Sherlock – Season 3: „The Sign of Three“

Weiter geht es mit der dritten „Sherlock“-Staffel! Nachdem ich gestern etwas zur ersten Folge der Staffel geschrieben habe, widme ich mich heute der zweiten Episode, „The Sign of Three“ (Achtung Spoiler!).

Diese Folge beginnt mit einem netten Gag, der in sich zusammen fällt, sobald man auch nur ein bisschen darüber nachdenkt. Wir sehen eine Montagesequenz, in der Detective Inspector Lestrade (Rupert Graves) immer wieder nur knapp nach einer von ihm über Monate hinweg verfolgten Räuberbande an den entsprechenden Tatorten eintrifft. Als er der Bande endlich einmal einen Schritt voraus ist und sie auf frischer Tat ertappt, erhält er eine SMS von Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch). Angeblich handelt es sich um einen Notfall, bei dem Sherlock unbedingt sofort Lestrades Hilfe braucht… Also lässt Lestrade nach nur kurzem Zögern alles stehen und liegen und überlässt die prestigeträchtige Verhaftung seinen Kollegen, um sich nicht nur selbst sofort auf den Weg in die Baker Street zu machen, sondern auch gleich einen Polizeihubschrauber dorthin zu schicken. Und als er dann dort ankommt, stellt sich heraus, dass es sich bei dem „Notfall“ darum handelt, dass Sherlock Hilfe beim Verfassen der Rede braucht, die er als Johns Trauzeuge auf dessen Hochzeit halten soll. Wirklich? Wie gesagt, im ersten Moment ist das lustig, aber Lestrade sollte es nach jahrelanger Zusammenarbeit mit Sherlock doch eigentlich längst besser wissen. Zumindest zurückrufen hätte er ja erst einmal können. Naja, das waren ja nur die ersten drei oder vier Minuten der Episode.
Leider wurde es danach aber nicht besser. Um es schon einmal Vorwegzunehmen: Als ich „The Sign of Three“ zum ersten Mal gesehen habe, stand mein Mund von Minute zu Minute immer weiter offen – aber nicht vor Staunen und Bewunderung, sondern weil ich einfach nicht glauben konnte, was die Drehbuchautoren hier für ein Chaos zusammengeschrieben hatten. Während bei den ersten beiden Staffeln die jeweils drei Folgen unter den drei Drehbuchautoren aufgeteilt wurden, haben wir es hier zum ersten Mal mit einer „Sherlock“-Folge zu tun, die von allen dreien – Stephen Thompson, Mark Gatiss und Steven Moffat – zusammen geschrieben wurde. Das könnte dieses wilde Durcheinander aus Rückblenden erklären, welches phasenweise so wirkt, als hätte hier ein „Sherlock“-Fanclub unter Alkoholeinfluss seine kühnsten fan fiction-Fantasien ausgelebt. Immer wieder habe ich mich beim Anschauen gefragt, ob das wirklich noch dieselbe Serie ist, die ich bis dahin für eine der besten TV-Serien aller Zeiten gehalten hatte.
Aber der Reihe nach, sofern das bei dieser Episode überhaupt geht. Die Rahmenhandlung bildet hier die best man speech, die Sherlock auf der Hochzeit von John (Martin Freeman) und Mary (Amanda Abbington) hält. Von einem „Rahmen“ kann man dabei aber schon fast nicht mehr sprechen, da die gesamte Folge durch die ständigen Rückblenden, die zum Teil wiederum weitere Rückblenden enthalten, so zerstückelt wirkt, dass man schon nach einem Drittel der Laufzeit kapituliert und einfach nur noch abwartet, ob sich aus all dem auch mal irgendwann ein erkennbarer, kohärenter Plot entwickelt. Ziemlich am Beginn der Rede gibt es noch eine relativ lange Szene, die nicht durch Rückblenden unterbrochen wird. In diesem Abschnitt scheint Sherlock zunächst alle Befürchtungen zu bestätigen und sich als denkbar schlechteste Wahl für einen Redner auf einer Hochzeit zu erweisen. Er beleidigt so ziemlich alle Anwesenden, das Brautpaar eingeschlossen, und wirkt genau so kalt, unnahbar und gefühllos, wie man es erwartet hatte. Liebe? Romantik? Heirat? Freundschaft? Das scheinen für Sherlock nur nutzlose soziale Konstrukte zu sein, mit denen er nichts anzufangen weiß. Dann jedoch stellt sich heraus, dass dieser Beginn seiner Rede genau so beabsichtigt war. Sherlock weiß, dass ihn viele der Anwesenden für ein emotionsloses A*****och halten und leitet auf diesem Weg dazu über, dass er es eigentlich gar nicht verdient, John Watson zum Freund zu haben und sich glücklich schätzen kann, sein Trauzeuge sein zu dürfen. Plötzlich rührt er alle Gäste und das Brautpaar zu Tränen.
Ist dieser ganz klar zu menschlichen Gefühlen fähige Sherlock noch dieselbe Person wie in den ersten beiden Staffeln? Oder hat er sich inzwischen weiter entwickelt? Oder tut er vielleicht nur so, als fühle er etwas, indem er genau das erzählt, von dem er meint, dass es die Leute hören wollen? Wie auch immer, seine Worte verfehlen in diesem Moment nicht ihre Wirkung.
Im Anschluss leitet er ein wenig abrupt über zu „some funny stories about John“ und hier ist es, wo die Episode so richtig unübersichtlich zu werden beginnt. Dies vor allem deswegen, weil man lange Zeit keinen blassen Schimmer hat, wie die nun geschilderten Fälle zusammen hängen und wie sich aus den Erzählungen Sherlocks (die natürlich in Rückblenden gezeigt werden) und seiner Rede eine einheitliche, auf einen konkreten Punkt zu laufende Handlung ergeben soll. Vor allem gibt es viel zu lange keinen richtigen neuen Fall, der in dieser Episode zu lösen wäre – noch länger nicht als in der ersten Epiosde, wo das noch vollkommen verständlich war (siehe mein Post zu „The Empty Hearse“).
Sherlock beginnt mit dem Fall des „bloody guardsman“, einem der wenigen Fälle, die er und John nicht aufklären konnten. Seltsamerweise erwähnt er zwar, dass das fast verblutete Opfer den Mordversuch überlebt hat, anscheinend hat sich aber niemand die Mühe gemacht, das Opfer nach der Tat zu befragen. Auf diese Weise hätte man zumindest ein paar Hinweise auf den Tathergang erfahren können.
In weiteren Rückblenden wird nicht nur von einem weiteren Fall erzählt, sondern die Episode ist nun auch endgültig nicht mehr von der fan fiction zu unterscheiden, bei der sich die „Sherlock“-Fans eigene Geschichten um Holmes und Watson erdichten. Es scheint – wie jemand auf Twitter geschrieben hat – als hätten ein paar Fans die ursprünglichen Drehbuchautoren der Serie gekidnappt und nun an deren Stelle das Geschehen so weiter geschrieben, wie sie es gerne sehen würden. Sherlock und John gehen auf eine Tour durch die Pubs, betrinken sich, spielen „20 Questions“, bis Sherlock schließlich bei einer Klientin auf den Teppich kotzt. Natürlich darf er zum Vergnügen aller Fans zuvor noch in betrunkenem Zustand seine genialen Deduktionsfähigkeiten zum Einsatz bringen. Dabei kommen dann so dämliche Dinge heraus wie „sitty thing“ beim Anblick eines Stuhls. Lustig ist das schon irgendwie, aber Handlung ist immer noch keine in Sicht.
Nach dieser Szene hatte ich jegliche Hoffnung aufgegeben, dass sich aus den gezeigten Ereignissen doch noch eine spannende, plausible Geschichte entwickeln würde. Im Gegensatz zu den bisherigen, meist großartig geschriebenen Folgen, die wie aus einem Guss wirkten, kam mir „The Sign of Three“ vor wie eine sinnfreie Aneinanderreihung mehr oder weniger lustiger Elemente.
Ich muss zwar zugeben, dass mir die Folge beim zweiten Anschauen längst nicht so zerfahren und uneinheitlich vorkam, wie beim ersten Mal. Das lag aber ganz einfach daran, dass ich dieses Mal schon wusste, worauf das alles hinaus laufen soll. Wenn man die Episode dagegen zum ersten Mal sieht, hat man keinen blassen Schimmer davon. Man weiß nicht, welche Informationen wichtig und welche weniger wichtig sind und fühlt sich ständig von einem Szenario ins nächste gerissen, oft auch noch ohne sofort erkennbaren Zusammenhang. Beim zweiten Anschauen weiß man bereits, dass die beiden Fälle, die in den Rückblenden größeren Raum einnehmen, mit dem auf Johns Hochzeit verübten Attentat auf Major Sholto (Alistair Petrie) zusammen hängen. Leider ist dieser Zusammenhang beim ersten Ansehen jedoch lange Zeit alles andere als klar und wird auch im letzten Drittel der Episode, als diese Erzählstränge schließlich verbunden werden, nicht deutlich genug. Das liegt auch daran, dass so viel Unnötiges darum herum erzählt wird, eben all die fan fiction-artigen Elemente, die kaum etwas zur Geschichte beitragen (wie z.B. auch das kurze Auftauchen von Irene Adler (Laura Pulver) – ganz nett, die Fans freut’s, aber was soll das?). Und spätestens in der Szene, in der Sherlock mit den durch den „Mayfly Man“ miteinander verbundenen Frauen chattet, was wiederum durch ein in einem Gerichtssaal stattfindendes Gespräch mit ihnen symbolisiert wird, kommen wohl nur noch die wenigsten Zuschauer mit.
„Sherlock“ war zwar von Anfang an eine Serie, bei der man beim zweiten Anschauen immer noch mehr Hinweise entdecken konnte, aber bislang folgten alle Folgen trotz ihrer Komplexität einem geradlinigen, immer noch logisch nachvollziehbarem Aufbau. Das ist hier nicht der Fall, „The Sign of Three“ wirkt – beim ersten Ansehen, wohlgemerkt – manchmal so, als habe jemand auf einen „Shuffle“-Knopf am DVD-Player gedrückt, so dass die Szenen nun in zufälliger Reihenfolge wiedergegeben werden. Weiterhin wird das Vergnügen durch den dieses Mal wirklich übertriebenen Einsatz von Wischblenden gestört, die hier nicht mehr ein für den optischen Eindruck der Serie typisches Stilmittel darstellen, sondern nur noch bloßes Gimmick sind.
Positiv hervorzuheben ist natürlich nach wie vor das phänomenal gute Schauspiel von Benedict Cumberbatch, welches die Episode wenigstens halbwegs zusammen hält. Auch Martin Freeman ist hier wie immer in Topform, doch sein Watson hat dieses Mal etwas weniger zu tun als Sherlock, dessen Rede hier nun mal eine der Hauptattraktionen ist. Auch farblich fand ich diese Episode sehr schön. Während „Sherlock“ bislang ja oft eher den kühlen Farben des Spektrums zugeordnet war, war für mich dieses Mal das warme Gelb der Orangerie, in der die Hochzeitsfeier stattfindet, die vorherrschende Farbe (und es gibt ein paar schöne Einstellungen, in denen Cumberbatchs grüne Augen vor diesem Gelb wunderbar zur Geltung kommen – aber jetzt höre ich mich selbst schon fast an wie einer dieser ihn ständig anhimmelnden Fans).

Kurz nach der Erstausstrahlung von „The Sign of Three“ habe ich mich ein wenig im Internet umgesehen, um heraus zu finden, wie denn die anderen Zuschauer die Episdoe aufgenommen haben. Zu meinem Entsetzen fand ein großer Teil von ihnen die Folge einfach fantastisch – viele Fans hatten offenbar Spaß daran, mal eine andere Seite von Sherlock zu sehen. Nicht wenige Zuschauer hatten jedoch eine ähnliche Meinung wie ich und waren maßlos enttäscht. Wie wohl bei keiner anderen „Sherlock“-Folge zuvor sind also bei „The Sign of Three“ die Meinungen der Zuschauer gespalten. Im Folgenden habe ich ein paar Zitate aus einigen Reviews zur Episode sowie einige der Tweets zusammengtragen, die dieses Meinungsbild schön wiedergeben:

  • „[W]e would watch an entire episode of Sherlock and John drunkenly playing the Post-It Game, if we’re honest. … Drunk Sherlock needs his own spinoff series.“ (Zitate aus einem Review von DigitalSpy)
  • „Well. That might be the funniest and most heart-rending hour and half of television I’ve ever watched.“ (Aus einem Review bei TOR.com)
  • „Like any good best man’s speech, The Sign Of Three is fun, loveable, messy, slow to start, booze-fuelled, sometimes funny, sometimes not funny, sometimes only funny if you were there (or read the book), full of incoherent anecdotes, but ultimately kinda satisfying and brings a tear to the eye (if you’re susceptible to squishy-cuddle stuff). […] Then there’s the shows’ stylistic quirks, which seem to have gone into overdrive. […] You feel like you’ve taken some sort of speed substitute as you rattle through the wedding, only to get confuzzled further by flashback followed by flashback followed by flashback-within-a-flashback during the genuinely awkward (and not always for the right reasons) best man’s speech. […] After the amuse-bouche of The Empty Hearse – bear with me – I wanted a serious case for the main course this time around, and though we do eventually get one, the hour-long journey there feels too character-led, too bromantic, too… much. […] For me, it should be about a case – or cases, though I always prefer simpler puzzles – with character beats around it. Now the cart leads the horse, and I wonder whether I’m watching Sherlock: The Soap rather than Sherlock: The Modernised Take On The Famous Detective Serial.“
    (Aus einem Review bei empireonline.com – Hervorhebungen von mir)
  • Übrigens scheint auch noch eine Szene in einer Schwulenbar gedreht worden zu sein, die zum Glück heraus geschnitten wurde. Ich habe absolut gar nichts gegen Schwule oder Schwulenbars, aber das hört sich nur nach noch mehr fan service an, der von der Geschichte abgelenkt hätte (wobei es eigentlich auch schon wieder egal gewesen wäre).
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