Meine Oscar-Tipps 2017

27.02.17 – Ganz unten findet ihr nun ein kurzes Update!

Heute Nacht geht die alljährliche Filmpreissaison mit der Oscarverleihung zu Ende. Höchstwahrscheinlich werde ich wieder wach bleiben und die Show live anschauen. Ebenso ist es bei mir schon lange eine Tradition, vorher die Gewinner zu tippen (hier die Links zu den entsprechenden Blogposts der letzten Jahre: 2016, 2015, 2014, 2013). In den letzten vier Jahren habe ich stets in 16 von 24 Kategorien richtig getippt, mit einer Ausnahme. 2014 hatte ich nämlich tatsächlich 21 Richtige, was aber wohl ein glücklicher Zufall war.
Mein Ziel ist es, dieses Mal die 16 Richtigen zu verbessern, also auf mindestens 17 Richtige zu kommen. Das dürfte aber nicht leicht werden. Zwar ist „La La Land“ 14 mal nominiert und damit der große Favorit. Dass das Musical den Oscar für den „Besten Film“ gewinnen wird, bezweifelt wohl niemand ernsthaft, aber es stellt sich die Frage, in wie vielen anderen Kategorien der Film gewinnen wird. Wie sieht es etwa bei der Ausstattung, beim Schnitt oder beim Drehbuch aus? Soll man auch hier auf „La La Land“ setzen oder anderen Filmen eine Chance geben?
Hier also meine Oscar-Tipps:

Bester Film
Wie erwähnt führt hier kein Weg an „La La Land“ vorbei (nominiert sind die Produzenten Fred Berger, Jordan Horowitz und Marc Platt). Keiner der acht anderen nominierten Filme hat eine ernsthafte Chance.

Bester Hauptdarsteller
Auch hier ist „La La Land“ vertreten, aber ausnahmsweise nur als Außenseiter. Jedenfalls rechnet fast niemand damit, dass Ryan Gosling eine Trophäe mit nach Hause nehmen darf. Das Rennen wird zwischen Casey Affleck („Manchester By The Sea“) und Denzel Washington („Fences“) entschieden werden. Anfangs schien es eine deutliche Tendez zu Affleck zu geben; zudem hat Washington ja bereits zwei Oscars. In den letzten Wochen und besonders seit seinem Gewinn bei den SAG-Awards, der Preisverleihung der US-Schauspielergilde, hat sich Denzel Washington jedoch zum Favoriten gemausert. Ich setze also mal auf ihn.

Beste Hauptdarstellerin
Hier tippe ich ganz klar auf die Favoritin, „Emma Stone“ („La La Land“). Zwar ist auch Natalie Portmans Leistung in „Jackie“ beeindruckend, aber sie hat im Gegensatz zu Emma Stone bereits einen Oscar. Und während Meryl Streep sich mit ihrer Anti-Trump-Rede bei den Golden Globes zwar kurzzeitig wieder ins Spiel gebracht hat, dürfte der Lohn dafür allein die Nominierung gewesen sein. Und Streep hat immerhin schon drei Oscars!

Bester Nebendarsteller
Ich muss zugeben, dass ich noch keinen der hier nominierten Filme gesehen habe (in letzter Zeit habe ich es leider nicht oft ins Kino geschafft). Aber ich tippe auf Mahershala Ali („Moonlight“).

Beste Nebendarstellerin
Mit Viola Davis („Fences“) gibt es hier eine klare und verdiente Favoritin, die auch bereits alle anderen wichtigen Preise (Golden Globe, BAFTA, Screen Actors Guild Award) für ihre Rolle gewonnen hat.

Beste Regie
Ich bin mir nicht sicher, ob er es für diesen Film verdient hat und würde mich freuen, wenn endlich mal Denis Villeneuve („Arrival“) einen Oscar bekommt, aber es führt wohl auch hier kein Weg an „La La Land“ vorbei. Ich tippe also auf Damien Chazelle.

Bester Animationsfilm
Pixar ist hier ausnahmsweise dieses Jahr nicht nominiert, denn „Finding Dory“ ist unbeachtet geblieben. Dafür sind die Disney Animation Studios mit „Moana“ (im Deutschen „Vaiana“) und „Zootopia“ (im Deutschen „Zoomania“) gleich zweimal zum Zug gekommen. Ich tippe auf letzteren.

Bester fremdsprachiger Film: „The Salesman“ – Wenn es so ausgeht, wie ich befürchte, dann hat Donald Trump den Deutschen hier einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Toni Erdmann“ galt lange als unschlagbarer Favorit und ist einer meiner Lieblingsfilme des letzten Jahres ist (hier meine Kritik). Doch Trumps Einreisestopp hätte dem Iraner Ashgar Farhadi, Regisseur von „The Salesman“, die Einreise in die USA verboten. Momentan dürfte Farhadi zwar wieder einreisen, will der Verleihung aber aus Protest fernbleiben. Es wird erwartet, dass sich zahlreichende Academymitglieder mit ihm solidarisiert und für ihn gestimmt haben.

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bestes adaptiertes Drehbuch:  Barry Jenkins und Tarell Alvin McCraney für „Moonlight“
Bestes Originaldrehbuch: „Manchester By The Sea“ von Kenneth Lonergan
Beste Ausstattung (Production Design): „La La Land“ (David Wasco und Sandy Reynolds-Wasco) – Es könnte auch „Fantastic Beasts“ werden, das bei den BAFTAs gewonnen hat. Aber dort hatte der Film quasi einen Heimvorteil und außerdem will ich jetzt mal zu meinen Tipps stehen und nicht in letzter Minute noch alles ändern. 😉
Beste Kamera (Cinematography): Linus Sandgren für „La La Land“
Bester Ton (Sound Mixing): „La La Land“ (Andy Nelson, Ai-Ling Lee und Steve A. Morrow)

Bester Tonschnitt (Sound Editing): Schwierig.La La Land“ ist hier nominiert. „Hacksaw Ridge“ ist ein Kriegsfilm, und die kommen in dieser Kategorie oft zum Zug. „Arrival“ hat den „BAFTA“ für „Best Sound“ gewonnen. Ich schwanke zwischen den beiden letztgenannten. Momentan tippe ich noch auf „Hacksaw Ridge“ (Robert Mackenzie and Andy Wright), aber es würde mich nicht wundern, wenn „Arrival“ sogar in beiden Tonkategorien gewinnen würde. Vielleicht ändere ich meinen Tipp also vor Beginn der Verleihung nochmal…
Beste Musik: Justin Hurwitz für „La La Land“
Bestes Lied: „City of Stars“ aus „La La Land“ (geschrieben von Justin Hurwitz, Benj Pasek und Justin Paul)
Beste Kostüme: Ich setze hier auf „Jackie“ (Madeline Fontaine). Es könnte zwar natürlich auch „La La Land“ werden, aber man möchte ja etwas Abwechslung und eine faire Verteilung der Preise bekommen. 🙂
Beste Dokumentation: Ezra Edelman und Caroline Waterlow für „O.J.: Made in America“
Beste Kurzdokumentation: „Joe’s Violin“
(Kahane Cooperman und Raphaela Neihausen)

Bester Schnitt: „Arrival“ hätte den Preis verdient, „La La Land“ könnte ihn kriegen, weil der Film halt momentan der große Liebling in Hollywood ist. Aber ich tippe auf „Hacksaw Ridge“ (John Gilbert), weil der den BAFTA bekommen hat.
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „Star Trek Beyond“ (Joel Harlow und Richard Alonzo)
Bester animierter Kurzfilm: Hier ist Pixar mit dem fotorealistischen „Piper“ (Regie: Alan Barillaro und Marc Sondheimer) nominiert, der als Vorfilm von „Finding Dory“ im Kino lief. Also setze ich auf den. 🙂
Bester Kurzfilm: Wie auch bei den Kurzdokumentationen kenne ich hier dieses Jahr keinen der Filme. Ich halte mich also mal an die Meinung vieler Experten und tippe auf „Ennemis intérierieurs“ von Sélim Azzazi. Es gibt aber auch Experten, die anderer Meinung sind. Glückssache also…
Beste visuelle Effekte: In diesem Jahr begehe ich hier nicht wieder den Fehler, auf „Star Wars“ zu setzen, obwohl ich es mir natürlich wünschen würde, dass „Rogue One“ gewinnt. Während dort mit Peter Cushing ein toter Schauspieler künstlich wieder zum Leben erweckt wurde, hat man bei „The Jungle Book“ fotorealistische Tiere erschaffen – und dafür wird es wohl einen Oscar geben.

Meiner Prognose zufolge würde „La La Land“ also acht Oscars bekommen und damit in fünf Kategorien Platz für andere Filme machen. Viele Experten trauen dem Film allerdings deutlich mehr zu und sagen elf oder zwölf Auszeichnungen für ihn vorher. Wer recht hat, werden wir heute Nacht (in Deutschland auf Pro Sieben) sehen…
Wie auch schon in den letzten Jahren werde ich diesem Blogpost nach der Oscarverleihung ein Update verpassen und meine Tipps mit den Ergebnissen vergleichen.


Update nach der Oscarverleihung:

Wow, was für ein Nervenkitzel war das denn am Schluss! Das gab es glaube ich noch nie – ein Gewinner (noch dazu für den besten Film) wird genannt, die Nominierten betreten die Bühne, erhalten ihre Oscars und bringen auch schon den Großteil ihrer Dankesreden hinter sich. Und dann stellt sich heraus, dass der falsche Umschlag geöffnet wurde und eigentlich ein anderer Film gewonnen hat!
Ich habe das im ersten Moment gar nicht richtig mitbekommen, weil ich während der Dankesreden der Produzenten von „La La Land“ schon geistig abgeschaltet und mich auf mein Bett gefreut hatte. Mein Ziel, mindestens 17 Gewinner richtig zu tippen, habe ich damit jedenfalls verfehlt. Mit dem „Moonlight“-Sieg sind es wieder „nur“ 16, wie schon in den letzten beiden Jahren. Ich habe also wieder immerhin zwei Drittel der Preisträger korrekt vorhergesagt.
Die Verteilung der Statuen war gerade in der ersten Hälfte der Zeremonie sehr ausgewogen. Tatsächlich gingen von den 24 Preisen die ersten zwölf an unterschiedliche Filme! Vertippt habe ich mich in den drei Kurzfilmkategorien, aber das ist ja auch größtenteils Glückssache. (Oder ich habe mich da dieses Mal zu wenig über die nominierten Filme informiert.) Auch in den beiden Tonkategorien lag ich falsch: „Hacksaw Ridge“ hat für Sound Mixing gewonnen, nicht für Sound Editing. Und wie ich oben schon geahnt habe, hat „Arrival“ tatsächlich doch einen der Sound-Oscars gewonnen. Sehr schön!
Auch beim Makeup/Hairstyling habe ich daneben getippt, ebenso wie bei den Kostümen, wo ich überrascht war, dass weder „Jackie“ noch „La La Land“ gewonnen haben. Stattdessen wurde die Kostümdesignerin Colleen Atwood – u.a. spezialisiert auf Fantasy-Filme und bei so gut wie allen Filmen von Tim Burton mit an Bord – für „Fantastic Beasts“ mit ihrem vierten Oscar geehrt. Beim besten Hauptdarsteller hatte ich lange auf Casey Affleck gesetzt und mich dann doch für Denzel Washington entschieden, weil viele Hollywood-Insider auf ihn gesetzt haben. Aber die Mehrzahl der Academymitglieder hat wohl lieber für Affleck gestimmt, statt Washington einen dritten Oscar zu geben (verdient haben sie beide einen). Tja, und dann ist da noch der beste Film. „Moonlight“ war ein Geheimtipp, aber ernsthaft mit dieser Auszeichnung gerechnet hat wohl kaum jemand. Ich freue mich aber sehr darüber, da der Film die dadurch entstehende Aufmerksamkeit besser gebrauchen kann als „La La Land“. Wie auch schon letztes Jahr gewinnt somit ein relativ unbekannter, aber wichtiger Film die begehrteste Auszeichnung des Abends, während die Mehrzahl der Oscars an einen anderen Film gehen. Eigentlich keine schlechte Lösung.
Noch kurz zur Oscar-Show: Jimmy Kimmel als Moderator hat mir gut gefallen, die Show an sich war okay. Das Herabregnen von Süßigkeiten war nett, aber einfallslos. Noch dazu war klar, dass davon nicht der ganze Saal betroffen war, sondern nur die fernsehwirksam platzierten Stars im vorderen Bereich. Viel schlimmer war aber die Aktion mit den ohne ihr Wissen hereingeführten Touristen, die meiner Meinung nach hier in einer Art vorgeführt worden sind, die absolut nicht in Ordnung ist. Die Show bot wie zu erwarten zahlreiche politische Statements gegen Donald Trump, gegen Ab- und Ausgrenzung und für mehr Zusammenhalt und Toleranz. Doch diese Aktion machte leider die Gräben deutlich, die in unserer Gesellschaft existieren. Oder wirkt es nur auf mich seltsam, wenn ein Tourist im Kapuzenpulli der mit Diamenten behängten Nicole Kidman die Hand küsst? Wenn ich allerdings noch einmal drüber nachdenke, ist das eigentlich eine recht interessante Szene, die auf gesellschaftliche Ungleichheit aufmerksam macht. Was mir eben nicht gefällt, ist die Art und Weise, in der die nichts ahnenden Leute in diese Situation geworfen worden sind. Denn dass Hollywood, die Oscars und die dort versammelten Multimillionäre Teil einer riesigen Kommerzmaschine sind, dürfte mich ja längst nicht mehr überraschen und mit dem Anschauen der Verleihung und der Filme trage ich zum Funktionieren dieser Maschine schließlich selbst bei.

Maleficent

Es ist schon wieder Zeit für eine Kurzkritik gleich nach dem Filmende. Gerade eben habe ich nämlich „Maleficent“ angeschaut, die Disney-Realverfilmung von „Dornröschen“, die ein bisschen auf dem Märchen basiert und ein bisschen auf dem Zeichentrickklassiker. Was für ein grauenhaft schlechter Film! „Maleficent“ ist so schlecht, dass er stellenweise schon wieder lustig ist und bietet kaum überzeugende Qualitäten, außer dass er sich vielleicht für Trinkspiele eignet. (Zum Beispiel könnte man immer ein Stamperl leeren, wenn Angelina Jolies Wangenknochen prominent ins Bild gerückt werden.)

Falls jetzt jemand denkt, dass ich einfach keine Märchenfilme mag oder mit Disney-Magie nichts anfangen kann – das stimmt nicht. Ich bin nicht nur mit Disneytrickfilmen groß geworden (auch wenn „Dornröschen“ etwas vor meiner Zeit war), sondern fand zum Beispiel gerade die Realverfilmung von „Cinderella“ im letzten Jahr äußerst gelungen. (Meine Kritik dazu könnt ihr hier nachlesen.) Aber „Cinderella“ hatte auch das, was bei „Maleficent“ eindeutig fehlt: einen fähigen Regisseur (Kenneth Branagh), der im Umgang mit Schauspielern erfahren ist. Robert Stromberg hat dagegen bei „Maleficent“ zum ersten Mal Regie geführt. Zuvor hat er zwar schon zwei Oscars für die Ausstattung von „Alice im Wunderland“ und „Avatar“ gewonnen und im Effektebereich gearbeitet, aber all das merkt man „Maleficent“ leider an. Der Film sieht technisch perfekt aus (wenn das auch alles meist reichlich künstlich wirkt), aber die Darsteller scheinen alle in ihren jeweils eigenen Filmen zu spielen. Eine führende Hand, die die Schauspieler lenkt, fehlt hier klar.

Einmal stand mir sogar regelrecht der Mund offen: als der König (Sharlto Copley) Maleficent anfleht, seine Tochter zu verschonen, ist davon nämlich überhaupt nichts zu erkennen. Witzigerweise sagt er sogar, dass er sie anfleht; zu spüren ist das aber nicht, sondern es wirkt vielmehr vollkommen gleichgültig, emotionslos und unüberzeugend. So ein schlechtes Schauspiel habe ich schon lange nicht mehr gesehen! Selbst Elle Fanning, an der ich stets die Natürlichkeit bewundert habe, die sie in all ihre anderen Rollen legt, wirkt in „Maleficent“ meistens künstlich oder übertrieben. Und Angelina Jolie scheint wohl irgendetwas davon abgehalten zu haben, die böse Fee auch tatsächlich wie einen klassischen Disney-Bösewicht zu spielen. Wirklich böse oder bedrohlich wirkte sie zu keinem Zeitpunkt und auch die emotionale Tiefe, um die der Film sich so angestrengt bemüht hat, war bei ihr so gut wie nicht vorhanden. Tiefe habe ich höchstens in Jolies Gesicht entdeckt, bei dem die schon erwähnten Wangenknochen hier durch Makeup (und CGI?) besonders hervorgehoben wurden und die in der 3D-Fassung des Films bestimmt besonders bestechen. 😉 

Die Geschichte des Films wirkt ziemlich konstruiert und damit genauso künstlich wie die CGI-Optik. Drehbuchautorin Linda Woolverton (die u.a. auch die beiden „Alice“-Filme geschrieben und an „Der König der Löwen“ mitgewirkt hat) bemüht sich, die bekannte Dornröschen-Geschichte quasi von der anderen Seite zu zeigen und die böse Fee zur Sympathieträgerin zu machen. Das gelingt zumindest ansatzweise, wird aber durch die verloren durch den Film stapfenden Schauspieler und zum Ende hin auch noch durch einen seltsam überhasteten Spannungsbogen zunichte gemacht. Spätestens da wird dann auch klar, dass man sich die Geschichte lieber noch einmal genau durch den Kopf hätte gehen lassen sollen; irgendwie ergibt das zum Schluss nämlich dramaturgisch kaum mehr Sinn und das Ausgangsmaterial wird so sehr verändert, dass man auch gleich eine komplett neue Geschichte um die Maleficent-Figur hätte erfinden können.

Alles in allem bin ich also wirklich schockiert darüber, wie schlecht „Maleficent“ ist. Leider ist der Film zum erfolgreichsten in Angelina Jolies Karriere geworden und es wird natürlich schon an einer Fortsetzung gearbeitet. Mit „Die Schöne und das Biest“ erwartet uns 2017 aber zunächst die Realverfilmung eines anderen Disney-Klassikers. Da dort mit Bill Condon ein erfahrener Regisseur hinter der Kamera steht, der zudem mit zwei „Twilight“-Filmen bereits Fantasy-Erfahrung gesammelt hat, darf man hoffentlich auf ein weit besseres Ergebnis hoffen als bei „Maleficent“.

Arlo & Spot (The Good Dinosaur) – Der neue Pixar-Film

Arlo & Spot - PlakatÜbermorgen startet der neue Pixar-Film „Arlo & Spot“ („The Good Dinosaur“) in den deutschen Kinos. Nach „Alles steht Kopf“ ist es bereits das zweite neue Werk von Pixar innerhalb weniger Monate. Geplant war dieser kurze Abstand eigentlich nicht, denn „Arlo & Spot“ hätte eigentlich schon viel früher ins Kino kommen sollen. Doch die Produktionsgeschichte des Films war eine sehr holprige. Die Story wurde mindestens einmal komplett über den Haufen geworfen und der urpsprüngliche Regisseur des Films gegen Peter Sohn ausgetauscht, der damit seinen ersten Langfilm inszeniert hat.
Dass die Produktion von „Arlo & Spot“ besonders lange und kompliziert gewesen ist, bedeutet aber leider noch nicht automatisch, dass dabei auch ein besonders guter Film herausgekommen ist. Pixar ist zwar bekannt dafür, an seinen Produktionen oftmals gerade in der Phase der Ideen- und Handlungsfindung besonders lange und gründlich zu arbeiten, bei „Arlo & Spot“ scheint aber gerade das nicht der Fall gewesen zu sein. Vielmehr dürfte man hier mit den zahlreichen Änderungen versucht haben, zu retten was noch zu retten ist.

Der Film beginnt mit einer kurzen Szene, die auch schon im Trailer zu sehen war: Was wäre wenn der Asteroid, der vor 65 Millionen Jahren die Auslöschung der Dinosaurier verursachte, die Erde knapp verfehlt hätte? Der Idee der Filmemacher zufolge hätten sich dann die Saurier zu intelligenten, sprechenden Wesen entwickelt. Menschen existieren im Film zwar auch, doch sie laufen meist noch auf vier Beinen und verständigen sich nur über Grunzlaute. Die Geschichte, die der Film nun vor diesem Hintergrund erzählt, ist die eines jungen Dinosauriers namens Arlo, der mit zwei Geschwistern bei seinen Eltern aufwächst. Während seine Geschwister eine große Hilfe beim Ackerbau (!) sind, bekommt der tollpatschige und furchtsame Arlo immer wieder vor Augen geführt, dass er die Aufgaben des täglichen Lebens noch nicht so recht meistert. Eines Tages kommt es zu einem Ereignis, das – wie offenbar einige andere Entwicklungen im Film auch – direkt aus dem „König der Löwen“ importiert worden zu sein scheint und das einen herben Schicksalsschlag für Arlo und seine Familie darstellt. Noch dazu verschlägt es ihn kurz darauf in einen weit entfernten Landstrich. Während seine Familie ihn für tot hält, muss der ängstliche Arlo lernen, sich in der Wildnis zurecht zu finden, um wieder zurück nach Hause zu kommen. Dabei trifft er nicht nur auf alle möglichen Kreaturen, die ihm nicht alle freundlich gesonnen sind, sondern hat auch einen Begleiter in Form eines Menschenjungen, den er bald auf den Namen Spot tauft. Anfänglich hat Arlo noch Angst vor Spot, ist dann eine zeitlang genervt von ihm, bevor er lernt, dass so ein kleiner menschlicher Begleiter ziemlich nützlich sein kann und eine Freundschaft zwischen den beiden entsteht.

Arlo & Spot

Die besten Pixar-Filme wie die „Toy Story“-Reihe, „The Incredibles“, „Wall-E“ oder „Inside Out“ zeichnen sich stets dadurch aus, dass sie für kein spezifisches Publikum gemacht sind. Sie enthalten sowohl lustige Charactere, Action und Slapstick-Einlagen, über die Kinder lachen können, als auch popkulturelle Anspielungen, reife emotionale Themen und Witze für deren Verständnis man etwas Lebenserfahrung braucht. Dies ist bei „Arlo & Spot“ jedoch nicht der Fall. Hier haben wir es mit einem ziemlich konventionellen, ganz auf eine junge Zielgruppe zugeschnittenen Film zu tun, dessen vorhersehbare Geschichte und schablonenartige Figuren für Erwachsene zwar nett anzusehen sind, aber mehr eben nicht. Das gewisse „Pixar-Etwas“, das den Meisterwerken der Trickfilmschmiede innewohnt, fehlt hier.
In den letzten Jahren hatte man bei den Animationsfilmen anderer Studios oft das Gefühl, dass diese die Erfolgsformel von Pixar zu kopieren versuchten, aber meist nicht über eine kreative, manchmal auch völlig abgedrehte Ausgangsidee hinauskamen. So entstanden dann Filme, die aus einem oftmals durchaus originellen Konzept meist nur konventionelle bis langweilige Geschichten sponnen (zum Biespiel „Megamind“ oder „Epic“). Auf ganz ähnliche Weise versuchenten auch die Walt Disney Animation Studios in Konkurrenz mit den hauseigenen Leuten von Pixar, deren Erfolgsformel zu kopieren – mit ähnlichen Ergebnissen (z.B. „Bolt“). Mit „Arlo & Spot“ haben wir es nun mit einem Pixar-Film zu tun, der denselben Eindruck macht: als hätte hier jemand versucht, die Pixar-Erfolgsformel zu kopieren, sei aber nicht über eine kreative Ausgangsidee hinausgekommen, nur um sich dann eben in einer überraschungsarmen Geschichte mit platten Figuren zu verlieren.
SpotDas beginnt schon mit der oben erwähnten Ausgangssituation des Films. Diese ist nämlich für den späteren Verlauf der Geschichte kaum noch relevant. Dinosaurier können sprechen und leben gemeinsam mit Menschen auf der Erde? Schön und gut, aber dazu hätte es die einleitende Szene mit dem den Planeten verfehlenden Asteroiden gar nicht gebraucht bzw. wenn man den Film schon damit beginnt, dann hätte man auch wesentlich mehr daraus machen müssen. Doch der Film würde in seiner jetzigen Form genau so ohne diese erste Szene funktionieren. In der „Ice Age“-Reihe leben Menschen und Saurier schließlich auch zur gleichen Zeit, ohne das das irgendwie begründet oder erklärt wird. Wirklich gründlich durchdacht scheint „Arlo & Spot“ also nicht zu sein, was sehr schade ist.
Die Handlung selbst funktioniert zwar, die Hauptfiguren machen nachvollziehbare Entwicklungen durch und es kommt zu ein paar sehr emotionalen, teilweise sogar wirklich tief berührenden Szenen. Doch all das ist wie gesagt in eine äußerst platte Geschichte eingebettet, die zwar für Kinder spannend und lustig ist, erwachsenen Zuschauern aber nur ein müdes Gähnen entlockt. Dass Animationsfilme keineswegs automatisch Kinderfilme sind, hat Pixar oft genug bewiesen, dieser Film stellt allerdings ein Gegenbeispiel dar.
Die Entwicklung Arlos, der sich seiner Angst stellen und über sich selb
st hinaus wachsen muss, ist zwar glaubwürdig, wirkt in ihrer Ausführung aber wie nach einem Handbuch „Drehbücher schreiben für Anfänger“ erstellt. Zu Beginn des Films bekommt Arlo von seinem Vater wortwörtlich erklärt, er müsse seine Angst überwinden. Statt seine Botschaft also auf kreative Weise in Bildern, Handlungen und Action zu vermitteln, wählt „Arlo & Spot“ den direkten, aber äußerst einfallslosen Weg, der – man muss es einmal mehr sagen – zwar für Kinder neu und spannend ist, für Erwachsene aber einfach etwas schon dutzendfach Gesehenes darstellt. „Arlo & Spot“ ist im Gegensatz zu „Alles steht Kopf“, „Ratatouille“ oder „The Incredibles“ kein Film mit Metaebene und doppeltem Boden – oder auch nur ein paar Witzen, die sich speziell an Erwachsene richten. Der ganze Film erzählt eine schon in unzähligen anderen Kinderfilmen erzählte Geschichte, ohne diese aber raffiniert in eine vor kreativen Einfällen überbordende Welt zu verpacken. Zugegeben, die Messlatte liegt für Pixar, gerade nach der Rückkehr zu alter Form mit „Alles steht Kopf“ halt besonders hoch.
Die VelociraptorenDass es den Verantwortlichen nie gelungen ist, aus ihrer Idee eine in sich runde und schlüssige Geschichte zu machen, wird auch an anderen Schlampereien des Drehbuchs deutlich. So weist der Film zum Beispiel eine Reihe von Szenen und Nebenfiguren auf, die nicht schlüssig zu Ende entwickelt werden. Ganz besonders der aufwändig eingeführte Styracosaurier, der eine Reihe von „Helfertieren“ auf seinen Hörnern mit sich herumträgt, macht dies deutlich: nach seiner ersten und einzigen Szene bleibt er für den Rest des Films verschwunden und man fragt sich, was die Vorstellung seiner Figur und der einzelnen Tiere auf seinen Hörnern denn nun bewirken sollte.
Dass die Geschichte alles andere als originell ist, macht auch die schon erwähnte Ähnlichkeit des Films zu „Der König der Löwen“ deutlich. Neben einer auch optisch stark an den Klassiker erinnernden Szene im ersten Drittel des Films gibt es noch eine ganze Reihe von weiteren Ähnlichkeiten, darunter drei mit Federn ausgestattete (wie es neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht!) Velociraptoren, deren Funktion in der Handlung stark an die Hyänen aus dem „König der Löwen“ erinnert. Das Ende des Film scheint schließlich direkt aus dem „Dschungelbuch“ übernommen worden zu sein.

Fotorealistische LandschaftenMit „Arlo & Spot“ ist Pixar also kein großer Wurf gelungen, stattdessen wirkt der Film wie sich an ein Kinderpublikum anbiedernde Massenware. Man kann aber nicht verleugnen, dass der Film das, was er macht, immerhin sehr gut macht (was für Pixar allerdings längst nicht gut genug sein sollte). Zum Schluss möchte ich noch auf einige postivie Aspekte des Films zu sprechen kommen:
Mir hat gefallen, dass nicht alle Figuren, denen Arlo und Spot auf ihrer Reise begegnen, genau das sind, was sie zunächst zu sein scheinen. Das beginnt natürlich schon mit der Begegnung Arlos mit Spot, setzt sich aber im Verlauf des Films fort, wenn die beiden zum Beispiel auf eine Familie von furchterregnd aussehenden Tyrannosauriern treffen. Und zumindest in den Beziehungen der verschiedenen Saurierarten untereinander und der Saurier zu den weniger intelligenten Lebensformen (also vor allem den Menschen) zieht der Film seine Ausgangsidee dann konsequent durch. So kann man hier zum Beispiel nicht davon ausgehen, dass Menschen von allen Fleisch fressenden Sauriern als Futter angesehen werden.
Die größte Stärke des Films liegt sicherlich in seiner höchst beeindruckenden visuellen Pracht. Die Landschaften mit ihren Bergketten, reißenden Flüssen und malerischen Steppen und Wäldern sind von einem solchen Detailreichtum und Realismus, dass man sich immer wieder fragt, ob hier denn wirklich alles künstlich am Computer erzeugt worden ist oder ob nicht das ein oder andere Mal „echte“ Aufnahmen dazwischen geschmuggelt worden sind. Ich frage mich allerdings, warum man sich dazu entschieden hat, Felsen, Blätter, Wasser usw. so realistisch wie möglich zu gestalten, während die Figuren alle deutlich catoonhaft und reduziert wirken. Ist es nicht die Stärke des Animationsfilms, dass der gesamte Look des Films von Grund auf in einem einheitlichen, auch mal recht eigenwilligen Stil gestaltet werden kann? Warum also nicht auch die Umgebungen in einem speziell für den Film entwickelten Design anlegen?
Western-FeelingIch habe oben geschrieben, dass „Arlo & Spot“ ein paar berührende Szenen aufweist. Die stärkste davon ist die „Familienaufstellung“, in der sich die beiden Hauptfiguren, die nicht mit Worten kommunizieren können, die Geschichte ihrer Familien erzählen. Da blitzt kurz die Genialität früherer Pixar-Werke durch, die ja auch oft mit wenigen Bildern eine große emotionale Wucht erzielen konnten. Leider gelingt dies in „Arlo & Spot“ viel zu selten.

Bilder: Copyright Walt Disney Pictures