Filmfest München: „Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“ & „Rey“

Es ist wieder so weit: Das Filmfest München hat begonnen und das bedeutet: neun Tage Ausnahmezustand! Den ersten Tag habe ich schon überstanden. Weil alle meine Screenings gestern in der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) stattfanden, musste ich dabei nicht einmal kreuz und quer durch die Innenstadt hetzen und konnte zwischen den einzelnen Vorstellungen vor der HFF Sonne tanken.

Mein erster Film trug witzigerweise den Titel „Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“. Ob es ein schlechtes Omen ist, wenn das Filmfest bereits so beginnt? Ich fühlte mich gestern tatsächlich etwas gerädert, weil ich bereits in der Nacht vor dem ersten Festivaltag zu wenig Schlaf bekommen hatte – ein großer Fehler. Beim ersten Film, der in der Reihe „Neues deutsches Kino“ läuft, war ich aber noch wach und aufmerksam. Der Film erzählt die Geschichte der Paartherapeutin Luisa (Lina Beckmann). Sie ist schätzungsweise Mitte vierzig und mit Richard (Charly Hübner) verheiratet. Der ahnt nichts davon, dass seine Frau seit einiger Zeit eine heiße Affäre mit seinem Vorgesetzten Leopold (Benno Fürmann) hat. Dies wiederum bedeutet für Luisa natürlich einen erheblichen logistischen Aufwand, denn all die beruflichen und privaten Termine wollen erst einmal unter einen Hut gebracht werden – selbstverständlich ohne dass Richard von der Affäre erfährt.

Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?Doch Luisa erhält unerwartete Hilfe: Wie aus dem Nichts taucht plötzlich eine Doppelgängerin von ihr auf! Nachdem der erste Schock überwunden ist, tauft Luisa das Wesen auf den Namen Ann und erkennt, dass Anns Existenz durchaus ihre praktischen Seiten hat. Sie beauftragt Ann, sich um Richard zu kümmern, während sie sich selbst ganz in die Beziehung zu Leopold stürzen will. Aber so einfach, wie Luisa sich das ausmalt, läuft die Sache natürlich nicht ab…
Regisseurin Lola Randl hat mit „Fühlen Sie sich manchmal…“ eine charmante, witzige Komödie abgeliefert, deren größte Stärke die sympathische und vollkommen natürlich spielende Hauptdarstellerin ist. Es ist wirklich erfrischend, auch mal eine Person wie aus dem wahren Leben im Kino zu sehen und nicht immer nur auf Hochglanz gestylte Stars, denen man den Alltagsstress einer solchen Rolle gar nicht abnimmt. Lina Beckmann bringt genau die richtige Mischung aus Überdrehtheit und Bodenständigkeit in die Rolle ein und macht es dem Publikum leicht, sich mit ihr zu identifizieren. Zudem spielt sie hier natürlich eine Doppelrolle und darf als anfangs vollkommen naive und ahnungslose Ann auch eine andere Seite von sich zeigen.
Die ersten zehn oder fünfzehn Minuten wusste ich nicht so recht, was ich mit dem Film anfangen soll. Die teils absurd überzeichneten Szenarien, in denen das Bild am Computer verfremdet zu sein schien, fand ich etwas verwirrend und es war zunächst nicht klar, was das eigentlich für ein Film sein soll. Hat man die Figuren aber erst einmal kennen gelernt, versinkt man schnell in der Geschichte. Eines der Themen, die hier behandelt werden, ist natürlich das der Identität. Wer bin ich und wie kann ich angesichts all der Rollen, die ich im Alltag zu spielen habe (Ehefrau, Therapeutin, Geliebte,…) zu mir selbst finden und ich selbst bleiben? Das ist nur eine der Fragen, die der Film stellt.
Meine Lieblingsszene des Films ist eine eigentlich recht unscheinbare, die ich wohl nur deshalb so faszinierend fand, weil ich studierter Soziologe bin: Da sitzt Luisa mit Richard abends auf der Couch, mit dem Wissen, dass sie von Ann beobachtet werden. Weil Luisa Ann darauf vorbereiten will, bald ihre (Luisas) Rolle einzunehmen, versucht sie dieser zu erklären, was man als Richards Ehefrau so alles zu tun hat – selbstverständlich aber ohne Richard merken zu lassen, dass sie gerade eigentlich zu jemand anderem spricht. Sie betont also jede ihrer Handlungen und spricht Sätze wie „Und dann trinken wir zusammen Wein“, während Ann das Ganze wissbegierig beobachtet. Spannend fand ich die Szene, weil hier sowohl für das Kinopublikum, als auch für Ann – die Beobachterin im Film – gespielt wird. Dadurch werden soziale Konventionen klar herausgestellt, die sonst zwischen Luisa und Richard ganz selbstverständlich ablaufen würden, ohne dass Luisa darüber sprechen würde.
Aber damit will ich euch nicht weiter langweilen. Als Fazit bleibt mir noch zu sagen: „Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“ ist wie erwähnt charmant, witzig und authentisch. Die letzte halbe Stunde zieht sich leider etwas und der ganz große Wurf ist Lola Randl damit nicht gelungen, aber eine unterhaltsame Komödie um ernste aktuelle Themen ist der Film allemal.
„Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“ hat heute Abend Premiere im Arri-Kino (24.06., 19:30) und wird danach noch zweimal auf dem Festival gezeigt (am 25.6. um 22:30 und am 28.6. um 17:30, jeweils in der HFF).

Ein weiterer Film, den ich gestern gesehen habe, war der im Programmheft als „experimenteller Abenteuerfilm“ angekündigte „Rey“. Darin geht es um den französischen Anwalt Orélie-Antoine de Tounens (Rodrigo Lisboa), der 1860 in Südamerika die unabhängigen Königreiche Araucana und Patagonien gründete.

Rey„Experimentell“ ist der Film wirklich! Denn wenn ich die Einführung vor der Vorstellung richtig verstanden habe, dann hat Regisseur Niles Attalah den Film auf 35-Millimeter-Material gedreht und dieses dann für mehrere Monate vergraben! Das Ergebnis sieht man dem Film deutlich an, denn es gibt immer wieder Szenen, in denen der Film so verschmutzt und verwittert ist, dass tatsächlich kaum noch etwas zu erkennen ist. Eindeutig eine eigenwillige stilistische Entscheidung, die zusammen mit der ruhigen, meditativen und poetischen Inszenierung bei mir allerdings für akute Müdigkeit gesorgt hat. „Rey“ war überhaupt kein Film für mich und wäre ich nicht genau in der Mitte des Saals gesessen, dann hätte ich diesen wohl noch während des Films verlassen. Würde „Rey“ als Endlosschleife in einem Museum gezeigt werden, wo man sich für ein paar Minuten hinsetzen und zuschauen kann, dann fände ich das wohl cool. Als „ganz normaler“ Kinofilm war mir das dann aber doch zu sonderbar.

„Rey“ wird noch zweimal auf dem Filmfest gezeigt: am 26.6. um 16:30 und am 28.6. um 19:00 (jeweils im Theatiner Film).

Copyright Bilder: Filmfest München

Star Trek: Enterprise – Season 2

Nachdem ich letztes Jahr die erste Staffel von „Enterprise“ angeschaut und hier im Blog besprochen habe, ist nun Staffel zwei an der Reihe. Ich habe die ganze Serie bereits vor etwa zehn Jahren gesehen und wusste also, worauf ich mich einlasse. 😉 Wobei ich zugeben muss, dass mir die Serie – auch die viel gescholtenen ersten beiden Staffeln – beim ersten Mal ziemlich gut gefallen hat. Aber damals war ich nun mal jünger und unkritischer… Beim zweiten Durchgang habe ich nur wenig Positives an dieser Staffel entdecken können.

Die erste Staffel hatte den Zuschauer mit einem Cliffhanger zurückgelassen: Die Enterprise war für eine Katastrophe verantwortlich gemacht und Captain Archer (Scott Bakula) im 31. Jahrhundert zurückgelassen worden, scheinbar ohne Aussicht auf eine Rückkehr ins 22. Jahrhundert. „Shockwave, Part II“, der Auftakt von Staffel zwei, führt diesen Handlungsstrang fort und – welch Überraschung! – am Ende der Folge sind Archer und seine Crew nicht nur von sämtlichen Anschuldigungen befreit, sondern auch Archer wieder heil zurück in seiner Zeit und auf seinem Schiff. Der vulkanische Botschafter Soval (Gary Graham) will Archer zwar weiter daran hindern, mit der Enterprise den Weltraum zu erkunden, doch Archer ist fest davon überzeugt, dass die Menschheit reif für diese Aufgabe ist und versichert, aus seinen Fehlern zu lernen. Diese erste Episode ist zumindest ein ganz ordentlicher Auftakt. Der „temporale kalte Krieg“ und der geheimnisvolle Befehlsgeber aus der Zukunft, unter dessen Auftrag die Suliban handeln, spielen im Rest der Staffel kaum eine Rolle. Angesichts der Tatsache, das das Konzept dieses Krieges stets schwammig bleibt (mehr dazu in meinem Blogpost zur ersten Staffel), ist das aber nicht weiter tragisch. In „Future Tense“ (2.16) fasst Archer zwar den Entschluss, mehr über den temporalen kalten Krieg herauszufinden und eine aktivere Rolle darin zu übernehmen, doch auch diese Folge sorgt vor allem für neue Fragen, von denen – wenn ich mich richtig erinnere – ein Großteil nie in der Serie beantwortet wird.

Gleich die zweite Folge ist einer der Höhepunkte der Staffel: In „Carbon Creek“ erzählt die Vulkanierin T’Pol (Jolene Blalock) die (vielleicht) wahre Geschichte vom ersten Kontakt zwischen Menschen und Vulkaniern. Die Urgroßmutter T’Pols (ebenfalls gespielt von Blalock) stürzt während einer Forschungsmission mit zwei Kollegen auf der Erde ab. Fortan müssen sich die drei Vulkanier in den USA der 1950er Jahre zurechtfinden, ohne Aussicht auf Rettung oder die Möglichkeit, ihren Heimatplaneten zu kontaktieren. Dabei sind sich die drei uneins darüber, ob sie sich möglichst von den Menschen distanzieren sollen oder aber diese einmalige Chance nutzen, um im Zusammenleben mit den Menschen mehr über sie zu erfahren. Als studierter Soziologe finde ich solche Geschichten immer interessant; hier kommen drei Personen in eine ihnen völlig fremde Kultur, die sie durch ihre Distanz aus einem ganz eigenen Blickwinkel betrachten können (Georg Simmel würde sagen, ihre Fremdheit verleiht den Vulkaniern eine gewisse Objektivität). Im Lauf der Episode wirft T’Pols Urgroßmutter einem ihrer Kollegen vor, sich zu sehr mit den Menschen einzulassen und damit zu sehr in die menschliche Gesellschaft einzugreifen (quasi ein going native). Am Ende der Episode ist es jedoch ausgerechnet sie, die hier für den größten Eingriff in die Entwicklung der Menschheit verantwortlich ist. Und so bringt uns „Carbon Creek“ neben guter Unterhaltung, interessanten Figuren und guten Schauspielleistungen auch noch die Erkenntnis, dass das Klettband nicht von Menschen erfunden, sondern von Vulkaniern auf die Erde gebracht wurde. 🙂

Ich bleibe gleich mal bei den guten Folgen, es sind ja eh nicht viele. In „Singularity“ (2.09) gerät die Crew unter den Einfluss der Strahlung eines trinären Sternensystems. Dies äußert sich darin, dass alle Crewmitglieder – abgesehen von T’Pol, die als Vulkanierin immun zu sein scheint – Zwangsstörungen zu entwickeln beginnen und wie besessen jeweils an einem einzigen Problem arbeiten. Das ist spannend in Szene gesetzt und abermals toll gespielt. Nebenbei erfahren wir dabei auch, wie der aus den anderen „Star Trek“-Serien bekannte rote Alarm entwickelt wurde – und dass er ursprünglich nicht „Red Alert“, sondern nach seinem Erfinder „Reed Alert“ hieß.
In „Stigma“ (2.14) sagt bereits der Episodentitel, worum es geht. Hier steht mal wieder T’Pol im Mittelpunkt, die sich mit den Folgen einer vulkanischen Gedankenverschmelzung in der ersten Staffel auseinandersetzen muss. Dabei hat sie sich nämlich eine Krankheit zugezogen, über die die Vulkanier nicht gerne sprechen. Das ist ganz klar als eine HIV-Metapher gemeint und ein gutes Beispiel dafür, dass „Star Trek“ oft dann am besten ist, wenn es aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreift, um sie im Science Fiction-Gewand zu erzählen. Die zweite Handlung der Episode finde ich wieder aus soziologischer Perspektive interessant. Hier muss sich Trip (Connor Trinneer) mit den aufdringlichen Annäherungsversuchen von einer von Dr. Phlox‘ Frauen auseinandersetzen und dabei lernen, dass Partnerwahl und Liebesleben bei Außerirdischen nicht denselben Regeln folgen wie bei Menschen: „You’re too concerned with human moralities“, rät Dr. Phlox (John Billingsley) dem verwirrten Trip.
Auch die folgende Episode „Cease Fire“ (2.15) weiß gut zu unterhalten, was daran liegt, dass es hier einmal mehr um die Andorianer geht. Denn das bedeutet, dass Jeffrey Combs als Shran wieder mit von der Partie ist, der es wie nur wenige andere Schauspieler versteht, seiner Figur auch durch das Alien-Makeup hindurch Ausdruck zu verleihen. (Combs erläutert übrigens im Bonusmaterial auf den Blurays, dass ihm dabei seine Schauspielausbildung eine große Hilfe war, bei der er viel mit Masken gearbeitet hat.) Die Episode ist spannend, hat Witz und bietet sowohl Action als auch tolle Dialoge. Durch seine erfolgreiche Vermittlung im Konflikt zwischen Andorianern und Vulkaniern steigt Captain Archer zudem ein wenig im Ansehen Sovals.

Bei „Cogenitor“ (2.22) haben wir es erneut mit einer Folge zu tun, die zeigt, dass bei außerirdischen Völkern manche Dinge etwas anders laufen als bei Menschen. Die Enterprise trifft hier auf eine Spezies, die aus drei biologischen Geschlechtern besteht. Trip findet das äußerst faszinierend, ist aber empört darüber, dass den Angehörigen des „dritten Geschlechts“ – die sogenannten „Cogenitors“ – über ihre Aufgabe als Reproduktionshilfen hinaus keinerlei gesellschaftliche Rechte zugestanden werden. Sie dürfen kaum am gesellschaftlichen Zusammenleben teilnehmen und bekommen nicht einmal eigene Namen. Als von den Rechten auf Freiheit und Selbstverwirklichung überzeugter Amerikaner greift Trip natürlich ein und bringt einem Cogenitor nicht nur das Lesen bei, sondern sondern überzeugt ihn auch davon, seine (ihre?) Rechte auf Bildung und freier Wahl des eigenen Lebensweges einzufordern. Im Gegensatz zu vielen anderen Fällen des utopischen „Star Trek“-Universums gibt es hier aber kein Happy End. Zuerst muss sich Trip von Archer aufgrund seines Eingreifens in eine fremde Kultur eine Standpauke anhören; kurz darauf muss er erfahren, dass sich der Cogenitor umgebracht hat. Das ist für „Star Trek“ ungewöhnlich pessimistisch und erinnert mich in seiner Radikalität an die „Babylon 5“-Folge „Believers“, die ein ähnliches Thema behandelt, ebenfalls mit düsterem Ende. (Und es gibt eine weitere Verbindung von „Cogenitor“ zu „Babylon 5“: G’Kar-Darsteller Andreas Katsulas spielt nämlich hier in einer Nebenhandlung mit.)
„Cogenitor“ ist keine herausragende, aber sicherlich sehr interessante Folge mit auch heute noch relevanter Thematik, schließlich lässt sich der für Spannungen und Unsicherheiten sorgende Umgang mit dem dritten Geschlecht als Metapher auf Transsexualität lesen. Von der nächstes Jahr startenden neuen „Star Trek“-Serie wünsche ich mir, dass derartige Thematiken vermehrt angesprochen werden.
Noch eine letzte wirklich gute Episode muss ich erwähnen. Es wirkt zunächst verzweifelt, wenn die „Enterprise“-Autoren auf der Suche nach guten Geschichten (und guten Einschaltquoten) plötzlich die Borg in der Serie auftauchen lassen. Schließlich haben die hier eigentlich noch gar nichts verloren. Aber „Regeneration“ (2.23) ist eine erstaunlich gute, wirklich spannende und unterhaltsame Folge. Das Auftauchen der Borg wird nicht nur vollkommen schlüssig erklärt, sondern die Folge stellt noch dazu gleichzeitig ein Sequel zu den im 21. Jahrhundert spielenden Ereignissen des achten „Star Trek“-Films „First Contact“ und ein Prequel „The Next Generation“ dar.

Das waren nun also die sechs meiner Meinung nach guten Folgen der Staffel (man könnte noch das Finale dazuzählen, dazu weiter unten mehr). Es bleiben noch 20 weitere, von denen viele Mittelmaß, einige aber auch wirklich einfach schlecht sind. Ich bin bereits in meinem Blogpost zur ersten Staffel darauf eingegangen, wie die ursprüngliche Idee zu „Enterprise“ durch den Einfluss des Networks verwässert wurde, sodass das Endergebnis eine „Star Trek“-Serie war, die einerseits Neuland betreten wollte, andererseits aber viel zu sehr auf sicheren Pfaden wandelte und dabei häufig nur wiederkäute, was man bereits mehrfach in den anderen Serien gesehen hatte. In der zweiten Staffel wird dieses Problem noch deutlicher als in der ersten. Viele Episoden sind hier das, was ich in meinen Notizen als „Austauschfolgen“ bezeichnet habe; damit meine ich Episoden, die auch in jeder anderen „Star Trek“-Serie spielen könnten und weder die Charaktere noch die Zeit, in der die Serie spielt, in besonderer Weise berücksichtigen. „Marauders“ (2.06) ist ein perfektes Beispiel. Die Crew der Enterprise trifft darin auf die Bewohner einer Minenkolonie, die von den Klingonen erpresst und ausgebeutet werden. Archer und seine Leute trainieren daraufhin die Kolonisten im Kampf gegen die Klingonen und helfen ihnen so, sich von der Ausbeutung durch sie zu befreien. Weil man ähnliche Folgen im „Trek“-Universum schon gefühlte hundertmal gesehen hat und weil die Folge wirklich vollkommen überraschungsfrei ist, ist das alles einfach nur zum Gähnen. Man könnte Archer, Trip, T’Pol usw. hier ohne Weiteres gegen Picard, Riker und Data oder auch gegen Janeway, Chakotay und Torres austauschen und die Geschichte könnte trotzdem haargenau gleich ablaufen. Ähnliches gilt für eine Reihe weiterer Folgen der zweiten Staffel, die ich hier nicht alle aufzählen möchte. Sie wirken meist wie nach Baukasten-Prinzip zusammengestellte Episoden, die die Charaktere einfach in irgendwelche Problemsituationen werfen.
Wie auch schon in den Interviews zur ersten Staffel nehmen die Macher der Serie auch im Bonusmaterial der Blurays zu Staffel zwei kein Blatt vor den Mund und geben zu, dass sie hier viel Mist gebaut haben. Phlox-Darsteller John Billingsley erzählt, dass von den beiden Showrunnern Rick Berman und Brannon Braga nach dem Ende von „Voyager“ erwartet wurde, sofort die nächste „Star Trek“-Serie abzuliefern. Dabei wurde ihnen zum einen nicht genug Zeit gegeben, um ein neues und interessantes Konzept entwickeln (oder ihre Ideen wurden abgelehnt; siehe mein Post zur ersten Staffel), zum anderen waren sie selbst nicht bereit, aus dem Schema auszubrechen, dass sich seit dem Start von „The Next Generation“ entwickelt und bewährt hatte. Dass zusätzlich ein Großteil der Autoren nach dem Ende der ersten Staffel gefeuert und durch neue Autoren ersetzt wurde, die zum Teil Neulinge im „Star Trek“-Universum waren, erschwerte die Sache zusätzlich. Das Ergebnis war zum Beispiel „Precious Cargo“ (2.11), eine von einem dieser Neulinge geschriebene Folge, die Braga als „eine der schlechtesten ‚Star Trek‘-Episoden überhaupt“ bezeichnet (wobei ich ihm zustimme). Braga hielt bereits damals das Konzept der in sich abgeschlossenen Folgen für problematisch und wollte zu einer moderneren Erzählweise mit einer sich durch die Episoden ziehenden Handlung übergehen (so wurde es ja bei „Deep Space Nine“ gemacht, an dem Braga nicht beteiligt war). Doch das Network bestand leider auf solchen für sich allein stehenden Episoden. Rick Berman erzählt weiterhin, dass er selbst damals zu sehr an Gene Roddenberrys ursprünglicher Vision für „Star Trek“ festhalten wollte (auch damit hatte „Deep Space Nine“ gebrochen). Das erwies sich als problematisch, weil diese Vision zu dem Zeitpunkt bereits fast vierzig Jahre alt war und die Utopie von einer Menschheit, die innerhalb weniger Generationen Probleme wie Kriege oder Hunger komplett gelöst hat, zwar in die optimistische Aufbruchsstimmung der Sechziger Jahre passte, aber zu Beginn des 21. Jahrhunderts überholt schien und noch dazu vom erzählerischen Standpunkt aus problematisch ist.

Die Macher von „Enterprise“ waren sich also durchaus bewusst, dass sie mit den ersten beiden Staffeln der Serie alles andere als „Star Trek“ vom Feinsten abgeliefert hatten. Umso erleichterter dürften sie gewesen sein, als sie gegen Ende der zweiten Staffel doch endlich die Erlaubnis bekamen, mit dem bewährten, aber längst todlangweiligen Schema zu brechen. Die letzte Folge „The Expanse“ (2.26) bereitet dementsprechend den sich durch die ganze dritte Staffel ziehenden „Xindi“-Handlungsbogen vor. Ich habe die dritte Staffel von „Enterprise“ als die beste in Erinnerung, was vor allem an dieser episodenübergreifenden Handlung lag. Das Konzept, die Enterprise quasi nach einem Terroranschlag auf die Erde vom Forschungs- zum Kriegsschiff werden zu lassen, war zwar sicher nicht im Sinne Roddenberrys, führte aber zu einer spannenden Staffel voller kreativer Episoden und war nicht zuletzt auch ein Produkt seiner Zeit. Schließlich lassen sich im Angriff auf die Erde und Archers folgender Mission im „Delphic Expanse“ deutliche Parallelen zum 11. September und den Kriegen in Afghanistan und im Irak sehen – aber dazu dann mehr in meinem Blogpost zur dritten Staffel.

Ein paar Punkte zu Staffel zwei möchte ich noch erwähnen. Ein Teil der Charaktere wurde sträflich vernachlässigt. Statt auf diese Crew zugeschnittene Geschichten zu erzählen, die eben nur mit diesen konkreten Figuren erzählt werden können, haben die Autoren wie erwähnt zu oft austauschbare Folgen geschrieben, in denen sich die Figuren nicht weiterentwickelt haben. Dementsprechend wirken Hoshi, Reed und Travis immer noch ziemlich blass, aber immerhin haben T’Pol und Phlox in mehreren Episoden Gelegenheit bekommen, mehr von sich zu zeigen. Dr. Phlox ist sowieso die bei weitem beste Figur der Serie. Das liegt nicht nur daran, dass er mehrere interessante Episoden bekommt, sondern natürlich auch an John Billingsleys großartigem Schauspiel. Am anderen Ende des Spektrums – sowohl schauspielerisch als auch dramaturgisch – muss mal wohl Travis Mayweather anordnen. „Seine“ Folge in dieser Staffel, „Horizon“ (2.20), ist einfach nur einschläfernd.
In „Vanishing Point“ (2.10) steht
zwar die ebenfalls sträflich vernachlässigte Hoshi (Linda Park) im Mittelpunkt, doch leider wird auch diese Gelegenheit nicht genutzt, ihre Figur sinnvoll weiter zu entwickeln. Stattdessen verharren die Autoren auch hier ein weiteres Mal in festgefahrenen Wegen und definieren einmal mehr eine weibliche Figur allein über ihre Unsicherheiten und ihr geringes Selbstbewusstsein. Auch T’Pol wird häufig als kalt und unnahbar charakterisiert, bekommt aber als eine der drei Hauptfiguren wenigstens mehrmals die Gelegenheit, auch andere Seiten von sich zu zeigen und vor allem ihre Beziehung zu Archer wird im Verlauf der Staffel plausibel weiterentwickelt.

In „Judgment“ (2.19) wird wieder einmal auf bereits Bekanntes zurückgegriffen und Archer vor einem klingonischen Gericht zu lebenslanger Arbeit in den Minen von Rura Penthe verurteilet (genau so ergeht es Kirk im sechsten Kinofilm). Die Folge leidet unter anderem darunter, dass in den letzten Minuten noch eine unglaubwürdige Rettung Archers erfolgt, damit er am Ende wieder zurück auf der Enterprise ist und die Dinge wieder ins Lot gebracht worden sind. Unterhaltsam ist sie allein aufgrund des Schauspiels zweier Gastdarsteller: J. G. Hertzler, den man als Martok aus „Deep Space Nine“ kennt, darf hier Archers klingonischen Anwalt spielen, während John Vickery dessen Gegner verkörpert. Vickery hat einige andere Rollen im „Star Trek“-Universum gespielt, mir ist er aber vor allem aus „Babylon 5“ bekannt, wo er den Minbari-Krieger Neroon verkörpert (und auch dort spielt er noch eine weitere Figur).

Den größten Kritikpunkt habe ich mir extra zum Schluss aufgehoben… 😉 In Enterprise sollte bekanntlich einiges anders sein. Da die Serie zeitlich vor all den anderen „Star Trek“-Serien spielt, ist das Beamen gerade erst erfunden worden, es gibt noch keine Holodecks und auch keine Replikatoren, die zum Beispiel in Sekundenschnelle jedes beliebige Gericht herbeizaubern können. Dementsprechend ist auf der Enterprise unter Captain Archer ein Koch an Bord, der Tag für Tag für die gesamte Crew kocht. Das wird immer wieder erwähnt und in einer Folge bekommt man sogar die Küche zu sehen. Vom Koch jedoch fehlt jede Spur… Ich habe mir sagen lassen, dass das als Running Gag gedacht war; alle reden über den Koch, aber man kriegt ihn nie zu sehen (außer in einer Folge, wo er zwar kurz auftaucht, aber man seinen Kopf nicht sieht!).
Vielleicht bin ich ja der Einzige, der so denkt, aber ich sehe darin eine riesige, verpasste Chance! Wie wir alle wissen, sind Küchen ein Ort sozialer Begegnungen. (Gibt es dazu eigentlich soziologische Forschung? Bestimmt! Das muss ich mal recherchieren.) Essen bringt Menschen (und Außerirdische) zusammen; Menschen interessieren sich dafür, was es zu essen gibt! Hätte ich die Serie geplant, dann hätte ich den Koch zu einer regelmäßig auftretenden Nebenfigur gemacht, der ähnlich einem Barkeeper mit allen Crewmitgliedern in Kontakt kommt und stets über alles bescheid weiß, das auf dem Schiff vor sich geht. Ich hätte vom Captain bis zum Fähnrich regelmäßig Figuren die Küche betreten lassen – nicht nur aus Neugier darauf, was es denn heute Abend zu essen gibt, sondern auch weil sie den neuesten Klatsch hören wollen oder weil sie sich vom Koch Ratschläge holen wollen. Zugegeben, der Schiffsarzt Dr. Phlox erfüllt in der Serie eine ähnliche soziale Funktion. Aber ich bleibe dabei: Ich will einen Schiffskoch in einer „Star Trek“-Serie sehen. Schließlich sollte man immer jemanden an Bord haben, der die Crew bekochen kann, falls die Replikatoren mal kaputtgehen!
Ganz ernst gemeint ist dieser Kritikpunkt natürlich nicht. „Enterprise“ hat gewiss größere Schwachstellen als das Fehlen eines Koches. Ich freue mich aber darauf, Staffel drei wieder einmal anzuschauen. Meinen Blogpost dazu gibt’s voraussichtlich irgendwann 2017. 🙂

Under The Skin – Der beste Film des Jahres

Spoilerwarnung! Dieser Blogpost enthält inhaltliche Details zu „Under The Skin“ und verrät u.a. das Ende des Films (das jedoch erst im letzten Abschnitt „Fremdheit als Methode“).

Nachdem ich mich in einem meiner letzten Blogposts auf die dunkle Seite der Macht begeben und mich äußerst emotional über den neuen, inhaltslosen „Die Tribute von Panem“-Fim aufgeregt habe, will ich nun ins andere Extrem ausschlagen und Jonathan Glazers „Under The Skin“ zum mit Abstand besten Film des Jahres erklären. In diesem Fall stehe ich mit meiner Meinung viel weniger alleine da, obwohl es durchaus Leute gibt, die mit dem Film überhaupt nichts anfangen können.

Der Film

„Under The Skin“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Michel Faber (auf deutsch erschienen als „Die Weltenwanderin“), wobei Jonathan Glazer und sein Co-Drehbuchautor Walter Campbell hier wirklich nur die Grundidee des Romans für den Film übernommen haben. Und die lautet: Ein als verführerische junge Frau getarntes Alien fährt mit dem Auto durch Schottland, um männliche Anhalter einzusammeln, die anschließend umgebracht und verspeist werden (wobei das mit dem Verspeisen im Film schon nicht mehr ganz eindeutig ist, aber dazu später mehr).

Ich habe „Under The Skin“ Anfang Juli auf dem Filmfest München zum ersten Mal gesehen – es war eines der beeindruckendsten Kinoerlebnisse meines Lebens. Ganz, ganz selten gibt es Filme von einer solch starken und eindrucksvollen bildlichen Erzählkraft, die dann auch noch ganz und gar im Dienst der Geschichte steht, so dass die Bilder nie zum Gimmick oder Selbstzweck verkommen. Mir fällt spontan nur ein einziger anderer Film ein, von dem man das ebenfalls behaupten kann (obwohl es sicher noch einige mehr gibt): „Blade Runner“. In beiden Fällen übernehmen die starken Bilder eine besonders wichtige Rolle bei der Vermittlung der Handlung und erzeugen eine einzigartige Atmosphäre, die einen geradezu in den Film hineinsaugt. Die ganz besondere, ausdrucksstarke Bildsprache von Jonathan Glazer und Ridley Scott (übrigens beide erfahrene Werbefilmer) ergänzt in beiden Fällen die Handlung des Films perfekt, so dass sich jeweils etwas Größeres, Einzigartiges ergibt. „Under The Skin“ ist ein Meisterwerk.

Dabei hätte der Film auch ganz anders aussehen können. Das Drehbuch hielt sich ursprünglich viel enger an den Roman, beinhaltete eine größere Zahl an Figuren und einige viel aufwändiger geplante Szenen (Glazer erzählt davon in den Dokumentationen auf der DVD/Blu-ray). Beispielsweise hätte der Beginn des Films, der die „Geburt“ von Scarlett Johanssons namenloser Figur zeigt, eigentlich wesentlich länger ausfallen sollen. Aus Geldmangel musste Glazer jedoch auf eine aufwändige Szene mit vielen Spezialeffekten verzichten, statt dessen wurde die Sequenz – und das gilt für den gesamten Film – auf ihr Wesentliches reduziert. Stellvertretend für die Formierung des Aliens in Menschengestalt sieht man in den ersten Minuten des Films zunächst nur schemenhaft erkennbare Formen. Dazu hört man Johanssons Stimme immer wieder sinnlose Silben und Laute wiederholen (sind das die Sprechübungen eines außerirdischen Wesens, das die englische Sprache erlernt?). Nach einigen Minuten wird aus den Schemen auf der Leinwand ein Auge. Eine Erklärung für all das wird nicht geliefert, man muss die Bilder und Töne selbst deuten. Genau das macht den Film so interessant und ergiebig. Er liefert eindrucksvolle, teils verstörende Bilder, bleibt deren Erklärung oder Interpretation aber schuldig. Diese Bilder bleiben manchmal vage und zeigen nie mehr als das, was nötig ist – eine sehr ökonomische, aber auch äußerst kraftvolle Art des Geschichtenerzählens, die eben aus der Not geboren wurde, dass hier nur begrenzte Mittel zur Verfügung standen.

Aber „Under The Skin“ kann nicht nur visuell begeistern, auch die Filmmusik von Mica Levi trägt einen entscheidenden Teil zur verstörenden, einzigartigen Atmosphäre des Films bei. Ebenso auf das Wesentliche reduziert wie die Bilder, wirkt auch sie gerade deshalb umso stärker. In den Verführungsszenen, in denen die Männer langsam in ihr Verderben laufen, erzeugt das eingesetzte Streichermotiv eine hypnotische, gleichzeitig warnende und doch sirenenhaft verlockende Wirkung. Ganz und gar nicht mehr verlockend, sondern nur noch furchteinflößend ist das Motiv lediglich am Ende des Films, als sich die Verhältnisse umkehren. Seit Hitchcocks „Psycho“ hatten Geigen in einem Film keine so verstörende Wirkung mehr wie in „Under The Skin“. (Hier kann man den brillanten Score von Mica Levi anhören.)

Um noch einmal auf das hier schon mehrmals benutzte Wort „verstörend“ zurück zu kommen: Mit diesem Wort lässt sich die Wirkung, die der Film auf mich hatte, am besten zusammen fassen. Die Reduktion der Geschichte auf ihre Kernelemente, der äußerst sparsame Einsatz von Dialogen in Verbindung mit einer meisterhaft komponierten Bildsprache und der Filmmusik, die klingt wie nicht von dieser Welt und nicht zuletzt auch Scarlett Johanssons Schauspiel, das über weite Strecken ohne Worte die erwachende Neugier eines fremden Wesens für das Menschsein glaubwürdig und nachvollziehbar darstellt – all das hat mich nach knapp zwei Stunden wie hypnotisiert im Kinosessel zurück gelassen. Ich konnte den Film lange nicht hinter mir lassen; er verfolgte mich auf dem Nachhauseweg bis in meine Träume und ließ mich wochenlang nicht mehr los. Das Gesamtkunstwerk, das alle Beteiligten hier erschaffen haben, rührt scheinbar an menschliche Urängste und bietet schon allein deshalb so guten Stoff für (Alp)Träume, weil die Erzählstruktur und die Bilder des Films selbst einem Traum ähneln. Tatsächlich war ich beim wiederholten Anschauen des Films erstaunt, einige Bilder darin zu sehen, von denen ich dachte, ich hätte sie lediglich geträumt. „Under The Skin“ scheint vom Unterbewusstsein seiner Schöpfer direkt auf die Leinwand geworfen worden zu sein und bahnt sich auch beim Zuschauer direkt den Weg zu im Unterbewusstsein lagernden Ängsten, Trieben und Sehnsüchten.

Das Science-Fiction-Genre wird häufig dazu genutzt, Aussagen über den aktuellen Zustand der Menschheit zu treffen, die so nur über den „Umweg“ über eine fremde, futuristische Welt möglich sind. Einerseits verfährt auch „Under The Skin“ nach diesem Schema, um elementare Fragen nach der Bedeutung des Menschseins zu stellen; andererseits reduziert Jonathan Glazer auch die Science Fiction-Elemente auf das gerade noch Nötige. Am Anfang des Films sind kurz die Lichter eines Raumschiffes zu sehen, das im wolkenverhangenen Himmel verschwindet. Viele Zuschauer werden es beim einmaligen Anschauen des Films gar nicht bewusst wahrnehmen. Und gerade weil die Fremdheit von Scarlett Johanssons Figur so allgemein gehalten wird, ist ihre Aussagekraft umso gößer. Das einzige außerirdische – oder besser, da allgemeingültiger: fremdartige – Element, das der Film zeigt, ist die Psychologie seiner Hauptfigur (vgl. diese Besprechung des Films). Natürlich gibt es die Szenen, in denen die von der Protagonistin angelockten, ahnungs- und scheinbar willenlosen Männer in ein schwarzes Nichts hineingleiten, das später nichts von ihnen zurück lässt als ihre Haut. Doch was genau dabei geschieht, lässt der Film offen, was den Vorgang nur noch, ja, verstörender macht. Sollen diese Bilder lediglich Metaphern sein? Oder sind sie wörtlich zu nehmen, geschieht hier also exakt das, was man sieht? Und wenn ja, was geschieht dann eigentlich? Wie soll das funktionieren, dass Menschen in einem schwarzen Nichts versinken, das sie in einem blitzartigem Sog ihrer Innereien entledigt? „Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.“, lautet das dritte der von Arthur C. Clarke formulierten Gesetze, und dementsprechend finde ich, dass man über das Wie dieser Szenen nicht nachdenken braucht. Was dort aber gezeigt wird, das ist trotz der starken Bilder nicht ganz klar. Geht es den Auftraggebern von Johanssons Figur um die Innereien der gefangenen Männer? Oder haben sie es auf deren Haut abgesehen? (Schließlich könnte man das Abfließen des aus der Haut gesaugten Inhalts auch als davon fließenden Abfall interpretieren.)

Überhaupt wirft der Film viele Fragen auf. Da er zwar wie gesagt ausdrucksstarke Bilder bietet, sie aber nicht erklärt und ihre Interpretation vollkommen dem Zuschauer überlässt, sind hier zahlreiche verschiedene Auslegungen des Geschehens möglich. Warum beispielsweise ist die Hauptfigur des Films überhaupt auf der Erde? Ist sie ein eigenständig handelndes Individuum oder nur eine von vielen, die ähnliche Aufträge ausführen? In welchem Verhältnis steht sie zu dem Motorradfahrer, der immer wieder hinter ihr aufzuräumen scheint? Ist er ihr Kollege oder ihr Vorgesetzter? Er scheint sie jedenfalls zu überwachen, wie die vollkommen wortlose Szene nahelegt, in der er ihre Augen inspiziert. Und falls es zutrifft, dass Menschenfleisch für die Außerirdischen eine Nahrungsquelle darstellt (wie es der Roman nahelegt), warum haben sie dann diese scheinbar so umständliche Methode zu seiner Gewinnung gewählt? Warum fallen sie nicht ganz offen über die Erde her und sammeln uns Menschen ein?

Die Bilder von „Under The Skin“ sind jedenfalls von einer unbeschreiblichen Wucht. Sie stellen Kino in seiner reinsten Form dar und wollen, ja müssen auf der großen Leinwand erlebt werden, um ihre Wirkung voll entfalten zu können. Umso trauriger ist es, dass sich der zuständige Senator Filmverleih dazu entschieden hat, den Film in Deutschland nicht ins Kino zu bringen, angeblich weil hierzulande „kein Markt“ dafür vorhanden zu sein scheint. Das ist äußerst bedauernswert, allerdings hat die daraufhin ins Leben gerufene Kampagne, die sich für einen Kinostart von „Under The Skin“ einsetzt, durchaus Erfolge gezeigt. So haben in den letzten Monaten bundesweit mehr und mehr Kinos den Film in ihr Programm genommen, obwohl ihm offiziell gar kein Kinostart vergönnt war und er seit Mitte Oktober als DVD und Blu-ray zu haben ist. (Inzwischen ist er aus den meisten Kinos wieder verschwunden, aber vielleicht findet der eine oder andere Filminteressierte auf dieser Website doch noch ein Kino, in dem der Film noch läuft.)

Die Buchvorlage

Wie ich schon erwähnt habe, wurde die Handlung des Romans für die Verfilmung auf ihre grundlegenden Elemente reduziert. Während der Film sich vor allem darauf konzentriert, das menschliche Dasein aus einer verfremdeten Perspektive zu betrachten (dazu weiter unten mehr), geht Michel Faber in seinem Roman „Die Weltenwanderin“ viel ausführlicher auf den Prozess der Nahrungsgewinnung ein – denn zu keinem anderen Zweck sammelt die Hauptfigur Männer von der Straße ein. Im Buch trägt diese Hauptfigur den Namen Isserly und gehört einer Spezies von hundeartigen Außerirdischen an, die normalerweise über ein dichtes Fell und große Ohren verfügen und auf vier Beinen laufen. Da Isserly aber als menschliche Frau getarnt auf Männerfang geht, wurde sie operiert, um menschlich auszusehen. Unter anderem wurde ihre Wirbelsäule „begradigt“, sie bekam menschlich-weibliche Brüste verpasst und rasiert sich zudem regelmäßig, damit ihr kein Fell wächst. Zudem trägt sie eine Brille mit dicken Gläsern, die ihre fremdartigen Augen tarnen soll.

Neben Isserly lernen wir im Buch noch einige weitere Angehörige ihrer Spezies kennen. Zur Tarnung betreiben die Aliens einen Bauernhof. Isserlys Vorgesetzter Esswis, der als einiziger von ihnen ebenfalls zum Menschen umoperiert worden ist, tritt als dessen Besitzer auf, bemüht sich jedoch, den Kontakt zu den Menschen auf ein Minimum zu beschränken, um den wahren Zweck der Einrichtung geheim zu halten: Im Untergrund befindet sich dort nämlich so etwas wie ein „Massenmenschhaltungsbetrieb“, in dem die von Isserly herbei geschafften Männer gemästet und schließlich geschlachtet werden. Dort arbeiten zahlreiche weitere Außerirdische, deren äußeres Erscheinungsbild allerdings nicht verändert wurde. (Es ist anzunehmen, dass es sich bei Esswis um die Rolle handelt, die in einer frühen Drehbuchfassung des Films von Brad Pitt hätte gespielt werden sollen.)

Wie im Film fährt Isserly mit dem Auto durch die Gegend, auf der Suche nach männlichen Anhaltern, die sie dann mitnimmt und im Auto ausfragt. Wenn sich herausstellt, dass ihr Mitfahrer keine Familie hat und bei seinem Verschwinden die Spur nicht zu ihr zurück verfolgt werden kann, betätigt Isserly einen am Lenkrad angebrachten Schalter, der aus dem Beifahrersitz zwei Nadeln fahren lässt, die ihrem Opfer ein lähmendes Gift injezieren. Die so überwältigten Männer bringt Isserly anschließend in die unterirdischen Etagen des Bauernhofs, wo man ihnen die Zunge abschneidet und sie kastriert, sie aber vorerst am Leben lässt und mästet. Nach einigen Monaten werden die fett gewordenen Männer schließlich getötet und ihr Fleisch palettenweise auf den Heimatplaneten der Außerirdischen geflogen, wo es offenbar als Delikatesse gilt.

Buch und Film haben gemeinsam, dass nur nach und nach enthüllt wird, was genau vor sich geht. So ist zu Beginn des Romans beispielsweise noch nicht klar, dass es sich bei Isserly nicht um einen Mensch handelt. Auch die verschiedenen Kellergeschosse der Fleischfabrik und die dortigen Geschehnisse werden über den Roman verteilt eines nach dem anderen geschildert. Zudem bietet das Buch – genau wie der Film – ein paar schockierende Bilder, bei denen man das eine oder andere Mal schlucken muss – zum Beispiel bei Fabers Schilderung des Daseins der stummen und hilflosen Männer, kurz bevor sie zu wohlschmeckenden Filets verarbeitet werden.

Interessanterweise bezeichnen sich die Außerirdischen im Roman selbst als „human beings“ und sehen uns Menschen als primitive, nicht zu komplexer sprachlicher Kommunikation fähige Wesen, was ihnen als Rechtfertigung dient, uns  einzufangen und zu essen. (Man muss nicht viel Interpretationsarbeit betreiben, um zu sehen, dass Faber hier eine Metapher auf den Fleischkonsum und die Massentierhaltung der menschlichen Gesellschaft geschrieben hat.) Isserly, die durch ihre Arbeit regelmäßig Kontakt zu Menschen hat, weiß es besser, behält diese Informationen aber aus Angst vor ihren Vorgesetzten für sich. Es ist dieser Aspekt des Kennenlernens einer fremden (nämlich unserer menschlichen) Kultur und die damit einhergehende Vermenschlichung der Hauptfigur, auf den sich Jonathan Glazer in seiner Verfilmung konzentriert hat.

Erwähnenswert ist noch die recht interessante Episode im Roman, als Amlis, der Sohn des Firmenchefs, dem Bauernhof einen Besuch abstattet, um den Betrieb zu inspizieren. Pikanterweise ist Amlis Vegetarier und hält es für falsch „vodsels“, wie die Außerirdischen uns Menschen nennen, als niedere Wesen zu betrachten, die ohne Rücksicht auf ihre Gefühle gemästet und gegessen werden.

Wie durch diese Beschreibung des Romans deutlich wurde, haben sich Walter Campbell und Jonathan Glazer in ihrem Drehbuch wirklich nur auf die Grundidee des Romans gestützt. Zwar enthielten frühere Drehbuchfassungen noch eine größere Anzahl an Figuren und mehr Übereinstimmungen mit dem Buch, doch sowohl finanzielle Notwendigkeiten als auch der Wunsch, sich ganz auf die außerirdische Hauptfigur zu konzentrieren, die unser menschliches Dasein erkundet, führten schließlich zu dem in seiner Handlung sehr reduzierten, aber nichtsdestotrotz äußerst komplexen Film.

Fremdheit als Methode

Da ich Soziologie studiert habe und mich für meine Abschlussprüfungen mehrere Monate lang unter anderem mit dem Phänomen der Fremdheit bzw. des Fremden beschäftigt habe, sind mir in „Under The Skin“ einige Dinge aufgefallen, die ich so oder ähnlich im Studium kennen gelernt habe. Scarlett Johansson spielt ja im Grunde nichts anderes, als eine völlig Fremde. Eine Außerirdische allein unter Menschen, das ist geradzu das Paradebeispiel für Fremdheit. Die Menschen, denen sie begegnet, erkennen sie allerdings nicht als Fremde, da sie wie ein Mensch aussieht und auch wie einer spricht. (Johansson spricht im Film zwar mit einem Londoner Akzent, insofern hat sie für die Schotten, mit denen sie interagiert, durchaus etwas Fremdes an sich – viele dieser Begegnungen wurden übrigens mit versteckten Kameras gefilmt und entstanden mit „echten“ Passanten, die erst im Nachhinein über den Filmdreh aufgeklärt wurden. Aber in der Welt des Films wissen die Menschen um sie herum natürlich nicht, dass sie kein Mensch ist.) Für Isserly – ich benutze jetzt mal den Namen aus dem Buch, obwohl sie im Film namenlos bleibt – sind die Welt und die Lebewesen um sie herum vollkommen fremd. Sie selbst unterscheidet sich deutlich von den Menschen, diese Differenz ist jedoch verborgen und wird deshalb für die Menschen um Isserly nicht relevant. Damit haben wir hier einen Sonderfall von Fremdheit vor uns. Normalerweise wird eine solche Differenz nämlich dann relevant, wenn ein Fremder in eine Gruppe kommt. In diesem Fall aber wird die Differenz, das Außerirdische, bewusst getarnt.
Als eines der wesentlichen Merkmale des Fremden beschreibt der Soziologe Georg Simmel dessen Objektivität. Da der Fremde über die Gruppe, in der er sich nun befindet, kaum etwas weiß und ihm die Gebräuche und Denkweisen der Menschen dort fremd sind, verfügt er über eine gewisse Freiheit, die die „festen“ Gruppenmitglieder nicht besitzen und die es ihm gestattet, das Leben um sich herum aus einer sich von der ihren unterscheidenden Perspektive wahrzunehmen. Aufgrund seiner Herkunft und damit völlig anderen Lebensweise bringt er eine andere Sichtweise der Dinge mit, als sie den Gruppenmitgliedern gegeben ist. Interessanterweise hat Scarlett Johansson schon einmal ein solches Wesen gespielt, in „Lost In Translation“, wo es ja auch u.a. um das Thema Fremdheit ging.

Natürlich kann jeder Fremde mit der Zeit zum (fast) vollwertigen Gruppenmitglied werden, das sich immer weniger von den übrigen Mitgliedern unterscheidet und in diesem Sinne immer weniger fremd wird. Solange diese Annäherung aber noch nicht ausreichend stattgefunden hat, verfügt der Fremde – wie es Alfred Schütz beschreibt – über einen anderen Wissenstypus als die festen Gruppenmitglieder. Er sieht die Welt nicht so, wie die Menschen um ihn herum, was immer dann relevant wird, wenn er mit diesen interagiert und dabei deutlich wird, dass ihm die Möglichkeit zur Bezugnahme auf eine gemeinsam geteilte Welt fehlt. Sein „Denken-wie-üblich“ erweist sich dann als nicht mehr wirksam, bestehende Rezepte zur Auslegung der Welt funktionieren nicht mehr. Der Fremde gerät in eine „Krisis“. (Dazu haben wir damals in einem Seminar einen Filmausschnitt aus „Lost In Translation“ angeschaut, in dem – soweit ich mich erinnere – Scarlett Johansson einer Freundin am Telefon schildert, wie unwohl sie sich im für sie fremden Japan fühlt und schließlich in Tränen ausbricht.)

Die beschriebene Objektivität des Fremden und seine Nichtzugehörigkekt führen auch dazu, dass der Fremde als der „Unentscheibare“ gilt, wie Zygmunt Bauman es formuliert. Das kann positive und negative Auswirkungen für ihn haben. Einerseits liegt gerade in dieser Unbestimmtheit ein großer Spielraum an Möglichkeiten, aber es liegt eben auch noch viel Integrationsarbeit vor dem Fremden, wie das „Lost In Translation“-Beispiel zeigt. Auch Isserly in „Under The Skin“ macht dieses Unentscheidbare zu schaffen. Sie ist den Menschen um sich herum zwar räumlich nah, doch sozial ist sie ihnen fern und enspricht damit ziemlich genau der von Simmel gegebenen Definition des Fremden. Zu dieser gehört auch, dass der Fremde derjenige ist, „der heute kommt und morgen bleibt“, der also nicht nur ein vorrübergehender Besucher ist. Genau das ist auch bei Isserly der Fall, wobei hier allerdings noch dazu kommt, dass sie ihre Tarnung aufrecht erhalten muss und sich den Menschen in ihrer Umgebung gar nicht besonders weit annähern darf. Sie kann also gar nicht zu einem festen Gruppenmitglied werde (in diesem Fall zu einem Menschen, genauer: einem Schotten), sondern muss dauerhaft fremd bleiben.

Eine ähnliche Sichtweise wie die des Fremden, der aus einer anderen Perspektive auf die Menschen blickt, versuchen auch Soziologen häufig einzunehmen. Sie streben danach, eine andere Perspektive einzunehemen, um die soziale Welt um sie herum „von außen“ zu beschreiben und so alle Vorgänge in ihr zu hinterfragen. Jonathan Glazer verfährt in „Under The Skin“ ganz ähnlich; er macht gewissermaßen seine Hauptfigur zur Soziologin (oder Ethnologin) und mit ihr auch die Zuschauer. Wir sehen durch Isserlys Augen unsere eigene Welt ganz neu, denn es ist natürlich keine fremde Welt, die wir hier erforschen, sondern unsere eigene. Sie wird allerdings dadurch fremd gemacht, dass wir sie im Film aus der Perspektive eines Außerirdischen sehen. Soziologisch gesprochen findet dabei ein „Othering“ bzw. eine „VerAnderung“ statt, das heißt es wird ein kulturelles Feld methodisch als fremd behandelt und kann auf diese Weise mit ähnlich Mitteln erforscht werden wie eine tatsächlich fremde Kultur. Unsere eigene, menschliche und vertraute Welt erscheint uns aus der Sichtweise eines Aliens plötzlich als fremd. „Under The Skin“ lässt so den Zuschauer die Welt durch die „soziologische Brille“ sehen.

Eines der stärksten Bilder des Films ist diebezüglich das allein am Strand zurück gelassene Baby. Ein zufällig vorbei kommender Mensch würde sich sofort um das Baby kümmern, nach seinen Eltern suchen und es nach erfolgloser Suche schließlich mitnehmen, auf keinen Fall aber allein am Strand sitzen lassen. Isserly jedoch ist kein Mensch; in ihrem Relevanzschema nimmt das Baby keine besondere Bedeutung ein (schließlich ist sie nur auf der Suche nach gesunden, jungen Männern). Sie nimmt es zwar kurz wahr, betrachtet es jedoch vollkommen objektiv und als etwas ihr Fremdes und lässt es schließlich trotz seiner Schreie zurück. Schließlich zeigt der Film eine letzte Einstellung des einsam am Ufer sitzenden und schreienden Babys, das erfolglos versucht, aufzustehen. Mit einem Mal wird einem die völlige Hilflosigkeit des Menschen in diesem sehr jungen Alter bewusst.

Kurze Zeit später im Film begegnet Isserly einem weiteren Baby, das in einem an der Ampel neben ihr haltenden Auto sitzt – und ungefähr zu diesem Zeitpunkt scheint eine Veränderung in ihr in Gang zu kommen. Nach und nach sieht sie die Menschen nicht mehr völlig objektiv und als bloße Mittel zum Zweck. Sie beginnt sich für sie zu interessieren, und zwar nicht nur im Sinne eines „Verstehens von außen“; sie will nun die menschliche Kultur von innen heraus kennen lernen, sich selbst darin ausprobieren und damit auch ihr eigenes Menschsein erforschen (so paradox das bei einem Außerirdischen auch klingen mag). Fremdheit zu erleben, heißt auch, die Fragwürdigkeit des Eigenen zu spüren und erstmals bewusst die eigene Identität in Frage zu stellen. Obwohl ihr Job es verlangt, dass sie rational und objektiv mit den Menschen umgeht und sie buchstäblich als Ware behandelt, kann Isserly diese Einstellung nicht durchgehend aufrecht erhalten. Die Szene, in der der Motorradfahrer sie von allen Seiten prüfend ansieht und dabei ihren Augen besondere Aufmerksamkeit schenkt, zeigt, dass Isserlys Vorgesetzte offenbar erste Zweifel daran gekommen sind, ob sie ihre Arbeit noch wie vorgesehen ausführen kann. Dies zeigt sich auch ganz klar daran, dass sie eines ihrer Opfer wieder freilässt – aus Mitgefühl?

Zu Beginn des Films sehen wir, dass Isserly nicht die erste Arbeiterin ist, die für die Außerirdischen auf Männerjagd geht. Ihre Vorgängerin, die in die gleiche menschliche Haut gekleidet ist wie sie selbst und damit ebenfalls aussieht wie Scarlett Johansson, liegt scheinbar tot vor ihr. Isserly zieht die Kleidung der Toten an, auf deren Gesicht eine Träne zu sehen ist – ein Zeichen dafür, dass auch sie schon mehr als nur eine bloße Beobachterin sein wollte? Hat auch sie bereits versucht, Teil der menschlichen Gesellschaft zu werden und begonnen, menschliche Gefühle zu entwickeln? Für Isserly selbst wird dieser Versuch – genau wie für ihre Vorgängerin – nicht gut ausgehen. (Übrigens fällt mir gerade auf, wie viele inhaltliche Parallelen sich hier zu „Blade Runner“ finden lassen, aber das würde dann doch zu weit führen.)

Isserly ist also – genau wie ein beobachtender und forschender Soziologe oder Ethnologe – dazu gezwungen, objektiv zu bleiben und sich das Feld, in dem sie sich bewegt, rational und mit einem gewissen emotionalen Abstand anzuschauen. Dies gelingt ihr jedoch nicht; sie möchte schließlich das Menschsein selbst erleben und „von innen heraus“ verstehen, statt es nur „von außen“ zu betrachten. Man könnte also behaupten, dass sie der Gefahr des „going native“ erliegt. Sie verliert durch ihr zu starkes Interesse an der menschlichen Natur und ihre Bemühungen, selbst menschlich zu werden, ihre Objektivität. Letztendlich führt genau das zu ihrem Ende, so wie es vermutlich auch bei ihrer Vorgängerin der Fall war. (Interessante Nebenfrage: Die wievielte „Version“ einer solchen Arbeiterin ist Isserly eigentlich? Führt u.a. vielleicht gerade das Bewusstsein, nur eine von vielen austauschbaren Arbeiterinnen zu sein zu dem Streben nach [menschlicher] Identität? Und wird bei all diesen Arbeiterinnen stets der Wunsch nach einer eigenen Identität und der daraus folgenden versuchten Annäherung an das Menschsein früher oder später zum Problem? Dass Isserly durch den Motorradfahrer genau geprüft wird, scheint zumindest darauf hin zu deuten, dass die Außerirdischen bereits Erfahrungen mit dieser Problematik gemacht haben.)

Das Ende des Films ist ein tragisches. Isserlys Streben nach Identität, nach dem Menschsein und nach einem Kennenlernen der menschlichen Spezies führt zu ihrem Untergang. Sie will die Menschheit besser kennen lernen und muss leider feststellen, dass dieser auch das Schlechte und Böse innewohnt. Diese Erfahrung macht sie gewissermaßen gleich zweimal: Zuerst, als ein Mann sie – als sie noch die Gestalt einer schönen Frau hat – im Wald zu vergewaltigen versucht und anschließend noch einmal, als dieser Mann sie – nachdem er einen Blick auf ihre wahre Gestalt erhascht hat – mit Benzin übergießt und anzündet. In diesem Moment ist sie ganz klar als Fremde zu erkennen. Sie wirkt auf den Mann so fremd, so anders, dass er in seiner Angst vor diesem Anderen, Unerklärbaren zu drastischen Mitteln greift und sie vernichtet.

Fazit

Ich hoffe, es ist deutlich geworden, wie komplex „Under The Skin“ ist. Der Film ist nicht nur handwerklich ein Meisterwerk, sondern auch von einer solch umfangreichen inhaltlichen Aussagekraft, dass man wohl noch wesentlich mehr analysieren und interpretieren könnte. Meine kurze Interpretation aus soziologischer Sicht ist nur ein möglicher Ansatz. Zum Schluss möchte ich noch ein paar interessante Links posten: Hier gibt es ein Interview mit Jonathan Glazer, in dem er auch auf die Tatsache angesprochen wird, dass der deutsche Verleih „Under The Skin“ hierzulande nicht ins Kino gebracht hat. Hier gibt es ein interessantes, langes Interview mit Adam Pearson, dem Darsteller des deformierten Mannes, den Isserly gefangen nimmt und später wieder frei lässt. Und hier geht es zu einer YouTube-Playlist mit Musikvideos von Glazer – sehr zu empfehlen!

Geht ein Soziologe ins Ballett, äh, ins Kino…

Ich komme gerade aus dem Kino. Nein, eigentlich komme ich gerade aus dem Ballett. In gewisser Weise komme ich gerade sogar aus dem Moskauer Bolschoi-Theater. Ich habe mir nämlich heute Nachmittag eine Ballett-Liveübertragung im Kino angesehen. Über das Ballett selbst will ich hier gar nicht viel schreiben, da ich mich damit überhaupt nicht auskenne. Ich muss gestehen, dass dies heute sogar mein erster Ballettbesuch überhaupt war, auch wenn ich wie gesagt nicht wirklich im Bolschoi-Theater (oder irgendeinem anderen Opern-/Schauspielhaus) war, sondern vielmehr in meinem Stamm- und Lieblingskino, dem Münchner CINEMA, einer für mich äußerst vertrauten Umgebung. Mit Ballett bin ich zuvor nur über Filme in Berührung gekommen, Darren Aronofskys „Black Swan“ fällt mir da natürlich ein, „Coco Chanel & Igor Stravinsky“ mit Mads Mikkelsen als Stravinsky (in dem ein Ausschnitt der Uraufführung von Stravinskys „Frühlingsweihe“ nachgestellt wird, wenn ich mich richtig erinnere) oder Wim Wenders‘ „Pina“, einer der ganz wenigen Filme, die man wirklich in 3D sehen sollte. (Das ist ja übrigens überhaupt das Schöne an Filmen: dass man über sie mit eigentlich allen anderen Künsten in Berührung kommen und so Neues entdecken kann, in das man sich dann bei Interesse weiter vertiefen kann – ganz egal ob das ein Ballett ist, ein Comic, ein Theaterstück, ein Musical oder ein Roman. Oder weitere Filme.)

Ballett ist also überhaupt nicht mein Fachgebiet, Kino und Film dafür umso mehr. Da ich außerdem ein Soziologiestudium hinter mir habe – wo ich unter anderem ein Seminar zum Thema „Publikumsanalyse“ besucht habe – finde ich es immer wieder spannend, die Leute um mich herum und ihr Verhalten zu beobachten. Ich habe schon mehrmals Theater- und Opernübertragungen im CINEMA gesehen und war jedes Mal auf das Publikum gespannt, das ja doch ein anderes ist als bei den Blockbustern und Filmperlen, die sonst (in Originalsprache) im CINEMA laufen. Mit den aktuellen Kinohighlights, die das CINEMA immer im Programm hat, spricht es die Filmfans wie mich an, die Filme gerne im Originalton und unter den bestmöglichen technischen Bedingungen sehen; gleichzeitig zieht das CINEMA seit einigen Jahren aber auch ein Publikum an, das sich kaum mit den zumeist jüngeren Filmfans überschneiden dürfte – zum einen mit seinen Klassik- und Theaterübertragungen, zum anderen auch durch die Einführung eines „Ü50 Filmnachmittags“, bei dem alle zwei Wochen „ein speziell für Sie ausgewähltes Film-Highlight in deutscher Sprachversion“ zu sehen ist. Ein Glas Prosecco bzw. eine Tasse Tee oder Kaffee ist dabei im Eintrittspreis inbegriffen. Aber genug der CINEMA-Werbung.

Ich kann also nicht anders, als automatisch die Leute um mich herum zu beobachten, was heute wieder einmal ganz besonders spannend war. Es fing damit an, dass ich vor der Vorstellung, im Kinofoyer auf meine Begleitung wartend, an einem Stehtisch stand und sich drei ältere Damen zu mir gesellten, die noch ein freies Plätzchen an einem der Tische suchten. Während ich so tat, als würde ich hochkonzentriert auf meinem Smartphone herumwischen, lauschte ich dem Gespräch der drei, weil ich ganz einfach gerade nichts Wichtigeres oder Interessanteres zu tun hatte. Die Damen fachsimpelten über das Ballett an sich, über Aufführungen, die sie besucht und berühmte Tänzer, die sie schon gesehen hatten. Wirklich alles gesehen hatten sie aber noch längst nicht, denn auch George Balanchines „Jewels“ – das Ballett, das wir gleich sehen würden – war ihnen noch unbekannt. Eine der drei hatte anscheinend extra ihren über 50 Jahre hinweg angesammelten Fundus an Programmheften von Ballettaufführungen durchsucht, um auch ganz sicher sein zu können, noch nie einer Aufführung von „Jewels“ beigewohnt zu haben. Oder aber um damit angeben zu können, dass sie einen ganze Sammlung an Ballett-Programmheften zu Hause und entsprechend viele Aufführungen besucht hat, was sie wohl als Expertin qualifiziert. Auf dem Weg ins Kino versperrte mir anschließend übrigens kurzzeitig eine weißhaarige Dame mit Rollator den Weg – ein weiteres untrüglicheres Indiz dafür, dass es sich hier nicht um das gleiche Publikum handelte, welches sich im CINEMA zu Aufführungen von „Star Trek“ oder „Der Hobbit“ einfindet.

Richtig spannend wurde es aber erst, nachdem ich den Kinosaal betreten hatte und gemeinsam mit meiner Begleitung auf dem Weg zu unseren Plätzen in der elften Reihe war. Bis auf die beiden Plätze ganz links außen war die Reihe noch leer; die beiden Sitze direkt daneben waren unsere. Wir gingen also – die Reihe von rechts betretend – auf unsere Plätze zu, wobei vor uns noch zwei weitere Besucher liefen, deren Plätze aber in Reihe zehn lagen. Die beiden mussten also die bereits ganz links in Reihe elf sitzenden Damen darum bitten, kurz aufzustehen und sie durchzulassen, was bei diesen Damen für einigen Unmut sorgte, da sie anscheinend zuvor schon für mehrere andere Besucher hatten aufstehen müssen. Dies wiederum nahm eine der sich an den Zweien vorbei kämpfenden Besucherinnen zum Anlass, diese zu belehren: „Waren Sie schon mal in der Oper? Da macht man das nicht so, dass man sich vorher schon hinsetzt, sondern bleibt stehen, um andere vorbei zu lassen.“ Was in diesen zwei Sätzen alles an Bedeutung mitschwingt! „Während ich regelmäßig in die Oper gehe und mit den ungeschriebenen Gesetzen dort vertraut bin, kennen Sie Opern und dergleichen wohl nur aus dem Kino!“, hätte die Frau ebenso gut sagen können. Diese Beleidigung konnte die Dame, neben die ich mich inzwischen gesetzt hatte, natürlich nicht auf sich sitzen lassen und ließ die andere wissen, dass nicht „man“ in der Oper irgendetwas tue, sondern „höchstens Sie oder ich“ – eine nicht wirklich schlagfertige oder die andere irgendwie treffende Erwiderung, aber wenigstens hatte meine Sitznachbarin auf diese Weise das letzte Wort. Ich machte mir übrigens nicht mal die Mühe, mein Grinsen während dieses Wortwechsels zu unterdrücken, so unterhaltsam fand ich das Ganze.

Dies sollte aber nicht das einzige Mal an diesem Nachmittag bleiben, dass einer der Besucher indirekt darauf hinwies, dass es ganz und gar nicht egal ist, ob man nun „richtig“ ins Theater geht, um sich ein Ballett anzuschauen oder ob man das „nur“ im Kino tut. Kurz vor Beginn der Vorstellung ließ eine hinter mir sitzende Dame ihren Gesprächspartner nämlich wissen, wie schrecklich sie es finde, dass es im Saal so nach Popcorn stinkt. Fast konnte man meinen, die Leute hätten ein schlechtes Gewissen dabei, sich ein Ballett im Kino anzusehen. Die Laune meiner Sitznachbarin war inzwischen auch nicht besser geworden. Sie beschwerte sich nun nämlich darüber, dass die vor ihr sitzenden Zuschauer ihr die Sicht nahmen und sie von den Tänzern in den vor Vorstellungsbeginn zu sehenden Hinter-den-Kulissen-Aufnahmen gerade mal den Oberkörper zu sehen bekam. In der Reihe vor mir nutzte derweil eine weitere Besucherin die Chance, zückte ihr Smartphone und filmte die auf der Leinwandwand bei den Proben zu sehenden Tänzer ab (so etwas habe ich während einer „normalen“ Kinovorstellung auch noch nie erlebt – wenn da Leute mitfilmen, dann wohl nur heimlich).

Da die aus drei Teilen bestehende Aufführung zwei je zwanzigminütige Pausen hatte, boten sich weitere Gelegenheiten zur Publikumsbeobachtung. Dabei wurde klar, dass unter den Zuschauern zwar so manche waren, die ihrer Verachtung für Klassik im Kino mehr oder weniger deutlich Ausdruck verliehen oder zumindest immer wieder betonten, dass sie viel lieber in ein richtiges Opernhaus als „bloß“ ins Kino gehen. Doch es wurde auch deutlich, dass einige von ihnen wohl gar keine Ahnung hatten, wovon sie sprachen, wenn sie sich über das Kino aufregten. Eine Dame irgendwo hinter mir fragte nämlich tatsächlich, ob in allen Kinos die Leinwände so groß seien, wie im CINEMA (nein, ich werde nicht dafür bezahlt, diesen Namen hier immer wieder lobend zu erwähnen). Die Antwort ihrer Begleiterin beinhaltete schließlich auch den Tipp, mal das zweite Münchner Kino auszuprobieren, das regelmäßig Liveübertragungen aus den großen Schauspiel- und Opernhäusern zeigt, den Gloria Palast (wo am kommenden Sonntag übrigens Wim Wenders‘ „Pina“ in 3D zu sehen sein wird – unbedingt hingehen!). Dieser wurde vor wenigen Jahren zum Luxus-Kino umgebaut, mit verstellbaren Rückenlehnen, Fußhockern und Abestelltischen für Speisen und Getränke an jedem Platz. Klassikfreunde, die für eine Vorstellung nicht extra nach Moskau, Mailand oder New York fliegen wollen, könnten sich in diesem Luxus-Ambiente besser aufgehoben fühlen als im CINEMA. Vielleicht stören sich wahre Opernpuristen aber auch an den dort noch bequemeren Sitzen (die zudem sehr zum Einschlafen einladen), schließlich sitzt man zumindest im Münchner Nationaltheater verglichen mit den meisten Kinos dann doch eher unbequem.

Nicht alle Anwesenden hatten heute im CINEMA nur Grund zum Meckern, der eine oder andere Besucher wusste den zusätzlichen Komfort, den ein Ballett im Kino bietet, durchaus zu schätzen. So hörte man hin und wieder Kommentare wie „Das gefällt mir viel besser hier, da ist man viel näher dran“ oder „So nah wie hier kommt man den Tänzern sonst nie“. Interessanterweise schien auch der Preis ein Argument für den Kinobesuch zu sein, denn „für 24 Euro kann man das doch öfter mal machen“, hörte ich eine Besucherin hinter mir sagen. Zugegeben, für eine Opern- oder Ballettkarte mit halbwegs guter Sicht muss man wesentlich mehr ausgeben, verglichen mit einer normalen Kinokarte sind 24 Euro aber auch heute noch ziemlich teuer. Aber für das gut betuchte Klassikpublikum, das für die Aufführungen des Bayerischen Staatsballetts gerne ein Vielfaches hinblättert, sind 24 Euro natürlich unschlagbar günstig. Zu dumm nur, dass man dafür Popcorngeruch ertragen muss.

Vielleicht sind sich ein „echter“ Ballettbesuch und ein „Ballett im Kino“-Besuch zumindest in einer Sache ähnlicher, als man zunächst denken könnte: gelästert wird immer. Wenn die Aufführung dazu nicht viel Anlass gibt, dann zieht man eben über die anderen Besucher, deren Unwissen oder ihren Kleidungsstil her. Wobei auch in dieser Hinsicht die Möglichkeiten durch die Liveübertragung aus dem Bolschoi-Theater erweitert wurden. Während der Pausen ließ einen die Leinwand nämlich hin und wieder einen Blick ins Foyer des Theaters werfen. „Dass es wirklich Leute gibt, die mit Pullover und Plastiktüte ins Theater gehen…“, entfuhr es einer der um mich sitzenden Kinobesucherinnen dabei. Ich habe allerdings trotz der hochauflösenden Live-Bilder keine Plastiktüten tragenden Theaterbesucher entdecken können, obwohl ich wirklich angestrengt danach gesucht habe.

So weit also meine Beobachtungen aus dem CINEMA. Für eine tiefer gehende soziologische Analsyse müsste man diese natürlich noch erweitern und mit passenden Theorien in Verbindung bringen (Bourdieu?). Vielleicht sollte ich ja eine Studie durchführen, bei der ich dreierlei Publikumsarten vergleichend untersuche – normales Kinopublikum, „Klassik im Kino“-Publikum und klassisches Opern-/Ballettpublikum in einem richtigen Theater. Ach ja, die Aufführung heute hat mir übrigens gefallen. Anfangs dachte ich noch, mit Ballett gar nichts anfangen zu können, aber es stellte sich heraus, dass der erste der drei Teile von „Jewels“ der schwächste war und die anderen beiden tänzerisch um einiges komplexer. Aber mehr will ich dazu lieber nicht schreiben, ich habe ja keine Ahnung, ich Popcorn mampfender Kinoliebhaber. 😉