Under The Skin – Der beste Film des Jahres

Spoilerwarnung! Dieser Blogpost enthält inhaltliche Details zu „Under The Skin“ und verrät u.a. das Ende des Films (das jedoch erst im letzten Abschnitt „Fremdheit als Methode“).

Nachdem ich mich in einem meiner letzten Blogposts auf die dunkle Seite der Macht begeben und mich äußerst emotional über den neuen, inhaltslosen „Die Tribute von Panem“-Fim aufgeregt habe, will ich nun ins andere Extrem ausschlagen und Jonathan Glazers „Under The Skin“ zum mit Abstand besten Film des Jahres erklären. In diesem Fall stehe ich mit meiner Meinung viel weniger alleine da, obwohl es durchaus Leute gibt, die mit dem Film überhaupt nichts anfangen können.

Der Film

„Under The Skin“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Michel Faber (auf deutsch erschienen als „Die Weltenwanderin“), wobei Jonathan Glazer und sein Co-Drehbuchautor Walter Campbell hier wirklich nur die Grundidee des Romans für den Film übernommen haben. Und die lautet: Ein als verführerische junge Frau getarntes Alien fährt mit dem Auto durch Schottland, um männliche Anhalter einzusammeln, die anschließend umgebracht und verspeist werden (wobei das mit dem Verspeisen im Film schon nicht mehr ganz eindeutig ist, aber dazu später mehr).

Ich habe „Under The Skin“ Anfang Juli auf dem Filmfest München zum ersten Mal gesehen – es war eines der beeindruckendsten Kinoerlebnisse meines Lebens. Ganz, ganz selten gibt es Filme von einer solch starken und eindrucksvollen bildlichen Erzählkraft, die dann auch noch ganz und gar im Dienst der Geschichte steht, so dass die Bilder nie zum Gimmick oder Selbstzweck verkommen. Mir fällt spontan nur ein einziger anderer Film ein, von dem man das ebenfalls behaupten kann (obwohl es sicher noch einige mehr gibt): „Blade Runner“. In beiden Fällen übernehmen die starken Bilder eine besonders wichtige Rolle bei der Vermittlung der Handlung und erzeugen eine einzigartige Atmosphäre, die einen geradezu in den Film hineinsaugt. Die ganz besondere, ausdrucksstarke Bildsprache von Jonathan Glazer und Ridley Scott (übrigens beide erfahrene Werbefilmer) ergänzt in beiden Fällen die Handlung des Films perfekt, so dass sich jeweils etwas Größeres, Einzigartiges ergibt. „Under The Skin“ ist ein Meisterwerk.

Dabei hätte der Film auch ganz anders aussehen können. Das Drehbuch hielt sich ursprünglich viel enger an den Roman, beinhaltete eine größere Zahl an Figuren und einige viel aufwändiger geplante Szenen (Glazer erzählt davon in den Dokumentationen auf der DVD/Blu-ray). Beispielsweise hätte der Beginn des Films, der die „Geburt“ von Scarlett Johanssons namenloser Figur zeigt, eigentlich wesentlich länger ausfallen sollen. Aus Geldmangel musste Glazer jedoch auf eine aufwändige Szene mit vielen Spezialeffekten verzichten, statt dessen wurde die Sequenz – und das gilt für den gesamten Film – auf ihr Wesentliches reduziert. Stellvertretend für die Formierung des Aliens in Menschengestalt sieht man in den ersten Minuten des Films zunächst nur schemenhaft erkennbare Formen. Dazu hört man Johanssons Stimme immer wieder sinnlose Silben und Laute wiederholen (sind das die Sprechübungen eines außerirdischen Wesens, das die englische Sprache erlernt?). Nach einigen Minuten wird aus den Schemen auf der Leinwand ein Auge. Eine Erklärung für all das wird nicht geliefert, man muss die Bilder und Töne selbst deuten. Genau das macht den Film so interessant und ergiebig. Er liefert eindrucksvolle, teils verstörende Bilder, bleibt deren Erklärung oder Interpretation aber schuldig. Diese Bilder bleiben manchmal vage und zeigen nie mehr als das, was nötig ist – eine sehr ökonomische, aber auch äußerst kraftvolle Art des Geschichtenerzählens, die eben aus der Not geboren wurde, dass hier nur begrenzte Mittel zur Verfügung standen.

Aber „Under The Skin“ kann nicht nur visuell begeistern, auch die Filmmusik von Mica Levi trägt einen entscheidenden Teil zur verstörenden, einzigartigen Atmosphäre des Films bei. Ebenso auf das Wesentliche reduziert wie die Bilder, wirkt auch sie gerade deshalb umso stärker. In den Verführungsszenen, in denen die Männer langsam in ihr Verderben laufen, erzeugt das eingesetzte Streichermotiv eine hypnotische, gleichzeitig warnende und doch sirenenhaft verlockende Wirkung. Ganz und gar nicht mehr verlockend, sondern nur noch furchteinflößend ist das Motiv lediglich am Ende des Films, als sich die Verhältnisse umkehren. Seit Hitchcocks „Psycho“ hatten Geigen in einem Film keine so verstörende Wirkung mehr wie in „Under The Skin“. (Hier kann man den brillanten Score von Mica Levi anhören.)

Um noch einmal auf das hier schon mehrmals benutzte Wort „verstörend“ zurück zu kommen: Mit diesem Wort lässt sich die Wirkung, die der Film auf mich hatte, am besten zusammen fassen. Die Reduktion der Geschichte auf ihre Kernelemente, der äußerst sparsame Einsatz von Dialogen in Verbindung mit einer meisterhaft komponierten Bildsprache und der Filmmusik, die klingt wie nicht von dieser Welt und nicht zuletzt auch Scarlett Johanssons Schauspiel, das über weite Strecken ohne Worte die erwachende Neugier eines fremden Wesens für das Menschsein glaubwürdig und nachvollziehbar darstellt – all das hat mich nach knapp zwei Stunden wie hypnotisiert im Kinosessel zurück gelassen. Ich konnte den Film lange nicht hinter mir lassen; er verfolgte mich auf dem Nachhauseweg bis in meine Träume und ließ mich wochenlang nicht mehr los. Das Gesamtkunstwerk, das alle Beteiligten hier erschaffen haben, rührt scheinbar an menschliche Urängste und bietet schon allein deshalb so guten Stoff für (Alp)Träume, weil die Erzählstruktur und die Bilder des Films selbst einem Traum ähneln. Tatsächlich war ich beim wiederholten Anschauen des Films erstaunt, einige Bilder darin zu sehen, von denen ich dachte, ich hätte sie lediglich geträumt. „Under The Skin“ scheint vom Unterbewusstsein seiner Schöpfer direkt auf die Leinwand geworfen worden zu sein und bahnt sich auch beim Zuschauer direkt den Weg zu im Unterbewusstsein lagernden Ängsten, Trieben und Sehnsüchten.

Das Science-Fiction-Genre wird häufig dazu genutzt, Aussagen über den aktuellen Zustand der Menschheit zu treffen, die so nur über den „Umweg“ über eine fremde, futuristische Welt möglich sind. Einerseits verfährt auch „Under The Skin“ nach diesem Schema, um elementare Fragen nach der Bedeutung des Menschseins zu stellen; andererseits reduziert Jonathan Glazer auch die Science Fiction-Elemente auf das gerade noch Nötige. Am Anfang des Films sind kurz die Lichter eines Raumschiffes zu sehen, das im wolkenverhangenen Himmel verschwindet. Viele Zuschauer werden es beim einmaligen Anschauen des Films gar nicht bewusst wahrnehmen. Und gerade weil die Fremdheit von Scarlett Johanssons Figur so allgemein gehalten wird, ist ihre Aussagekraft umso gößer. Das einzige außerirdische – oder besser, da allgemeingültiger: fremdartige – Element, das der Film zeigt, ist die Psychologie seiner Hauptfigur (vgl. diese Besprechung des Films). Natürlich gibt es die Szenen, in denen die von der Protagonistin angelockten, ahnungs- und scheinbar willenlosen Männer in ein schwarzes Nichts hineingleiten, das später nichts von ihnen zurück lässt als ihre Haut. Doch was genau dabei geschieht, lässt der Film offen, was den Vorgang nur noch, ja, verstörender macht. Sollen diese Bilder lediglich Metaphern sein? Oder sind sie wörtlich zu nehmen, geschieht hier also exakt das, was man sieht? Und wenn ja, was geschieht dann eigentlich? Wie soll das funktionieren, dass Menschen in einem schwarzen Nichts versinken, das sie in einem blitzartigem Sog ihrer Innereien entledigt? „Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.“, lautet das dritte der von Arthur C. Clarke formulierten Gesetze, und dementsprechend finde ich, dass man über das Wie dieser Szenen nicht nachdenken braucht. Was dort aber gezeigt wird, das ist trotz der starken Bilder nicht ganz klar. Geht es den Auftraggebern von Johanssons Figur um die Innereien der gefangenen Männer? Oder haben sie es auf deren Haut abgesehen? (Schließlich könnte man das Abfließen des aus der Haut gesaugten Inhalts auch als davon fließenden Abfall interpretieren.)

Überhaupt wirft der Film viele Fragen auf. Da er zwar wie gesagt ausdrucksstarke Bilder bietet, sie aber nicht erklärt und ihre Interpretation vollkommen dem Zuschauer überlässt, sind hier zahlreiche verschiedene Auslegungen des Geschehens möglich. Warum beispielsweise ist die Hauptfigur des Films überhaupt auf der Erde? Ist sie ein eigenständig handelndes Individuum oder nur eine von vielen, die ähnliche Aufträge ausführen? In welchem Verhältnis steht sie zu dem Motorradfahrer, der immer wieder hinter ihr aufzuräumen scheint? Ist er ihr Kollege oder ihr Vorgesetzter? Er scheint sie jedenfalls zu überwachen, wie die vollkommen wortlose Szene nahelegt, in der er ihre Augen inspiziert. Und falls es zutrifft, dass Menschenfleisch für die Außerirdischen eine Nahrungsquelle darstellt (wie es der Roman nahelegt), warum haben sie dann diese scheinbar so umständliche Methode zu seiner Gewinnung gewählt? Warum fallen sie nicht ganz offen über die Erde her und sammeln uns Menschen ein?

Die Bilder von „Under The Skin“ sind jedenfalls von einer unbeschreiblichen Wucht. Sie stellen Kino in seiner reinsten Form dar und wollen, ja müssen auf der großen Leinwand erlebt werden, um ihre Wirkung voll entfalten zu können. Umso trauriger ist es, dass sich der zuständige Senator Filmverleih dazu entschieden hat, den Film in Deutschland nicht ins Kino zu bringen, angeblich weil hierzulande „kein Markt“ dafür vorhanden zu sein scheint. Das ist äußerst bedauernswert, allerdings hat die daraufhin ins Leben gerufene Kampagne, die sich für einen Kinostart von „Under The Skin“ einsetzt, durchaus Erfolge gezeigt. So haben in den letzten Monaten bundesweit mehr und mehr Kinos den Film in ihr Programm genommen, obwohl ihm offiziell gar kein Kinostart vergönnt war und er seit Mitte Oktober als DVD und Blu-ray zu haben ist. (Inzwischen ist er aus den meisten Kinos wieder verschwunden, aber vielleicht findet der eine oder andere Filminteressierte auf dieser Website doch noch ein Kino, in dem der Film noch läuft.)

Die Buchvorlage

Wie ich schon erwähnt habe, wurde die Handlung des Romans für die Verfilmung auf ihre grundlegenden Elemente reduziert. Während der Film sich vor allem darauf konzentriert, das menschliche Dasein aus einer verfremdeten Perspektive zu betrachten (dazu weiter unten mehr), geht Michel Faber in seinem Roman „Die Weltenwanderin“ viel ausführlicher auf den Prozess der Nahrungsgewinnung ein – denn zu keinem anderen Zweck sammelt die Hauptfigur Männer von der Straße ein. Im Buch trägt diese Hauptfigur den Namen Isserly und gehört einer Spezies von hundeartigen Außerirdischen an, die normalerweise über ein dichtes Fell und große Ohren verfügen und auf vier Beinen laufen. Da Isserly aber als menschliche Frau getarnt auf Männerfang geht, wurde sie operiert, um menschlich auszusehen. Unter anderem wurde ihre Wirbelsäule „begradigt“, sie bekam menschlich-weibliche Brüste verpasst und rasiert sich zudem regelmäßig, damit ihr kein Fell wächst. Zudem trägt sie eine Brille mit dicken Gläsern, die ihre fremdartigen Augen tarnen soll.

Neben Isserly lernen wir im Buch noch einige weitere Angehörige ihrer Spezies kennen. Zur Tarnung betreiben die Aliens einen Bauernhof. Isserlys Vorgesetzter Esswis, der als einiziger von ihnen ebenfalls zum Menschen umoperiert worden ist, tritt als dessen Besitzer auf, bemüht sich jedoch, den Kontakt zu den Menschen auf ein Minimum zu beschränken, um den wahren Zweck der Einrichtung geheim zu halten: Im Untergrund befindet sich dort nämlich so etwas wie ein „Massenmenschhaltungsbetrieb“, in dem die von Isserly herbei geschafften Männer gemästet und schließlich geschlachtet werden. Dort arbeiten zahlreiche weitere Außerirdische, deren äußeres Erscheinungsbild allerdings nicht verändert wurde. (Es ist anzunehmen, dass es sich bei Esswis um die Rolle handelt, die in einer frühen Drehbuchfassung des Films von Brad Pitt hätte gespielt werden sollen.)

Wie im Film fährt Isserly mit dem Auto durch die Gegend, auf der Suche nach männlichen Anhaltern, die sie dann mitnimmt und im Auto ausfragt. Wenn sich herausstellt, dass ihr Mitfahrer keine Familie hat und bei seinem Verschwinden die Spur nicht zu ihr zurück verfolgt werden kann, betätigt Isserly einen am Lenkrad angebrachten Schalter, der aus dem Beifahrersitz zwei Nadeln fahren lässt, die ihrem Opfer ein lähmendes Gift injezieren. Die so überwältigten Männer bringt Isserly anschließend in die unterirdischen Etagen des Bauernhofs, wo man ihnen die Zunge abschneidet und sie kastriert, sie aber vorerst am Leben lässt und mästet. Nach einigen Monaten werden die fett gewordenen Männer schließlich getötet und ihr Fleisch palettenweise auf den Heimatplaneten der Außerirdischen geflogen, wo es offenbar als Delikatesse gilt.

Buch und Film haben gemeinsam, dass nur nach und nach enthüllt wird, was genau vor sich geht. So ist zu Beginn des Romans beispielsweise noch nicht klar, dass es sich bei Isserly nicht um einen Mensch handelt. Auch die verschiedenen Kellergeschosse der Fleischfabrik und die dortigen Geschehnisse werden über den Roman verteilt eines nach dem anderen geschildert. Zudem bietet das Buch – genau wie der Film – ein paar schockierende Bilder, bei denen man das eine oder andere Mal schlucken muss – zum Beispiel bei Fabers Schilderung des Daseins der stummen und hilflosen Männer, kurz bevor sie zu wohlschmeckenden Filets verarbeitet werden.

Interessanterweise bezeichnen sich die Außerirdischen im Roman selbst als „human beings“ und sehen uns Menschen als primitive, nicht zu komplexer sprachlicher Kommunikation fähige Wesen, was ihnen als Rechtfertigung dient, uns  einzufangen und zu essen. (Man muss nicht viel Interpretationsarbeit betreiben, um zu sehen, dass Faber hier eine Metapher auf den Fleischkonsum und die Massentierhaltung der menschlichen Gesellschaft geschrieben hat.) Isserly, die durch ihre Arbeit regelmäßig Kontakt zu Menschen hat, weiß es besser, behält diese Informationen aber aus Angst vor ihren Vorgesetzten für sich. Es ist dieser Aspekt des Kennenlernens einer fremden (nämlich unserer menschlichen) Kultur und die damit einhergehende Vermenschlichung der Hauptfigur, auf den sich Jonathan Glazer in seiner Verfilmung konzentriert hat.

Erwähnenswert ist noch die recht interessante Episode im Roman, als Amlis, der Sohn des Firmenchefs, dem Bauernhof einen Besuch abstattet, um den Betrieb zu inspizieren. Pikanterweise ist Amlis Vegetarier und hält es für falsch „vodsels“, wie die Außerirdischen uns Menschen nennen, als niedere Wesen zu betrachten, die ohne Rücksicht auf ihre Gefühle gemästet und gegessen werden.

Wie durch diese Beschreibung des Romans deutlich wurde, haben sich Walter Campbell und Jonathan Glazer in ihrem Drehbuch wirklich nur auf die Grundidee des Romans gestützt. Zwar enthielten frühere Drehbuchfassungen noch eine größere Anzahl an Figuren und mehr Übereinstimmungen mit dem Buch, doch sowohl finanzielle Notwendigkeiten als auch der Wunsch, sich ganz auf die außerirdische Hauptfigur zu konzentrieren, die unser menschliches Dasein erkundet, führten schließlich zu dem in seiner Handlung sehr reduzierten, aber nichtsdestotrotz äußerst komplexen Film.

Fremdheit als Methode

Da ich Soziologie studiert habe und mich für meine Abschlussprüfungen mehrere Monate lang unter anderem mit dem Phänomen der Fremdheit bzw. des Fremden beschäftigt habe, sind mir in „Under The Skin“ einige Dinge aufgefallen, die ich so oder ähnlich im Studium kennen gelernt habe. Scarlett Johansson spielt ja im Grunde nichts anderes, als eine völlig Fremde. Eine Außerirdische allein unter Menschen, das ist geradzu das Paradebeispiel für Fremdheit. Die Menschen, denen sie begegnet, erkennen sie allerdings nicht als Fremde, da sie wie ein Mensch aussieht und auch wie einer spricht. (Johansson spricht im Film zwar mit einem Londoner Akzent, insofern hat sie für die Schotten, mit denen sie interagiert, durchaus etwas Fremdes an sich – viele dieser Begegnungen wurden übrigens mit versteckten Kameras gefilmt und entstanden mit „echten“ Passanten, die erst im Nachhinein über den Filmdreh aufgeklärt wurden. Aber in der Welt des Films wissen die Menschen um sie herum natürlich nicht, dass sie kein Mensch ist.) Für Isserly – ich benutze jetzt mal den Namen aus dem Buch, obwohl sie im Film namenlos bleibt – sind die Welt und die Lebewesen um sie herum vollkommen fremd. Sie selbst unterscheidet sich deutlich von den Menschen, diese Differenz ist jedoch verborgen und wird deshalb für die Menschen um Isserly nicht relevant. Damit haben wir hier einen Sonderfall von Fremdheit vor uns. Normalerweise wird eine solche Differenz nämlich dann relevant, wenn ein Fremder in eine Gruppe kommt. In diesem Fall aber wird die Differenz, das Außerirdische, bewusst getarnt.
Als eines der wesentlichen Merkmale des Fremden beschreibt der Soziologe Georg Simmel dessen Objektivität. Da der Fremde über die Gruppe, in der er sich nun befindet, kaum etwas weiß und ihm die Gebräuche und Denkweisen der Menschen dort fremd sind, verfügt er über eine gewisse Freiheit, die die „festen“ Gruppenmitglieder nicht besitzen und die es ihm gestattet, das Leben um sich herum aus einer sich von der ihren unterscheidenden Perspektive wahrzunehmen. Aufgrund seiner Herkunft und damit völlig anderen Lebensweise bringt er eine andere Sichtweise der Dinge mit, als sie den Gruppenmitgliedern gegeben ist. Interessanterweise hat Scarlett Johansson schon einmal ein solches Wesen gespielt, in „Lost In Translation“, wo es ja auch u.a. um das Thema Fremdheit ging.

Natürlich kann jeder Fremde mit der Zeit zum (fast) vollwertigen Gruppenmitglied werden, das sich immer weniger von den übrigen Mitgliedern unterscheidet und in diesem Sinne immer weniger fremd wird. Solange diese Annäherung aber noch nicht ausreichend stattgefunden hat, verfügt der Fremde – wie es Alfred Schütz beschreibt – über einen anderen Wissenstypus als die festen Gruppenmitglieder. Er sieht die Welt nicht so, wie die Menschen um ihn herum, was immer dann relevant wird, wenn er mit diesen interagiert und dabei deutlich wird, dass ihm die Möglichkeit zur Bezugnahme auf eine gemeinsam geteilte Welt fehlt. Sein „Denken-wie-üblich“ erweist sich dann als nicht mehr wirksam, bestehende Rezepte zur Auslegung der Welt funktionieren nicht mehr. Der Fremde gerät in eine „Krisis“. (Dazu haben wir damals in einem Seminar einen Filmausschnitt aus „Lost In Translation“ angeschaut, in dem – soweit ich mich erinnere – Scarlett Johansson einer Freundin am Telefon schildert, wie unwohl sie sich im für sie fremden Japan fühlt und schließlich in Tränen ausbricht.)

Die beschriebene Objektivität des Fremden und seine Nichtzugehörigkekt führen auch dazu, dass der Fremde als der „Unentscheibare“ gilt, wie Zygmunt Bauman es formuliert. Das kann positive und negative Auswirkungen für ihn haben. Einerseits liegt gerade in dieser Unbestimmtheit ein großer Spielraum an Möglichkeiten, aber es liegt eben auch noch viel Integrationsarbeit vor dem Fremden, wie das „Lost In Translation“-Beispiel zeigt. Auch Isserly in „Under The Skin“ macht dieses Unentscheidbare zu schaffen. Sie ist den Menschen um sich herum zwar räumlich nah, doch sozial ist sie ihnen fern und enspricht damit ziemlich genau der von Simmel gegebenen Definition des Fremden. Zu dieser gehört auch, dass der Fremde derjenige ist, „der heute kommt und morgen bleibt“, der also nicht nur ein vorrübergehender Besucher ist. Genau das ist auch bei Isserly der Fall, wobei hier allerdings noch dazu kommt, dass sie ihre Tarnung aufrecht erhalten muss und sich den Menschen in ihrer Umgebung gar nicht besonders weit annähern darf. Sie kann also gar nicht zu einem festen Gruppenmitglied werde (in diesem Fall zu einem Menschen, genauer: einem Schotten), sondern muss dauerhaft fremd bleiben.

Eine ähnliche Sichtweise wie die des Fremden, der aus einer anderen Perspektive auf die Menschen blickt, versuchen auch Soziologen häufig einzunehmen. Sie streben danach, eine andere Perspektive einzunehemen, um die soziale Welt um sie herum „von außen“ zu beschreiben und so alle Vorgänge in ihr zu hinterfragen. Jonathan Glazer verfährt in „Under The Skin“ ganz ähnlich; er macht gewissermaßen seine Hauptfigur zur Soziologin (oder Ethnologin) und mit ihr auch die Zuschauer. Wir sehen durch Isserlys Augen unsere eigene Welt ganz neu, denn es ist natürlich keine fremde Welt, die wir hier erforschen, sondern unsere eigene. Sie wird allerdings dadurch fremd gemacht, dass wir sie im Film aus der Perspektive eines Außerirdischen sehen. Soziologisch gesprochen findet dabei ein „Othering“ bzw. eine „VerAnderung“ statt, das heißt es wird ein kulturelles Feld methodisch als fremd behandelt und kann auf diese Weise mit ähnlich Mitteln erforscht werden wie eine tatsächlich fremde Kultur. Unsere eigene, menschliche und vertraute Welt erscheint uns aus der Sichtweise eines Aliens plötzlich als fremd. „Under The Skin“ lässt so den Zuschauer die Welt durch die „soziologische Brille“ sehen.

Eines der stärksten Bilder des Films ist diebezüglich das allein am Strand zurück gelassene Baby. Ein zufällig vorbei kommender Mensch würde sich sofort um das Baby kümmern, nach seinen Eltern suchen und es nach erfolgloser Suche schließlich mitnehmen, auf keinen Fall aber allein am Strand sitzen lassen. Isserly jedoch ist kein Mensch; in ihrem Relevanzschema nimmt das Baby keine besondere Bedeutung ein (schließlich ist sie nur auf der Suche nach gesunden, jungen Männern). Sie nimmt es zwar kurz wahr, betrachtet es jedoch vollkommen objektiv und als etwas ihr Fremdes und lässt es schließlich trotz seiner Schreie zurück. Schließlich zeigt der Film eine letzte Einstellung des einsam am Ufer sitzenden und schreienden Babys, das erfolglos versucht, aufzustehen. Mit einem Mal wird einem die völlige Hilflosigkeit des Menschen in diesem sehr jungen Alter bewusst.

Kurze Zeit später im Film begegnet Isserly einem weiteren Baby, das in einem an der Ampel neben ihr haltenden Auto sitzt – und ungefähr zu diesem Zeitpunkt scheint eine Veränderung in ihr in Gang zu kommen. Nach und nach sieht sie die Menschen nicht mehr völlig objektiv und als bloße Mittel zum Zweck. Sie beginnt sich für sie zu interessieren, und zwar nicht nur im Sinne eines „Verstehens von außen“; sie will nun die menschliche Kultur von innen heraus kennen lernen, sich selbst darin ausprobieren und damit auch ihr eigenes Menschsein erforschen (so paradox das bei einem Außerirdischen auch klingen mag). Fremdheit zu erleben, heißt auch, die Fragwürdigkeit des Eigenen zu spüren und erstmals bewusst die eigene Identität in Frage zu stellen. Obwohl ihr Job es verlangt, dass sie rational und objektiv mit den Menschen umgeht und sie buchstäblich als Ware behandelt, kann Isserly diese Einstellung nicht durchgehend aufrecht erhalten. Die Szene, in der der Motorradfahrer sie von allen Seiten prüfend ansieht und dabei ihren Augen besondere Aufmerksamkeit schenkt, zeigt, dass Isserlys Vorgesetzte offenbar erste Zweifel daran gekommen sind, ob sie ihre Arbeit noch wie vorgesehen ausführen kann. Dies zeigt sich auch ganz klar daran, dass sie eines ihrer Opfer wieder freilässt – aus Mitgefühl?

Zu Beginn des Films sehen wir, dass Isserly nicht die erste Arbeiterin ist, die für die Außerirdischen auf Männerjagd geht. Ihre Vorgängerin, die in die gleiche menschliche Haut gekleidet ist wie sie selbst und damit ebenfalls aussieht wie Scarlett Johansson, liegt scheinbar tot vor ihr. Isserly zieht die Kleidung der Toten an, auf deren Gesicht eine Träne zu sehen ist – ein Zeichen dafür, dass auch sie schon mehr als nur eine bloße Beobachterin sein wollte? Hat auch sie bereits versucht, Teil der menschlichen Gesellschaft zu werden und begonnen, menschliche Gefühle zu entwickeln? Für Isserly selbst wird dieser Versuch – genau wie für ihre Vorgängerin – nicht gut ausgehen. (Übrigens fällt mir gerade auf, wie viele inhaltliche Parallelen sich hier zu „Blade Runner“ finden lassen, aber das würde dann doch zu weit führen.)

Isserly ist also – genau wie ein beobachtender und forschender Soziologe oder Ethnologe – dazu gezwungen, objektiv zu bleiben und sich das Feld, in dem sie sich bewegt, rational und mit einem gewissen emotionalen Abstand anzuschauen. Dies gelingt ihr jedoch nicht; sie möchte schließlich das Menschsein selbst erleben und „von innen heraus“ verstehen, statt es nur „von außen“ zu betrachten. Man könnte also behaupten, dass sie der Gefahr des „going native“ erliegt. Sie verliert durch ihr zu starkes Interesse an der menschlichen Natur und ihre Bemühungen, selbst menschlich zu werden, ihre Objektivität. Letztendlich führt genau das zu ihrem Ende, so wie es vermutlich auch bei ihrer Vorgängerin der Fall war. (Interessante Nebenfrage: Die wievielte „Version“ einer solchen Arbeiterin ist Isserly eigentlich? Führt u.a. vielleicht gerade das Bewusstsein, nur eine von vielen austauschbaren Arbeiterinnen zu sein zu dem Streben nach [menschlicher] Identität? Und wird bei all diesen Arbeiterinnen stets der Wunsch nach einer eigenen Identität und der daraus folgenden versuchten Annäherung an das Menschsein früher oder später zum Problem? Dass Isserly durch den Motorradfahrer genau geprüft wird, scheint zumindest darauf hin zu deuten, dass die Außerirdischen bereits Erfahrungen mit dieser Problematik gemacht haben.)

Das Ende des Films ist ein tragisches. Isserlys Streben nach Identität, nach dem Menschsein und nach einem Kennenlernen der menschlichen Spezies führt zu ihrem Untergang. Sie will die Menschheit besser kennen lernen und muss leider feststellen, dass dieser auch das Schlechte und Böse innewohnt. Diese Erfahrung macht sie gewissermaßen gleich zweimal: Zuerst, als ein Mann sie – als sie noch die Gestalt einer schönen Frau hat – im Wald zu vergewaltigen versucht und anschließend noch einmal, als dieser Mann sie – nachdem er einen Blick auf ihre wahre Gestalt erhascht hat – mit Benzin übergießt und anzündet. In diesem Moment ist sie ganz klar als Fremde zu erkennen. Sie wirkt auf den Mann so fremd, so anders, dass er in seiner Angst vor diesem Anderen, Unerklärbaren zu drastischen Mitteln greift und sie vernichtet.

Fazit

Ich hoffe, es ist deutlich geworden, wie komplex „Under The Skin“ ist. Der Film ist nicht nur handwerklich ein Meisterwerk, sondern auch von einer solch umfangreichen inhaltlichen Aussagekraft, dass man wohl noch wesentlich mehr analysieren und interpretieren könnte. Meine kurze Interpretation aus soziologischer Sicht ist nur ein möglicher Ansatz. Zum Schluss möchte ich noch ein paar interessante Links posten: Hier gibt es ein Interview mit Jonathan Glazer, in dem er auch auf die Tatsache angesprochen wird, dass der deutsche Verleih „Under The Skin“ hierzulande nicht ins Kino gebracht hat. Hier gibt es ein interessantes, langes Interview mit Adam Pearson, dem Darsteller des deformierten Mannes, den Isserly gefangen nimmt und später wieder frei lässt. Und hier geht es zu einer YouTube-Playlist mit Musikvideos von Glazer – sehr zu empfehlen!

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FRINGE – Season 5

Achtung! Weiterlesen sollte nur, wer „Fringe“ bereits komplett (Staffel 1-5) gesehen hat. Erstens, weil ich im Text nicht viel erkläre und dieses Wissen also voraussetze, vor allem aber, weil Ihr sonst gnadenlos gespoilert werdet. Und das soll doch nicht sein, oder? —

Vor ein paar Wochen habe ich die fünfte (und letzte) Staffel von „Fringe“ angeschaut. Mit der Serie habe ich vor ein paar Jahren eigentlich nur deswegen angefangen, weil der kreative Kopf hinter ihrem Konzept J.J. Abrams heißt und weil es mich außerdem neugierig gemacht hat, dass John Noble (den ich zuvor als Denethor im dritten „Herr der Ringe“-Film kannte) eine der Hauptrollen spielt. Im Gegensatz zu den ersten vier Staffeln besteht die fünfte Season nur aus 13 Folgen (bei Staffel 1-4 waren es jeweils zwischen 20 und 23). Doch immerhin hat man hier den Autoren und Darstellern die Chance gegeben, ihre Geschichte zu einem abgeschlossenen Ende zu bringen, statt nach der vierten Staffel einfach den Stecker zu ziehen.

Wenn man sich alle Staffeln von „Fringe“ anschaut, fällt besonders auf, wie sehr sich die Serie mit jeder Staffel weiter entwickelt und ihr Erzähluniversum konsequent erweitert hat. Die erste Staffel bestand zum großen Teil aus (scheinbar) für sich allein stehenden Episoden, die meist nach dem Schema „monster of the week“ abliefen: FBI-Agentin Olivia Dunham (Anna Torv), ihr Berater Peter Bishop (Joshua Jackson) und dessen Vater, der extra aus der Psychiatrie zurück geholte Professor Walter Bishop (John Noble) wurden jede Woche mit seltsamen, unerklärlichen Phänomenen konfrontiert, die sie erforschen, begründen und immer wieder auch bekämpfen mussten. Dass dabei auch episodenübergreifend erzählt wurde, war am Anfang noch nicht ganz klar. Nach und nach schälten sich aber einige zentrale Themen heraus und es wurde klar, dass viele der von Dunham und den beiden Bishops untersuchten Phänomene in Verbindung stehen. Mit dem Paralleluniversum, den „Observern“ (da ich die Serie im englischen Originalton anschaue, werde ich die „Beobachter“ hier weiter so nennen) und dem Sprung ins Jahr 2036 schälten sich ab dem Ende der ersten Staffel aber immer mehr Erzälstränge heraus, die episodenübergreifend behandelt wurden. Für sich allein stehende Episoden ließ „Fringe“ nach der ersten Staffel schnell hinter sich und es wurde klar, dass die Autoren von Anfang an einen großen story arc geplant hatten, die Zuschauer aber nicht schon zu Beginn mit einer zu komplexen Story überfordern oder abschrecken wollten. Im Gegensatz zu „Lost“ habe ich zudem den Eindruck, dass das Ende, auf das hier hin erzählt wurde, schon von der ersten Folge an feststand, während die Autoren von „Lost“ ja im Lauf der Serie mal die eine, mal die andere Richtung einschlugen, zahlreiche neue Elemente in die Serie einbrachten, von denen nicht wenige ins Nichts führten und erst mit Beginn der vierten Staffel auf ein vorausgeplantes Ende hin erzählten. Insofern erinnert mich „Fringe“ ein wenig an meine Lieblingsserie „Babylon 5“, die ebenfalls einen über fünf Staffeln hinweg geplanten story arc erzählte, ihre erste Staffel aber vor allem dazu benutzte, in meist für sich allein stehenden Folgen die Charaktere auszuarbeiten und das Fundament für die späteren Entwicklungen zu legen.

Auch hinsichtlich der Figuren und Themen hat sich Fringe ganz schön weiterentwickelt. Zu Beginn der Serie wirkte Anna Torvs FBI-Agentin eher blass und langweilig, John Nobles Figur einfach wie ein trottliger, verrückter Professor und was Joshua Jacksons Figur bezwecken sollte, wusste man noch gar nicht genau. Doch alle drei Hauptfiguren machen im Lauf der Serie eine glaubhafte und nachvollziehbare Entwicklung durch, ihre Beziehungen zueinander verändern sich. Natürlich wird dabei auch ein wenig mit den Mitteln der Science Fiction geschummelt, wenn Peter am Ende der dritten Staffel aus der Zeitlinie „gelöscht“ wird und sich in der vierten Staffel dann seine Beziehung zu Olivia ganz neu aufbauen muss. Aber im Kontext dieser Serie ist das vollkommen in Ordnung. Beeindruckender ist außerdem, wie sich auch die in „Fringe“ behandelten Themen wandeln bzw. erweitern. War die Serie am Anfang nur eine Serie über mysteriöse Phänomene wie sich in Monster verwandelnde Menschen oder plötzlich verflüssigte Gehirne, so sind derartige Phänomene zwar auch in späteren Staffeln noch an der Tagesordung, besonders in der fünften Staffel ist aber klar, dass hier nicht von Monstern usw. erzählt wird, sondern zentrale menschliche Werte und Moralvorstellungen im Fokus stehen. Dies wird ganz besonders an der sich verändernden Titelsequenz deutlich (eine weitere Gemeinsamkeit mit „Babylon 5“).

Die Handlung der fünften Staffel, in der Walter, Peter und Olivia (und natürlich Astrid) versuchen, die Observer unter Anleitung von Walters im Jahr 2015 auf Videokassetten festgehaltenen Plan zu besiegen, wirkt natürlich arg konstruiert. Dass Walter sich an seinen eigenen Plan nicht mehr erinnern kann, ist noch nachvollziehbar. Dass er ihn aber auf verschiedenen Videos festgehalten hat, die erst nach und nach im Lauf der Staffel aus dem Bernstein heraus geschnitten werden können, das erinnert doch stark an Videospiele, die ihre Spielzeit in die Länge ziehen, indem sie Missionen wie „Finde die sechs Kristalle, um das Tor zum nächsten Abschnitt zu öffnen“ einbauen. (Mir gefällt allerdings sehr, dass Walter seine Filme ausgerechnet auf alten Betamax-Kassetten festhält. Dass „Fringe“ immer wieder „alte“ Technik wie Videokassetten oder Schallplatten in sein Hi-Tech-Universum mischt, finde ich sehr sympathisch und es hilft dabei, das „Fringe“-Universum in der Realität zu verankern.) Auch an „Lost“ fühle ich mich durch die Videos erinnert; dort fanden die Figuren schließlich auch immer wieder mal Filme, die ihnen und den Zuschauern stückchenweise Informationen vermittelten.

Und wo ich gerade wieder bei einem „Lost“-Vergleich bin, hier noch einige andere Punkte, in denen die fünfte „Fringe“-Staffel Ähnlichkeiten zu „Lost“ und anderen Filmen/Serien aufweist: In der achten Folge („The Human Kind“)  gibt es einen Dialog zwischen Olivia und einer Frau namens Simone (Jill Scott), dessen Thematik stark an „Lost“ erinnert. Simone erzählt Olivia von ihrer Gabe, in die Zukunft sehen zu können, was Olivia einfach als „Anomalie“ abtut, hinter der nichts Göttliches stehe. Olivia fährt fort, sie habe so viele seltsame Phänomene gesehen, dass derartiges für sie nichts Mysteriöses mehr habe. Letztendlich lasse sich all das auf Mathematik – also auf Wissenschaft – zurückführen. Der Krieg, den die Menschen gegen die Observer führen, wird nach Olivias Sicht also mit den Mitteln der Wissenschaft geführt. Während Olivia hier auf der Seite der Wissenschaft und der Rationalität steht, steht Simone auf der Seite der Spiritualität, der Emotionen und des Glaubens. Dieser Gegensatz zwischen Glaube und Wissenschaft war eines der zentralen Themen in „Lost“, verkörpert durch die Figuren von Jack Shephard und John Locke. Interessant ist übrigens, dass die von mir hier paraphrasierten Sätze Olivias an Ruttger Hauers berühmten Monolog aus Blade Runner erinnern („I’ve seen things you people wouldn’t believe…“), aber in beiden Fällen ganz andere Überzeugungen dahinter stehen. Während der Replikan Roy Batty in „Blade Runner“ kurz vor seinem Tod die Wunder des Universums preist, die im Lauf seines Lebens sehen durfte, erwähnt Olivia in „Fringe“ all die Phänomene, die sie gesehen hat, nur, um zu verdeutlichen, dass diese Erfahrungen sie zu einer rationaleren Person gemacht haben, die eben nicht an Wunder glaubt. Eine kleine Referenz an „Blade Runner“ findet sich auch in Folge 5, als Peter einen gefesselten Observer befragt und dazu ein Gerät benutzt, das eine Nahaufnahme von dessen Auge auf einem Bildschirm darstellt und so die emotionalen Reaktionen deutlich machen soll.

Als kleinen Wink an „Lost“ kann man vielleicht auch den Satz „Ich dachte ich sei im Fegefeuer“ verstehen, mit dem ein in einem pocket universe gefangener Mann in der sechsten Episode seine Erfahrung beschreibt. Die fast alles sehnden Observer, die auftauchen können wo immer sie wollen und sich zum Teil unbewaffnete Kämpfe mit Peter liefern, erinnern natürlich an die Agenten aus „Matrix“, ebenso wie der Observer-Junge Michael, der eine „Anomalie“ darstellt, aber gleichzeitig auch den Auserwählten, der die Welt retten soll. In ihren grauen Anzügen und Hüten erinnern die Observer zudem an die grauen Herren aus „Momo“ oder die Agenten aus der Philip K. Dick-Verfilmung „The Adjustment Bureau“ („Der Plan“). Die Handlung der fünften Staffel, in der die Helden gegen ein die gesamte Menschheit unterdrückendes Regime kämpfen, erinnert zu dem etwas an die Serie „V“, die sich um den Besuch außerirdischer Wesen auf der Erde dreht. Und zum Schluss noch eine weitere Paralelle zu „Lost“: Nachdem Peter sich ein Observer-Implantat eingesetzt hat und danach zwar ungeahnte Fähigkeiten erlangt, aber auch immer rationaler, rücksichts- und emotionsloser zu werden droht, ist es allein die Kraft der Liebe, die ihn überzeugt, seine Entscheidung gerade noch rechtzeitig wieder rückgängig zu machen. Auch in „Lost“ siegt immer wieder die Kraft der Liebe über alles andere.

Der schon erwähnte Gegensatz zwischen Glaube und Emotionen auf der einen und Rationalität und Wissenschaft auf der anderen Seite zieht sich durch die ganze fünfte Staffel von „Fringe“. An Peters Entscheidung, sich das Implantat einzusetzen und daraufhin zum gefühllosen Observer zu mutieren ist interessant, dass die Ursache dafür ja gerade ein Gefühl ist – der Hass auf Windmark, den Anführer der Observer und der Wunsch nach Rache für Peters getötete Tochter. Man muss allerdings zugeben, dass er die möglichen negativen Konsequnzen seiner Handlung wahrscheinlich nicht im Blick gehabt hat. Auch Walter Bishop kämpft in dieser Season einen Kampf zwischen den Polen Rationalität und Emotionalität; in seinen Körper wurde ebenfalls etwas eingesetzt, nämlich der Teil seines Gehirns, den Walter extra hatte entfernen lassen, aus Angst vor den schrecklichen Taten, zu denen er sonst fähig sein würde. Auch hier zeigen sich besorgniserregende Tendenzen; zwar ist der geistig verwirrte Walter weitgehend verschwunden, dafür wird aber auch er immer rationaler und rücksichtsloser. Ihm sind die möglichen Konsequenzen daraus sofort klar und er würde es in Kauf nehmen, nicht mehr im vollen Besitz seiner geistigen Fähigkeiten zu sein, um diese negativen Eigenschaften wieder loszuwerden.

Gerade darin besteht ja der Unterschied zwischen den Menschen und den Observern, wie Nina in Episode 10 Windmark erklärt: die Menschen sind den Observern insofern überlegen, als sie zu Liebe, Bindungen und Träumen fähig sind, während die Observer all diese Fähigkeiten und Emotionen mit wissenschaftlichen Mitteln ganz bewusst immer mehr aus ihren Gehirnen verdrängt haben, um Platz zu machen für größere intellektuelle, rationale Fähigkeiten. Gefühle wurden für Intelligenz geopfert, was noch erschreckender ist, weil es sich bei den Observern ja um die Menschen der Zukunft handelt. Wie jede gute Science-Fiction-Geschichte stellt „Fringe“ damit Fragen, die nicht nur in der Zukunft, sondern im Hier und Jetzt von Relevanz sind. Würden wir jemals so weit gehen? Dass wir jetzt schon von „Observern“ umgeben sind, die jederzeit Zugriff auf unsere privaten Gedanken haben, dürfte ja spätestens seit der Enttarnung von Prism klar sein. Der Plan, mit dem in „Fringe“ die Observer besiegt werden sollen, gefällt mir übrigens sehr gut: die Menschheit der Zukunft soll davon überzeugt werden, dass es sich nicht lohnt, die Fähigkeit des menschlichen Gehirns zu komplexen Emotionen für immer größere Intelligenz zu opfern. Damit wird es in der noch späteren Zukunft niemals eine Notwendigkeit für die Observer geben, in der Zeit zurück zu reisen und im Jahr 2015 die Weltherrschaft zu übernehmen. Die Menschheit wird sich nämlich gar nicht zu „Observern“ entwickeln, sondern weiterhin sowohl ihre emotionale wie auch ihre rationale Seite kultivieren. Übrigens würde ich sehr gerne noch sehen, wie Walter und Michael im Jahr 2036 aufgenommen werden und die Menschheit davon überzeugen, einen anderen Weg einzuschlagen. Ein bisschen idealistisch gedacht ist das ja schon, dass Wissenschaftler einmal etwas nicht tun, nur weil es vielleicht böse Folgen haben könnte….

Die fünfte Staffel von „Fringe“ hat mir insgesamt gut gefallen. Vor allem war es schön, dass die Serie überhaupt zu einem Abschluss gebracht wurde, nachdem gegen Ende der vierten Staffel bereits ein Ausblick ins Jahr 2036 gegeben wurde. Es wäre schade gewesen, wenn das einfach offen geblieben wäre. Allerdings wirkte zumindest auf mich die in der fünften Staffel bekämpfte Bedrohung kleiner als das Schicksal, das der Welt am Ende der vierten Staffel drohte (dort wollte William Bell ein vollkommen neues Universum schaffen und es mit eigens gezüchteten Kreaturen bevölkern). Die letzte Staffel wirkt zudem ein wenig wie „nachträglich angeklebt“, was daran liegen mag, dass die Autoren zumindest einen Teil der Handlungsstränge schon im vierten Jahr beendet haben, aus Unsicherheit, ob es eine fünfte Staffel geben würde (ob das zutrifft, weiß ich aber nicht). Ganz am Ende ist jedenfalls wieder alles gut, die Invasion wurde verhindert und damit eine neue Zeitlinie bzw. ein neues Paralleluniversum eröffnet (ist das im Endeffekt nicht dasselbe…?). Ganz ähnlich hatten das Jack, Sawyer usw. am Ende der vierten Staffel von „Lost“ geplant, wo mit der Zündung der Bombe der Reset-Knopf gedrückt werden sollte. Da hat es aber nicht  funktioniert.

Ein paar Fragen hätte ich zum Schluss noch: Warum ist Walter am Ende eigentlich „gelöscht“ worden? Das wurde erklärt, aber ich hab’s anscheinend vergessen. Wieso können die Observer zwar Gedanken lesen, aber anscheinend keine Handygespräche mithören – hätten sie das in der letzten Folge getan, dann wüssten sie nämlich, was Olivia und Philip Broyles besprechen und könnten eingreifen. Wieso ist Michael aus dem Zug ausgestiegen und dann den Observern in die Hände gefallen? Falls das ein Missverständnis zwischen ihm und Olivia sein sollte, dann sah es nicht so aus. Seine Gefangennahme musste wohl irgendwie passieren, damit die Autoren Olivia einen Grund geben konnten, noch einmal im Paralleluniverum vorbeizuschauen. Trotzdem wirkte das alles andere als elegant. Warum sind die Observer überhaupt in der Zeit zurück gereist und haben eine Invasion gestartet? Ist die Erde in der Zukunft unbewohnbar geworden? Ich glaube, das wurde in der vierten Staffel erwähnt, aber daran erinnere ich mich auch nicht mehr genau. Ach ja: Und warum sind die Observer eigentlich alle männlich? Dass sich die Menschen der Zukunft nur noch durch Klonen fortpflanzen, hat Donald ja erklärt (nach Ausschaltung sämtlicher Emotionen besteht auch kein Drang mehr nach Sex, so dass andere Reproduktionsmethoden nötig geworden sind). Aber warum sind anscheinend alle Klone männlich? Gibt es in der Zukunft keine Frauen mehr? Warum? Was mich noch ein bisschen genervt hat: Das Harvard-Gelände ist im Jahr 2036 Sperrgebiet, aber Walter, Peter, Olivia und Astrid gehen trotzdem in Walters altem Labor ein und aus und arbeiten dort. Klar, sie haben einen geheimen Zugang gefunden, aber trotzdem müsste das doch mal jemand bemerken…

Cloud Atlas

Vor kurzem habe ich wieder einmal einen Film nachgeholt, den ich letztes Jahr verpasst habe: „Cloud Atlas“. Dass ich ihn verpasst habe, stimmt allerdings nicht ganz, denn ich habe ihn bewusst nicht im Kino gesehen, weil ich erst die Buchvorlage von David Mitchell lesen und danach den Film anschauen wollte. Mit dem Buch bin ich Anfang des Jahres fertig geworden, der Film lief aber leider nicht mehr im Kino, so dass ich erst auf das Erscheinen der Blu-ray warten musste.

David Mitchells Buch „Cloud Atlas“ einfach als Roman zu bezeichnen, scheint schon fast untertrieben. Der Autor hat sich dabei nämlich an nichts Geringerem versucht, als in einer allumfassenden, allgemeingültigen Geschichte aufzuzeigen, wie die Handlungen einer jeden Einzelperson für die Entwicklung der gesamten Menschheit von Bedeutung sein können und wie diese Handlungen weit über den direkten Wirkungsbereich des Einzelnen hinaus reichen – auch in der Zeitdimension. Dies sind jedenfalls aus meiner Sichtweise die Haupthemen des Buches. Je nach Sichtweise und Interpretation nimmt die in „Cloud Atlas“ erzählte Geschichte philoshophische bis esoterische Züge an und ist mit der für die Verfilmung kreierten Tagline „Alles ist verbunden“ zwar korrekt, aber natürlich auch nur äußerst knapp umschrieben.

Mitchell erzählt in „Cloud Atlas“ zumindest auf den ersten Blick sechs vollkommen unterschiedliche Geschichten, die alle zu unterschiedlichen Zeiten spielen (vom 19. Jahrhundert bis hin in eine apokalyptische Zukunft, in der weite Teile der menschlichen Zivilisation zusammen gebrochen sind). Die ersten fünf Geschichten werden jeweils mitten in der Handlung unterbrochen (eine sogar mitten im Satz!), dann folgt die in der Mitte des Buches angeordnete Endzeit-Geschichte, bevor die ersten fünf Erzählungen in umgekehrter Reihenfolge zu Ende erzählt werden. Daraus ergibt sich ein symmetrischer Aufbau des Buches. Zusätzlich folgen die einzelnen Erzählstränge in ihrem Aufbau jeweils noch einer eigenen literarischen Form; bei der das Buch beginnenden und abschließenden Erzählung handelt es sich beispielsweise um ein Tagebuch, es folgen unter anderem ein Briefroman, ein Thriller und ein Interview.

Von der den Film begleitenden Werbekampagne wurde man letztes Jahr immer wieder darauf hingewiesen, dass hier Halle Berry, Tom Hanks und andere Darsteller jeweils (zum Teil bis zu sechs) verschiedene Rollen spielen. Als etwa Hanks und Berry im November auf der „Wetten dass…?“-Couch saßen, wurden in einem kurzen Video-Einspieler ihre verschiedenen Figuren in den unterschiedlichen Masken und Verkleidungen gezeigt, der eigentliche Inhalt des Films wurde jedoch mit keinem Satz thematisiert. Aber wie auch? All jenen Fernsehzuschauern, die keine eingefleischten Kinofans sind und noch nie von diesem Film gehört haben, die Handlung erklären zu wollen, würde wohl eher eine abschreckende als werbewirksame Wirkung haben. Und es ist wohl kein Wunder, dass der Film im Kino als Flop zu verbuchen war, nachdem man nicht in der Lage war, seinen Inhalt anders als über den Hinweis auf Tom Hanks in verschiedenen Masken und die alles- und nichtssagende Zeile „Alles ist verbunden“ zu vermitteln.

Auch unter denjenigen, die sich dann tatsächlich eine Karte gekauft haben, dürften sich recht viele bereits nach zehn Minuten gefragt haben, worum es denn bitteschön in diesem Film eigentlich geht und was diese scheinbar durcheinander ablaufenden, völlig unterschiedlichen Geschichten miteinander zu tun haben. Und warum in allen Tom Hanks auftaucht. Übrigens hat wohl auch der überlange – nämlich achtminütige – Trailer, der im Vorfeld im Internet veröffentlicht wurde, zwar wohl diejenigen, die sich sowieso schon für „Cloud Atlas“ interessiert hatten, neugieriger gemacht, aber viele weitere Zuschauer dürfte man mit dieser Marketingmaßnahme nicht überzeugt oder auch nur erreicht haben. Ein achtminütiger Trailer – das allein klingt doch schon anstrengend und kompliziert, dabei war die Absicht doch, einen Einblick in die Geschichte zu geben und zu zeigen, dass die dem Film zugrunde liegenden Gedanken zwar tiefgründig, aber eigentlich ganz einfach sind. Aber der Aufbau der Geschichte bringt es nun einmal mit sich, dass sich eine kurze Zusammenfassung des Films wie auch des Buchs nach einem fürchterlich schwierigen Werk anhören muss. Was für ein Dilemma!

Mir als großem Filmfan war all das zum Glück egal, ich habe den Trailer in voller Länge gesehen und wie gesagt vor dem Anschauen des Films extra das Buch gelesen, war also auf einen komplexen Film vorbereitet (ich war sogar ziemlich gehypet, nachdem „Babylon 5“-Schöpfer J. Michael Straczynski, auf dessen Meinung ich sehr viel gebe, den Film in den höchsten Tönen gelobt hatte). Nachdem ich „Cloud Atlas“ nun einmal gesehen habe, weiß ich zwar noch nicht, ob er auch für mich das Meisterwerk darstellt, als das ihn manche seiner Bewunderer bezeichnen. Ein großartiger Film ist es aber allemal.

Die Entscheidunge, fast alle Darsteller mehrere unterschiedliche Rollen spielen zu lassen, ist insofern nachvollziehbar, als es in den verschiedenen Handlungssträngen ja immer wieder um die selben Themen geht und die handelnden Figuren vor ähnliche Entscheidungen gestellt werden. Natürlich bildet bei der Interpretation der Geschichte die Idee der Reinkarnation ein naheliegendes Konzept (welches nie explizit angesprochen wird), doch man muss die verschiedenen, jeweils vom selben Darsteller gespielten Figuren nicht unbedingt als Wiedergeburten derselben Seele oder was auch immer ansehen. Dass man in jeder der Episoden die Gesichter von Tom Hanks und Halle Berry wieder findet, macht auch ohne das Reinkarnationskonzep Sinn, da es die Ähnlichkeiten zwischen den Handlungssträngen betont und zeigt, dass einzelne Individuen zu allen Zeiten immer wieder für die gleichen Ideale kämpfen müssen. Die Masken und Verkleidungen sind wirklich großartig, führen aber leider auch dazu, dass man ein ganzes Stück lang fast zu sehr damit beschäftigt ist, in jeder der sechs Geschichten alle Schauspieler zu identifizieren und so von der Handlung abgelenkt ist. Nicht immer sind die Schauspieler nämlich sofort zu erkennen (z.B. wenn Hugh Grants einen Stammeskrieger spielt, dessen Gesicht unter aufwändigen Bemalungen verborgen ist).

Mit dem Anspruch, David Mitchells Roman in einen knapp dreistündigen Film packen zu wollen, haben sich die Filmemacher hier wahrlich keinen Gefallen getan. Aus dem Stoff hätte man ohne Probleme auch einen Mehrteiler fürs Fernsehen machen können. Auch ein Episodenfilm mit konventionellerem Aufbau, bei dem die sechs Handlungsstränge einfach nacheinander erzählt werden, wäre sicherlich naheliegend gewesen. Höchstwahrscheinlich hätte aber unter der letzteren Variante die Botschaft des Films gelitten, denn die große Stärke von „Cloud Atlas“ ist es gerade, dass durch die ineinander verwobenen Geschichten, die quasi gleichzeitig erzählt werden, deren Parallelen hervortreten und vielleicht sogar deutlicher werden, als nach dem einmaligen Lesen des Buches. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber der Film ist tatsächlich auf eine Weise zusammengeschnitten, die einen nie den Faden verlieren lässt. Man kann allen sechs Geschichten ohne größere Probleme folgen (zumindest konnte ich das, mit dem Roman im Hinterkopf), selbst als die Wechsel zwischen ihnen zum Ende des Films in immer kürzerem Abstand erfolgen. Vielleicht liegt das daran, dass die Filmemacher den Film beim Schnitt als eine einzige, durchgehende Geschichte betrachtet haben und nicht als aus sechs unterschiedlichen Geschichten zusammengesetzt. Besonders positiv ist mir übrigens der Tonschnitt aufgefallen, denn gerade auf akustischer Ebene werden die einzelnen Segmente sehr gut miteinander verbunden und plötzliche Übergänge „kaschiert“, sowohl durch Musik als auch durch Soundeffekte (z.B. wenn das Geräusch eines galoppierenden Pferdes in das Rattern eines Zuges überblendet wird).

Nicht nur beim Schnitt, sondern ganz generell ist es notwendig, „Cloud Atlas“ als eine Geschichite zu betrachten. Alles ist verbunden – so banal sich dieser Satz auch anhören mag, man muss ihn erst einmal verinnerlicht und seine wirkliche Bedeutung verstanden haben: dass jede Handlung eines jeden Einzelnen weitreichende Folgen haben kann und jede Person die Chance hat, die Welt in der wir leben, aktiv mit zu gestalten. (Ich muss gerade an eine Szene aus dem „Making of“ zu Ridley Scotts „Blade Runner“ denken: Dort erzählt Scott, wie er den „money people“ vom Studio die Einhornszene seines Films zu erklären versucht. Seine Erklärung erschöpft sich weitgehend in einem Satz: „If you don’t get it, what’s the point in me explaining it?“ – Ich kann mir vorstellen, dass die Wachowskis und Tykwer zunächst in ähnlich verständnislose Gesichter geblickt haben wie Scott, als sie den Studiobossen ihren Film und ihr Konzept dazu zu erklären versucht haben.) Der Film fügt dem Roman jedenfalls nicht einfach nur ein paar beeindruckende Bilder hinzu, sondern hilft einem auch, dessen Themen und Motive besser zu verstehen, die man nach einmaligem Lesen vielleicht nicht alle bewusst wahrgenommen hat.

Insgesamt hat mir „Cloud Atlas“ also sehr gut gefallen, wobei ich mir nicht sicher bin, wie weit ich der Handlung hätte folgen können, ohne vorher den Roman gelesen zu haben. Ein paar Kritikpunkte habe ich aber auch. So sah zum Beispiel das Alters-Makeup nicht besonders überzeugend aus und war sofort als Maske erkennbar. Weiterhin hatte Susan Sarandon zwar auch in mehreren der Handlungsstränge jeweils eine Rolle, aber keine davon ist mir besonders in Erinnerung geblieben, was schade ist, da ich Sarandon sehr mag. Ach ja, dann ist da noch Halle Berry…zu ihr habe ich bislang noch in keinem Film eine enge emotionale Beziehung aufbauen können, ich mag sie als Schauspielerin einfach nicht (ihre mit dem Oscar ausgezeichnete Performance in „Monster’s Ball“ habe ich allerdings noch nicht gesehen). Zugegeben, da können die Filmemacher nichts dafür. Noch mehr gestört hat mich aber die Musik des Films, die unter anderem von Tom Tykwer selbst geschrieben wurde (er wurde dafür sogar für einen Golden Globe nominiert). Sie war zwar irgendwie nett und die Stimmung unterstreichend, aber bei einem Film von solcher epischer Breite erwarte ich dann doch etwas viel Pompöseres als Tykwers belangloses Gedudel. Da hätte mal ein klassischer John Williams-Score gut getan, um den Film nochmal in eine ganz andere Sphäre zu heben.

Trotz dieser Schwächen ist „Cloud Atlas“ aber durchaus ein gelungener und vor allem optisch beeindruckender Film. Es ist schade, dass er im Kino gefloppt ist, aber ich bin überzeugt davon, dass er – ganz ähnlich wie der bereits erwähnte „Blade Runner“ – im Laufe der Jahre seine Fans finden wird. Denn die Botschaften des Buches wie des Films sind tatsächlich sehr wichtige. Kleine, scheinbar unbedeutende Ereignisse können für die weitere Entwicklung der ganzen Menschheit von Bedeutung sein und so kann jeder Einzelne dazu seinen Beitrag leisten. Oftmals lässt sich das erst nach langer Zeit erkennen, der kurzfristige Blick reicht dafür nicht aus. Aber genau diesen Blick wollen David Mitchell, Andy und Lana Wachowski und Tom Tykwer verändern und ihr Publikum für größere Zusammenhänge sensibilisieren. Wer weiß schon, was die eigenen Handlungen für Auswirkungen haben werden? Im Film führen die Entscheidungen eines einzelnen Arbeiterklons zu weitreichenden Veränderungen und genau jener Klon – das Mädchen Sonmi~451 ~ wird Jahrhunderte später als Göttin verehrt. „My life extends far beyond the limitations of me“, erklärt der junge Komponist Robert Frobisher (Ben Wishaw) in einem der anderen Handlungsstränge und genau diese Einsicht ist es, die meiner Meinung nach notwendig ist, um viele der Probleme und Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, zu meistern. Kurzfristiges, egoistisches Denken und der Blick auf den schnellen (wirtschaftlichen) Erfolg muss ersetzt werden durch einen umfassenderen Denk- und Erfahrungshorizont. Denn genau wie im Film hat auch in der Realität jede Handlung eines jeden Einzelnen weit reichende Konsequenzen für den ganzen Planeten, auch wenn sie für sich allein genommen vielleicht unbedeutend erscheinen mag. Eine achtlos weggeworfene, aber tatsächlich hochgiftige Zigarettenkippe kann durch Wind und Regen über Abwasserkanäle und Flüsse ins Meer gelangen und dabei zahlreiche Meereslebewesen töten. Ein für 4,95 gekauftes T-Shirt wurde in Bangladesch von schlecht bezahlten Näherinnnen unter schlimmsten Bedingungen hergestellt. Mit unseren Entscheidungen und Handlungen tragen wir dazu bei, die Zukunft unserer Welt mitzugestalten – und dabei sind es auch und gerade solche alltäglichen, scheinbar bedeutungslosen Dinge, die fatale Auswirkungen haben können.

„Alles ist verbunden.“ Dieser Satz klingt simpel und erscheint banal, aber ich bin überzeugt davon, dass die hinter ihm stehenden Bedeutungen, die der Film und das Buch transportieren, hochbrisant sind. Früher oder später wird die Menschheit hoffentlich erkennen, dass der Horizont eines einzelnen Menschenlebens zu klein ist, um die Entwicklung unserer Welt und Zukunft im Blick zu haben und dass wir in größeren Zeitabschnitten denken müssen. „Cloud Atlas“ zeigt in jedem seiner sechs Handlungsstränge Personen, die sich über ihre eigenen Grenzen hinwegsetzen müssen, deren Weltbild erschüttert wird, die vor weit reichende Entscheidungen gestellt werden und schließlich versuchen, auch gegen Widerstand Veränderungen durchzusetzen. Auf diese Weise wird hier exemplarisch verdeutlicht, wie gesellschaftlicher Wandel durch Erlebnisse und Entscheidungen Einzelner in Gang gesetzt werden kann. Zum Beispiel, wenn ein junger Seefahrer, dessen Leben von einem schwarzen Sklaven gerettet wird, sich später der noch kleinen Gruppe an Gegnern der Sklaverei anschließt und auf diese Weise dazu beiträgt, die Sklaverei abzuschaffen. Solche Entwicklungen und Veränderungen sind oft größer als wir selbst, größer als der Erfahrungs- und Wirkungshorizont einer Einzelperson. Aber auch wenn einzelne Menschen sterben, können sie doch zu ihren Lebzeiten wichtige Veränderungen in Gang setzen, die auch nach ihrem Tod weiter wirken.

If you don’t get it, what’s the point in me explaining it….. 😉