Big Little Lies

Fernsehen ist das neue Kino. So oder ähnlich wissen wir das ja schon lange. Während im Kino sich seit Jahren die immer gleichen Superhelden in den immer gleichen Comic-Filmen die Köpfe einschlagen, bringen uns HBO, Netflix, Showtime, Amazon usw. Jahr für Jahr neue, aufregende Serien und Mehrteiler. So auch „Big Little Lies“, eine siebenteilige Mini-Serie, die auf dem gleichnamigen Roman von Liane Moriarty basiert und von David E. Kelley fürs Fernsehen adaptiert wurde, dem wir schon Serien-Hits wie „Picket Fences“, „Ally McBeal“ oder „Boston Legal“ verdanken. Regie hat bei allen Episoden Jean-Marc Vallée geführt, der bisher vor allem für von Kritikern und Preisverleihungen gelobtes Kino wie „The Young Victoria“, „Dallas Buyers Club“ oder „Wild“ zuständig war. „Big Little Lies“ wurde mit Emmys und Golden Globes überhäuft und obwohl die Serie als einmaliges Event geplant gewesen war, wird momentan doch eine zweite Staffel gedreht, in der nun sogar Meryl Streep mitspielt.

Dabei mangelt es schon der ersten Staffel wahrlich nicht an Hollywood-Stars. Die drei Hauptrollen spielen nämlich Nicole Kidman, Reese Witherspoon und Shailene Woodley (letztere kennt man vom Kino her vor allem aus der „Divergent“-Trilogie, aus „The Descendants“ oder „Snowden“). Noch namhafter hätte man die Serie wohl nur besetzen können, wenn man Jennifer Lawrence statt Shailene Woodley gecastet hätte. 😉 Diese drei Schauspielerinnen spielen jedenfalls trotz ihres unterschiedlichen Alters (sie sind 1967, 1976 und 1991 geboren ) alle Mütter von Erstklässlern. Die Serie spielt in der kalifornischen Küstenstadt Monterey, wo es sich nicht nur wegen der Nähe zum Meer gut leben lässt, sondern auch weil die dortige öffentliche Grundschule quasi die Ausbildung und den Luxus einer Privatschule, aber eben zum Preis einer öffentlichen Schule bietet – so jedenfalls formuliert es eine der Figuren zu Beginn der Serie. (Das Alter der Schauspielerinnen habe ich übrigens nur erwähnt, weil mir bis zum Ende der Serie nicht bei allen Figuren klar war, wie alt sie eigentlich sein sollen. Wie alt die von Nicole Kidman, Reese Witherspoon oder Laura Dern gespielten Figuren sind, wird nicht ganz klar.)

„Big Little Lies“ ist so etwas wie die Luxusvariante von „Reich und schön“: im Grunde handelt es sich hier um nichts weiter als eine Soap Opera, in der die Figuren manipulieren, intrigieren, lieben, eifersüchtig sind, unter gewalttätigen Partnern leiden und alles tun würden, um ihre Kinder zu verteidigen. Mich hat die Serie ein wenig an „Desperate Housewives“ erinnert (womit ich mich damals für meine Diplomarbeit ausführlich beschäftigt habe), nur dass hier die Zahl der Konflikte noch mal hochgefahren worden ist – „Desperate Housewives“ auf Speed also. Einer dieser Konflikte, der sich durch alle Episoden zieht, beginnt gleich in der ersten Folge, als am Tag vor dem ersten Schultag (dem „orientation day“ an der Grundschule) die Tochter von Renata Klein (Laura Dern) von einem Jungen gewürgt wird. Niemand hat den Vorfall beobachtet, aber das Mädchen beschuldigt Ziggy, den Sohn der neu in die Stadt gezogenen allein erziehenden Mutter Jane (Woodley). Für die Kinder ist das alles wohl halb so wild, aber die Mütter verbringen den Rest der Staffel damit, ihre Kinder zu verdächtigen, übereinander herzuziehen und werden sogar handgreiflich. Derlei Konflikte gibt es mehrere und natürlich sind sie, wie es sich für eine ordentliche Soap Opera gehört, häufig mit Geheimnissen verbunden. Es gibt immer irgendetwas, das zumindest ein Teil der Charaktre oder aber der Zuschauer nicht weiß. Daraus entstehen Fragen, die Spannung erzeugen: Wer ist Ziggys Vater? Wann wird Celeste (Kidman) endlich ihren gewalttätigen Mann verlassen oder auch nur ihren Freundinnen von ihrem Leid berichten? Wann und wie wird die Affäre, die Madeline (Witherspoon) vor einem Jahr hatte, ans Licht kommen?

Klassischer Soap-Stoff also, der hier aber durch die durchweg guten bis großartigen Schauspielleistungen aufgewertet wird. Zudem ist die Serie extrem hübsch anzusehen, was an den idyllischen Drehorten liegt und auch daran, dass hier fast alle Figuren in villenartigen Häusern leben, in denen schon mal ein ganzes Zimmer als Kleiderschrank dient. Tatsächlich gab es in einer der ersten Folgen eine Szene mit Madeline und ihrer Tochter, bei der ich zunächst annahm, die beiden hielten sich gerade in einem Designer-Einrichtungsgeschäft auf. Kurz darauf realisierte ich dann, dass sie in der Küche ihres eigenen Hauses standen! 😀
Teilweise kam mir die Serie mit der hohen Dichte an Konflikten und Intrigen und den ständigen Bildern hübscher Menschen in teuren Häusern schon wie eine Parodie auf Soap Operas vor.

In „Big Little Lies“ gehen die Figuren immer gleich vom Schlimmsten aus und halten andere stets für schlecht und böse – das war jedenfalls mein Eindruck. Und es gehört natürlich zum dramatischen Erzählen (ganz besonders in Soap Operas) dazu, denn auf diese Weise lassen sich leicht neue Konflikte schaffen und dann das Meiste aus ihnen rausholen. Die drei Hauptfiguren sind zwar gute Freundinnen, bilden auf diese Weise aber lediglich einen Gegenpol zu all den „bösartigen“ Beziehungen und sind Identifikationsfiguren für den Zuschauer. Intrigant und manipulativ sind allerdings auch sie. Jede Figur ist hier darauf bedacht, das Bild eines nach außen hin perfekt erscheinenden Lebens aufrecht zu erhalten. Oftmals ist dieses Leben in Wahrheit aber längst in die Brüche gegangen oder – um fairerweise mal nicht zu übertreiben – die Charaktere haben zumindest Probleme und Schicksalsschläge, mit denen sie fertig werden müssen.

Noch gar nicht erwähnt habe ich den eigentlichen Aufhänger der Serie: Schon von Beginn an wird klar gemacht, dass ein Mord geschehen wird. Man weiß allerdings noch nicht, wer das Opfer sein wird. In kurzen Ausschnitten aus vorweg genommenen Zeugenbefragungen geben die Stadtbewohner kurze Statements von sich, in denen sie über ihre Mitmenschen herziehen. Das erzeugt zwar am Anfang Spannung, weil man eben noch nicht weiß, um welches konkrete Verbrechen es geht (das ja zum Zeitpunkt der Haupthandlung noch nicht passiert ist), auf Dauer wirken diese Szenen aber etwas überflüssig. Als das Geheimnis um dieses Verbrechen am Ende schließlich aufgelöst wurde, habe ich mich erneut an „Desperate Housewives“ erinnert gefühlt. Dort diente ein ganz ähnliches Verbrechen nämlich mal als zentrales, handlungstreibendes Geheimnis für eine ganze Staffel.

Im Lauf der sieben Folgen hat mir die Serie nach anfänglichen Schwierigkeiten immer besser gefallen. Gerade die letze Folge hat mich mit ihrer langen Partyszene beeindruckt; diese ist nämlich sehr gut geschrieben und geschnitten – man weiß stets, welche der vielen Figuren sich wo aufhält, wer schon auf der Party angekommen ist und wer nicht usw. Übrigens spielen in der Serie auch Männer mit, auch wenn ich bis jetzt noch keinen von ihnen erwähnt habe. Die Hauptrollen gehören hier ganz klar den Frauen. Ich habe mich spaßeshalber sogar mal gefragt, ob „Big Little Lies“ überhaupt so etwas wie einen „umgekehrten Bechdel-Test“ bestehen würde. Gibt es hier also eine Szene, in der sich zwei Männer über etwas anderes als Frauen unterhalten? Ich bin mir ehrlich nicht sicher, aber es ist auch nicht wichtig. Die meisten Szenen gehören den  Darstellerinnen und die Männer sind vor allem dazu da, die Handlungsstränge der weiblichen Figuren voranzutreiben. Vor Alexander Skarsgård („True Blood“, „Die Legende von Tarzan“) habe ich mich in den späteren Folgen aber tatsächlich gefürchtet, so realistisch spielt er den einerseits scheinbar liebevollen und fürsorglichen, andererseits cholerischen und gewalttätigen Ehemann.

Insgesamt gibt es also einen Daumen hoch von mir für „Big Little Lies“. Ja, es ist irgendwie Edel-Trash und von der Handlung her eine Soap Opera, aber eben eine auf sehr hohem Niveau. Dialoge, Schauspielleistungen und Produktionsaufwand gehen weit über das hinaus, was man an Soap-Kost im Vorabendprogramm zu sehen bekommt. Ich freue mich schon auf die zweite Staffel!

Meine Oscar-Tipps 2017

27.02.17 – Ganz unten findet ihr nun ein kurzes Update!

Heute Nacht geht die alljährliche Filmpreissaison mit der Oscarverleihung zu Ende. Höchstwahrscheinlich werde ich wieder wach bleiben und die Show live anschauen. Ebenso ist es bei mir schon lange eine Tradition, vorher die Gewinner zu tippen (hier die Links zu den entsprechenden Blogposts der letzten Jahre: 2016, 2015, 2014, 2013). In den letzten vier Jahren habe ich stets in 16 von 24 Kategorien richtig getippt, mit einer Ausnahme. 2014 hatte ich nämlich tatsächlich 21 Richtige, was aber wohl ein glücklicher Zufall war.
Mein Ziel ist es, dieses Mal die 16 Richtigen zu verbessern, also auf mindestens 17 Richtige zu kommen. Das dürfte aber nicht leicht werden. Zwar ist „La La Land“ 14 mal nominiert und damit der große Favorit. Dass das Musical den Oscar für den „Besten Film“ gewinnen wird, bezweifelt wohl niemand ernsthaft, aber es stellt sich die Frage, in wie vielen anderen Kategorien der Film gewinnen wird. Wie sieht es etwa bei der Ausstattung, beim Schnitt oder beim Drehbuch aus? Soll man auch hier auf „La La Land“ setzen oder anderen Filmen eine Chance geben?
Hier also meine Oscar-Tipps:

Bester Film
Wie erwähnt führt hier kein Weg an „La La Land“ vorbei (nominiert sind die Produzenten Fred Berger, Jordan Horowitz und Marc Platt). Keiner der acht anderen nominierten Filme hat eine ernsthafte Chance.

Bester Hauptdarsteller
Auch hier ist „La La Land“ vertreten, aber ausnahmsweise nur als Außenseiter. Jedenfalls rechnet fast niemand damit, dass Ryan Gosling eine Trophäe mit nach Hause nehmen darf. Das Rennen wird zwischen Casey Affleck („Manchester By The Sea“) und Denzel Washington („Fences“) entschieden werden. Anfangs schien es eine deutliche Tendez zu Affleck zu geben; zudem hat Washington ja bereits zwei Oscars. In den letzten Wochen und besonders seit seinem Gewinn bei den SAG-Awards, der Preisverleihung der US-Schauspielergilde, hat sich Denzel Washington jedoch zum Favoriten gemausert. Ich setze also mal auf ihn.

Beste Hauptdarstellerin
Hier tippe ich ganz klar auf die Favoritin, „Emma Stone“ („La La Land“). Zwar ist auch Natalie Portmans Leistung in „Jackie“ beeindruckend, aber sie hat im Gegensatz zu Emma Stone bereits einen Oscar. Und während Meryl Streep sich mit ihrer Anti-Trump-Rede bei den Golden Globes zwar kurzzeitig wieder ins Spiel gebracht hat, dürfte der Lohn dafür allein die Nominierung gewesen sein. Und Streep hat immerhin schon drei Oscars!

Bester Nebendarsteller
Ich muss zugeben, dass ich noch keinen der hier nominierten Filme gesehen habe (in letzter Zeit habe ich es leider nicht oft ins Kino geschafft). Aber ich tippe auf Mahershala Ali („Moonlight“).

Beste Nebendarstellerin
Mit Viola Davis („Fences“) gibt es hier eine klare und verdiente Favoritin, die auch bereits alle anderen wichtigen Preise (Golden Globe, BAFTA, Screen Actors Guild Award) für ihre Rolle gewonnen hat.

Beste Regie
Ich bin mir nicht sicher, ob er es für diesen Film verdient hat und würde mich freuen, wenn endlich mal Denis Villeneuve („Arrival“) einen Oscar bekommt, aber es führt wohl auch hier kein Weg an „La La Land“ vorbei. Ich tippe also auf Damien Chazelle.

Bester Animationsfilm
Pixar ist hier ausnahmsweise dieses Jahr nicht nominiert, denn „Finding Dory“ ist unbeachtet geblieben. Dafür sind die Disney Animation Studios mit „Moana“ (im Deutschen „Vaiana“) und „Zootopia“ (im Deutschen „Zoomania“) gleich zweimal zum Zug gekommen. Ich tippe auf letzteren.

Bester fremdsprachiger Film: „The Salesman“ – Wenn es so ausgeht, wie ich befürchte, dann hat Donald Trump den Deutschen hier einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Toni Erdmann“ galt lange als unschlagbarer Favorit und ist einer meiner Lieblingsfilme des letzten Jahres ist (hier meine Kritik). Doch Trumps Einreisestopp hätte dem Iraner Ashgar Farhadi, Regisseur von „The Salesman“, die Einreise in die USA verboten. Momentan dürfte Farhadi zwar wieder einreisen, will der Verleihung aber aus Protest fernbleiben. Es wird erwartet, dass sich zahlreichende Academymitglieder mit ihm solidarisiert und für ihn gestimmt haben.

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bestes adaptiertes Drehbuch:  Barry Jenkins und Tarell Alvin McCraney für „Moonlight“
Bestes Originaldrehbuch: „Manchester By The Sea“ von Kenneth Lonergan
Beste Ausstattung (Production Design): „La La Land“ (David Wasco und Sandy Reynolds-Wasco) – Es könnte auch „Fantastic Beasts“ werden, das bei den BAFTAs gewonnen hat. Aber dort hatte der Film quasi einen Heimvorteil und außerdem will ich jetzt mal zu meinen Tipps stehen und nicht in letzter Minute noch alles ändern. 😉
Beste Kamera (Cinematography): Linus Sandgren für „La La Land“
Bester Ton (Sound Mixing): „La La Land“ (Andy Nelson, Ai-Ling Lee und Steve A. Morrow)

Bester Tonschnitt (Sound Editing): Schwierig.La La Land“ ist hier nominiert. „Hacksaw Ridge“ ist ein Kriegsfilm, und die kommen in dieser Kategorie oft zum Zug. „Arrival“ hat den „BAFTA“ für „Best Sound“ gewonnen. Ich schwanke zwischen den beiden letztgenannten. Momentan tippe ich noch auf „Hacksaw Ridge“ (Robert Mackenzie and Andy Wright), aber es würde mich nicht wundern, wenn „Arrival“ sogar in beiden Tonkategorien gewinnen würde. Vielleicht ändere ich meinen Tipp also vor Beginn der Verleihung nochmal…
Beste Musik: Justin Hurwitz für „La La Land“
Bestes Lied: „City of Stars“ aus „La La Land“ (geschrieben von Justin Hurwitz, Benj Pasek und Justin Paul)
Beste Kostüme: Ich setze hier auf „Jackie“ (Madeline Fontaine). Es könnte zwar natürlich auch „La La Land“ werden, aber man möchte ja etwas Abwechslung und eine faire Verteilung der Preise bekommen. 🙂
Beste Dokumentation: Ezra Edelman und Caroline Waterlow für „O.J.: Made in America“
Beste Kurzdokumentation: „Joe’s Violin“
(Kahane Cooperman und Raphaela Neihausen)

Bester Schnitt: „Arrival“ hätte den Preis verdient, „La La Land“ könnte ihn kriegen, weil der Film halt momentan der große Liebling in Hollywood ist. Aber ich tippe auf „Hacksaw Ridge“ (John Gilbert), weil der den BAFTA bekommen hat.
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „Star Trek Beyond“ (Joel Harlow und Richard Alonzo)
Bester animierter Kurzfilm: Hier ist Pixar mit dem fotorealistischen „Piper“ (Regie: Alan Barillaro und Marc Sondheimer) nominiert, der als Vorfilm von „Finding Dory“ im Kino lief. Also setze ich auf den. 🙂
Bester Kurzfilm: Wie auch bei den Kurzdokumentationen kenne ich hier dieses Jahr keinen der Filme. Ich halte mich also mal an die Meinung vieler Experten und tippe auf „Ennemis intérierieurs“ von Sélim Azzazi. Es gibt aber auch Experten, die anderer Meinung sind. Glückssache also…
Beste visuelle Effekte: In diesem Jahr begehe ich hier nicht wieder den Fehler, auf „Star Wars“ zu setzen, obwohl ich es mir natürlich wünschen würde, dass „Rogue One“ gewinnt. Während dort mit Peter Cushing ein toter Schauspieler künstlich wieder zum Leben erweckt wurde, hat man bei „The Jungle Book“ fotorealistische Tiere erschaffen – und dafür wird es wohl einen Oscar geben.

Meiner Prognose zufolge würde „La La Land“ also acht Oscars bekommen und damit in fünf Kategorien Platz für andere Filme machen. Viele Experten trauen dem Film allerdings deutlich mehr zu und sagen elf oder zwölf Auszeichnungen für ihn vorher. Wer recht hat, werden wir heute Nacht (in Deutschland auf Pro Sieben) sehen…
Wie auch schon in den letzten Jahren werde ich diesem Blogpost nach der Oscarverleihung ein Update verpassen und meine Tipps mit den Ergebnissen vergleichen.


Update nach der Oscarverleihung:

Wow, was für ein Nervenkitzel war das denn am Schluss! Das gab es glaube ich noch nie – ein Gewinner (noch dazu für den besten Film) wird genannt, die Nominierten betreten die Bühne, erhalten ihre Oscars und bringen auch schon den Großteil ihrer Dankesreden hinter sich. Und dann stellt sich heraus, dass der falsche Umschlag geöffnet wurde und eigentlich ein anderer Film gewonnen hat!
Ich habe das im ersten Moment gar nicht richtig mitbekommen, weil ich während der Dankesreden der Produzenten von „La La Land“ schon geistig abgeschaltet und mich auf mein Bett gefreut hatte. Mein Ziel, mindestens 17 Gewinner richtig zu tippen, habe ich damit jedenfalls verfehlt. Mit dem „Moonlight“-Sieg sind es wieder „nur“ 16, wie schon in den letzten beiden Jahren. Ich habe also wieder immerhin zwei Drittel der Preisträger korrekt vorhergesagt.
Die Verteilung der Statuen war gerade in der ersten Hälfte der Zeremonie sehr ausgewogen. Tatsächlich gingen von den 24 Preisen die ersten zwölf an unterschiedliche Filme! Vertippt habe ich mich in den drei Kurzfilmkategorien, aber das ist ja auch größtenteils Glückssache. (Oder ich habe mich da dieses Mal zu wenig über die nominierten Filme informiert.) Auch in den beiden Tonkategorien lag ich falsch: „Hacksaw Ridge“ hat für Sound Mixing gewonnen, nicht für Sound Editing. Und wie ich oben schon geahnt habe, hat „Arrival“ tatsächlich doch einen der Sound-Oscars gewonnen. Sehr schön!
Auch beim Makeup/Hairstyling habe ich daneben getippt, ebenso wie bei den Kostümen, wo ich überrascht war, dass weder „Jackie“ noch „La La Land“ gewonnen haben. Stattdessen wurde die Kostümdesignerin Colleen Atwood – u.a. spezialisiert auf Fantasy-Filme und bei so gut wie allen Filmen von Tim Burton mit an Bord – für „Fantastic Beasts“ mit ihrem vierten Oscar geehrt. Beim besten Hauptdarsteller hatte ich lange auf Casey Affleck gesetzt und mich dann doch für Denzel Washington entschieden, weil viele Hollywood-Insider auf ihn gesetzt haben. Aber die Mehrzahl der Academymitglieder hat wohl lieber für Affleck gestimmt, statt Washington einen dritten Oscar zu geben (verdient haben sie beide einen). Tja, und dann ist da noch der beste Film. „Moonlight“ war ein Geheimtipp, aber ernsthaft mit dieser Auszeichnung gerechnet hat wohl kaum jemand. Ich freue mich aber sehr darüber, da der Film die dadurch entstehende Aufmerksamkeit besser gebrauchen kann als „La La Land“. Wie auch schon letztes Jahr gewinnt somit ein relativ unbekannter, aber wichtiger Film die begehrteste Auszeichnung des Abends, während die Mehrzahl der Oscars an einen anderen Film gehen. Eigentlich keine schlechte Lösung.
Noch kurz zur Oscar-Show: Jimmy Kimmel als Moderator hat mir gut gefallen, die Show an sich war okay. Das Herabregnen von Süßigkeiten war nett, aber einfallslos. Noch dazu war klar, dass davon nicht der ganze Saal betroffen war, sondern nur die fernsehwirksam platzierten Stars im vorderen Bereich. Viel schlimmer war aber die Aktion mit den ohne ihr Wissen hereingeführten Touristen, die meiner Meinung nach hier in einer Art vorgeführt worden sind, die absolut nicht in Ordnung ist. Die Show bot wie zu erwarten zahlreiche politische Statements gegen Donald Trump, gegen Ab- und Ausgrenzung und für mehr Zusammenhalt und Toleranz. Doch diese Aktion machte leider die Gräben deutlich, die in unserer Gesellschaft existieren. Oder wirkt es nur auf mich seltsam, wenn ein Tourist im Kapuzenpulli der mit Diamenten behängten Nicole Kidman die Hand küsst? Wenn ich allerdings noch einmal drüber nachdenke, ist das eigentlich eine recht interessante Szene, die auf gesellschaftliche Ungleichheit aufmerksam macht. Was mir eben nicht gefällt, ist die Art und Weise, in der die nichts ahnenden Leute in diese Situation geworfen worden sind. Denn dass Hollywood, die Oscars und die dort versammelten Multimillionäre Teil einer riesigen Kommerzmaschine sind, dürfte mich ja längst nicht mehr überraschen und mit dem Anschauen der Verleihung und der Filme trage ich zum Funktionieren dieser Maschine schließlich selbst bei.