im Februar 2013 hatte der Pilotfilm seinen 20. Geburtstag, die Serie selbst startete aber fast ein Jahr nach dem Film, am 26.01.1994. Damit dürfen wir dieses Jahr also erneut feiern. Zap2It hat ein Interview mit JMS geführt, in dem er unter anderem über den Einfluss von „Babylon 5“ auf nachfolgende Serien spricht. Im zweiten Teil des Interviews verrät er ein paar Details zu seiner neuen Serie „Sense8“, an der er zusammen mit Andy und Lana Wachowski („The Matrix“, „Cloud Atlas“) arbeitet. Die erste Staffel soll dieses Jahr unter anderem in Berlin gedreht werden und die Serie dann spätestens Anfang 2015 in den USA bei Netflix zu sehen sein. Ich bin schon sehr gespannt, denn das Konzept der Serie hört sich wirklich interessant und ambitioniert an – und bei entsprechendem Erfolg soll auch „Sense8“ wieder fünf Jahre lang laufen, genau wie „Babylon 5“ damals.

Und weil das hier ja ein „Babylon 5“-Rewatch ist weise ich kurz noch auf zwei andere Personen hin, die ebenfalls ihre Eindrücke über die Serie im Internet festgehalten haben: Die „Katie watches Babylon 5“-Videos hat sich sogar JMS persönlich angeschaut; darin spricht Katie, die die Serie zum ersten Mal anschaut, nach dem Anschauen jeder Episode ihre Eindrücke in die Kamera. Hier gibt es das Video, in dem sie über die ersten fünf Folgen spricht. Auch Ivanova-Darstellerin Claudia Christian hat sich 2009 vorgenommen, die Serie, in der sie eine Hauptrolle gespielt hat, endlich auch mal selbst Folge für Folge anzuschauen. Ihren ersten Blogpost dazu findet Ihr hier. Weil sie zwischenzeitlich eine Pause eingelegt hat, ist sie inzwischen erst bei der dritten Staffel angelangt, aber sie guckt und bloggt jedenfalls fleißig weiter – so wie ich das hoffentlich auch tun werde. Deshalb geht es jetzt auch zügig weiter mit der ersten „Babylon 5“-Folge…

Episode 1.01 „Midnight On The Firing Line“ („Ragesh 3“)

Drehbuch: J. Michael Straczynski, Regie: Richard Compton
Erstausstrahlung: 26.01.1994 (USA), 06.08.1995 (Deutschland)

Größere Spoiler will ich im Verlauf des Rewatches vermeiden, damit sich das hier auch all diejenigen durchlesen können, die die Serie zum ersten Mal sehen.

Die erste Staffel trägt den Titel „Signs and Portents“ – hier werfen also noch kommende Ereignisse ihre Schatten voraus, ohne dass man dies unbedingt beim ersten Anschauen erkennen muss. Diese allererste Folge hat die Aufgabe, fast alle wichtigen Charaktere der Serie noch einmal im Schnelldurchlauf einzuführen, da sie ja bei ihrer Erstausstrahlung fast ein Jahr nach dem Pilotfilm gesendet worden ist. Das gelingt überraschend gut, allerdings muss man gut aufpassen und darf keine Dialogzeile verpassen, wenn man auch wirklich all wichtigen Informationen über die verschiedenen Figuren, Völker und ihre Beziehungen zueinander mitkriegen möchte. JMS ist es gelungen, all diese Informationen in einer spannenden Geschichte unterzubringen. Die Dialoge tranportieren eine große Menge an neuen und wichtigen Informationen, wirken aber fast nie wie bloße Exposition.

Die Haupthandlung der Episode dreht sich um den Narn-Angriff auf eine zivile Forschungseinrichtung der Centauri auf dem Planeten Ragesh 3. Für den Centauri-Botschafter Londo Mollari (großartig: Peter Jurasik) handelt es sich dabei um eine sehr persönliche Angelenheit, da sein Neffe Carn auf Ragesh 3 arbeitet. Neuigkeiten über mögliche Opfer des Angriffs erreichen Babylon 5 zunächst nicht, doch für Londo steht fest, dass er Vergeltung an den Narn üben will, falls Carn umgekommen sein sollte. „Only one thing matters, Commander, blood.“, erklärt er Sinclair. Commander Sinclair (Michael O’Hare) will zunächst um jeden Preis den Frieden bewahren und zwischen den Narn und den Centauri vermitteln, genau darin besteht ja seine Aufgabe und die Funktion von Babylon 5 überhaupt.
Als Londo erfährt, dass der Angriff für seine eigene Regierung so unwichtig ist, dass diese nichts dagegen unternehmen will, ist er maßlos enttäuscht und seine Wut wird noch größer. Die Szene, in der er in seinem Quartier seinem armen Assistenten Vir (Stephen Furst) seine ganze Wut entgegen schreit, ist großartig und ein erstes Beispiel für Peter Jurasiks brillantes Schauspiel. Nachdem der Beweis erbracht worden ist, dass die Narn für den Angriff verantwortlich sind, befürwortet Sinclair eine militärische Intervention, um die überlebenden Zivilisten auf Ragesh 3 zu retten. Doch auch die Erdregierung möchte sich aufgrund der stattfindenden Wahlen lieber aus der Sache heraus halten. Mit einem Trick setzt sich Sinclair aber darüber hinweg und lässt Ivanova bei der Ratsversammlung für eine Intervention stimmen.
Auch Londo plant, sich über die Entscheidung seiner eigenen Regierung hinweg zu setzen, und zwar einzig aufgrund seiner persönlichen Rachsucht. Als sein Plan nicht aufgeht, versucht er stattdessen, den Narn-Botschafter G’Kar (Andreas Katsulas) umzubringen, auf den sich sein ganzer Hass konzentriert. Zum Glück kann Sicherheitschef Michael Garibaldi (Jerry Doyle) dies verhindern.
Die B-Story dreht sich um die Angriffe der Raiders (so eine Art Weltraumpiraten) auf Transportschiffe. Als Garibaldi herausfindet, dass der nächste Angriff auch hier einem mit Zivilisten besetzten Raumschiff droht, versucht er dies zu verhindern, was ihm mit Sinclairs Hilfe gelingt. Zum ersten von vielen Malen begibt sich Sinclair hier persönlich ins Gefecht, obwohl er auch seine Untergebenen schicken könnte.
Sogar eine C-Story gibt es noch: Die neue Telepathin Talia Winters (Andrea Thompson) versucht sich den Richtlinien entsprechend bei Lt. Commander Ivanova (Claudia Christian) zu melden, doch Ivanova geht ihr immer wieder aus dem Weg oder weist sie unhöflich ab. In einer emotionalen Szene am Schluss der Episode erfahren wir den Grund für Susan Ivanovas Abneigung gegen Telepathen und deren Organisation, das Psi Corps.

„Midnight On The Firing Line“ ist eine spannende Auftaktepisode, die voll gepackt ist mit wichtigen Informationen und welche die (zum Teil neuen) Figuren noch einmal im Schnelldurchlauf vorstellt. Vor allem die Hintergrundgeschichten und Persönlichkeiten von Londo, G’Kar, Ivanova und Sinclair werden hier beleuchtet, doch in den folgenden Episoden kommen auch die übrigen Hauptcharaktere zum Zug (und einige neue werden noch vorgestellt). Auch die Funktion der Raumstation Babylon 5 an sich wird hier etabliert. Wie sagt es Sinclair es in der Titelsequenz der ersten Staffel so schön: „The Babylon Project was a dream given form. Its goal: to prevent another war by creating a place where humans and aliens could work out their differences peacefully. It’s a port of call – home away from home – for diplomats, hustlers, entrepreneurs, and wanderers. Humans and aliens wrapped in two million five hundred thousand tons of spinning metal… all alone in the night. It can be a dangerous place, but it’s our last best hope for peace.“
Dass Babylon 5 seine Aufgabe, den Frieden zu bewahren nicht immer wird erfüllen können, dürfte kein größerer Spoiler sein. Vor allem die hier etablierte Feindschaft zwischen Londo und G’Kar, die stellvertretend für die Feindschaft zwischen ihren beiden Völkern steht, legt in dieser Hinsicht den Grundstein für weitere Entwicklungen…

Highlight der Episode: Die Szene im Quartier des Vorlonen-Botschafters Kosh! Bereits im Pilotfilm ist Kosh als äußerst mysteriöse Figure eingeführt worden; niemand weiß genau wie ein Vorlone aussieht und was für ein Wesen sich unter diesem Schutzanzug versteckt. Als Sinclair Koshs Quartier im Alien-Sektor betritt, befindet sich Kosh gerade nicht in seinem Anzug, sondern hinter einer Art Raumteiler. Er ist nur als ein grelles Leuchten erkennbar – was ist er also? Ein körperloses Energiewesen?

Londo/G’Kar-Moment (Da die „Babylon 5“-Saga zu einem erheblichen Teil die Geschichte von Londo und G’Kar ist und beide zu meinen Lieblingsfiguren gehören, habe ich beschlossen, diese Kategorie einzuführen.): In dieser ersten Episode ist der Londo/G’Kar-Moment ganz klar die Konfrontation der beiden im Zocalo – voller Hass und Wut giften sich die beiden an und müssen schließlich von Sicherheitskräften zurück gehalten werden. Es wird nicht die letzte Konfrontation zwischen ihnen bleiben…

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie – den großen „story arc“ – wichtig sind, erhalten wir in dieser ersten Episode (da dies die erste Episode ist, ist diese Liste ziemlich lang):

  • Der Krieg zwischen den Menschen und den Minbari und liegt zehn Jahre zurück. Sinclair hat im Krieg als Kampfpilot gekämpft und immer noch großen Respekt vor den Minbari.
  • Auf der Erde finden während dieser Episode Präsidentschaftswahlen statt; am Ende der Folge steht fest, dass Luis Santiago zum neuen Präsidenten der Erdallianz gewählt worden ist.
  • Zwischen den Narn und den Centauri herrscht eine Jahrhunderte alte Feindschaft, die sich darauf gründet, dass die Centauri den Heimatplaneten der Narn lange Zeit besetzt, die Narn versklavt und die ganze Welt verwüstet haben.
  • Als Repräsentanten dieser beiden Völker auf Babylon 5 dienen die Botschafter G’Kar und Londo Mollari, die sich hassen wie die Pest. Londo erzählt Commander Sinclair davon, dass er einen wiederkehrenden Traum hat, in dem er und G’Kar sich als alte Männer gegenseitig umbringen.
  • Menschliche Telepathen müssen entweder dem Psi Corps beitreten, wo sie unter anderem lernen, ihre Fähigkeiten unter Kontrolle zu halten, um nicht die Privatsphäre anderer Personen zu verletzen oder für den Rest ihres Lebens Medikamente einnehmen, die ihre Fähigkeiten unterdrücken. Wer sich für keine dieser Möglichkeiten entscheiden will, kommt ins Gefängnis.
  • Susan Ivanova ist neu auf der Station. Sie ist als Stellvertreterin Sinclairs die Nachfolgerin von Laurel Takashima, die wir im Pilotfilm gesehen haben. Susans Mutter war eine Telepathin, die sich weigerte, dem Psi Corps beizutreten. Die Medikamente, die sie deswegen zu nehmen gezwungen war, hatten starke Nebenwirkungen. Susans Mutter verfiel in Depressionen und brachte sich im Alter von 45 Jahren um.
  • Neben Ivanova werden in dieser Folge weitere neue Figuren des Stamm-Casts eingeführt: Vir Cotto ist der Assistent von Londo Mollari; Talia Winters tritt als auf der Station stationierte Telepathin die Nachfolge von Lyta Alexander an, die nach den Ereignissen im Pilotfilm zurück auf die Erde versetzt wurde (was allerdings in dieser Folge nicht erwähnt wird). Talia wird von Susan Ivanova anfangs schroff zurückgewiesen, doch ihre Beziehung wird sich im Lauf der Zeit wandeln…

Sonstige Fragen: Warum sitzt eigentlich Londos Assistent Vir in der Ratsszene zwischen den anderen Mitgliedern der der Liga blockfreien Welten? Die Centauri sind doch nicht Mitglied der Liga und haben ihren eigenen Sitz im Rat, vertreten durch Londo Mollari. Auch ein Narn ist auf den Liga-Plätzen zu sehen, für ihn gilt dasselbe.

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten: Zwar handelt es sich hier um die erste Episode in der Handlung von „Babylon 5“, „Midnight On The Firing Line“ ist aber die vierte Episode, die gedreht wurde. Das Aussehen einiger Aliens wurde für die Serie überarbeitet. Die Masken von G’Kar und ganz besonders Delenn sahen im Pilotfilm noch anders aus. Delenns Gesicht wirkt nun viel weicher und femininer (auf den Grund für diese Umgestaltung kann ich noch nicht eingehen, ohne massiv zu spoilern).
Außerdem noch ein Fakt, der nichts mit dieser Folge an sich zu tun hat, den ich aber sehr interessant finde: Jane Killick schreibt in ihrem Episodenführer zur ersten Staffel („Babylon 5 – Signs and Portents“), dass „Babylon 5“ um ein Haar eine deutsche Koproduktion geworden wäre! Der NDR habe angeblich ernsthaftes Interesse am Konzept der Serie bekundet und einen Teil der Finanzierung übernehmen wollen. Letztendlich kam das aber doch nicht zustande und außer in dem erwähnten Buch habe ich davon auch noch nie gelesen, ich weiß also nicht ob diese Behauptung der Wahrheit entspricht.

Zitate:
Ivanova über den Präsidentschaftskandidaten Luis Santiago: „I do not like Santiago. I’ve always thought that a leader should have a strong chin. He has no chin, and his vice president has several. This, to me, is not a good combination.“

Kosh: „They are alone. They are a dying people. We should let them pass.“
Sinclair: „Who? The Narn or the Centauri?“
Kosh: „Yes.“

Kommentare sind sehr willkommen!!

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.02 „Soul Hunter“

Werbeanzeigen

Cloud Atlas

Vor kurzem habe ich wieder einmal einen Film nachgeholt, den ich letztes Jahr verpasst habe: „Cloud Atlas“. Dass ich ihn verpasst habe, stimmt allerdings nicht ganz, denn ich habe ihn bewusst nicht im Kino gesehen, weil ich erst die Buchvorlage von David Mitchell lesen und danach den Film anschauen wollte. Mit dem Buch bin ich Anfang des Jahres fertig geworden, der Film lief aber leider nicht mehr im Kino, so dass ich erst auf das Erscheinen der Blu-ray warten musste.

David Mitchells Buch „Cloud Atlas“ einfach als Roman zu bezeichnen, scheint schon fast untertrieben. Der Autor hat sich dabei nämlich an nichts Geringerem versucht, als in einer allumfassenden, allgemeingültigen Geschichte aufzuzeigen, wie die Handlungen einer jeden Einzelperson für die Entwicklung der gesamten Menschheit von Bedeutung sein können und wie diese Handlungen weit über den direkten Wirkungsbereich des Einzelnen hinaus reichen – auch in der Zeitdimension. Dies sind jedenfalls aus meiner Sichtweise die Haupthemen des Buches. Je nach Sichtweise und Interpretation nimmt die in „Cloud Atlas“ erzählte Geschichte philoshophische bis esoterische Züge an und ist mit der für die Verfilmung kreierten Tagline „Alles ist verbunden“ zwar korrekt, aber natürlich auch nur äußerst knapp umschrieben.

Mitchell erzählt in „Cloud Atlas“ zumindest auf den ersten Blick sechs vollkommen unterschiedliche Geschichten, die alle zu unterschiedlichen Zeiten spielen (vom 19. Jahrhundert bis hin in eine apokalyptische Zukunft, in der weite Teile der menschlichen Zivilisation zusammen gebrochen sind). Die ersten fünf Geschichten werden jeweils mitten in der Handlung unterbrochen (eine sogar mitten im Satz!), dann folgt die in der Mitte des Buches angeordnete Endzeit-Geschichte, bevor die ersten fünf Erzählungen in umgekehrter Reihenfolge zu Ende erzählt werden. Daraus ergibt sich ein symmetrischer Aufbau des Buches. Zusätzlich folgen die einzelnen Erzählstränge in ihrem Aufbau jeweils noch einer eigenen literarischen Form; bei der das Buch beginnenden und abschließenden Erzählung handelt es sich beispielsweise um ein Tagebuch, es folgen unter anderem ein Briefroman, ein Thriller und ein Interview.

Von der den Film begleitenden Werbekampagne wurde man letztes Jahr immer wieder darauf hingewiesen, dass hier Halle Berry, Tom Hanks und andere Darsteller jeweils (zum Teil bis zu sechs) verschiedene Rollen spielen. Als etwa Hanks und Berry im November auf der „Wetten dass…?“-Couch saßen, wurden in einem kurzen Video-Einspieler ihre verschiedenen Figuren in den unterschiedlichen Masken und Verkleidungen gezeigt, der eigentliche Inhalt des Films wurde jedoch mit keinem Satz thematisiert. Aber wie auch? All jenen Fernsehzuschauern, die keine eingefleischten Kinofans sind und noch nie von diesem Film gehört haben, die Handlung erklären zu wollen, würde wohl eher eine abschreckende als werbewirksame Wirkung haben. Und es ist wohl kein Wunder, dass der Film im Kino als Flop zu verbuchen war, nachdem man nicht in der Lage war, seinen Inhalt anders als über den Hinweis auf Tom Hanks in verschiedenen Masken und die alles- und nichtssagende Zeile „Alles ist verbunden“ zu vermitteln.

Auch unter denjenigen, die sich dann tatsächlich eine Karte gekauft haben, dürften sich recht viele bereits nach zehn Minuten gefragt haben, worum es denn bitteschön in diesem Film eigentlich geht und was diese scheinbar durcheinander ablaufenden, völlig unterschiedlichen Geschichten miteinander zu tun haben. Und warum in allen Tom Hanks auftaucht. Übrigens hat wohl auch der überlange – nämlich achtminütige – Trailer, der im Vorfeld im Internet veröffentlicht wurde, zwar wohl diejenigen, die sich sowieso schon für „Cloud Atlas“ interessiert hatten, neugieriger gemacht, aber viele weitere Zuschauer dürfte man mit dieser Marketingmaßnahme nicht überzeugt oder auch nur erreicht haben. Ein achtminütiger Trailer – das allein klingt doch schon anstrengend und kompliziert, dabei war die Absicht doch, einen Einblick in die Geschichte zu geben und zu zeigen, dass die dem Film zugrunde liegenden Gedanken zwar tiefgründig, aber eigentlich ganz einfach sind. Aber der Aufbau der Geschichte bringt es nun einmal mit sich, dass sich eine kurze Zusammenfassung des Films wie auch des Buchs nach einem fürchterlich schwierigen Werk anhören muss. Was für ein Dilemma!

Mir als großem Filmfan war all das zum Glück egal, ich habe den Trailer in voller Länge gesehen und wie gesagt vor dem Anschauen des Films extra das Buch gelesen, war also auf einen komplexen Film vorbereitet (ich war sogar ziemlich gehypet, nachdem „Babylon 5“-Schöpfer J. Michael Straczynski, auf dessen Meinung ich sehr viel gebe, den Film in den höchsten Tönen gelobt hatte). Nachdem ich „Cloud Atlas“ nun einmal gesehen habe, weiß ich zwar noch nicht, ob er auch für mich das Meisterwerk darstellt, als das ihn manche seiner Bewunderer bezeichnen. Ein großartiger Film ist es aber allemal.

Die Entscheidunge, fast alle Darsteller mehrere unterschiedliche Rollen spielen zu lassen, ist insofern nachvollziehbar, als es in den verschiedenen Handlungssträngen ja immer wieder um die selben Themen geht und die handelnden Figuren vor ähnliche Entscheidungen gestellt werden. Natürlich bildet bei der Interpretation der Geschichte die Idee der Reinkarnation ein naheliegendes Konzept (welches nie explizit angesprochen wird), doch man muss die verschiedenen, jeweils vom selben Darsteller gespielten Figuren nicht unbedingt als Wiedergeburten derselben Seele oder was auch immer ansehen. Dass man in jeder der Episoden die Gesichter von Tom Hanks und Halle Berry wieder findet, macht auch ohne das Reinkarnationskonzep Sinn, da es die Ähnlichkeiten zwischen den Handlungssträngen betont und zeigt, dass einzelne Individuen zu allen Zeiten immer wieder für die gleichen Ideale kämpfen müssen. Die Masken und Verkleidungen sind wirklich großartig, führen aber leider auch dazu, dass man ein ganzes Stück lang fast zu sehr damit beschäftigt ist, in jeder der sechs Geschichten alle Schauspieler zu identifizieren und so von der Handlung abgelenkt ist. Nicht immer sind die Schauspieler nämlich sofort zu erkennen (z.B. wenn Hugh Grants einen Stammeskrieger spielt, dessen Gesicht unter aufwändigen Bemalungen verborgen ist).

Mit dem Anspruch, David Mitchells Roman in einen knapp dreistündigen Film packen zu wollen, haben sich die Filmemacher hier wahrlich keinen Gefallen getan. Aus dem Stoff hätte man ohne Probleme auch einen Mehrteiler fürs Fernsehen machen können. Auch ein Episodenfilm mit konventionellerem Aufbau, bei dem die sechs Handlungsstränge einfach nacheinander erzählt werden, wäre sicherlich naheliegend gewesen. Höchstwahrscheinlich hätte aber unter der letzteren Variante die Botschaft des Films gelitten, denn die große Stärke von „Cloud Atlas“ ist es gerade, dass durch die ineinander verwobenen Geschichten, die quasi gleichzeitig erzählt werden, deren Parallelen hervortreten und vielleicht sogar deutlicher werden, als nach dem einmaligen Lesen des Buches. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber der Film ist tatsächlich auf eine Weise zusammengeschnitten, die einen nie den Faden verlieren lässt. Man kann allen sechs Geschichten ohne größere Probleme folgen (zumindest konnte ich das, mit dem Roman im Hinterkopf), selbst als die Wechsel zwischen ihnen zum Ende des Films in immer kürzerem Abstand erfolgen. Vielleicht liegt das daran, dass die Filmemacher den Film beim Schnitt als eine einzige, durchgehende Geschichte betrachtet haben und nicht als aus sechs unterschiedlichen Geschichten zusammengesetzt. Besonders positiv ist mir übrigens der Tonschnitt aufgefallen, denn gerade auf akustischer Ebene werden die einzelnen Segmente sehr gut miteinander verbunden und plötzliche Übergänge „kaschiert“, sowohl durch Musik als auch durch Soundeffekte (z.B. wenn das Geräusch eines galoppierenden Pferdes in das Rattern eines Zuges überblendet wird).

Nicht nur beim Schnitt, sondern ganz generell ist es notwendig, „Cloud Atlas“ als eine Geschichite zu betrachten. Alles ist verbunden – so banal sich dieser Satz auch anhören mag, man muss ihn erst einmal verinnerlicht und seine wirkliche Bedeutung verstanden haben: dass jede Handlung eines jeden Einzelnen weitreichende Folgen haben kann und jede Person die Chance hat, die Welt in der wir leben, aktiv mit zu gestalten. (Ich muss gerade an eine Szene aus dem „Making of“ zu Ridley Scotts „Blade Runner“ denken: Dort erzählt Scott, wie er den „money people“ vom Studio die Einhornszene seines Films zu erklären versucht. Seine Erklärung erschöpft sich weitgehend in einem Satz: „If you don’t get it, what’s the point in me explaining it?“ – Ich kann mir vorstellen, dass die Wachowskis und Tykwer zunächst in ähnlich verständnislose Gesichter geblickt haben wie Scott, als sie den Studiobossen ihren Film und ihr Konzept dazu zu erklären versucht haben.) Der Film fügt dem Roman jedenfalls nicht einfach nur ein paar beeindruckende Bilder hinzu, sondern hilft einem auch, dessen Themen und Motive besser zu verstehen, die man nach einmaligem Lesen vielleicht nicht alle bewusst wahrgenommen hat.

Insgesamt hat mir „Cloud Atlas“ also sehr gut gefallen, wobei ich mir nicht sicher bin, wie weit ich der Handlung hätte folgen können, ohne vorher den Roman gelesen zu haben. Ein paar Kritikpunkte habe ich aber auch. So sah zum Beispiel das Alters-Makeup nicht besonders überzeugend aus und war sofort als Maske erkennbar. Weiterhin hatte Susan Sarandon zwar auch in mehreren der Handlungsstränge jeweils eine Rolle, aber keine davon ist mir besonders in Erinnerung geblieben, was schade ist, da ich Sarandon sehr mag. Ach ja, dann ist da noch Halle Berry…zu ihr habe ich bislang noch in keinem Film eine enge emotionale Beziehung aufbauen können, ich mag sie als Schauspielerin einfach nicht (ihre mit dem Oscar ausgezeichnete Performance in „Monster’s Ball“ habe ich allerdings noch nicht gesehen). Zugegeben, da können die Filmemacher nichts dafür. Noch mehr gestört hat mich aber die Musik des Films, die unter anderem von Tom Tykwer selbst geschrieben wurde (er wurde dafür sogar für einen Golden Globe nominiert). Sie war zwar irgendwie nett und die Stimmung unterstreichend, aber bei einem Film von solcher epischer Breite erwarte ich dann doch etwas viel Pompöseres als Tykwers belangloses Gedudel. Da hätte mal ein klassischer John Williams-Score gut getan, um den Film nochmal in eine ganz andere Sphäre zu heben.

Trotz dieser Schwächen ist „Cloud Atlas“ aber durchaus ein gelungener und vor allem optisch beeindruckender Film. Es ist schade, dass er im Kino gefloppt ist, aber ich bin überzeugt davon, dass er – ganz ähnlich wie der bereits erwähnte „Blade Runner“ – im Laufe der Jahre seine Fans finden wird. Denn die Botschaften des Buches wie des Films sind tatsächlich sehr wichtige. Kleine, scheinbar unbedeutende Ereignisse können für die weitere Entwicklung der ganzen Menschheit von Bedeutung sein und so kann jeder Einzelne dazu seinen Beitrag leisten. Oftmals lässt sich das erst nach langer Zeit erkennen, der kurzfristige Blick reicht dafür nicht aus. Aber genau diesen Blick wollen David Mitchell, Andy und Lana Wachowski und Tom Tykwer verändern und ihr Publikum für größere Zusammenhänge sensibilisieren. Wer weiß schon, was die eigenen Handlungen für Auswirkungen haben werden? Im Film führen die Entscheidungen eines einzelnen Arbeiterklons zu weitreichenden Veränderungen und genau jener Klon – das Mädchen Sonmi~451 ~ wird Jahrhunderte später als Göttin verehrt. „My life extends far beyond the limitations of me“, erklärt der junge Komponist Robert Frobisher (Ben Wishaw) in einem der anderen Handlungsstränge und genau diese Einsicht ist es, die meiner Meinung nach notwendig ist, um viele der Probleme und Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, zu meistern. Kurzfristiges, egoistisches Denken und der Blick auf den schnellen (wirtschaftlichen) Erfolg muss ersetzt werden durch einen umfassenderen Denk- und Erfahrungshorizont. Denn genau wie im Film hat auch in der Realität jede Handlung eines jeden Einzelnen weit reichende Konsequenzen für den ganzen Planeten, auch wenn sie für sich allein genommen vielleicht unbedeutend erscheinen mag. Eine achtlos weggeworfene, aber tatsächlich hochgiftige Zigarettenkippe kann durch Wind und Regen über Abwasserkanäle und Flüsse ins Meer gelangen und dabei zahlreiche Meereslebewesen töten. Ein für 4,95 gekauftes T-Shirt wurde in Bangladesch von schlecht bezahlten Näherinnnen unter schlimmsten Bedingungen hergestellt. Mit unseren Entscheidungen und Handlungen tragen wir dazu bei, die Zukunft unserer Welt mitzugestalten – und dabei sind es auch und gerade solche alltäglichen, scheinbar bedeutungslosen Dinge, die fatale Auswirkungen haben können.

„Alles ist verbunden.“ Dieser Satz klingt simpel und erscheint banal, aber ich bin überzeugt davon, dass die hinter ihm stehenden Bedeutungen, die der Film und das Buch transportieren, hochbrisant sind. Früher oder später wird die Menschheit hoffentlich erkennen, dass der Horizont eines einzelnen Menschenlebens zu klein ist, um die Entwicklung unserer Welt und Zukunft im Blick zu haben und dass wir in größeren Zeitabschnitten denken müssen. „Cloud Atlas“ zeigt in jedem seiner sechs Handlungsstränge Personen, die sich über ihre eigenen Grenzen hinwegsetzen müssen, deren Weltbild erschüttert wird, die vor weit reichende Entscheidungen gestellt werden und schließlich versuchen, auch gegen Widerstand Veränderungen durchzusetzen. Auf diese Weise wird hier exemplarisch verdeutlicht, wie gesellschaftlicher Wandel durch Erlebnisse und Entscheidungen Einzelner in Gang gesetzt werden kann. Zum Beispiel, wenn ein junger Seefahrer, dessen Leben von einem schwarzen Sklaven gerettet wird, sich später der noch kleinen Gruppe an Gegnern der Sklaverei anschließt und auf diese Weise dazu beiträgt, die Sklaverei abzuschaffen. Solche Entwicklungen und Veränderungen sind oft größer als wir selbst, größer als der Erfahrungs- und Wirkungshorizont einer Einzelperson. Aber auch wenn einzelne Menschen sterben, können sie doch zu ihren Lebzeiten wichtige Veränderungen in Gang setzen, die auch nach ihrem Tod weiter wirken.

If you don’t get it, what’s the point in me explaining it….. 😉