Fernsehen mal drei: „Designated Survivor“, „The Night Manager“ & „Wayward Pines“

Was macht man, wenn man sein Leben gerade nicht auf die Reihe kriegt und sich von Problemen ablenken lassen will? Genau, fernsehen! Das habe ich in den letzten Wochen auch wieder viel gemacht. Dabei bin ich unter anderem „Seinfeld“ verfallen – ich hatte bis vor etwa zwei Monaten tatsächlich noch keine einzige Folge der legendären Sitcom gesehen, obwohl ich schon seit Jahren ein großer Fan von Larry David bin. Auch mit „The Big Bang Theory“ habe ich endlich angefangen, nachdem ich mir schon seit Jahren anhören muss, dass ich einem gewissen Sheldon ziemlich ähnlich bin. 😉 Davon habe ich aber erst drei Folgen angeschaut. Und um diese Sitcoms soll es hier eigentlich gar nicht gehen, sondern um drei andere Serien.

Designated Survivor

In diesem Politdrama, das in den USA auf ABC und hierzulande auf Netflix zu sehen ist, wird der von Kiefer Sutherland gespielte Thomas Kirkman unerwartet zum US-Präsidenten. Er ist nämlich jener „designated survivor“, der sich, während der Präsident im Kapitol seine Rede zur Lage der Nation (State of the Union) hält, an einem geheimen Ort aufhält – nur für den Fall der Fälle, dass eben der Präsident und alle anderen Amtsträger, die für dessen Nachfolge in Frage kommen, ums Leben kommen sollten. Dieser Fall tritt hier in der ersten Episode tatsächlich ein, als ein Bombenanschlag auf das Kapitol verübt wird, dem nicht nur der US-Präsident, sein Stellvertreter und sämtliche versammelten Minister, sondern auch ein Großteil des Kongresses zum Opfer fallen.
So wird Kirkman, der bislang Minister für Wohnungsbau und Stadtplanung war (und dem der Präsident dieses Amt eigentlich wieder entziehen wollte) also Hals über Kopf vereidigt und steht fortan an der Spitze einer Regierung, in der viele den unerfahrenen Neuling sofort wieder absägen möchten. Dazu kommen chaotische Zustände, Intrigen und Verschwörungen wie sie eben nach einem das Land erschütternden Terroranschlag dazu gehören.
Ich muss zugeben, dass für mich das Spannendste an „Designated Survivor“ eigentlich die Ausgangssituation ist. Klar wäre es furchtbar, sollte dieser Fall jemals wirklich eintreffen. Aber ihn mal im Fersehen durchzuspielen, das hat schon seinen Reiz. Leider verfliegt dieser Reiz aber recht schnell wieder. Nach drei oder vier Folgen unterscheidet sich „Designated Survivor“ nur noch wenig von anderen Politthrillern. Folge für Folge muss die Serie mit immer neuen überraschenden Wendungen und schockierenden Entwicklungen aufwarten. Dadurch hat man gelegentlich das Gefühl, sich hier mehr in einer Polit-Soap zu befinden (und die Serie schreckt diesbezüglich tatsächlich nicht vor einigen sehr billigen Handlungselementen zurück – Stichwort: Sohn des Präsidenten). Insofern habe ich mich ein paar Mal an „Political Animals“ erinnert gefühlt, allerdings waren dort die schauspielerischen Leistungen deutlich besser und es handelte sich nur um eine Miniserie. Die erste Staffel von „Designated Survivor“ dagegen ist auf 22 Episoden angelegt, von denen ich bislang zehn gesehen habe. Wären bereits alle Folgen auf Netflix verfügbar, hätte ich wohl schon aufgegeben. Da hier aber ganz altmodisch jede Woche nur eine Folge veröffentlicht wird, könnte es sogar sein, dass ich dran bleibe. Und sei es nur, weil ich mich so freue, Natascha McElhone mal wieder zu sehen, die hier die First Lady spielt.
Fazit: „Designated Survivor“ ist eine Art Mischung aus „House of Cards“, „24“ und „Political Animals“. Spannende und kurzweilige Unterhaltung mit einem Kiefer Sutherland, der eben so spielt wie er es immer tut. Aber eben auch eine Serie wie viele andere.

The Night Manager

Weiter geht es von der amerikanischen Regierung zum britischen Geheimdienst. „The Night Manager“ ist in Deutschland momentan exklusiv bei Amazon Prime zu sehen. Nachdem mir mehrere Freunde von der achtteiligen Serie vorgeschwärmt hatten, habe ich mir vor kurzem selbst ein Bild gemacht – und wollte eigentlich schon nach der zweiten Episode wieder Schluss machen.
Ein Nachtmanager eines Hotels, der vom britischen Geheimdienst undercover ins Team eines weltweit operierenden Waffenhändlers eingeschleust wird? Vollkommen unglaubwürdig, dachte ich mir. Noch dazu ist die Inszenierung hier ziemlich altmodisch und behäbig, was ja nicht schlecht sein muss, aber bei mir mal wieder die Frage aufwirft, warum man denn heute gleich aus jedem Stoff eine TV-Serie machen muss. Letztes Jahr kam „Verräter wie wir“ ins Kino, genau wie „The Night Manager“ die Verfilmung eines Romans von John le Carré. Der Film war zwar kein Meisterwerk, aber spannend und gut gespielt und inszeniert (meine Kritik könnt ihr hier lesen). Aber auf acht Episoden breitgetreten hätte ich den Stoff nicht gebraucht. Auch „The Night Manager“ hat die Streckung des Stoffes meiner Meinung nach nicht gut getan. Man hätte doch auch einen flotten und spannenden Zweiteiler inszenieren können? Stattdessen müssen (oder dürfen) wir nun Tom Hiddleston (als Nachtmanager, der zum Spion wird) und Hugh Laurie (als auf großem Fuß lebenden Waffenhändler) acht Folgen lang dabei zusehen, wie sie sich misstrauisch anschauen.
Mir war das wie gesagt nach zwei Folgen schon zu langweilig; ich habe danach nur weiter zugeschaut, weil mir eine Freundin eingeredet hat, danach gehe es doch erst richtig los. Tut es aber nicht, sondern es geht einfach genauso weiter, wie es angefangen hat. Und das mit dem Hotelmanager, der zum Undercoveragenten wird, mag zwar realistischer sein, als ich zunächst dachte. John le Carré hat schließlich selbst eine Vergangenheit im Geheimdienst und wird schon wissen, wovon er schreibt. Trotzdem haben mich hier nicht einmal die guten Schauspieler überzeugen können. Weil es nur acht Folgen waren, habe ich mich halt irgendwie durchgequält, großen Spaß gemacht hat es mir allerdings nicht.

Wayward Pines

Ganz anders verhält es sich mit „Wayward Pines“: Danach bin ich momentan regelrecht süchtig. Ich wollte vorgestern abends eigentlich nur die ersten zwei Folgen anschauen, daraus wurden dann fünf (und gestern noch einmal zwei). Die Mystery-Serie stand schon lange auf meiner „to watch“-Liste, weil sie von M. Night Shyamalan produziert wird, der auch bei der ersten Folge Regie geführt hat (auch die durch „Stranger Things“ bekannt gewordenen Duffer-Brüder sind als Produzenten und bei einigen Episoden auch als Drehbuchautoren beteiligt).
„Wayward Pines“ basiert auf einer Romantrilogie von Blake Crouch und wird oft mit „Twin Peaks“ verglichen. Der Vergleich ist allerdings trügerisch. Gemeinsam haben beide Serien, dass jeweils ein Geheimagent in eine US-Kleinstadt kommt, um dort ein Verbrechen aufzuklären. In beiden Serien trifft dieser Agent auf allerlei sonderbare und schräge Stadtbewohner. Aber viel weiter gehen die Ähnlichkeiten meiner Meinung nach nicht, da sich in „Wayward Pines“ die Handlung ab der Mitte der ersten Staffel in eine vollkommen andere Richtung entwickelt als bei „Twin Peaks“. Generell möchte ich über die Handlung nicht viel mehr verraten und kann jedem nur empfehlen, sich vorher möglichst nicht spoilern zu lassen. Wie der von Matt Dillon gespielte Ethan Burke hier in den ersten Folgen in eine durch und durch kafkaeske, alptraumhafte Situation gerät, ist nämlich hochspannend, sodass man am Ende jeder Folge gleich weiter schauen muss, um Antworten zu finden. Warum wollen die Bewohner von Wayward Pines scheinbar nicht, dass Ethan die Stadt wieder verlässt? Warum scheint es für sie verboten zu sein, über ihre Vergangenheit zu sprechen? Das sind nur zwei der zahlreichen Fragen, die am Anfang für Kopfkratzen sorgen.
Die Serie wartet mit ein paar überraschenden Wendungen auf, von denen zumindest eine ein richtig großer „WTF!?“-Moment ist. Den kann man dann doof finden oder eben richtig großartig (so wie ich). Auf jeden Fall hat mich die Serie nun äußerst neugierig auf die Romane von Blake Crouch gemacht (auf alle seine Bücher, nicht nur die Vorlagen zu „Wayward Pines“). Momentan exisitieren zwei Staffeln der TV-Serie mit jeweils zehn Folgen. Eine dritte Staffel scheint derzeit nicht in Planung zu sein, allerdings war auch schon die Pause zwischen den ersten beiden Staffeln ungewöhnlich lang (weswegen auch einige Darsteller für die zweite Staffel nicht mehr oder nicht im gewohnten Umfang zur Verfügung standen).
Es wundert mich, dass die Serie kein größerer Hit geworden ist, denn sie schlägt einige Themen an, die in den letzten Jahren eigentlich ziemlich angesagt sind (ich muss leider so vage bleiben, um Spoiler zu vermeiden). Die Darstellerriege ist mit Matt Dillon, Melissa Leo, Terrence Howard, Toby Jones, Juliette Lewis und Hope Davis äußerst beeindruckend. Vielleicht haben sich manche potentielle Zuschauer von Shyamalans Namen abschrecken lassen… Ich werde heute Abend auf jeden Fall die erste Staffel zu Ende anschauen. Mal sehen, ob meine Begeisterung danach noch genau so groß ist.
Die erste Staffel von „Wayward Pines“ ist in Deutschland auf DVD/Bluray sowie auf Amazon Prime verfügbar. Staffel 2 kann bei Amazon als Video-Download gekauft werden. (Zudem war/ist die Serie anscheinend in der Free-TV-Erstausstrahlung auf ZDFneo zu sehen.) Begleitend zur Serie gibt es die aus zehn dreiminütigen Kurzepisoden bestehende Serie „Gone“, die man auf YouTube finden kann. (Ich habe sie noch nicht angeschaut, bin aber schon gespannt, was mich dabei erwartet.)

„The Visit“ von M. Night Shyamalan

M. Night ShyamalanDer Name M. Night Shyamalan auf einem Filmplakat löst bei Filmfans unterschiedliche Reaktionen aus. Diese reichen von freudiger Erwartung bis hin zu empörter Abwendung. Zugegeben, mehr und mehr frühere Fans neigen in den letzten Jahren eher zu letzterer Reaktion, hat der nach „The Sixth Sense“ (1999) als neues Regie-Wunder gefeierte Shyamalan doch spätestens mit „Die Legende von Aang“ („The Last Airbender“, 2010) und „After Earth“ (2013) zwei Filme abgeliefert, die sich selbst eingefleischte Fans nicht mehr schönreden konnten. Ich persönlich habe den Regisseur zumindest bis „The Happening“ (2008) immer gegen die meiner Meinung nach zu scharfe Kritik an seinen Filmen verteidigt. „Unbreakable“ (2000) halte ich für ein kleines Meisterwerk und zähle „The Village“ (2004) zu meinen Lieblingsfilmen. Dass ich „Lady in the Water“ („Das Mädchen aus dem Wasser“, 2006) und „The Happening“ aber jeweils nur einmal gesehen habe und seitdem nicht mehr zu ihnen zurückgekehrt bin, zeigt vielleicht schon, dass auch ich Angst habe, diese Filme könnten bei einer zweiten Sichtung in einem ganz anderen Licht erscheinen und viel von der Faszination verlieren, die sie auf mich ausgeübt haben. „After Earth“ war schließlich einer der schlechtesten Filme, die ich je gesehen habe – das muss ich einfach so sagen und diesen Film will ich auch ganz bestimmt kein zweites Mal sehen.
Trotzdem bin ich auf jeden neuen Film von Shyamalan gespannt. Der Mann hat schließlich schon mal bewiesen, was er draufhat und es könnte ja sein, dass ihm eines Tages wieder ein so meisterhaft inszenierter, atmosphärisch dichter und hervorragend gespielter Film gelingt, wie es in der Schaffensphase von „The Sixth Sense“ bis „The Village“ der Fall war. Nun, sein neuester Film „The Visit“, der am 4. Februar auf DVD und Blu-ray erscheint, ist kein solcher Film – und ist dennoch keine Enttäuschung.
The Visit - Blu-rayNachdem anscheinend niemand mehr in Hollywood bereit ist, Shyamlan größere Geldsummen für einen Film zur Verfügung zu stellen, hat dieser aus der Not eine Tugend gemacht und „The Visit“ als Found Footage-Film gedreht, was bedeutet: Es darf hier nicht nur billig und amateurhaft aussehen, sondern das ist sogar gewollt. Der Film erzählt die Geschichte der 15-jährigen Rebecca (Olivia DeJonge) und ihres 13-jährigen Bruders Tyler (Ed Oxenbould). Die beiden besuchen für eine Woche ihre Großeltern, die sie nie zuvor getroffen haben, da Rebeccas und Tylers Mutter (Kathryn Hahn) als 19-Jährige den Kontakt zu ihnen abgebrochen hat. Den genauen Grund dafür verschweigt sie ihren Kindern, will ihnen aber den Wunsch nicht verwehren, die Großeltern endlich kennen zu lernen. Da sie und ihr Lebensgefährte eine Kreuzfahrt machen, kommt es ihr sowieso gerade recht, dass sie die Kinder für eine Woche dort unterbringen kann. Sie setzt Rebecca und Tyler also in den Zug und die beiden machen sich auf zu Oma und Opa (Peter McRobbie und Deanna Dunagan). Die Hobbyfilmerin Rebecca will die Chance nutzen und eine Dokumentation über das Zusammentreffen mit ihren Großeltern drehen. Insgeheim hofft sie dabei, den Grund für das plötzliche Ausreißen ihrer Mutter aus dem Elternhaus und den folgenden Kontaktabbruch herauszufinden.
Doch erst einmal machen sie und ihr Bruder ganz andere Entdeckungen. Die zunächst so sympathisch wirkenden Großeltern lassen nach und nach immer mehr seltsame, erschreckende und verstörende Seiten erkennen. Die Oma kotzt nachts in den Hausflur, rennt wie wahnsinnig durchs Haus und kratzt nackt an der Tür; der Opa wiederum werkelt tagsüber in einem Schuppen, zu dem er niemand anderem Zutritt gewährt und hat gelegentliche Anfälle von Verwolgungswahn. Rebecca und Tyler bekommen es allmählich mit der Angst zu tun und fragen sich, was mit ihren Großeltern los ist.

The Visit 2Bei „The Visit“ hat Shyamalan nicht nur kein zweistelliges Millionenbudget mehr zur Verfügung, auch sonst ist der Film in vielfacher Hinsicht sehr reduziert gehalten. Es gibt nur wenige Darsteller und der Großteil der Handlung spielt sich im bzw. um das Farmhaus der Großeltern ab. Gefilmt ist das alles wie gesagt im Found Footage-Stil, da der Film die Illusion vermitteln will, gänzlich aus dem von Rebecca gefilmten Material zusammen geschnitten worden zu sein. (Ob es sich tatsächlich um Found Footage handelt, sprich: ob jemand anderes das Material gefunden und geschnitten hat oder aber ob Rebecca die Arbeit an ihrem Film selbst beendet hat, kann man natürlich nicht verraten, ohne zu spoilern.) Diese Illusion wird auch recht überzeugend aufrecht erhalten und so fängt die Kamera hier das Geschehen schon mal auf einem Geländer oder auf der Arbeitsplatte in der Küche liegend ein. Viel unglaubwürdiger als das Found Footage-Konzept ist an dem Film sowieso die Tatsache, dass zwei Teenager sich voller Vorfreude auf die Fahrt zu ihren Großeltern machen, die sich noch nie gesehen haben und bei denen sie eine ganze Woche bleiben sollen…
Doch abgesehen von dieser Ausgangssituation sind die Charaktere glaubwürdig und der Film ziemlich unterhaltsam. Wie Tyler seiner Oma spontan seine Rap-Künste demonstriert und sich die Kinder darüber aufregen, dass es kein WiFi im Haus gibt, das wirkt lebensnah. Die Beiden scheinen anfangs gut mit ihren Großeltern auszukommen. Auch die ersten Anzeichen seltsamen Verhaltens bei den Großeltern werden auf Nachfragen der beiden Kinder von den Großeltern plausibel mit körperlichen und psychischen Krankheiten begründet. Die Großmutter habe einfach einen kurzen, aber schweren Magen-Darm-Infekt gehabt, erklärt der Opa zum Beispiel nach der ersten Nacht im Haus.

The Visit 4Horrorfilme thematisieren häufig auf die eine oder andere Weise das Verhältnis des Menschen zu seinem eigenen Körper. Zombies, Werwölfe oder die allmähliche Verwandlung eines Menschen in ein Insekt stehen als Metaphern für die Angst vor dem Verfall des Körpers und das Unbehagen, das oft mit körperlichen Veränderungen einhergeht – ganz besonders mit solchen, die den Körper schwach und gebrechlich machen. Bei „The Visit“ braucht man nicht viel herum deuten, um auf eine solche Lesart zu kommen, denn sie ist in den Film bereits eingebaut. Tyler und Rebecca versuchen sich nach ihrer ersten Panik zu beruhigen, indem sie das Verhalten der Großeltern schlicht als normales Verhalten alter Menschen (also: von Menschen mit alten Körpern) interpretieren. Im Alter leiden Menschen nun einmal häufiger unter Schlafstörungen, Inkontinenz oder Gedächtnislücken und sie entwickeln Verhaltensweisen und Vorstellungen, die anderen, jüngeren Menschen seltsam vorkommen können. All dies kommt auch in „The Visit“ vor, nur scheinen die Alten hier tatsächlich einfach nur alt zu sein und das Grauen nicht von der Verwandlung des Körpers in einen Werwolf zu kommen, sondern einfach von den natürlichen Begleiterscheinungen des Alterns. Auch in dieser Hinsicht ist „The Visit“ ein aufs Wesentliche reduzierter Horrorfilm: Wer braucht schon Zombies, wenn die realen Begleiterscheinungen des Alters genauso grauenvoll sein können?
(Und was mir außerdem aufgefallen ist: Jedesmal, wenn die Oma den Kindern eine plausible Erklärung für das seltsame Verhalten des Opas liefert, lenkt sie danach vom Thema ab, indem sie vom Essen spricht – was ja wieder in direktem Bezug zum Körper steht.)

Ihr merkt schon, der Film hat mich zum Nachdenken gebracht, was schon mal ein gutes Zeichen ist. Aber ich hatte auch Spaß. „The Visit“ ist definitiv kein Film, der sich selbst zu ernst nimmt, sondern sich der Tatsache bewusst ist, dass er Themen und Motive aufgreift, die im Horrorgenre ein alter Hut sind. Zwar bin ich mir nicht sicher, ob die Komik des Films nicht manchmal eine unfreiwillige ist, insgesamt ist es aber ein gutes Zeichen, dass Shyamalan inzwischen fähig zu sein scheint, so etwas wie Selbstironie in seine Filme einzubauen und nicht mehr alles so bierernst zu nehmen. Nur so ist es auch möglich, tatsächlich eine Szene im Film zu haben, in der die Großmutter ihre Enkelin bittet, in den Ofen zu kriechen, um ihn zu putzen. Das ist gruselig, gerade weil man weiß worauf hier Bezug genommen wird und genau deswegen darf man auch lachen (und kann sich trotzdem gleichzeitig noch gruseln).
The Visit 3Man darf also aufatmen: Shyamalans neuester Film ist kein erneuter Griff ins Klo. „The Visit“ hält durchgehend eine bedrohliche Atmosphäre aufrecht, hat einige kreative Einfälle zu bieten und punktet mit überzeugenden Schauspielleistungen (ganz besonders Deanna Dunagan merkt man an, wie viel Spaß es ihr macht, hier eine verrückte, alte Großmutter zu spielen und dabei einige Klischees des Horrorfilms durchzuexerzieren). Das Ende mag zwar nicht jeden Zuschauer befriedigen und ist ganz bestimmt nicht so verblüffend wie einst bei „The Sixth Sense“ oder „Unbreakable“,
muss es aber auch gar nicht sein. Eine künstlerische Weiterentwicklung stellt der Film für Shyamalan zwar nicht dar, aber nach den schrecklichen letzten Filmen ist sein back to basics-Ansatz – ob nun gewollt oder aus Sparzwang resultierend – trotzdem eine gute Entscheidung gewesen. Mit „The Visit“ erfindet er das Rad nicht neu, aber Shyamalan erinnert uns endlich wieder an seine Stärken als Filmemacher. Zugegeben, ich finde den Film vielleicht zum Teil deswegen gut, weil er eben auf (mindestens) zwei wirklich schlechte Filme folgt; aber trotzdem: wenn Shyamalan sich bei seinem nächsten Film auf dieselben Stärken besinnt, erneut die Fähigkeit zur Selbstironie zeigt und ein paar mehr kreative Risiken eingeht, dann könnte das Ergebnis ein noch besseres sein. Und irgendwann könnte es dann so weit sein, dass man sich auf einen neuen Shyamalan-Film wieder uneingeschränkt freuen kann. Das ist momentan noch schwer vorstellbar, doch mit „The Visit“ ist der Regisseur schon mal auf dem richtigen Weg.

Bilder: Copyright Universal Pictures

Die Erde nach Prinzessin Diana („Diana“ & „After Earth“)

In den letzten Monaten habe ich nicht viele Filme gesehen, aber vorletzte Woche habe ich endlich mal wieder zwei Filme nachgeholt, die ich im Kino verpasst hatte. Naja, verpasst hatte ich sie eigentlich nicht wirklich, schließlich wollte ich sie gar nicht unbedingt sehen und frage mich nun im Nachhinein auch, warum ich sie angeschaut habe. Immerhin kann ich nun hier ein paar warnende Worte über sie verlieren. Die Rede ist von Oliver Hirschbiegels „Diana“ und M. Night Shyamalans „After Earth“.

„Diana“ erzählt aus den letzten zwei Jahren des Lebens von Prinzessin Diana (Naomi Watts), vor allem von ihrer Liebesaffäre mit dem pakistanischen Herzchirurgen Hasnat Khan (Naveen Andrews, den man vor allem als Sayid aus „Lost“ kennt). Die ersten Szenen des Films zeigen Diana wenige Stunden vor ihrem Tod. Einsam steht sie in einem Hotelzimmer in Paris herum. Schließlich verlässt sie das Zimmer und steigt in einen Aufzug – in diesem Moment zeigt Hirschbiegel das Geschehen aus der im Aufzug installierten Kamera und stellt damit ein Bild nach, das nach Dianas Tod in allen Medien zu sehen war. Was das soll, erschließt sich nicht wirklich. Der Film wirkt dadurch jedenfalls nicht mehr oder weniger „echt“. Und dass das reale Vorbild der Hauptfigur tragisch ums Leben gekommen ist, dürfte den meisten Zuschauern noch in Erinnerung sein, die Bilder am Anfang sind also unnötig.

Das trifft auf den Rest des Films jedoch genauso zu. Nach der Aufzugszene springt der Film zwei Jahre zurück. Wir sehen Diana allein zuhause. Sie regt sich über ein Fernsehinterview ihres Noch-Ehemannes Prinz Charles auf. Dann wird sie beim Schminken vor dem Spiegel gezeigt. Schließlich blickt ihr die Kamera tatsächlich dabei über die Schulter, wie sie eine Ausgabe des Anatomie-Atlas „Gray’s Anatomy“ durchblättert und ausgerechnet die Seite mit dem Herzen offen liegen lässt – es soll längst nicht die letzte platte Metapher in diesem misslungenen Film bleiben. Später erzählt Diana von einem wiederkehrenden Traum, in dem sie ins Bodenlose fällt. „Will anyone catch me?“, fragt sie. Von ihrer Therapeutin bekommt sie den Rat „You’re so good at giving love. So you keep on giving. The hard part is receiving love.“ Aha. Nichts von alldem dient dazu, hinter die Oberfläche der öffentlichen Figur von Prinzessin Diana vorzudringen und ihre Motivationen, Gefühle und Sehnsüchte näher zu beleuchten. Dass sie sich einsam fühlte und viel Liebe zu geben hatte, weiß man bereits aus der Gala. Von einem Kinofilm darf man da schon ein bisschen mehr erwarten.

Statt dessen geht es im gleichen Stil weiter. Nachdem Diana den Arzt kennen gelernt hat, führt dieser sie auf ihren Wunsch durch sein Krankenhaus. Wie es denn möglich sei, bei einer acht oder neun Stunden dauernden Herzoperation durchweg hochkonzentriert zu bleiben, will Diana von ihm wissen. „You don’t perform the operation. The operation performs you.“, ist seine Antwort. Wer schreibt denn bitte solche Dialoge fürs Kino und meint das dann auch noch ernst? Darüber kann man doch einfach nur lachen! Der Film lässt wirklich kein Klischee aus. Natürlich kann Diana nicht kochen, wie sich herausstellt, als sie Hasnat erstmals zu sich nach Hause einlädt. Dann belehrt sie ihn nicht nur über die Gefahren des Rauchens, sondern fragt ihn ganz ernst „So hearts can’t actually be broken?“. Und natürlich guckt er gerne Fußball im Fernsehen, während sie davon keine Ahnung hat. Wirklich interessant ist von alledem nichts, dafür sind die Dialoge wie erwähnt mitunter unfreiwillig komisch.

Nicht nur mit dem Herz kennt Hasnat sich aus, sondern auch mit Jazz, für den er eine Vorliebe hat. Auch in Dianas streng geregeltem Leben sei doch Raum für Improvisationen, erklärt er ihr. „If you can improvise, you’re like jazz.“ Hatte ich die platten Metaphern schon erwähnt…? Hasnat nimmt Diana jedenfalls mit in einen Jazzclub. Um unerkannt dorthin gehen zu können, setzt sich Diana eine Perücke auf – und wird mit langen, glatten, braunen Haaren auf den Straßen Londons tatsächlich von niemandem erkannt. Das war für mich die einzige interessante Szene des Films, ganz einfach weil ich mir wünsche, dass diese Schilderung der Wahrheit entspricht.

Die beiden Hauptdarsteller können gegen die schrecklich platten und klischeehaften Dialoge und die ungeschickte Charakterzeichnung auch nichts ausrichten; sie trifft wohl die geringste Schuld am erschreckenden Gesamteindruck, den der Film macht. Naomi Watts wirkt immer wieder bemüht, die richtige Kopfhaltung und den richtigen Augenaufschlag zu treffen, um dem realen Vorbild möglichst nahe zu kommen. Interessantere Dinge bekommt sie ja leider nicht zu tun oder zu sagen! Warum genau diese Episode aus Prinzessin Dianas Leben erzählt werden musste, ist mir auch nach dem Filmende noch ein Rätsel. Weder habe ich nun das Gefühl, die Person Diana ein Stück weit kennen gelernt zu haben, noch hat mir der Film irgendwelche anderen wichtigen Informationen mitgeteilt, die ich vorher noch nicht hatte. Da wirkte ihr Leben in der Bunten oder Gala doch viel aufregender und unterhaltsamer – aber vielleicht ist genau das das Problem: Prinzessin Diana war eine der meist fotografierten Personen auf diesem Planeten und Woche für Woche ließen sich in den entsprechenden Blättern neue Fotos und Details aus ihrem Privatleben finden. Was soll ein Film da noch Neues erzählen? Solch ein schlechtes Drehbuch hat sie auf jeden Fall nicht verdient.

Wo ich gerade bei schlechten Drehbüchern bin: Ich hatta ja viel Schlimmes über „After Earth“ gelesen, aber dass der Film dann so unterirdisch sein würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Dass der Film von Gary Whitta (zusammen mit M. Night Shyamalan) geschrieben wurde, macht mir etwas Sorgen, schließlich schreibt Whitta auch das Drehbuch für das erste „Star Wars“-Spin-off, das im Dezember 2016 ins Kino kommen soll. Andererseits hat er imdb zufolge auch das „The Walking Dead“-Videospiel geschrieben, das besser sein soll als die Serie selbst. Aber das viel größere Sorgenkind ist hier ja sowieso Regisseur Shyamalan. Was haben wir uns von diesem Mann doch für eine Karriere erwartet! Der neue Hitchcock hieß es, könne er werden, oder der neue Spielberg. Angeblich hat er sogar mal an einem Drehbuch für den vierten „Indiana Jones“-Film gearbeitet, auf das dann aber doch nicht zurückgegriffen wurde. Wochenlang war das überraschende Ende von „The Sixth Sense“ Anfang 2000 Gesprächsthema (ich bin meiner Nachbarin noch heute dankbar, dass sie mir zwar erzählt hat, wie toll sie den Film fand, das Ende aber verschwiegen und mich so nicht gespoilert hat). Der Nachfolger „Unbreakable“ ist ein fantastischer, weil vollkommen untypischer Superheldenfilm. Mit „Signs“ war Shyamalan 2002 dann erneut recht erfolgreich, auch wenn die schon obligatorisch wirkende Plotwendung am Ende vielen zu gezwungen wirkte. Danach folgte „The Village“ – mein Lieblings-Shyamalan, aber für die meisten der Beginn des Abstiegs des Regisseurs. Es lohnt sich, diesen Film (wieder) zu entdecken! Die schauspielerischen Leistungen sind großartig, James Newton Howards Musik ist einer der besten Filmscores, den ich kenne und Shyamalans hatte zumindest damals noch ein untrügliches Gespür für Spannung und Atmosphäre. Eine, nein sogar zwei überraschende Wendungen hat der Film zwar auch, doch man sollte ihn als Ganzes betrachten und Kritik nicht vor allem daran festmachen.

Spätestens bei „Lady in the Water“ hatte Shyamalan dann fast alle Kritiker gegen sich (dass er im Film einen Filmkritiker sterben ließ, war da auch nicht gerade hilfreich). Die handwerklichen Stärken des Regisseurs waren aber trotz aller Schwächen des Drehbuchs nach wie vor offensichtlich, auch beim nachfolgenden „The Happening“. Bis dahin habe ich Shyamalan auch stets gegen Kritik verteidigt. Als dann aber der wirklich in jeder Hinsicht abgrundtief schlechte „Avatar: The Last Airbender“ folgte, war auch ich ratlos. Der Film hatte nicht nur platte Dialoge, sondern – für einen Shyamaln-Film vollkommen ungewohnt – auch unmotiviert wirkende Darsteller. Auch schien das Inszenieren von Action ganz und gar nicht zu Shyamalans Stärken zu gehören. Von da an konnte es doch nur besser werden, oder?

Denkste. Nun muss ich also doch noch etwas über den Film schreiben, um den ich mich nun zwei Absätze lang erfolgreich herum gedrückt habe: „After Earth“. Die Handlung basiert auf einer Idee von Will Smith, die Hauptrolle spielt sein Sohn Jaden (und außer den beiden Smiths tauchen kaum andere Schauspieler auf). Ich habe versucht, mich diesem Film unvoreingenommen zu nähern, aber meine Probleme mit ihm begannen schon in den ersten Sekunden: Da erklärt Jaden Smiths Figur in einem Voice Over die Ausgangssituation der Geschichte, doch ich konnte ihn gar nicht richtig verstehen! Sollte das ein seltsamer Akkzent sein? Hat Smith Junior noch nicht genügend Sprechtraining gehabt?? Nach zweieinhalb Minuten startete ich den Film noch einmal neu, dieses Mal mit Untertiteln. Und siehe da: Ich kapierte immer noch nichts! Irgendetwas mit Monstern und einer seit langem für Menschen unbewohnbaren Erde…

Von Anfang an waren mir die Charaktere unsympathisch, die Dialoge wirkten unglaubwürdig und enthielten seltsame, fremdartige Wörter, deren Bedeutung sich mir nicht erschloss. Architektur, Design und Kostüme des Films wirken gewollt fremd und futuristisch, aber leider auch meist hässlich, langweilig oder unglaubwürdig. Jede Szene bleibt vollkommen statisch, das Schauspiel wirkt gestelzt und künstlich. Man muss sich ernsthaft fragen, ob Smith & Sohn gezwungen worden sind, hier mitzuspielen, so monoton sagen beide ihre Zeilen auf! Der Film macht leider durchgehend den Eindruck, als habe Shyamalan sich gar nicht für ihn interessiert. Obwohl es in der Geschichte um Leben und Tod geht, wird zu keinem Zeitpunkt eine echte emotionale Beziehung zum Zuschauer aufgebaut – und die Beziehung zwischen Vater und Sohn im Film wirkt so distanziert und kühl, dass man gar nicht versteht, warum sich der Vater überhaupt um den Sohn sorgt. Jaden Smith schaut immer wieder  gequält (weil er es noch nicht anders kann?), sodass ich ihn einfach nur in den Arm nehmen und vor dem schlechten Drehbuch beschützen wollte. „After Earth“ wirkt wie ein Videospiel (Jugendlicher kämpft sich durch den Dschungel) mit schlechten Zwischensequenzen (das sind die Szenen, in denen der Junge mit seinem Vater kommuniziert und neue Informationen erhält).

Herr Shyamalan, ich verstehe ja, dass Sie nach all der Kritik, die Sie über die Jahre hinweg einstecken mussten, mal etwas ganz anderes machen wollten. Aber dass nur Schrott dabei herauskommt, weil offensichtlich nicht Ihr Herzblut drinsteckt und Ihre letzten beiden Filme auch nicht Ihre eigenen Stärken bedient haben, zeigt doch, was für eine Fehlentscheidung das war. Also bitte: Machen Sie nicht die Filme, von denen Sie denken, dass das Publikum, Hollywood oder sonst wer sie von Ihnen erwartet. Machen Sie weiterhin Filme über Geschichten, die Ihnen am Herzen liegen, egal was andere sagen! Und falls Sie dafür kaum Geld zusammen bekommen, dann drehen Sie diese Filme eben als Low-Budget-Produktionen und werden zu einem kommerziell unbedeutenden Underground-Filmemacher. Ihre Fans und Liebhaber werden diese Filme schon finden. Aber bitte, bitte verschonen Sie uns mit Schrott wie „After Earth“ und „The Last Airbender“.

„Chronicle“ & „Unbreakable“ – Superhelden abseits ausgetretener Pfade

Man hat ja als Filmfan immer so einiges nachzuholen, seien es jahrzehntealte Klassiker, die man immer noch nicht gesehen hat oder die Filme des vergangenen Jahres, die man einfach nicht alle im eigenen Film-Kalender hat unterbringen können. Welche Titel bei mir in die erste Kategorie gehören, verrate ich lieber nicht, ein Nachzügler des Kinojahres 2012 war bei mir aber „Chronicle“ von Josh Trank, den ich gestern gesehen habe. Besonders große Lust hatte ich auf den Film eigentlich gar nicht, weil die Form des „Found Footage“-Films für mich sehr schnell ihren Reiz verloren hat. Ich muss zwar zugeben, dass ich gar nicht besonders viele Filme, die dieses Konzept verwenden, gesehen habe („Blair Witch Project“ gehört bei mir in die Kategorie „immer noch nicht gesehen“), aber die wenigen, die ich kenne, benutzen erstens die Form des „gefundenen Filmmaterials“ meist nur dazu, bestimmte Schwächen zu kaschieren und widersprechen zweitens in ihrem Verlauf früher oder später ihrem eigenen Ausgangspunkt, dass nämlich alles, was man zu sehen bekommt, eben aus von irgendjemandem irgendwo gefundenem Filmmaterial zusammen geschnitten wurde. Damit wirken sie zwangsläufig genauso „unrealistisch“ wie andere Filme eben auch, die gar nicht erst vorgeben, „wahre“ Geschichten zu erzählen. (Oder sie machen sogar noch mehr darauf aufmerksam, wie blödsinnig ihr als wahr hingestellter Inhalt ist, wie beispielsweise der dämliche „Apollo 18“ vor zwei Jahren.)

Aber mir geht es hier eigentlich gar nicht darum, das Found Footage-Konzept zu kritisieren, denn im Großen und Ganzen war ich von „Chronicle“ ziemlich fasziniert. Für alle, die den Fim nicht kennen, hier die Story in wenigen Sätzen: Drei Jugendliche, von denen einer ständig mit einer Kamera unterwegs ist, steigen in ein seltsames Erdloch und als sie wieder herauskommen, haben sie Superkräfte! Ja, das wird im Film auch nicht viel mehr erklärt oder gezeigt, als ich es hier erklärt habe, aber das macht nichts, denn es geht um die Konsequenzen: Wie die drei anfangen, ihre telekinetischen Kräfte zu entdecken und weiter zu entwickeln, wie sie erste Streiche damit spielen und wie das Ganze schließlich außer Kontrolle gerät. All das ist wirklich hervorragend umgesetzt und nach einer Weile wird man auch nicht mehr von wackeligen Handkamerabildern genervt, weil die Hauptfigur Andrew (Dane DeHaan) schließlich lernt, die Kamera per Telekinesis in sanften Bögen um das Geschehen kreisen zu lassen (statt blöde Streiche zu spielen, hätte er sich vielleicht einfach bei einem großen Filmstudio bewerben sollen, die hätten jemanden mit dieser Fähigkeit sofort genommen und sich viel Geld für Steadycams, Kräne und computergenerierte Kamerafahrten sparen können!).

Da das „Found Footage“-Konzept letztendlich nur ein Stilmittel darstellt und kein eigenes Genre verkörpert (theoretisch könnte man auf diese Weise ja auch einen Nicholas Sparks-Roman verfilmen), muss man „Chronicle“ wohl dem Genre „Superheldenfilm“ zuordnen. Wie bei „Spiderman“ & Co. geht es hier darum, wie ganz normale Durchschnittsmenschen (oder oft sogar solche, denen weniger Begabungen und weniger Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts zufällt, als dem Durchschnitt) entdecken, dass sie über außergewöhnliche Fähigkeiten und übermenschliche Kräfte verfügen. Die entscheidenden Fragen sind: Was fängt man damit an? Welche Konsequenzen hat das dann für das eigene Leben und für das der Mitmenschen? Und wie geht man damit wiederum um? Die entscheidenden Weichen werden meist im ersten Akt einer solchen Geschichte gestellt, wo der Held sich zum Beispiel dafür entscheidet, seine Kräfte nicht zum eigenen Vorteil einzusetzen, sondern zum Wohl der Allgemeinheit und wo sich meist auch herausstellt, wer sein Gegner, sein Erzfeind ist.

Ich persönlich finde meistens diesen ersten Akt, die Entstehungsgeschichte des Helden, am interessantesten. „Batman Begins“ gefällt mir bis heute besser als seine beiden hoch gelobten Nachfolger. Ebenfalls einer meiner Lieblings-Superheldenfilme ist „Unbreakable“ von M. Night Shyamalan, an den ich beim Anschauen von „Chronicle“ mehrmals denken musste. Die Ähnlichkeit besteht eigentlich nur darin, dass beide Filme das Superheldengenre auf eine erfrischend andere Weise erzählen – „Chronicle“ eben aus Found Footage-Sicht, „Unbreakable“ dagegen als ruhiger Mystery-Thriller fast ohne Action. Während in „Chronicle“ die Entstehungsgeschichte des Superhelden noch weiter erzählt wird (wie weit genau und mit welchem Ende, möchte ich nicht verraten, es soll ja niemand gespoilert werden), erzählt „Unbreakable“ tatsächlich nur die Origin-Story seines von Bruce Willis dargestellten Superhelden: Die Entdeckung und das Austesten der Superkräfte, die Entscheidung, wie diese Fähigkeiten genutzt werden sollen und auch die Einführung eines Gegners, der dem Helden als negatives Spiegelbild gegenübersteht. Tatsächlich war „Unbreakable“ ursprünglich als Auftakt einer Trilogie geplant gewesen, hatte dann aber beim Publikum nicht den entsprechenden Erfolg, um noch eine Fortsetzung nach sich zu ziehen. Ich wage mal zu behaupten, dass ein Großteil der Zuschauer mit falschen Erwartungen in den Film gegangen ist und einfach ein zweites Mal so geflasht werden wollte, wie bei der ersten Shyamalan-Willis-Zusammenarbeit „The Sixth Sense“. Dementsprechend wirkte das Ende auf die meisten wohl enttäuschend und eher verwirrend; dabei dürften nur wenige verstanden haben, dass das Ende von „Unbreakble“ eigentlich nur das Ende des Anfangs einer klassischen Superheldengeschichte ist. Schade, dass sie meines Wissens nach nie weitererzählt wurde (wenn es schon kein Sequel gibt, würden sich Comics doch dafür anbieten!).

„Chronicle“ erzählt wie gesagt weit über die Origin-Story seiner Helden hinaus und bringt deren Geschichte zu einem Abschluss. Dennoch bringt auch dieser Film frischen Wind ins Superhelden-Genre, auch wenn ich „Unbreakable“ da noch wesentlich mutiger und innovativer finde. Ich fordere jedenfalls mehr solche ungewöhnlichen Superheldenfilme, denn so gut die aktuelle Welle der „Avengers“- und „X-Men“-Filme auch ist – irgendwann wird das immer Gleiche doch langweilig. Wo also bleibt bitte das längst überfällige Schwarz-weiß-Arthouse-Superhelden-Drama?