Meine Oscar-Tipps 2019

Update vom 25.02.:

So, die Oscarverleihung ist vorbei, ich bin wieder wach und will hier kurz Fazit ziehen. Dieses Jahr habe ich mal wieder in 16 von 24 Oscar-Kategorien richtig getippt. Seit 2013 (seitdem schreibe ich mir meine „Trefferquote“ auf) habe ich damit insgesamt fünf Mal zwei Drittel der Oscarpreisträger korrekt vorhergesagt. Mittlerweile sind diese „16 von 24“ auch immer mein erklärtes Ziel, das ich dieses Mal zumindest nicht unterschritten habe. (Zweimal war ich in den letzten sechs Jahren aber sogar deutlich besser: 2014 hatte ich 21 Richtige, 2018 20).
Auf meine Tipps hatte ich mich ja ein paar Tage vor den Oscars endgültig festgelegt. Ich war zu stur, daran noch einmal etwas zu ändern, obwohl mir mein Bauchgefühl insbesondere in der Kategorie „Visuelle Effekte“ gesagt hat, dass ich mit „Infinity War“ falsch liege. Denn auch dieses Jahr hat mal wieder der Film mit den „unscheinbarsten“ Effekten unter den fünf Nominierten gewonnen, „Aufbruch zum Mond“. Genau das hatte ich vorher vermutet, aber meinen Tipp nicht mehr geändert. Selbst schuld.
Die Oscarshow an sich war gut, bot aber keine größeren Höhepunkte. Die größte Überraschung war Olivia Colmans Auszeichnung als beste Schauspielerin, wobei auch das nicht ganz aus heiterem Himmel kam und vollkommen verdient ist. Glenn Close tut mir trotzdem ein bisschen leid. Einen Moderator habe ich während der Show über weiter Strecken einerseits nicht vermisst, andererseits hätte ein erfahrener Host etwas Spontanität in die doch sehr zackig und streng nach Plan ablaufende Show bringen können. Für nächstes Jahr wünsche ich mir jedenfalls wieder entweder einen traditionellen Eröffnungsmonolog oder eine große Musicalnummer zu Beginn der Show. Und ich werde mich anstrengen, 2020 mindestens 17 Richtige zu tippen! 🙂


In der Nacht von Sonntag auf Montag findet in Hollywood die 91. Oscar-Verleihung statt. Was hat es schon im Vorfeld für ein Drama gegeben in diesem Jahr! Der recht spät gefundene Moderator (Kevin Hart) hat wieder abgesagt, jemand anderes wollte den Job anscheinend nicht machen. Also geht die Show zum ersten Mal seit 30 Jahren ohne durch den Abend führenden Host über die Bühne. Weil aber die Zuschauerzahlen in den letzten Jahren gesunken sind, wurden noch einige andere Änderungen vorgenommen. Da wäre zum Beispiel die strikte Begrenzung der Länge der Show – drei Stunden (inklusive Werbepausen) sollen es in diesem Jahr sein, auf keinen Fall mehr. Ich persönlich hätte ja gar nichts gegen eine auch deutlich längere Oscar-Show, schließlich bleibe ich dafür ja sowieso extra die ganze Nacht wach. Außerdem kommt es weniger auf die Länge an als auf den Inhalt. Lassen wir uns also überraschen, ob die Zeremonie eine willkürliche Aneinanderreihung von mehr oder weniger gelungenen Gags und Reden wird oder ob es doch so etwas wie einen roten Faden und ein paar einfallsreiche, lustige Momente geben wird.

Die Produzenten der Show versuchen jedenfalls, die Show zu straffen und hatten dazu zunächst die Performance von drei der fünf als „bester Song“ nominierten Liedern aus dem Programm geschmissen. Nach dem medienwirksamen Protest von Lady Gaga (die einen der beiden verbliebenen Songs hätte singen dürfen), sind jetzt wieder alle fünf Lieder Teil der Show, allerdings wohl nur als jeweils 90-sekündige Kurzversionen.
Auch die kurzzeitig geplante Verbannung der Verleihung von Oscars in vier bestimmten Kategorien (u.a. Kamera und Schnitt) aus der Live-Übertragung wurde nach lautstarkem Protest vieler prominenter Filmschaffender wieder rückgängig gemacht. Die Oscar-Show wird damit wahrscheinlich doch wieder länger als drei Stunden dauern (natürlich inklusive der zahlreichen Werbepausen). Wie gesagt setze ich meine Erwartungen an die Show eher niedrig an, aber ich lasse mich gerne positiv überraschen und hoffe insgeheim, dass das (ziemlich haltlose) Gerücht stimmt , welches gestern die Runde machte – nämlich dass Whoopi Goldberg die große Geheimwaffe der Show-Produzenten ist und tatsächlich wieder einmal die Show moderieren wird! (Ich glaube es allerdings nicht.)

Hier nun meine Tipps in allen 24 Kategorien:

Bester Film
Wahnsinnig schwierig in diesem Jahr. Ich gehe mal nach dem Ausschlussverfahren vor. Danach würde ich als erstes „Vice“ rauswerfen. Bleiben noch sieben Filme übrig. „BlacKkKlansman“ kann ich mir auch nicht als Gewinner vorstellen, also weg damit. Noch sechs Filme. „Roma“ ist ein interessanter Fall, weil der Film natürlich einerseits als Favorit gilt, andererseits aber auch als „bester fremdsprachiger Film“ nominiert ist. Das könnte dazu fühen, dass viele Mitglieder der Academy dort dafür stimmen, aber beim „besten Film“ „Roma“ weiter unten auf ihre Liste setzen (die Abstimmung erfolgt in dieser Kategorie, indem die acht Filme in eine Reihenfolge gebracht werden müssen). Auch die Tatsache, dass es sich um eine Netflix-Produktion handelt, könnte den Film viele Stimmen kosten. All das wiederum könnte einigen anderen Filmen helfen. Allerdings kann ich mit nicht vorstellen, dass „A Star Is Born“ hier gewinnt, schmeißen wir den also auch mal raus. Bleiben (mit „Roma“) noch fünf Filme.

Sich ein bisschen in das genaue Abstimmungsverfahren einzulesen, ist zwar interessant, sorgt am Ende vor allem für einen rauchenden Kopf. Wenn ich zum Beispiel davon ausgehe, dass „Vice“ von den wenigsten Abstimmungsberechtigten auf Platz eins gewählt wird, muss ich mir ja im nächsten Schritt vorstellen, welchen Film die Mehrheit dieser Minderheit auf den zweiten Platz gewählt hat. Damit geht das große Mutmaßen endgültig los, aber interessant ist es wie gesagt allemal.
Ich wollte hier eigentlich auf „Roma“ setzen. Doch da der Film aus den oben erwähnten Gründen nicht nur Fans, sondern auch Gegner in der Academy hat, entscheide ich mich nun für „Green Book“. Dieser Film könnte meiner Meinung nach am ehesten davon profitieren, dass „Roma“ die Academy spaltet

Bester Hauptdarsteller
Rami Malek hat für seinen Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ den Golden Globe, BAFTA und SAG-Award gewonnen. Vor ein paar Monaten hätten es wohl die wenigsten gedacht, aber nun sieht es so aus, als sei er auf dem besten Weg zum Oscar. Christian Bale und Willem Dafoe sind wohl nur Außenseiter. Bradley Cooper dürfte mit „A Star Is Born“ in der Academy mehr Fans haben und gerade „Green Book“ sollte man nicht unterschätzen. Und obwohl es sowohl um „Bohemian Rhapsody“ als auch um „Green Book“ ein paar Kontroversen gab, dürften diese kaum auf die Schauspieler abfärben. Also… Malek oder Mortensen? Ich tippe auf Rami Malek, auch wenn ich seine Leistung gar nicht soooo toll fand und den Oscar lieber bei Viggo „Aragorn“ Mortensen sehen würde.

(Übrigens bin ich überrascht, dass „Der Spitzenkandidat“ vollkommen übergangen worden ist. Hugh Jackman liefert darin eine phänomenale Leistung ab und auch die Kameraarbeit fand ich beeindruckend.)

Beste Hauptdarstellerin
Hier sieht es ausnahmsweise mal ganz einfach aus in diesem Jahr. Glenn Close ist 71 Jahre alt und zum siebten Mal nominiert, hat aber noch nie einen Oscar gewonnen! Da wird es ganz einfach Zeit. Ihre Leistung in „The Wife“ („Die Frau des Nobelpreisträgers„) ist großartig, sie hat bei den Golden Globes eine tolle Dankesrede gehalten – da sollte eigentlich nichts mehr zwischen sie und ihren ersten Oscar kommen, oder? Olivia Colman hat zwar bei den BAFTAs gewonnen, dort aber auch einen Heimvorteil gehabt. Ihre Leistung in „The Favourite“ würde ich hier lieber ausgezeichnet sehen als die von Glenn Close in „The Wife“. Aber ich tippe trotzdem auf Glenn Close. Beim siebten Mal muss es einfach klappen.

Bester Nebendarsteller
Auch hier scheint der Gewinner bereits ausgemacht zu sein. Richard E. Grant freut sich mit 61 Jahren über seine erste Oscarnomominierung so sehr, dass man ihn gerne auch auf der Bühne die Trophäe in Empfang nehmen sehen würde. Als großer „Star Wars“-Fan würde ich mich auch wahnsinnig für Adam Driver freuen. Aber Mahershala Ali hat für seine Rolle in „Green Book“ bereits alle anderen wichtigen Filmpreise abgeräumt und wird wohl auch bei den Oscars nicht mit leeren Händen sitzen bleiben müssen, obwohl er erst vor zwei Jahren für „Moonlight“ gewonnen hat. Fast hätte ich auch diesen Tipp noch einmal geändert und doch auf Grant gesetzt. Schließlich dürften viele Stimmen an ihn gehen, weil Ali eben erst vor kurzem gewonnen hat. Und wer weiß, vielleicht reicht es für Grant wirklich und ich liege falsch. Das würde gleich zu Beginn der Oscar-Show für eine Überraschung sorgen. Aber ich traue mich nicht, diesen doch etwas riskanten Tipp abzugeben. Also bleibe ich bei Mahershala Ali.

Beste Nebendarstellerin
Hier wird es wieder schwieriger. Amy Adams ist für ihre Rolle in „Vice“ zum sechsten Mal nominiert und hat noch nie gewonnen. Regina King gilt mit „If Beale Street Could Talk“ als Favoritin, aber auch Rachel Weisz („The Favourite“) hat viele Fans. Ich tippe mal auf Regina King, unter anderem auch deswegen, weil das vielleicht die einzige realistische Chance für den Film auf eine Oscarauszeichnung sein wird. In die Kategorie „bester Film“ scheint es die Literaturverfilmung ja nur ganz knapp nicht geschafft zu haben.

Beste Regie
Ich denke mal, dass sich die Academy hier auf Alfonso Cuarón einigen wird.

Bester Animationsfilm
Wenn ein Pixar-Film in dieser Kategorie nominiert war, dann hat er bisher auch immer gewonnen, oder? Nun, ich tippe dieses Jahr dennoch nicht auf Pixars „Die Unglaublichen 2“. Denn wenn das, was die Macher von „Spider-Man: Into The Spider-Verse“ abgeliefert haben, nicht oscarwürdig ist, was denn bitteschön dann? Der Film ist einer der besten Superheldenfilme seit Jahren und hat endlich mal einen neuen, kreativen Weg gezeigt, wie man Comics auch wirklich als solche auf die Leinwand bringt.

Bester fremdsprachiger Film: Hier dürfte Roma gewinnen, der deutsche Beitrag „Werk ohne Autor“ hat keine realistische Chance.

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bestes adaptiertes Drehbuch:  Charlie Wachtel, David Rabinowitz, Kevin Willmott und Spike Lee für „BlacKkKlansman“
Bestes Originaldrehbuch: „The Favourite“ (Deborah Davis und Tony McNamara)
Beste Ausstattung: „The Favourite“ (Fiona Crombie und Alice Felton)
Beste Kamera (Cinematography): Alfonso Cuarón für „Roma“
Bester Ton (Sound Mixing): „Bohemian Rhapsody“ (Paul Massey, Tim Cavagin und John Casali)
Bester Tonschnitt (Sound Editing): „Bohemian Rhapsody“ (John Warhurst und Nina Hartstone)
Beste Musik: „If Beale Street Could Talk“ (Nicholas Britell)
Bestes Lied: „Shallow“ aus „A Star Is Born“ (geschrieben von Lady Gaga, Mark Ronson, Anthony Rossomando und Andrew Wyatt)
Beste Kostüme: Sandy Powell für „The Favourite“
Beste Dokumentation: Elizabeth Chai Vasarhelyi, Jimmy Chin, Evan Hayes und Shannon Dill für „Free Solo“
Beste Kurzdokumentation: „Black Sheep“
(Ed Perkins and Jonathan Chinn)

Bester Schnitt: Hank Corwin für „Vice“
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „Vice“ (Greg Cannom, Kate Biscoe und Patricia Dehaney)
Bester animierter Kurzfilm: Hier tippe ich auf Pixars „Bao“ (von Domee Shi und Becky Neiman-Cobb), der vor „Die Unglaublichen 2“ im Kino gezeigt wurde.
Bester Kurzfilm: Skin von Guy Nattiv und Jaime Ray Newman. Es könnte aber auch „Marguerite“ gewinnen. Wie immer habe ich in den Kurzfilmkategorien wenig Ahnung, die meisten Filme noch nicht gesehen und mich nur ein wenig in die Expertenmeinungen eingelesen. (Eventuell werde ich aber am Sonntag noch alle fünf nominierten Live Action-Kurzfilme im Kino anschauen.)
Beste visuelle Effekte: Dan DeLeeuw, Kelly Port, Russell Earl und Dan Sudick für „Avengers: Infinity War“

Meine Oscar-Tipps 2016

Update vom 29.02. ganz unten!

Heute Nacht werden in Hollywood zum 88. Mal die Academy Awards verliehen, besser bekannt als Oscars. Bei mir ist es schon seit vielen Jahren zur Tradition geworden, dass ich mir die Nacht um die Ohren schlage, um die Preisverleihung live im Fernsehen anschauen zu können. Ebenso ist es mittlerweile eine Tradition, dass ich hier im Blog vorher meine persönlichen Tipps abgebe. Wer wird die begehrten Trophäen mit nach Hause nehmen dürfen? Gestützt auf eine umfassende Recherche wage ich hier meine Prognose. (Hier könnt ihr euch die Nominierungen anschauen.)

Bester Film
Acht Filme sind hier nominiert und keiner von ihnen ist ein glasklarer Favorit auf den Hauptpreis. Ein paar Tendenzen lassen sich aber natürlich dennoch erkennen. „Bridge of Spies“, „Brooklyn“ und „Room“ dürften ziemlich chancenlos sein. Ridley Scotts „The Martian“ war zwar bei Publikum und Kritikern ein Hit und dürfte auch in der Academy viele Fans haben, zum Oscar für den besten Film wird es aber vermutlich nicht reichen. Ähnlich verhält es sich bei „Mad Max: Fury Road“. Ich würde den Preis zwar am liebsten bei „Mad Max“ sehen, kann mir aber nicht vorstellen, dass die Academy hier einen Actionfilm auszeichnet.
„Spotlight“ wurde eine Weile als Favorit gehandelt, ebenso „The Big Short“. In den letzten Wochen sehen die meisten Experten jedoch „The Revenant“ vorne. Eigentlich wollte ich nicht auf „The Revenant“ tippen, weil „The Big Short“ sowohl bei den SAG-Awards als auch den Producers Guild Awards den Hauptpreis bekommen hat. Ich hatte hier ziemlich lange „The Big Short“ als Gewinner stehen, denn „The Revenant“ könnte ein Film sein, der die Academy aufgrund seiner Brutalität spaltet und so letztendlich nicht genug Stimmen sammeln kann, um auf Platz eins zu landen. Aber ich kam mir irgendwie blöd dabei vor, auf „The Big Short“ zu tippen. Also: „The Revenant“ (Arnon Milchan, Steve Golin, Alejandro G. Iñárritu, Mary Parent und Keith Redmon). (Wahrscheinlich gewinnt „Spotlight“ 😉 )
Gut möglich, dass ich diesen Blogpost vor der Oscar-Verleihung noch mal überarbeite und mich erneut umentscheide. Ich sollte einfach würfeln…

Bester Hauptdarsteller
Hier scheint das Rennen ziemlich klar zu sein: Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Leonardo DiCaprio bei seiner sechsten Nominierung endlich ausgezeichnet werden wird. Auch Michael Fassbender hätte meiner Meinung nach endlich einen Oscar verdient (und seine Leistung in „Steve Jobs“ war auch preiswürdig), aber Leo ist hier der Favorit.

Beste Hauptdarstellerin
Auch hier sieht alles nach einem klaren Sieg aus. Genau wie DiCaprio wurde nämlich auch Brie Larson in dieser Preissaison bei den SAG-Awards, den Critics‘ Choice Awards und den BAFTAs ausgezeichnet. Für ihre Leistung in „Room“ hat sie Oscar auch vollkommen verdient. Cate Blanchett hat zudem schon zwei Oscars, Jennifer Lawrence hat auch schon einen und Charlotte Rampling hat sich leider mit ihrer missverständlichen Aussage zur #OscarsSoWhite-Debatte selbst aus dem Rennen geworfen.

Bester Nebendarsteller
Hier wird es wesentlich schwieriger als in den Hauptdarsteller-Kategorien. Mark Rylance wurde bei den BAFTAs ausgezeichnet, Sylvester Stallone bei den Critics‘ Choice Awards. Bei den SAG-Awards wiederum gewann der hier gar nicht nominierte Idris Elba für „Beasts of No Nation“. Wenn es nach mir ginge, würde der Oscar an Mark Ruffalo gehen, weil der in „Spotlight“ fantastisch war und eine Auszeichnung für ihn längst überfällig ist. Aber auch Mark Rylance hat mir in „Bridge of Spies“ sehr gut gefallen. Ich tippe dennoch auf Sylvester Stallone in „Creed“, bin mir aber hier alles andere als sicher.

Beste Nebendarstellerin
Nun wird es wieder einfacher. Alicia Vikander hat für ihre Rolle in „The Danish Girl“ sowohl bei den SAG-Awards also auch bei den Critics‘ Choice Awards gewonnen. Bei den BAFTAs wurde sie wohl nur deshalb nicht ausgezeichnet, weil sie dort nicht als Neben-, sondern als Hauptdarstellering nominiert war (und in diese Kategorie gehört ihre Rolle eigentlich auch). Ich bin zwar ein großer Fan von Rooney Mara („Carol“) und würde den Preis auch gerne bei Rachel McAdams („Spotlight“) sehen, aber ich tippe auf Alicia Vikander.

Beste Regie
Die größte Überraschung der diesjährigen Nominierungen war die Nichtbeachtung von Ridley Scott. Für „The Martian“ hatten ihm viele Kritiker sogar zugetraut, endlich den lange verdienten Oscar für die beste Regie zu bekommen, doch Scott wurde nicht einmal nominiert. Stattdessen findet sich Lenny Abrahamson („Room“) unter den fünf nominierten Regisseuren. Meiner Meinung nach hätte George Miller den Oscar für „Mad Max“ absolut verdient; die US-Filmkritiker sahen das genauso, denn
Miller wurde bei den Critics‘ Choice Awards ausgezeichnet. Bei den BAFTAs und bei der Preisverleihung des US-Regisseursgilde machte jedoch Alejandro G. Iñárritu das Rennen. Also tippe ich mal auf Iñárritu. Gegen ihn spricht höchstens, dass er bereits letztes Jahr gewonnen hat, was einige Mitglieder der Academy dazu bewegen könnte, eben nicht für ihn zu stimmen. Hm, schwierig, aber ich muss mich nun mal entscheiden.

Bester Animationsfilm
Nachdem Pixar mit „Inside Out“ („Alles steht Kopf“) zu alter Form aufgelaufen ist („Arlo & Spot“ wurde zurecht nicht nominiert), wird das Studio seiner beachtlichen Sammlung wohl einen weiteren Oscar hinzufügen können. Mir wäre es zwar lieber, wenn „Der Junge und die Welt“ den Preis erhielte, denn das würde diesen wirklich wunderbaren Animationsfilm mit einem Schlag mehr Bekanntheit verleihen, aber so wird es wohl leider nicht kommen. Also: „Inside Out“ (Pete Docter und Jonas Rivera)

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bester fremdsprachiger Film: „Son of Saul“ (László Nemes)
Bestes adaptiertes Drehbuch: Charles Randolph und Adam McKay für „The Big Short“
Bestes Originaldrehbuch: „Spotlight“ (Tom McCarthy und Josh Singer).
Beste Ausstattung (Production Design): „Mad Max: Fury Road“ (Colin Gibson und Lisa Thompson)
Beste Kamera (Cinematography): Emmanuel Lubezki für „The Revenant“ – Es wäre für Lubezki nach „Gravity“ und „Birdman“ die dritte Auszeichnung in Folge!
Bester Ton (Sound Mixing): „Mad Max: Fury Road“ (Chris Jenkins, Gregg Rudloff und Ben Osmo)

Bester Tonschnitt (Sound Editing): „The Revenant“ (Martin Hernández und Lon Bender) – Es ist vielleicht nicht klug, die beiden Tonkategorien auf zwei Filme zu verteilen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass „The Revenant“ in mindestens einer dieser Kategorien gewinnen wird. Pech für mich wäre es nur, wenn die Verteilung genau anders herum ausfällt und ich damit in keiner der beiden Kategorien richtig liege.
Beste Musik: So sehr ich es John Williams auch wünschen würde, bei seiner 50. (!) Nominierung ausgezeichnet zu werden – und das auch noch für einen „Star Wars“-Film – es wird wohl auf einen anderen Altmeister hinauslaufen: Ennio Morricone für „The Hateful Eight“.
Bestes Lied: Ich würde den Oscar Sam Smith und Jimmy Napes für „Writing’s On The Wall“ geben, der inzwischen mein Lieblings-Bond-Song ist. Aber Lady Gaga rührt für ihren Song zur Dokumentation „The Hunting Ground“ seit Wochen die Werbetrommel und außerdem würde ich mich auch freuen, wenn Diane Warren endlich einen Oscar bekommt. Ich tippe also auf den Song „Til It Happens to You“ aus „The Hunting Ground“ (Lady Gaga und Diane Warren). („The Hunting Ground“ ist übrigens sehr sehenswert und bei Netflix verfügbar.)
Beste Kostüme: „Mad Max: Fury Road“ (Jenny Beavan)
Beste Dokumentation: Asif Kapadia und James Gay-Rees für „Amy“
Beste Kurzdokumentation: „Body Team 12“
(David Darg und Bryn Mooser) – Hier habe ich natürlich keine Ahnung; viele Experten setzen auch auf „Claude Lanzmann: Spectres of the Shoah“.

Bester Schnitt: „Mad Max: Fury Road“ (Margaret Sixel)
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „Mad Max: Fury Road“ (Lesley Vanderwalt, Elka Wardega und Damian Martin)
Bester animierter Kurzfilm: Viele Experten setzen hier auf „Bear Story“. Aber da „Sanjay’s Super Team“ ein Pixar-Film ist, tippe ich auf ihn (Nicole Paradis Grindle und Sanjay Patel). Auf den setzen auch noch mehr Experten. 😉
Bester Kurzfilm: Auch hier gilt: Ich habe keine Ahnung. Nehmen wir also „Ave Maria“ (Eric Dupont und Basil Khalil).
Beste visuelle Effekte: Ich kann nicht anders, ich muss einfach in wenigstens einer Kategorie auf „Star Wars“ tippen. Und da das hier die Kategorie zu sein scheint, in der „Das Erwachen der Macht“ die besten Chancen hat, tippe ich also auf „Star Wars: The Force Awakens“ (Chris Corbould, Roger Guyett, Paul Kavanagh und Neal Scanlan), auch wenn die Chancen für „Mad Max“ vielleicht sogar noch besser sind.


Meiner Prognose zufolge würden also sowohl „The Revenant“ als auch „Mad Max“ jeweils fünf Oscars bekommen.


 

Update am 29.02.2016:

So, nachdem ich mir die Nacht um die Ohren geschlagen und anschließend den ganzen Vormittag geschlafen habe, bin ich nun wieder ausgeruht. Insgesamt habe ich dieses Jahr in 16 von 24 Kategorien richtig getippt und damit die gleiche Trefferquote erzielt wie 2015 (hier könnt ihr die Gewinner nachlesen). Hätte ich mich mal nicht dazu verleiten lassen, auf „The Revenant“ und auf Sylvester Stallone zu setzen! „Star Wars“ hat leider gar keinen Oscar bekommen; aber wenn ich bei den Effekten nicht auf „Star Wars“ getippt hätte, wäre ich trotzdem falsch gelegen (ich hätte dann nämlich auf „Mad Max“ gesetzt, gewonnen hat aber „Ex Machina“).
„Mad Max: Fury Road“ hat mit sechs Oscars die meisten Preise abgeräumt, „The Revenant“ folgt mit drei (DiCaprio/Hauptrolle, Iñárritu/Regie, Lubezki/Kamera). Bester Film ist „Spotlight“, der daneben nur noch den Preis für das beste Originaldrehbuch gewinnen konnte. Neben „Star Wars“ gingen auch „Der Marsianer“, „Carol“ und „Brooklyn“ leer aus.


Die Oscar-Show war ganz nett und Chris Rocks Moderation sicher besser als die öde Show, die Neil Patrick Harris im letzten Jahr abgeliefert hat. Dass die #OscarsSoWhite-Debatte eine Rolle spielen würde, war zu erwarten gewesen. Dass sie aber fast die ganze Show durchzogen hat, dürfte manche Zuschauer etwas genervt haben. Trotzdem finde ich es richtig. Und es war ja nicht die einzige politische Botschaft, die eine große Rolle spielte. In den Reden mehrerer Presenter und Gewinner fanden sich Seitenhiebe gegen Donald Trump, ein paar Mal wurde  offen davor gewarnt, ihn zu wählen (allerdings ohne dass sein Name auch nur einmal genannt wurde). Leonardo DiCaprio richtete den eindringlichen Appel an die Zuschauer, sich durch ihr Handeln aktiv für Umwelt- und Klimaschutz einzusetzen.
Doch in ihrer emotionalen Wirkung verblassten all diese Appelle und Warnungen geradezu gegenüber dem Auftritt von Lady Gaga, die „Til It Happens to You“ sang und dabei anfangs sichtbar gegen die Tränen kämpfte. Schnell verwandelte sie diese Schwäche aber in eine unglaubliche Stärke und als dann zum Ende des Liedes hin eine Gruppe von weiteren Opfern sexuellen Missbrauchs auf die Bühne kam, auf deren Unterarme positive Ausdrücke wie „survivor“ oder „not your fault“ geschrieben standen, trieb das auch einigen der anwesenden Filmstars die Tränen in die Augen. Von der emotionalen Wucht und politischen Bedeutung her erinnerte das an die Performance des Songs aus „Selma“ im letzten Jahr, allerdings mit dem Unterschied, dass „Til It Happens to You“ anschließend nicht als bester Song ausgezeichnet wurde. Dieser Preis ging an den Bond-Song „Writing’s on the Wall“, aber auch ohne Auszeichnung hat Lady Gaga in dieser Show einen starken und bleibenden Eindruck hinterlassen.

 

Madonna – MDNA World Tour

Ich habe leider noch nie ein Madonna-Konzert besucht, aber ihre letzten Tourneen habe ich mir immer auf DVD oder Blu-Ray angeschaut. So auch ihre 2012er Tour, die „MDNA World Tour“. Die Aufzeichnung der Konzerte aus Miami ist gerade erschienen und landete am Donnerstag in meinem Blu-Ray-Player. Und was soll ich sagen, die Show, die Madonna zusammen mit ihren Tänzern usw. hier aufführt, ist erwartungsgemäß bombastisch. Es geht schon nicht unerwartet mit allerlei religiöser Symbolik los, bevor Madonna überhaupt die Bühne betritt. Leider verstehe ich davon fast nichts, aber ich bin mir sicher, Robert Langdon hätte seine helle Freude an all den christlichen und sonstigen religiösen Symbolen, die Madonna hier im Lauf der Show zusammen mixt. Darauf, am Kreuz hängend „Live To Tell“ zu singen, verzichtet sie dieses Mal zwar, aber das hat sie ja sowieso schon mal gemacht. Und Madonna macht eigentlich nie irgendetwas, das sie vorher schon einmal genauso gemacht hat

Die Show ist in vier Akte unterteilt, die Wikipedia zufolge den Themen „Transgression, Prophecy, Masculine/Feminine and Redemption“ zugeordnet sind, was wohl relevant wäre, wenn man das Konzert und seine ganze Symbolik wirklich tiefgehend analysieren wollte. Pragmatisch gedacht geben die Pausen zwischen den Akten Madonna die Gelegenheit, zwischendurch auch mal durchzuschnaufen, wohl eine Flasche Gatorade runterzukippen und natürlich jeweils in ein neues Kostüm zu schlüpfen. Nachdem jedenfalls zu Beginn ein überdimensionales Weihrauchfass über der Bühne hin- und herschwingt während einige Sänger wie in einem Choral immer wieder Madonnas Namen singen, erscheint die Besungene schließlich in einem gläsernen Beichtstuhl, aus dem sie sich erst einmal mit einem Maschinengewehr den Weg frei schießt. Passend dazu heißt der erste Song, zu dem sie dann ansetzt, auch „Girl Gone Wild“. Noch mehr Knarren gibt es anschließend bei „Revolver“ – hier dürfen auch die Backgroundtänzerinnen damit herumfuchteln. Den ersten Höhepunkt erreicht die Show für mich dann mit den folgenden beiden Stücken: Zu „Gang Bang“, einem unter anderem von William Orbit produziertem Stück, das mir mit seinem treibenden Bass schon auf dem MDNA-Album am besten gefallen hatte, singt Madonna im Setting eines Motel-Rooms (in dem natürlich auch ein großes Kreuz hängt) mit einer Pistole in der Hand. Einer nach dem anderen tauchen ihre Tänzer in dem Zimmer auf (sie sollen hier wohl ihre Ex-Lover darstellen) – und einer nach dem anderen werden sie von Madonna niedergeschossen, Blutspritzer inklusive. Nach dem Ende des Songs kriecht sie auf dem ins Publikum führenden Laufsteg herum, und bittet für ihre begangenen Verbrechen um Vergebung, indem sie die erste Strophe und einmal den Refrain von „Papa Don’t Preach“ singt, womit sie dem Song eine andere als die ursprünglich darin angelegte Bedeutung verleiht.

Madonna hat mal in einem Interview gesagt, dass sie ihre eigenen Lieder eigentlich schon wieder langweilig findet, sobald sie sie fertiggestellt und veröffentlicht hat. Auf ihren Tourneen singt sie deshalb überwiegend die Songs des jeweils aktuellen Albums und streut nur relativ wenige ihrer großen Hits ein. Und vor allem diese älteren Songs verändert sie dann meistens, indem sie sie als Remixe oder Mashups performt (bei ihrem Konzert im Pariser Olympia performte sie beispielsweise den Song „Beautiful Killer“ zum Soundgerüst von „Die Another Day“ – wobei allerdings „Beautiful Killer“ gar kein älteres Stück ist). Dieses Verfremden von Liedern muss man natürlich nicht immer mögen und die Ergebnisse klingen manchmal gewöhnungsbedürftig und sind nicht immer gelungen. (In dieser Hinsicht unterscheiden sich die künstlerischen Philosophien von Madonna und Michael Jackson übrigens vollkommen. Für Jackson wäre nämlich der Gedanke, einen seiner großen Hits – oder überhaupt irgendeinen seiner Songs – als geremixte Fassung aufzuführen, völlig abwegig gewesen. Nachdem er teilweise jahrelang an seinen Songs gefeilt hatte, bevor er sie veröffentlichte, wollte er auch, dass sie bei Konzerten fürs Publikum genauso klingen, wie er sie geschrieben und produziert hatte. An einer Stelle sagt er dies auch im „This Is It“-Film, als er gerade „The Way You Make Me Feel“ probt: „I want it the way I wrote it.“)

Ihre besten Momente erreicht eine Madonna-Show immer dann, wenn es gelingt, durch dieses Remixen, Ineinandermischen und Aneinanderreihen von Songs diesen in Verbindung mit der Performance eine ganz neue Bedeutung zu verleihen oder zumindest neue Facetten zu entdecken, auf die man beim Anhören der CDs so noch nicht gekommen ist. Die „Gang Bang / Papa Don’t Preach“-Performance im ersten Akt der MDNA-Show ist für mich eine solche Stelle. Sich ein Madonna-Konzert auf CD anzuhören ist genau aus dem Grund ziemlich langweilig, weil die Bühnen-Performances eben ein so wichtiger Teil der Show sind, ja eigentlich wichtiger als die Musik und der Gesang. (Auf CD hat ein Madonna-Konzert auch deswegen einen schalen Beigeschmack, weil man sich nicht immer sicher sein kann, ob sie wirklich live singt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das eben nicht durchgehend tut, aber immerhin wird das Ein- und Aussetzen des Playback ziemlich geschickt verschleiert, was übrigens einen weiteren Unterschied zu Michael Jackson darstellt.)

Nach ihrer „Papa Don’t Preach“-Beichte lässt sich Madonna von ihren Tänzern fesseln und quer über die Bühne schleifen. Anscheinend will sie den Titel des Songs, den sie dazu singt, wörtlich verstanden wissen – der lautet nämlich „Hung Up“. Im zweiten Teil verabschiedet sich die Show von allem Düsteren und Gewalttäigem, dafür wird es jetzt zwanghaft überfröhlich. Los geht es mit „Express Yourself“, dem Madonna auch Neues abgewinnt, indem sie zum Ende hin einfach Lady Gagas „Born This Way“ hineinsingt, was ich zuerst gar nicht bemerkt hatte. Ich hatte die ganze Zeit fröhlich mit dem Fuß mitgewippt, bis mir plötzlich ein Licht aufging: Das ist ja gar nicht Madonnas Song! Natürlich kann sich die Queen of Pop es dann auch nicht verkneifen, ein paar Mal die Titelzeile ihres 2008er Songs „She’s Not Me“ hineinzurufen; auf die eigentlich folgende Zeile „And she never will be“ verzichtet sie aber und den Song hat sie damals wohl sowieso noch nicht in Bezug auf Lady Gaga geschrieben. In Verbindung mit Gagas „Born This Way“ bekommt jedenfalls auch die Zeile „She’s Not Me“ eine neue Bedeutung.

Weiter geht es im zweiten Akt dann mit „Give Me All Your Luvin'“, zu dem eine ganze Marschkapelle an Seilen hängend einschwebt. Bei „Open Your Heart“ singt Madonna dann wie bei einigen anderen Liedern auch in Begleitung des französischen Kalakan Trios, das sie, wie sie selbst sagt, bei einem Urlaub im Baskenland entdeckt hat. Der dritte Akt des Konzerts beginnt mit „Vogue“, wofür Jean-Paul Gaultier extra eine neue Version seines legendären Kegel-BHs designte. Mit einem Medley aus „Candy Shop“ und „Erotica“ geht es erotisch weiter, während sich Madonn dann zu „Human Nature“ auszieht und schließlich halbnackt auf dem ins Publikum führenden Laufsteg liegt. Dort singt sie dann – sich auf dem Boden und einem Klavier räkelnd – eine seltsame, zum Waltzer umfunktionierte Piano-Version von „Like A Virgin“. In diesem Fall kann man die veränderte Fassung des Songs nicht wirklich als gelungen betrachten, Madonnas deutlich näher am Original liegende Performance des Songs auf der Confessions-Tour 2006 fand ich jedenfalls viel gelungener. Nach dem Ende des Songs wird Madonna von einem ihrer Tänzer in ein Korsett geschnürt und räkelt sich noch einmal halbnackt auf dem Boden, während sie „Love Spent“ singt und die ihr aus dem Publikum zugeworfenen Dollarnoten einsammelt. Was diese Nacktheit anderes bewirken soll, als Madonnas durchtrainierten Körper vorzuführen, bleibt aber rätselhaft. Aber vielleicht muss man die Szene nach dem Ende des Songs, als sie mit verzweifeltem Blick die Geldscheine in den Händen zusammenkrallt, im Kontext dessen sehen, was sie zuvor während der Show gesagt hat – dass sie nämlich die Liebe und Unterstützung ihrer Fans keineswegs für selbstverständlich erachtet und dankbar dafür ist, diesen Job nun schon dreißig Jahre lang machen zu dürfen, in einer Zeit, in der viele Leute gar keine Arbeit haben. Gelungen finde ich die „Like A Virgin“- und „Love Spent“-Performance trotzdem nicht. Ich hätte auf all das theatralische, halbnackte am-Boden-Räkeln verzichten können und hätte es lieber gesehen, wenn sich Madonna einfach mal auf einen Hocker gesetzt hätte, und ein kurzes Acoustic-Set mitten im Konzert zum Besten gegeben hätte, bei dem mal die Musik und der Gesang (also wirklich die Lieder!) im Mittelpunkt stehen. Aber gut, bei Madonna geht halt nichts ohne Show drumherum und die eigenen Lieder findet sie ja wie gesagt eh zu langweilig, um sie einfach so dahin zu singen…

Im vierten und letzten Akt wird die Show dann bei „I’m Addicted“ und „I’m A Sinner“ zur großen Party, bevor mit „Like A Prayer“ wieder die Religiosität Einzug hält, mit den Sängern als großem Gospelchor im Hintergrund. Beim letzten Stück wird dann aber doch wieder klar gemacht, dass es Madonna eigentlich nur ums Partymachen geht, das Konzert endet nämlich in einer ganz unverfänglichen „Celebration“ (das Stück geht schließlich in das wesentlich schwungvollere „Give It 2 Me“ über). Im Großen und Ganzen muss ich also sagen, dass mich die Show selbst auf Blu-Ray ganz schön mitgerissen hat. Was Madonna mit ihren Tänzern, Sängern, Choreographen und allen anderen kreativ Beteiligten hier auf die Bühne gestellt haben, ist so ziemlich das Größte und Bombastischste, was man heutzutage in einem Popkonzert bieten kann. Auch die Bühnentechnik mit den auf- und abfahrenden Bodenteilen, deren Wände gleichzeitig als Bildschirme dienen, wird hervorragend eingesetzt. Dass man nicht mit jeder neu gemixten Fassung älterer Lieder einverstanden ist, versteht sich von selbst. Auch dass sich Madonna hier, wie bei ihren letzten Tourneen auch, bei einigen Stücken zur E-Gitarre greift, wirkt ein wenig unglaubwürdig, zumindest aber überflüssig, so als ob sie uns beweisen will, dass es eigentlich nichts gibt, das sie nicht kann. Wie erwähnt kann ein Madonna-Konzert aber auch wirklich brillante Momente hervorbringen, wenn sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Songs und den dazugehörigen Performances ganz neue Bedeutungen ergeben – wenn auch keine weltbewegenden. Aber vorrangig geht es ja doch nur darum, Spaß zu haben, und den hatte ich defintiv, auch wenn ich gar nicht live dabei war.

Übrigens beschweren sich bei Amazon zahlreiche Käufer der Blu-Ray über deren angeblich schlechte Bildqualität. Ich kann das nicht nachvollziehen. Das Bild weist zwar oft eine deutlich sichtbare Körnung auf, wie man sie von modernen Digitalaufnahmen nicht mehr gewohnt ist, das ist aber wohl gewollt. Allerdings ist das Menü der Disc sehr unvorteilhaft gestaltet. Mir war zu Beginn jedenfalls nicht klar, wie ich die einzelnen Menüpunkte anwähle. Durch Drücken des Enter/OK-Knopfs konnte ich zwar das Konzert starten, aber nicht die Auswahl der einzelnen Songs, die Tonauswahl oder die Bonusdokumentation anwählen. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich darauf gekommen bin, dass ich einfach nach links drücken muss, um vom Menüpunkt „World Tour“, der gar nicht klar als solcher ersichtlich war, zu den anderen vier Menüpunkten zu kommen. Das hätte man besser gestalten müssen!

Hier ist noch der oben erwähnte, 45-minütige Auftritt von Madonna im Pariser Olympia in voller Länge. Auf die aufwändige Bühnentechnik der anderen Shows musste dabei natürlich verzichtet werden, „Vogue“ ist aber trotzdem toll und außerdem gibt Madonna hier zwei exklusive Songs zum Besten, die sie noch nirgends sonst gesungen hat („Beautiful Killer“ und „Je t’aime“). Schade, dass man diesen Auftritt nicht auch noch auf die Blu-Ray gepackt hat.