Babylon 5 – Episode 1.06 „Mind War“

Nach einer viel zu langen, nicht beabsichtigten Sommerpause melde ich mich hier endlich mit einer weiteren „Babylon 5“-Episodenbesprechung zurück. Zunächst möchte ich jedoch wieder auf einige Neuigkeiten aus dem B5-Universum zu sprechen kommen:

Aktuelles aus dem „Babylon 5“-Univerum

Die erste erfreuliche Nachricht: „Babylon 5“ ist ins deutsche Fernsehen zurückgekehrt! Die komplette Serie wird zurzeit auf Tele 5 wiederholt (hier gibt es die genauen Ausstrahlungstermine – jede Folge wird sogar zweimal gezeigt!). Inzwischen ist Tele 5 schon bei den letzten Folgen der dritten Staffel angekommen. Ob die Wiederaufnahme der Serie ins deutsche TV-Programm direkt auf die „Free Babylon 5“-Bewegung zurück zu führen ist, weiß ich nicht, eine positive Nachricht ist es aber allemal. Hoffentlich wird die Serie dadurch einige neue Fans gewinnen!
Die zweite gute Nachricht: „Babylon 5“-Schöpfer J. Michael Straczynskis (JMS) hat im Sommer auf der San Diego Comic Con einen „Babylon 5“-Kinofilm angekündigt! Noch sind keine genauen Details bekannt, aber JMS plant anscheinend, nächstes Jahr das Drehbuch zu schreiben, so dass der Film 2016 gedreht werden kann. Falls Warner Bros. den Film nicht produzieren möchte, wird JMS dies unter dem Banner seines selbst gegründeten Studio JMS tun. Da Warner Bros. zwar die Fernseh- und DVD-Rechte an „Babylon 5“ besitzt, die Filmrechte aber bei JMS liegen, ist ein Kinofilm für ihn die einzige Möglichkeit, notfalls auch ohne Zustimmung von Warner Bros. neue B5-Abenteuer zu drehen (zudem hat er in der Vergangenheit mehrmals gesagt, wenn es jemals neue B5-Geschichten geben sollte, dann auf keinen Fall wieder mit sichtbar kleinem Budget gedrehte direct-to-DVD-Episoden wie „The Lost Tales“/“Vergessene Legenden“, sondern am liebsten einen richtig großen Kinofilm). Noch ist nicht bekannt, worum es in dem Film genau gehen wird oder welche Charaktere und Schauspieler wir sehen werden. JMS hat allerdings angekündigt, dass es sich um ein Reboot handeln wird. Der Film wird also wahrscheinlich nicht die Handlung der TV-Serie aufgreifen oder fortführen, sondern die Tür zu einem ganz neuen B5-Universum aufstoßen. Falls aus der Serie bekannte Schauspieler darin mitspielen werden, dann JMS zufolge in anderen als den gewohnten Rollen. Auf der Comic Con hat JMS auch noch einen weiteren Film angekündigt: Er wird ein Drehbuch auf der Grundlage seines eigenen Comics „Titans“ schreiben, das dann verfilmt werden soll.
Als wären Comics und Filmdrehbücher nicht genug, arbeitet JMS aktuell zusammen mit den Wachowski-Geschwistern („The Matrix“, „Cloud Atlas“) auch noch an „Sense8“, einer neuen Fernsehserie, die 2015 auf Netflix zu sehen sein wird.  Die Dreharbeiten dürften inzwischen fast beendet sein und mit Max Riemelt ist sogar ein deutscher Schauspieler Mitglied des internationalen Casts (weitere Infos zur Serie gibt es in diesem Artikel.) In einem Facebook-Post hat JMS vor kurzem die tollkühne Behauptung aufgestellt, „Sense8“ werde das Fernsehen grundlegend revolutionieren. Ob das stimmt, werden wir nächstes Jahr sehen, ich bin jedenfalls sehr gespannt auf die Serie.
Übrigens habe ich meinen Blogpost über die B5-Podcasts aktualisiert und einen weiteren Podcast hinzugefügt. Das war’s auch schon an aktuellen Neuigkeiten, jetzt geht’s rasch weiter mit…

Episode 1.06 “Mind War” (“Die Macht des Geistes”)

Drehbuch: J. Michael Straczynski, Regie: Bruce Seth Green
Erstausstrahlung: 02.03.1994 (USA), 10.09.1995 (Deutschland)

Die Haupthandlung dieser Episode dreht sich um Talia Winters und ihren Ex-Geliebten Jason Ironheart. Wir erhalten zahlreiche neue Informationen über Telepathen und das Psi-Corps, doch die meisten davon führen nur zu neuen Fragen. Gleich zu Beginn, als der Psi-Cop Alfred Bester (Walter Koenig) und seine Kollegin Sinclairs Büro betreten, werden die Spannungen deutlich, die zwischen Telepathen und Nicht-Telepathen existieren. Besters Versuch, mit Sinclair ohne Worte auf telepathischem Weg zu kommunizieren, wird von Sinclair wütend abgeschmettert. Als Sinclair anschließend anmerkt, es gebe doch eigentlich Regeln, die bestimmen, was Telepathen erlaubt ist und was nicht, erwidert Besters Kollegin Kelsey nur trocken: „There are rules, and there are rules, Commander.“ – ein erster Hinweis darauf, dass sich viele Personen in den Führungsetagen des Psi-Corps nicht um Regeln und Gesetze zu kümmern scheinen.
Walter Koenig, den die meisten Science Fiction-Fans zuvor vor allem als Pavel Chekov aus der zweiten und dritten Staffel der ersten „Star Trek“-Serie (und den Kinofilmen) gekannt haben dürften, spielt hier eine ganz anders gelagerte Rolle. Sein Alfred Bester tritt vom ersten Moment an arrogant, fies und herablassend auf. Das ist herrlich anzusehen, treibt aber die anderen Charaktere wie Sinclair und Ivanova zur Weißglut. Die Szene, in der Bester und Kelsey gemeinsam Talia Winters einem gründlichen Scan unterziehen, ist erschreckend; die Prozedur scheint einer geistigen Vergewaltigung gleich zu kommen, bis Sinclair schließlich einschreitet und den Scan abbricht. Bemerkenswert ist auch Susan Ivanovas Reaktion: Sie reicht Talia anschließend mitfühlend ein Glas Wasser, obwohl sie bislang keine Sympathie für die Telepathin gezeigt hat. Doch Susan weiß aus eigener Erfahrung, welches Leid das Corps einem Menschen antun kann – ihre Mutter wurde vom Psi-Corps in den Selbstmord getrieben, wie wir aus der ersten Folge wissen.
Von Jason Ironheart erfahren wir, dass das Corps Experimente durchführt, um stärkere Telepathen sowie Telekinetiker zu erzeugen. Ironheart zufolge verfolgt das Corps dabei böse Absichten. Es plant angeblich, Telekinetiker wie ihn einzusetzen, um im Weg stehende Personen zu ermorden, ohne Spuren zu hinterlassen. Aber kann man Ironhearts Aussagen trauen? Auf jeden Fall zeigen sich in der Fassade des Psi-Corps deutliche Risse; es handelt sich dabei wohl nicht um die vorbildhafte Institution zum Schutz und der Förderung von Telepathen, die es nach außen darzustellen versucht.
Talias Monolog, in dem sie Sinclair ungefragt erläutert, wie es sich anfühlt, wenn zwei Telepathen miteinander schlafen, soll wohl weitere Sympathien für Talia wecken. Leider wirkt die Szene aber etwas seltsam; es fühlt sich einfach nicht glaubwürdig an, dass Talia Sinclair – den sie noch nicht sehr gut kennt – solche intimen Informationen mitteilt. Insgesamt dient diese Szene aber wie viele andere in dieser Folge dazu, dem Zuschauer zahlreiche neue Informationen über das Psi-Corp, über Telepathen an sich und über Talia Winters zu liefern, die einen Grundstein für die weitere erzählerische Entwicklung von „Babylon 5“ darstellen.

G’Kar schien bislang ein recht eindimensionaler und vorhersehbarer Charakter zu sein. Er war stets der böse Gegenspieler von Londo Mollari und einigen anderen Figuren, der vor allem von seinem Hass auf die Centauri getrieben zu sein schien. Auch diese Episode scheint zunächst genau dieses Bild zu bestätigen – bei seinem ersten Auftreten steht G’Kar mit bösem Blick hinter Catherine Sakai, die mit ihm über die Erlaubnis, den Planeten Sigma 957 zu erforschen, verhandeln muss. Auch sein Verhalten in den folgenden Szenen scheint dem bislang von ihm gezeichneten Bild zu entsprechen. Er wird als Gegenspieler von Sakai aufgebaut, der sie scheinbar aufgrund eigener Interessen daran hindern will, nach Sigma 957 zu fliegen. Sein Satz „Then I fear the Commander will miss you greatly, when you fail to return from Sigma 957“ wirkt wie eine Drohung. Doch er sagt auch einen anderen, sehr wichtigen Satz: „No one here is exactly what he appears.“ Damit weist er darauf hin, dass keine der Figuren in der Welt von „Babylon 5“ genau das sind, was sie zunächst zu sein scheinen.
Alle Charaktere wandeln sich im Lauf der Serie, und diese Wandlungen sind ganz unterschiedlicher Natur. Das Bild, das man in dieser frühen Phase der Serie von den Figuren hat, wird sich definitiv verändern. Genauso wenig wie Londo einfach nur eine fröhliche, oberflächliche Person ist, die gerne trinkt und feiert, ist G’Kar auch nicht einfach nur ein klassischer Bösewicht. Sein Zorn und seine Wut gehören zu diesem frühen Zeitpunkt in der Serie definitiv zu seinem Charakter, doch auch G’Kar wird einige Veränderungen durchmachen und ist zudem bereits jetzt mehr als nur der von seiner Wut getriebene Bösewicht. Die Szene, in der er ein bewaffnetes Raumschiff anfordert, das nach Sigma 957 fliegen soll, spielt noch mit den Erwartungen des Zuschauers. Will G’Kar Catherine Sakais Schiff zerstören lassen, um irgendein Geheimnis zu bewahren? Dass dem nicht so ist, zeigt sich, als das von ihm angeforderte Schiff zu Sakais Rettung kommt. Was also sind eigentlich G’Kars Motive und Ziele?
Die Nebenhandlung um Catherine Sakais Expedition ist nicht besonders komplex oder gehaltvoll, doch auch dieser Teil der Episode dient dazu, dem Zuschauer einige Informationen über die Figuren und das Universum von „Babylon 5“ zu liefern, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sein werden. Zum einen wird G’Kars Charakter eine neue, bisher unbekannte Facette hinzugefügt, zum anderen erfahren wir auch, dass da draußen im Universum noch andere Lebewesen zu existieren scheinen, die um viele Milliarden Jahre älter sind als alle bekannten Rassen – ein erster Blick auf die großen Wunder des Universums. Nicht zuletzt erhalten wir auch Einblick in Catherine Sakais Beruf, auch wenn der Handlungsstrang, der sich daraus hätte ergeben sollen, im weiteren Verlauf der Serie abgeändert werden musste (mehr dazu, wenn es so weit ist).

Highlight der Episode: G’Kars Worte am Schluss: „There are things in the universe, billions of years older than either of our races. They are vast, timeless, and if they are aware of us at all, it is as little more than ants. And we have as much chance of communicating with them as an ant has with us. We know. We’ve tried. And we’ve learned that we can either stay out from underfoot or be stepped on. They are a mystery. And I am both terrified and reassured to know that there are still wonders in the universe, that we have not yet explained everything.
Diese Zeilen stellen frühes Beispiel für einen jener typischen JMS-Monologe dar, wie sie in der Serie noch öfter vorkommen werden. Auf die Frage, was er an der Episode selbst am liebsen möge, antwortete JMS: „It’s that when all is said and done, *nobody knows anything*. […] [T]he closest I can come to is to compare it to writing a mystery novel, without revealing the killer, but *without* frustrating anyone in the process, because there’s *closure*. In so much of TV SF, *everything* has to be explained, often explained to death. I just love that in the B5 universe, it’s okay for there to be mysteries and wonders and the unexplained.“

Londo/G’Kar-Moment: Londo kommt in der Episode leider nicht vor und die beste G’Kar-Szene habe ich schon als „Highlight der Episode“ beschrieben.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode: Von Talia erhalten wir neue Informationen über Telepathen – zum Beispiel, dass sie starke Emotionen anderer Menschen oft gar nicht blocken können. So wie man in einem Hotelzimmer Geräusche aus dem Nebenzimmer vernimmt, so nehmen Telepathen im Alltag das Gewirr aus sie umgebenden, von starken Emotionen gefärbten Gedanken war. Sie müssen lernen, diese Eindrücke so gut es geht aktiv abzublocken oder zu ignorieren.
Der Psi-Cop Alfred Bester (Walter Koenig) hat in dieser Folge seinen ersten Auftritt – es wird nicht der letzte sein. Wie wir von seiner Kollegin Kelsey erfahren, gehört es zu den Aufgaben von Psi-Cops, abtrünnige Telepathen einzufangen bzw. wieder zum Corps zurück zu führen, wie sie es wohl formulieren würde. Zum Psi-Cop befähigt sind nur Telepathen mit Fähigkeiten der höchsten Stufe P-12. Auch Susan Ivanovas Abneigung gegen das Psi-Corps und die ihm angehörigen Telepathen wird in dieser Folge wieder einmal deutlich.

Sonstige Fragen:

  • Was hat Catherine Sakai bei Sigma 957 gesehen? Was ist da draußen im Universum?
  • Was meint Jason Ironheart, als er am Ende zu Sinclair sagt: „I will see you again, in a million years.“? (JMS beantwortete nach der Erstaustrahlung der Folge die Frage, ob wir Ironheart wiedersehen würden, mit „Yes and no.“ Wer die Serie schon komplett gesehen hat, dürfte wissen, wie diese Antwort gemeint ist…)
  • Was wird aus Talia und ihrer neuen Gabe? Wird sie sie weiter entwickeln und erneut einsetzen?
  • Jason Ironheart zufolge strebt das Psi-Corps nach „Kontrolle“, doch welche Ziele verfolgt es genau?
  • Warum existiert bei dem abgelegenen und noch unerforschten Planeten Sigma 957 eigentlich ein Hyperraumsprungtor? (Diese Frage hat JMS bereits beantwortet: Demnach werden Sprungtore von großen Forschungsschiffen in solchen Regionen des Weltraums abgesetzt, die es sich weiter zu erforschen lohnt. Auf diese Weise können anschließend auch kleinere Schiffe wie das von Catherine Skai in diese Regionen vordringen und die weitere Forschungsarbeit leisten.)

Weitere interessante Punkte: 

  • Wir lernen nicht nur das Psi-Corps besser kennen und erfahren mehr über Telepathen, sondern wir erfahren auch, dass das Corps mit Telepathen experimentiert und versucht, Telekinetiker zu erzeugen, um sie zu militärischen und geheimdienstlichen Zwecken einzusetzen. Unter natürlichen Bedingungen gibt es unter tausend Menschen etwa einen Telepathen und unter zehntausend Telepathen einen Telekinetiker (von denen wiederum die Häflte geisteskrank sind)
  • Ironheart zitiert ein Gebet der Ojibwe-Indianer, bevor er gegen Kelsey ankämpft. Es soll Schutz vor Feinden bieten.
  • Besters Geste, als er sich von Sinclair verabschiedet und sein Satz „Be seeing you, Commander“ sind als direkte Referenz an die britische Serie „The Prisoner“ zu verstehen (die ich leider noch nicht kenne).

Interessante “Hinter den Kulissen”-Fakten: 

  • Die Episode wurde als zehnte der ersten Staffel gefilmt, aber das Studio war JMS zufolge so davon beeindruckt, dass beschlossen wurde, sie als sechste Folge zu senden. In der ersten Staffel, die noch überwiegend aus in sich abgeschlossenen Episoden bestand, war ein solches „Herumschieben“ von Episoden noch möglich und kam auch öfter vor.
  • Catherine Sakai erwähnt die Substanz Quantium 40, die auf der Erde nicht vorkommt, aber essentiell beim Bau von Hyperraumsprungtoren ist. Sie hofft, auf Sigma 957 große Mengen davon zu finden.
  • Alfred Bester wurde nach dem gleichnamigen amerikanischen Science-Fiction-Autor (1913-1987) benannt.
  • Walter Koenig sollte ursprünglich nicht Bester spielen, sondern eine Figur in der Folge „And The Sky Full of Stars“, die vor „Mind War“ gefilmt worden war. Weil sein Zeitplan dies aber nicht erlaubte, spielte er also den fiesen Psi-Cop in „Mind War“. JMS wollte Koenig bewusst gegen sein Image als Pavel Chekov aus „Star Trek“ besetzen.
  • Bei der Erstausstrahlung der Folge konnte man in der Einstellung, als Jason Ironhearts Schiff den Stern verdeckt, den Stern durch das Schiff hindurch leuchten sehen – ein Fehler, der bei der Produktion nicht aufgefallen war. Nach der Erstausstrahlung wurde die fehlerhafte Einstellung ausgetauscht.

Zitate:

„No one here is exactly what he appears. Not Mollari, not Delenn, not Sinclair, and not me.“ (G’Kar – ein weiteres schönes Zitat von ihm gibt es beim „Highlight der Episode“)

Bester zu Garibaldi: „Anatomically impossible, Mr. Garibaldi. But you’re welcome to try. Anytime, anywhere.“

Ivanonva zu Bester und Kelsey: „Good old Psi Corps. You guys never cease to amaze me. All the moral fiber of Jack the Ripper. What do you do in your spare time, juggle babies over a fire pit? ‚Oops, there goes another calculated risk.'“
Kelsey: „You are not helping the situation.“
Ivanova: „Lady, you are the situation.“

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.07 „The War Prayer“

Die Erde nach Prinzessin Diana („Diana“ & „After Earth“)

In den letzten Monaten habe ich nicht viele Filme gesehen, aber vorletzte Woche habe ich endlich mal wieder zwei Filme nachgeholt, die ich im Kino verpasst hatte. Naja, verpasst hatte ich sie eigentlich nicht wirklich, schließlich wollte ich sie gar nicht unbedingt sehen und frage mich nun im Nachhinein auch, warum ich sie angeschaut habe. Immerhin kann ich nun hier ein paar warnende Worte über sie verlieren. Die Rede ist von Oliver Hirschbiegels „Diana“ und M. Night Shyamalans „After Earth“.

„Diana“ erzählt aus den letzten zwei Jahren des Lebens von Prinzessin Diana (Naomi Watts), vor allem von ihrer Liebesaffäre mit dem pakistanischen Herzchirurgen Hasnat Khan (Naveen Andrews, den man vor allem als Sayid aus „Lost“ kennt). Die ersten Szenen des Films zeigen Diana wenige Stunden vor ihrem Tod. Einsam steht sie in einem Hotelzimmer in Paris herum. Schließlich verlässt sie das Zimmer und steigt in einen Aufzug – in diesem Moment zeigt Hirschbiegel das Geschehen aus der im Aufzug installierten Kamera und stellt damit ein Bild nach, das nach Dianas Tod in allen Medien zu sehen war. Was das soll, erschließt sich nicht wirklich. Der Film wirkt dadurch jedenfalls nicht mehr oder weniger „echt“. Und dass das reale Vorbild der Hauptfigur tragisch ums Leben gekommen ist, dürfte den meisten Zuschauern noch in Erinnerung sein, die Bilder am Anfang sind also unnötig.

Das trifft auf den Rest des Films jedoch genauso zu. Nach der Aufzugszene springt der Film zwei Jahre zurück. Wir sehen Diana allein zuhause. Sie regt sich über ein Fernsehinterview ihres Noch-Ehemannes Prinz Charles auf. Dann wird sie beim Schminken vor dem Spiegel gezeigt. Schließlich blickt ihr die Kamera tatsächlich dabei über die Schulter, wie sie eine Ausgabe des Anatomie-Atlas „Gray’s Anatomy“ durchblättert und ausgerechnet die Seite mit dem Herzen offen liegen lässt – es soll längst nicht die letzte platte Metapher in diesem misslungenen Film bleiben. Später erzählt Diana von einem wiederkehrenden Traum, in dem sie ins Bodenlose fällt. „Will anyone catch me?“, fragt sie. Von ihrer Therapeutin bekommt sie den Rat „You’re so good at giving love. So you keep on giving. The hard part is receiving love.“ Aha. Nichts von alldem dient dazu, hinter die Oberfläche der öffentlichen Figur von Prinzessin Diana vorzudringen und ihre Motivationen, Gefühle und Sehnsüchte näher zu beleuchten. Dass sie sich einsam fühlte und viel Liebe zu geben hatte, weiß man bereits aus der Gala. Von einem Kinofilm darf man da schon ein bisschen mehr erwarten.

Statt dessen geht es im gleichen Stil weiter. Nachdem Diana den Arzt kennen gelernt hat, führt dieser sie auf ihren Wunsch durch sein Krankenhaus. Wie es denn möglich sei, bei einer acht oder neun Stunden dauernden Herzoperation durchweg hochkonzentriert zu bleiben, will Diana von ihm wissen. „You don’t perform the operation. The operation performs you.“, ist seine Antwort. Wer schreibt denn bitte solche Dialoge fürs Kino und meint das dann auch noch ernst? Darüber kann man doch einfach nur lachen! Der Film lässt wirklich kein Klischee aus. Natürlich kann Diana nicht kochen, wie sich herausstellt, als sie Hasnat erstmals zu sich nach Hause einlädt. Dann belehrt sie ihn nicht nur über die Gefahren des Rauchens, sondern fragt ihn ganz ernst „So hearts can’t actually be broken?“. Und natürlich guckt er gerne Fußball im Fernsehen, während sie davon keine Ahnung hat. Wirklich interessant ist von alledem nichts, dafür sind die Dialoge wie erwähnt mitunter unfreiwillig komisch.

Nicht nur mit dem Herz kennt Hasnat sich aus, sondern auch mit Jazz, für den er eine Vorliebe hat. Auch in Dianas streng geregeltem Leben sei doch Raum für Improvisationen, erklärt er ihr. „If you can improvise, you’re like jazz.“ Hatte ich die platten Metaphern schon erwähnt…? Hasnat nimmt Diana jedenfalls mit in einen Jazzclub. Um unerkannt dorthin gehen zu können, setzt sich Diana eine Perücke auf – und wird mit langen, glatten, braunen Haaren auf den Straßen Londons tatsächlich von niemandem erkannt. Das war für mich die einzige interessante Szene des Films, ganz einfach weil ich mir wünsche, dass diese Schilderung der Wahrheit entspricht.

Die beiden Hauptdarsteller können gegen die schrecklich platten und klischeehaften Dialoge und die ungeschickte Charakterzeichnung auch nichts ausrichten; sie trifft wohl die geringste Schuld am erschreckenden Gesamteindruck, den der Film macht. Naomi Watts wirkt immer wieder bemüht, die richtige Kopfhaltung und den richtigen Augenaufschlag zu treffen, um dem realen Vorbild möglichst nahe zu kommen. Interessantere Dinge bekommt sie ja leider nicht zu tun oder zu sagen! Warum genau diese Episode aus Prinzessin Dianas Leben erzählt werden musste, ist mir auch nach dem Filmende noch ein Rätsel. Weder habe ich nun das Gefühl, die Person Diana ein Stück weit kennen gelernt zu haben, noch hat mir der Film irgendwelche anderen wichtigen Informationen mitgeteilt, die ich vorher noch nicht hatte. Da wirkte ihr Leben in der Bunten oder Gala doch viel aufregender und unterhaltsamer – aber vielleicht ist genau das das Problem: Prinzessin Diana war eine der meist fotografierten Personen auf diesem Planeten und Woche für Woche ließen sich in den entsprechenden Blättern neue Fotos und Details aus ihrem Privatleben finden. Was soll ein Film da noch Neues erzählen? Solch ein schlechtes Drehbuch hat sie auf jeden Fall nicht verdient.

Wo ich gerade bei schlechten Drehbüchern bin: Ich hatta ja viel Schlimmes über „After Earth“ gelesen, aber dass der Film dann so unterirdisch sein würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Dass der Film von Gary Whitta (zusammen mit M. Night Shyamalan) geschrieben wurde, macht mir etwas Sorgen, schließlich schreibt Whitta auch das Drehbuch für das erste „Star Wars“-Spin-off, das im Dezember 2016 ins Kino kommen soll. Andererseits hat er imdb zufolge auch das „The Walking Dead“-Videospiel geschrieben, das besser sein soll als die Serie selbst. Aber das viel größere Sorgenkind ist hier ja sowieso Regisseur Shyamalan. Was haben wir uns von diesem Mann doch für eine Karriere erwartet! Der neue Hitchcock hieß es, könne er werden, oder der neue Spielberg. Angeblich hat er sogar mal an einem Drehbuch für den vierten „Indiana Jones“-Film gearbeitet, auf das dann aber doch nicht zurückgegriffen wurde. Wochenlang war das überraschende Ende von „The Sixth Sense“ Anfang 2000 Gesprächsthema (ich bin meiner Nachbarin noch heute dankbar, dass sie mir zwar erzählt hat, wie toll sie den Film fand, das Ende aber verschwiegen und mich so nicht gespoilert hat). Der Nachfolger „Unbreakable“ ist ein fantastischer, weil vollkommen untypischer Superheldenfilm. Mit „Signs“ war Shyamalan 2002 dann erneut recht erfolgreich, auch wenn die schon obligatorisch wirkende Plotwendung am Ende vielen zu gezwungen wirkte. Danach folgte „The Village“ – mein Lieblings-Shyamalan, aber für die meisten der Beginn des Abstiegs des Regisseurs. Es lohnt sich, diesen Film (wieder) zu entdecken! Die schauspielerischen Leistungen sind großartig, James Newton Howards Musik ist einer der besten Filmscores, den ich kenne und Shyamalans hatte zumindest damals noch ein untrügliches Gespür für Spannung und Atmosphäre. Eine, nein sogar zwei überraschende Wendungen hat der Film zwar auch, doch man sollte ihn als Ganzes betrachten und Kritik nicht vor allem daran festmachen.

Spätestens bei „Lady in the Water“ hatte Shyamalan dann fast alle Kritiker gegen sich (dass er im Film einen Filmkritiker sterben ließ, war da auch nicht gerade hilfreich). Die handwerklichen Stärken des Regisseurs waren aber trotz aller Schwächen des Drehbuchs nach wie vor offensichtlich, auch beim nachfolgenden „The Happening“. Bis dahin habe ich Shyamalan auch stets gegen Kritik verteidigt. Als dann aber der wirklich in jeder Hinsicht abgrundtief schlechte „Avatar: The Last Airbender“ folgte, war auch ich ratlos. Der Film hatte nicht nur platte Dialoge, sondern – für einen Shyamaln-Film vollkommen ungewohnt – auch unmotiviert wirkende Darsteller. Auch schien das Inszenieren von Action ganz und gar nicht zu Shyamalans Stärken zu gehören. Von da an konnte es doch nur besser werden, oder?

Denkste. Nun muss ich also doch noch etwas über den Film schreiben, um den ich mich nun zwei Absätze lang erfolgreich herum gedrückt habe: „After Earth“. Die Handlung basiert auf einer Idee von Will Smith, die Hauptrolle spielt sein Sohn Jaden (und außer den beiden Smiths tauchen kaum andere Schauspieler auf). Ich habe versucht, mich diesem Film unvoreingenommen zu nähern, aber meine Probleme mit ihm begannen schon in den ersten Sekunden: Da erklärt Jaden Smiths Figur in einem Voice Over die Ausgangssituation der Geschichte, doch ich konnte ihn gar nicht richtig verstehen! Sollte das ein seltsamer Akkzent sein? Hat Smith Junior noch nicht genügend Sprechtraining gehabt?? Nach zweieinhalb Minuten startete ich den Film noch einmal neu, dieses Mal mit Untertiteln. Und siehe da: Ich kapierte immer noch nichts! Irgendetwas mit Monstern und einer seit langem für Menschen unbewohnbaren Erde…

Von Anfang an waren mir die Charaktere unsympathisch, die Dialoge wirkten unglaubwürdig und enthielten seltsame, fremdartige Wörter, deren Bedeutung sich mir nicht erschloss. Architektur, Design und Kostüme des Films wirken gewollt fremd und futuristisch, aber leider auch meist hässlich, langweilig oder unglaubwürdig. Jede Szene bleibt vollkommen statisch, das Schauspiel wirkt gestelzt und künstlich. Man muss sich ernsthaft fragen, ob Smith & Sohn gezwungen worden sind, hier mitzuspielen, so monoton sagen beide ihre Zeilen auf! Der Film macht leider durchgehend den Eindruck, als habe Shyamalan sich gar nicht für ihn interessiert. Obwohl es in der Geschichte um Leben und Tod geht, wird zu keinem Zeitpunkt eine echte emotionale Beziehung zum Zuschauer aufgebaut – und die Beziehung zwischen Vater und Sohn im Film wirkt so distanziert und kühl, dass man gar nicht versteht, warum sich der Vater überhaupt um den Sohn sorgt. Jaden Smith schaut immer wieder  gequält (weil er es noch nicht anders kann?), sodass ich ihn einfach nur in den Arm nehmen und vor dem schlechten Drehbuch beschützen wollte. „After Earth“ wirkt wie ein Videospiel (Jugendlicher kämpft sich durch den Dschungel) mit schlechten Zwischensequenzen (das sind die Szenen, in denen der Junge mit seinem Vater kommuniziert und neue Informationen erhält).

Herr Shyamalan, ich verstehe ja, dass Sie nach all der Kritik, die Sie über die Jahre hinweg einstecken mussten, mal etwas ganz anderes machen wollten. Aber dass nur Schrott dabei herauskommt, weil offensichtlich nicht Ihr Herzblut drinsteckt und Ihre letzten beiden Filme auch nicht Ihre eigenen Stärken bedient haben, zeigt doch, was für eine Fehlentscheidung das war. Also bitte: Machen Sie nicht die Filme, von denen Sie denken, dass das Publikum, Hollywood oder sonst wer sie von Ihnen erwartet. Machen Sie weiterhin Filme über Geschichten, die Ihnen am Herzen liegen, egal was andere sagen! Und falls Sie dafür kaum Geld zusammen bekommen, dann drehen Sie diese Filme eben als Low-Budget-Produktionen und werden zu einem kommerziell unbedeutenden Underground-Filmemacher. Ihre Fans und Liebhaber werden diese Filme schon finden. Aber bitte, bitte verschonen Sie uns mit Schrott wie „After Earth“ und „The Last Airbender“.