Filmfest München: „Home“, „Wakefield“, „The Death and Life of Otto Bloom“, „Prinzessinnen und Drachen“

Sieben von neun Festivaltagen liegen hinter mir. 25 Filme habe ich schon gesehen und heute und morgen werden es noch ein paar mehr werden. Über ein paar Filme habe ich schon gebloggt (hier, hier und hier), aber bevor ich nachher wieder ins Kino muss, sollen auch hier im Blog noch ein paar Filmbesprechungen dazu kommen.

Einen der besten – ja vielleicht sogar den besten – Film meines diesjährigen Festivalprogramms habe ich am Dienstag gesehen. „Home“ ist ein belgisches Drama der Regisseurin Fien Troch, die darin die Geschichte einiger Jugendlicher schildert. Einer von ihnen, Kevin, ist soeben aus dem Jugendgefängnis entlassen worden und kommt bei seiner Tante unter. Er freundet sich mit Sammy und John an, die beide ihre eigenen Probleme haben. Mehr will ich über die Handlung gar nicht verraten. Auch wenn es zunächst den Anschein hat, der Film habe gar keine richtige Geschichte, so spitzt diese sich mit zunehmendem Verlauf doch immer mehr zu. Viele Szenen dienen allerdings ganz einfach der Etablierung der Charaktere und ihrer Lebenswelt. Dadurch wirken die Figuren so nahbar und authentisch.

HomeEin weiterer Grund dafür ist, dass Troch überwiegend Laiendarsteller gecastet hat, die sich bei den Dreharbeiten nicht streng ans Drehbuch halten mussten. Zudem basiert vieles von dem, was im Film gezeigt wird, auf eigenen Jugenderinnerungen der Regisseurin. Das Ergebnis ist ein Film, der einen mit seiner Direktheit und Natürlichkeit sehr berührt und einem das eine oder andere Mal auch einen Schlag in die Magengrube versetzt. „Home“ ist spannend, aber zum Teil auch erschreckend. Denn hier wird nichts beschönigt oder verschwiegen und Themen wie Gewalt und sexueller Missbrauch werden offen thematisiert. Das ist ganz großes, aber sicherlich nicht leicht verdauliches Kino.
Lockerer geht es da schon in „Wakefield“ (Regie: Robin Swicord) zu – allerdings nur auf den ersten Blick. Der diesjährige CineMerit Award-Preisträger Bryan Cranston („Breaking Bad“) spielt darin den New Yorker Anwalt Howard Wakefield, der jeden Abend nach der Arbeit mit dem Zug nach Hause in den Vorort fährt, zurück zu seiner Frau (Jennifer Garner, „Alias“) und seinen beiden Töchtern. Eines Abends jedoch entdeckt er bei seiner Ankunft einen Waschbär vor der Garage gegenüber des Hauses. Als er das Tier verscheuchen will, flüchtet es in die Garage.Wakefield Howard folgt ihm und landet schließlich in der Abstellkammer über der Garage. Von dort hat er durch ein kleines Fenster einen guten Blick in die Küche und das Wohnzimmer seines Hauses. Weil er sich mit seiner Frau gestritten hat und einer weiteren Konfrontation aus dem Weg gehen will, macht er es sich in dem Schuppen bequem und beobachtet seine Familie aus der sicheren Distanz, bis ihn der Schlaf übermannt. Auch am nächsten Morgen traut er sich jedoch nicht, wieder ins Haus zu gehen und beginnt, sich in der Kammer über der Garage häuslich einzurichten…

So seltsam und unglaubwürdig die Situation klingen mag, so absurd und bisweilen komisch ist dann doch die sich daraus ergebende Geschichte. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, einfach alles hinzuschmeißen und aus dem Alltag auszubrechen, fragt Howard Wakefield in einem seiner per Voice-Over vorgetragenen inneren Monologe das Publikum. Natürlich stehen hinter diesem Wunsch bei ihm tieferliegende Probleme in der Beziehung zu seiner Familie, die der Film zum Teil in Rückblenden erläutert. Auf diese Weise wird Howards Entscheidung, quasi als Obdachloser beim eigenen Haus zu leben, doch noch nachvollziehbar. Er lebt von den Essensresten, die seine Familie und die Nachbarn wegwerfen und je mehr Zeit vergeht, umso „professioneller“ wird er einerseits was diesen Lebensstil betrifft, umso weniger traut er sich allerdings auch, seiner Frau wieder gegenüber zu treten.

Der Geschichte wird ganz aus Howards Perspektive gezeigt, was u.a. bedeutet, dass man seine Familie meistens nur durch die Fenster des Hauses zu sehen bekommt, ihre Unterhaltungen aber nicht hört. Stattdessen hört man dagegen die Version dieser Unterhaltungen, die Howard sich im Kopf zurechtlegt – seine eigene Interpretation des Geschehens, die stets von seinem anfänglichen Hass auf seine Frau geprägt ist und mit der Zeit auch immer mehr davon, dass er sich in seinen Zustand mehr und mehr hineinsteigert, mit kaum jemandem mehr spricht und, nun ja, ein wenig verrückt dabei wird.

WakefieldIn gewisser Weise ist „Wakefield“ ein Gedankenexperiment, welches durchspielt, was passieren würde, wenn man sich seinen Problemen nicht stellen würde und stattdessen aus dem eigenen Leben heraustreten und zum bloßen Beobachter werden könnte. Der Film ist absurd und komisch, aber doch in sich schlüssig und Bryan Cranston überzeugt auch in der Rolle des Durchschnittstypen, die weniger Aufmerksamkeit erregend ist als seine Rollen in „Breaking Bad“ oder als Präsident Lyndon B. Johnson in „All The Way“, welcher auch auf dem Filmfest gezeigt wurde.

„Gedankenexperiment“ ist ein gutes Stichwort, das mich gleich zum nächsten Film führt. Oben habe ich „Home“ als den vielleicht besten Film meines diesjährigen Programms bezeichnet. Nun, dasselbe muss ich auch über „The Death and Life of Otto Bloom“ sagen. Dieser Film ist in der Ausführung zwar weniger spektakulär als „Home“, dafür aber voll von Kreativität und naiver Lebenslust. Es handelt sich hierbei um eine Mockumentary, also eine fiktive Dokumentation, mit der Regisseur Cris Jones seinen ersten Langfilm vorgelegt hat. Er erzählt darin die Geschichte von Otto Bloom (Xavier Samuel), der die Zeit rückwärts erlebt. Er hat also keinerlei Erinnerungen an alles Vergangene, kann sich aber an die Zukunft „erinnern“. Mit Hilfe von (gespielten) Interviewaufnahmen von Ottos Weggefährten, fiktiven dokumentarischen Aufnahmen aus dessen Leben und auch mit einigen Aufnahmen, die genau genommen mit der Form der Dokumentation brechen, erzählt Jones die Geschichte dieses Mannes.

Das Szenario wird dabei erstaunlich ernsthaft und gut durchdacht durchgespielt. Was wäre, wenn es einen solchen Menschen tatsächlich geben würde? Sein Leben wäre gewissermaßen eine Mischung aus „Benjamin Button“ und „Memento“, denn während sein Körper altert wie der aller anderen auch, bewegt sich sein Bewusstsein doch fortwährend in die andere Richtung. Die sich daraus ergebenden philosophischen uThe Death and Life of Otto Bloomnd sonstigen wissenschaftlichen Fragen sind natürlich endlos, und einige davon werden im Film auch angesprochen. Filmisch ist an „Otto Bloom“ wie bereits angedeutet nichts besonders aufregend; die Grundidee jedoch und die Konsequenz, mit der diese weiterverfolgt wird, machen den Film nicht nur zu einem wahren Vergnügen, sondern auch zu einer Geschichte, über die man noch lange nach dem Abspann nachdenkt. Der Film bringt nicht nur Vergangenheit und Zukunft zusammen, sondern betrachtet zahlreiche weitere Themen mal aus einem etwas anderen Blickwinkel: Wissenschaft, Religion, Liebe, Tod… Man entdeckt hier Zusammenhänge, die man nicht für möglich gehalten hätte und folgt gespannt der Lebensgeschichte des fiktiven Otto Bloom, als sei er tatsächlich eine reale, zeitgeschichtliche Person. „The Death and Life of Otto Bloom“ ist ein Film, über den ich noch lange nachdenken werde.

Um die ganz großen Themen des Lebens geht es auch im Festivalbeitrag „Prinzessinnen und Drachen“ („Ivan Tsarevitch et la Princesse Changeante“) von Michel Ocelot. Allerdings werden diese dort kindgerecht aufbereitet (und der Film läuft auch in der Reihe des Kinderfilmfestes). In wunderschöner Scherenschnitt-Optik erzählt der 57 Minuten lange Animationsfilm vier verschiedene Märchen aus aller Welt. Davon hat es mir vor allem die erste Geschichte angetan: Sie handelt von einer Gruppe von Menschen, die in einer Höhle leben und von Monstern bedroht werden. Nur wenn die Monster gnädig sind, lassen sie die Menschen an die Trinkwasserquelle oder zum Pilzesammeln. Ein kleines Mädchen, für das alle anderen nur Verachtung übrig haben, traut sich jedoch – unterstützt von einer Ratte – den Monstern gegenüber zu treten. Und siehe da: Tritt man ihnen entgegen und blickt ihnen in die Augen, dann werden die Monster immer kleiner und verschwinden schließlich ganz. Auf diese Weise kommt das Mädchen nicht nur an Wasser und Nahrung, sondern findet schließlich einen Weg aus der Höhle hinaus in eine Welt, die keiner der Höhlenbewohner je gesehen hat.

Die Moral dieser Geschichte ist natürlich, dass man sich seinenPrinzessinnen und Drachen Ängsten stellen muss, um sie zu überwinden. Dann sehen sie auf einmal gar nicht mehr so groß aus, wie man vorher dachte. Zugleich entdeckt man so ganz neue Welten, anstatt wie die Menschen in der Geschichte sein Leben lang in einer Höhle zu verbringen. Hätte ich Kinder, würde ich ihnen diesen Film auf jeden Fall zeigen, nicht nur wegen der wichtigen Botschaften in den Geschichten. Die Märchenerzählungen sind optisch wunderschön gestaltet und lassen sich (zumindest wenn man die Möglichkeit hat, sie zuhause anzuschauen) auch als einzelne, in sich geschlossene Kurzfilme betrachten. Wie gesagt war der erste davon meine Lieblingsepisode, und darin wiederum hatte ich eine Lieblinsszene: Die Ratte lotst das Mädchen aus der Höhle heraus, wobei jedoch eine Reihe von Monstern überwunden werden müssen. Wieder und wieder beteuert das Mädchen, dass es große Angst vor diesen habe. Und was erwidert die Ratte darauf jedes Mal? „Bien sur. Vas-y!“ („Natürlich. Geh weiter!“) Denn was bleibt einem schon anderes übrig, wenn man sich nicht von seiner Angst besiegen lassen will? Den Monstern in die Augen schauen und weitergehen! Ich wünsche mir, auch ich hätte eine kleine Ratte an meiner Seite, die mir dabei hilft…

Leider sind alle Vorführungen der vier hier besprochenen Filme auf dem Filmfest schon vorbei.

Copyright Bilder: Filmfest München

Mehr Berlin!

Ein Perspektivenwechsel tut immer gut, mir ganz besonders. Schließlich hänge ich seit Jahren im immer gleichen (mal mehr, mal weniger depressiven) Alltagstrott fest. Leider gehöre ich zu den Personen, die von alleine nur äußerst selten etwas wirklich Neues wagen. Umso besser war es also, dass wir von 18. bis 21. Mai zu sechst nach Berlin gefahren sind, dort alte Freunde getroffen haben (Steffi, Flo, Gin Martini 😉 ) und so einiges erlebt haben.

Ich war ja schon oft in Berlin und meistens haben mir diese Kurzurlaube neuen Antrieb und neue Ideen gegeben. Nachdem ich dieses Mal endlich ein wenig mehr von der Stadt kennen gelernt habe als die Stadtteile, die ich vorher schon kannte, liebe ich Berlin noch mehr. Und München finde ich gerade todlangweilig und spießig, denn so eine Nacht wie ich sie in Berlin erlebt habe, wird man in München wahrscheinlich nie erleben können…

Ein (mal wieder völlig banales, aber für mich trotzdem wichtiges) Beispiel dafür, dass ich immer erst einen Schubs brauche, um Veränderungen vorzunehmen, habt ihr ja schon live bzw. auf Facebook mitbekommen: so blöd es klingt, aber ich hätte mich alleine nie getraut, mir die Haare zusammen zu binden. Das fällt in den Bereich der Dinge, die mir schwer fallen, weil sie damit zu tun haben, mein eigenes Selbst auszudrücken (und noch dazu hat es mit meinem Körper zu tun, mit dem ich mich ja oft ohnehin nicht wohl fühle). Ich muss echt mal wieder auf einer Theaterbühne stehen, um weiter an diesen Problemen zu arbeiten… Naja, sobald ich mit Haargummi in den Haaren dasaß, fühlte es sich jedenfalls super an. Und auch die Lichterkette um meinen Hals hat mir zumindest in Berlin nichts ausgemacht. 😉

Leider sitze ich gerade wieder in meiner Wohnung in München und alle Veränderungen, die ich mir wünsche, erscheinen wieder unglaublich schwer. Ich brauche also mehr Berlin in mir! Am liebsten würde ich wirklich gleich hinziehen, aber auch diese Hürde erscheint mir riesig. Wahrscheinlich muss ich mir einfach die Haare zusammenbinden und es einfach tun!

Türen öffnen

Wie war das doch gleich noch mal mit „Neues wagen“? Ende Januar habe ich in einem Blogpost darüber sinniert, wie wichtig es für mich angesichts meiner Ängste sei, regelmäßig neue Dinge zu tun und auszuprobieren. Auch ganz banale, (für andere Leute) alltägliche. Nun, das nehme ich mir immer wieder vor, doch klappt es leider längst nicht so häufig wie ich es mir wünsche. Ich kann mich noch erinnern, was für ein großer Schritt es für mich war, vor ein paar Jahren endlich zum ersten Mal alleine ins nächstgelegene Schwimmbad zu gehen. Aber solche Schritte tue ich viel zu selten.

Dabei sind es gerade die kleinen, banalen und teilweise – zumindest rückblickend – fast schon lächerlich wirkenden Schritte, die wichtig sind. Sie bewirken zusammen nach und nach eine Gewöhnung an neue Situationen, Menschen, Orte und Taten. In den letzten Wochen ging es mir häufig sehr schlecht, wofür ich zum Großteil selbst die Schuld trage. Zuhause herumzusitzen und sich nach zwischenmenschlichem Kontakt zu sehnen, während man sich gleichzeitig von zahlreichen Menschen abkapselt, ist nämlich keine gute Idee. Leider ist es aber ein von mir lange eingübtes Verhaltensmuster…

Da ich aber hier nicht darüber schreiben möchte, was an meinem Leben so schlimm ist und warum es mir schlecht geht, werde ich euch damit auch nicht langweilen. Immerhin habe ich in Abstimmung mit meiner Ärztin vor kurzem meine Medikation angepasst. Momentan nehme ich genau die richtige Dosis Anitdepressiva, dass zumindest meine Grundstimmung ein bestimmtes Level nie unterschreitet – darauf lässt sich aufbauen. Außerdem bloggen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis in letzter Zeit mehrere Leute so positiv über ihr Leben (z.B. hier oder hier) – das macht mich einerseits neidisch auf deren Leben und spornt mich andererseits an, ebenfalls Positives zu berichten. Jedenfalls ist es gut, wenn man sich darauf konzentriert.

Dass ich hier nach den ersten drei Blogposts in dieser Kategorie nun erst einmal einige Wochen nichts mehr über mich geschrieben habe, hängt auch damit zusammen, dass es einfach wahnsinnig schwer ist. Ich hatte mir vorgenommen, ganz unverblümt über meine Ängste und die Schwierigkeiten bei deren Überwindung zu schreiben und habe damit ja auch ganz gut begonnen. Aber obwohl diese Texte nicht öffentlich einsehbar sind, tendiere ich immer wieder dazu, alles in mir drin zu halten und meine Probleme lieber immer und immer wieder ganz alleine „durchzukauen“. Damit drehe ich mich quasi geistig im Kreis.

Ich möchte ein Beispiel nennen für etwas Neues, das ich in letzter Zeit getan habe. Klein, banal, für andere Menschen selbstverständlich, aber für mich ein kleiner Erfolg, der mich Überwindung gekostet hat. Vor gut zwei Wochen bin ich nach einem Arzttermin am Josephsplatz noch ein wenig durch die Stadt gelaufen und dabei an der „Munich Readery“ vorbeigekommen. Zunächst habe ich mir nur die vor dem Laden auf dem Gehweg aufgestellten Bücher angesehen und wollte schon weitergehen. Aber dann habe ich mir einen Ruck gegeben, habe die Tür geöffnet und den Laden betreten (zum ersten Mal!). Wie gesagt, das klingt vollkommen banal. Warum soll man sich so etwas nicht trauen? Darüber könnte ich jetzt lange spekulieren, im Endeffekt ist der Grund bei mir aber wohl immer: weil ich auf irgendeine Art von Ablehnung stoßen könnte. Aber ein Buchhändler wird mich wohl kaum hinauswerfen, wenn ich seinen Laden betrete, oder? Dazu ist der Laden ja schließlich da. Und natürlich bin ich auch nicht rausgeworfen worden, sondern habe mir bewusst die Zeit genommen, die Regale zu studieren und dann beschlossen, wieder zu kommen, wenn ich mehr Geld habe. 😉

Dieses Erlebnis hat mich ein wenig gefestigt und ist ein Beispiel dafür, wie alltägliche Entscheidungen, Taten und Begegnungen in mir das Bewusstsein dafür schaffen können, dass ich von der Welt und den Menschen um mich herum nichts zu befürchten habe. Leider bin ich momentan noch in einem Stadium, in dem ich mich auch relativ „kleine“ Taten noch ziemlich große Überwindung kosten. Deshalb wäre es ideal, wenn ich mich mehrmals pro Woche solchen Situationen aussetzen würde. (Ich sollte mal wieder in die Übungsbücher reinschauen, die ich damals durch meine Therapeutin kennen gelernt habe und die genau dazu Übungen enthalten.)

Es gab in meinem Leben viele Türen, die ich leider nie oder erst sehr spät geöffnet habe (metaphorische und tatsächliche). Ich erinnere mich zum Beispiel noch daran, wie ich es in den ersten Wochen/Monaten meines Studiums stets vermieden habe, die Institutsbibliothek zu betreten. Aber wichtig daran ist nur: irgendwann habe ich mich dazu entschieden, es doch zu tun – und nicht nur gemerkt, dass daran absolut nichts Schlimmes ist, sondern die Bibliothek sogar recht lieb gewonnen. 🙂

Neues wagen

Von Freitag bis Sonntag war ich mit Freunden in Berlin. Mal aus seiner gewohnten Umgebung raus zu kommen, tut immer gut. Es sorgt für einen Perspektivenwechsel und zeigt einem, was es alles an Möglichkeiten in der Welt gibt.

Es hat mir aber auch ab und zu gezeigt, dass es unglaublich viele Dinge gibt, die ich noch nie getan habe – ich habe mich ganz einfach noch nie getraut bzw. Vermeidungsstrategien angewendet, damit ich diese Dinge gar nicht tun musste. Als ich am Samstag mit Franzi im Auto saß und wir auf dem Weg zur Tankstelle waren, kam mir plötzlich in den Sinn, dass ich selbst noch nie getankt habe! Ich habe mich ja auch schon lange nicht mehr getraut, Auto zu fahren und es war ganz einfach noch nie notwendig, dass ich selbst zu einer Tankstelle fahre und ein Auto volltanke.
Nun, jedenfalls war ich gut drauf und habe diesen Gedanken laut geäußert. Daraufhin hat Franzi zu mir so etwas gesagt wie „Dann machst du das jetzt eben zum ersten Mal“. Wir sind zur Tankstelle gefahren, ich bin mit ausgestiegen und habe unter Franzis Anleitung den Wagen vollgetankt.

Warum schreibe ich das jetzt, obwohl es sich doch vollkommen banal anhört und für die meisten Menschen nichts Besonderes und wohl eine ähnlich alltägliche Aktivität wie das Zähneputzen ist? Ganz einfach: Es hat mir nicht nur vor Augen geführt, dass es viele – kleine und große, wichtige und weniger wichtige – Dinge gibt, die ich mich noch nie getraut habe. Sondern auch, dass ich nicht verzweifeln darf ob dieser Menge Situationen und Tätigkeiten, die mir Angst machen. Niemand verlangt nämlich von mir, dass ich mich all diesen Dingen auf einmal stelle oder ganz plötzlich meine größten Ängste besiege. Ganz im Gegenteil: Ich muss kleine, aber kontinuierliche Schritte gehen. Gerade die scheinbar banalen, alltäglichen Situationen sind es eben, an denen ich wachsen kann. Und wenn ich mich daran gewöhne, mich immer wieder solchen kleinen, neuen Dingen zu stellen, dann fallen mir bestimmt bald auch die größeren Entscheidungen und Veränderungen leichter.

Übrigens habe ich gestern auf der Rückfahrt gleich wieder getankt. Dieses Mal habe ich es schon ganz alleine hingekriegt, ohne Anleitung. Faszinierend, wie einfach selbst die Dinge sein können, vor denen man sich sein Leben lang gedrückt hat – sobald man sie einfach nur mal tut.