Bates Motel – Staffel 1 & 2

Achtung! Dieser Text enthält Spoiler für die ersten zwei Staffeln von „Bates Motel“ und für Hitchcocks „Psycho“!

Mit dem neuen Jahr kamen wie immer neue, gute Vorsätze – unter anderem, dieses Jahr auch wirklich über alle Fernsehserien, die ich anschaue, zu bloggen. Los geht es mit dem „Psycho“-Prequel „Bates Motel“, dessen erste beiden Staffeln ich in den letzten Wochen angeschaut habe. Wer Alfred Hitchcocks „Psycho“ kennt, weiß natürlich, auf welches Ziel die Serie hin erzählen will und was mit ihren beiden Hauptfiguren, dem hier 17-jährigen Norman Bates (Freddie Highmore) und seiner Mutter (Vera Farmiga) bis dahin geschehen muss. Aber selbst (oder gerade dann?), wenn man dieses Hintergrundwissen noch nicht hat, unterhält „Bates Motel“ bestens, denn hier handelt es sich um hochklassige TV-Unterhaltung, die zwar das Rad nicht neu erfindet, aber in vielen Bereichen – vor allem beim Schauspiel – Bestleistungen abliefert.

Die Serie beginnt damit, dass der junge Norman die Leiche seines anscheinend bei einem Unfall ums Leben gekommenen Vaters findet. Während Norman vollkommen aufgelöst ist und weinend neben dem leblosen Körper sitzt, wirkt seine Mutter Norma relativ gefasst. Sechs Monate später ist sie entschlossen, einen Neuanfang zu wagen und zieht mit Norman in eine Kleinstadt in Oregon. Das Geld, das sie nach dem Tod ihres Mannes von der Versicherung erhalten hat, hat sie in den Kauf eines alten Hauses und eines dazugehörigen Motels investiert. Norman ist von dem Umzug alles andere als begeistert, möchte seine Mutter andererseits aber gerne wieder glücklich sehen und verspricht, ihr bei der Leitung des Motels zu helfen. „This is our chance to start over.“, sagt Norma zu ihrem Sohn, als sie an ihrem neuen Wohnort angekommen sind. Doch der scheint Zweifel zu haben: „Maybe some people don’t get to start over. They just move to a new place.“, entgegnet er.
Gerade diese Ankunftsszene am aus dem Kinofilm bekannten Handlungsort wirkt, als spiele sie wie Hitchcocks Film in den späten 50er Jahren. Kleidung, Frisuren, das Auto und die Farben, in denen das Bild gehalten ist, deuten ganz auf diese Epoche hin; doch kurz darauf, nach der Titeleinblendung in der ersten Folge, sehen wir die Figuren mit Smartphones hantieren und es wird klar: die Serie erzählt zwar die Vorgeschichte der bekannten Charaktere, spielt aber in unserer Gegenwart (die erste Staffel erschien 2013). Der zweite (unwichtige) Unterschied zum Film ist der Handlungsort: Während Hitchcocks Geschichte im kalifornischen Fairvale angesiedelt ist, spielt „Bates Motel“ im (ebenfalls fiktiven) White Pine Bay, Oregon.

Vera Farmiga (vor ein paar Jahren oscarnominiert für „Up In The Air“) sieht ein bisschen aus wie Felicity Huffman (Lynette aus „Desperate Housewives“), was einer der Gründe ist, warum ich beim Anschauen von „Bates Motel“ gelegentlich an „Desperate Housewives“ denken musste. Ihre Serienfigur hört auf den Namen Norma Bates, worin sich bereits ihre äußerst enge (und nicht immer gesunde) Beziehung zu ihrem Sohn Norman andeutet. Norma kann höchst liebenswürdig und charmant sein, jedoch auch skrupellos und manipulativ. Man erwartet bei dieser Serie ja eigentlich, den Sohn als kaputte, verrückte Persönlichkeit zu sehen, doch im Laufe der ersten Episdoen stellt sich heraus, dass es eigentlich seine Mutter ist, die hier verrückt ist. Klar, irgendwo müssen Normans Probleme ja her kommen (und er muss außerdem erst an den Punkt hin kommen, an dem er im Film ist und darf demzufolge nicht schon zu Beginn der Serie ein verrückter Serienmörder sein).
Schauspielerisch liefert Vera Farmiga eine Leistung der Spitzenklasse ab und darf als Norma das gesamte Ausdrucks- und Gefühlsspektrum abarbeiten. Besonders viel Spaß hat man als Zuschauer dabei immer dann, wenn Norma mal wieder einen ihre Nervenzusammenbrüche hat, weil ihr alles über den Kopf wächst. Das geschieht zum Beispiel, als sie in der ersten Staffel feststellen muss, dass ihr neuer Wohnort keineswegs so idyllisch ist, wie sie sich das vorgestellt hat, sondern der Wohlstand des Ortes zum großen Teil auf illegalen Drogengeschäften beruht und sich auch noch ein Großteil ihrer Motelgäste als Arbeiter auf den örtlichen Hanfplantagen entpuppen. Die schlimmen Ereignisse, die ihr gleich in der ersten Folge widerfahren, steckt sie dagegen erstaunlich gut weg: Keith Summers, der ehemalige Besitzer des Motels, vergewaltigt sie in ihrer eigenen Küche. Verzweifelt schreit Norma nach ihrem Sohn, der allerdings ohne ihr Wissen mit ein paar Mächen auf eine Party gegangen ist und gerade noch rechtzeitig zurück kommt, um seiner Mutter zu Hilfe eilen zu können. Die macht dann mit ihrem Vergewaltiger kurzen Prozess und tötet ihn mit zahlreichen Messerstichen – eine Szene, die den späteren „Psycho“-Mord vorweg nimmt und natürlich Konsequenzen nach sich zieht. Norma und Norman setzen nun alles daran, ihre Beteilgung an Keith Summers‘ Verschwinden vor der Polizei, insbesondere dem örtlichen Sheriff Alex Romero (Nestor Carbonell, „Lost“), geheim zu halten.
Der Neuanfang steht also unter keinem guten Stern und spätestens, als im weiteren Verlauf der ersten Staffel ein zweiter Mord auf Normas Grundstück verübt wird, wollen die meisten der Stadtbewohner nichts mehr mit ihr zu tun haben. Umso mehr ist sie schließlich überrascht, als sie in der zweiten Staffel nicht nur eine neue Freundin namens Christine gewinnt, sondern auch noch deren Bruder George (Michael Vartan, „Alias“) ein Auge auf Norma geworfen hat. Die Dates mit George verlaufen aber wenig glücklich, vor allem, weil Norma einfach nicht dazu in der Lage zu sein scheint, sich anderen Menschen zu öffnen und ihnen zu vertrauen (von Norman einmal abgesehen). Auch Christine muss am Ende der zweiten Staffel feststellen, dass Norma ihren schlechten Ruf zu Recht hat und einfach nur ein „Wrack“ ist.

Ihr Sohn Norman Bates wirkt dagegen wie erwähnt anfangs relativ normal. Er ist ein etwas schüchterner 17-jähriger, der noch wenig Erfahrungen mit Mädchen hat, aber durchaus anziehend auf das andere Geschlecht wirkt. In den ersten Episoden macht er diesbezüglich zwei wichtige Bekanntschaften: Emma (Olivia Cooke) ist ganz klar in Norman verliebt, doch der sieht in ihr nur eine gute Freundin. Bradley Martin wiederum (gespielt von Nicola Peltz, die man letztes Jahr in „Transformers“ im Kino sehen konnte) ist eines der schönsten und begehrtesten Mädchen der Schule. Nachdem Norman mit ihr geschlafen hat, kann er sein Glück kaum fassen und fantasiert sich anschließend in eine Beziehung mit ihr hinein, die so gar nicht existiert. Als er Bradley endlich darauf anspricht, macht sie ihm klar, dass sie für ihn keine tieferen Gefühle empfindet und es bereut, mit ihm geschlafen zu haben.
Das hört sich nach einer ziemlich normalen Jugend an und Norman wird, besonders in den ersten Folgen, durchaus als ein „normaler“ Junge dargestellt, für den es noch Hoffnung zu geben scheint, eben nicht der Norman Bates zu werden, den wir aus „Psycho“ kennen. Natürlich gibt es aber auch regelmäßig ganz klare Hinweise, die genau in diese Richtung weisen: So hat Norman immer wieder Blackouts, nach denen er sich an seine Handlungen der letzten paar Stunden nicht erinnern kann; außerdem hat er „Visionen“ von seiner Mutter, die zu ihm spricht, obwohl sie nicht anwesend ist und ihm Anweisungen gibt. Wer „Psycho“ gesehen hat, weiß wo das hinführen wird. Das gilt übrigens auch für das Hobby, das sich Norman in der ersten Staffel aneignet: Er lernt nämlich, tote Tiere zu präparieren und auszustopfen – zum Missfallen seiner Mutter, die der Meinung ist, er solle mehr Zeit mit lebenden Wesen verbringen, statt sich im Keller mit leblosen Tieren zu beschäftigen.
Freddie Highmore kannte man vorher nur als Kinderdarsteller aus Filmen wie „Finding Neverland“ („Wenn Träume fliegen lernen“) oder „Charlie und die Schokoladenfabrik“. In „Bates Motel“ bringt er sowohl die unsichere, schüchterne Seite seiner Figur überzeugend zum Ausdruck, wie auch die verwirrte, oft wütende andere Seite. In der zweiten Staffel lernt Norman erneut ein Mädchen kennen, von dem er vollkommen fasziniert ist: Cody Brennan (Paloma Kwiatkowski) schert sich einen Dreck um die Vorstellungen und Erwartungen anderer Menschen und macht einfach, was sie will. Ihre Spontanität, ihr Mut und ihre Unbekümmertheit beeindrucken Norman, der sich schnell in sie verliebt. Auch mit ihr hat er Sex, aber genau wie Bradley scheint auch Cody nur ein Mädchen für eine Staffel zu sein, denn nach dem Tod ihres Vaters muss sie zu ihrer Tante ziehen. Zu Norman sagt sie, dass sie ihm bestimmt nicht schreiben wird…wenn das nun noch ein paar Staffeln so weiter geht, kann ich mir schon vorstellen, dass der Junge kein gesundes Verhältnis zu Frauen entwickelt.

Daran ist aber wohl in erster Linie seine Mutter schuld, denn das hier dargestellte Mutter-Sohn-Verhältnis ist schon sehr speziell. „People suck. Everyone I’ve ever known has sucked. Except you.“, fasst Norma zu Beginn der Serie ihre Lebensphilosophie zusammen. Norman wiederum bestätigt dies, indem er ihr mitteilt, er wolle in keiner Welt ohne sie leben. Seine Mutter wiederum scheint keinerlei Verständnis dafür oder auch nur eine Vorstellung davon zu haben, was in einem 17-Jährigen vorgeht, in welchem Stadium seiner persönlichen Entwicklung sich ihr Sohn befindet und wie eine gesunde Mutter-Sohn-Beziehung auszusehen hat. So zieht sie sich beispielsweise in einer Szene in seiner Anwesenheit um. Als er verschämt wegschaut, sagt sie, das brauche er nicht zu tun, schließlich sei sie seine Mutter und es doch völlig normal, dass sie sich vor ihm umzieht. Immer wieder kommt es auch zu Eifersucht zwischen den beiden. Als Norma in der ersten Staffel eine Affäre mit einem Polizisten beginnt, kann Norman dies von Beginn an nicht leiden. Norma dagegen ist die Vorstellung unheimlich, dass Norman mit Bradley schläft und Cody findet sie schon von der ersten Begegnung an unsympathisch.
Selbstverständlich darf auch eine Szene, in der Mutter und Sohn gemeinsam beim Psychotherapeuten sitzen, nicht fehlen. Als dieser Norman Fragen stellt, ist es natürlich Norma, die immer wieder dazwischen fährt und für ihren Sohn antwortet. Anschließend spricht der Therapeut kurz mit Norma alleine. Er merkt an, dass man seine Kinder irgendwann loslassen muss und schlägt vor, sowohl Norman als auch Norma in Einzelsitzungen zu sprechen. Dies macht Norma so wütend, dass sie ihn anschreit und aus dem Zimmer stürmt.
Die Beziehung zwischen Norma und ihrem Sohn durchlebt im Verlauf der beiden Staffeln mehrere Höhen und Tiefen. Als Norma, verstört und verärgert durch die Ereignisse der letzten Zeit, ihren Problemen mal wieder davon laufen und einfach erneut umziehen will, schreit Norman ihr ins Gesicht, sie sei verrückt und tue Dinge, die absolut keinen Sinn ergäben. Kurze Zeit später kriecht dann Norma zu ihrem Sohn ins Bett, weil sie Angst hat, alleine zu schlafen (und der 17-jährige Norman lässt dies einfach geschehen).

Mit zunehmendem Verlauf der Serie wird klar, dass Norma ihren Sohn nur beschützen will – und zwar vor sich selbst. Denn in den Phasen, in denen er seine Blackouts hat, begeht Norman immer wieder Morde, an die er sich später nicht mehr erinnern kann. So auch am Ende der ersten Staffel, als ihn seine Lehrerin Mrs Watson nach einem demütigenden Erlebnis auf dem Schulball mit zu sich nach Hause nimmt und ihn dort verführt. Norman bedankt sich bei ihr, indem er sie ermordet – scheinbar auf Anweisung seiner Mutter, die ihm erscheint und ihm sagt, er wisse, was er zu tun habe. Danach hat er keinerlei Erinnerung an seine Tat. Als er und Cody in der zweiten Staffel wegen einers anderen Falles von der Polizei befragt werden, fleht Norma Cody an, ja nichts von Normans Blackouts zu erzählen. Nachdem Norman davon erfahren hat, fragt er bei seiner Mutter so lange nach, bis er schließlich dahinter kommt, was mit ihm los ist. Ihm wird klar, dass er seine Lehrerin umgebracht hat und dass dies wahrscheinlich nicht der einzige Mord ist, den er begangen hat. Norma versucht zu diesem Zeitpunkt immer noch, ihn davon zu überzeugen, dass er sich das alles nur einbildet (und recherechiert mal wieder, wo sie als nächstes hin ziehen könnten, um ihren Problemen aus dem Weg zu gehen). Doch Norman glaubt ihr nicht, schnappt sich eine Pistole und rennt in den Wald, um sich umzubringen. Norma, die ihm folgt, kann ihn davon abbringen und ihn überzeugen, dass sie ihn braucht und ohne ihn nicht leben kann. Als Norman schließlich einem Lügendetektortest unterzogen und gefragt wird, ob er seine Lehrerin umgebracht habe, kann er die Polizei erfolgreich täuschen. Während er die Frage mit „nein“ beantwortet, taucht vor ihm wieder die Vision seiner Mutter auf. „Du hast sie doch gar nicht getötet.“, sagt sie zu ihm. „Ich habe sie getötet. Das bleibt unser Geheimnis.“
Erstaunlich schlüssig und plausibel beantwortet die Serie auf diese Weise die Frage, wie Norman Bates zu der Person wurde, die wir aus „Psycho“ kennen. Eigentlich bleibt nun nicht mehr viel übrig, einzig das endgültige Schicksal von Normans Mutter steht noch aus. Mindestens eine weitere Staffel von „Bates Motel“ wird es noch geben und das sollte eigentlich ausreichen, um den Bogen zu „Psycho“ zu schlagen. Ich befürchte allerdings, dass – zumindest bei entsprechendem Erfolg – noch weitere Staffeln folgen und die Autoren die Handlung unnötig strecken werden.

Wo ich gerade beim Thema bin – ich habe noch gar nicht erwähnt, dass Norman in der Serie einen Bruder namens Dylan (Max Thieriot) hat, der ab der zweiten Folge zu den Hauptfiguren gehört. Seine Szenen fand ich meistens weniger interessant als die Handlung um Norma und Norman; da hat sich eben einiges angefühlt, wie unnötiges Füllmaterial. Dylan ist als Gegensatz zu Norman konzipiert; er ist ein paar Jahre älter und sieht das Verhältnis zwischen Norman und seiner Mutter äußerst kritisch. Immer wieder versucht er Norman dazu zu bewegen, sich von der Mutter abzunabeln, doch mit wenig Erfolg. Seine eigene Beziehung zu Norma (die er auch stets so nennt, niemals „Mutter“) ist deutlich distanzierter als die zwischen Norman und Norma. Er fühlt sich von seiner Mutter weniger geliebt und sieht die Vertrautheit, mit der sein Bruder und seine Mutter miteinander umgehen vielleicht auch deshalb nicht gerne, weil er selbst gerne ein wenig mehr davon hätte. Warum Norma zu Dylan keine solche enge Beziehung entwickeln kann, erfahren wir in der zweiten Staffel: Dylans Vater ist Normas Bruder Caleb, der Norma in ihrer Jugend regelmäßig vergewaltigt hat.
Dylan wird im Lauf der ersten beiden Staffeln eng in die Kriminalität in White Pine Bay verstrickt. Er jobbt zunächst als Wachmann auf einer der Hanffarmen, steigt dann aber schnell in der Hierarchie auf und gerät in einen Machtkampf zwischen den örtlichen Drogenbanden, den er überlebt. Dass ich diesen Handlungsstrang nie besonders interessant fand, lag zumindest zum Teil auch daran, dass hier alles zu künstlich, zu sehr nach Schauspiel und Requisite aussah. Die Frisuren, Gesichter, Jeans- und Lederjacken – all das sieht aus, als käme es frisch aus der Maske bzw. Kostümabteilung (was ja auch der Fall ist). Kein einziges Mal wirken Dylan und die anderen „harten Typen“ tatsächlich wie echte Kriminelle, sie sehen immer noch viel zu glatt und gut aus. Zugegeben, ähnliche Kritik kann man an den meisten anderen TV-Serien und Filmen auch üben, aber hier ist es mir eben besonders aufgefallen.

Es ist zwar nicht besonders überaschend, dass Geheimnisse in der Serie eine große Rolle spielen, ich finde es aber doch interessant und erwähnenswert. Vielleicht liegt das daran, dass mir dieses erzählerische Mittel in Fernsehserien viel mehr bewusst wird, seit ich in meiner Diplomarbeit über „Desperate Housewives“ das „Geheimnis“ als eine Analysekategorie gewählt habe. In „Bates Motel“ gibt es jedenfalls von der ersten Episode an zahlreiche Geheimnisse, die im Laufe der Serie für Spannung sorgen. Es geht schon damit los, dass Norma und Norman in der ersten Folge die Leiche von Keith Summers vor Sheriff Romero verstecken müssen, was für eine Szene sorgt, bei der man wirklich vor Spannung die Finger ins Sofakissen krallt. Und das ist nur der Anfang: Das im Keller eines Polizisten als Sexsklavin gefangen gehaltene Mädchen, Normas Affäre mit eben jenem Polizisten, Normans geheime Sehnsüchte, Dylans Job auf der Hanffarm, der mysteriöse Fremde namens Abernathy, die Ereignisse, die zum Tod von Normans Vater geführt haben – das alles (und noch viele mehr) sind Geheimnisse, die im Verlauf der ersten Staffel eingeführt werden und für Konfliktstoff sorgen.
Von besonderer Bedeutung sind natürlich die Geheimnisse um Norman. Seine Blackouts und seine teils ungewöhnlichen Sehnsüchte sollen dem Willen seiner Mutter nach unbedingt geheim gehalten werden. Ihr Handeln wird immer wieder von der Angst bestimmt, diese (und andere) Geheimnisse könnten auffliegen; das erklärt zum Beispiel, warum sie strikt dagegen ist, dass Norman mit einem Psychologen spricht. Im Zusammenhang mit Normans Blackouts ist zudem interessant, dass es sich dabei um ein Geheimnis handelt, das Norman quasi vor sich selbst hat. Als er allmählich dahinter kommt, dass er gelegentlich Dinge tut, über die er keine Kontrolle hat und an die er sich nicht erinnern kann, ist er verständlicherweise sehr verstört.
Bei vielen der Probleme in „Bates Motel“ handelt es um Dinge, die schnell aus der Welt geschafft oder zumindest weit weniger dramatisch und spannend wären, wenn die Beteiligten nur offen darüber reden würden. Genau deswegen müssen die Figuren auch immer vom Thema ablenken, nicht darüber reden wollen oder sich ganz einfach verschlossen und mysteriös geben, um die Geheimnisse fortbestehen zu lassen. Als Norman in der zweiten Staffel Emma davon erzählt, dass Dylan ausgezogen ist, schiebt er gleich hinterher, dass sich diese Angelegenheit nicht klären lässt und Emma deswegen gar nicht weiter mit ihm darüber zu sprechen braucht. Und als er am Ende der Staffel hinter das Geheimnis seiner Blackouts gekommen ist, bleibt seiner Mutter zwar irgendwann keine andere Wahl mehr als seine Vermutungen zu bestätigen, doch ein Rest-Geheimnis wird trotzdem aufrecht erhalten, als sie sagt, sie wisse zwar über seine Blackouts bescheid, werde aber nicht weiter mit ihm darüber sprechen, um ihn zu beschützen. „Wir kennen andere Leute nie wirklich. Was wir sehen ist immer nur die Spitze des Eisbergs.“, sagt sie einige Folgen zuvor zu Norman (und dieser Satz könnte genau so auch als Teil des von Mary-Alice gesprochenen Voicovers in einer Episode von „Desperate Housewives“ zu hören sein).

Wie ich eingangs schon geschrieben habe, handelt es sich bei „Bates Motel“ um hervorragende TV-Unterhaltung. Die Handlung läuft zwar nach etablierten Mustern und ohne große Überraschungen ab, die Umsetzung der Drehbücher ist aber so gut, dass ich mich – abgesehen von einigen Szenen mit Dylan – nicht gelangweilt habe. Vor allem Vera Farmigas und Freddie Highmores Schauspiel machen die Serie sehenswert.
Da „Bates Motel“ ja die Vorgeschichte zu „Psycho“ darstellt und langsam aber sicher auf die Ereignisse im Film bzw. die dort geschilderte Situation von Norman Bates hin erzählt, war ich anfangs skeptisch, ob es der Serie gelingen würde, etwas Neues und Eigenständiges zu schaffen. Diese Frage kann ich nun eindeutig mit ja beantworten; „Bates Motel“ macht auch dann Spaß, wenn man „Psycho“ nicht gesehen hat. Und für alle, die den Film schon kennen, wird die Figur Norman Bates durch die Serie erweitert, so dass man in Zukunft beim Anschauen des Films das Serienwissen quasi mit denkt. Auch das Spiel mit den Erwartungen hinsichtlich Normans Schicksal gelingt der Serie gut; er wird hier durchaus noch als eine Person dargestellt, für die es noch Hoffnung gibt, als ganz normaler Teenager mit ein paar Problemen eben.
Das Prequel-Konzept hat seine Vor- und Nachteile. Zwar können die Autoren immer wieder Anspielungen auf „Psycho“ unterbringen und eben mit den Erwartungen der Zuschauer spielen, doch gleichzeitig sind sie dadurch eingegengt, da das Endergebnis der Handlung schon feststeht. Wäre die Serie keine „Psycho“-Vorgeschichte, dann wäre sie vielleicht wirklich noch spannender, da man keine Ahnung hätte, in welche Richtung sich alles entwickelt. So aber stellt sie eine Herausforderung für die Drehbuchautoren dar, die die Figuren sowohl an den bereits bekannten Endpunkt manövrieren müssen, als auch die Zuschauer immer wieder überraschen. Bislang gelingt dieser Spagat ziemlich gut. Die dritte Staffel wird ganz bestimmt ebenfalls den Weg auf meinen Fernseher finden.

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