Susan Fast: Dangerous (Buchrezension)

Ich habe bereits mehrmals über Michael Jackson geschrieben (z.B. hier und hier) und nun ist es mal wieder an der Zeit. Im letzten Jahr ist ein fantastisches neues Buch erschienen, das ich hier besprechen will. Jackson musste anscheinend leider wirklich erst sterben, bevor sich die akademische Welt ernsthaft mit ihm zu beschäftigen begann. Inzwischen gibt es tatsächlich so etwas wie die „Michael Jackson Studies“ und es erscheinen immer mehr wissenschaftliche Aufsätze und Sachbücher über Jackson, seine Kunst, sein Leben und den Einfluss, den er auf die Welt hatte und hat. Weil Mainstream-Künstler ihre Kunst meistens nun mal kaum zu erklären pflegen und weil es sich eben um Mainstream-/Popkultur handelt, wird ihnen oft jegliche künstlerische Tiefe abgesprochen und in ihrem Werk nur oberflächliches Entertainment gesehen. Dass es George Lucas dabei ähnlich geht wie Michael Jackson, dazu habe ich zumindest schon begonnen zu schreiben; interessanterweise scheint auch die ernste wissenschaftliche Beschäftigung mit George Lucas‘ Werk allmählich Fahrt aufzunehmen, nun da er seine Firma verkauft und sich von „Star Wars“ distanziert hat (diesen wirklich phänomenalen Artikel über die Erzählstruktur der sechs „Star Wars“-Filme kann ich jedem Interessierten wirklich nur empfehlen; ich werde vielleicht auch darüber mal bloggen). Einer der wenigen Künstler, denen es anders zu gehen scheint, ist Joss Whedon – die „Buffy Studies“ haben sich längst als wissenschaftliches Feld innerhalb der Cultural Studies etabliert.

Aber zurück zu Michael Jackson. Eines der ersten Bücher, die sein Werk in den Vordergrund stellten und einer ernsthaften Analyse unterzogen, war vor ein paar Jahren Joseph Vogels „Man in the Music“. Darin wurden Jacksons Alben und Lieder besprochen. Susan Fast, Professorin für Cultural Studies an der kanadischen McMaster Universität, hat nun ein Buch vorgelegt, in dem es nur um ein einziges Album von Michael Jackson geht, noch dazu um sein (wie ich finde) bestes: „Dangerous“. Streng genommen handelt es sich um ein kleinformatiges Büchlein mit nur 150 Seiten; die Länge war leider durch den Rahmen der „33 1/3“-Serie vorgegeben, als deren 100. Band das Buch erschienen ist. Jeder Band dieser Serie bespricht ein Musikalbum und unter 100 Büchern darf natürlich auch eines über den King of Pop nicht fehlen. Doch nicht „Thriller“ oder „Off The Wall“ wurden dafür ausgewählt, sondern eben „Dangerous“, bei dessen Veröffentlichung Jacksons Musik von den Kritikern längst als bedeutungsloser Kommerz abgetan wurde.

Susan Fast sieht das anders und bezeichnet „Dangerous“ als Michael Jacksons „coming of age album“, das weit mehr biete als „shiny, happy pop music“. Inhaltlich handle es sich sehr wohl um ein äußerst komplexes Werk, schreibt sie in der Einleitung: „[Dangerous is] about losing oneself to desire, about the state of the world, systematic racism, loneliness, the search for redemption and community.“ Sie bezeichnet das Album als Konzeptalbum, das aus mehreren Gruppen von jeweils thematisch zusammengehörigen Liedern besteht. Jedes der folgenden Kapitel behandelt eine dieser Gruppen.

Im ersten Kapitel, „Noise“, beschäftigt sie sich unter anderem mit dem Aspekt, dass Jackson beginnend mit „Dangerous“ auf seinen Alben verstärkt nicht-musikalische Geräusche verwendete (tatsächlich beginnt das Album mit einem davon, dem Bersten von Glas). Die ersten beiden Lieder, „Jam“ und „Why You Wanna Trip On Me“ seien politische Songs, wenn ihre politische Botschaft auch nicht so klar und direkt sei, wie beispielsweise im Hip-Hop. Als erstes Lied des Albums stehe „Jam“ programmatisch für eine von dessen wichtigsten Botschaften: Ganz egal wie schlimm der Zustand der Welt auch sein mag, er ist niemals zu schlimm, um kreativ zu sein. Weiter schreibt Fast: „Jamming can be taken as a metaphor in this context for coming together to create anything in a positive way.“ In diesem Kontext ließen sich auch alle folgenden Songs auf dem Album lesen. Nicht zum letzten Mal verweist die Autorin hier auch darauf, dass Jackson sich seiner schwarzen Wurzeln sehr wohl bewusst gewesen sei und keineswegs versucht habe, sie zu leugnen (wie ihm ebenfalls oft vorgeworfen wurde). Der Einsatz seiner Stimme bei „Jam“ sei nur eines von vielen Beispielen dafür auf „Dangerous“ und der Song „a full-on tribute to James Brown“.

Das zweite Kapitel, „Desire“, behandelt die nächsten vier Lieder und beginnt mit Fasts Festsellung, dass Jackson für viele seiner Fans zwar ein Sexsymbol gewesen sei (und immer noch ist), aber die Medien 1991, dem Jahr der Veröffentlichung von „Dangerous“, längst ein anderes Bild von Jackson zeichneten, demzufolge er ein Freak sei, der sein Gesicht zerstört habe und dessen teilweise stark sexualisierte Darstellungen auf der Bühne und in seinen Kurzfilmen unglaubwürdig oder lächerlich seien. Der Grund dafür, wie Fast herausarbeitet, sei der gewesen, dass Jackson zu dieser Zeit selbst als „dangerous“ wahrgenommen wurde, ganz einfach, weil er soziale Normen überschritt und sich außerhalb konventioneller sozialer Kategorien positioniert hatte: „[A] huge part of his politics is not only that he transgressed social norms, but that his transgressions cannot be easily read.“ Während man Avantgarde-Künstler für derartige Grenzüberschreitungen feiern würde, führten sie bei Jackson nur zu Unverständnis und Abwehrreaktionen. Er war ein schwarzer Mann, der irgendwann weiß aussah. Sein Gesicht und sein Körper wiesen 1991 sowohl typisch männliche als auch typisch weibliche äußere Erkennungsmerkmale auf. Zu den Personen, die er als seine Familie und Freunde bezeichnete, gehörten unter anderem Kinder, eine alternde Hollywood-Diva, ja sogar Tiere. Man könnte die Liste noch viel weiter fortsetzen. Ihm seine Sexualität abzusprechen, diente nur dem Ziel, überhaupt irgendwie mit ihm umgehen zu können:

„[D]enying [his sexual energy] and his masculinity […] works to contain his complex gendered and sexualized self and to police the boundaries of what can be considered desirable, sexy, and masculine. It erases the beautiful conundrum. But it also makes him safer.“

Im dritten Kapitel namens „Utopia“ kommt Susan Fast zum formellen wie thematischen Mittelpunkt des Albums, den Liedern „Heal The World“ und „Black Or White“. Gleichzeitig handelt es sich dabei auch um einen Wendepunkt, wie sie schreibt, denn zu den ersten sechs „noisy“ Liedern, die von den Problemen dieser Welt und „desires of the flesh and heart“ handeln, stellt „Heal The World“ einen starken Kontrast dar, klanglich wie inhaltlich. Jackson betonte oft, dass er mit seinen Liedern und Auftritten den Menschen eine Flucht aus dem Alltag bieten wollte und wurde leider genau dafür häufig kritisiert. Tatsächlich ist aber genau dies eine wichtige Funktion von Kunst, wie Fast darlegt:

„[Moments of relief] are not about abdicating responsibility […], but about creating in both body and mind the space to imagine different or possible worlds. Escaping might mean feeling a different way, changing your body chemistry, momentarily stepping into love, euphoria, bliss, empathy, a strong sense of community – or anger, fear, hurt.“

Die Tracks 9 bis 12 des Albums werden in Kapitel vier, „Soul“, besprochen. Fast bezeichnet sie als „the heart and sould of the record“ und versucht unter anderem zu ergründen, warum Jackson dabei gleich drei Lieder über Verzweiflung und Einsamkeit direkt hintereinander platzierte. Auch geht sie erneut darauf ein, wie er sich in „Will You Be There“ und „Keep The Faith“ erneut ganz deutlich schwarzen Traditionen zuwendet.

Es folgt schließlich noch eine „Coda“, die sich mit den letzten beiden Songs auf dem Album beschäftigt. Nach der traurigen Ballade „Gone Too Soon“, die stilistisch erneut vollkommen anders ist als alles vorhergehende, kommt das Album mit seinem Titelsong „Dangerous“ zum Abschluss und kehrt gleichzeitig zu seinem Anfang zurück, nämlich zum von Teddy Riley produzierten „noise“ der ersten Stücke. „Dangerous is a monumental album.“, fasst Fast abschließend zusammen. Damit hat sie recht und es ist erfreulich, dass gerade dieses Album als erstes für eine ausführliche Betrachtung in Buchform ausgewählt worden ist. Neben den hier erwähnten Themen arbeitet Fast noch weitere heraus und bezieht zudem auch einige der Musikvideos und Auftritte Jacksons in ihre Analyse mit ein. Ebenso anaylisiert sie das von Mark Ryden gezeichnete Cover des Albums.

Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite hoch interessant und dicht mit Informationen und Analyseergebnissen vollgepackt. Leider ist es allerdings, wie eingangs erwähnt, etwas kurz geraten. Einige der Songs fallen bei der Analyse unter den Tisch: „She Drives Me Wild“, „Can’t Let Her Get Away“ und „Gone Too Soon“ wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die Musikvideos finden leider nicht alle Berücksichtigung (die Kurzfilme zu „Who Is It“ und „Give In To Me“ finde sie nicht besonders interessant, schreibt Fast und analysiert sie deswegen nicht). Von diesen Auslassungen abgesehen ist das Buch aber hervorragend gelungen; jeder Fan, der sich für eine ernsthafte Analyse von Jacksons Werk interessiert (und der englischen Sprache mächtig ist) wird es in kürzester Zeit verschlungen haben. Ich habe es jedenfalls schon zweimal gelesen und hoffe, dass es nicht die letzte Veröffentlichung der Autorin zum Thema Michael Jackson bleiben wird.

Im sehr lesenswerten Blog „Dancing with the elephant“ gibt es ein Gespräch mit Susan Fast über ihr Buch zum Nachlesen. Eine deutsche Übersetzung dieses Gesprächs gibt es im Blog „all4Michael“, wo offenbar auch die Kapitel des Buches nach und nach ins Deutsche übersetzt werden. Zuletzt noch der Hinweis auf einen neuen Podcast: „The MJCast“ wird sich regelmäßig mit Themen rund um den King of Pop beschäftigen. Bislang habe ich nur die einleitende „Episode 000“ gehört, hoffe aber auf einen unterhaltsamen, lehrreichen und spannenden Podcast.

„The Band Wagon“ / „Vorhang auf!“ – Inspirationsquelle für Michael Jackson

Gerade eben habe ich Vincente Minellis Film „The Band Wagon“ („Vorhang auf!) gesehen. Als großer Michael Jackson-Fan habe ich mir den Film vor allem deswegen ausgeliehen, weil Willa Stillwater in ihrem wirklich sehr, sehr empfehlenswerten Buch „M Poetica: Michael Jackson’s Art of Connection and Defiance“ auf die inhaltlichen wie themtischen Parallelen zwischen dem Film und Michael Jacksons Kurzfilmen eingeht (so weit ich weiß, ist das Buch bislang leider nur als ebook für den Kindle erhältlich). Über das Buch werde ich irgendwann auch mal ausführlicher bloggen müssen, aber erst einmal muss ich es zu Ende lesen… Willa Stillwater betreibt zusammen mit Joie Collins übrigens den Blog „Dancing with the Elephant„, wo die beiden regelmäßig ausführliche Diskussionen über Michael Jacksons Videos, Auftritte und andere Aspekte seines Lebens und Schaffens posten. Genau wie das Buch kann ich dieses Blog allen Jackson-Fans, die der englischen Sprache mächtig sind und sich intensiv mit Jacksons Werk und dessen Interpretation auseinander setzen wollen, sehr empfehlen!

Aber zurück zu „The Band Wagon“: Der Film stammt aus dem Jahr 1953 und Regisseur Vincente Minelli war der Vater von Liza Minelli, die ja mit Michael Jackson sehr gut befreundet war. Ich habe mir den Film wie gesagt angesehen, weil ich wissen wollte, durch welche seiner Elemente sich Michael Jackson für seine Videos und Auftritte hat inspirieren lassen. In „M Poetica“ geht Stillwater vor allem auf thematische Elemente ein, die im Film vorkommen und sich auch in Jacksons Lebenswerk und seiner Philosophie als Künstler finden lassen. Aber davon abgesehen gibt es natürlich auch ganz offensichtliche Einflüsse, die sofort deutlich werden, wenn man mit Jacksons Kurzfilmen und Performances vertraut ist und sich die 12minütige „Girl Hunt“-Schlusssequenz des Films anschaut, die ich zum Glück in voller Länge auf YouTube gefunden habe:

Dass Michael Jackson ein großer Fan alter Filmmusicals und ein Verehrer Fred Astaires war, wusste ich ja schon lange. Aber „The Band Wagon“ muss ja geradezu einer seiner Lieblingsfilme gewesen sein! Hier erkennt man eindeutige Vorlagen für die Videos zu „Billie Jean“, „Smooth Criminal“, „You Rock My World“ und auch zu „Bad“ (der Hintergrund mit der U-Bahn-Station). Außerdem muss man als Jackson-Fan natürlich auch an die „Dangerous“-Performance denken und Erinnerungen an den „Moonwalker“-Film werden ebenfalls wach (schließlich kommt auch dort ein Mr. Big als Bösewicht vor). Die Zeilen „She came at me in sections … she was bad, she was dangerous“ hat Jackson zudem fast eins zu eins in „Dangerous“ übernommen.

Ich werde mir diese Sequenz (und den ganzen Film) noch einmal anschauen müssen und dabei weiter auf Elemente achten, die Michael Jackson inspiriert haben oder die er vielleicht auch ganz direkt in einen seiner Kurzfilme übernommen hat. Es ist doch immer wieder interessant zu erfahren, dass auch Meisterwerke wie „Smooth Criminal“ nicht einfach aus dem Nichts entstanden sind, sondern gewissermaßen „Vorfahren“ haben.

Hier zum Vergleich ein paar der erwähnten Jackson-Videos/Performances: