Filmfest München: „Puppet Syndrome“, „Niemand kennt die Persian Cats“ & „El Olivo“

Das Filmfest München neigt sich dem Ende zu und wie jedes Jahr habe ich zwar viele, viele Filme gesehen, aber auch viele andere links liegen lassen, obwohl ich sie gerne gesehen hätte. Mehr als drei oder vier Filme am Tag anzuschauen, ist wirklich nicht empfehlenswert und man muss ja auch noch irgendwann schlafen und über die Filme schreiben… Meine ausführliche Besprechung des fantastischen Eröffnungsfilms „Toni Erdmann“, der am 14.7. regulär in den Kinos startet, könnt ihr hier lesen.

PuppetSyndrome-Szenenfoto5_700In der Reihe „Spotlight“ lief dieses Jahr u.a. die russische Literaturverfilmung „Puppet Syndrome“ („Sindrom Petrushki“) nach dem Roman von Dina Rubina. Sie erzählt die Geschichte des seit seiner Kindheit vom Puppentheater faszinierten Petya (Evgeniy Mironov) und seiner Liebe zu Lisa (Chulpan Khamatova). Petya erschafft eine lebensecht wirkence Puppe nach Lisas Abbild, was natürlich für Probleme sorgt. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust, den Inhalt ausführlicher zusammenzufassen, weil mir der Film nicht besonders gefallen hat. Die Geschichte war zwar äußerst schön gefilmt und mit der einer Literaturverfilmung gebührenden rührenden, orchestralen Musik versehen, lief aber größtenteils überraschungsfrei ab. Noch dazu war mir der Hauptdarsteller leider nicht besonders sympathisch und ironischerweise war es gerade sein Gesicht, das hier besonders maskenhaft wirkte. Zudem konnte ich nicht nachvollziehen, warum Lisa im Lauf des Films in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wurde, obwohl  doch Petya hier eindeutig der „Verrücktere“ von beiden war. Aber vielleicht wirkt das auch nur von außen betrachtet so. Der Film war jedenfalls ganz nett, wird mir aber nicht besonders in Erinnerung bleiben.

NiemandKenntDiePersianCats-Still01_700Einen positiveren Eindruck hat „Niemand kennt die Persian Cats“ („Kasi az gorbehaye irani khabar nadareh“) bei mir hinterlassen. Nachdem mich „Schildkröten können fliegen“ sehr beeindruckt hatte, beschloss ich mir einen weiteren Film aus der dem iranischen Regisseur Bahman Ghobadi gewidmeten Retrospektive anzuschauen. Während er sich in „Schildkröten können fliegen“ den Kindern eines Flüchtlingslagers gewidmet hatte, taucht Ghobadi hier ganz in die Underground-Musikszene von Teheran ein. Die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen dabei, da die Darsteller dieser Szene tatsächlich angehören und von Ghobadi angwiesen wurden, für den Film einfach ihren Alltag nachzuspielen. Die Handlung dreht sich um ein Musikerpaar, das eine Band gründen und sich nach England absetzen will. Doch das ist angesichts der politischen Situation im Iran alles andere als leicht und so sind die beiden nicht nur auf der Suche nach weiteren Bandmitgliedern, sondern müssen sich auch falsche Pässe besorgen.
Nach „Mali Blues“ war dies mein zweiter Filmfest-Film, der die Situation von Künstlern in einem Land zeigt, in dem die Freiheit von Kunst und Musik unterdrückt wird. Das ist für uns im Deutschland von 2016 nahezu unvorstellbar, aber leider in zahlreichen Ländern Realität und kann auch als mahnendes Beispiel dienen, es nicht auch hierzulande wieder so weit kommen zu lassen. Ghobai erweist sich hier abermals als äußerst präziser Beobachter und lässt seine Zuschauer ganz in die im Film portraitierte Welt abtauchen. „Niemand kennt die Persian Cats“ zeigt eine Seite des Irans, die man als westlicher Medienkonsument nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Genau wie „Schildkröten können fliegen“ und einige weitere Filme von Ghobdi ist der Film übrigens auf DVD erhältlich.

Olivo-09616-joseharo_700Zurück nach Europa ging es für mich schließlich mit „El Olivo – Der Olivenbaum“. In dieser spanisch-deutschen Produktion fährt die junge Alma (Anna Castillo) gemeinsam mit zwei Helfern von Spanien nach Düsseldorf, um dort einen 2000 Jahre alten Olivenbaum zurückzuholen, der einst im Olivenhain ihres Großvaters gestanden hat. Der Baum steht mittlerweile im Innenhof der Zentrale eines großen Energiekonzerns, doch Alma, die zahlreiche Kindheitserinnerungen mit dem Baum verbindet, möchte ihn für sich und ihren Großvater zurückholen. Im Festivalprogramm wird „El Olivo“ als „Feel-Good-Drama“ beschrieben, was es ziemlich gut trifft. Hier ist von Anfang an klar, wer die „Guten“ und die „Bösen“ sind; man fiebert mit Alma mit und entwickelt Verachtung für die Anzugträger in Düsseldorf, die den Baum natürlich nicht hergeben wollen. Mir persönlich war die Geschichte etwas zu leer und vorhersehbar, doch die Hauptdarstellerin war äußerst charmant und der Film hatte sowohl Herz als auch Witz. Dass die Geschichte zudem durchaus eine hohe Symbolkraft in sich trägt, wurde mir erst hinterher beim Nachdenken über den Film klar. In einer Zeit, in der Europa auseinanderzufallen droht, ist ein solcher europäischer Feel-Good-Movie vielleicht gar nicht so verkehrt. Allerdings kann man das Beharren der jungen Spanierin auf die Rückkehr „ihres“ Baumes in die Heimat auch als Abschotten gegenüber Eingriffen aus dem Ausland lesen. Auf jeden Fall ist „El Olivo“ ein Film, der zum Nachdenken über solche Dinge anregt, und das ist auf keinen Fall verkehrt.

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmfest München: „Schildkröten können fliegen“ & „Mali Blues“

Nachdem ich an meinem zweiten Filmfest-Tag „Bamberski“ und „Oleg Y Las Raras Artes“ angeschaut hatte, stand abends ein Film aus der dem iranischen Regisseur Bahman Ghobadi gewidmeten Retrospektive auf meinem Programm (zwischendurch war ich noch beim Publikumsgespräch mit Stephen Dunn, dem Regisseur von „Closet Monster“ und habe deswegen „Volt“ verpasst, den ich eigentlich anschauen wollte). Das Kino war fast ausverkauft und die Zuschauer – unter ihnen auch Oscargewinnerin Ellen Burstyn – wurden von Ghobadi persönlich begrüßt. Der Film, „Schildkröten können fliegen“ (2004), spielt in einem Flüchtlingslager an der irakisch-türkischen Grenze kurz vor Beginn des Krieges 2003. Im Mittelpunkt des Films stehen die Kinder im Lager und die Geschichte wird ganz aus ihrer Perspektive erzählt. Ihr Anführer heißt „Satellite“, weil er sich als einziger im Lager mit TV-Antennen, Satellitenschüsseln und dergleichen auskennt. Die sind wichtig, um Nachrichten über die bevorstehende US-Inavsion zu erhalten.
SchildkroetenKoennenFliegen-szn02_700„Schildkröten können fliegen“ ist ein wunderbarer Film mit bemerkenswerten Schauspielleistungen seiner jungen Darsteller. So sehr ich natürlich auch das Hollywoodkino liebe ist es dennoch immer wieder erfrischend und in diesem Fall geradzu augenöffnend, Filme aus Regionen der Erde zu sehen, über die man im Mainstream-Kino und in den Medien allgemein wenig erfährt. Denn den Irak kennt man als Europäer aus dieser Perspektive in der Regel wirklich noch nicht. Außerdem war es nach „Oleg Y Las Raras Artes“ gleich der zweite Film, der mir verdeutlicht hat, wie wichtig es ist, die Welt um sich herum immer wieder aus den Augen eines Kindes zu sehen. Die Bedeutung der Kinder für die Zukunft unseres Planeten betonte Ghobadi abermals, als er nach der Vorstellung Fragen des Publikums beantwortete. Er fügte zudem hinzu, dass er weiter Filme in seiner Heimatregion drehen werde, weil er Land und Leute dort eben am besten kenne und viel darüber zu sagen habe. Eine richtige Entscheidung!

02_MALI+BLUES+-%c2%ae+Konrad+Waldmann_700Nach dem Irak ging es für mich als nächstes weiter nach Mali. Der deutsche Regisseur Lutz Gregor hat dort mit „Mali Blues“ eine Dokumentation über die Musikszene des Landes gedreht. Musiker wie die Sängerin Fatoumata Diawara leisten dort mit der Kraft ihrer Musik auf friedliche Weise Widerstand gegen die Besetzung eines Teils des Landes durch radikale Islamisten. Obwohl Musik zum Teil verboten ist, versuchen Diawara und ihre Mitstreiter, durch die politischen Texte ihrer Lieder die Bevölkerung für geselleschaftlich und politisch relevante Themen zu interessieren – meistens mit Erfolg. Filmisch hat mich diese Dokumentation zwar nicht ganz überzeugt, aber der Einblick in ein für mich fremdes Land und die Probleme, mit denen die Künstler dort zu kämpfen haben, war hochinteressant. Diawara, die zusammen mit Lutz Gregor im Kino anwesend war, ist eine beeindruckende Persönlichkeit, deren Talent und Mut ich sehr bewundere. Weiterhin  für mich spätestens mit diesem Film ein roter Faden erkennbar, der sich durch viele der Filme in meinem persönlichen Filmfest-Programm zieht: Der Einsatz von Kunst (Film, Musik,…) im Kampf für das Gute – sei es für Frieden und Freiheit von Unterdrückung oder für die Akzeptanz der eigenen Sexualität.
„Mali Blues“ wird noch einmal auf dem Filmfest gezeigt: am 2.7. um 19:30 im City 3. Der Film bekommt dieses Jahr aber auch noch einen deutschlandweiten Kinostart und wird danach auch auf DVD veröffentlicht (vielleicht sogar mit beiliegender Soundtrack-CD, wie einer der Produzenten verriet). Im Anschluss an die Premiere des Films spielte Fatoumata Diawara übrigens im Kinosaal noch ein Lied (bei dieser Vorstellung war ich leider nicht anwesend):

Copyright Bilder: Filmfest München