„V – Die Besucher“ (Season 1)

Man kann sich ja in den letzten Jahren vor lauter sensationell guter Fernsehserien gar nicht mehr retten: „Mad Men“, „Breaking Bad“, „Game of Thrones“, „Downton Abbey“, „Boardwalk Empire“, „Deadwood“, „Die Sopranos“,… Ich jedenfalls komme mit dem Anschauen schon lange nicht mehr hinterher. Und als wären all diese qualitativ hochwertigen Serien nicht genug, habe ich nun auch noch eine Serie dazwischen geschoben, von der ich vorher bereits ahnte, dass sie weniger innovativ, weniger gut geschrieben und längst nicht so fesselnd sein würde wie die oben genannten: „V – Die Besucher“.

Auf die Serie aufmerksam geworden bin ich, weil Elizabeth Mitchell, meine Lieblingsblondine aus „Lost“ (sie hat in Staffel 3 bis 5 Juliet Burke gespielt), darin die Hauptrolle spielt. Das war Grund genug für mich, zumindest mal in die Serie reinzuschauen. Weil ich aber gelesen hatte, dass „V – Die Besucher“ ein Remake der angeblich ziemlich kultigen 80er Jahre-Serie „V – Die außerirdischen Besucher kommen“ ist, wollte ich die Originalserie unbedingt zuvor anschauen. Also besorgte ich mir vor ein paar Monaten eine DVD-Komplettbox des Originals, das aus einem TV-Zweiteiler, einem anschließenden Dreiteieler und einer sich wiederum daran anschließenden Serie mit 19 45minütigen Folgen besteht (ohne Wikipedia hätte ich gar nicht gewusst, in welcher Reihenfolge man das alles anschauen muss…).

Die Ausgangssituation sowohl des Originals als auch des Remakes ist folgende: In der Gegenwart (1983 bzw. 2009) tauchen plötzlich riesige außerirdische Raumschiffe über mehreren großen Städten der Erde auf. Es stellt sich heraus, dass die außeridischen Besucher genauso aussehen wie wir Menschen und auch unsere Sprachen sprechen. Sie verkünden, in Frieden gekommen zu sein und nur die besten Absichten für die Menschheit zu haben. Zwar wollen sie auch ein paar kleine Gegenleistungen, zeigen sich aber insgesamt äußerst großzügig und beschenken die Erde mit neuen Technologien, laden die Menschen ein, ihre riesigen Mutterschiffe zu besichtigen und rufen Programme ins Leben, die das nähere Kennenlernen von Menschen und Besuchern, wie sie in den Serien genannt werden, ermöglichen sollen. So soll es zumindest erscheinen. In Wahrheit verfolgen die Besucher natürlich ganz andere Pläne, die ich hier nicht verraten möchte, die aber nichts Gutes für die Menschheit bedeuten. Auch ist das äußere Erscheinungsbild der Außerirdischen dem unseren keineswegs so ähnlich, wie es den Anschein hat. Unter einer künstlich gezüchteten menschlichen Haut verbergen sich nämlich Reptilienwesen mit gelben Augen, Krallen und scharfen Zähnen.

Das von Kenneth Johnson erdachte Original hat zu Beginn, während des ursprünglichen Zweiteilers und des anschließenden Dreiteilers, durchaus seinen Reiz. Schließlich kommt man recht schnell darauf, dass hier nicht nur von Menschen und Außerirdischen erzählt wird, sondern vor allem davon, wie sich eine ganze Gesellschaft durch Propagandamechanismen und schöne, aber leere Versprechungen hinters Licht führen lässt. Beispielsweise ziehen die Besucher durch ein der Hitlerjugend ähnliches Programm einen Großteil der Jugendlichen auf ihre Seite, die nur zu gerne in den aufregenden Dienst der Außerirdischen treten und ihre schicken Uniformen tragen. Dass sie dafür ihre Freunde und Nachbarn ausspionieren sollen und verdächtige, gegen die Besucher gerichtete Aktivitäten melden sollen, nehmen sie nur zu gerne in Kauf, schließlich geschieht all dies ja angeblich im Namen des Weltfriedens. Auf der anderen Seite existiert jedoch auch ein weltweit operierendes Netzwerk aus Widerstandskämpfern, die die Herrschaft der Besucher beenden und vor allem dem Rest der Menschheit deren wahre Natur und ihre Pläne vor Augen führen wollen. Das erinnert natürlich ganz gewollt an die Resistance-Bewegung während des 3. Reichs. Durch die Einbeziehung eines Holocaust-Überlebenden in die Handlung der ersten Folgen werden die geschichtlichen Parallelen dabei noch deutlicher.

Nach den fünf 90minütigen Filmen wandte ich mich der daran anschließenden 19teiligen Serie zu, während der ich dann das Interesse an der Serie verlor (nach etwa 12 Episoden habe ich nicht mehr weiter geschaut). Schienen die Macher zuvor noch ein Konzept für einen übergreifenden Handlungsbogen zu haben, bei dem sie auf ein bestimmtes Ziel hin erzählten, verkommt die Serie nun nämlich ziemlich schnell zu einer ziemlichen Lachnummer. Folge für Folge schleichen sich die im Zentrum der Handlung stehenden Widerstandskämpfer in irgendeine Zentrale oder ein Raumschiff der Besucher ein, um einen Sabotageakt zu verüben oder einen gefangenen Kameraden zu befreien. Dabei entkommen sie fast immer wie durch ein Wunder alle unversehrt – und wenn doch nicht, dann wird eben in der nächsten Episode eine erneute Befreiungsaktion gestartet. Durch diesen erzählerischen Stillstand nutzte sich die Serie für mich dann recht schnell ab, auch die kultigen Uniformen, die herrlich-schrecklichen 80er-Jahre-Frisuren und die Machtkämpfen der beiden an der Spitze der Besucher stehenden „Kommando-Bitches“, wie ich sie mal nennen möchte, konnten daran nichts mehr ändern.

Also wandte ich mich nach einigen Wochen Pause dem 2009er-Remake mit Elizabeth Mitchell zu. Das wirkt natürlich wesentlich moderner, die Raumschiffe sind verchromt und stromlinienförmig, aber eines ist beim Alten geblieben: Die Besucher sind immer noch Echsen in menschlicher Hülle. Damit habe ich bei beiden Serien die ganze Zeit über ein Problem gehabt, denn mal ehrlich: das ist schon verdammt unglaubwürdig! Klar, man muss diese Ausgangssituation nun mal so hinnehmen und sie dient ja wie gesagt nur dazu, von ganz anderen Dingen zu erzählen, trotzdem habe ich mindestens einmal pro Folge gedacht: Wie soll das bitte funktionieren – Außerirdische in menschlicher Hülle? Wie praktisch, dass die Aliens so dünn sind, dass sie da reinpassen… 😉  Auch mit modernen Effekten und Makeup-Techniken sehen übrigens die Szenen, in denen man ein wenig hinter die Maskerade der Besucher blicken (meistens, weil sie verletzt werden), lächerlich aus. Wenn man den Gedanken der „verkleideten Aliens“ auf diese Weise ernst nimmt, kommt einfach nichts Glaubwürdiges dabei heraus. Andererseits geht es ja darum gar nicht, obwohl man die wahre Gestalt der Aliens natürlich unbeding sehen will (die kultigen Szenen, in denen die Besucher lebende Vögel und andere Kleintiere am Stück verspeisen, fehlen im Remake übrigens).

Die neue Serie geht handlungstechnisch genauso los, wie die alte. Ich hatte zwar das Gefühl, dass hier alles ein wenig schneller geht und weniger Tamtam um die Ankunft der Besucher gemacht wurde, davon abgesehen ist es aber das Gleiche: Raumschiffe tauchen auf, Besucher behaupten in Frieden zu kommen usw. Im Zentrum der Hauptfiguren steht im Remake mit der von Mitchell gespielten Erica Evans eine FBI-Agentin, dazu kommen auf der Seite des Widerstandes noch ein Priester, ein Ex-Söldner und ein Besucher, der die Seiten gewechselt hat (diese Figur gab es auch im Original). Das ständige Reinschleichen und Befreien von Kameraden entfällt dieses Mal zum Glück, sonst hätte ich wohl nicht alle zwölf Folgen der ersten Staffel überstanden. Während das V in der Original-Serie übrigens noch für „Victory“ und damit für den erfolgreichen Widerstand gegen und den erhofften Sieg über die Besucher stand, steht es in der 2009er Fassung zunächst einfach für „Visitors“ und wird erst am Ende der ersten Staffel zu „Victory“ umgedeutet.

Ich hatte erwartet, dass das allmähliche Unterwandern der menschlichen Gesellschaft durch die Besucher noch stärker herausgearbeitet wird, als im Original, wurde in dieser Hinsicht aber enttäuscht. Allerdings stellen sich die Menschen dieses Mal auch so dumm an, dass es da von Seiten der Besucher nicht viel Täuschung und Raffinesse braucht, um die Menschheit für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen. (Zahllose Menschen geben sich für irgendwelche medizinischen Untersuchungen her oder fliegen einfach so mit auf eines der riesigen Schiffe der Besucher, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. Im Original kam mir die Menschheit weniger blöd und naiv vor.)

Insgesamt fand ich das Remake auf jeden Fall schwächer als das Original. Das lag zum einen an den nicht besonders kreativen Drehbüchern (ich habe das Gefühl, dass die Autoren sich am Ende der ersten Staffel immer noch überlegen, auf welches Ziel sie denn eigentlich hin erzählen wollen), sondern auch daran, dass die meisten Darsteller mich nicht überzeugen konnten. Wobei die Figuren auch nicht besonders gut ausgearbeitet sind, also ist es vielleicht doch eher ein Problem auf Autorenseite. Jedenfalls hatte ich zu keinem Zeitpunkt wirklich den Eindruck, es handele sich bei der kleinen Gruppe von Widerstandskämpfern tatsächlich um eine durch äußere Umstände zusammengeschweißte Truppe, die sich nach außen verteidigen muss. Ein echtes Gemeinschaftsgefühl kam da nie auf, es wirkte eher alles wie zufällig. Elizabeth Mitchell hat in „Lost“ wesentlich nuancierter und facettenreicher gespielt und wirkt in „V“ über weite Strecken lust- und ideenlos; auch das liegt vielleicht wieder daran, dass ihre Figur erst gegen Ende der Staffel endlich etwas Tiefe erlangt.

Die interessanteste Figur ist für mich Chad Decker, ein Journalist und Fernsehreporter, der von Anna, der Anführerin der Besucher, immer wieder die Gelegenheit für Exklusivinterviews und spektakuläre Ankündigungen erhält, im Gegenzug aber auch für die Propaganda der Besucher herhalten muss, denn Anna kontrolliert natürlich genau, was Chad zu sehen und zu hören bekommt. Allerdings stellt Decker durchaus kritische Fragen und lässt sich und seine Sendung nicht so schnell von der Propagandamaschinerie der Besucher vereinnahmen, wie dies bei der Reporterin in der Originalserie geschah. Für lange Zeit weiß man nicht, auf wessen Seite sich Decker schlagen wird, ja er weiß es wahrscheinlich selbst nicht und ist hin und her gerissen zwischen den beruflichen Perspektiven, die sich durch eine Kooperation mit den Besuchern ergeben und dem Drang, moralisch richtig zu handeln. Er ist sich durchaus bewusst, dass er für die Besucher nicht unersetzlich ist und sie ihn jederzeit ausschalten können und bewegt sich auf einem sehr schmalen Grat. Leider spielen die Medien davon abgesehen keine große Rolle in der Serie; es wäre durchaus interessant gewesen, wie verschiedene Journalisten mit diesem Dilemma umgehen und unterschiedliche Meinungen präsentiert zu bekommen. Dennoch bleibt Decker die interessanteste, weil konsequent ambivalent gezeichnete Figur.

Die übrigen Charaktere wirken dagegen meistens sehr schablonenhaft. Da gibt es etwa den ehrenhaften Priester, der natürlich Gewissensbisse bekommt, wenn einer der anderen Widerstandskämpfer einen Gefangenen foltern muss, um wichtige Informationen zu erhalten. Die Hauptfigur, FBI-Agentin Erica Evans, wird als besorgte Mutter gezeichnet, die sich um ihren der Faszination der Besucher erlegenen Sohn sorgt, bleibt jedoch lange Zeit trotzdem ziemlich blass. Erst gegen Ende der Staffel findet ein großartiges Aufeinandertreffen von Erica und Anna statt, das eine der sehr wenigen erinnerungswürdigen Szenen dieser Staffel darstellt und Erica etwas gefährlicher, risikobereiter und damit interessanter werden lässt.

Interessant ist auch die in den letzten Folgen eingeführte Idee, dass die emotionslosen Besucher allmählich menschliche Gefühle in sich entdecken und so mit Schrecken feststellen müssen, dass sie uns allmählich ähnlicher werden und menschliche Schwächen entwickeln. Ebenso setzt sich Erica am Ende über einige der Prinzipien hinweg, die für sie bislang unverrückbar gegolten haben und handelt damit genauso rücksichtslos und gefühlskalt wie Anna. Sie lässt ihre eigene Menschlichkeit also ein Stück weit hinter sich. Wohin diese Erzählfäden führen werden, wird sich in der zweiten Staffel zeigen, die ich mir irgendwann anschauen werde (in nächster Zeit bin ich aber erst mal mit „Alias“ und anderen Serien beschäftigt). Da „V – Die Besucher“ allerdings nach der zweiten Staffel eingestellt worden ist, gehe ich mal davon aus, dass da nicht mehr allzu viel Gutes auf mich zu kommt.

Übrigens kann man die 2009er Serie auch auf eine weitere Weise politisch lesen: Von Anna, der obersten Kommandantin der Besucher (die im Jahr 2009 auch in den USA landen), erwarten die Menschen die plötzliche Lösung zahlreicher Probleme, sie wollen „Change“ und haben „Hope“. Zudem verspricht Anna der Menschheit doch tatsächlich „universal health care“! Wer da noch widerstehen kann und behaupten will, die Besucher hätten nichts Weniger als das Beste für die Menschheit im Sinn, der muss doch ganz einfach falsch liegen. Oder?

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