Die Michael Jackson Halloween-Compilation „Scream“

Es ist Herbst, die Tage werden deutlich kürzer, die Blätter bunt und Halloween nähert sich. Schon seit Jahren ist das auch hierzulande für viele ein Anlass, ihre Fenster und Vorgärten mit Kürbissen und allerlei schaurigem Dekomaterial auszustatten. Für Michael Jackson-Fans wie mich bedeutet es vor allem eines: Es ist wieder die Zeit, verstärkt Songs wie „Thriller“, „Ghosts“ und „Threatened“ zu hören und Jacksons visuelle Gothic-Meisterwerke „Thriller“ und „Ghosts“ anzuschauen – spätestens am Halloween-Abend. Tatsächlich heißt Halloween für viele Jackson-Fans schon lange nur noch „Thrillerween“ oder „Thriller Night“.

Michael Jackson hatte sein Leben lang eine Vorliebe fürs Gruselige. Mit dem „Thriller“-Video lebte er diese Vorliebe 1983 künstlerisch aus und schuf gleichzeitig einen Meilenstein im Genre des Musik-Kurzfilms. Im Lauf seiner Karriere kehrte er mit Songs wie „Ghosts“, „Is It Scary“ oder „Threatened“ immer wieder zur Grusel- und Gothic-Thematik zurück. Diese faszinierte ihn nicht nur deswegen, weil er Verkleidungen und Schauergeschichten liebte, sondern auch, weil er beim Zurückgreifen auf die Konventionen dieses Genres der Welt einen Spiegel vorhalten konnte. Ganz nach dem Motto „Ihr denkt, ich bin ein Monster? Seht hier, ihr seid selber welche!“ Eine dunkle Seite steckt in jedem von uns…

Für die Aufnahmen zu „Thriller“ holten Michael Jackson und Quincy Jones Horrorfilm-Legende Vincent Price ins Studio, der den nun berühmten gesprochenen Teil am Ende des Stücks aufnahm. Die Handlung des Kurzfilms „Ghosts“ entwarf Jackson in den Neunzigern gemeinsam mit dem Meister des Horros, Stephen King. Auch war er ein großer Bewunderer Edgar Allan Poes, den er sogar in einem Film spielen wollte. 2009, als er mit seiner Rückkehr auf die Konzertbühne ein großes Comeback feiern wollte, plante Jackson außerdem ein Halloween-Special im amerikanischen Fernsehen (wie dieses ausgesehen hätte, kann man hier lesen). Dazu kam es bekanntlich leider nicht mehr. Dennoch ist zumindest das Lied „Thriller“ aus der Halloween-Saison nicht mehr wegzudenken.

In Anbetracht von Jacksons Vorliebe für die Thematik liegt es also nahe, rechtzeitig zu Halloween ein paar Produkte herauszubringen, die die Grusel-Songs und -Filme des King of Pop in den Mittelpunkt rücken. Auf dem Internationalen Filmfestival von Venedig hat John Landis, Regisseur des „Thriller“-Videos, eine 3D-Version des Kurzfilms vorgestellt. Man kann nur hoffen, dass diese auch außerhalb des Festvials zu sehen sein wird und hoffentlich auch als 3D-Bluray erscheint (zusammen mit dem bislang nur auf VHS veröffentlichten, ebenfalls in Venedig gezeigten „Making of Thriller“). Im Oktober wird im US-Fernsehen zudem ein animiertes Halloween-Special ausgestrahlt. Darin soll es um zwei Figuren gehen, die sich in der Halloween-Nacht treffen und ein „magisches Abenteuer“ erleben, das in einer spektakulären Tanzszene mit einem „animierten Michael Jackson“ endet. Die Sprecher sind dabei zum Teil durchaus prominent (Alan Cumming, Christine Baranski, Lucy Liu), aber trotzdem ist mein Kommentar dazu nur: WTF!!?? So wie ich Sony Music und den Michael Jackson Estate einschätze, wird wohl eher dieses Special auf Bluray veröffentlicht als die 3D-Version von Thriller…

Kommen wir aber mal zum eigentlichen Gegenstand dieses Blogposts: Am Freitag erscheint nämlich auch eine neue Michael Jackson-Compilation namens „Scream“, die thematisch ebenfalls zur Halloween-Saison passen soll. Das ist prinzipiell eine gute Idee, schließlich hat Jackson mehrere dazu passende Lieder veröffentlich. Aber schauen wir uns das Album, von dem ein Rezensionsexemplar gerade vor mir auf dem Schreibtisch liegt, mal genauer an.
Optisch ist es auf jeden Fall sehr schön gestaltet. Die Illustration auf dem Cover ist wirklich gut gelungen und dürfte von nun an auf keiner Einladung für eine Jackson-Halloween-Party mehr fehlen. Das Booklet lässt sich zu einem Poster mit einer dann aber leider recht lieblos wirkenden Illustration auffalten. (Auf meinem Instagram-Account findet ihr mehrere Fotos des Albums.) Zusätzlich liegt dem Album ein kleiner Flyer bei. Hat man auf seinem Smartphone die „Shazam“-App installiert und scannt diesen damit, soll man in Verbindung mit dem Poster Zugang zu einer Augmented Reality-Erfahrung erhalten. Bei mir hat das allerdings noch nicht funktioniert, ich wurde nur auf eine Webseite weiter geleitet, auf der ich das Album vorbestellen kann.

Was den Inhalt des Albums betrifft, wirkt dieser zum Teil etwas willkürlich zusammen gewürfelt. Natürlich liegt das auch daran, dass Michael Jackson zwar durchaus eine Handvoll „Grusel-Songs“ veröffentlicht hat, aber eben nicht genug, um damit ein ganzes Album zu füllen. Unter den 14 Tracks finden sich neben dem obligatorischen „Thriller“ deshalb auch solche, die lediglich vom Titel oder der allgemeinen Atmosphäre her weitestgehend auf das Album passen. So haben „Blood On The Dance Floor“ und „Dangerous“ zwar die Worte „Blut“ und „gefährlich“ im Titel, behandeln aber unter anderem das ebenfalls bei Jackson beliebte Thema der „femme fatale“. Ähnliches gilt für „Scream“ und „Unbreakable“ – beides für Michael Jackson äußerst persönliche Lieder mit Botschaften, die ihm sehr wichtig waren. Diese Songs sollte man nicht auf rein „gruselige“ Lieder reduzieren! Etwas kurios wirkt es, dass sich auch „Somebody’s Watching Me“ auf das Album verirrt hat. Klar, der Titel klingt nach Horrorfilm und Grusel, aber eigentlich handelt es sich hier um ein bestenfalls mittelmäßiges Stück des Sohns von Motown-Gründer Berry Gordy, zu dem Michael Jackson lediglich den immer wieder aus denselben beiden Zeilen bestehenden Refrain beigetragen hat. Fast am schlimmsten finde ich jedoch, dass das Stück „Xscape“ hier nur in der 2014 veröffentlichten Remixversion vorliegt. Wie willkürlich die Aufnahme mancher Stücke in die Tracklist ist, zeigt auch, dass es durch aus noch andere Stücke gegeben hätte, die  zumindest vom Titel her auf das Album gepasst hätten, „State of Shock“ oder „Speed Demon“ zum Beispiel.

Die wirklich zur Thematik passenden Lieder sind neben „Thriller“ noch „Ghosts“ und „Threatened“. Auch „This Place Hotel“, das das Album eröffnet, lässt sich durchaus der Kategorie der Gothic-Grusel-Songs zuordnen. Das ursprünglich 1980 auf dem Jacksons-Album „Triumph“ erschienene Stück war eines der ersten Lieder, die Michael Jackson im Alleingang geschrieben, gesungen und produziert hat. (Eigentlich heißt der Song „Heartbreak Hotel“, wurde aber damals wegen angeblicher Verwechslungsgefahr mit dem gleichnamigen Elvis Presley-Titel nicht unter diesem Titel veröffentlicht. Inzwischen finde ich diese Umbenennung nur noch lächerlich, schließlich gibt es genug andere Songs, die genauso heißen.) Unerklärlicherweise fehlt mit „Is It Scary“ einer der besten und vielschichtigsten Jackson-Titel überhaupt. Den Abschluss des Albums bildet ein neuer Mashup aus mehreren der auf dem Album enthaltetenen Songs (hier ist dann auch „Is It Scary“ dabei), an dem das Bemerkenswerte ist, dass es sich hier um einen Michael Jackson-Halloween-Mashup handelt, der ganz ohne „Thriller“ auskommt! Dafür ist dieser Remix aber ziemlich hektisch und durcheinander geraten, also bezweifle ich, dass er ein Hit auf Halloween-Parties oder im Radio werden wird.

Positiv an dieser Zusammenstellung von Liedern ist, dass es viele unbekanntere Stücke auf das Album geschafft haben. Tatsächlich findet sich darauf nur ein Song aus dem sonst so ausgeschlachteten „Thriller“-Album, dafür aber mit „Unbreakable“ und „Threatened“ zwei Titel aus Jacksons „vergessenem“ Studioalbum „Invincible“. Zu beiden Liedern wollte Jackson übrigens spektakuläre Kurzfilme drehen; leider bekam er aufgrund der Streitigkeiten mit seiner Plattenfirma 2001/2002 nicht die Gelegenheit dazu. Die optische Gestaltung des Albums finde ich wie gesagt sehr gelungen. Im Oktober wird auch eine „glow in the dark“-Vinylausgabe erscheinen, deren Anschaffung sich wohl zumindest aus optischen Gesichtspunkten lohnt. Davon abgesehen ist „Scream“ aber mal wieder ein äußerst lieblos zusammen geschustertes Produkt des Michael Jackson Estates. Wie erwähnt hegte Michael Jackson eine lebenslange Vorliebe für alles Gruselige und Mysteriöse, für Horrorfilme und Verkleidungen. Was läge also näher, als darauf in ein paar Liner Notes im Booklet des Albums einzugehen und zu erklären, warum man sich zur Zusammenstellung dieser Compilation entschlossen hat? Auch Interpretationen und Analysen der einzelnen Songs könnte man dabei liefern. Der einzige Satz, den man dazu im Booklet findet, lautet aber „This album celebrates the King of Pop, Michael Jackson, and his love for the Halloween season.“ Äußerst schwach!

Braucht man also ein Album wie „Scream“? Sicherlich nicht, jedenfalls nicht in dieser From. Und ganz sicher hätte der Michael Jackson Estate auch an dieses Projekt mit mehr Detailliebe und Umsicht heran gehen können (und müssen!). Eine Compilation, die vielleicht einigen Jackson-Neulingen ein paar der nicht so bekannten Songs nahe bringt, ist ja prinzipiell eine gute Sache. Aber es gäbe so viele wichtigere und dringendere Veröffentlichungen, um die sich Sony und die Nachlassverwalter längst hätten kümmern müssen. Ganz bestimmt brauchen wir kein Halloween-Animationsspecial mit einem tanzenden CGI-Michael am Ende. Stattdessen sollte zum Beispiel endlich mal Jacksons Meisterwerk „Ghosts“ auf Bluray veröffentlich werden! (Der Film ist tatsächlich noch nicht einmal offiziell auf DVD erschienen.) Davon, dass man auch alle anderen Kurzfilme und Aufnahmen von Jacksons Konzerten endlich einmal ordentlich remastern und in hochaufllösender Fassung veröffentlichen sollte, will ich gar nicht erst anfangen…

Interessant fände ich es allerdings, wenn nach „Scream“ noch weitere Compilations veröffentlicht werden, die sich mit konkreten Themen beschäftigen. Einen „Love Songs“-Sampler bekommt sowieso fast jeder Künstler früher oder später spendiert. Eine „Dance“-Compilation bietet sich bei Michael Jackson natürlich auch an. Am wichtigsten wäre mir aber die Veröffentlichund eines Albums mit Liedern, in denen es um das große soziale und umweltpolitische Bewusstsein Jacksons geht. Man könnte ein solches Album schlicht „Earth“ oder „Planet Earth“ nennen. DAS wäre mal ein wirklich notwendiges Projekt, das man in Verbinung zu zahlreichen Umwelt- und Benefizaktionen stellen könnte. (Unten findet ihr Links zu Spotify-Playlisten – einmal die Tracks aus „Scream“, allerdings mit der Originalversion von „Xscape“ und eine Liste mit einigen potentiellen Kandidaten für ein „Earth“-Album.) Übrigens ist gerade Joseph Vogels hervorragendes Buch zur Entstehung von „Earth Song“ in einer neuen, erweiterten Auflage erschienen. Einen Auszug könnt ihr hier lesen. Die Anschaffung des Buches lohnt sich sehr!


Copyright Bild: Sony Music

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Michael Jackson: Xscape

Mit „Xscape“ ist vor einer guten Woche ein neues Album von Michael Jackson erschienen. Wobei man bei einem seit knapp fünf Jahren toten Künstler natürlich nicht wirklich von einem „neuen“ Album sprechen kann; vielmehr handelt es sich hier um acht unter der Aufsicht von L.A. Reid, Musikproduzent und Vorsitzender von Epic Records, zusammen gestellte und nachträglich von verschiedenen Produzenten „vollendete“ Lieder, an denen Michael Jackson zwischen 1980 und 2002 gerabeitet hat. Für einen Fan wie mich sind solche posthumen Veröffentlichungen stets ein zweischneidiges Schwert: einerseits weiß man, dass hier von Jackson angefangene Werke von anderen in einer Weise fertig gestellt worden sind, die der Künstler so wohl nicht für gut (genug) befunden hätte, andererseits ist man aber natürlich gierig nach jedem Songschnipsel, den man in die Finger kriegen kann (und wenn man eine offizielle CD mit acht Liedern kaufen kann, ist es gleich noch einmal schöner, als nur einen geleakten Song im Internet downzuloaden). Es ist bekannt, was für ein Perfektionist Michael Jackson war; er arbeitete teilweise über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg immer wieder an einem Lied, bis es endlich seinen Vorstellungen entsprach und seiner Meinung nach reif für eine Veröffentlichung war (Joseph Vogel hat diesen Prozess sehr ausführlich und gut recherchiert exemplarisch an Jacksons „Earth Song“ beschrieben). Viele Songs, die andere Künstler wohl sofort veröffentlicht hätten, hielt Jackson unter Verschluss, weil sie noch nicht vollkommen seiner Vision entsprachen – so eben auch die acht Titel, die nun auf „Xscape“ erschienen sind.

Immerhin versucht der Michael Jackson Estate bei der Veröffentlichung dieses neuen Albums einige Fehler zu vermeiden, die beim ersten posthumen Album „Michael“ 2010 passiert sind. Zum einen gibt es dieses Mal keine Zweifel, dass auf allen acht Stücken auch wirklich Michael Jackson selbst singt (wie viele andere Fans bin auch ich inzwischen überzeugt davon, dass auf den drei berüchtigten „Cascio Tracks“ auf „Michael“ nicht Jackson selbst, sondern ein Imitator zu hören ist). Zum anderen gibt es neben der normalen Ausgabe des Albums mit den nachträglich „fertig produzierten“ Versionen auch eine Deluxe Edition zu kaufen, die zusätzlich die Originalfassungen aller acht Stücke enthält, also (Demo-)Versionen der Songs, so wie Jackson sie hinterlassen hat. Das finde ich eine sehr lobenswerte Entscheidung, denn auf diese Weise kann man sich nicht nur ein Bild davon machen, auf welche Weise genau die Songs verändert worden sind, sondern kann auch die neuen Fassungen links liegen lassen und sich immer wieder nur die Originale anhören, falls man das möchte.

Von den acht Liedern auf dem Album sind für langjährige Jackson-Fans freilich nur zwei wirklich neu. Außer „Chicago“ und „Loving You“ kursieren alle Titel bereits seit Jahren zum Teil in verschiedenen Fassungen im Internet; der Titelsong „Xscape“ ist sogar bereits 2002 im Internet geleakt. Die kreative Aufsicht über die Fertigstellung der neuen Fassungen hatte Star-Produzent Timbaland, der auch bei fünf Titeln selbst Hand anlegte. Unter den weiteren beteiligten Produzenten befinden sich John McClain (der auch bereits am „Michael“-Album beteiligt gewesen war) und das norwegische Duo Stargate (bekannt durch die Arbeit mit Rihanna oder an Beyoncés Hitsingle „Irreplaceable“), auf das Jackson selbst noch zu Lebzeiten wegen einer Zusammenarbeitet zugegangen war, zu der es aber nie kam. Rodney „Darkchild“ Jerkins ist der einzige unter den beteiligten Produzenten, der tatsächlich selbst mit Michael Jackson gearbeitet hat (er produzierte sechs Titel auf Jacksons letztem Studioalbum „Invincible“). Der langjährige Jackson-Produzent Teddy Riley, der noch an einige der auf „Michael“ veröffentlichten Stücke nachträglich Hand angelegt hatte, war dieses Mal nicht mehr mit von der Partie.

Nun werden also bislang unveröffentlichte Lieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Aber warum musste man diese Stücke eigentlich eigentlich nachträglich abändern und damit quasi remixen? Hier zitiere ich mal aus dem Booklet des Albums: „[T]he goal was bold, but straightforward: take some of Jackson’s best and most complete unreleased music and make it feel as new, as current, as fresh as if the artist was still with us.“  Im weiteren Verlauf des Textes wird argumentiert, Jackson habe oft über Jahre hinweg an seinen Liedern gearbeitet, sie sich immer wieder vorgenommen und zu verbessern versucht und sie manchmal erst viele Jahre später auf einem Album veröffentlicht. „With this process in mind, Jackson’s Estate began combing through the artist’s vault in late 2012, looking for some of the strongest material the artist left behind.“ Ungefähr 24 Stücke wurden dabei ausgewählt. L.A. Reid nahm nur solche Titel in die engere Auswahl mit auf, die Jackson mehrmals komplett eingesungen hatte und bei denen keine Lead- und Background Vocals fehlten. (Dass man aus diesen 24 Stücken nun nur acht aufs Album gepackt hat, bedeutet wohl, dass noch mindestens zwei weitere Alben mit unveröffentlichten Songs auf uns zu kommen.)

„The primary vision for XSCAPE […] was to ‚make it new‘ (to adopt a modernist credo) to accentuate the music’s relevance to the here and now.“, heißt es weiter. Was allerdings besonders neu oder aktuell an den hier nun mit aus Hunderten anderen Songs bekannten Elektro-Sounds und Timbaland-Basslines versehenen Neufassungen sein soll, erschließt sich mir ganz und gar nicht. Michael Jackson hat in Interviews immer wieder betont, dass er stets auf der Suche nach neuen Sounds war, nach Klängen, die man so in der Popmusik noch nie gehört hatte. Auf dieser Suche war er im Lauf seiner Karriere immer wieder  erfolgreich und hat damit einen für ihn eigenen, typischen Jackson-Sound geschaffen. „Remember The Time“ vom 1991er Album „Dangerous“ ist ein schönes Beispiel für diesen neuen Sound, nach dem Jackson stets strebte – der Song hört sich vollkommen anders an als die Jackson-Lieder der 80er Jahre, klingt aber trotzdem zeitlos und eben typisch nach Jackson. Wenn nun aber ein paar Musikproduzenten daher kommen und alte Jackson-Stücke zu modernisieren versuchen, damit diese dem aktuellen Musikgeschmack und den momentanen Trends entsprechen, darf man sich davon wohl nicht zu viel versprechen. Ich wage jedenfalls die Vorhersage, dass sich die neuen Fassungen der acht Titel auf „Xscape“ in ein paar Jahren ziemlich alt anhören werden, während die Orginalversionen überwiegend frisch bleiben.

Die neu produzierten Fassungen hören sich für mich jedenfalls überhaupt nicht nach „on the cutting-edge“ an, wie es im CD-Booklet weiter heißt; beim ersten Durchhören der CD und Vergleichen der alten mit den neuen Versionen habe ich fast jedes Mal den Kopf geschüttelt, als ich gehört habe, was Timbaland & Co. aus Jacksons Vorlagen gemacht haben. Klar, das klingt wie vieles andere, das in den letzten Jahren im Radio lief und wird vielleicht gerade deswegen Erfolg haben. Wirklich „neu“ ist daran aber nichts. Hätten wir nur diese neuen Fassungen zur Verfügung, würde ich mich darüber wahnsinnig aufregen. Wie gesagt gibt es aber auf der Deluxe Version von „Xscape“ auch die Originale, die ich mir viel lieber anhöre. So habe ich mich also doch noch mit diesem Album versöhnen können.

In einem der nächsten Sätze im Booklet ist dann interessanterweise auch nicht mehr von „cutting-edge“ die Rede, also davon, mit diesen Songs über den Sound der Zeit hinaus zu gehen und womöglich etwas ganz Neues, so noch nie zuvor Gehörtes zu schaffen, sondern lediglich von „contemporizing Jackson’s songs“, also davon, sie dem momentanen Geschmack anzupassen. Zumindest in dieser Hinsicht haben die Produzenten hier wohl Erfolg gehabt (und mehr konnte man auch nicht erwarten) – sowohl meine Mutter als auch meine Schwester fanden die neu produzierten Versionen jedenfalls ziemlich gut.

Noch ein paar Worte zu den einzelnen Songs:

„Love Never Felt So Good“ – Meiner Meinung nach der gelungenste unter den „modernisierten“ Songs und eine passende erste Singleauskopplung. Die Originaldemo des von Jackson und Paul Anka geschriebenen Stücks ist schon lange einer meiner Favoriten, für die neue Fassung haben sich John McClain und Giorgio Tuinfort ganz klar den „Off The Wall“-Sound zum Vorbild genommen. Statt auf Gimmicks setzen sie auf Altbewährtes – mit Erfolg. Trotzdem möchte ich auch die nur mit Klavierbegleitung unterlegte Demo von 1980 nicht missen. Auf der Deluxe Edition gibt es noch eine dritte Fassung, als Duett mit Justin Timberlake und produziert von Timbaland. Die ist auch ganz okay. 🙂
„Chicago“ – Der Songtitel ist etwas irreführend, zum einen weil es noch ein weiteres (bislang nicht veröffentlichtes) Jackson-Lied gibt, das auf den Namen „Chicago 1945“ hört und zum anderen weil das Wort „Chicago“ hier eben nur einmal am Anfang des Liedes vorkommt und im Refrain immer wieder die Worte „She was lovin‘ me“ wiederholt werden. Warum man das Stück dann trotzdem „Chicago“ genannt hat, weiß nicht. Damien Shields hat Anfang April in seinem Blog diesem Song einen eigenen Post gewidmet, um die Fans darüber aufzuklären, dass das bis dahin als „She Was Lovin‘ Me“ bekannte (aber noch von niemandem gehörte) Stück und „Chicago“ ein und derselbe Song sind. Zum Lied selbst: Es wurde vom Musikproduzenten Cory Rooney geschrieben, Jackson liebte den Song und nahm ihn auf. Die Originalfassung hört sich noch nicht richtig fertig an, aber ich liebe Jacksons abwechselns sanften und agressiven Gesang. Wenn ich den Beginn der neuen Fassung höre, schüttelt es mich einfach nur…
„Loving You“ – Vielleicht ist die Verwechslungsgefahr mit diesem Titel der Grund dafür, warum „Chicago“ eben nicht „She Was Lovin‘ Me“ heißt. „Loving You“ wurde von Jackson ganz allein geschrieben und ist einer dieser wunderschönen Lovesongs, die man sich an einem grauen Regentag anhören und bei denen man träumen kann. Auch hier hat Timbaland meiner Meinung nach mehr verschandelt als verbessert, deswegen werde ich überwiegend die Originalfassung anhören.
„A Place With No Name“ – Eine von Jackson neu getextete Fassung des America-Hits „A Horse With No Name“. Ich finde es sehr interessant, dass er sich auch für so etwas nicht zu schade war (andererseits hat er sich ja dazu entschieden, das Lied nicht zu veröffentlichen). Die Originalfassung hat einen Groove, der einen sofort mitschwingen lässt und ich muss zugeben, dass ich die von Stargate neu erstellte Version nach anfänglicher Skepsis gar nicht mehr so übel finde. Die eingesetzten Elektrosounds sind gar nicht so unpassend, aber auch hier bin ich froh, die Wahl zwischen beiden Fassungen zu haben.
„Slave To The Rhythm“ – Von diesem Song ist vor ein paar Jahren eine von Tricky Stewart gemixte Fassung im Internet aufgetaucht, deren Elektrosound ich sehr cool finde und die mir seitdem ins Ohr gegangen ist. Auch als Duett mit Justin Bieber gibt es den Song… Der auf der Deluxe Edition von „Xscape“ veröffentlichten Originalfassung hört man ihren Ursprung deutlich an – sie wurde während der Sessions für das „Dangerous“-Album aufgenommen. Damals geschrieben und produziert von L.A. Reid und Babyface, wurde das Stück nun unter anderem von Timbaland auf den neuesten Stand gebracht. Von allen Timbaland-Produktionen auf dem Album finde ich diese hier am gelungensten, ziehe aber die Tricky Stewart-Fassung immer noch vor, auch wenn sie bislang nicht in bester CD-Qualität vorliegt und offiziell unveröffentlicht ist. Letzte Nacht ist Michael Jackson übrigens bei den Billboard Music Awards mit diesem Song (in der neuen Timbaland-Fassung) aufgetreten – ja, richtig gelesen! Ein Jackson-Hologramm, das wohl zumindest teilweise auf einem Jackson-Imitator basierte (wie man am Gesicht erkennen konnte) tanzte zusammen mit anderen Tänzern, die anscheinend auch zumindest teilweise nur Hologramme waren und bewegte mehr schlecht als recht die Lippen zum Text. Gut gemeint, aber irgendwie gruselig, auch wenn das Outfit des Holo-Michaels cool aussah.
„Do You Know Where Your Children Are“ – Genau wie bei „Slave To The Rhythm“ ist auch hier seit einigen Jahren eine Fassung des Songs im Umlauf, die sich von der auf der Deluxe Version enthaltenen Originalfassung unterscheidet – und auch in diesem Fall ist diese „dritte“ Fassung mein Favorit. Sie ist deutlich rockiger als offizielle Originalfassung. Vom Text her ist dieser Song einer der interessanteren Titel auf „Xscape“; Jackson singt darin von einem Mädchen, das sexuell missbraucht wird, von zuhause fortläuft und schließlich in die Fänge der Kinderprostitution gerät. Den Songtitel hat Jackson einer Reihe von US-Fernsehwerbespots entliehen, in denen Eltern in den 80er Jahren die Frage gestellt wurde „Do You Know Where Your Children Are?“ Damien Shields beschreibt die neue, unter anderem von Timbaland verbrochene Fassung als „video game-ish“, womit eigentlich schon alles gesagt ist, denn sie klingt tatsächlich zumindest phasenweise mehr nach GameBoy als nach Jackson…
„Blue Gangsta“ – Diesen Song liebe ich schon lange, weil er sich anhört wie kein zweiter Jackson-Song. Er hat ein wenig dieses „Smooth Criminal“-Feeling, ist aber deutlich langsamer und geht trotzdem sehr in die Beine. Geschrieben und produziert wurde das Lied genau wie das auf „Invincible“ veröffentlichte „Break Of Dawn“ von Dr. Freeze. Die geleakte Fassung, die ich kenne, entspricht der Originalfassung auf der Deluxe Version, ist aber noch ein wenig länger. Die neue Fassung ist im Intro noch in Ordnung, aber dann machen Timbaland & Co. wieder alles kaputt…
„Xscape“ – Diesen Song kennen viele Jackson-Fans wie gesagt schon seit 2002, als er plötzlich im Internet auftauchte, und zwar nicht in einer unfertigen Demofassung, wie das bei vielen anderen Leaks der Fall war, sondern in einer Version, die sich vollkommen fertig produziert anhörte und die man so auch sofort hätte veröffentlichen können. Gerüchten zufolge wollte Jackson das damals auch tun (auf sein 2001er Album „Invincible“ schaffte es der Song trotzdem nicht), entschied sich aber dagegen, nachdem der Song ins Netz durchgesickert war. Oder die damaligen Streiteren mit Sony Music machten ihm einen Strich durch die Rechnung, wer weiß. Ich bin jedenfalls nach wie vor überzeugt, dass das Lied ein Riesenhit hätte werden können. Auf der Deluxe Version des Albums hören wir nun genau jene seit 2002 bekannte Originalfassung, die Jackson-Funk in Perfektion darstellt. Mit fast sechs Minuten mag der Titel vielen zu lang sein, aber ich liebe es, wenn Jackson in seinen Songs immer noch einen draufsetzt. Auch der abwechselnd fauchende und dann wieder kraftvoll herausgeschrieene Gesang fasziniert mich. Von allen Stücken auf dem Album ist die Originalfassung von „Xscape“ bei weitem mein Favorit! Warum bloß hat man auch diese nun verändert, der Titel war doch längst fertig? Rodney Jerkins, mit dem Jackson das Stück damals geschrieben und produziert hatte, hat sich den Song noch einmal vorgenommen und das Ergebnis finde ich einfach nur befremdlich. Das Lied hat einen Großteil seiner Power verloren! Ich höre weiter das Original. Übrigens ist auch hier der Text höchst interessant; Jackson singt davon, wie er auf Schritt und Tritt von „elektrischen Augen“ beobachtet wird, von denen er fliehen will. „When I go, this problem world won’t bother me no more“, heißt es in der Überleitung. Hoffen wir mal, dass es ihn nun wirklich nicht mehr stört, wie sich andere Leute an seinem musikalischen Nachlass vergreifen.

Zum Schluss möchte ich noch auf interessante Artikel zweier Jackson-Experten verweisen: Joseph Vogel hat für Slate die Entstehung des Titelsongs des Albums beschrieben, von der ursprünglichen Zusammenarbeit zwischen Jackson und Rodney Jerkins bis hin zur posthumen „Weiterentwicklung“ des Songs. Damien Shields hat in seinem Blog eine ausführliche Rezension zum neuen Album gepostet, in der er auch noch mehr auf die Entstehungsgeschichten der einzelnen Titel eingeht (ich habe mich in meinem Post hier mehrmals auf diesen Artikel gestützt).

Und zu allerletzt noch ein weiteres Zitat aus dem Album-Booklet, über das sich nachzudenken lohnt (ich wollte es eigentlich im Text unterbringen und kommentieren, aber die Zeit reicht nicht mehr und der Post ist auch schon lang genug – vielleicht also ein anderes Mal):
„Throughout his career, Jackson frequently used the term ‚escape‘ or ‚escapism‘ to describe his art. It was a term critics often misunderstood as meaning superficial entertainment detached from real-world problems. Yet for Jackson, as the songs on this album (and the rest of his catalog) indicate, it was not an aesthetic of evasion. Very few popular artists have tackled the range of subject matter of Michael Jackson. Escape, for Jackson, was about transporting his audience (and himself) into different stories, different spaces, different sounds and emotions; it was about drawing contrasts between the way things are and the way things could be, between our realities, fears and desires.“