Buchrezension: „Making Michael“ von Mike Smallcombe

Während es zum Zeitpunkt von Michael Jacksons Tod 2009 kaum Bücher gab, die sich ernsthaft mit seinem Werk auseinandersetzten, erscheinen in den letzten Jahren regelmäßig Sachbücher, wissenschaftliche Aufsätze und Biografien, die die Karriere Jacksons oder einzelne Teile daraus einer ausführlichen Analyse unterziehen. Zwei davon habe ich bereits hier im Blog besprochen: „Man in the Music“ von Joseph Vogel und Susan Fasts Buch über das „Dangerous“-Album. Mit „Making Michael“ hat der britische Journalist Mike Smallcombe nun eine neue Jackson-Biographie geschrieben, die sich – wie der Titel schon andeutet – ganz dem Werk von Michael Jackson widmet. Es gibt ja bereits eine ganze Reihe von Biografien über Michael Jackson; neben der 1988 erschienenen Autobiographie „Moonwalk“ wäre da vor allem J. Randy Taraborellis „The Magic, The Madness, The Whole Story“ (deutsch als „Die ultimative Biografie“ erschienen) zu erwähnen. Das Buch von Taraborelli ist sicherlich die ausführlichste Jackson-Biografie auf dem Markt, aber wenn man konkrete Informationen zu den Liedern und Alben von Michael Jackson sucht, dann ist man mit anderen Büchern besser beraten. „Man in the Music“ kann dabei bereits als Standardwerk betrachtet werden, aber auch „Making Michael“ erweist sich für alle an Jacksons Musik interessierten Leser als ein Muss.

Mike Smallcombe bezieht in seine chronologische Schilderung der Entstehung von Jacksons Liedern und Alben nämlich nicht nur zahlreiche bereits veröffentlichte Quellen ein, sondern hat auch neue Interviews mit über 60 Personen geführt, die mit Michael Jackson zusammengearbeitet haben. Sein Ziel war es, den Leser in einem „fly on the wall“-Ansatz an den Studiosessions teilhaben lassen, was ihm wirklich hervorragend gelungen ist. Dabei konzentriert sich das Buch ganz auf die Solokarriere von Michael Jackson. Zwar wird in zwei kurzen Kapiteln zu Beginn die Karriere der Jackson 5 bzw. Jacksons nacherzählt, doch diese dienen eher der Einleitung und bieten für Kenner der Materie noch nichts Neues. Mit Beginn der Arbeiten an „Off The Wall“ zeigt das Buch dann seine Stärke. Smallcombe schildert die Zusammenarbeit Jacksons mit seinem Produzenten Quincy Jones und lässt auch die wichtigen Beiträge anderer Personen nicht unter den Tisch fallen. Dabei geht er auf die Entstehung jedes einzelnen Songs ein und erwähnt natürlich auch Lieder, die es letztendlich nicht aufs Album geschafft haben. Immer wieder fördert er dabei interessante Anekdoten zutage, die sich aber nie in Tabloid-Geschwätz erschöpfen, sondern stets Aspekte von Jacksons kreativer Arbeit betreffen. Vieles davon war auch für mich neu, wie zum Beispiel die Entstehung des Fotos für das Albumcover von „Off The Wall“.

Diese chronologische Erzählweise und die Betonung der Zusammenarbeit Jacksons mit Produzenten, Studiotechnikern, Musikern, Songschreibern und Managern behält Smallcombe im ganzen Buch bei. Immer wieder wird nicht nur Michael Jacksons Drang zur Perfektion geschildert (und dessen positive wie negative Folgen), sondern auch wie er seine Mitarbeiter stets zu Höchstleistungen antrieb. So werden beispielsweise mehrere von Jacksons Musikproduzenten zitiert, er habe von ihnen und ihren Teams verlangt, völlig neue Klänge zu entwickeln. Das konnte dann schon mal dazu führen, dass sie im Hinterhof des Studios auf Mülltonnen schlugen oder Autogeräusche aufnahmen, aus denen schließlich der Instrumentaltrack für einen Song wurde („She Drives Me Wild“). Dank der Originalinterviews kann das Buch mit einer Fülle an Informationen auftrumpfen, die selbst mir noch nicht bekannt waren.

Äußerst interessant fand ich beispielsweise auch die Schilderung der genauen Zusammenarbeit mit Produzenten und Songschreibern. Neben den Liedern, die Jackson (fast) alleine schrieb („Heal The World“, „Speechless“) und solchen, die von anderen geschrieben wurden („Rock With You“, „Human Nature“, „Man In The Mirror“) wurden nämlich auch zahlreiche seiner Songs in enger Zusammenarbeit mit Produzententeams komponiert. Diese entwickelten häufig eine Reihe von Instrumental-Demoversionen, aus denen Jackson dann seine Lieblingsstücke auswählte und dazu selbst eine Melodie und einen Text verfasste. Auf diese Weise entstanden zum Beispiel „Blood On The Dance Floor“, „Jam“, „Scream“ oder „You Rock My World“.

„Making Michael“ kann also als ein Making of-Buch zu den Alben von Michael Jackson betrachtet werden. Besonders im Fall der späteren Alben (von „Dangerous“ bis „Invincible“) ist dies von großem Wert, da über diese Alben noch recht wenig geschrieben wurde und sie natürlich auch in „Moonwalk“ noch nicht erwähnt wurden. Das Buch geht jedoch immer wieder über die Arbeit an den Alben hinaus. So schildert Smallcombe zum Beispiel die Pläne, die Jackson jenseits der Musikindustrie verfolgte. Sein Leben lang hegte der Star den Wunsch, ins Filmgeschäft einzusteigen und als Filmproduzent, Regisseur und Schauspieler tätig zu sein. Obwohl er mit seinen teils revolutionären Musikvideos wohl in einem Maße filmisch tätig war wie kaum ein anderer Popstar und Musiker, blieb ihm dieser Traum leider verwehrt. Es ist hochinteressant zu lesen, wie Jackson diesbezüglich mehrmals vor einem großen Durchbruch stand, der aber jedes Mal durch äußere Umstände zunichte gemacht wurde. So hatte er beispielsweise Ende der Neunzigerjahre die Idee, Marvel zu kaufen, weil er überzeugt davon war, dass sich mit Superheldenfilmen eine Menge Geld verdienen ließ – zu Recht, wie wir heute wissen. Daraus wurde schließlich ebenso wenig etwas wie aus Jacksons Plan, selbst die Rolle des SpiderMan zu übernehmen. Sein Interesse am Filmgeschäft war jedenfalls so groß, dass er sich dem Buch zufolge in seiner zweiten Lebenshälfte – nach der Veröffentlichung von „Invincible“ vor allem darauf konzentrieren wollte.

Im Zusammenhang mit Jacksons letztem Studioalbum „Invincible“ fand ich übrigens Smallcombs neutrale Schilderung des Konflikts zwischen Jackson und seiner Plattenfirma Sony sehr interessant. Während Jackson selbst stets die unter Fans beliebte Therie verbreitet hat, Sony habe sein Album absichtlich sabotiert, lässt Smallcombe auch die andere Seite zu Wort kommen. Auf diese Weise erfährt man, dass die Dinge nicht so einfach lagen und auch Jackson damals einige Fehler begangen hat. Dass er sich stur weigerte, Promotion-Auftritte zu absolvieren oder auf Tour zu gehen, weil Sony ihm keine astronomisch hohen Budgets für Musikvideos mehr genehmigen wollte und dergleichen, lässt jedenfalls darauf schließen, dass in diesem Konflikt beide Seiten nicht unschuldig waren.

Die Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs werden natürlich nicht unter den Tisch fallen gelassen, allerdings sind sie in „Making Michael“ vor allem wegen ihrer Konsequenzen für Jacksons Arbeit relevant. So wird etwa der Gerichtsprozess von 2005 nicht ausführlich thematisiert, wohl aber die Jahre danach, in denen Jackson in verschiedenen Teilen der Welt lebte und mit unterschiedlichen Leuten neue Pläne schmiedete und Songs aufnahm. Auch wie es dazu kam, dass Jackson sich schließlich doch dazu entschloss, wieder Konzerte zu geben, schildert Smallcombe. Natürlich spielten finanzielle Überlegungen dabei eine große Rolle, dem Deal mit dem Konzertveranstalter AEG Live stimmte Jackson aber nur deswegen zu, weil AEG ihm das Geld für einige Filmproduktionen zur Verfügung stellen wollte, denen er sich nach den „This Is It“-Konzerten widmen wollte.

„Making Michael“ konzentriert sich wie gesagt ganz auf die kreative Arbeit an Michael Jacksons Liedern und Alben, mit einer Ausnahme: Die letzten Monate und Wochen in Jacksons Leben werden hier detailliert geschildert, ohne dass dabei viel auf die Arbeit den geplanten Konzerten eingegangen wird. Stattdessen stützt sich Smallcombe hier vor allem auf die in den Prozessen gegen Jacksons Arzt und den Konzertveranstalter ans Licht gekommenen Informationen, um aufzuzeigen, wie es schließlich zu Michael Jacksons Tod kommen konnte. Das unterscheidet dieses letzte Kapitel zwar deutlich vom Rest des Buches, aber weil es natürlich direkt mit dem Scheitern von „This Is It“ zu tun hat und weil diese Informationen bisher noch in keinem Buch zusammengefasst worden sind, ist es es trotzdem lesenswert. Natürlich ist auch einiges Erschreckendes dabei, aber wer sich nur für die Entstehung der Musik interessiert, kann diesen Abschnitt ja überspringen. (In den letzten Wochen seines Lebens könnte Michael Jackson ein weiteres Mal Neuland betreten haben, in diesem Fall aber nicht als Künstler: Einem Schlafexperten zufolge, der in einem der Prozesse ausgesagt hat, könnte Jackson nämlich der bislang einzige Mensch gewesen sein, der dank der nächtlichen Propofol-Inujektionen mehrere Wochen lang ohne REM-Schlaf ausgekommen ist.)

Fazit: „Making Michael“ bietet selbst für langjährige Jackson-Fans viele neue Informationen, gerade was die späteren Alben betrifft. Dabei betreibt Smallcombe keine kritiklose Heldenverehrung, sondern lässt mitunter auch kritische Stimmen zu Wort kommen (wenn sich diese zugegeben auch in starken Grenzen halten). Wer sich für das Werk Michael Jacksons und dessen Entstehung interessiert, der wird hier haufenweise interessante Informationen und Geschichten finden. Allerdings konzentriert sich das Buch dabei auf die Musik und lässt die Musikvideos und Konzerte meist außen vor (mit den Regisseuren der Videos hat Smallcombe auch keine Interviews geführt, wenn ich mich richtig erinnere). Auch die posthum veröffentlichten Alben werden nicht berücksichtigt; allerdings hat Damien Shields ja mit „Xscape Origins“ bereits ein hervorragendes Buch vorgelegt, das sich ganz dem „Xscape“-Album widmet.
„Making Michael“ kann ich also jedem Jackson-Fan und allen anderen an Michael Jacksons Musik und seiner Arbeitsweise interessierten Lesern ans Herz legen. Neben Joseph Vogels „Man In The Music“, das sich mehr der kulturellen und zeithistorischen Einordnung der Alben und Songs widmet, kann dieses Buch bereits jetzt als eines der Standardwerke zu Jacksons Werk betrachtet werden, an dem sich zukünftige Bücher messen lassen müssen. Eine deutsche Übersetzung ist bislang nicht angekündigt.

Wer Näheres zur Entstehung des Buches erfahren möchte, sollte sich dieses Interview anhören, das Mike Smallcombe dem MJCast gegeben hat.

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