Geht ein Soziologe ins Ballett, äh, ins Kino…

Ich komme gerade aus dem Kino. Nein, eigentlich komme ich gerade aus dem Ballett. In gewisser Weise komme ich gerade sogar aus dem Moskauer Bolschoi-Theater. Ich habe mir nämlich heute Nachmittag eine Ballett-Liveübertragung im Kino angesehen. Über das Ballett selbst will ich hier gar nicht viel schreiben, da ich mich damit überhaupt nicht auskenne. Ich muss gestehen, dass dies heute sogar mein erster Ballettbesuch überhaupt war, auch wenn ich wie gesagt nicht wirklich im Bolschoi-Theater (oder irgendeinem anderen Opern-/Schauspielhaus) war, sondern vielmehr in meinem Stamm- und Lieblingskino, dem Münchner CINEMA, einer für mich äußerst vertrauten Umgebung. Mit Ballett bin ich zuvor nur über Filme in Berührung gekommen, Darren Aronofskys „Black Swan“ fällt mir da natürlich ein, „Coco Chanel & Igor Stravinsky“ mit Mads Mikkelsen als Stravinsky (in dem ein Ausschnitt der Uraufführung von Stravinskys „Frühlingsweihe“ nachgestellt wird, wenn ich mich richtig erinnere) oder Wim Wenders‘ „Pina“, einer der ganz wenigen Filme, die man wirklich in 3D sehen sollte. (Das ist ja übrigens überhaupt das Schöne an Filmen: dass man über sie mit eigentlich allen anderen Künsten in Berührung kommen und so Neues entdecken kann, in das man sich dann bei Interesse weiter vertiefen kann – ganz egal ob das ein Ballett ist, ein Comic, ein Theaterstück, ein Musical oder ein Roman. Oder weitere Filme.)

Ballett ist also überhaupt nicht mein Fachgebiet, Kino und Film dafür umso mehr. Da ich außerdem ein Soziologiestudium hinter mir habe – wo ich unter anderem ein Seminar zum Thema „Publikumsanalyse“ besucht habe – finde ich es immer wieder spannend, die Leute um mich herum und ihr Verhalten zu beobachten. Ich habe schon mehrmals Theater- und Opernübertragungen im CINEMA gesehen und war jedes Mal auf das Publikum gespannt, das ja doch ein anderes ist als bei den Blockbustern und Filmperlen, die sonst (in Originalsprache) im CINEMA laufen. Mit den aktuellen Kinohighlights, die das CINEMA immer im Programm hat, spricht es die Filmfans wie mich an, die Filme gerne im Originalton und unter den bestmöglichen technischen Bedingungen sehen; gleichzeitig zieht das CINEMA seit einigen Jahren aber auch ein Publikum an, das sich kaum mit den zumeist jüngeren Filmfans überschneiden dürfte – zum einen mit seinen Klassik- und Theaterübertragungen, zum anderen auch durch die Einführung eines „Ü50 Filmnachmittags“, bei dem alle zwei Wochen „ein speziell für Sie ausgewähltes Film-Highlight in deutscher Sprachversion“ zu sehen ist. Ein Glas Prosecco bzw. eine Tasse Tee oder Kaffee ist dabei im Eintrittspreis inbegriffen. Aber genug der CINEMA-Werbung.

Ich kann also nicht anders, als automatisch die Leute um mich herum zu beobachten, was heute wieder einmal ganz besonders spannend war. Es fing damit an, dass ich vor der Vorstellung, im Kinofoyer auf meine Begleitung wartend, an einem Stehtisch stand und sich drei ältere Damen zu mir gesellten, die noch ein freies Plätzchen an einem der Tische suchten. Während ich so tat, als würde ich hochkonzentriert auf meinem Smartphone herumwischen, lauschte ich dem Gespräch der drei, weil ich ganz einfach gerade nichts Wichtigeres oder Interessanteres zu tun hatte. Die Damen fachsimpelten über das Ballett an sich, über Aufführungen, die sie besucht und berühmte Tänzer, die sie schon gesehen hatten. Wirklich alles gesehen hatten sie aber noch längst nicht, denn auch George Balanchines „Jewels“ – das Ballett, das wir gleich sehen würden – war ihnen noch unbekannt. Eine der drei hatte anscheinend extra ihren über 50 Jahre hinweg angesammelten Fundus an Programmheften von Ballettaufführungen durchsucht, um auch ganz sicher sein zu können, noch nie einer Aufführung von „Jewels“ beigewohnt zu haben. Oder aber um damit angeben zu können, dass sie einen ganze Sammlung an Ballett-Programmheften zu Hause und entsprechend viele Aufführungen besucht hat, was sie wohl als Expertin qualifiziert. Auf dem Weg ins Kino versperrte mir anschließend übrigens kurzzeitig eine weißhaarige Dame mit Rollator den Weg – ein weiteres untrüglicheres Indiz dafür, dass es sich hier nicht um das gleiche Publikum handelte, welches sich im CINEMA zu Aufführungen von „Star Trek“ oder „Der Hobbit“ einfindet.

Richtig spannend wurde es aber erst, nachdem ich den Kinosaal betreten hatte und gemeinsam mit meiner Begleitung auf dem Weg zu unseren Plätzen in der elften Reihe war. Bis auf die beiden Plätze ganz links außen war die Reihe noch leer; die beiden Sitze direkt daneben waren unsere. Wir gingen also – die Reihe von rechts betretend – auf unsere Plätze zu, wobei vor uns noch zwei weitere Besucher liefen, deren Plätze aber in Reihe zehn lagen. Die beiden mussten also die bereits ganz links in Reihe elf sitzenden Damen darum bitten, kurz aufzustehen und sie durchzulassen, was bei diesen Damen für einigen Unmut sorgte, da sie anscheinend zuvor schon für mehrere andere Besucher hatten aufstehen müssen. Dies wiederum nahm eine der sich an den Zweien vorbei kämpfenden Besucherinnen zum Anlass, diese zu belehren: „Waren Sie schon mal in der Oper? Da macht man das nicht so, dass man sich vorher schon hinsetzt, sondern bleibt stehen, um andere vorbei zu lassen.“ Was in diesen zwei Sätzen alles an Bedeutung mitschwingt! „Während ich regelmäßig in die Oper gehe und mit den ungeschriebenen Gesetzen dort vertraut bin, kennen Sie Opern und dergleichen wohl nur aus dem Kino!“, hätte die Frau ebenso gut sagen können. Diese Beleidigung konnte die Dame, neben die ich mich inzwischen gesetzt hatte, natürlich nicht auf sich sitzen lassen und ließ die andere wissen, dass nicht „man“ in der Oper irgendetwas tue, sondern „höchstens Sie oder ich“ – eine nicht wirklich schlagfertige oder die andere irgendwie treffende Erwiderung, aber wenigstens hatte meine Sitznachbarin auf diese Weise das letzte Wort. Ich machte mir übrigens nicht mal die Mühe, mein Grinsen während dieses Wortwechsels zu unterdrücken, so unterhaltsam fand ich das Ganze.

Dies sollte aber nicht das einzige Mal an diesem Nachmittag bleiben, dass einer der Besucher indirekt darauf hinwies, dass es ganz und gar nicht egal ist, ob man nun „richtig“ ins Theater geht, um sich ein Ballett anzuschauen oder ob man das „nur“ im Kino tut. Kurz vor Beginn der Vorstellung ließ eine hinter mir sitzende Dame ihren Gesprächspartner nämlich wissen, wie schrecklich sie es finde, dass es im Saal so nach Popcorn stinkt. Fast konnte man meinen, die Leute hätten ein schlechtes Gewissen dabei, sich ein Ballett im Kino anzusehen. Die Laune meiner Sitznachbarin war inzwischen auch nicht besser geworden. Sie beschwerte sich nun nämlich darüber, dass die vor ihr sitzenden Zuschauer ihr die Sicht nahmen und sie von den Tänzern in den vor Vorstellungsbeginn zu sehenden Hinter-den-Kulissen-Aufnahmen gerade mal den Oberkörper zu sehen bekam. In der Reihe vor mir nutzte derweil eine weitere Besucherin die Chance, zückte ihr Smartphone und filmte die auf der Leinwandwand bei den Proben zu sehenden Tänzer ab (so etwas habe ich während einer „normalen“ Kinovorstellung auch noch nie erlebt – wenn da Leute mitfilmen, dann wohl nur heimlich).

Da die aus drei Teilen bestehende Aufführung zwei je zwanzigminütige Pausen hatte, boten sich weitere Gelegenheiten zur Publikumsbeobachtung. Dabei wurde klar, dass unter den Zuschauern zwar so manche waren, die ihrer Verachtung für Klassik im Kino mehr oder weniger deutlich Ausdruck verliehen oder zumindest immer wieder betonten, dass sie viel lieber in ein richtiges Opernhaus als „bloß“ ins Kino gehen. Doch es wurde auch deutlich, dass einige von ihnen wohl gar keine Ahnung hatten, wovon sie sprachen, wenn sie sich über das Kino aufregten. Eine Dame irgendwo hinter mir fragte nämlich tatsächlich, ob in allen Kinos die Leinwände so groß seien, wie im CINEMA (nein, ich werde nicht dafür bezahlt, diesen Namen hier immer wieder lobend zu erwähnen). Die Antwort ihrer Begleiterin beinhaltete schließlich auch den Tipp, mal das zweite Münchner Kino auszuprobieren, das regelmäßig Liveübertragungen aus den großen Schauspiel- und Opernhäusern zeigt, den Gloria Palast (wo am kommenden Sonntag übrigens Wim Wenders‘ „Pina“ in 3D zu sehen sein wird – unbedingt hingehen!). Dieser wurde vor wenigen Jahren zum Luxus-Kino umgebaut, mit verstellbaren Rückenlehnen, Fußhockern und Abestelltischen für Speisen und Getränke an jedem Platz. Klassikfreunde, die für eine Vorstellung nicht extra nach Moskau, Mailand oder New York fliegen wollen, könnten sich in diesem Luxus-Ambiente besser aufgehoben fühlen als im CINEMA. Vielleicht stören sich wahre Opernpuristen aber auch an den dort noch bequemeren Sitzen (die zudem sehr zum Einschlafen einladen), schließlich sitzt man zumindest im Münchner Nationaltheater verglichen mit den meisten Kinos dann doch eher unbequem.

Nicht alle Anwesenden hatten heute im CINEMA nur Grund zum Meckern, der eine oder andere Besucher wusste den zusätzlichen Komfort, den ein Ballett im Kino bietet, durchaus zu schätzen. So hörte man hin und wieder Kommentare wie „Das gefällt mir viel besser hier, da ist man viel näher dran“ oder „So nah wie hier kommt man den Tänzern sonst nie“. Interessanterweise schien auch der Preis ein Argument für den Kinobesuch zu sein, denn „für 24 Euro kann man das doch öfter mal machen“, hörte ich eine Besucherin hinter mir sagen. Zugegeben, für eine Opern- oder Ballettkarte mit halbwegs guter Sicht muss man wesentlich mehr ausgeben, verglichen mit einer normalen Kinokarte sind 24 Euro aber auch heute noch ziemlich teuer. Aber für das gut betuchte Klassikpublikum, das für die Aufführungen des Bayerischen Staatsballetts gerne ein Vielfaches hinblättert, sind 24 Euro natürlich unschlagbar günstig. Zu dumm nur, dass man dafür Popcorngeruch ertragen muss.

Vielleicht sind sich ein „echter“ Ballettbesuch und ein „Ballett im Kino“-Besuch zumindest in einer Sache ähnlicher, als man zunächst denken könnte: gelästert wird immer. Wenn die Aufführung dazu nicht viel Anlass gibt, dann zieht man eben über die anderen Besucher, deren Unwissen oder ihren Kleidungsstil her. Wobei auch in dieser Hinsicht die Möglichkeiten durch die Liveübertragung aus dem Bolschoi-Theater erweitert wurden. Während der Pausen ließ einen die Leinwand nämlich hin und wieder einen Blick ins Foyer des Theaters werfen. „Dass es wirklich Leute gibt, die mit Pullover und Plastiktüte ins Theater gehen…“, entfuhr es einer der um mich sitzenden Kinobesucherinnen dabei. Ich habe allerdings trotz der hochauflösenden Live-Bilder keine Plastiktüten tragenden Theaterbesucher entdecken können, obwohl ich wirklich angestrengt danach gesucht habe.

So weit also meine Beobachtungen aus dem CINEMA. Für eine tiefer gehende soziologische Analsyse müsste man diese natürlich noch erweitern und mit passenden Theorien in Verbindung bringen (Bourdieu?). Vielleicht sollte ich ja eine Studie durchführen, bei der ich dreierlei Publikumsarten vergleichend untersuche – normales Kinopublikum, „Klassik im Kino“-Publikum und klassisches Opern-/Ballettpublikum in einem richtigen Theater. Ach ja, die Aufführung heute hat mir übrigens gefallen. Anfangs dachte ich noch, mit Ballett gar nichts anfangen zu können, aber es stellte sich heraus, dass der erste der drei Teile von „Jewels“ der schwächste war und die anderen beiden tänzerisch um einiges komplexer. Aber mehr will ich dazu lieber nicht schreiben, ich habe ja keine Ahnung, ich Popcorn mampfender Kinoliebhaber. 😉

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2 Gedanken zu “Geht ein Soziologe ins Ballett, äh, ins Kino…

  1. Vielen lieben Dank für den Post! Habe ich mich als „Klassiker“ mal wieder für meine Mitklassiker geschämt beim Lesen (allerdings bin ich tatsächlich schon mit Plastiktüten und Gummistiefeln im Royal Opera House Covent Garden in London aufgelaufen – und zwar schlicht und ergreifend weil ich in den Geisteswissenschaften arbeite und weder Geld noch Zeit habe mich zwischendurch umzuziehen und mit dem Taxi zum Opernhaus zu fahren). Falls Du eine Studie vorhast, könnnte das Konzertpublikum zusätzlich noch interessant sein. Mein Vater schwört dass im Nationaltheater geradezu Partystimmung herrscht verglichen mit dem Herkulessaal.
    In diesem Sinne, tally ho!

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