Der Nachtmahr

„Der Nachtmahr“ hatte bereits 2015 auf dem Filmfest München seine Premiere und kam dieses Jahr im Mai deutschlandweit in die Kinos. Pünktlich zum DVD- und Blu-ray-Start am 27.10. habe ich den Film von Akiz alias Achim Bornhak nun auch endlich gesehen.Der Nachtmahr - Blu-ray

Tina (Carolyn Genzkow) ist 17 Jahre alt und ein ganz normaler Teenager. Sie geht gerne auf Parties und steht kurz vor dem Abitur. Mit ihren Eltern, mit denen sie ab und zu Stress hat, lebt sie als Einzelkind in einem Haus irgendwo im Großraum Berlin. Eines Abends beginnt sie zuhause aus der Küche kommende Geräusche zu hören. Sie schleicht sich ins Erdgeschoss und entdeckt ein kleines, hässliches Wesen, das gerade dabei ist, den Kühlschrank zu plündern. Aber als Tina ihre Eltern herbeiruft, ist das Wesen fort. Ihr Vater und ihre Mutter glauben ihr nicht und schicken sie lieber zu einem befreundeten Neurologen. Der soll die Tochter richten… Er verschreibt Tina Medikamente, empfiehlt ihr aber auch, das Wesen anzusprechen, es zu konfrontieren. Auf diese Weise soll sich herausstellen, ob es wirklich real ist…

Tina (Carolyn Genzkow)Der Film beginnt mit mehreren Texteinblendungen, von denen die ersten beiden vor den blitzenden Lichtern und lauten Geräuschen warnen, bevor die dritte Einblendung schließlich hinterher schiebt: „Wie auch immer, dieser Film sollte laut abgespielt werden.“ Wer sich daran hält, wird gleich in den ersten Minuten von wummernden Bässen durchgerüttelt, als Tina mit ein paar Freunden eine Party besucht. Der Film ist vollkommen auf die Hauptfigur konzentriert, Tina taucht in so gut wie jeder Szene auf. Obwohl „Der Nachtmahr“ Horror-Elemente enthält, ist der Film viel mehr die Geschichte eines pubertierenden, von Unsicherheiten geplagten und sich von ihren Eltern unverstanden fühlenden Mädchens. Akiz kommt es weniger darauf an, Schreckmomente zu schaffen, als den Zuschauer ins Gesicht und damit die Seele von Tina blicken zu lassen.

Leider vernachlässigt der Film alle anderen seiner Figuren. Über Tinas Freunde erfährt man so gut wie nichts, sie bleiben allesamt Stichwortgeber. Die Beziehung zwischen Tina und ihren Eltern wird zwar recht gut herausgearbeitet, doch auch hier hätte ich mir gewünscht, das Ganze gelegentlich aus der Sicht der Eltern zu sehen. Aber Akiz kam es wohl darauf an, die Welt ganz aus der Sicht seiner Protagonistin zu zeigen. Mit Carolyn Genzkow hat er dabei zum Glück eine Hauptdarstellerin gefunden, die der Aufgabe gewachsen ist, einen vollkommen auf sie zugeschnittenen Film zu schultern. Leider sind die Leistungen aber nicht in allen Bereichen so großartig. Schauspielerisch ist der Film insgesamt durchwachsen; ganz besonders Arnd Klawitter fiel mir in seiner Rolle als Tinas Vater aufgrund seines unnatürlichen Schauspiels fast durchweg negativ auf (oder sollte das die Unbeholfenheit seiner ratlosen Figur sein?). Formal ist „Der Nachtmahr“ auf den ersten Blick beeindruckend, mit zunehmender Länge fragt man sich jedoch, was der fortwährende Einsatz laut wummernder Musik zu dunkel gehaltenen Partyszenen bezwecken soll.

Arnd Klawitter, Carolyn Genzkow, Julika JenkinsInhaltlich ist der Film aber auf jeden Fall interessant und lädt zu zahlreichen Interpretationen ein. Zu Beginn des Films dachte ich mir, der Nachtmahr sei vielleicht eine Metapher für Vergewaltigung (weil Tina im Gebüsch am Rand einer Party von dem Wesen erschreckt wird). Wahrscheinlich steht er aber ganz einfach für all das, was Teenager erleben und fühlen, aber Erwachsene nicht so recht verstehen. Tinas Eltern sind überzeugt davon, ihre Tochter durch Arztbesuche, Klinikaufenthalte und Medikamente wieder „normal“ machen zu können. Dabei wären vielleicht erst einmal ein paar lange und tiefgehende Gespräche mit ihrem Kind nötig.

Noch allgemeiner könnte man den Film als eine Geschichte deuten, die dazu ermutigen soll, zum eigenen (Anders-)Sein zu stehen. Denn seien wir einmal ehrlich: jeder von uns schleppt seinen eigenen Nachtmahr – ein Bündel an einengenden und erdrückenden Erlebnissen, Erinnerungen, Vorstellungen und Erwartungen – mit sich herum. Obwohl „Der Nachtmahr“ also insgesamt kein ganz rundes Bild ergeben will und viele der stilistischen Spielereien ins Leere führen, ist der Film also dennoch sehr interessant. Dafür sorgen vor allem die überzeugende Leistung der Hauptdarstellerin und der nicht auf billige Schockeffekte angelegte, ruhige Erzählstil.

Party!Inhaltlich weist „Der Nachtmahr“ übrigens zahlreiche Parallelen zu Spielbergs „E.T.“ auf. In beiden Filmen entdeckt die Hauptfigur ein seltsames, hässliches, aber auch irgendwie freundlich erscheinendes Wesen, das sie zunächst vor anderen geheim zu halten versucht (und mit fortschreitender Handlung zeigen sich in „Der Nachtmahr“ noch weitere Ähnlichkeiten zu „E.T.“). Letztendlich stehen die fremden Wesen wohl für die Einsamkeit und Isolation, die sowohl Kindheit als auch Jugend mit sich bringen können. Das Ende der Geschichte aber ist in „Der Nachtmahr“ ein anderes und man könnte es zwar wie erwähnt als Anerkennung des eigenen (Anders-)Seins deuten, aber auch als vollkommenes Abdriften der Hauptfigur in die Geisteskrankheit. Wie auch immer, ich muss jedenfalls zugeben, dass ich nach dem Filmende schnell hinter meiner Couch nachgeschaut habe, ob sich dort nicht irgendein seltsames Wesen verbirgt…

Bilder: Copyright Koch Films

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3 Gedanken zu “Der Nachtmahr

  1. Pingback: Kritik – Der Nachtmahr – filmexe
  2. Für was würde denn das seltsame Wesen hinter deiner Couch stehen?
    Durch die Plünderung des Kühlschranks wird man bei der Nachtmahr ja stark in die Richtung Essstörung gedrängt, wenn es darum geht, welche psychische Störung der Nachtmahr darstellt.

    • Keine Ahnung, wofür das Wesen hinter meiner Couch stehen würde. Ich habe da generell eine ziemlich große Fantasie; nach Filmen, die mich in irgendeiner Weise gruseln habe ich öfter solche Ängste. Aber wofür die dann genau stehen, weiß ich nicht. Eine Essstörung kann ich bei mir allerdings ausschließen.

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