Sherlock – Season 3: „His Last Vow“

Zu „The Empty Hearse“ und „The Sign of Three“, den ersten beiden der drei neuen „Sherlock“-Folgen, habe ich schon etwas geschrieben. Es fehlt also noch Episode Nummer drei, „His Last Vow“. (Selbstverständlich enthält auch dieser Blogpost Spoiler!) Nach der konfusen zweiten Folge der Staffel konnte die finale Folge ja eigentlich nur besser werden – und das wurde sie dann auch. Der Titel „His Last Vow“ bezieht sich auf das Versprechen, das Sherlock (Benedict Cumberbatch) in der vorherigen Episode seinem besten Freund John Watson (Martin Freeman) und dessen Frau Mary (Amanda Abbington) gegeben hat: immer für sie da zu sein und sie zu beschützen. Während der Episodentitel ganz klar eine Abwandlung von „His Last Bow“ darstellt, basiert die Folge inhaltlich größtenteils jedoch auf einer anderen Sherlock Holmes-Kurzgeschichte, „The Adventure of Charles Augustus Milverton“.

Holmes‘ Anatagonist in dieser Folge ist Charles Augustus Magnusson (wahrscheinlich wurde der Name geändert, weil der Darsteller Lars Mikkelsen hörbar Däne ist). Nach der verführerischen Irene Adler und dem manisch-verrückten James Moriarty haben wir es dieses Mal mit einem kühlen, rationalen Bösewicht zu tun. Magnusson ist gerade deswegen so gefährlich für Sherlock, weil er ihm so ähnlich ist. Dass Magnusson über ähnlich brillante geistige Fähigkeiten verfügt wie Sherlock, ist eine der Überraschungen der Episode. Zu Beginn der Folge wird gezielt der Eindruck erweckt, Magnussons Brille sei eine Art Google Glass und füttere ihn jederzeit mit allen möglichen nützlichen Informationen. In dem Moment, als er während der Anhörung die Brille aufsetzt, sehen wir die ihm gegenüber sitzende Lady Smallwood (Lindsay Duncan) aus seiner Perspektive, während zahlreiche Informationen über sie eingeblendet werden (wie wir es aus der Serie sonst nur aus Sherlocks Sicht gewohnt sind). Die gewählte Courier-Schriftart und der Zeitpunkt der Einblendung suggerieren, dass die Informationen Mikkelsen über seine Brille erreichen – eine Täuschung, die die Episode lange aufrecht erhält. Als Mikkelsen in dieser Szene Lady Smallwoods Schwachpunkte abruft, teilt er ihr jedoch mit, er habe ein hervorragendes Gedächtnis, was bereits ein Hinweis darauf ist, dass er eben nicht auf Technik angewiesen ist, sondern genau wie Sherlock über einen mind palace verfügt, in dem er Informationen sammeln und wieder abrufen kann. Auch die Szene, in der wir ihn in seinem Haus eine Wendeltreppe hinuntergehen und in sein Archiv hinabsteigen sehen, in dem er Daten über alle Personen, die ihm gefährlich werden könnten, gespeichert hat, ist natürlich eine falsche Fährte, denn tatsächlich handelt es sich dabei ja um diesen mind palace.

„His Last Vow“ ist eine sehr, sehr gute „Sherlock“-Folge, qualitativ auf demselben Niveau wie einige der Episoden der ersten beiden Staffeln (besser als „Baskerville“, aber natürlich nicht so gut wie der wohl unerreichbare Höhepunkt „A Scandal in Belgravia“). Erneut ist das Erzähltempo sehr hoch und die Geschichte wartet mit immer neuen Wendungen und Überraschungen auf. Ist Sherlock drogenabhängig!? Warum steht Magnusson unter Mycrofts Schutz!? Sherlock hat plötzlich eine Freundin!!??? Sherlock erschießt Magnusson!!! Moriarty ist wieder da??? Besser als in den beiden vorhergehenden Folgen gelingt es dieses Mal, Drama, Spannung und Humor zu verbinden. Die lustigen Szenen nehmen nicht Überhand, wie in der vorherigen Folge und stehen klar in Zusammenhang mit dem großen Handlungsbogen; dadurch wirken sie nicht so aufgesetzt. Kritisieren könnte man sicherlich die Sequenz, die sich in Sherlocks Kopf abspielt, nachdem er angeschossen wurde. Manche mögen sie als unnötig und überzogen ansehen, für mich hat sie aber funktioniert und die Spannung erhöht, zumal danach ja auch wirklich Schluss ist und nicht zu einem gefühlten Dutzend weiterer Rückblenden oder mind palace-Szenen übergegangen wird, wie in der letzten Folge.

Filmisch hat die Episde ein paar tolle Effekte zu bieten. Vor allem die Szene, in der Sherlock John erklärt, wie sie gleich in Magnussons Büro einbrechen werden, hat mir in dieser Hinsicht gefallen. Bei genauerem Hinsehen lassen sich zudem ein paar Verbindungen zu den anderen beiden Folgen der Staffel finden. So versteht man rückblickend zum Beispiel, warum Sherlock auf Johns und Marys Hochzeit so freundlich zu Marys Brautjungfer Janine war. Und am Ende der Episode erkennt man, dass Magnusson für Sherlock nicht einfach nur ein weiterer Fall ist, sondern dass Sherlock dabei auch ein persönliches Motiv hat – eben jenes Verprechen, John und Mary zu beschützen.

„His Last Vow“ ist definitiv die beste Folge der Staffel. Mit Magnusson trifft Sherlock auf einen Gegner, der ihn mit seinen eigenen Waffen schlägt und bis zum Schluss die Oberhand behält. Die Schauspieler sind wie gewohnt fantastisch (auch Neuzugang Lars Mikkelsen), während Steven Moffats Drehbuch die Spannung konstant hoch und dabei immer neue Wendungen bereit hält. Und wo ich gerade bei Wendungen bin: Da ist ja noch der Cliffhanger zum Schluss… Den kann man dämlich finden oder großartig. Ich entscheide mich für die zweite Möglichkeit, ganz einfach weil ich Vertrauen in die Autoren habe. Klar, mit „The Sign of Three“ haben sie zwar die schlechteste Folge der Serie geschrieben, aber selbst die hatte noch hervorragende Momente. Da Steven Moffat in einem Interview gesagt hat, Moriartys nun angekündigte Rückkehr sei schon lange – seit seinem ersten Auftritt in der Serie – geplant gewesen, glaube ich ihm das einfach mal und hoffe, dass wir Anfang 2016 in der vierten Staffel eine ebenso vernünftige wie erstaunliche Erklärung dafür bekommen, wie und warum Moriarty nun zurück ist. In einem anderen Interview hat Moffat gesagt, dass nicht auch noch Moriarty (wie Sherlock) seinen Selbstmord nur vorgetäuscht hat. Er ist also am Ende der zweiten Staffel gestorben. Also haben wir den wahren Moriarty vielleicht wirklich noch gar nicht kennen gelernt? Was aber, wenn die Serien-Macher unbedingt dessen Darsteller Andrew Scott zurück bringen wollen? Ein Moriarty-Klon? Ein Zwillingsbruder? Ein „virtueller“ Moriarty, der Sherlock per Videobotschaft und Cyberangriff quasi aus der Vergangenheit terrorisiert? Die einfachste Erklärung wäre sicher, dass ein neuer Anatagonist einfach Moriartys Bild nutzt, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Aber so einfach wird es hoffentlich dann doch nicht sein. Wie die Auflösung dieser Geschichte aussieht, erfahren wir in ca. zwei Jahren, bis dahin heißt es nun wieder: Warten.

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Sherlock – Season 3: „The Sign of Three“

Weiter geht es mit der dritten „Sherlock“-Staffel! Nachdem ich gestern etwas zur ersten Folge der Staffel geschrieben habe, widme ich mich heute der zweiten Episode, „The Sign of Three“ (Achtung Spoiler!).

Diese Folge beginnt mit einem netten Gag, der in sich zusammen fällt, sobald man auch nur ein bisschen darüber nachdenkt. Wir sehen eine Montagesequenz, in der Detective Inspector Lestrade (Rupert Graves) immer wieder nur knapp nach einer von ihm über Monate hinweg verfolgten Räuberbande an den entsprechenden Tatorten eintrifft. Als er der Bande endlich einmal einen Schritt voraus ist und sie auf frischer Tat ertappt, erhält er eine SMS von Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch). Angeblich handelt es sich um einen Notfall, bei dem Sherlock unbedingt sofort Lestrades Hilfe braucht… Also lässt Lestrade nach nur kurzem Zögern alles stehen und liegen und überlässt die prestigeträchtige Verhaftung seinen Kollegen, um sich nicht nur selbst sofort auf den Weg in die Baker Street zu machen, sondern auch gleich einen Polizeihubschrauber dorthin zu schicken. Und als er dann dort ankommt, stellt sich heraus, dass es sich bei dem „Notfall“ darum handelt, dass Sherlock Hilfe beim Verfassen der Rede braucht, die er als Johns Trauzeuge auf dessen Hochzeit halten soll. Wirklich? Wie gesagt, im ersten Moment ist das lustig, aber Lestrade sollte es nach jahrelanger Zusammenarbeit mit Sherlock doch eigentlich längst besser wissen. Zumindest zurückrufen hätte er ja erst einmal können. Naja, das waren ja nur die ersten drei oder vier Minuten der Episode.
Leider wurde es danach aber nicht besser. Um es schon einmal Vorwegzunehmen: Als ich „The Sign of Three“ zum ersten Mal gesehen habe, stand mein Mund von Minute zu Minute immer weiter offen – aber nicht vor Staunen und Bewunderung, sondern weil ich einfach nicht glauben konnte, was die Drehbuchautoren hier für ein Chaos zusammengeschrieben hatten. Während bei den ersten beiden Staffeln die jeweils drei Folgen unter den drei Drehbuchautoren aufgeteilt wurden, haben wir es hier zum ersten Mal mit einer „Sherlock“-Folge zu tun, die von allen dreien – Stephen Thompson, Mark Gatiss und Steven Moffat – zusammen geschrieben wurde. Das könnte dieses wilde Durcheinander aus Rückblenden erklären, welches phasenweise so wirkt, als hätte hier ein „Sherlock“-Fanclub unter Alkoholeinfluss seine kühnsten fan fiction-Fantasien ausgelebt. Immer wieder habe ich mich beim Anschauen gefragt, ob das wirklich noch dieselbe Serie ist, die ich bis dahin für eine der besten TV-Serien aller Zeiten gehalten hatte.
Aber der Reihe nach, sofern das bei dieser Episode überhaupt geht. Die Rahmenhandlung bildet hier die best man speech, die Sherlock auf der Hochzeit von John (Martin Freeman) und Mary (Amanda Abbington) hält. Von einem „Rahmen“ kann man dabei aber schon fast nicht mehr sprechen, da die gesamte Folge durch die ständigen Rückblenden, die zum Teil wiederum weitere Rückblenden enthalten, so zerstückelt wirkt, dass man schon nach einem Drittel der Laufzeit kapituliert und einfach nur noch abwartet, ob sich aus all dem auch mal irgendwann ein erkennbarer, kohärenter Plot entwickelt. Ziemlich am Beginn der Rede gibt es noch eine relativ lange Szene, die nicht durch Rückblenden unterbrochen wird. In diesem Abschnitt scheint Sherlock zunächst alle Befürchtungen zu bestätigen und sich als denkbar schlechteste Wahl für einen Redner auf einer Hochzeit zu erweisen. Er beleidigt so ziemlich alle Anwesenden, das Brautpaar eingeschlossen, und wirkt genau so kalt, unnahbar und gefühllos, wie man es erwartet hatte. Liebe? Romantik? Heirat? Freundschaft? Das scheinen für Sherlock nur nutzlose soziale Konstrukte zu sein, mit denen er nichts anzufangen weiß. Dann jedoch stellt sich heraus, dass dieser Beginn seiner Rede genau so beabsichtigt war. Sherlock weiß, dass ihn viele der Anwesenden für ein emotionsloses A*****och halten und leitet auf diesem Weg dazu über, dass er es eigentlich gar nicht verdient, John Watson zum Freund zu haben und sich glücklich schätzen kann, sein Trauzeuge sein zu dürfen. Plötzlich rührt er alle Gäste und das Brautpaar zu Tränen.
Ist dieser ganz klar zu menschlichen Gefühlen fähige Sherlock noch dieselbe Person wie in den ersten beiden Staffeln? Oder hat er sich inzwischen weiter entwickelt? Oder tut er vielleicht nur so, als fühle er etwas, indem er genau das erzählt, von dem er meint, dass es die Leute hören wollen? Wie auch immer, seine Worte verfehlen in diesem Moment nicht ihre Wirkung.
Im Anschluss leitet er ein wenig abrupt über zu „some funny stories about John“ und hier ist es, wo die Episode so richtig unübersichtlich zu werden beginnt. Dies vor allem deswegen, weil man lange Zeit keinen blassen Schimmer hat, wie die nun geschilderten Fälle zusammen hängen und wie sich aus den Erzählungen Sherlocks (die natürlich in Rückblenden gezeigt werden) und seiner Rede eine einheitliche, auf einen konkreten Punkt zu laufende Handlung ergeben soll. Vor allem gibt es viel zu lange keinen richtigen neuen Fall, der in dieser Episode zu lösen wäre – noch länger nicht als in der ersten Epiosde, wo das noch vollkommen verständlich war (siehe mein Post zu „The Empty Hearse“).
Sherlock beginnt mit dem Fall des „bloody guardsman“, einem der wenigen Fälle, die er und John nicht aufklären konnten. Seltsamerweise erwähnt er zwar, dass das fast verblutete Opfer den Mordversuch überlebt hat, anscheinend hat sich aber niemand die Mühe gemacht, das Opfer nach der Tat zu befragen. Auf diese Weise hätte man zumindest ein paar Hinweise auf den Tathergang erfahren können.
In weiteren Rückblenden wird nicht nur von einem weiteren Fall erzählt, sondern die Episode ist nun auch endgültig nicht mehr von der fan fiction zu unterscheiden, bei der sich die „Sherlock“-Fans eigene Geschichten um Holmes und Watson erdichten. Es scheint – wie jemand auf Twitter geschrieben hat – als hätten ein paar Fans die ursprünglichen Drehbuchautoren der Serie gekidnappt und nun an deren Stelle das Geschehen so weiter geschrieben, wie sie es gerne sehen würden. Sherlock und John gehen auf eine Tour durch die Pubs, betrinken sich, spielen „20 Questions“, bis Sherlock schließlich bei einer Klientin auf den Teppich kotzt. Natürlich darf er zum Vergnügen aller Fans zuvor noch in betrunkenem Zustand seine genialen Deduktionsfähigkeiten zum Einsatz bringen. Dabei kommen dann so dämliche Dinge heraus wie „sitty thing“ beim Anblick eines Stuhls. Lustig ist das schon irgendwie, aber Handlung ist immer noch keine in Sicht.
Nach dieser Szene hatte ich jegliche Hoffnung aufgegeben, dass sich aus den gezeigten Ereignissen doch noch eine spannende, plausible Geschichte entwickeln würde. Im Gegensatz zu den bisherigen, meist großartig geschriebenen Folgen, die wie aus einem Guss wirkten, kam mir „The Sign of Three“ vor wie eine sinnfreie Aneinanderreihung mehr oder weniger lustiger Elemente.
Ich muss zwar zugeben, dass mir die Folge beim zweiten Anschauen längst nicht so zerfahren und uneinheitlich vorkam, wie beim ersten Mal. Das lag aber ganz einfach daran, dass ich dieses Mal schon wusste, worauf das alles hinaus laufen soll. Wenn man die Episode dagegen zum ersten Mal sieht, hat man keinen blassen Schimmer davon. Man weiß nicht, welche Informationen wichtig und welche weniger wichtig sind und fühlt sich ständig von einem Szenario ins nächste gerissen, oft auch noch ohne sofort erkennbaren Zusammenhang. Beim zweiten Anschauen weiß man bereits, dass die beiden Fälle, die in den Rückblenden größeren Raum einnehmen, mit dem auf Johns Hochzeit verübten Attentat auf Major Sholto (Alistair Petrie) zusammen hängen. Leider ist dieser Zusammenhang beim ersten Ansehen jedoch lange Zeit alles andere als klar und wird auch im letzten Drittel der Episode, als diese Erzählstränge schließlich verbunden werden, nicht deutlich genug. Das liegt auch daran, dass so viel Unnötiges darum herum erzählt wird, eben all die fan fiction-artigen Elemente, die kaum etwas zur Geschichte beitragen (wie z.B. auch das kurze Auftauchen von Irene Adler (Laura Pulver) – ganz nett, die Fans freut’s, aber was soll das?). Und spätestens in der Szene, in der Sherlock mit den durch den „Mayfly Man“ miteinander verbundenen Frauen chattet, was wiederum durch ein in einem Gerichtssaal stattfindendes Gespräch mit ihnen symbolisiert wird, kommen wohl nur noch die wenigsten Zuschauer mit.
„Sherlock“ war zwar von Anfang an eine Serie, bei der man beim zweiten Anschauen immer noch mehr Hinweise entdecken konnte, aber bislang folgten alle Folgen trotz ihrer Komplexität einem geradlinigen, immer noch logisch nachvollziehbarem Aufbau. Das ist hier nicht der Fall, „The Sign of Three“ wirkt – beim ersten Ansehen, wohlgemerkt – manchmal so, als habe jemand auf einen „Shuffle“-Knopf am DVD-Player gedrückt, so dass die Szenen nun in zufälliger Reihenfolge wiedergegeben werden. Weiterhin wird das Vergnügen durch den dieses Mal wirklich übertriebenen Einsatz von Wischblenden gestört, die hier nicht mehr ein für den optischen Eindruck der Serie typisches Stilmittel darstellen, sondern nur noch bloßes Gimmick sind.
Positiv hervorzuheben ist natürlich nach wie vor das phänomenal gute Schauspiel von Benedict Cumberbatch, welches die Episode wenigstens halbwegs zusammen hält. Auch Martin Freeman ist hier wie immer in Topform, doch sein Watson hat dieses Mal etwas weniger zu tun als Sherlock, dessen Rede hier nun mal eine der Hauptattraktionen ist. Auch farblich fand ich diese Episode sehr schön. Während „Sherlock“ bislang ja oft eher den kühlen Farben des Spektrums zugeordnet war, war für mich dieses Mal das warme Gelb der Orangerie, in der die Hochzeitsfeier stattfindet, die vorherrschende Farbe (und es gibt ein paar schöne Einstellungen, in denen Cumberbatchs grüne Augen vor diesem Gelb wunderbar zur Geltung kommen – aber jetzt höre ich mich selbst schon fast an wie einer dieser ihn ständig anhimmelnden Fans).

Kurz nach der Erstausstrahlung von „The Sign of Three“ habe ich mich ein wenig im Internet umgesehen, um heraus zu finden, wie denn die anderen Zuschauer die Episdoe aufgenommen haben. Zu meinem Entsetzen fand ein großer Teil von ihnen die Folge einfach fantastisch – viele Fans hatten offenbar Spaß daran, mal eine andere Seite von Sherlock zu sehen. Nicht wenige Zuschauer hatten jedoch eine ähnliche Meinung wie ich und waren maßlos enttäscht. Wie wohl bei keiner anderen „Sherlock“-Folge zuvor sind also bei „The Sign of Three“ die Meinungen der Zuschauer gespalten. Im Folgenden habe ich ein paar Zitate aus einigen Reviews zur Episode sowie einige der Tweets zusammengtragen, die dieses Meinungsbild schön wiedergeben:

  • „[W]e would watch an entire episode of Sherlock and John drunkenly playing the Post-It Game, if we’re honest. … Drunk Sherlock needs his own spinoff series.“ (Zitate aus einem Review von DigitalSpy)
  • „Well. That might be the funniest and most heart-rending hour and half of television I’ve ever watched.“ (Aus einem Review bei TOR.com)
  • „Like any good best man’s speech, The Sign Of Three is fun, loveable, messy, slow to start, booze-fuelled, sometimes funny, sometimes not funny, sometimes only funny if you were there (or read the book), full of incoherent anecdotes, but ultimately kinda satisfying and brings a tear to the eye (if you’re susceptible to squishy-cuddle stuff). […] Then there’s the shows’ stylistic quirks, which seem to have gone into overdrive. […] You feel like you’ve taken some sort of speed substitute as you rattle through the wedding, only to get confuzzled further by flashback followed by flashback followed by flashback-within-a-flashback during the genuinely awkward (and not always for the right reasons) best man’s speech. […] After the amuse-bouche of The Empty Hearse – bear with me – I wanted a serious case for the main course this time around, and though we do eventually get one, the hour-long journey there feels too character-led, too bromantic, too… much. […] For me, it should be about a case – or cases, though I always prefer simpler puzzles – with character beats around it. Now the cart leads the horse, and I wonder whether I’m watching Sherlock: The Soap rather than Sherlock: The Modernised Take On The Famous Detective Serial.“
    (Aus einem Review bei empireonline.com – Hervorhebungen von mir)
  • Übrigens scheint auch noch eine Szene in einer Schwulenbar gedreht worden zu sein, die zum Glück heraus geschnitten wurde. Ich habe absolut gar nichts gegen Schwule oder Schwulenbars, aber das hört sich nur nach noch mehr fan service an, der von der Geschichte abgelenkt hätte (wobei es eigentlich auch schon wieder egal gewesen wäre).

Sherlock – Season 3: „The Empty Hearse“

Eigentlich wollte ich schon im Januar etwas über die neue Staffel von „Sherlock“ schreiben, kurz nach der Erstausstrahlung der drei neuen Episoden. Das hat leider nicht geklappt, aber letzte Woche habe ich mir die drei Folgen noch einmal angeschaut und dabei eine Menge Notizen gemacht. Deshalb gibt es diese Woche also den großen „Sherlock“-Rundumschlag. Los geht es mit der ersten Episode „The Empty Hearse – Spoiler natürlich inklusive!

Noch nie zuvor habe ich mich auf eine neue Serienfolge so sehr gefreut! Und selten zuvor war ich beim Fernsehen so gespannt wie in den ersten Minuten dieser Folge. Die Episode beginnt äußerst temporeich mit einigen Bildern aus den letzten Szenen der zweiten Staffel, unterlegt mit einem treibenden, elektrischen Beat. Dazwischen geschnitten sind neue Aufnahmen, die sozusagen zeigen, was bei Sherlocks Sturz vom Krankenhausdach „hinter den Kulissen“ passiert ist und wie er seinen Tod vorgetäuscht hat. Nach dem Ende der Szene wird klar, dass es sich nur um eine Version der Ereignisse handelt, die sich so abgespielt haben könnte – es ist die Theorie des Polizisten Philip Andersons (Jonathan Aris), der sich seit Sherlocks „Tod“ vom Sherlock-Hasser zum Fan gewandelt hat. Die Mitglieder des von ihm gegründeten „The Empty Hearse“-Fanclubs sind sich alle einig, dass Sherlock Holmes noch am Leben ist und haben alle ihre eigenen Theorien, wie er seinen Tod vorgetäuscht haben könnte. Andersons Theorie ist also nur eine von vielen und die Bilder, die wir eben gesehen haben damit eigentlich auch nichts anderes als fan fiction
Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) sehen wir kurze Zeit später in einer Szene in Serbien. Sein Aussehen und seine Situation erinnern stark an Pierce Brosnan zu Beginn des (schlechten) Bond-Films „Die Another Day“. Zum Glück ist aber Sherlocks Bruder Mycroft (Mark Gatiss) zur Stelle, um seinen Bruder zu befreien. Woher der wichtige und stets beschäftigte Mycroft Holmes die Zeit genommen haben soll, sich undercover in ein serbisches Verbrechersyndikat einzuschleusen, ist mir zwar ein Rätsel, aber irgendjemand muss Sherlock da ja rausholen. Zurück in London erzählt Mycroft irgendetwas von einem underground network, das einen Terroranschlag in London plant. Viel mehr erfahren wir erst einmal nicht, die Bedrohung bleibt diffus. Klar aber ist: Sherlock muss wieder ran, er ist der einzige, der den Fall lösen kann.
Also wird er rasiert und wieder in ordentliche Kleidung gesteckt. „Where is it?“, fragt er. „Where is what?“, entgegnet sein Bruder, scheinbar ahnungslos. „You know what.“, sagt Sherlock nur und hat natürlich recht: er meint seinen berühmten Mantel, das Kleidungsstück, das ihn erst wirklich zu Sherlock Holmes macht. Wortlos reich Mycrofts Assistentin ihm den Mantel und Sherlock schlüpft hinein. „Welcome back, Mr Holmes“, sagt die Assistentin und als Zuschauer schwelgt man einen Moment in Glückseligkeit, weil man gerade genau dasselbe gedacht hat. Sherlock Holmes ist zurück, er ist wieder voll da. Es ist wirklich bemerkenswert, wie „Sherlock“ es geschafft hat, in bis dahin nur sechs neunzigminütigen Episoden eine so starke Bildsprache zu entwickeln. Der Mantel mit dem hochgeschlagenen Kragen und die zerrauften Locken – mehr braucht man nicht, um den Sherlock Holmes des 21. Jahrhunderts zu erkennen. Als Sherlock zurück in die Baker Street kehrt, genügt allein seine Silhouette, um dem Zuschauer sein Kommen anzukündigen. (Auf die gekrümmte Pfeife, die früher fast immer Teil der Darstellung der Figur war, haben die Macher der neuen Serie verzichtet. Und die Nikotinpflaster, die Sherlock nun verwendet, sind in seiner Silhouette nicht sichtbar und damit kein Teil der neuen Sherlock Holmes-Ikonografie.)

John Watson (Martin Freeman) kehrt unterdessen ebenfalls zurück. Zwar war er weder außer Landes, noch wurde er für tot gehalten, doch die Trauer um seinen engen Freund hat deutliche Spuren in ihm hinterlassen. Zum ersten Mal fast zwei Jahren betritt John wieder in die Wohnung, die er gemeinsam mit Sherlock bewohnt hat. Mrs Hudson (Una Stubbs) macht ihm zunächst Vorwürfe, weil er sich die zwei Jahre über nie bei ihr gemeldet hat. Als er ihr aber erzählt, er werde bald heiraten, ist sie erfreut (auch wenn sie zunächst nur schwer begreifen kann, dass John mit einer Frau zusammen ist 😉 ). „He’s got on with his life“, sagt auch Mycroft, als Sherlock sich über John erkundigt. „What life?“, entgegnet Sherlock, „I’ve been away.“ Es folgt eine Einstellung, in der man Benedict Cumberbatch – in voller Sherlock-Montur – über die Dächer von London schauen sieht. Gab es dieselbe Szene nicht auch in „Star Trek Into Darkness“?
Wie auch immer, danach folgt endlich, worauf alle Zuschauer gewartet haben: das Aufeinandertreffen von Sherlock und Watson. Diese Szene im Restaurant, in der Sherlock, notdürftig als Kellner verkleidet, in Johns Heiratsantrag platzt, ist wirklich wunderbar geschrieben und gespielt. Selten war Fernsehen so spannend wie in dem Moment, als Sherlock an den Tisch tritt, an dem John und seine Freundin Mary (Amanda Abbington) sitzen. Watsons Gesichtsausdruck in dem Moment, als ihm dämmert, wer da neben ihm steht, ist Gold wert. Nachdem er den Schock überwunden hat, will John jedoch Antworten. „I don’t care how you faked it, I want to know why!“, fällt er Sherlock ins Wort, als dieser anfängt, von der sorgfältig geplanten Operation zu sprechen, mit der sein Tod vorgetäuscht wurde. Trotzdem kriegen wir, nachdem das erste Drittel der Episode vorbei ist, die zweite Version der Ereignisse aufgetischt – und dieses Mal ist sie noch klarer als fan fiction zu erkennen: Sherlock und Moriarty haben dieser Version zufolge beide ihren Tod vorgetäuscht, und nicht nur das, sie haben auch noch zusammen gearbeitet und waren anscheinend ein Paar. Schade nur, dass der Kuss der beiden zwar angedeutet, aber gar nicht gezeigt wird, sondern „rechtzeitig“ von der Szene weg geschnitten wird.
Auch diese Version des „Reichenbachfalls“ stammt von einem Mitglied des „Empty Hearse“-Sherlock-Fanclubs. Und spätestens als die versammelten Mitglieder aus dem Fernsehen und über ihre Smartphones davon erfahren, dass Sherlock Holmes noch am Leben ist, wird einem klar, dass Mark Gatiss – von dem das Drehbuch zu dieser Folge stammt – hier wohl einfach das reale „Sherlock“-Fandom in die Serie hineinverlegt hat. Die auf dem Bildschirm erscheinenden Hashtags – #SherlockHolmesAlive, #SherlockLives, usw. – tragen noch dazu bei, dass man hier das Gefühl hat, als würden sich Serienwelt und reale Welt vermischen.
Höchst erfrischend fand ich übrigens, dass Johns Freundin Mary auf Sherlock Holmes anders reagiert als viele andere Menschen, die den Detektiv kennen lernen durften – sie mag ihn! Sie ist von ihm fasziniert, aber nicht weil sie ihn mysteriös, unnahbar und vielleicht gerade deswegen sexy findet, sondern ganz einfach weil sie ihn wirklich sympathisch und interessant findet. Ein wenig scheint sie auch darüber amüsiert zu sein, dass das Genie Sherlock Holmes sich so schwer tut mit ganz alltäglichen, zwischenmenschlichen Dingen.
Immer ist mir auch aufgefallen, wie schnell „Sherlock“ ist. Ich habe bislang keine Analyse dazu durchgeführt (werde es wohl auch nie tun), aber ich würde mal behaupten, dass Detektivgeschichten im Fernsehen vor 20, 30 oder 40 Jahren noch ein wesentlich langsameres Erzähltempo hatten. Die Abfolge der Ereignisse und der dem Zuschauer dargebotenen Informationen findet in „Sherlock“ in einem so hohen Tempo statt, dass man ununterbrochen aufmerksam sein muss, um nicht vielleicht eine wichtige Information zu verpassen.

Erst in der Mitte der Episode beginnt dieses Mal der eigentliche Fall, den Sherlock und Watson zusammen lösen müssen. Anders habe ich das auch nicht erwartet, schließlich muss in „The Empty Hearse“ ja eine gewisse Zeit darauf verwendet werden, wie Sherlock und Watson sich wieder treffen und lernen, erneut zusammen zu arbeiten. John muss aktzeptieren, dass Sherlock ihn getäuscht hat, ihm verzeihen und ihm wieder vertrauen. Nachdem das alles erledigt ist, beginnt also die eigentliche Geschichte, wobei auch hier zunächst mit der Entführung Johns und seiner Beinahe-Verbrennung noch ein Ereignis vorkommt, das mit dem eigentlichen Fall dieser Episode nichts zu tun hat (was es damit auf sich hat, erfährt man erst in der letzten Folge). Die Motorrad-Szene, in der Sherlock und Mary dem unter einem Scheiterhaufen gefangenen John zu Hilfe eilen, driftet aber zum Glück nicht zu sehr in eine Action-Richtung ab, die der Serie gar nicht stehen würde.
Nachdem wir – als wäre all das noch nicht genug – auch noch Sherlocks Eltern kennen gelernt haben, die sich als erstaunlich normal entpuppen, nähert sich die Spannungskurve in der letzten halben Stunde ihrem Höhepunkt. Dass Sherlock nicht sofort klar wurde, warum der in den Zug gestiegene Passagier an keiner der folgenden Stationen wieder ausgestiegen ist – ein Waggon wurde zwischen zwei Stationen abgekoppelt – ist zwar unglaubwürdig, aber ich will es der Episode mal verzeihen. Nachdem er das Rätsel gelöst und zusammen mit John den zur Bombe umfunktionierten Waggon gefunden hat, gibt es eine herrliche Szene in diesem Waggon. Eigentlich meint man, derartige Szenen schon so oft gesehen zu haben – ein Bombe, ein Countdown und die Helden der Geschichte, die die Bombe irgendwie entschärfen müssen. Aber hier hat es „Sherlock“ wieder einmal geschafft, mich zu überraschen. Erstens, weil ich wirklich nicht wusste, wie Sherlock und John aus dieser Situation wieder heil heraus kommen würden. Keiner von beiden schien die Bombe entschärfen zu können und der Timer zählte unaufhaltsam herunter! Zweitens wurde die Szene zusätzlich aufgewertet, indem gerade hier auch der emotionale Höhepunkt der Folge stattfand: John verzeiht Sherlock hier endgültig, dass er ihn getäuscht hat und spricht aus, wie wichtig ihm die Freundschaft zu ihm ist. Und dann folgt die erleichternde Auflösung: „There’s always an off-switch.“ 😀
Es ist fast schade, dass die Szene unterbrochen wird durch eine weitere „so könnte es gewesen sein“-Geschichte – oder ist dies nun die wahre Version vorn Sherlocks Sturz vom Dach? Schließlich ist es diese Mal kein Fan oder Verschwörungstheoretiker, sondern Sherlock selbst, der die Ereignisse schildert. Anderson reagiert darauf – stellvertretend für das weltweite reale „Sherlock“-Fandom – mit Enttäuschung und Skepsis. Er hat, wie wir gehört haben, längst seine eigene Theorie entwickelt, mit der es die Wahrheit nicht aufnehmen kann. Es ist sehr smart von Mark Gatiss und Steven Moffat, die bereits absehbare Kritik an der Auflösung auf diese Weise noch innerhalb der Serie zu thematisieren und gleichzeitig auch zumindest einen Rest Zweifel daran offen zu lassen, wie es denn nun wirklich gewesen ist.

Insgesamt hat mir die Folge sehr gut gefallen. Zwar finde ich es schade, dass der eigentliche Fall dieses Mal etwas zu kurz gekommen ist, doch wie erwähnt kann ich das in diesem Fall verzeihen, da die Folge erst einmal einige Zeit darauf verwenden musste, Sherlock und Watson wieder zusammen zu bringen, was ja auch durchaus seinen Reiz hatte. Der Witz, die Spannung und die Dialoge waren jedenfalls wie erwartet auf sehr hohem Niveau, ganz genauso wie das Schauspiel (was inzwischen schon selbstverständlich sein dürfte). Dass die Serie sich immer wieder quasi selbst thematisiert ist eine interessante Entwicklung. Für die zweite Episode habe ich mir wieder einen neuen Fall erwartet, der mehr Raum in der Erzählung einnimmt, aber leider wurde ich in dieser Hinsicht sehr enttäuscht. Statt dessen gab es nämlich noch mehr fan fiction und ein einziges erzählerisches Durcheinander, das mich ernsthaft daran zweifeln ließ, ob es sich da immer um dieselbe Serie handelt. Aber dazu mehr im nächsten Blogpost.

Babylon 5 – Die Science-Fiction-Kultserie

Ich war dabei, als ein neues Zeitalter der Fernsehunterhaltung begann…"Weltraum-Uno des Jahres 2257"

Vor 18 Jahren, im Sommer 1995, durchblätterte ich als 13-Jähriger eine Ausgabe der Fernsehzeitschrift TV Today und stieß dort auf einen Artikel mit der Überschrift „Weltraum-Uno des Jahres 2257“. Auf einer ganzen Seite wurde dort eine neue Science-Fiction-Serie namens „Babylon 5“ vorgestellt, die ab August wöchentlich auf Pro Sieben zu sehen sein würde. Einige Monate zuvor hatte ich zum ersten Mal die klassische „Star Wars“-Trilogie gesehen, die mich sofort in ihren Bann gezogen hatte. Auch in das „Star Trek“-Universum hatte ich gerade begonnen einzutauchen. Kein Wunder also, dass ich von der Aussicht auf neue, wöchentliche Weltraumabenteuer begeistert war, zumal mich die in dem Artikel abgebildeten Fotos sofort in ihren Bann zogen. Das sah alles so neu, so frisch, so anders aus. Der Look der Aliens und der titelgebenden Raumstation war weder mit dem von „Star Trek“ noch dem von „Star Wars“ zu vergleichen.

Ich setzte mich also am 3. August 1995, einem Donnerstag, um 20:15 Uhr vor den Fernseher, um mir den Pilotfilm von „Babylon 5“ anzuschauen und war von den ersten Minuten an von der Serie fasziniert. In den folgenden Jahren versuchte ich, keine einzige Folge zu verpassen, nahm schließlich die komplette Serie auf VHS-Kassetten auf und kaufte mir die ab 2002 erscheinenden DVD-Boxen. Meine Leidenschaft für „Babylon 5“ ist seit der Ausstrahlung des Pilotfilms nie abgerissen, sondern im Gegenteil sogar gewachsen. Die letzte Folge der Serie wurde hierzulande 1999 ausgestrahlt, aber ein großer Fan bin ich trotzdem über all die Jahre geblieben. Den TV Today-Artikel (und zahlreiche andere Zeitschriftenausschnitte) habe ich bis heute aufgehoben.

Vor etwa drei Monaten habe ich einen (englischen) Podcast entdeckt, der sich ganz und gar „Babylon 5“ widmet. Im „Babble On Project“ besprechen die „Babylon 5“-Fans Matt Dillon und Gillian Coyle seit Februar 2011 in jeder ihrer Episoden zwei Folgen von „Babylon 5“. Dabei sind die beiden Geeks mit viel Freude und Leidenschaft, aber auch mit viel Hintergrundwissen bei der Sache, so dass es für Fans der Serie sowohl extrem unterhaltsam als auch sehr lehrreich ist, ihnen zuzuhören (übrigens können auch Serienneulinge, die „Babylon 5“ zum ersten Mal anschauen, den Podcast anhören, da jede Folge in einen spoilerfreien und einen spoilerhaltigen Bereich aufgeteilt ist). Zudem haben die beiden es geschafft, den Serienschöpfer J. Michael Straczysnki sowie die Darstellerinnen Claudia Christian und Patricia Tallman für Interviews zu gewinnen. Derzeit erscheint alle drei Wochen eine neue Folge des Podcasts und die zwei nähern sich inzwischen dem Ende der vierten „Babylon 5“-Staffel. In den letzten Monaten hat mich beim Durchhören aller Episoden des Babble On Projects das „Babylon 5“-Fieber erneut gepackt. Schon seit Längerem spiele ich daher mit dem Gedanken, die Serie hier im Blog zum Thema zu machen.

Für alle, die „Babylon 5“ noch gar nicht kennen, zitiere ich hier einmal aus der TV Today von 1995: „Im Mittelpunkt der TV-Saga steht die Raumstation Babylon 5. Hier leben im Jahr 2257 Vertreter aller Völker, die im All existieren [Anmerkung: Das stimmt so nicht gaaanz]. Ihre gemeinsame Aufgabe ist die Erhaltung des Friedens im Universum. Ein schwieriges Unterfangen, denn die verschiedenen Rassen sind teilweise seit Jahrhunderten bis aufs Blut verfeindet. Chef der Zukunfts-Uno: Commander Sinclair, von der Erde entsandt, um Babylon 5 zu führen.“ Im Zentrum von „Babylon 5“ steht also die gleichnamige Raumstation, doch zugleich ist „Babylon 5“ viel mehr als nur die Geschichte dieser Raumstation und ihrer Bewohner.

Joe Michael Straczynski hatte die erste Idee zu seiner Serie bereits Mitte der 1980er Jahre. Genau genommen hatte er zunächst Ideen für zwei große Fernsehserien: die eine sollte auf einer Raumstation spielen, während die andere eine epische Saga erzählen sollte. Irgendwann wurde Straczynski schließlich klar, dass er die beiden Ideen kombinieren musste, um sie zu einer Serie zu machen, die zwar hauptsächlich auf einer Raumstation spielt, aber in ihren Storylines eben auch eine epische Handlung über einen große Krieg erzählt, den wir durch die Augen der Charaktere miterleben. So erfahren die Zuschauer zusammen mit den Protagonisten der Serie die ganz persönlichen Konsequenzen, die große galaktische Zusammenhänge für einzelne Individuen haben. Die Auswirkungen galaxisweiter Krisen werden auf der persönlichen Ebene nachvollziehbar.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass „Babylon 5“ als „Roman fürs Fernsehen“ konzipiert worden ist. Das heißt, die einzelnen Staffeln und Episoden stehen hier für einzelne, aber zusammenhängende (Unter-)Kapitel, die eine große, zusammenhängende Geschichte erzählen. Die fünf Staffeln erzählen jeweils ein Jahr der Serienhandlung, tragen eigene Titel und bilden so jeweils ein eigenes Kapitel der „Babylon 5“-Saga. Auch wenn es während der ersten Staffel noch nicht den Anschein danach hat, wird hier doch von den ersten Minuten an eine Geschichte epischen Ausmaßes erzählt, in der alle Elemente aufeinander aufbauen und wo bereits im Pilotfilm Dinge vorkommen oder angesprochen werden, die erst mehrere Staffeln später relevant werden. Genau wie ein Roman hat „Babylon 5“ einen Anfang, an dem die Figuren, die Örtlichkeiten und Gegebenheiten vorgestellt werden, eine Mitte, in der die Geschichte so richtig Fahrt aufnimmt und einen Schluss, an dem…nun ja, an dem die Geschichte eben endet. „Babylon 5“ war einer der Wegbereiter für episodenübergreifendes Erzählen, wie es heute in vielen Serien selbstverständlich ist. So selbstverständlich sogar, dass man sich Serien wie „The Sopranos“, „Lost“, „Mad Men“ oder „Game of Thrones“ gar nicht mit in sich geschlossenen Folgen vorstellen kann, die mit Beginn jeder neuen Episode quasi den Reset-Knopf drücken und damit die Entwicklungen der vorhergehenden Folge wieder rückgängig machen und die Beziehungen der Charaktere wieder zurücksetzen. Im Unterschied zu manchen der modernen Serien hatte Straczynski aber für „Babylon 5“ von Anfang an einen „Fünfjahresplan“ und damit eine genaue Vorstellung davon, wie er seine Geschichte über fünf Staffeln hinweg erzählen wollte. Dabei kamen ihm zwar immer wieder äußere Umstände (wie z.B. der Ausstieg von Darstellern) in die Quere, so dass er sich gezwungen sah, diesen großen story arc an mehreren Stellen etwas anzupassen, doch im Großen und Ganzen hat er es geschafft, seinen Plan umzusetzen und fünf Staffeln von „Babylon 5“ ins Fernsehen zu bringen.

Das episodenübergreifende Erzählen ist jedoch nicht der einzige Punkt, in dem „Babylon 5“ Neuland betreten hat. Ein weiterer (und nicht der letzte) Aspekt ist die Art und Weise, in der Straczynski schon lange bevor der Pilotfilm produziert wurde, mit Science-Fiction-Fans im Internet kommunizierte. Bereits 1991 richtete sich Straczynski in diversen Online-Foren – die es damals tatsächlich schon gab, obwohl sie natürlich noch in ihren Kinderschuhen, ach was, in ihren Strampelanzügen steckten – offizielle Accounts ein, von denen aus er die interessierte Öffentlichkeit (also die Science Fiction-Community) über seine Vision und ihre schrittweise Realitätswerdung informierte. Diese Onlinepräsenz behielt er auch während der gesamten Produktionszeit von „Babylon 5“ bei und stand so in einem ständigen und ausführlichen Dialog mit den Fans der Serie, der auch weit über die gelegentliche Twitter-Korrespondenz hinausging, wie sie einige der führenden Kreativköpfe der Film- und Fernsehbranche heute pflegen. Zudem war Straczynskis Onlinepräsenz keineswegs nur eine Marketingstrategie (1991 hätten das im Internet ohnehin nur sehr wenige mitbekommen), sondern es ging ihm darum, den Prozess der Herstellung seiner Serie von den ersten getippten Zeilen bis hin zur im Fernsehen ausgestrahlten Episode für sein Publikum nachvollziehbar zu machen und natürlich auch darum, sich Feedback zu holen und die zahlreichen Fragen der Fans zu beantworten. Hier kann man alle von Straczynski verfassten Posts von 1991 bis in die Gegenwart nachlesen; vor ein paar Jahren wurden seine gesammelten Forumposts aus der Produktionszeit von „Babylon 5“ sogar in Buchform veröffentlicht (5 Bände, 2000 Seiten!). Im Vorwort des ersten Bandes schreibt JMS über den regen Online-Kontakt, in dem er schon Anfang der 1990er mit seinen Fans stand:
„I wanted to talk about the making of the show, on the theory that (as a fan myself) we cannot get what we want until we understand the process enough to concisely elucidate exactly what it is that we want. Until, in short, viewers understand the process of making television, and why things are done the way they’re done.“

Das einem Roman-/Saga-Modell folgende episodenübergreifende Erzählen der Serie hat natürlich zur Folge, dass man an „Babylon 5“ dann die meiste Freude hat, wenn man vorher noch nichts über den Handlungsverlauf weiß. Allen, die die Serie noch nicht kennen, empfehle ich also: besorgt euch die DVDs, beginnt mit dem Pilotfilm („Die Zusammenkunft“ / „The Gathering“) und geht dann zu den fünf regulären Staffeln über, ohne euch irgendwo spoilern zu lassen. Ich empfehle diese wirklich unschlagbar günstige Komplettbox, in der der Pilotfilm, alle fünf Staffeln und alle weiteren TV-Filme enthalten sind (die Box dürft ihr natürlich auch gerne bei einem anderen Händler kaufen als bei dem, auf den ich hier gewohnheitsmäßig verlinkt habe). Auf Blu-ray wird „Babylon 5“ übrigens wahrscheinlich leider nie erscheinen; das hat technische Gründe, aber eine genaue Erklärung würde hier zu weit führen (und ich verstehe die Gründe sowieso nicht genug 😉 ). Und noch eine Anmerkung: Nur im Deutschen trägt die Serie bereits seit 1995 in den TV-Zeitschriften und auch heute noch auf vielen DVD-Boxen den dämlichen Zusatz „Spacecenter“ vor ihrem Namen. Anscheinend hat man sich damals vor der deutschen Erstausstrahlung gedacht, den Fernsehzuschauern auf diese Weise klar machen zu müssen, dass es sich hier um eine Serie handelt, die auf einer Raumstation spielt.

Leider fristet „Babylon 5“ trotz des Kultstatus immer noch ein Nischendasein. Die Serie ist längst nicht so bekannt, wie sie es meiner Meinung nach verdient hätte. Einerseits war sie zwar wie erwähnt Wegbereiter für viele andere episodenübergreifend erzählende Serien und hat prominente Fans wie beispielsweise den „Doctor Who“-Showrunner und „Sherlock“-Schöpfer Steven Moffat (und anscheinend auch jemanden im Autorenteam von „Breaking Bad“), andererseits wird sie aber in den USA seit etwa zehn Jahren nicht mehr im Fernsehen wiederholt und lässt sich auch nicht auf Netflix und ähnlichen Diensten finden (nur auf iTunes ist sie soweit ich weiß verfügbar). Das hat dazu geführt, dass es zwar nach wie vor einen sehr treuen Kern „alter“ B5-Fans gibt, aber kaum neue Fans nachwachsen. Auch die Chancen auf weitere „Babylon 5“-Abenteuer – sei es in Form einer neuen Serie, eines Kinofilms oder was auch immer – sind aus diesem Grund nicht besonders hoch. Und obwohl sich die DVDs sehr, sehr gut verkauft haben, haben die Verantwortlichen bei Warner Bros. anscheinend keinen blassen Schimmer, auf welchem Schatz sie da sitzen und welch ein großes Publikum für die Serie (in Form von alten und potentiellen neuen Fans) noch immer da ist. Straczysnki hat dies in Interviews immer wieder betont. Anfang September – nachdem „Babylon 5“ in einer Folge von „Breaking Bad“ erwähnt wurde – rief er über Twitter und Facebook die B5-Fangemeinde dazu auf, sich unter dem Hashtag #FreeBabylon5 dafür einzusetzen, die Serie wieder ins US-Fernsehen zu bringen, wo sie seit vielen Jahren nicht mehr wiederholt wird:

Ausführlicher wurde Straczynski einen Tag später auf seiner Facebook-Seite:
To the online backinh and forthing…some hard facts. Because Babylon 5 isn’t on the air in the US anywhere, it’s impossible for the show to add new viewers except one at a time, friend to friend, or if you’ve heard about it enough to want to shell out the money for the DVDs. Casual viewers can’t stumble across it while channel surfing. (As we all know, after Trek was canceled for poor ratings, it found its audience in syndication.) So in answer to the photo below, either WB has to be convinced to release the show somewhere, or a network like Syfy or Chiller or another along those lines has to be prompted to pick it up. If not, quite honestly, and without any way to add new viewers, the show will eventually slide into obscurity. This ain’t something I can do, or even directly participate in. It’s up to the fans now.

Ob hinter dem Zeitpunkt seines Aufrufs mehr steckt, als nur eine Reaktion auf die Erwähnung in „Breaking Bad“, darüber kann man nur spekulieren. Es würde mich aber nicht wundern, wenn Straczynski wieder einmal kurz vor dem Abschluss eines wichtigen Deals für einen B5-Film oder eine neue B5-Serie stand, so wie das in den letzten Jahren schon mehrmals der Fall war (leider kam es zu den entsprechenden Projekten nie). „Babylon 5“ zurück ins Fernsehen, in die Streaming-Dienste wie Netflix und damit stärker ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, ist aber auf jeden Fall eine gute Idee. Die „Free Babylon 5“-Kampagne hat auch eine eigene Facebook-Seite, hier gibt es außerdem einen weiteren Artikel über Straczynskis Aufforderung an die Fans. Ein paar kleine Wellen hat die Aktion also schon geschlagen.

Falls Ihr jetzt Lust bekommen habt, die Serie (wieder einmal) anzuschauen, dann freut mich das und ich wünsche Euch viel Spaß. Wann ich mich mit einem weiteren Blogpost über „Babylon 5“ zurückmelde, steht noch in den Sternen. Motiviert durch die vielen Folgen des „Babble On Project“-Podcasts hatte ich zunächst vor, selbst einen B5-Rewatch zu starten und hier in regelmäßigen Abständen die Serie Folge für Folge zu besprechen. Inzwischen zweifle ich allerdings stark daran, ob ich ein solches Projekt lange durchhalten würde. Aber vielleicht finde ich einen Kompromiss, man muss ja nicht unbedingt jede einzelne Episode ausführlich besprechen. Die Idee, „Babylon 5“ wieder bekannter zu machen, finde ich jedenfalls sehr gut. Denn ganz egal, ob es nun irgendwann neue B5-Abenteuer im Fernsehen oder sogar einen Kinofilm geben wird oder ob nie wieder auch nur eine einzige neue Szene gefilmt wird: Ich halte „Babylon 5“ für eine der besten und wichtigsten Fernsehserien, die je produziert worden sind. J. Michael Straczynski steht als Geschichtenerzähler für mich auf einer Ebene mit Tolkien oder George Lucas. „Babylon 5“ ist ein episches Drama, ein moderner Mythos und behandelt zeitlose Themen, die heute mindestens ebenso relevant sind, wie vor zwanzig Jahren und die es auch in Zukunft bleiben werden. Und vielleicht melde ich mich ja doch bald mit einem Post zum B5-Pilotfilm und den ersten Folgen der ersten Staffel zurück…