Meine Oscar-Tipps 2016

Update vom 29.02. ganz unten!

Heute Nacht werden in Hollywood zum 88. Mal die Academy Awards verliehen, besser bekannt als Oscars. Bei mir ist es schon seit vielen Jahren zur Tradition geworden, dass ich mir die Nacht um die Ohren schlage, um die Preisverleihung live im Fernsehen anschauen zu können. Ebenso ist es mittlerweile eine Tradition, dass ich hier im Blog vorher meine persönlichen Tipps abgebe. Wer wird die begehrten Trophäen mit nach Hause nehmen dürfen? Gestützt auf eine umfassende Recherche wage ich hier meine Prognose. (Hier könnt ihr euch die Nominierungen anschauen.)

Bester Film
Acht Filme sind hier nominiert und keiner von ihnen ist ein glasklarer Favorit auf den Hauptpreis. Ein paar Tendenzen lassen sich aber natürlich dennoch erkennen. „Bridge of Spies“, „Brooklyn“ und „Room“ dürften ziemlich chancenlos sein. Ridley Scotts „The Martian“ war zwar bei Publikum und Kritikern ein Hit und dürfte auch in der Academy viele Fans haben, zum Oscar für den besten Film wird es aber vermutlich nicht reichen. Ähnlich verhält es sich bei „Mad Max: Fury Road“. Ich würde den Preis zwar am liebsten bei „Mad Max“ sehen, kann mir aber nicht vorstellen, dass die Academy hier einen Actionfilm auszeichnet.
„Spotlight“ wurde eine Weile als Favorit gehandelt, ebenso „The Big Short“. In den letzten Wochen sehen die meisten Experten jedoch „The Revenant“ vorne. Eigentlich wollte ich nicht auf „The Revenant“ tippen, weil „The Big Short“ sowohl bei den SAG-Awards als auch den Producers Guild Awards den Hauptpreis bekommen hat. Ich hatte hier ziemlich lange „The Big Short“ als Gewinner stehen, denn „The Revenant“ könnte ein Film sein, der die Academy aufgrund seiner Brutalität spaltet und so letztendlich nicht genug Stimmen sammeln kann, um auf Platz eins zu landen. Aber ich kam mir irgendwie blöd dabei vor, auf „The Big Short“ zu tippen. Also: „The Revenant“ (Arnon Milchan, Steve Golin, Alejandro G. Iñárritu, Mary Parent und Keith Redmon). (Wahrscheinlich gewinnt „Spotlight“ 😉 )
Gut möglich, dass ich diesen Blogpost vor der Oscar-Verleihung noch mal überarbeite und mich erneut umentscheide. Ich sollte einfach würfeln…

Bester Hauptdarsteller
Hier scheint das Rennen ziemlich klar zu sein: Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Leonardo DiCaprio bei seiner sechsten Nominierung endlich ausgezeichnet werden wird. Auch Michael Fassbender hätte meiner Meinung nach endlich einen Oscar verdient (und seine Leistung in „Steve Jobs“ war auch preiswürdig), aber Leo ist hier der Favorit.

Beste Hauptdarstellerin
Auch hier sieht alles nach einem klaren Sieg aus. Genau wie DiCaprio wurde nämlich auch Brie Larson in dieser Preissaison bei den SAG-Awards, den Critics‘ Choice Awards und den BAFTAs ausgezeichnet. Für ihre Leistung in „Room“ hat sie Oscar auch vollkommen verdient. Cate Blanchett hat zudem schon zwei Oscars, Jennifer Lawrence hat auch schon einen und Charlotte Rampling hat sich leider mit ihrer missverständlichen Aussage zur #OscarsSoWhite-Debatte selbst aus dem Rennen geworfen.

Bester Nebendarsteller
Hier wird es wesentlich schwieriger als in den Hauptdarsteller-Kategorien. Mark Rylance wurde bei den BAFTAs ausgezeichnet, Sylvester Stallone bei den Critics‘ Choice Awards. Bei den SAG-Awards wiederum gewann der hier gar nicht nominierte Idris Elba für „Beasts of No Nation“. Wenn es nach mir ginge, würde der Oscar an Mark Ruffalo gehen, weil der in „Spotlight“ fantastisch war und eine Auszeichnung für ihn längst überfällig ist. Aber auch Mark Rylance hat mir in „Bridge of Spies“ sehr gut gefallen. Ich tippe dennoch auf Sylvester Stallone in „Creed“, bin mir aber hier alles andere als sicher.

Beste Nebendarstellerin
Nun wird es wieder einfacher. Alicia Vikander hat für ihre Rolle in „The Danish Girl“ sowohl bei den SAG-Awards also auch bei den Critics‘ Choice Awards gewonnen. Bei den BAFTAs wurde sie wohl nur deshalb nicht ausgezeichnet, weil sie dort nicht als Neben-, sondern als Hauptdarstellering nominiert war (und in diese Kategorie gehört ihre Rolle eigentlich auch). Ich bin zwar ein großer Fan von Rooney Mara („Carol“) und würde den Preis auch gerne bei Rachel McAdams („Spotlight“) sehen, aber ich tippe auf Alicia Vikander.

Beste Regie
Die größte Überraschung der diesjährigen Nominierungen war die Nichtbeachtung von Ridley Scott. Für „The Martian“ hatten ihm viele Kritiker sogar zugetraut, endlich den lange verdienten Oscar für die beste Regie zu bekommen, doch Scott wurde nicht einmal nominiert. Stattdessen findet sich Lenny Abrahamson („Room“) unter den fünf nominierten Regisseuren. Meiner Meinung nach hätte George Miller den Oscar für „Mad Max“ absolut verdient; die US-Filmkritiker sahen das genauso, denn
Miller wurde bei den Critics‘ Choice Awards ausgezeichnet. Bei den BAFTAs und bei der Preisverleihung des US-Regisseursgilde machte jedoch Alejandro G. Iñárritu das Rennen. Also tippe ich mal auf Iñárritu. Gegen ihn spricht höchstens, dass er bereits letztes Jahr gewonnen hat, was einige Mitglieder der Academy dazu bewegen könnte, eben nicht für ihn zu stimmen. Hm, schwierig, aber ich muss mich nun mal entscheiden.

Bester Animationsfilm
Nachdem Pixar mit „Inside Out“ („Alles steht Kopf“) zu alter Form aufgelaufen ist („Arlo & Spot“ wurde zurecht nicht nominiert), wird das Studio seiner beachtlichen Sammlung wohl einen weiteren Oscar hinzufügen können. Mir wäre es zwar lieber, wenn „Der Junge und die Welt“ den Preis erhielte, denn das würde diesen wirklich wunderbaren Animationsfilm mit einem Schlag mehr Bekanntheit verleihen, aber so wird es wohl leider nicht kommen. Also: „Inside Out“ (Pete Docter und Jonas Rivera)

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bester fremdsprachiger Film: „Son of Saul“ (László Nemes)
Bestes adaptiertes Drehbuch: Charles Randolph und Adam McKay für „The Big Short“
Bestes Originaldrehbuch: „Spotlight“ (Tom McCarthy und Josh Singer).
Beste Ausstattung (Production Design): „Mad Max: Fury Road“ (Colin Gibson und Lisa Thompson)
Beste Kamera (Cinematography): Emmanuel Lubezki für „The Revenant“ – Es wäre für Lubezki nach „Gravity“ und „Birdman“ die dritte Auszeichnung in Folge!
Bester Ton (Sound Mixing): „Mad Max: Fury Road“ (Chris Jenkins, Gregg Rudloff und Ben Osmo)

Bester Tonschnitt (Sound Editing): „The Revenant“ (Martin Hernández und Lon Bender) – Es ist vielleicht nicht klug, die beiden Tonkategorien auf zwei Filme zu verteilen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass „The Revenant“ in mindestens einer dieser Kategorien gewinnen wird. Pech für mich wäre es nur, wenn die Verteilung genau anders herum ausfällt und ich damit in keiner der beiden Kategorien richtig liege.
Beste Musik: So sehr ich es John Williams auch wünschen würde, bei seiner 50. (!) Nominierung ausgezeichnet zu werden – und das auch noch für einen „Star Wars“-Film – es wird wohl auf einen anderen Altmeister hinauslaufen: Ennio Morricone für „The Hateful Eight“.
Bestes Lied: Ich würde den Oscar Sam Smith und Jimmy Napes für „Writing’s On The Wall“ geben, der inzwischen mein Lieblings-Bond-Song ist. Aber Lady Gaga rührt für ihren Song zur Dokumentation „The Hunting Ground“ seit Wochen die Werbetrommel und außerdem würde ich mich auch freuen, wenn Diane Warren endlich einen Oscar bekommt. Ich tippe also auf den Song „Til It Happens to You“ aus „The Hunting Ground“ (Lady Gaga und Diane Warren). („The Hunting Ground“ ist übrigens sehr sehenswert und bei Netflix verfügbar.)
Beste Kostüme: „Mad Max: Fury Road“ (Jenny Beavan)
Beste Dokumentation: Asif Kapadia und James Gay-Rees für „Amy“
Beste Kurzdokumentation: „Body Team 12“
(David Darg und Bryn Mooser) – Hier habe ich natürlich keine Ahnung; viele Experten setzen auch auf „Claude Lanzmann: Spectres of the Shoah“.

Bester Schnitt: „Mad Max: Fury Road“ (Margaret Sixel)
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „Mad Max: Fury Road“ (Lesley Vanderwalt, Elka Wardega und Damian Martin)
Bester animierter Kurzfilm: Viele Experten setzen hier auf „Bear Story“. Aber da „Sanjay’s Super Team“ ein Pixar-Film ist, tippe ich auf ihn (Nicole Paradis Grindle und Sanjay Patel). Auf den setzen auch noch mehr Experten. 😉
Bester Kurzfilm: Auch hier gilt: Ich habe keine Ahnung. Nehmen wir also „Ave Maria“ (Eric Dupont und Basil Khalil).
Beste visuelle Effekte: Ich kann nicht anders, ich muss einfach in wenigstens einer Kategorie auf „Star Wars“ tippen. Und da das hier die Kategorie zu sein scheint, in der „Das Erwachen der Macht“ die besten Chancen hat, tippe ich also auf „Star Wars: The Force Awakens“ (Chris Corbould, Roger Guyett, Paul Kavanagh und Neal Scanlan), auch wenn die Chancen für „Mad Max“ vielleicht sogar noch besser sind.


Meiner Prognose zufolge würden also sowohl „The Revenant“ als auch „Mad Max“ jeweils fünf Oscars bekommen.


 

Update am 29.02.2016:

So, nachdem ich mir die Nacht um die Ohren geschlagen und anschließend den ganzen Vormittag geschlafen habe, bin ich nun wieder ausgeruht. Insgesamt habe ich dieses Jahr in 16 von 24 Kategorien richtig getippt und damit die gleiche Trefferquote erzielt wie 2015 (hier könnt ihr die Gewinner nachlesen). Hätte ich mich mal nicht dazu verleiten lassen, auf „The Revenant“ und auf Sylvester Stallone zu setzen! „Star Wars“ hat leider gar keinen Oscar bekommen; aber wenn ich bei den Effekten nicht auf „Star Wars“ getippt hätte, wäre ich trotzdem falsch gelegen (ich hätte dann nämlich auf „Mad Max“ gesetzt, gewonnen hat aber „Ex Machina“).
„Mad Max: Fury Road“ hat mit sechs Oscars die meisten Preise abgeräumt, „The Revenant“ folgt mit drei (DiCaprio/Hauptrolle, Iñárritu/Regie, Lubezki/Kamera). Bester Film ist „Spotlight“, der daneben nur noch den Preis für das beste Originaldrehbuch gewinnen konnte. Neben „Star Wars“ gingen auch „Der Marsianer“, „Carol“ und „Brooklyn“ leer aus.


Die Oscar-Show war ganz nett und Chris Rocks Moderation sicher besser als die öde Show, die Neil Patrick Harris im letzten Jahr abgeliefert hat. Dass die #OscarsSoWhite-Debatte eine Rolle spielen würde, war zu erwarten gewesen. Dass sie aber fast die ganze Show durchzogen hat, dürfte manche Zuschauer etwas genervt haben. Trotzdem finde ich es richtig. Und es war ja nicht die einzige politische Botschaft, die eine große Rolle spielte. In den Reden mehrerer Presenter und Gewinner fanden sich Seitenhiebe gegen Donald Trump, ein paar Mal wurde  offen davor gewarnt, ihn zu wählen (allerdings ohne dass sein Name auch nur einmal genannt wurde). Leonardo DiCaprio richtete den eindringlichen Appel an die Zuschauer, sich durch ihr Handeln aktiv für Umwelt- und Klimaschutz einzusetzen.
Doch in ihrer emotionalen Wirkung verblassten all diese Appelle und Warnungen geradezu gegenüber dem Auftritt von Lady Gaga, die „Til It Happens to You“ sang und dabei anfangs sichtbar gegen die Tränen kämpfte. Schnell verwandelte sie diese Schwäche aber in eine unglaubliche Stärke und als dann zum Ende des Liedes hin eine Gruppe von weiteren Opfern sexuellen Missbrauchs auf die Bühne kam, auf deren Unterarme positive Ausdrücke wie „survivor“ oder „not your fault“ geschrieben standen, trieb das auch einigen der anwesenden Filmstars die Tränen in die Augen. Von der emotionalen Wucht und politischen Bedeutung her erinnerte das an die Performance des Songs aus „Selma“ im letzten Jahr, allerdings mit dem Unterschied, dass „Til It Happens to You“ anschließend nicht als bester Song ausgezeichnet wurde. Dieser Preis ging an den Bond-Song „Writing’s on the Wall“, aber auch ohne Auszeichnung hat Lady Gaga in dieser Show einen starken und bleibenden Eindruck hinterlassen.

 

Mehr als sieben Songs, Teil 6: Sam Smith – Writing’s on the Wall

Der heutige Beitrag zu meiner Reihe „Mehr als sieben Songs“ ist alles andere als ein Geheimtipp. Sam Smiths Bond-Song „Writing’s on the Wall“ wurde letzten Freitag veröffentlicht und natürlich haben sich sowohl die Fans als auch die Presse sofort gierig auf das Lied gestürzt – und es gnadenlos verrissen. Ich habe noch nicht einen einzigen durchweg positiven Kommentar über das Lied gelesen. Das verwundert mich umso mehr, weil ich „Writing’s on the Wall“ wirklich fantastisch finde. Ich würde sogar jetzt schon so weit gehen und behaupten, dass das Lied mein Lieblings-Bond-Song ist. Ja, ich mag es wirklich noch lieber als „Live and Let Die“, „Goldfinger“ und „The World Is Not Enough“, meine anderen Favoriten. Ein besonders großer Fan von Adeles „Skyfall“ war ich übrigens noch nie; das Lied ist mir zu eintönig und spannungsarm. Von der Emotionalität und Verletzlichkeit, die in Sam Smiths Gesang zum Ausdruck kommt, kann ich hingegen gar nicht genug kriegen. Mit meiner Meinung stehe ich anscheinend ziemlich alleine da – selbst in diesem im Großen und Ganzen positiven Artikel über das Lied wird Sam Smith dafür kritisiert, den Filmtitel „Spectre“ nicht im Text untergebracht zu haben, dabei ist das doch vollkommen egal. Ich habe den Eindruck, der Autor traut sich einfach nicht, „Writing’s on the Wall“ uneingeschränkt zu loben.
Warum stößt der Song auf so große Ablehnung? Viele Hörer stören sich an Smiths hohem Gesang bzw. wohl eher daran dass dieser – gerade für einen Bond-Song – nicht „männlich“ genug sei. Verletzlichkeit schön und gut, aber James Bond muss für die meisten ein harter Kerl sein und nichts weiter. Dabei ist doch gerade Daniel Craigs James Bond so sehr von seinen inneren Dämonen und Selbstzweifeln getrieben, wie dies vorher fast nie der Fall war. Noch dazu sind Frauen und Männer gleichermaßen komplexe Wesen, die sich nicht nur durch einige ihnen fest zugeschriebene Wesenszüge auszeichnen. Verletzlichkeit kann also gar nicht „unmännlich“ sein, sie entspricht eben nur nicht dem Bild, das viele von James Bond haben. Vielleicht wird „Spectre“ daran ja etwas ändern.

Ich weiß über den Inhalt des Films noch fast nichts, aber ich mache mir hier mal den Spaß, den Text von „Writing’s on the Wall“ ein wenig zu analysieren. Enthält er Hinweise darauf, was uns in „Spectre“ erwartet? Und singt Sam Smith hier überhaupt von bzw. aus der Perspektive von James Bond, muss man die zum Ausdruck gebrachte Verletzlichkeit also Bond zuschreiben?


I’ve been here before

But always hit the floor
I’ve spent a lifetime running
And I always get away
But with you I’m feeling something
That makes me want to stay

Natürlich liegt es nahe, dass diese erste Strophe aus Bonds Perspektive geschrieben ist. Sam Smith ist selbst männlich und schildert hier etwas in der ersten Person – bei einem Bond-Song ordnet man die Worte also als erstes James Bond zu. Ist es also Bond, der sein Leben lang auf der Flucht war? Hat er nun jemanden kennen gelernt, für den er sein bisheriges Leben aufgeben will? Falls ja, dann legen die ersten beiden Zeilen nahe, dass er schon mehrmals an diesem Punkt war. Geht es ihm also mit jeder Frau so? Dann wären diese Worte ja nur leere Versprechungen, die er schon oft gemacht, aber bisher nie gehalten hat. Oder richten sich die Worte vielleicht gar nicht an eines der „Bond Girls“, sondern an den von Christoph Walz gespielten Franz Oberhauser, Bonds Gegenspieler? Nicht besonders wahrscheinlich, aber zumindest hätten die letzten beiden Zeilen dann eine ganz andere Bedeutung. Naheliegender ist da schon, dass die Worte aus der Sicht einer der beiden Frauen geschrieben sind. „With you I’m feeling something that makes me want to stay“ hätte dann dieselbe Bedeutung wie in den meisten Bond-Filmen vorher.

I’m prepared for this
I never shoot to miss
But I feel like a storm is coming
If I’m gonna make it through the day
Then there’s no more use in running
This is something I gotta face

Betrachtet man die zweite Strophe als aus Bonds Perspektive geschrieben, dann beschreibt die zweite Zeile sein gewohntes, selbstsicheres Ich. Aber angesichts der Unsicherheit und der Bedrohung, die diese ersten beiden Strophen sonst zum Ausdruck bringen, wirkt es nicht so, als sei er wirklich noch so selbstsicher. Er versucht vielmehr verzweifelt, diesen Eindruck aufrecht zu erhalten – auch sich selbst gegenüber. „I’m prepared for this“, heißt es zwar, doch die Zeilen drei bis sechs erwecken den Eindruck einer Bedrohung, die sich Bonds Kontrolle entzieht. Er hat gar keine andere Wahl als sich ihr zu stellen.
Interessant ist der Gegensatz zwischen den letzten Zeilen der ersten beiden Strophen: In der ersten Strophe will jemand (bei jemandem) bleiben; in der zweiten wird jemandem klar, dass er sich einer (wohl unangenehmen) Sache stellen muss. Das lässt den Schluss zu, dass die beiden Strophen entweder aus der Perspektive zweier verschiedener Personen geschrieben sind (dann wäre es nicht durchgehend James Bond, der hier spricht) oder dass sie sich an verschiedene Personen richten bzw. auf verschiedene Angelegenheiten beziehen. Demzufolge möchte Bond bei jemandem bleiben, muss sich gleichzeitig aber auch etwas oder jemandem stellen. In diesem Zusammenhang machen die nächsten beiden Zeilen Sinn:

If I risk it all
Could you break my fall?

Mögliche Übersetzung: Wenn ich mich dieser Sache (aus Strophe 2) stelle, wirst du (=in Strophe 1 angesprochene Person) dann für mich da sein?

How do I live? How do I breathe?
When your’re not here I’m suffocating
I want to feel love run through my blood
Tell me is this where I give it all up?
For you I risk it all
Cause the writing’s on the wall

Der Refrain verändert die Bedeutung der beiden vorangegangenen Zeilen ein wenig. Hier heißt es nun nämlich „For you I risk it all“, die Liebesbeziehung und das große Wagnis stehen also in enger Verbindung. Bond muss alles riskieren, um seine Lieb(st)e zu retten. (Man könnte natürlich auch weiterhin spekulieren, ob einzelne Zeilen anderen Figuren als James Bond zugeordnet werden müssen, aber ich gehe ab jetzt davon aus, dass das ganze Lied aus Bonds Perspektive geschrieben ist.) Hier ist auch der Hinweis enthalten, dass es um Liebe geht und textlich wie gesanglich gibt sich Sam Smith hier am verletzlichsten. Ohne dich kann ich nicht leben, so lassen sich die ersten drei Zeilen zusammenfassen. Bereits in „Casino Royale“ war James Bond „richtig“ verliebt und seine Gefühle für Vesper Lynd waren seine große Schwäche. Wird er in „Spectre“ in eine ähnliche Situation geraten? Aber was muss er für die Liebe aufgeben? Und vor allem: was genau bedeutet der Hinweis „the writing’s on the wall“? Zeichnen sich damit Entwicklungen ab, die sich nicht unter Bonds Kontrolle befinden? Oder will er sich damit nur einreden, keine andere Wahl zu haben?

A million shards of glass
That haunt me from my past
As the stars begin to gather
And the lights begin to fade
When all hope begins to shatter
Know that I won’t be afraid

Die erste Zeile ist wohl nicht wörtlich gemeint, sondern bezieht sich (zusammen mit der zweiten) auf Ereignisse in Bonds Vergangenheit, die ihn in diesem Film heimsuchen werden (darauf weist bereits die offizielle Inhaltsangabe hin). Noch mehr als in „Skyfall“ scheint also in „Spectre“ Bonds persönliche Vergangenheit eine Rolle zu spielen, höchstwahrscheinlich in Form einer Person, die plötzlich wieder auftaucht. Ob die dritte und vierte Zeile mehr als nur einen metaphorischen Bezug zur Filmhandlung haben, wird sich zeigen. Zusammen mit dem Rest der Strophe verstärken sie den Eindruck, den der Text insgesamt macht: Hier ist jemand entschlossen, sich trotz all seiner Verzweiflung nicht unterkriegen zu lassen. Dieser jemand – also nach meiner Annahme Bond – weiß, dass er sich einer Sache stellen muss, die wohl durch eine mit seiner eigenene Vergangenheit in Verbindung stehenden Person ausgelöst worden ist. Immer wieder folgt im Lied die Bestärkung, nicht zurückzuweichen („I won’t be afraid“, „there’s no more use in running“, „I have to risk it all“).
Nach meiner Interpretation sind hier also drei Personen wichtig: James Bond, aus dessen Sicht das Lied geschrieben ist. Eine Frau (entweder Madeleine Swann oder Lucia Sciarra), an die vor allem der Refrain gerichtet ist, der bis auf seine letzte Zeile wie ein klassisches Liebeslied klingt. Und dann ist da noch eine dritte Person, die als Auslöser der schrecklichen Ereignisse dient, welche Bond und sein Liebesglück bedrohen. Allerdings muss es sich dabei nicht zwangsweise um Franz Oberhauser handeln, denn soweit ich weiß handelt es sich bei der von Léa Seydoux gespielten Madeleine Swann auch um eine Figur mit Verbindungen zu Bonds Vergangenheit.
Wie im Lied immer wieder die Worte „The writing’s on the wall“ wiederholt werden, klingt es fast, als wolle sich hier jemand selbst einreden, dass die Dinge nun unausweichlich ihren Lauf nehmen. Wird Bond also die richtige Entscheidung treffen? Wir werden es im November im Kino erfahren.