„Alias“ – meine ersten Eindrücke nach sechs Episoden

Als ob es nicht genug tolle aktuelle Fernsehserien gäbe, bei denen ich nicht auf dem neuesten Stand bin oder die ich noch nicht einmal anzuschauen begonnen habe, habe ich nun auch noch eine schon etwas ältere Serie dazwischen geschoben: ALIAS (2001 – 2006)
Der Grund dafür, dass ich nun angefangen habe, noch eine weitere Serie anzuschauen, ist natürlich J.J. Abrams, der Mann hinter „Lost“, hinter dem fantastischen „Star Trek“-Reboot und (für mich nicht ganz unwichtig) auch der Regisseur von „Star Wars: Episode VII“. Nachdem „Lost“ eine meiner Lieblingsserien ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir mal eines von Abrams‘ anderen TV-Werken vorgenommen habe („Fringe“ bin ich bereits verfallen und warte nur noch auf den Blu-ray-Release der letzten Staffel; Abrams‘ Frühwerk „Felicity“ werde ich mir sicherlich auch irgendwann vornehmen).

Nun also zu „Alias“: Zunächst einmal muss ich betonen, dass ich bislang erst sechs Episoden gesehen habe und hier nur meine allerersten Eindrücke wiedergeben kann. Ich weiß zum Glück noch nichts über den weiteren Verlauf der Serie und kann sie vollkommen ungespoilert genießen. Da die Serie fünf Staffeln mit jeweils 22 (Staffeln 1-4) bzw. 17 (Staffel 5) Episoden umfasst, liegt der größte Teil des Vergnügens noch vor mir. Und ein Vergnügen ist sie bis jetzt durchaus, diese rasante Serie, die wie im Geschwindigkeitsrausch von einem Plotpoint zum nächsten rauscht und sich zwischendurch trotzdem die Zeit nimmt, die Charaktere und deren Beziehungen auszuarbeiten.

Jennifer Garner spielt in „Alias“ die Studentin Sydney Bristow, die – wie bislang zu Beginn jeder Folge aufs Neue erklärt wird – schon seit einigen Jahren als Geheimagentin arbeitet. Im Lauf der Pilotfolge muss sie erfahren, dass es sich bei der Organisation, für die sie tätig ist, keineswegs um eine Unterabteilung der CIA handelt, wie Sydneys Auftraggeber behaupten. Tatsächlich handelt es sich bei SD6, so der Name der Organisation, um eben jene Feinde, gegen die sie bisher immer glaubte zu kämpfen. Als Sydney ihrem Verlobten die Wahrheit über ihre Arbeit und ihre Identität als Agentin erzählt, wird dieser von SD6 ermordet. Sydney nimmt sich daraufhin erst einmal eine kurze Auszeit vom Agentendasein, kehrt aber bald als Doppelagentin zurück – von nun an arbeitet sie (zusätzlich zu ihrem Job bei SD6) tatsächlich für die CIA und soll bei der Bekämpfung von SD6 helfen. Noch ein wenig komplizierter für Sydney wird das Ganze dadurch, dass es noch einen weiteren Doppelagenten mit der gleichen Aufgabe gibt: ihren Vater, den sie kaum kennt und zu dem sie alles andere als ein herzliches Verhältnis hat. Ach, und selbstverständlich darf sie gegenüber keinem ihrer Freunde auch nur die leiseste Andeutung über ihr Agentendasein machen, was aber unter anderem dazu führt, dass ihr bester Freund Will (ein sehr junger und sehr blonder Bradley Cooper!) Nachforschungen über den Tod von Sydneys Verlobtem anstellt, die einen als Zuschauer ständig um Wills Leben bangen lassen. Schließlich wissen wir, was die Konsequenz wäre, sollte er Sydneys Geheimnis erfahren…

Einer meiner ersten Gedanken beim Anschauen der ersten Folge war die Parallele zu „Indiana Jones“. Genau wie Indy, der ja seiner eigenen Aussage zufolge ein Teilzeitprofessor ist, den Rest seiner Zeit aber um den Globus hetzt, um wertvolle Kunstgegenstände und ähnliches vor den Schergen des Bösen zu retten, ist auch Sydney zum einen eine strebsame Studentin mit Sorgen, Problemen, aber auch Beziehungen wie sie ganz normale Studenten haben. Zum anderen ist sie aber eben eine professionell ausgebildete Geheimagentin, die in aller Welt gefährliche und actionreiche Aufträge zu erledigen hat (während ihre Freunde glauben, sie arbeite für eine weltweit operierende Bank).
Gegen Ende der ersten Folge herrschte dann bei mir ein Gefühl von allgemeiner Ratlosigkeit vor, weil ich wenn ich ehrlich bin bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr völlig durchblickte vor lauter Verschwörungen und Doppel- und Dreifachagenten. Wer arbeitet hier eigentlich gegen wen? Und was soll das bitteschön für eine Organisation sein, die offensichtlich von amerikanischem Boden aus operiert, aber angeblich der Feind ist? Wessen Feind denn? Und warum? Und wodurch?? Die erste Folge stellt Sydneys gesamtes Leben auf den Kopf und wirbelt auch in dem des Zuschauers so einiges durcheinander. Inzwischen, nach sechs Folgen, weiß ich: man muss das alles gar nicht so genau verstehen (dazu weiter unten mehr). Diese Fragen gehören zu den großen Mysterien von „Alias“, die bestimmt noch eine ganze Weile Teil der Serie sein und nicht so schnell aufgelöst werden. Schließlich ist hier J.J. Abrams am Werk, der später auch im Pilotfilm von „Lost“ eine ganze Reihe von Fragen aufgeworfen hat, die zum Teil am Ende der Serie noch immer nicht völlig zufrienden stellend beantwortet waren.

Als Sydney in der zweiten Episode den Entschluss fasst, SD6 – also die Organisation, für die sie (inzwischen nur noch scheinbar) arbeitet, die aber zu „den Bösen“ gehört – zu zerstören, ist das auch nur der Beginn eines wohl mehrere Staffeln andauernden Erzählstranges. Mit eigentlich ganz einfachen Mitteln und nur wenigen Figuren hat J.J. Abrams (der die ersten beiden Episoden geschrieben hat) hier scheinbar unbegrenzte erzählerische Möglichkeiten geschaffen. Zu den zentralen Fragen der Serie gehört dabei die nach der Wahrheit – was ist die Wahrheit? Bislang dachte Sydney, sie arbeite für „die Guten“, für die CIA, für Amerika. Diese Wahrheit wurde gleich zu Beginn der Serie als Lüge entlarvt. Das führt direkt zur nächsten Frage: Wem kann man (also Sydney, aber auch der Zuschauer) hier trauen? Wer sagt die Wahrheit und wer nicht? Mich würde es ja nicht überraschen, wenn das, was als Wahrheit gilt, im weiteren Verlauf der Serie noch mehrmals neu definiert wird, ähnlich wie in der Pilotfolge. Sydney hat die Wahrheit, SD6 sei der Feind, ziemlich schnell und unkritisch akzeptiert – vielleicht stimmt das gar nicht? Vielleicht sind die Personen, die nun behaupten, sie repräsentierten die echte CIA, in Wahrheit die Feinde? Mit zunehmender Dauer werden in „Alias“ wohl immer neue Ebenen von Wahrheit erreicht werden. Das Infragestellen der Wahrheit sät hier ständige Zweifel, was zu den Grundelementen vieler Fernsehserien gehört.

In der dritten Folge kommt dann ein weiteres Mysterium ins Spiel, dass auch noch eine ganze Weile Teil der Handlung bleiben wird: SD6 ist einem Wissenschaftler aus dem 15. Jahrhundert auf der Spur, der damals schon in Binärcode geschrieben, anscheinend das Handy erfunden und viele weitere tolle Dinge getan und erfunden hat, die seiner Zeit um Jahrhunderte voraus waren. Ich bin mir noch nicht sicher, wie mir dieses Science-Fiction-Element der Serie gefällt; jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, wo das hinführen soll. Aliens? Zeitreisen? Ein Besuch bei Dan Brown? Willkommen in der Welt von J.J. Abrams, wo alles möglich ist, man muss die Ausgangssituation nur so vage formulieren, dass es in alle Richtungen und prinzipiell ewig weiter gehen kann (was keinesfalls heißt, dass es nicht spannend und unterhaltsam wird).

Eine weiterer zentraler Handlungsbogen von „Alias“ ist natürlich die Beziehung Sydneys zu ihrem Vater, der von Victor Garber gespielt wird (den viele wohl als den Konstrukteur der Titanic kennen werden; auch in „Argo“ hat er kürzlich eine Rolle gehabt). Genau wie die anderen offenen Fragen der Serie bietet auch diese Thematik Stoff für mehrere Staffeln: Die Vergangenheit ihres Vaters, seine genaue Rolle innerhalb der Organisation, die anfangs scheiternden Kontakt- und Annäherungsversuche. Auch in dieser Beziehung wird es wohl noch so einige schockierende Offenbarungen geben.

Ein Schema der Serie, das ich bereits jetzt sowohl sehr verwirrend, als auch sehr amüsant finde, ist die Rekordzeit, in der in jeder Folge die Mission Briefings erfolgen. Da Sydney zumindest bisher in jeder Episode einen bestimmten Auftrag zu erledigen hat, muss sie (und mit ihr der Zuschauer) diesen natürlich vorher von ihren Vorgesetzten erklärt bekommen – Einsatzort und -ziel, beteiligte Personen, technische Hilfsmittel usw. Ich habe oben schon geschrieben, dass mich all diese in Windeseile vorgtragene Exposition schon in der ersten Folge verwirrt hat. Inzwischen weiß ich: das ist nicht weiter schlimm, denn darum geht es in der Serie überhaupt nicht. Es ist vollkommen egal, ob man im Detail verstanden hat, wie und warum Sydney in einer Einzelfolge einen konkreten Auftrag auszuführen hat. Es geht nämlich um zwei andere Dinge: Zum einen soll man natürlich die Durchführung der Auträge selbst genießen – wie Sydney sich in Vekleidung irgendwo einschleicht, Sicherheitssysteme umgeht und ihr ganzes Wissen und Können sowie irgendwelche technischen Spielereien dazu einsetzt, um ihre Aufgabe zu erledigen.
Zum anderen erfüllen diese Aufträge eine ganz essentielle Funktion: sie treiben die Handlung voran. Am Ende eines Auftrags wissen wir mehr, als vorher. Genauer gesagt wissen wir eigentlich weniger, weil aus den gewonnenen Erkenntnissen sofort neue, offene Fragen folgen (hat da jemand „Lost“ gerufen?), die dann unmittelbar zum nächsten Einsatz führen. Das Ende des einen Einsatzes ist schon der Anfang des nächsten Auftrages für Sydney; die Antwort auf eine Frage stellt zugleich die nächste Frage dar. „Alias“ bietet damit ein TV-Serienprinzip in perfektionierter Form. Hier ist jede Folge darauf angelegt, zur nächsten überzuleiten, die Serie weiter gehen zu lassen (was nicht unbedingt gleichbedeutend damit sein muss, dass wirklich die Handlung vorangetrieben wird und Fragen zufrieden stellend beantwortet werden). Es geht der Serie zuallererst einmal darum, weiter zu gehen, fortgesetzt zu werden. Schließlich ist das das Prinzip der Serie. Ganz anders verfahren beispielsweise aktuell Serien wie „Mad Men“ und „Breaking Bad“, die sich manchmal fast quälend lange Zeit für die Ausarbeitung ihrer Figuren nehmen – quälend deswegen, weil man eben manchmal den Eindruck hat, dass da fast gar nichts passiert. „Alias“ ist da meinen ersten Eindrücken nach eher mit „24“ zu vergleichen: hier passiert so viel, dass es eigenlich auch schon wieder egal ist, was da passiert. Hauptsache es herrscht nie Stillstand. Und ähnlich wie bei „Lost“ scheint es bislang nicht um einen Abschluss der Geschichte zu gehen, sondern erst einmal nur darum, eine große Zahl an Fragen aufzuwerfen. Ob die dann zur Befriedigung der Zuschauer beantwortet werden, ist zu diesem Zeitpunkt unmöglich zu sagen. (Dass „Alias“ in den ersten sechs Folgen wesentlich mehr Fragen als Antworten in den Raum stellt, will ich keineswegs kritiseren. Schließlich handelt es sich hier erst um den Beginn einer großen Erzählung. Ich sehe allerdings die Gefahr, dass das Ganze aus dem Ruder laufen könnte und bin sehr gespannt, an welchem Punkt die Serie nach ein oder zwei Staffeln stehen wird.)

Ich finde es sehr interessant, dass die einzelnen Episoden oft mitten während eines von Sydneys Einsätzen beginnen, dann erst zum Mission Briefing für den nächsten Auftrag übergehen und schließlich mitten in diesem nächsten Aufrag mit einem Cliffhanger abbrechen. Es geht in einer Einzelfolge von „Alias“ also nicht darum, einen dieser Einsätz im Detail und von Anfang bis Ende zu erzählen. Und deshalb ist es auch nicht unbedingt notwenig, dass man als Zuschauer alle Details und Hintergründe dieser Einsätze im Kopf hat. Man weiß sowieso, dass nach diesem Einsatz ein weiterer folgen wird und dass dieser nächste nach einem ähnlichen Muster ablaufen wird. Hauptsache es geht immer weiter. Ich werde Sydney Bristows Agentenleben jedenfalls auch weiter verfolgen und vielleicht irgendwann erneut darüber bloggen.

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