Breaking Bad – Season 5 (Episode 1-8)

— Im folgenden Text sind zahlreiche Spoiler für die fünfte Staffel (Episode 1-8) zu finden. Weiterlesen sollten also nur diejenigen, die diese Episoden schon gesehen haben! —

An „Breaking Bad“ liebe ich eigentlich fast alles, aber besonders den immer wieder in der Serie angewandten Kniff, auf bereits vorweg genommene oder zumindest angedeutete Situationen hin zu erzählen. Zu Beginn der zweiten Staffel sahen wir einen pinkfarbenen Teddybear in Walter Whites Pool schwimmen, ohne zu wissen, was dieses Bild bedeutet. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde diese Szene im Verlauf der Staffel mehrmals aufgegriffen, bis man sie schließlich einfach zur Kenntnis nahm, ohne weiter groß darüber nachzudenken und schließlich schon fast wieder vergessen hatte, als dann ganz am Ende – zum Schluss der letzten Episode – die tragische Relevanz dieses rosa Teddybären mit einem Schlag klar wurde.

Nach dem gleichen Muster, zu Beginn eine für sich allein stehende und so gut wie nichts sagende, ja im Kontext der Serie zunächst fehl am Platz scheinende Szene zu platzieren, verfahren „Breaking Bad“-Schöpfer Vince Gilligan und die anderen Autoren immer wieder – sowohl staffelübergreifend, als auch innerhalb einzelner Episoden. „Dead Freight“, die fünfte Episode der fünften Staffel, beginnt damit, dass ein 14jähriger Junge, den wir zuvor noch nie gesehen haben, auf seinem Fahrrad in New Mexiko durch die Wüste fährt. Er entdeckt eine Tarantel, die er über seine Hände krabbeln lässt und schließlich in einem Glas gefangen nimmt, welches er in die Innentasche seiner Jacke steckt, bevor er weiter fährt. Nach dieser aufgrund der Spinne schon für sich allein auf viele Zuschauer verstörend wirkenden Eingangsszene geht die Episode zur bekannten Titelsequenz über und erzählt anschließend die Geschichte um ihre Hauptfiguren da weiter, wo sie in der vorhergehenden Folge endete. Den Jungen auf dem Fahrrad hat man schon wieder vergessen, als einem die letzte Szene der Episode, in der er wieder auftaucht, einen Schlag in die Magengrube versetzt.

Zahlreiche weitere Episoden nutzen dieses Schema ebenfalls, bei dem dem Zuschauer zu Beginn eine Figur oder eine Situation einfach ohne Erklärung hin geworfen wird und erst allmählich im Laufe der Episode die Bedeutung der Eingangszene deutlich wird, oftmals erst mit der entsprechenden Komplementärszene ganz am Ende. Auch die fünfte Staffel beginnt mit einem solchen Flashforward, der zwar genug Erklärung mitliefert, um das Gezeigte an sich zu verstehen und auf den im Lauf der ersten Hälfte der Staffel kurz Bezug genommen wird; wir können diese Szene aber noch nicht in den Gesamtkontext der Serie einordnen, da wir noch nicht wissen, wie es zu dieser Situation kommen wird: Walter White (Bryan Cranston) feiert seinen 52. Geburtstag alleine in einem Restaurant. Er hat offensichtlich eine falsche Identität angenommen, sich wieder Haare und einen Bart wachsen lassen und sich eine neue Brille zugelegt. Auf der Toilette bekommt er den Schlüssel für ein Auto ausgehändigt, in dessen Kofferraum sich Waffen und Munition befinden. Schnitt zur Titelsequenz.

Es folgt die reguläre Handlung der fünften Staffel, in deren Verlauf Walter seinen 51. Geburtstag feiert. Die fünfte Staffel ist mit insgesamt 16 Episoden länger als alle vorhergehenden Staffeln, wird aber in zwei Blöcken von jeweils acht Folgen gesendet, die man eigentlich als eigenständige Serienstaffeln betrachten kann (und so werden sie in Deutschland wohl auch vermarktet werden – die DVDs und Blurays mit den ersten acht Folgen tragen jedenfalls schlicht die Aufschrift „Die fünfte Season“, man kann also davon ausgehen, dass die letzten acht Episoden hierzulande als „sechste Season“ verkauft werden). Der Cliffhanger, mit dem diese erste Staffelhälfte endet, ist ein ziemlich gemeiner, den man schon fast die ganze Serie lang sowohl herbei gesehnt als auch gefürchtet hat: Walters Schwager Hank (Dean Norris), der inzwischen das örtliche Büro der Drogenbekämpfungsbehörde (DEA) leitet, scheint Walt endlich auf die Schliche zu kommen. Ein auf der Toilette liegen gelassenes Buch erweist sich als grober Leichsinnsfehler von Walt, doch genau in dem Moment, als sich auf Hanks Gesicht ein Ausdruck der plötzlichen Erkenntnis zeigt, setzt der Abspann ein.

Bis die letzten acht Folgen gezeigt werden, können wir also nur darüber spekulieren, was es mit der Szene zu Beginn der Staffel auf sich hatte. Befindet sich Walt auf der Flucht vor Hank und den Agenten der DEA? Will er Hank umbringen, um seine Heisenberg-Identität weiterhin geheim zu halten? Oder hat er sich wieder einmal noch weitere Feinde gemacht, gegen die er sich nun zur Wehr setzen muss? Und zu welchem Zeitpunkt in der Serie wird sich diese Szene überhaupt ereignen? Spätestens nach dem Erscheinen der allerletzten Folge werden wir bescheid wissen.

Die erste Hälfte dieser letzten Staffel habe ich jedenfalls genossen, auch wenn vieles von dem, was darin erzählt wurde, mir doch etwas redundant erschien. Walter White kämpft an verschiedenen Fronten die gleichen Kämpfe, wie auch schon in den ersten vier Staffeln. Die Einsätze sind zwar höher, die Risiken noch größer und Walts Skrupellosigkeit und Härte scheint nun fast gar keine Grenzen mehr zu kennen, doch erzählerisch haben wir das meiste schon einmal gesehen. Einige der Aktionen von Walt und Jesse nehmen inzwischen wirklich absurde Züge an und wirken trotz des realistischen Tons, dem sich die Serie nach wie vor verpflichtet fühlt, mindestens ein bisschen unglaubwürdig (Stichworte: Magnet, Zug!). Sehr unterhaltsam ist das alles nach wie vor und auch die Fähigkeit der Autoren und Darsteller, komische Momente und tiefste menschliche Abgründe einander gegenüber zu stellen, ist nach wie vor bemerkenswert.

Walts Entwicklung zum eiskalten Verbrecher schien ja bereits am Ende der vierten Staffel an ihrem Tiefpunkt angekommen zu sein und so überrascht es auch nicht mehr, dass ihm inzwischen wirklich jedes Mittel recht ist, um seine Karriere im Drogenmilieu geheim zu halten und weiter auszubauen. Seine Frau Skyler (Anna Gunn), die nach dem ersten Schock über Walts Verbrecherleben eigentlich recht rational reagiert hatte und danach für die Geldwäsche zuständig war, kommt mit ihrer Rolle nun immer weniger klar und möchte ihre Kinder vor Walts Einfluss beschützen. Walts Partner Jesse (Aaron Paul) lässt sich zwar zunächst dazu überreden, erneut mit ins Meth-Business einzusteigen. Nach dem Tod des oben erwähnten 14jährigen Jungen kann aber sogar Jesse nicht mehr fassen, wie emotions- und skrupellos Walt mit der Situation umgeht. Während Walt immer mehr den Realitätsbezug zu verlieren und nur noch den Profit des Drogengeschäfts im Kopf zu haben scheint, macht Jesse interessanterweise eine umgekehrte Entwicklung durch. War es zu Beginn der Serie er, der es kaum erwarten konnte, immer mehr Meth zu kochen, um Millionen zu verdienen, während Walt ihn zur Vorsicht mahnte, so ist es nun Walt, der größenwahnsinnige und gefährliche Pläne schmiedet. Nach dem Mord an Gus Fring stellt er sich nun auf eine Stufe mit diesem und hat sichtlich Spaß an der Macht, die er nun genießt („Say my name!!“).

Eigentlich kann die Serie nun, wo Walt zum einflussreichen Drogenkönig aufgestiegen ist, nur noch mit seinem Tod enden. Schließlich wird ihm früher oder später jemand diese Position streitig machen wollen und gegen ihn vorgehen, so wie er gegen Fring vorgegangen ist. Vielleicht wird auch schlicht und einfach seine Krebserkrankung zurückkehren, so wie es sich seine Frau inzwischen sogar erhofft. Walts Liste an Verbündeten wird jedenfalls immer kürzer, trotzdem glaubt er immer noch, alles unter Kontrolle zu haben. Doch wie sich am Ende zeigt, ist es ein dummer, kleiner Leichtsinnsfehler, der Hank auf seine Spur bringt. Genau wie in der siebten Staffel von „Dexter“ wird es hier für die Hauptfigur – in beiden Fällen ein scheinbar rechtschaffener Bürger, der aber ein Doppelleben als Schwerverbrecher führt – allmählich eng, weil ihm sein Umfeld auf die Schliche zu kommen droht. Doch während „Dexter“ zwar immer noch gut unterhält, seine Handlung aber über sieben Staffeln etwas zu sehr in die Länge gezogen hat, könnte „Breaking Bad“ durchaus noch die Kurve zu einem glaubwürdigen Ende kriegen. Aber wie könnte dieses aussehen? Sowohl bei „Dexter“ als auch bei „Breaking Bad“ identifiziert man sich mit der Hauptfigur und fühlt mit ihr mit. So gesehen möchte ich, dass Walter White ungeschoren davon kommt. Ich traue es Vince Gilligan aber zu, den harten, realistischeren Weg zu gehen und Walt schließlich durch seinen Schwager Hank zur Strecke bringen zu lassen. Das wäre ganz bestimmt kein Feelgood-Ende, aber um so etwas hat sich diese Serie sowieso noch nie geschert. Und das ist auch gut so.

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