Sherlock – Season 3: „The Empty Hearse“

Eigentlich wollte ich schon im Januar etwas über die neue Staffel von „Sherlock“ schreiben, kurz nach der Erstausstrahlung der drei neuen Episoden. Das hat leider nicht geklappt, aber letzte Woche habe ich mir die drei Folgen noch einmal angeschaut und dabei eine Menge Notizen gemacht. Deshalb gibt es diese Woche also den großen „Sherlock“-Rundumschlag. Los geht es mit der ersten Episode „The Empty Hearse – Spoiler natürlich inklusive!

Noch nie zuvor habe ich mich auf eine neue Serienfolge so sehr gefreut! Und selten zuvor war ich beim Fernsehen so gespannt wie in den ersten Minuten dieser Folge. Die Episode beginnt äußerst temporeich mit einigen Bildern aus den letzten Szenen der zweiten Staffel, unterlegt mit einem treibenden, elektrischen Beat. Dazwischen geschnitten sind neue Aufnahmen, die sozusagen zeigen, was bei Sherlocks Sturz vom Krankenhausdach „hinter den Kulissen“ passiert ist und wie er seinen Tod vorgetäuscht hat. Nach dem Ende der Szene wird klar, dass es sich nur um eine Version der Ereignisse handelt, die sich so abgespielt haben könnte – es ist die Theorie des Polizisten Philip Andersons (Jonathan Aris), der sich seit Sherlocks „Tod“ vom Sherlock-Hasser zum Fan gewandelt hat. Die Mitglieder des von ihm gegründeten „The Empty Hearse“-Fanclubs sind sich alle einig, dass Sherlock Holmes noch am Leben ist und haben alle ihre eigenen Theorien, wie er seinen Tod vorgetäuscht haben könnte. Andersons Theorie ist also nur eine von vielen und die Bilder, die wir eben gesehen haben damit eigentlich auch nichts anderes als fan fiction
Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) sehen wir kurze Zeit später in einer Szene in Serbien. Sein Aussehen und seine Situation erinnern stark an Pierce Brosnan zu Beginn des (schlechten) Bond-Films „Die Another Day“. Zum Glück ist aber Sherlocks Bruder Mycroft (Mark Gatiss) zur Stelle, um seinen Bruder zu befreien. Woher der wichtige und stets beschäftigte Mycroft Holmes die Zeit genommen haben soll, sich undercover in ein serbisches Verbrechersyndikat einzuschleusen, ist mir zwar ein Rätsel, aber irgendjemand muss Sherlock da ja rausholen. Zurück in London erzählt Mycroft irgendetwas von einem underground network, das einen Terroranschlag in London plant. Viel mehr erfahren wir erst einmal nicht, die Bedrohung bleibt diffus. Klar aber ist: Sherlock muss wieder ran, er ist der einzige, der den Fall lösen kann.
Also wird er rasiert und wieder in ordentliche Kleidung gesteckt. „Where is it?“, fragt er. „Where is what?“, entgegnet sein Bruder, scheinbar ahnungslos. „You know what.“, sagt Sherlock nur und hat natürlich recht: er meint seinen berühmten Mantel, das Kleidungsstück, das ihn erst wirklich zu Sherlock Holmes macht. Wortlos reich Mycrofts Assistentin ihm den Mantel und Sherlock schlüpft hinein. „Welcome back, Mr Holmes“, sagt die Assistentin und als Zuschauer schwelgt man einen Moment in Glückseligkeit, weil man gerade genau dasselbe gedacht hat. Sherlock Holmes ist zurück, er ist wieder voll da. Es ist wirklich bemerkenswert, wie „Sherlock“ es geschafft hat, in bis dahin nur sechs neunzigminütigen Episoden eine so starke Bildsprache zu entwickeln. Der Mantel mit dem hochgeschlagenen Kragen und die zerrauften Locken – mehr braucht man nicht, um den Sherlock Holmes des 21. Jahrhunderts zu erkennen. Als Sherlock zurück in die Baker Street kehrt, genügt allein seine Silhouette, um dem Zuschauer sein Kommen anzukündigen. (Auf die gekrümmte Pfeife, die früher fast immer Teil der Darstellung der Figur war, haben die Macher der neuen Serie verzichtet. Und die Nikotinpflaster, die Sherlock nun verwendet, sind in seiner Silhouette nicht sichtbar und damit kein Teil der neuen Sherlock Holmes-Ikonografie.)

John Watson (Martin Freeman) kehrt unterdessen ebenfalls zurück. Zwar war er weder außer Landes, noch wurde er für tot gehalten, doch die Trauer um seinen engen Freund hat deutliche Spuren in ihm hinterlassen. Zum ersten Mal fast zwei Jahren betritt John wieder in die Wohnung, die er gemeinsam mit Sherlock bewohnt hat. Mrs Hudson (Una Stubbs) macht ihm zunächst Vorwürfe, weil er sich die zwei Jahre über nie bei ihr gemeldet hat. Als er ihr aber erzählt, er werde bald heiraten, ist sie erfreut (auch wenn sie zunächst nur schwer begreifen kann, dass John mit einer Frau zusammen ist 😉 ). „He’s got on with his life“, sagt auch Mycroft, als Sherlock sich über John erkundigt. „What life?“, entgegnet Sherlock, „I’ve been away.“ Es folgt eine Einstellung, in der man Benedict Cumberbatch – in voller Sherlock-Montur – über die Dächer von London schauen sieht. Gab es dieselbe Szene nicht auch in „Star Trek Into Darkness“?
Wie auch immer, danach folgt endlich, worauf alle Zuschauer gewartet haben: das Aufeinandertreffen von Sherlock und Watson. Diese Szene im Restaurant, in der Sherlock, notdürftig als Kellner verkleidet, in Johns Heiratsantrag platzt, ist wirklich wunderbar geschrieben und gespielt. Selten war Fernsehen so spannend wie in dem Moment, als Sherlock an den Tisch tritt, an dem John und seine Freundin Mary (Amanda Abbington) sitzen. Watsons Gesichtsausdruck in dem Moment, als ihm dämmert, wer da neben ihm steht, ist Gold wert. Nachdem er den Schock überwunden hat, will John jedoch Antworten. „I don’t care how you faked it, I want to know why!“, fällt er Sherlock ins Wort, als dieser anfängt, von der sorgfältig geplanten Operation zu sprechen, mit der sein Tod vorgetäuscht wurde. Trotzdem kriegen wir, nachdem das erste Drittel der Episode vorbei ist, die zweite Version der Ereignisse aufgetischt – und dieses Mal ist sie noch klarer als fan fiction zu erkennen: Sherlock und Moriarty haben dieser Version zufolge beide ihren Tod vorgetäuscht, und nicht nur das, sie haben auch noch zusammen gearbeitet und waren anscheinend ein Paar. Schade nur, dass der Kuss der beiden zwar angedeutet, aber gar nicht gezeigt wird, sondern „rechtzeitig“ von der Szene weg geschnitten wird.
Auch diese Version des „Reichenbachfalls“ stammt von einem Mitglied des „Empty Hearse“-Sherlock-Fanclubs. Und spätestens als die versammelten Mitglieder aus dem Fernsehen und über ihre Smartphones davon erfahren, dass Sherlock Holmes noch am Leben ist, wird einem klar, dass Mark Gatiss – von dem das Drehbuch zu dieser Folge stammt – hier wohl einfach das reale „Sherlock“-Fandom in die Serie hineinverlegt hat. Die auf dem Bildschirm erscheinenden Hashtags – #SherlockHolmesAlive, #SherlockLives, usw. – tragen noch dazu bei, dass man hier das Gefühl hat, als würden sich Serienwelt und reale Welt vermischen.
Höchst erfrischend fand ich übrigens, dass Johns Freundin Mary auf Sherlock Holmes anders reagiert als viele andere Menschen, die den Detektiv kennen lernen durften – sie mag ihn! Sie ist von ihm fasziniert, aber nicht weil sie ihn mysteriös, unnahbar und vielleicht gerade deswegen sexy findet, sondern ganz einfach weil sie ihn wirklich sympathisch und interessant findet. Ein wenig scheint sie auch darüber amüsiert zu sein, dass das Genie Sherlock Holmes sich so schwer tut mit ganz alltäglichen, zwischenmenschlichen Dingen.
Immer ist mir auch aufgefallen, wie schnell „Sherlock“ ist. Ich habe bislang keine Analyse dazu durchgeführt (werde es wohl auch nie tun), aber ich würde mal behaupten, dass Detektivgeschichten im Fernsehen vor 20, 30 oder 40 Jahren noch ein wesentlich langsameres Erzähltempo hatten. Die Abfolge der Ereignisse und der dem Zuschauer dargebotenen Informationen findet in „Sherlock“ in einem so hohen Tempo statt, dass man ununterbrochen aufmerksam sein muss, um nicht vielleicht eine wichtige Information zu verpassen.

Erst in der Mitte der Episode beginnt dieses Mal der eigentliche Fall, den Sherlock und Watson zusammen lösen müssen. Anders habe ich das auch nicht erwartet, schließlich muss in „The Empty Hearse“ ja eine gewisse Zeit darauf verwendet werden, wie Sherlock und Watson sich wieder treffen und lernen, erneut zusammen zu arbeiten. John muss aktzeptieren, dass Sherlock ihn getäuscht hat, ihm verzeihen und ihm wieder vertrauen. Nachdem das alles erledigt ist, beginnt also die eigentliche Geschichte, wobei auch hier zunächst mit der Entführung Johns und seiner Beinahe-Verbrennung noch ein Ereignis vorkommt, das mit dem eigentlichen Fall dieser Episode nichts zu tun hat (was es damit auf sich hat, erfährt man erst in der letzten Folge). Die Motorrad-Szene, in der Sherlock und Mary dem unter einem Scheiterhaufen gefangenen John zu Hilfe eilen, driftet aber zum Glück nicht zu sehr in eine Action-Richtung ab, die der Serie gar nicht stehen würde.
Nachdem wir – als wäre all das noch nicht genug – auch noch Sherlocks Eltern kennen gelernt haben, die sich als erstaunlich normal entpuppen, nähert sich die Spannungskurve in der letzten halben Stunde ihrem Höhepunkt. Dass Sherlock nicht sofort klar wurde, warum der in den Zug gestiegene Passagier an keiner der folgenden Stationen wieder ausgestiegen ist – ein Waggon wurde zwischen zwei Stationen abgekoppelt – ist zwar unglaubwürdig, aber ich will es der Episode mal verzeihen. Nachdem er das Rätsel gelöst und zusammen mit John den zur Bombe umfunktionierten Waggon gefunden hat, gibt es eine herrliche Szene in diesem Waggon. Eigentlich meint man, derartige Szenen schon so oft gesehen zu haben – ein Bombe, ein Countdown und die Helden der Geschichte, die die Bombe irgendwie entschärfen müssen. Aber hier hat es „Sherlock“ wieder einmal geschafft, mich zu überraschen. Erstens, weil ich wirklich nicht wusste, wie Sherlock und John aus dieser Situation wieder heil heraus kommen würden. Keiner von beiden schien die Bombe entschärfen zu können und der Timer zählte unaufhaltsam herunter! Zweitens wurde die Szene zusätzlich aufgewertet, indem gerade hier auch der emotionale Höhepunkt der Folge stattfand: John verzeiht Sherlock hier endgültig, dass er ihn getäuscht hat und spricht aus, wie wichtig ihm die Freundschaft zu ihm ist. Und dann folgt die erleichternde Auflösung: „There’s always an off-switch.“ 😀
Es ist fast schade, dass die Szene unterbrochen wird durch eine weitere „so könnte es gewesen sein“-Geschichte – oder ist dies nun die wahre Version vorn Sherlocks Sturz vom Dach? Schließlich ist es diese Mal kein Fan oder Verschwörungstheoretiker, sondern Sherlock selbst, der die Ereignisse schildert. Anderson reagiert darauf – stellvertretend für das weltweite reale „Sherlock“-Fandom – mit Enttäuschung und Skepsis. Er hat, wie wir gehört haben, längst seine eigene Theorie entwickelt, mit der es die Wahrheit nicht aufnehmen kann. Es ist sehr smart von Mark Gatiss und Steven Moffat, die bereits absehbare Kritik an der Auflösung auf diese Weise noch innerhalb der Serie zu thematisieren und gleichzeitig auch zumindest einen Rest Zweifel daran offen zu lassen, wie es denn nun wirklich gewesen ist.

Insgesamt hat mir die Folge sehr gut gefallen. Zwar finde ich es schade, dass der eigentliche Fall dieses Mal etwas zu kurz gekommen ist, doch wie erwähnt kann ich das in diesem Fall verzeihen, da die Folge erst einmal einige Zeit darauf verwenden musste, Sherlock und Watson wieder zusammen zu bringen, was ja auch durchaus seinen Reiz hatte. Der Witz, die Spannung und die Dialoge waren jedenfalls wie erwartet auf sehr hohem Niveau, ganz genauso wie das Schauspiel (was inzwischen schon selbstverständlich sein dürfte). Dass die Serie sich immer wieder quasi selbst thematisiert ist eine interessante Entwicklung. Für die zweite Episode habe ich mir wieder einen neuen Fall erwartet, der mehr Raum in der Erzählung einnimmt, aber leider wurde ich in dieser Hinsicht sehr enttäuscht. Statt dessen gab es nämlich noch mehr fan fiction und ein einziges erzählerisches Durcheinander, das mich ernsthaft daran zweifeln ließ, ob es sich da immer um dieselbe Serie handelt. Aber dazu mehr im nächsten Blogpost.

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Ein Gedanke zu “Sherlock – Season 3: „The Empty Hearse“

  1. Hab die Folge nun auch endlich gesehen (frag mich nicht, wann ich vorher das letzte Mal am abendlichen Unterhaltungsprogramm der ARD teilgenommen habe – es ist vermutlich Jahre her…) und mich auch schon die ganze Woche lang darauf gefreut! 🙂 Mir hat sie auch gut gefallen, es ist einfach schön und macht einfach Spaß Sherlock und Watson bei ihren Fällen zuzusehen. Die beiden sind mir wirklich ans Herz gewachsen.
    Die fan fiction-Sache habe ich gestern gar nicht so wahrgenommen, da bin ich jetzt erst durch deinen Beitrag so richtig draufgekommen. Ist aber eine interessante Idee. Bin schon extrem gespannt auf Folge 2&3, v.a. weil die nächste Folge ja sehr umstritten zu sein scheint. Da muss ich dann nächstes Wochenende schockierenderweise direkt wieder am ARD-Abendprogramm teilnehmen! 😉

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