Bates Motel – Staffel 1 & 2

Achtung! Dieser Text enthält Spoiler für die ersten zwei Staffeln von „Bates Motel“ und für Hitchcocks „Psycho“!

Mit dem neuen Jahr kamen wie immer neue, gute Vorsätze – unter anderem, dieses Jahr auch wirklich über alle Fernsehserien, die ich anschaue, zu bloggen. Los geht es mit dem „Psycho“-Prequel „Bates Motel“, dessen erste beiden Staffeln ich in den letzten Wochen angeschaut habe. Wer Alfred Hitchcocks „Psycho“ kennt, weiß natürlich, auf welches Ziel die Serie hin erzählen will und was mit ihren beiden Hauptfiguren, dem hier 17-jährigen Norman Bates (Freddie Highmore) und seiner Mutter (Vera Farmiga) bis dahin geschehen muss. Aber selbst (oder gerade dann?), wenn man dieses Hintergrundwissen noch nicht hat, unterhält „Bates Motel“ bestens, denn hier handelt es sich um hochklassige TV-Unterhaltung, die zwar das Rad nicht neu erfindet, aber in vielen Bereichen – vor allem beim Schauspiel – Bestleistungen abliefert.

Die Serie beginnt damit, dass der junge Norman die Leiche seines anscheinend bei einem Unfall ums Leben gekommenen Vaters findet. Während Norman vollkommen aufgelöst ist und weinend neben dem leblosen Körper sitzt, wirkt seine Mutter Norma relativ gefasst. Sechs Monate später ist sie entschlossen, einen Neuanfang zu wagen und zieht mit Norman in eine Kleinstadt in Oregon. Das Geld, das sie nach dem Tod ihres Mannes von der Versicherung erhalten hat, hat sie in den Kauf eines alten Hauses und eines dazugehörigen Motels investiert. Norman ist von dem Umzug alles andere als begeistert, möchte seine Mutter andererseits aber gerne wieder glücklich sehen und verspricht, ihr bei der Leitung des Motels zu helfen. „This is our chance to start over.“, sagt Norma zu ihrem Sohn, als sie an ihrem neuen Wohnort angekommen sind. Doch der scheint Zweifel zu haben: „Maybe some people don’t get to start over. They just move to a new place.“, entgegnet er.
Gerade diese Ankunftsszene am aus dem Kinofilm bekannten Handlungsort wirkt, als spiele sie wie Hitchcocks Film in den späten 50er Jahren. Kleidung, Frisuren, das Auto und die Farben, in denen das Bild gehalten ist, deuten ganz auf diese Epoche hin; doch kurz darauf, nach der Titeleinblendung in der ersten Folge, sehen wir die Figuren mit Smartphones hantieren und es wird klar: die Serie erzählt zwar die Vorgeschichte der bekannten Charaktere, spielt aber in unserer Gegenwart (die erste Staffel erschien 2013). Der zweite (unwichtige) Unterschied zum Film ist der Handlungsort: Während Hitchcocks Geschichte im kalifornischen Fairvale angesiedelt ist, spielt „Bates Motel“ im (ebenfalls fiktiven) White Pine Bay, Oregon.

Vera Farmiga (vor ein paar Jahren oscarnominiert für „Up In The Air“) sieht ein bisschen aus wie Felicity Huffman (Lynette aus „Desperate Housewives“), was einer der Gründe ist, warum ich beim Anschauen von „Bates Motel“ gelegentlich an „Desperate Housewives“ denken musste. Ihre Serienfigur hört auf den Namen Norma Bates, worin sich bereits ihre äußerst enge (und nicht immer gesunde) Beziehung zu ihrem Sohn Norman andeutet. Norma kann höchst liebenswürdig und charmant sein, jedoch auch skrupellos und manipulativ. Man erwartet bei dieser Serie ja eigentlich, den Sohn als kaputte, verrückte Persönlichkeit zu sehen, doch im Laufe der ersten Episdoen stellt sich heraus, dass es eigentlich seine Mutter ist, die hier verrückt ist. Klar, irgendwo müssen Normans Probleme ja her kommen (und er muss außerdem erst an den Punkt hin kommen, an dem er im Film ist und darf demzufolge nicht schon zu Beginn der Serie ein verrückter Serienmörder sein).
Schauspielerisch liefert Vera Farmiga eine Leistung der Spitzenklasse ab und darf als Norma das gesamte Ausdrucks- und Gefühlsspektrum abarbeiten. Besonders viel Spaß hat man als Zuschauer dabei immer dann, wenn Norma mal wieder einen ihre Nervenzusammenbrüche hat, weil ihr alles über den Kopf wächst. Das geschieht zum Beispiel, als sie in der ersten Staffel feststellen muss, dass ihr neuer Wohnort keineswegs so idyllisch ist, wie sie sich das vorgestellt hat, sondern der Wohlstand des Ortes zum großen Teil auf illegalen Drogengeschäften beruht und sich auch noch ein Großteil ihrer Motelgäste als Arbeiter auf den örtlichen Hanfplantagen entpuppen. Die schlimmen Ereignisse, die ihr gleich in der ersten Folge widerfahren, steckt sie dagegen erstaunlich gut weg: Keith Summers, der ehemalige Besitzer des Motels, vergewaltigt sie in ihrer eigenen Küche. Verzweifelt schreit Norma nach ihrem Sohn, der allerdings ohne ihr Wissen mit ein paar Mächen auf eine Party gegangen ist und gerade noch rechtzeitig zurück kommt, um seiner Mutter zu Hilfe eilen zu können. Die macht dann mit ihrem Vergewaltiger kurzen Prozess und tötet ihn mit zahlreichen Messerstichen – eine Szene, die den späteren „Psycho“-Mord vorweg nimmt und natürlich Konsequenzen nach sich zieht. Norma und Norman setzen nun alles daran, ihre Beteilgung an Keith Summers‘ Verschwinden vor der Polizei, insbesondere dem örtlichen Sheriff Alex Romero (Nestor Carbonell, „Lost“), geheim zu halten.
Der Neuanfang steht also unter keinem guten Stern und spätestens, als im weiteren Verlauf der ersten Staffel ein zweiter Mord auf Normas Grundstück verübt wird, wollen die meisten der Stadtbewohner nichts mehr mit ihr zu tun haben. Umso mehr ist sie schließlich überrascht, als sie in der zweiten Staffel nicht nur eine neue Freundin namens Christine gewinnt, sondern auch noch deren Bruder George (Michael Vartan, „Alias“) ein Auge auf Norma geworfen hat. Die Dates mit George verlaufen aber wenig glücklich, vor allem, weil Norma einfach nicht dazu in der Lage zu sein scheint, sich anderen Menschen zu öffnen und ihnen zu vertrauen (von Norman einmal abgesehen). Auch Christine muss am Ende der zweiten Staffel feststellen, dass Norma ihren schlechten Ruf zu Recht hat und einfach nur ein „Wrack“ ist.

Ihr Sohn Norman Bates wirkt dagegen wie erwähnt anfangs relativ normal. Er ist ein etwas schüchterner 17-jähriger, der noch wenig Erfahrungen mit Mädchen hat, aber durchaus anziehend auf das andere Geschlecht wirkt. In den ersten Episoden macht er diesbezüglich zwei wichtige Bekanntschaften: Emma (Olivia Cooke) ist ganz klar in Norman verliebt, doch der sieht in ihr nur eine gute Freundin. Bradley Martin wiederum (gespielt von Nicola Peltz, die man letztes Jahr in „Transformers“ im Kino sehen konnte) ist eines der schönsten und begehrtesten Mädchen der Schule. Nachdem Norman mit ihr geschlafen hat, kann er sein Glück kaum fassen und fantasiert sich anschließend in eine Beziehung mit ihr hinein, die so gar nicht existiert. Als er Bradley endlich darauf anspricht, macht sie ihm klar, dass sie für ihn keine tieferen Gefühle empfindet und es bereut, mit ihm geschlafen zu haben.
Das hört sich nach einer ziemlich normalen Jugend an und Norman wird, besonders in den ersten Folgen, durchaus als ein „normaler“ Junge dargestellt, für den es noch Hoffnung zu geben scheint, eben nicht der Norman Bates zu werden, den wir aus „Psycho“ kennen. Natürlich gibt es aber auch regelmäßig ganz klare Hinweise, die genau in diese Richtung weisen: So hat Norman immer wieder Blackouts, nach denen er sich an seine Handlungen der letzten paar Stunden nicht erinnern kann; außerdem hat er „Visionen“ von seiner Mutter, die zu ihm spricht, obwohl sie nicht anwesend ist und ihm Anweisungen gibt. Wer „Psycho“ gesehen hat, weiß wo das hinführen wird. Das gilt übrigens auch für das Hobby, das sich Norman in der ersten Staffel aneignet: Er lernt nämlich, tote Tiere zu präparieren und auszustopfen – zum Missfallen seiner Mutter, die der Meinung ist, er solle mehr Zeit mit lebenden Wesen verbringen, statt sich im Keller mit leblosen Tieren zu beschäftigen.
Freddie Highmore kannte man vorher nur als Kinderdarsteller aus Filmen wie „Finding Neverland“ („Wenn Träume fliegen lernen“) oder „Charlie und die Schokoladenfabrik“. In „Bates Motel“ bringt er sowohl die unsichere, schüchterne Seite seiner Figur überzeugend zum Ausdruck, wie auch die verwirrte, oft wütende andere Seite. In der zweiten Staffel lernt Norman erneut ein Mädchen kennen, von dem er vollkommen fasziniert ist: Cody Brennan (Paloma Kwiatkowski) schert sich einen Dreck um die Vorstellungen und Erwartungen anderer Menschen und macht einfach, was sie will. Ihre Spontanität, ihr Mut und ihre Unbekümmertheit beeindrucken Norman, der sich schnell in sie verliebt. Auch mit ihr hat er Sex, aber genau wie Bradley scheint auch Cody nur ein Mädchen für eine Staffel zu sein, denn nach dem Tod ihres Vaters muss sie zu ihrer Tante ziehen. Zu Norman sagt sie, dass sie ihm bestimmt nicht schreiben wird…wenn das nun noch ein paar Staffeln so weiter geht, kann ich mir schon vorstellen, dass der Junge kein gesundes Verhältnis zu Frauen entwickelt.

Daran ist aber wohl in erster Linie seine Mutter schuld, denn das hier dargestellte Mutter-Sohn-Verhältnis ist schon sehr speziell. „People suck. Everyone I’ve ever known has sucked. Except you.“, fasst Norma zu Beginn der Serie ihre Lebensphilosophie zusammen. Norman wiederum bestätigt dies, indem er ihr mitteilt, er wolle in keiner Welt ohne sie leben. Seine Mutter wiederum scheint keinerlei Verständnis dafür oder auch nur eine Vorstellung davon zu haben, was in einem 17-Jährigen vorgeht, in welchem Stadium seiner persönlichen Entwicklung sich ihr Sohn befindet und wie eine gesunde Mutter-Sohn-Beziehung auszusehen hat. So zieht sie sich beispielsweise in einer Szene in seiner Anwesenheit um. Als er verschämt wegschaut, sagt sie, das brauche er nicht zu tun, schließlich sei sie seine Mutter und es doch völlig normal, dass sie sich vor ihm umzieht. Immer wieder kommt es auch zu Eifersucht zwischen den beiden. Als Norma in der ersten Staffel eine Affäre mit einem Polizisten beginnt, kann Norman dies von Beginn an nicht leiden. Norma dagegen ist die Vorstellung unheimlich, dass Norman mit Bradley schläft und Cody findet sie schon von der ersten Begegnung an unsympathisch.
Selbstverständlich darf auch eine Szene, in der Mutter und Sohn gemeinsam beim Psychotherapeuten sitzen, nicht fehlen. Als dieser Norman Fragen stellt, ist es natürlich Norma, die immer wieder dazwischen fährt und für ihren Sohn antwortet. Anschließend spricht der Therapeut kurz mit Norma alleine. Er merkt an, dass man seine Kinder irgendwann loslassen muss und schlägt vor, sowohl Norman als auch Norma in Einzelsitzungen zu sprechen. Dies macht Norma so wütend, dass sie ihn anschreit und aus dem Zimmer stürmt.
Die Beziehung zwischen Norma und ihrem Sohn durchlebt im Verlauf der beiden Staffeln mehrere Höhen und Tiefen. Als Norma, verstört und verärgert durch die Ereignisse der letzten Zeit, ihren Problemen mal wieder davon laufen und einfach erneut umziehen will, schreit Norman ihr ins Gesicht, sie sei verrückt und tue Dinge, die absolut keinen Sinn ergäben. Kurze Zeit später kriecht dann Norma zu ihrem Sohn ins Bett, weil sie Angst hat, alleine zu schlafen (und der 17-jährige Norman lässt dies einfach geschehen).

Mit zunehmendem Verlauf der Serie wird klar, dass Norma ihren Sohn nur beschützen will – und zwar vor sich selbst. Denn in den Phasen, in denen er seine Blackouts hat, begeht Norman immer wieder Morde, an die er sich später nicht mehr erinnern kann. So auch am Ende der ersten Staffel, als ihn seine Lehrerin Mrs Watson nach einem demütigenden Erlebnis auf dem Schulball mit zu sich nach Hause nimmt und ihn dort verführt. Norman bedankt sich bei ihr, indem er sie ermordet – scheinbar auf Anweisung seiner Mutter, die ihm erscheint und ihm sagt, er wisse, was er zu tun habe. Danach hat er keinerlei Erinnerung an seine Tat. Als er und Cody in der zweiten Staffel wegen einers anderen Falles von der Polizei befragt werden, fleht Norma Cody an, ja nichts von Normans Blackouts zu erzählen. Nachdem Norman davon erfahren hat, fragt er bei seiner Mutter so lange nach, bis er schließlich dahinter kommt, was mit ihm los ist. Ihm wird klar, dass er seine Lehrerin umgebracht hat und dass dies wahrscheinlich nicht der einzige Mord ist, den er begangen hat. Norma versucht zu diesem Zeitpunkt immer noch, ihn davon zu überzeugen, dass er sich das alles nur einbildet (und recherechiert mal wieder, wo sie als nächstes hin ziehen könnten, um ihren Problemen aus dem Weg zu gehen). Doch Norman glaubt ihr nicht, schnappt sich eine Pistole und rennt in den Wald, um sich umzubringen. Norma, die ihm folgt, kann ihn davon abbringen und ihn überzeugen, dass sie ihn braucht und ohne ihn nicht leben kann. Als Norman schließlich einem Lügendetektortest unterzogen und gefragt wird, ob er seine Lehrerin umgebracht habe, kann er die Polizei erfolgreich täuschen. Während er die Frage mit „nein“ beantwortet, taucht vor ihm wieder die Vision seiner Mutter auf. „Du hast sie doch gar nicht getötet.“, sagt sie zu ihm. „Ich habe sie getötet. Das bleibt unser Geheimnis.“
Erstaunlich schlüssig und plausibel beantwortet die Serie auf diese Weise die Frage, wie Norman Bates zu der Person wurde, die wir aus „Psycho“ kennen. Eigentlich bleibt nun nicht mehr viel übrig, einzig das endgültige Schicksal von Normans Mutter steht noch aus. Mindestens eine weitere Staffel von „Bates Motel“ wird es noch geben und das sollte eigentlich ausreichen, um den Bogen zu „Psycho“ zu schlagen. Ich befürchte allerdings, dass – zumindest bei entsprechendem Erfolg – noch weitere Staffeln folgen und die Autoren die Handlung unnötig strecken werden.

Wo ich gerade beim Thema bin – ich habe noch gar nicht erwähnt, dass Norman in der Serie einen Bruder namens Dylan (Max Thieriot) hat, der ab der zweiten Folge zu den Hauptfiguren gehört. Seine Szenen fand ich meistens weniger interessant als die Handlung um Norma und Norman; da hat sich eben einiges angefühlt, wie unnötiges Füllmaterial. Dylan ist als Gegensatz zu Norman konzipiert; er ist ein paar Jahre älter und sieht das Verhältnis zwischen Norman und seiner Mutter äußerst kritisch. Immer wieder versucht er Norman dazu zu bewegen, sich von der Mutter abzunabeln, doch mit wenig Erfolg. Seine eigene Beziehung zu Norma (die er auch stets so nennt, niemals „Mutter“) ist deutlich distanzierter als die zwischen Norman und Norma. Er fühlt sich von seiner Mutter weniger geliebt und sieht die Vertrautheit, mit der sein Bruder und seine Mutter miteinander umgehen vielleicht auch deshalb nicht gerne, weil er selbst gerne ein wenig mehr davon hätte. Warum Norma zu Dylan keine solche enge Beziehung entwickeln kann, erfahren wir in der zweiten Staffel: Dylans Vater ist Normas Bruder Caleb, der Norma in ihrer Jugend regelmäßig vergewaltigt hat.
Dylan wird im Lauf der ersten beiden Staffeln eng in die Kriminalität in White Pine Bay verstrickt. Er jobbt zunächst als Wachmann auf einer der Hanffarmen, steigt dann aber schnell in der Hierarchie auf und gerät in einen Machtkampf zwischen den örtlichen Drogenbanden, den er überlebt. Dass ich diesen Handlungsstrang nie besonders interessant fand, lag zumindest zum Teil auch daran, dass hier alles zu künstlich, zu sehr nach Schauspiel und Requisite aussah. Die Frisuren, Gesichter, Jeans- und Lederjacken – all das sieht aus, als käme es frisch aus der Maske bzw. Kostümabteilung (was ja auch der Fall ist). Kein einziges Mal wirken Dylan und die anderen „harten Typen“ tatsächlich wie echte Kriminelle, sie sehen immer noch viel zu glatt und gut aus. Zugegeben, ähnliche Kritik kann man an den meisten anderen TV-Serien und Filmen auch üben, aber hier ist es mir eben besonders aufgefallen.

Es ist zwar nicht besonders überaschend, dass Geheimnisse in der Serie eine große Rolle spielen, ich finde es aber doch interessant und erwähnenswert. Vielleicht liegt das daran, dass mir dieses erzählerische Mittel in Fernsehserien viel mehr bewusst wird, seit ich in meiner Diplomarbeit über „Desperate Housewives“ das „Geheimnis“ als eine Analysekategorie gewählt habe. In „Bates Motel“ gibt es jedenfalls von der ersten Episode an zahlreiche Geheimnisse, die im Laufe der Serie für Spannung sorgen. Es geht schon damit los, dass Norma und Norman in der ersten Folge die Leiche von Keith Summers vor Sheriff Romero verstecken müssen, was für eine Szene sorgt, bei der man wirklich vor Spannung die Finger ins Sofakissen krallt. Und das ist nur der Anfang: Das im Keller eines Polizisten als Sexsklavin gefangen gehaltene Mädchen, Normas Affäre mit eben jenem Polizisten, Normans geheime Sehnsüchte, Dylans Job auf der Hanffarm, der mysteriöse Fremde namens Abernathy, die Ereignisse, die zum Tod von Normans Vater geführt haben – das alles (und noch viele mehr) sind Geheimnisse, die im Verlauf der ersten Staffel eingeführt werden und für Konfliktstoff sorgen.
Von besonderer Bedeutung sind natürlich die Geheimnisse um Norman. Seine Blackouts und seine teils ungewöhnlichen Sehnsüchte sollen dem Willen seiner Mutter nach unbedingt geheim gehalten werden. Ihr Handeln wird immer wieder von der Angst bestimmt, diese (und andere) Geheimnisse könnten auffliegen; das erklärt zum Beispiel, warum sie strikt dagegen ist, dass Norman mit einem Psychologen spricht. Im Zusammenhang mit Normans Blackouts ist zudem interessant, dass es sich dabei um ein Geheimnis handelt, das Norman quasi vor sich selbst hat. Als er allmählich dahinter kommt, dass er gelegentlich Dinge tut, über die er keine Kontrolle hat und an die er sich nicht erinnern kann, ist er verständlicherweise sehr verstört.
Bei vielen der Probleme in „Bates Motel“ handelt es um Dinge, die schnell aus der Welt geschafft oder zumindest weit weniger dramatisch und spannend wären, wenn die Beteiligten nur offen darüber reden würden. Genau deswegen müssen die Figuren auch immer vom Thema ablenken, nicht darüber reden wollen oder sich ganz einfach verschlossen und mysteriös geben, um die Geheimnisse fortbestehen zu lassen. Als Norman in der zweiten Staffel Emma davon erzählt, dass Dylan ausgezogen ist, schiebt er gleich hinterher, dass sich diese Angelegenheit nicht klären lässt und Emma deswegen gar nicht weiter mit ihm darüber zu sprechen braucht. Und als er am Ende der Staffel hinter das Geheimnis seiner Blackouts gekommen ist, bleibt seiner Mutter zwar irgendwann keine andere Wahl mehr als seine Vermutungen zu bestätigen, doch ein Rest-Geheimnis wird trotzdem aufrecht erhalten, als sie sagt, sie wisse zwar über seine Blackouts bescheid, werde aber nicht weiter mit ihm darüber sprechen, um ihn zu beschützen. „Wir kennen andere Leute nie wirklich. Was wir sehen ist immer nur die Spitze des Eisbergs.“, sagt sie einige Folgen zuvor zu Norman (und dieser Satz könnte genau so auch als Teil des von Mary-Alice gesprochenen Voicovers in einer Episode von „Desperate Housewives“ zu hören sein).

Wie ich eingangs schon geschrieben habe, handelt es sich bei „Bates Motel“ um hervorragende TV-Unterhaltung. Die Handlung läuft zwar nach etablierten Mustern und ohne große Überraschungen ab, die Umsetzung der Drehbücher ist aber so gut, dass ich mich – abgesehen von einigen Szenen mit Dylan – nicht gelangweilt habe. Vor allem Vera Farmigas und Freddie Highmores Schauspiel machen die Serie sehenswert.
Da „Bates Motel“ ja die Vorgeschichte zu „Psycho“ darstellt und langsam aber sicher auf die Ereignisse im Film bzw. die dort geschilderte Situation von Norman Bates hin erzählt, war ich anfangs skeptisch, ob es der Serie gelingen würde, etwas Neues und Eigenständiges zu schaffen. Diese Frage kann ich nun eindeutig mit ja beantworten; „Bates Motel“ macht auch dann Spaß, wenn man „Psycho“ nicht gesehen hat. Und für alle, die den Film schon kennen, wird die Figur Norman Bates durch die Serie erweitert, so dass man in Zukunft beim Anschauen des Films das Serienwissen quasi mit denkt. Auch das Spiel mit den Erwartungen hinsichtlich Normans Schicksal gelingt der Serie gut; er wird hier durchaus noch als eine Person dargestellt, für die es noch Hoffnung gibt, als ganz normaler Teenager mit ein paar Problemen eben.
Das Prequel-Konzept hat seine Vor- und Nachteile. Zwar können die Autoren immer wieder Anspielungen auf „Psycho“ unterbringen und eben mit den Erwartungen der Zuschauer spielen, doch gleichzeitig sind sie dadurch eingegengt, da das Endergebnis der Handlung schon feststeht. Wäre die Serie keine „Psycho“-Vorgeschichte, dann wäre sie vielleicht wirklich noch spannender, da man keine Ahnung hätte, in welche Richtung sich alles entwickelt. So aber stellt sie eine Herausforderung für die Drehbuchautoren dar, die die Figuren sowohl an den bereits bekannten Endpunkt manövrieren müssen, als auch die Zuschauer immer wieder überraschen. Bislang gelingt dieser Spagat ziemlich gut. Die dritte Staffel wird ganz bestimmt ebenfalls den Weg auf meinen Fernseher finden.

Alias – Season 3

— Der folgende Text enthält Spoiler für die gesamte dritte Staffel von „Alias“!! —

Gesundheitliche Probleme, ein dank defekter Lüftung überhitzter Laptop und schließlich meine alljährliche, achttägige Filmfest-Auszeit sind die Gründe dafür, dass ich mich in den letzten Wochen kaum um mein(en) Blog kümmern konnte (ich kann mir einfach nicht merken, ob es der oder das Blog heißt). Inzwischen bin ich wieder gesund, mein Laptop hat eine neue Lüftung eingebaut bekommen und das Filmfest München ist leider auch schon wieder vorbei. Während meiner Blog-Auszeit haben sich einige Blog-Themen angesammelt, die ich in den nächsten Tagen und Wochen hoffentlich alle abarbeiten werde.

Dieses Mal geht es also um die dritte Staffel von „Alias“, eine Serie über die ich bereits mehrmals gebloggt habe und die ich so toll eigentlich gar nicht finde. Trotzdem will ich immer wissen, wie die Handlung weitergeht. Es ist nun schon eine Weile her, dass ich die Staffel angeschaut habe und meine Erinnerung an die Ereignisse darin ist zum Teil etwas verschwommen, aber ich hoffe mal, dass ich mit Hilfe meiner Notizen einen halbwegs sinnvollen Post hinkriege. 😉 Die erste Folge der Staffel beginnt direkt nach dem Cliffhanger-Ende von Season 2: Sydney Bristow (Jennifer Garner) wacht auf und muss feststellen, dass sie sich an die letzten zwei Jahre nicht erinnern kann. Während in ihrem Gedächtnis nur ein großes Loch klafft und sie absolut keine Ahnung hat, was sie in diesen zwei Jahren so getrieben hat, haben die anderen Charaktere ihr Leben weiter gelebt. Michael Vauhn (Michael Vartan) zum Beispiel ist plötzlich verheiratet (und zwar nicht mit Sydney). Noch in der zweiten Staffel musste außerdem Sydneys beste Freundin Francie ihr Leben lassen, da sie durch einen „bösen Klon“ ersetzt wurde; zudem ist Sydneys ehemaliger Vorgesetzter Arvin Sloane (Ron Rifkin) nun offiziell einer der Bösen (das war jedenfalls der Stand am Ende der zweiten Staffel). Nun, am Beginn von Season 3, erfahren wir, dass Sydney für tot gehalten wurde. Irgendjemand muss ihren Tod vorgetäuscht haben, Wohnungsbrand und menschliche Überreste inklusive. Sydneys CIA-Partner Marcus Dixon (Carl Lumbly) leitet jetzt die Abteilung, während Syds Vater Jack (Victor Garber) im Gefängnis sitzt, weil er mit ihrer terroristischen Mutter zusammen gearbeitet hat, um Sydney aufzuspüren (er kommt aber zu Beginn der dritten Staffel schnell wieder frei).

Beim Anschauen der ersten Minuten der Staffel habe ich gemerkt, dass ich mich zwar nur schlecht an die Handlung der ersten beiden Staffeln erinnern konnte, dafür aber umso besser an die Charaktere. Außerdem hat sich die Serie sofort wieder vertraut angefühlt, weil sie nach wie vor nach demselben Schema verfährt: Es geht von einer Mission und einer neu gewonnenen Erkenntnis zur nächsten, jede Frage führt zwar früher oder später zu einer Antwort, in die aber die nächste Frage gleich eingebaut ist. Auch das, was Sydney und die Zuschauer als Wahrheit kennen und akzeptieren müssen, stellt sich meist nur als ein Teil der Wahrheit heraus, dem Stück für Stück neue Teile hinzugefügt werden, durch die rückblickend auch manchmal frühere Erkenntnisse in einem ganz neuen Licht erscheinen, Wahrheit also sozusagen umdefiniert wird. (Im Rahmen meiner Diplomarbeit habe ich „Desperate Housewives“ mit Hilfe der sogenannten „Grounded Theory“, also einer auf der Grundlage der Daten – in diesem Fall Transkripe einiger Serienfolgen – gewonnenen Theorie analysiert. Dabei kristallisierten sich verschiedene Konzepte bzw. Kategorien heraus, die in der Serie eine wichtige Rolle spielen, z.B. „Fremdheit“ oder „Geheimnis“. Im Fall von „Alias“ wäre wohl „Wahrheit“ ein solches die gesamte Serie durchziehendes Konzept. Auch „Geheimnis“ könnte hier eine Kategorie darstellen, da Geheimnisse, die die Figuren voreinander haben oder die die Serie vor dem Zuschauer hat, immer wieder eine wichtige Rolle spielen.)

Nicht nur das, was als Wahrheit gilt, wird im Lauf der Serie immer wieder neu definiert, sondern auch wer gut und wer böse ist. Vor allem Arvin Sloane ist hier zu nennen: Am Anfang der Serie ist er Sydneys Mentor und eine Art Vaterfigur für sie, dann wird er zu ihrem schlimmsten Feind, nun ist er ihr zweckmäßiger, aber nach wie vor verhasster Verbündeter. Und noch dazu soll er jetzt eine Wandlung zum großzügigen Wohltäter durchgemacht haben? Weder Syd noch die Zuschauer können das so recht glauben. Seine „Wandlung“ erinnert jedenfalls stark an das Schema, nach dem in Staffel zwei mit Sydneys Mutter verfahren wurde, die war ja auch mal gut, mal böse und nie wusste man so recht, ob man ihr trauen sollte oder nicht.

Von der ersten Folge am besten im Gedächtnis geblieben ist mir jedenfalls dieser Wortwechsel zwischen Sydney und einem anderen Agenten:

Er: „Forgive me if I look shocking to you, but I was believing that you were dead.
Sie: „I was. But now I’m not.
Er: „This is why I love our business.“

Die ganze erste Folge wird aus Sydneys Sicht erzählt, die Zuschauer erfahren nur das, was auch sie erfährt. Dazu gehört ganz zum Schluss auch die Erkenntnis, dass sie in den letzten zwei Jahren keineswegs nur Däumchen gedreht hat, sondern anscheinen einen kaltblütigen Mord begangen hat. Aber warum und unter welchen Umständen? Dies Herauszufinden ist nun Sydneys Hauptaufgabe.

Die zweite Folge bringt dann auch mehr Antworten darüber, was Syd in den letzten zwei Jahren so getrieben hat. Aber ganz in Übereinstimmung mit den ungeschriebenen Gesetzen der Serie führen diese Antworten nur zu noch mehr Fragen und unter anderem auch zu der unbequemen Konstellation, dass es nun ausgerechnet Michael Vaughns Frau Lauren (Melissa George) den Mord untersuchen soll, den Sydney begangen hat, was einmal mehr das Konzept „Geheimnis“ in die Serie einbringt (schließlich will Sydney um jeden Preis verhindern, dass sie als die Täterin enttarnt wird, jedenfalls solange ihr selbst die genauen Umstände der Tat nicht bekannt sind). Sydney und ihr Vater müssen Lauren von nun an immer einen Schritt voraus bleiben, woraus sich eine ähnliche Konstellation wie in den ersten beiden Staffeln ergibt, als die beiden als Doppelagenten innerhalb von SD6 tätig waren. Leider ist Victor Garbers Schauspiel für mich immer noch einer der größten Schwachpunkte der Serie. Seine Sprechweise wirkt stets monoton, sein Gesichtsausdruck immer gleich – gar nicht auszudenken, was ein anderer, besserer Darsteller aus dieser Rolle gemacht hätte!

Die Szenarien sind jedenfalls nach wie vor spannend und kreativ; teilweise wirkt die Handlung aber auch arg konstruiert und vor allem nervt es, wenn sich die Charaktere Folge für Folge fast wortgleich die gleichen Fakten ins Gesicht sprechen, bloß um den Zuschauer auf dem Laufenden zu halten. Auch Sydneys Unentschlossenheit in den ersten Folgen der Staffel hat mich wahnsinnig genervt („Soll ich meinen CIA-Kollegen nun verraten, dass ich diesen Mord begangen habe, aber selbst nicht weiß, wie es dazu kam oder soll ich lieber alleine weitere Nachforschungen anstellen?“). Schließlich verrät Jack Sydneys Geheimnis an Dixon und erlöst seine Tochter zumindest von diesem Dilemma.

Dass es in „Alias“ nicht wirklich um den Inhalt der Missionen geht, die Sydney und ihr Team in jeder Episode absolvieren müssen, habe ich ja schon in meinen früheren Posts geschrieben. Das ist natürlich auch in der dritten Staffel noch so. Stattdessen geht es darum, wie diese Missionen und die sich aus ihnen ergebenden Veränderungen und gewonnenen Erkenntnisse sich auf die Figuren und ihre Beziehungen auswirken. Als Vaughn zum Beispiel davon erfährt, dass Sydney den Mord begangen hat, wird er dazu gezwungen, diese Erkenntnis vor seiner Frau, die ja genau diesen Mord untersucht, geheim zu halten. Der Ehe der beiden kommt das nicht gerade zugute.

Am Ende der siebten Folge wird Sydney schließlich in Rom von der CIA überwätligt und festgenommen; Lauren hat inzwischen herausgefunden, dass Sydney den Mord begangen hat (wer dabei eigentlich ermordet wurde, lasse ich hier mal weg, es ist ja so schon kompliziert genug). In Folge acht wird sie von Vaughn und ihrem Vater befreit – und von Lauren, die sich in letzter Sekunde doch dazu entschlossen hat, ihnen dabei zu helfen. Auch Sloane arbeitet mit ihnen zusammen und kurzzeitig bilden sie nun so eine Art Rebellengruppe, die gegen die CIA kämpft. Es gelingt ihnen sogar erfolgreich, es so erscheinen zu lassen, als sei The Covenant für Sydneys Befreiung verantwortlich – jene Terrorgruppe, die den Hauptantagonisten der Staffel darstellt. Wohl oder übel müssen Sydney & Co. nun also mit Sloane zusammen arbeiten, der eine Idee hat, wie man Sydneys Gedächtnis wieder herstellen kann: Er kennt da so einen Hippie-Professor, der eine Prozedur entwickelt hat, die vielleicht helfen könnte… Jener von David Cronenberg gespielte Professor wirkt wie ein Vorläufer von Walter Bishop aus J.J. Abrams späterer Serie „Fringe“, sowohl was sein Verhalten als auch was seine Methoden betrifft. Er versetzt Sydney in einen Traumzustand, während dessen sie sich der Tatsache, dass sie träumt bewusst ist. Und in dieser Traumsequenz hören wir Auszüge aus den Cellosuiten von Bach, was ich deshalb erwähnenswert finde, weil mir in den letzten Jahren immer wieder auffällt, wie oft diese (und andere Stücke von Bach) in Filmen und TV-Serien eingesetzt werden. Diese Episode ist jedenfalls ein gutes Beispiel dafür, dass die Serie immer wieder – und auch durchaus oft erfolgreich – versucht, ihr eigenes Erzählschema (Fragestellung-Mission-neue Erkenntnisse-neue Fragen-nächste Mission…) zu durchbrechen. Das bringt Abwechslung. Am Ende dieser Episode steht jedenfalls mal wieder eine alles verändernde neue Erkenntnis, durch die das, was bisher als „Wahrheit“ galt, umdefiniert wird: Sydney hat den Mord gar nicht begangen, denn der scheinbar Ermordete lebt noch…

Weil Episode 3.09 eben ganz anders war als die vorherigen Episoden und zudem mit diesem Cliffhanger am Ende aufwartete, musste ich danach ausnahmsweise sofort die nächste Folge gucken. (Sonst bin ich von der dann doch oft gleichen Erzählstruktur der „Alias“-Episoden eher gelangweilt – von den erwähnten kreativen Ausnahmen abgesehen laufen die Folgen nämlich meist alle gleich ab. Da scheinen die Konsequenzen der Plotentwicklungen für die Figuren im ersten Moment zwar riesig zu sein, aber weil sich in bester „24“-Manier ja sowieso ständig alles wieder ändert, sind sie letztlich doch wieder egal.)

In 3.11 fasst Sydney selbst eines der Prinzipien der Serie zusammen, als sie bemerkt, jedes Mal, wenn sie den Antworten über die ihr fehlenden zwei Jahre nahekommt, schließe sich vor ihr eine Tür. Sie kann ja noch nicht wissen, dass sie genau in dieser Folge endlich tatsächlich Antworten erhalten wird – und zwar von Terry „John Locke“ O’Quinn, der hier einmal mehr als Special Agent (oder was auch immer) Kendall auftaucht. Die Episode kaut einem zunächst all die bisherigen Ereignisse der Staffel noch einmal vor und eignet sich damit perfekt zum Einstieg, falls man die erste Staffelhälfte verpasst haben sollte. Aber sie gibt wie gesagt auch zahlreiche neue Antworten und es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass dabei einmal mehr Konzepte wie „Wahrheit“, „Geheimnis“ und „Vertrauen“ (das könnte nämlich auch so eine Kategorie sein) über den Haufen geworfen, gut durchgeschüttelt und neu definiert werden. Den größten Schock hält in diesem Zusammenhang mal wieder die letzte Szene der Episode bereit: Gerade als Sydney den Mann gerettet hat, von dem sie bis vor kurzem noch dachte, sie selbst habe ihn ermordet, wird dieser tatsächlich erschossen – von Lauren! Natürlich wissen Sydney & Co. noch nicht, dass es Lauren war, die den Schuss abgefeuert hat, aber der Zuschauer weiß nun, dass Lauren ein falsches Spiel treibt. Sie ist eine Doppelagentin und gibt nur vor, für die CIA zu arbeiten. Dass sie zudem mit einem CIA-Agenten verheiratet ist, macht die Sache nur noch tragischer (und damit erzählerisch ergiebiger). Von da an achtet man als Zuschauer in den kommenden Folgen ganz besonders auf jede Regung und Äußerung Laurens, zum Beispiel wenn sie mit ihren Kollegen bei einer Einsatzbesprechung zusammen sitzt. Schließlich wissen wir nun etwas über sie, das ihre Kollegen in der Serie nicht wissen.

Bei all den Verwicklungen und Verwirrungen des Agentenlebens, die in der Serie eine Rolle spielen (jeder muss mal gegen jeden spionieren, jeder vor jedem etwas verbergen), hilft den Betroffenen früher oder später anscheinend nur noch Psychotherapie. Jack schlägt Sloane in Episode 3.13 vor, es mal mit einer Therapie zu versuchen und auch Sydney sehen wir hier mal wieder bei ihrer Therapeutin. Über „people who work in intelligence“ sagt diese:

„[They have] to grapple with some serious issues. Living duplicitous lives, compartmentalizing the personal and the professional. It’s a difficult challenge.“

Das Agentenleben ist in der Tat nicht leicht… Aber auch Arvin Sloane legt sich wie erwähnt auf die Couch und schüttet der CIA-Therapeutin sein Herz aus – naja, nicht wirklich, ganz in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Serie erzählt er ihr zwar von einem großen Geheimnis, das er mit sich herum trägt, aber um was für ein Geheimnis es sich dabei handelt, das verrät er zumindest in dieser Folge noch nicht:

 „I manipulate people. I’m good at that, and I know it. I lie, I keep secrets. I divulge only what I must in order to elicit the reaction I need. […] One of those secrets affects the only two people I care about in the world, Sydney and Jack Bristow. There are many secrets I enjoy keeping. There is power in secrets that you keep. But this one, oh, this one wears on me. It has for many years. It’s central to my very existence. It’s who I am.”

Erst am Ende der nächsten Folge erfahren wir dann mehr Details: Sloane hatte einst eine Affäre mit Irina Derevko, Sydneys Mutter, und glaubt nun, Sydney sei seine Tochter. Da ist sie wieder, unsere Lieblings-Agenten-Soap… Aber es wird noch besser, als Michael Vaughn herausfindet, dass seine eigene Frau eine Doppelagentin ist, ihr gegenüber aber vorerst weiterhin so tun muss, als ahne er nichts davon. Denn die Serie erzählt nun quasi auf zwei Ebenen; zum einen geht es um ganz normale Verdächtigungen in einer Ehe, wo sich die beiden Partner nicht mehr vertrauen und zum anderen wird diese Krise eines Ehepaares als deren berufliche Krise, auf der „Geheimdienst-Ebene“ erzählt (was ein wenig an „Mr & Mrs Smith“ erinnert). Dieses Handlungselement hat mir jedenfalls richtig viel Spaß gemacht, ganz besonders als es später Michael ist, der quasi vor Laurens Nase von ihr unbemerkt wichtige Daten stehlen soll und dies dann haarscharf in letzter Sekunde schafft, gerade noch ohne von ihr entdeckt zu werden. Laurens und Michaels Rollen werden in dieser Szene vertauscht, denn bis dahin war es ja stets sie, die Geheimnisse vor ihrem Mann hatte und von ihm unbemerkt irgendwelche Akten entwenden musste.

Wie eingangs erwähnt finde ich „Alias“ eigentlich gar nicht so toll. Inhaltlich kaut einem die Serie immer wieder dasselbe vor und hält die Zuschauer nur dank der teilweise wirklich kreativen, abwechslungsreichen Szenarien und der interessanten Figuren bei der Stange. Doch genau genommen handelt es sich hier nur um eine Soap Opera im Action-Format, ähnlich wie bei „24“. Es ist egal, was passiert, solange immer wieder irgendetwas möglichst Dramatisches passiert und die Kette von Problemen nie abreißt. In Episode 3.19 erfahren wir schließlich, dass Sydney eine Schwester hat, von der sie bislang nichts wusste – genau das ist doch eines der Instrumente, mit denen Soaps neue Konflikte in ihre Handlung bringen, wenn diese langweilig zu werden droht: man schreibt bisher noch nie erwähnte Familienmitglieder in die Story hinein (kamen nicht auch in „24“ irgendwann Jack Bauers Vater und Bruder dazu?). Leider interessiert mich dieser Teil der Story kaum, ebenso wie all die mysteriösen Rambaldi-Artefakte und Prophezeihungen. Trotzdem fand ich die vorletzte Folge der Staffel hochspannend. Zahlreiche wichtige Plotelemente wurden weiter entwickelt oder zum Abschluss gebracht, alle Hauptfiguren tauchten auf und ein paar lange nicht gesehene Nebenfiguren hatten auch eine Rolle. In diesem Fall führten tatsächlich einmal einige Handlungsstränge der Staffel auf ein Ziel zu. Insgesamt stand in der dritten Staffel Sydney Bristow weniger im Mittelpunkt als in den ersten beiden Staffeln und der Fokus wurde zum Teil auf andere Figuren verschoben. Jacks Gefühle für Irina Derevko, Sloanes Motive und Gefühle (die sich entweder ständig ändern oder über die er vielmehr ständig alle anderen täuscht), das Liebesdreieck aus Vaughn, Lauren und Sydney und der am Ende der Staffel auf Rache sinnende Vaughn – all dies sind Beispiele dafür, dass es der Serie schon lange gelungen ist, auch die Figuren um Sydney herum zu interessanten Charakteren mit eigenen Geschichten auszubauen. Irgendwann werde ich mir wohl auch noch die vierte und fünfte Staffel anschauen, in nächster Zeit brauche ich aber erst einmal wieder Pause von „Alias“.

 

Was gab es sonst noch Interessantes, Erwähnenswertes, Amüsantes in der dritten Staffel? Ich liste mal ein paar Dinge, die ich noch nicht erwähnt habe, auf:

  • In der zweiten Folge geht es unter anderem in meine Heimatstadt München, genauer gesagt in ein „adult theatre“ (also Pornokino) im „red light district“ der Stadt (wo immer der auch genau liegen soll). Von München selbst sieht man dann aber nicht viel mehr als einen establishing shot, der ganz bestimmt nicht München zeigt und eben einen Kinosaal, in dem gerade ein Pornofilm in deutscher Sprache läuft.
  • In der Serie gibt es tatsächlich eine Selbsthilfegruppe für „CIA operatives who habe experienced lost time“! Wofür die CIA wohl sonst noch Selbsthilfegruppen gegründet hat? Für Agenten, die von Aliens missbraucht wurden? Oder für solche, die nicht mehr in ihr altes Leben zurück können, weil es sich ein Klon unter den Nagel gerissen hat? 😉 Der Fantasie sind hier wohl keine Grenzen gesetzt.
  • Die zweite Folge hat auch eine wunderbar überzeichnete Szene, die ich garantiert klauen werde, falls ich jemals einen Actionfilm drehen sollte: Zwei Personen, die sich gerade in einer Aufzugkabine befinden, werden entführt, indem die Kabel des Aufzugs weggesprengt werden und der Aufzug mithilfe eines zuvor am Dach der Kabine befestigten weiteren Kabels, dessen anderes Ende an einem Hubschrauber hängt, einfach durch das Dach des Gebäudes nach draußen gerissen wird. Am Hubschrauber baumelnd wird so die ganze Aufzugkabine mitsamt ihrer Insassen weggeflogen. Das nenne ich mal effizient.
  • Dass ich die ersten Takte von Damien Rices „Delicate“ einmal zu den Bildern eines in Zeitlupe aus einem Maschinengewehr feuernden Michael Vaughn hören würde, hätte ich auch nicht gedacht…
  • Und hier noch ein Dialog zwischen Vaughn und Weiss (Greg Grunberg):
    Vaugn: „Do you think you can be in love with two people at the same time?“
    Weiss: „No, I don’t. However, I did have the same intense feelings for both Sporty and Posh Spice.“
    Vaughn: „Yeah, who didn’t.“
    (Kann ich übrigens nicht ganz nachvollziehen. Ich hatte nur für Posh Spice derartige Gefühle.)

 

 

Alias – Season 2 (Episode 1-7)

— Der folgende Text enthält Spoiler! Ich bespreche hier die ersten sieben Folgen der zweiten Staffel von Alias. Weiterlesen sollte nur, wer die Serie schon mindestens bis zu diesem Punkt angeschaut hat. Außerdem habe ich noch einen Spoiler zu „Dexter“ unterbringen müssen. Wer diese großartige Serie allerdings mindestens bis zum Ende ihrer sechsten Staffal gesehen hat, hat nichts zu befürchten. —

Seit ein paar Wochen ist es richtig heiß draußen. Und nicht nur dort, sondern auch in meiner Wohnung. Wirklich Lust dazu, mich vor den Fernseher zu setzen, um Filme und Serien anzuschauen habe ich daher zurzeit nicht. Draußen ist es eh viel schöner und abends wird es da ja eigentlich erst erträglich. Der Turm aus DVDs und Blu-rays, die noch angesehen werden wollen, wird deshalb nur sehr langsam kleiner. Nachdem ich mich durch die fünfte (und letzte) Staffel von Fringe gearbeitet habe (schön war’s), habe ich mir anschließend die fünfte Staffel von „True Blood“ vorgenommen (aber mir dabei überhaupt keine Notizen gemacht, deswegen kann ich nix dazu schreiben; vielleicht kommt nächstes Jahr ein Blogpost zu „True Blood“, wenn ich die sechste Staffel gesehen habe – Staffel Nr. 5 war jedenfalls wieder deutlich besser als Nr. 4). Inzwischen bin ich wieder bei „Alias“. Die erste Staffel der Serie mit Jennifer Garner habe ich vor ein paar Monaten gesehen und zweimal darüber gebloggt. Süchtig gemacht hat mich die Serie zwar nicht gerade, aber ich will doch wissen, wie es weitergeht und was sich J.J. Abrams & Co. noch so alles an Storywendungen ausgedacht haben. Wie gesagt tue ich mich mit dem regelmäßigen Serienkonsum derzeit etwas schwer, gucke also nicht gleich zehn oder mehr Folgen pro Woche, aber bis zur siebten Episode der Staffel habe ich es schon mal geschafft. Hier also meine Eindrücke soweit.

Gleich zu Beginn der Staffel hat mich schon mal die Mitwirkung von Lena Olin begeistert. Die schwedische Schauspielerin, die ich bisher nur aus Hollywood-Filmen wie „Chocolat“ oder „Mr. Jones“ kannte, spielt hier die KGB-Agentin Irina Derevko, Sidney Bristows Mutter. Unter Vortäuschung einer falschen Identität hatte sie einst die Bekanntschaft von Sidneys Vater Jack (Victor Garber) gemacht, der jahrelang keine Ahnung hatte, dass die Frau, die er unter dem Namen Laura kannte, nicht die war, die sie zu sein vorgab.
Die erste Folge beginnt mit einer hilfreichen Zusammenfassung der Ereignisse der ersten Staffel und insbesondere deren letzter Folge. Während Sidney ihrer Therapeutin bei der CIA die Ereignisse schildert, sehen wir teils Wiederholungen von bereits bekannten Szenen und teils neue Szenen. So werden wir auf den aktuellen Stand der Ereignisse gebracht. Selbst wenn man die erste Staffel gesehen hat, ist das keine schlechte Sache, schließlich erzählt „Alias“ in einem derart hohen Tempo, dass man schon mal einiges durcheinander bringen oder vergessen kann, besonders wenn mehrere Monate zwischen dem Anschauen von zwei Staffeln liegen.

Nach gut einer Viertelstunde ist es dann aber vorbei mit dem „Was bisher geschah“ und die Episode geht direkt zum Briefing für Sidneys nächste Mission über. Sid macht sich auf nach Frankreich und wenn man zu diesem Zeitpunkt schon wieder vergessen haben sollte, was sie dort eigentlich zu tun hat, dann ist das nicht weiter schlimm. Erstens, weil in „Alias“ die Durchführung der Mission das eigentlich Spannende und Unterhalsame ist und zweitens, weil man meistens noch in derselben, spätestens aber zu Beginn der nächsten Episode die Ergebnisse der Mission (und die gewonnenen Erkenntnisse sowie daraus resultierenden Konsequenzen) sowieso noch einmal zusammengefasst bekommt. In dieser Hinsicht ist „Alias“ eine Soap Opera: Die Missionen, auf die Sidney geschickt wird, führen immer zu weiteren Missionen. Jedes gelöste Problem bringt mindestens ein weiteres Problem, eine neue offene Frage mit sich, die nur durch einen weiteren gefährlichen Einsatz von Sidney beantwortet werden kann.
Gleich von der ersten Folge an legt auch die zweite Staffel ein hohes Tempo vor. Nach dem etwa 15minütigen Rückblick folgt wie gesagt Sidneys nächste Mission (die Befreiung Michael Vaughns), dann das Mission Briefing für den nächsten Einsatz und schließlich auch noch die Beerdigung von Arvin Sloans am Ende der ersten Staffel gestorbenen Frau.

Sehr gut gefallen hat mir die Entscheidung der Autoren, zumindest einen von Sidneys engen Freunden bereits nach der ersten Staffel von Sidneys Doppelleben als Agentin und normale Studentin erfahren zu lassen. Eine ähnliche Konstellation wie hier zwischen Sidney und ihrem besten Freund Will (Bradley Cooper) herrscht ja in „Dexter“; die Hauptfigur, also Dexter Morgan (Michael C. Hall), führt ein Doppelleben und muss seine Serienmörder-Identität vor seinen Kollegen und seiner Schwester Debra verbergen. Dass ihm das aber über sechs Staffeln hinweg gelingt, erscheint mit der Zeit immer unglaubwürdiger und seine Enttarnung durch Debra am Ende der sechsten Staffel ist damit überfällig. In „Alias“ hat man die Situation schlauer gelöst: Während Will nun Sidneys Geheimnis kennt, hat Francie (Merrin Dungey) immer noch keine Ahnung vom Agentendasein ihrer besten Freundin. Für die Beziehung zwischen Sidney und Will ergeben sich so neue Entwicklungsmöglichkeiten, während bei Francie das Rätselraten weitergeht, ob und wie sie Sidney jemals auf die Schliche kommen wird.
Unglaubwürdig finde ich allerdings, dass Will überhaupt überlebt hat. SD6 wurde bisher stets äußerst konsequent im Umgang mit Feinden und Mitwissern gezeigt. In der allerersten Folge hat Sloan Sidneys Verlobten umbringen lassen, der über wesentlich weniger Wissen verfügte als Will. Mit der „Zwangstarnung“ Wills als Heroinsüchtigem, der all seine Enthüllungen angeblich unter Drogeneinfluss erfunden hat, wurde dieses Dilemma zwar ganz gut gelöst, wenn man ehrlich ist, hätte Sloan Will aber einfach umbringen lassen müssen. Für die Serie allerdings ist es gut, dass Will weiterlebt (was natürlich auch die Autoren erkannt haben), schließlich ergeben sich dadurch wie erwähnt einige neue Erzählmöglichkeiten.
Als Will in der vierten Folge eine Selbsthifegruppe besucht, hat er mir schon fast leid getan. Der Arme muss den ehemaligen Heroinsüchtigen spielen, obwohl er mit dem Zeug vermutlich nie in Berührung gekommen ist. Als man ihn dort im Kreis all der „echten“ Süchtigen sitzen sieht, bekommt man allerdings den Eindruck, die Gruppe könnte ihm dennoch ganz gut tun. Schließlich hat er nach all den Erfahrungen mit Sidney und Jack und seinen Berührungen mit der Welt der Geheimdienste bestimmt einigen Redebarf (wenn er auch natürlich nicht wirklich offen über all das reden kann). Als er dann auf eine Verschwörungstheoretikerin trifft, die mit ihm in der Selbsthilfegruppe sitzt und davon überzeugt ist, dass die Dinge, die er über SD6 geschrieben hat, der Wahrheit entsprechen und er nur zum Schweigen verdonnert wurde, dachte ich ein paar Minuten, jetzt würde alles wieder von vorne losgehen. Das gleiche Schema wie in der ersten Staffel, aber mit anderer Rollenverteilung: während nun jene Verschwörungstheoretikerin die Rolle einnimmt, die Will früher innehatte, ist er nun derjenige, der (wie früher Sidney) darauf aufpassen muss, dass sie nicht zuviel herausfindet – um ihrer beider Leben willen. Zum Glück war das ganze jedoch nur von SD6 inszeniert und sollte Will testen. Da er weiter darauf beharrt, sich den Inhalt seiner Artikel nur ausgedacht zu haben, hat er den Test bestanden und dieses Handlungselement ist nach nur einer Episode abgehakt. Später bekommt er von Michael Vaughn einen neuen Rechercheauftrag, womit wieder neue Möglichkeiten für Will geschaffen werden, sich die Finger zu verbrennen…

Dann ist da natürlich noch Irina Derevko, die in Hannibal Lecter-Manier von der CIA gefangen gehalten wird. Die von ihr gelieferten Informationen haben zu einigen Erfolgen geführt, so dass Sidney sich nun nicht mehr sicher ist, ob ihre Mutter wirklich ihr Feind ist. Doch Sidneys Vater ist sich ganz sicher, dass Derevko nur ihre eigenen Motive verfolgt und nur deswegen versucht, eine emotionale Beziehung zu ihrer Tochter aufzubauen, um sie besser manipulieren zu können. „She’s someone you’ve idolized for twenty years“, sagt er zu Sidney. Und: „You wanted a mother and here she is“. „I’m not that naive.“, entgegnet ihm Sidney und erklärt: „The difference between you and me is that I am willing to squeeze her for everything she’s got.“ Während Jack also um keinen Preis jemals wieder irgendeine Form der Kooperation mit der Frau eingehen will, die ihn so lange ge- und schließlich maßlos enttäuscht hat, denkt Sidney pragmatischer und möchte das von Derevko zur Verfügung gestellte Wissen nutzen. Doch ist die Situation wirklich so einfach? Kann Sidney ihre Emotionen unter Kontrolle und die Beziehung zu ihrer Mutter trotz all der Manipulationsversuche Derevkos auf einer rein sachlichen Ebene halten? Natürlich nicht…
Als ihm klar wird, dass er Sid nicht davon überzeugen kann, sich von ihrer Mutter fern zu halten, greift Jack zu extremen Mitteln. Er lässt ein Haus auf Madagascar, in dem Sidney auf Derevkos Hinweis hin wichtige Informationen beschaffen soll, mit Sprengstoff ausstatten. Kurz bevor Sidney das Haus betritt, „entdeckt“ Jack den Sprengstoff; das Haus explodiert, aber Sidney kommt gerade noch einmal davon. Da es nun so wirkt, als habe Derevko absichtlich die Existenz des Sprengstoffs verschwiegen (von dem sie gar nichts wusste), hat sie das Vertrauen der CIA verloren. „You were right about her.“, sagt Assistant Director Kendall (Terry O’Quinn) zu Sidney. Diese wiederum entschuldigt sich bei ihrem Vater: „Everything you said was right. I’m sorry that I doubted you.“ Nach diesen Worten liegt Sidney wieder in den Armen ihres Vaters, der damit erreicht hat, was er wollte und sich nun mindestens genauso manipulativ gezeigt hat, wie er es von Derevko behauptet hat. Worum es hier eigentlich zu gehen scheint, ist der Kampf eines geschiedenen Paares um die Zuneigung der gemeinsamen Tochter. Scheidungsfamilien gehören ja zum Standardrepertoire in Spielberg-Filmen und so erscheint es nur passend, dass mit J.J. Abrams auch der Spielberg der nächsten Generation dieses Thema aufgreift (wie zum Beispiel auch in „Super 8“).
Es dauert natürlich nicht lange, bis Sidney erfährt, dass ihr Vater sie getäuscht hat und dass er sie sogar von Kindebeinen an zur Geheimagentin hat ausbilden lassen, was Jack wiederum vor Derevko geheim halten wollte. Nun kommt es wieder zum Bruch zwischen ihm und Sidney; auch das ist ein typisches Element vieler Fernsehserien (ganz besonders, aber nicht nur von Soap Operas): kaum herrscht in einer Beziehung endlich wieder so etwas wie Harmonie, schon tut sich der nächste Abgrund auf und stört die Ruhe. Und Sidney rennt von Jacks Armen direkt in die Arme von Michael Vaughn, dem Mann der nichts so gut beherrscht wie einen sorgenvollen Gesichtsausdruck.

Vaughn (Michael Vartan) wiederum hat, wie sich in der siebten Folge herausstellt, doch noch eine Freundin, die gerade dann auftaucht, als Sid kurz davor ist, ihr Leben für Vaughn zu riskieren. Die ganze Episode dreht sich hauptsächlich um die Beziehung zwsichen Sidney und Vaughn und darum, was die beiden für einander empfinden und bereit zu tun sind. Sidney handelt schließlich gegen ihre Befehle, um Vaughn zu retten und verspricht, SD6-Direktor Arvin Sloan (Ron Rifkin) an Julian Sark auszuliefern. Ganz sicher scheint sie sich ihrer Sache dabei nicht zu sein, obwohl sie Sloan natürlich abgrundtief hasst.
Die Information über das rettende Gegengift hat Derevko jedenfalls nur deswegen zur Verfügung gestellt, weil sie weiß, dass Sidney sehr, sehr viel an Vaughn liegt. Derevko formuliert es am Ende der Folge selbst sehr schön: Letztendlich dreht es sich hier nur um die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau (Sidney & Michael Vaughn). Und wie Vaughn so schön sagt, ist seine Beziehung zu Sidney längst nicht mehr nur die eines „Betreuers“ zu einer Doppelagentin. Aber welcher Art ihre Beziehung denn dann ist und was er nun genau für sie fühlt, das spricht er noch nicht aus. Am Ende fasst er doch den Entschluss, es zu tun und rennt ihr hinterher – doch sie ist verschwunden. Auch die Geschichte von Sidney und Michael geht also in der nächsten Folge weiter.

Arvin Sloan wiederum macht seine Frau Emily zu schaffen, die er eigentlich für tot hielt. Schließlich hat er sie gerade erst begraben, doch nun mehren sich die Zeichen dafür, dass Emily entweder noch am Leben ist oder jemand anderes ein perfides Spiel mit Sloan treibt. Die anderen Mitglieder der „Alliance“ sähen es natürlich gar nicht gerne, wenn Emily noch am Leben wäre, schließlich war sie hinter das Geheimnis ihres Mannes gekommen und hatte von dessen Position als Direktor von SD6 erfahren. Zudem konnte SD6 in letzter Zeit immer weniger Erfolge verbuchen, was sicherlich auch auf Sidney und Jack zurückzuführen sein dürfte, die im Auftrag der CIA bei den meisten Missionen dazwischen funken. „I need a victory“, sagt der niedergeschlagene Sloan zu Jack.
Dann folgt der Paukenschlag: Sidney liefert Sloan tatsächlich an Sark aus. Sloan ist also tot! Oder? Ich hätte es dieser Serie jedenfalls zugetraut, so etwas durchzuziehen. Allerdings war die Geschichte um Sloans Frau gerade so schön vorbereitet worden und würde vollkommen nutzlos im Sand verlaufen, wenn Sloan plötzlich sterben würde. Aber Sloan ist doch noch am Leben, da Sark ihm ein unerwartetes, aber nicht unlogisches Angebot macht. Die beiden arbeiten fortan in einer „strategischen Allianz“ zusammen, als Feinde mit gemeinsamen Zielen. Sidneys Gesichtsausdruck, als sie dem totgeglaubten Sloan im Büro plötzlich gegenübersteht, ist herrlich und vielleicht der bisherige Höhepunkt der Serie!

So weit also zu den ersten sieben Folgen der zweiten „Alias“-Staffel. Ich finde die Serie unterhaltsam. Die Schauspieler sind sehr gut, die verschiedenen Missionen äußerst kreativ umgesetzt und bei dem hohen Tempo der Serie wird es eigentlich nie wirklich langweilig. Vollkommen begeistert bin ich von „Alias“ zwar nicht, werde die Serie aber weiter anschauen. Ein schönes Detail übrigens: Auf Marshalls Labortisch liegt in einer Folge ein Eisbär – da musste ich natürlich sofort an „Lost“ denken, zumal hier keine Erklärung für das Dasein des Eisbären abgegeben wird. Fast schon zum Running Gag entwickelt sich außerdem der Satz „I’ll buy time for you/us with Sloan.“, den Jack so oder ähnlich jedesmal äußert, wenn Sidney sich mal wieder auf eine CIA-Mission begibt und Jack ihre Abwesenheit bei SD6 irgendwie erklären muss. Sidney Bristows Tage müssen ja sowieso 36 Stunden haben, schließlich arbeitet sie als Geheimagentin für zwei Organisationen und studiert nebenbei auch noch (wovon man in der zweiten Staffel bislang allerdings nichts mitbekommen hat).
Ich freue mich jedenfalls auf Sidneys nächste Missionen. Die laufen zwar immer nach dem gleichen Schema ab – unerkannt eindringen, enttarnt werden, kämpfen und/oder flüchten – doch wie ich schon angemerkt habe, sind sie trotzdem sehr unterhaltsam und es geht zudem ja darum, dass das Ergebnis einer jeden Mission wieder der Grund dafür ist, Sidney auf einen weiteren Einsatz zu schicken. Klingt fast so, als wäre „Alias“ ein erzählerisches perpetuum mobile. Da man aber von anderen Serien weiß, dass sich so etwas trotzdem früher oder später tot läuft, bin ich gespannt, was für Tricks Abrams & Co. für die kommenden Folgen und Staffeln noch auf Lager haben.