Hannibal – Die dritte Staffel

Achtung! Dieser Text enthält Spoiler zur dritten Staffel von „Hannibal“!

„Hannibal“ ist eine Serie voller Gegensätze. Jede Episode ist voller grausamer Bilder, die aber doch so kunstvoll und ästhetisch in Szene gesetzt sind, dass man nicht wegschauen kann. Die Serie hat zahlreiche Fans auf der ganzen Welt („Fannibals“), wurde aber nach der dritten Staffel wegen schlechter Quoten abgesetzt. In den Haupt- und Nebenrollen sind namhafte Stars aus Film und Fernsehen zu sehen, deren Schauspiel hier aber oft so entrückt und fremdartig wirkt, dass es mit ihren anderen Arbeiten kaum zu vergleichen ist.

Hannibal - Blu-raySchon von den ersten Episoden an war ich ein Fan von „Hannibal“. (Die erste Staffel habe ich im Blog besprochen, bei der zweiten habe ich es leider versäumt.) Ich habe die Romane von Thomas Harris gelesen und alle früheren Verfilmungen des Stoffes gesehen. Ridley Scotts „Hannibal“ hatte es mir für eine Weile besonders angetan. Als ich von Bryan Fullers Plan erfuhr, in der Serie nacheinander die drei Romane „Roter Drache“, „Das Schweigen der Lämmer“ und „Hannibal“ fürs Fernsehen zu adaptieren, war ich begeistert. Und wer hätte sich vor ein paar Jahren vorstellen können, dass Mads Mikkelsen sich die Rolle des Hannibal Lecter so sehr zu eigen machen würde – eine Rolle, die zuvor untrennbar mit der Darstellung durch Sir Anthony Hopkins verbunden schien.

Dr Hannibal LecterBasierend auf Figuren aus „Roter Drache“ – allen voran Will Graham (Hugh Dancy), Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) und Jack Crawford (Laurence Fishburne) – erzählten die ersten beiden Staffeln der Serie weitgehend neue Geschichten. Erst in der dritten Staffel beginnen Fuller und die anderen Drehbuchautoren nun konkret damit, Handlungsstränge aus den Romanen zu adaptieren. In der ersten Hälfte der Staffel hält man sich dabei an den Roman „Hannibal“, während die zweite Hälfte sich an „Roter Drache“ orientiert. Dass die beiden Bücher eigentlich in umgekehrter Reihenfolge spielen (und mit einem Abstand von mehreren Jahrzehnten) spielt dabei keine Rolle. Denn die Serie war von Beginn an keine strenge Adaption der Romane – was sowieso langweilig gewesen wäre – sondern eher so eine Art Remix der aus den Büchern und bisherigen Verfilmungen bekannten Figuren und Handlungselemente. (Übrigens haben die Serienmacher sich zwar die Rechte an den Romanen „Roter Drache“, „Hannibal“ und der Lecter-Vorgeschichte „Hannibal Rising“ sichern können, jedoch noch nicht an „Das Schweigen der Lämmer“. Dies ist der Grund dafür, warum in der Serie bisher keine Figuren und Elemente aus diesem Buch aufgetaucht sind, u.a. natürlich auch nicht Clarice Starling.)

Jack CrawfordFans des Hannibal Lecter-Universums bekommen mit „Hannibal“ sowohl viele altbekannte Elemente vorgesetzt, die man bei einer Adaption des Stoffes erwartet, als auch Neues und Überraschendes. Ein Beispiel ist die Balkon-Szene in Florenz, die man aus dem Roman „Hannibal“ und dessen Verfilmung kennt und die eine meiner Lieblingsszenen des Films ist. Sie läuft in der Serie zunächst genau so ab, wie man es voller Spannung und Vorfreude erwartet: Hannibal Lector karrt den gefesselten Inspektor Pazzi (Fortunato Cerlino) auf einen Balkon des Palazzo Vecchio, um ihm dort den Bauch aufzuschlitzen. Genau wie im Roman erhält Pazzi einen Anruf und genau wie man es erwartet, geht Lecter ans Telefon. Hier ist es aber (aus den erwähnten Gründen) nicht Clarice Starling, die anruft um Pazzi vor Lecter zu warnen, sondern die FBI-Psychologin und ehemalige Lecter-Geliebte Alana Bloom (Caroline Dhavernas). Und als Lecter Pazzi schließlich vom Balkon stürzt und dort baumeln lässt, wird die Szene durch die Ankunft von Jack Crawford erweitert, der Lecter sodann in einem Kampf auf Leben und Tod verwundet. Aber Lecter entkommt.

Als Lecter in der nächsten Folge Will Graham und Crawford in seine Gewalt bringen kann, bringt uns das zu einer Abwandlung der berühmten „Gehirnszene“ aus „Hannibal“. Hier ist es nun Will, dessen Schädel Lecter aufschneiden will. Leider kommt es nicht dazu – dafür habe ich mich hier aber bei meinem eigenen Voyeurismus ertappt, weil ich richtig enttäuscht war, dass nun doch kein Schädel aufgeschnitten und kein Gehirn verfüttert wurde. Immerhin waren die Blutspritzer, als Lecter seine Säge an Wills Kopf ansetzte, sehr schön – selten zuvor sahen Gewalt und Tod so kunstvoll und ästhetisch aus wie in „Hannibal“.

Hannibal Lecter & Bedelia Du MaurierLeichte Unterhaltung ist „Hannibal“ sicher nicht, und das nicht nur wegen des hohen Gewaltanteils. Die Serie macht es ihren Zuschauern auch nicht leicht. Die Handlung wird zu einem großen Teil über Bilder vermittelt und nicht immer chronologisch erzählt. Zeitsprünge sind ebenso an der Tagesordnung wie minutenlange Szenen gänzlich ohne Dialoge, untermalt nur von der eigenwilligen, aber äußerst passenden und effektiven Musik von Brian Reitzell. Es ist schon eine Weile her, dass ich die zweite Staffel angeschaut habe, aber ich hatte nun bei der dritten Staffel den Eindruck, als sei die Serie noch einmal ein ganzes Stück sonderbarer geworden. Die teils surrealen Bilder und die nicht traditionelle Erzählweise gehörten ja schon immer zum Stil der Serie, aber in der dritten Staffel wird die Schraube diesbezüglich noch einmal ein ganzes Stück angezogen. Wer schon die ersten beiden Staffeln geliebt hat, wird das mögen. Aber neue Zuschauer kann man so sicher keine gewinnen und auch diejenigen, die „Hannibal“ bisher als crime drama zu schätzen wussten, werden zumindest in der ersten Hälfte der Staffel enttäuscht. Das aus den ersten zwei Staffeln bekannte Schema, wo Will und Hannibal stets mit vereinten Kräften einem Mörder auf die Spur kommen mussten, wird hier fallen gelassen. Einfach mal eben eine Folge anschauen und sich davon gut unterhalten lassen, ist sowieso nicht möglich. Man muss schon ganz genau bescheid wissen und kann nicht einfach mittendrin einsteigen. Dafür wird hier viel zu episodenübergreifend erzählt; die Handlung bricht meist am Episodenenede einfach ab und wird in der nächsten Folge wieder aufgenommen. Zudem geht die Handlung manchmal ziemlich langsam voran. Oder wirkt das nur aufgrund des Stils und des Schauspiels so? Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass die von den Regisseuren am meisten gegebene Regieanweisung „Noch langsamer!“ gewesen sein muss. Das soll kein Kritikpunkt sein, das Langsame, Traumartige ist ganz einfach Teil des „Hannibal“-Stils. Es schlägt sich auch im Schauspiel nieder. Ganz besonders Gillian Anderson spricht ihre Dialoge so, als sei sie die ganze Zeit auf Drogen (zugegeben: das ist ihre Figur vielleicht wirklich). Noch besser fand ich in dieser Staffel nur Richard „Thorin“ Armitage als von Zweifeln und Selbsthass geplagten Serienmörder Francis Dolarhyde. In seiner ersten Folge hatte er glaube ich keine einzige Dialogzeile! Teilweise wirkt das, als würde man ihm bei einer Schauspielübung zusehen, weil man derartige Darstellungen aus Film und Fernsehen einfach kaum gewohnt ist. In welcher anderen Serie bekommen Schauspieler schon die Gelegenheit, so körperbetont und fast wie in einem Stummfilm zu spielen?

Will GrahamDas Ergebnis dieser eigenwilligen Mixtur hat leider wohl viele Zuschauer befremdet. Die zweite Hälfte der Staffel ist zwar weniger experimentell als die erste, doch zu diesem Zeitpunkt dürfte schon ein Teil des Publikums verloren gewesen sein, was ich sehr, sehr schade finde. Ich hätte so gerne noch gesehen, wie Bryan Fuller „Das Schweigen der Lämmer“ (sofern er die Rechte bekommen hätte) und weitere Elemente der anderen Romane adaptiert. Das Ende der Staffel fand ich jedenfalls sehr gekonnt geschrieben und inszeniert. Ich hatte mich schon gefragt, ob Hannibal Lecter für den Rest der Serie in Gefangenschaft bleiben soll. Doch seine Flucht, bei der Dolarhyde nachgeholfen hat, war tatsächlich glaubwürdig, der anschließende Kampf Wills und Hannibals gegen Dolarhye nerven- und das Ende herzzerreißend. Hannibal Lecter stürzt sich mit Will Graham von der Klippe – Dr Lecter liebt eben nicht nur Menschenleber und guten Wein, sondern auch das große Drama.

Falls das also wirklich das Ende sein sollte und „Hannibal“ keine Fortsetzung bei einem Streamingdienst oder in Form eines Kinofilms vergönnt ist, dann bleibt neben einer großartig inszenierten Serie mit grandiosen Schauspielleistungen auf jeden Fall eines der tragischsten Liebespaare der Fernsehgeschichte: Will Graham und Dr Hannibal Lecter. Zur Verdeutlichung hier ein paar Zitate: „I’ve never known myself as well as I know myself when I’m with him“, sagt Will über Hannibal. Und als sie sich ein paar Folgen später gegenüber stehen: „You and I have begun to blur. (…) We’re conjoined. I’m curious whether either of us can survive separation.“ Die vorletzte Episode enthält dann schließlich die Abwandlung eines meiner Lieblingszitate aus „Hannibal“ (dem Buch und Film). Will fragt Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson): „Is Hannibal in love with me?“, und sie antwortet: „Could he daily feel a stab of hunger for you and find nourishment at the very sight of you? Yes. But do you ache for him?“

Mit „Hannibal“ ist es den Autoren und Schauspielern gelungen, dem Mythos um Hannibal Lecter eine weitere Facette hinzu zu fügen. Fanden wir den intelektuellen Kannibalen auch bisher aufgrund seiner Widersprüche schon faszinierend, so haben wir hier auch seine menschliche, weiche und emotionale Seite kennen gelernt. Noch mehr als früher wünschen wir Hannibal, dass er ungeschoren davon kommt, nicht geschnappt wird und in Freiheit leben und speisen darf bis an sein Lebensende – nur eben nun zusammen mit seiner großen Liebe Will Graham.

Die dritte Staffel von „Hannibal“ ist auf DVD und Blu-ray erhältilch. Als Bonusmaterial sind nicht nur zahlreiche interessante Audiokommentare enhalten, sondern auch eine zweistündige und damit sehr umfangreiche Making of-Dokumentation.

Copyright Bilder: Studiocanal

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