Babylon 5 – Episode 1.04 „Infection“

Mein „Babylon 5“-Rewatch macht mir Spaß, ich gucke gerne „Babylon 5“. Das ist zwar wahr, manchmal muss ich mir diese Worte allerdings wie ein Mantra immer wieder selbst vorsagen, um daran zu glauben. Zum Beispiel, wenn es um „Infection“ geht, die vierte Episode der ersten Staffel. Müsste ich eine Liste der schlechtesten Episoden der Serie erstellen, dann wäre diese Folge bestimmt unter den Flop 5, wahrscheinlich sogar unter den Flop 3 (oder sogar auf dem „Spitzenplatz“?). Aber alles Jammern hilft nichts, denn ich habe mir ja vorgenommen, hier über jede B5-Folge zu bloggen…

Episode 1.04 “Infection” (“Ein unheimlicher Fund”)

Drehbuch: J. Michael Straczynski, Regie: Richard Compton
Erstausstrahlung: 18.02.1994 (USA), 27.08.1995 (Deutschland)

„Babylon 5“ ist zwar bekannt für seine alle Folgen durchziehende Handlung, doch wer diese Episode auslässt, der verpasst so gut wie nichts. Zu Beginn der Folge erfahren wir, dass es nun zwei Jahre her ist, seit die Raumstation ihren Betrieb aufgenommen hat. (Im Pilotfilm war die Station bereits etwa 18 Monate in Betrieb, „Infection“ spielt also ungefähr sechs Monate nach „The Gathering“.) Dr. Stephen Franklin, der in „Soul Hunter“ zur Crew gestoßen ist, hat hier erstmals eine zentrale Rolle in einer Episode. Er bekommt Besuch von einem alten Freund und Mentor, Dr. Vance Hendricks (David McCallum).
Hendricks‘ spaziert plötzlich ins Medlab hinein und teilt Franklin mit: „I’ve come to offer you an adventure, Stephen. Very possible the biggest adventure you’ve ever had.“ Diese Worte wirken vollkommen gestelzt und künstlich; sie sind alles andere als hilfreich dabei, Hendlicks zu einer interessanten Figur zu machen. Die Art und Weise von Hendricks‘ Auftritt passt besser auf eine Theaterbühne als ins Fernsehen – dort sind diese Zeilen einfach nur schlecht geschriebene Dialogzeilen. Von der organischen Technologie, die Hendricks und sein Handlanger Nelson Drake (Marshall Teague) mitbringen, ist Franklin anscheinend so begeistert, dass er zunächst alle Bedenken beiseite und sich sofort dazu überreden lässt, alles andere stehen und liegen zu lassen, um möglichst viel Zeit zur Erforschung der unbekannten Artefakte aufwenden zu können. Erst in einer späteren Szene, als Hendricks und Franklin schon seit 15 Stunden (laut Hendricks) am Forschen sind, spricht Stephen ein paar Bedenken aus: Was passiert eigentlich, falls er und Hendricks wirklich herausfinden sollten, wie diese Technologie funktioniert?
Auch die Firma, für die Hendricks inzwischen arbeitet – IPX (Interplanetary Expeditions) – ist Stephen nicht ganz geheuer. Er sagt deutlich, er habe etwas gegen Firmen, die fremde Welten nach Technologien absuchen, um diese dann zu stehlen und damit Profit zu machen und kritisiert auch Hendricks selbst, weil dieser nun anscheinend statt selbst zu forschen und neue Erkenntnisse anzustreben ebenfalls lieber nach bereits existierenden Technologien sucht. Franklin bezeichnet diese Vorgehensweise als Abkürzung; sie erscheint ihm nicht legitim. Hendricks jedoch sieht die Sache pragmatischer, schließlich können unabhängige Forschungseinrichtungen derart aufwändige Expeditionen wie die, von der er gerade zurück gekommen ist, gar nicht finanzieren. Er ist auf große Firmen wie IPX als Geldgeber angewiesen.

Als Sinclair und Garibaldi später Hendricks befragen, gibt dieser zu, doch mehr über die Artefakte zu wissen, als er Franklin erzählt hat. Doch es ist längst zu spät und bereits die ganze Station in Gefahr, da sich Drakes / Tularrs Waffe mit jedem Schuss stärker wird. Schließlich ist es mal wieder Sinclair selbst, der die Bedrohung fast im Alleingang ausschaltet (was unglaubwürdig wäre, wenn es nicht am Ende der Folge thematisiert würde, als Garibaldi seinen Freund auf dessen Neigung, sich immer wieder in Gefahr zu begeben, anspricht). Die Hintergrundgeschichte hinter Drakes Verwandlung in die Kriegsmaschine ist interessant, leider wird ihr aber viel zu wenig Raum geschenkt und dem dämlich aussehenden, durch die Station stapfenden Monster dafür viel zu viel. Ikarra – der Planet von dem die Artefakte stammen – sah sich vor etwa tausend Jahren mehmals einer feindlichen Invasion ausgesetzt. Als Waffe gegen die Angreifer schufen die Ikarraner eine Reihe von Kriegsmaschinen, die darauf programmiert waren, alles Leben zu vernichten, das nicht den Parametern eines „puren Ikarraners“ entsprach. Da aber keiner der Bewohner des Planeten diese Kriterien erfüllte, vernichteten die eigentlich zur Verteidigung des Planeten gedachten Maschinen alles dort befindliche Leben.
JMS‘ Drehbuch ist leider der große Schwachpunkt dieser Episode. Was eine interessante Diskussion darüber hätte werden können, was es bedeutet, eine zu definierende Rasse von Lebewesen gegen Bedrohungen von außen zu verteidigen, wurde stattdessen zu einer konturlosen Episode mit einem lächerlich wirkenden Gummimonster. Von den Ikarranern und ihrer Besessenheit von der genetischen Reinheit lassen sich natürlich viele Vergleiche ziehen; leider reitet das Drehbuch jedoch so oft auf dieser Thematik herum, dass dem Zuschauer jegliche Denkarbeit abgenommen wird – das Ziehen eigener Schlüsse scheint nicht erwünscht zu sein. „Your people, how pure were they?“, brüllt Sinclair Tularr an. „Pure!“, antwortet der, und Sinclair fragt erneut: „How pure?“. Den Nazi-Vergleich zieht Sinclair auch gleich selbst, hier werden einem die Metaphern also wirklich mit der Holzhammermethode eingeprügelt. Gute Science-Fiction sieht anders aus, aber zum Glück handelt es sich bei „Infection“ um einen der seltenen Ausrutscher von „Babylon 5“. Der einzige Moment an der ganzen Tularr-Geschichte, der mir gefallen hat, war der, als das Monster am Ende verzweifelt eingesehen hat, was aus Ikarra geworden ist.
Dass am Ende der Episode immerhin thematisiert wird, dass Sinclair erneut sein eigenes Leben riskiert hat, habe ich ja schon erwähnt. Das gibt seiner Figur ein wenig mehr Tiefe und zudem sagt Garibaldi im Gespräch mit Sinclair einen Satz, den man sich merken sollte, weil man ihn ganz ähnlich irgendwann noch einmal hören wird: „I think they’re looking for something worth dying for, because it’s easier than finding something worth living for.“ (Er bezieht sich auf Menschen wie Sinclair, die aus dem Krieg verändert hervor gegangen sind.) Die letzten Szenen sind überhaupt das Interessanteste an der ganzen Folge. Neben der erwähnten Sinclair-Garibaldi-Szene kommt auch noch der mäandernde B-Plot um die auf die Station gekommene Reporterin zu einem Ende und Sinclair darf einen schönen Schlussmonolog sprechen, in dem er begründet, warum die Menschheit stets danach strebt, ihre Grenzen zu überwinden und Neues zu suchen. Übrigens werden wir im Verlauf der B5-Handlung noch öfter Journalisten sehen, und Sinclair wird auch nicht die letzte Führungspersönlichkeit mit einer Abneigung gegen Reporter sein…

Highlight der Episode: Sinclairs Schlussmonolog (siehe Zitate). Darin erwähnt er Marilyn Monroe, Lao-Tzu, Albert Einstein, Buddy Holly, Aristophanes – und einen gewissen Morobuto, den einzigen Namen, den man keiner bedeutenden Persönlichkeit zuordnen kann, zumindest, wenn man sich nur in der Vergangenheit umsieht. JMS zufolge ist Morobuto nämlich ein afrikanischer Philosoph und Anführer, der mehrere verfeindete Staaten Afrikas vereinte, der „Ghandi seiner Zeit“. Er lebte (bzw. wird leben) von 2075 bis 2124.

Londo/G’Kar-Moment: Leider zum zweiten Mal in dieser Staffel gar keiner, da Londo und G’Kar hier nicht vorkommen, genauso übrigens wie Delenn.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode (da ich niemanden spoilern möchte, lasse ich alle Punkte unkommentiert stehen):

  • Dr. Franklin weigert sich, die organische Technologie an den Konzern IPX zu übergeben, der sie wahrscheinlich zu militärischen Zwecken weiter erforschen würde.
  • Außerdem erwähnt er am Ende der Folge eine „Pro-Erde-Bewegung“, die immer stärker wird und fragt sich, ob die Dinge, die sich auf B5 gerade abgespielt haben (eine auf genetische Reinheit programmierte Kampfmaschine versucht alles „unreine“ Leben auszurotten) nur ein Vorgeschmack dessen sind, was noch auf sie zukommen könnte.
  • Außerdem haben wir gelernt, dass Dr. Franklin sich so in seine Arbeit vertiefen kann, dass er gar nicht merkt, wie lange er schon arbeitet.
  • Ikarra wurde vor Tausend Jahren von uns unbekannten Feinden angegriffen.
  • Garibaldi wurde aus seinen fünf vorherigen Jobs gefeuert, jedesmal wegen „persönlicher Probleme“. Mit dem Posten als Sicherheitschef auf B5 hat ihm sein Freund Jeffrey Sinclair eine letzte Chance gegeben.
  • Dr. Hendricks zufolge verfügen die Vorlonen über organische Technologie, möglicherweise auch die Minbari.

Sonstige Fragen:

  • Warum verheimlicht Nelson Drake eigentlich den ersten „Blitzschlag“, den ihm die Artefakte verpasst haben? Hätte er zu diesem Zeitpunkt nicht noch Dr. Franklin oder Dr. Hendricks darüber in Kenntnis setzen und so möglicherweise Schlimmeres verhindern können? (Wohl nicht – wahrscheinlich befand er sich ab dem Punkt, an dem die Artefakte mit ihm Kontakt aufgenommen hatten, bereits unter deren Kontrolle.)
  • Warum hinterlässt Tularrs Angriff in Grau 13 zwei so lächerliche Umrisse an der Wand? (Sie sollen offenbar zwei Menschen mit zum Schutz erhobenen Armen zeigen.)
  • Wieso spricht Tularr eigentlich englisch? (Wahrscheintlich, weil er auf Nelsons Erinnerungen zugreifen kann.)
  • Warum befinden sich an einer Seite des Medlabs Panele, die aussehen wie Greenscreens? 😉
  • Wie kam es, dass Garibaldi und Sinclair einst zusammen mindestens 50 Meilen durch die Wüste wanderten? Eine Szene zwischen Garibaldi und Mrs. Kramer beginnt nämlich mit Garibaldis Worten „…and after walking 50 miles, we made it out of the desert.“ Da würde ich gerne mal die ganze Geschichte hören.

Weitere interessante Punkte: 

  • In dieser Folge wird zum ersten Mal Interplanetary Expeditions (IPX) erwähnt, eine Firma, die noch mehrmals im Verlauf der Serienhandlung auftaucht. Interessant ist, dass es sich um eine relativ junge Firma zu handeln scheint; Franklin jedenfalls hat noch nie von ihr gehört, als Hendricks sie erwähnt. Ebenfalls interessant ist, dass es sich oberflächlich betrachtet zwar um ein Unternehmen handelt, das archäologische Missionen zu fremden Welten unternimmt, dies aber nur eine Tarnung darstellt. Tatsächlich handelt es sich um einen Biowaffen-Hersteller.
  • Hendricks sagt zu Franklin: „You once told me you wanted to go down in history, alongside Fleming, Salk, Jenner, Takahashi.“ Wie Ihr den Links entnehmen könnt, beziehen sich alle Namen auf reale Wissenschaftler.
  • Die Verhandlungen zwischen den Narn und den Centauri aus der letzten Folge scheinen noch nicht beendet zu sein. Garibaldi erwähnt nämlich dass „nächsten Dienstag“ erneut solche Verhandlungen anstehen. Natürlich kann es sich auch um andere Verhandlungen drehen, zwischen diesen beiden Völkern gibt es schließlich bestimmt eine ganze Menge zu verhandeln…
  • Sinclairs Ausspruch „How sharper than a serpent’s tooth“ stammt aus William Shakepeares „King Lear“: „How sharper than a serpent’s tooth it is to have a thankless child!“, heißt es dort in Akt 1, Szene 4.
  • Im Dialog dieser Episode kommt auffällig oft der Ausdruck „on the line“ vor. („I’m joining Mr. Garibaldi on the line.“, „since going on-line“, „…you’ve put yourself on the line.“) Dies war von JMS so beabsichtigt und sollte eine Verbindung zu Sinclairs Vorgeschichte herstellen, der ja „on the line“ – also im letzten Gefecht des Erd-Minbari-Kriegs – gekämpft hatte.

Interessante “Hinter den Kulissen”-Fakten: 

  • „Infection“ ist sowohl die erste „Babylon 5“-Folge, die geschrieben wurde, als auch die erste, die gedreht wurde. Dies erklärt zum Teil das langweilige Drehbuch und das Fehlen von Londo, G’Kar und Delenn. JMS ist sich der Probleme dieser Episode durchaus bewusst und kann sie selbst nicht leiden. Er schreibt: „I’d just kinda prefer it if it kinda vanished in the night. I feel that way about only two episodes out of 22 [of season one], so that’s not too bad, I suppose.“ Weiterhin gibt er zu, beim Schreiben dieser ersten Folge sich noch schwer getan zu haben, die „Fingerabdrücke“ der Charaktere zu finden, nachdem seit dem Schreiben des Pilotfilms so viel Zeit vergangen war. Hätte er ein anderes Drehbuch gehabt, um diese Folge zu ersetzen, so hätte er das getan. Allerdings standen für die 22 Folgen der ersten Staffel nur 22 Drehbücher zur Verfügung, so dass man auf keines verzichten konnte.
    Über seinen Versuch, aus der Geschichte eine Metapher zu machen, schreibt er: „I tried to use the Nelson/machine as a metaphor; it wasn’t supposed to be about the Nelson/machine, but about the kind of people who would create it […].“ (Die Zitate stammen aus dem vierten der fünf „Asked & Answered“-Bücher
    , in denen die Online-Kommunikation, die JMS vor, während und nach der Produktion von B5 mit den Fans führte, festgehalten ist. Soweit ich weiß kann man all seine Posts aber auch heute noch hier nachlesen – allerdings nicht so schön nach Themen und Episoden sortiert.)
  • Dr. Vance Hendricks wird von David McCallum gespielt, einem schottischen Schauspieler, der unter anderem durch seine Mitwirkung an der Serie „The Man from U.N.C.L.E.“ bekannt geworden ist.
  • Marshall Teague, der Dr. Hendricks Assistenten Nelson Drake spielt (und zum Monster wird), ist eine besondere Ehre zuteil geworden: Er durfte sowohl in der ersten, als auch in der letzten gedrehten, regulären Serienfolge von „Babylon 5“ mitspielen. (Es handelt sich wohlgemerkt um die erste bzw. letzte Episode nach Drehreihenfolge. Ausgestrahlt wurden die Folgen als vierte bzw. vorletzte.) Allerdings spielte er in beiden Folgen unterschiedliche Rollen.

Zitate:
Sinclair:  „The last time I gave an interview, they told me to just relax and say what I really felt. Ten minutes after the broadcast, I got transferred to an outpost so far off the starmaps you couldn’t find it with a hunting dog and a ouija board.“
Garibaldi: „[…] What’s the worst that could happen? They fire you, ship you off to the rim and I get promoted to Commander.“

Sinclair auf die Frage der Reporterin, ob Babylon 5 das Risiko wert sei oder ob die Menschheit sich nicht lieber zurückziehen und um ihre Probleme auf der Erde kümmern sollte: „Whether it happens in a hundred years, or a thousand years, or a million years – eventually, our sun will grow cold, and go out. When that happens, it won’t just take us, it’ll take Marilyn Monroe, and Lao-Tzu, and Einstein, and Morobuto, and Buddy Holly, and Aristophanes. And all of this… all of this was for nothing. Unless we go to the stars.“

Ivanova, als sie sich der Reporterin Mrs. Kramer in den Weg stellt: „Don’t. You’re too young to experience that much pain.“ (Was genau meint sie denn damit!?)

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.05 „The Parliament of Dreams“

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