Babylon 5 – Episode 1.16 “Eyes”

Bevor ich beginne noch ein kleiner organisatorischer Hinweis: Die nächste Folge, die ich besprechen werde, wird Episode 1.18 „A Voice in the Wilderness – Part 1“ sein, weil ich mich an die von J. Michael Straczynski vorgeschlagene Reihenfolge halte, die ihr ganz am Ende dieses Blogposts einsehen könnt.

Episode 1.16 „Eyes“ („Die Untersuchung“)

Drehbuch: Larry DiTillio, Regie: Jim Johnston
Erstausstrahlung: 13.07.1994 (USA), 19.11.1995 (Deutschland)

Drehbuchautor Larry DiTillio erhielt den Auftrag für diese Episode von „Babylon 5“, nachdem ein weiteres Drehbuch, das von einem Freelancer geschrieben werden sollte, nicht zustande kam. DiTillios Vorgaben waren, nicht nur möglichst schnell ein neues Drehbuch abzuliefern, sondern dabei auch eine Episode zu schreiben, die mit möglichst wenigen visuellen Effekten und Masken auskam (was wohl der Grund sein dürfte, warum unter anderem Delenn, Londo und G’Kar nicht in der Folge vorkommen). Das Ergebnis ist also dieses Kammerspiel, das in wenigen Sets gefilmt wurde und im Grunde auch auf einer Theaterbühne aufgeführt werden könnte. (Quelle für die Information: Jane Killick: Babylon 5 – Signs and Portents, S. 133)

Der Originaltitel der Episode steht für „Internal Investigations“, was sich als II, also als „Eyes“ (englisch ausgesprochen) abkürzen lässt. Dementsprechend haben wir es hier auch mit einer „Untersuchung“ (wie uns der deutsche Titel wissen lässt) des Kommandostabs und insbesondere Sinclairs zu tun. Colonel Ari Ben Zayn (Gregory Martin) kommt zusammen mit dem Telepathen Harriman Gray (Jeffrey Combs) an Bord der Station. Ben Zayn erregt zunächst einfach deshalb Garibaldis Aufmerksamkeit, weil er ungewöhnlich viele Fragen stellt. Rasch stellt sich jedoch heraus, dass er im Angesicht der Unabhängigkeitsbewegungen auf mehreren Erdkolonien (u.a. auf dem Mars) nach Babylon 5 gesandt wurde, um die Loyalität des Kommandostabs zur Erdregierung zu untersuchen. Dazu will er Sinclair, Ivanova und Garibladi unter anderem telepathischen Scans unterziehen lassen – deshalb die Anwesenheit von Gray.

Die Episode mag nur in geschlossenen Räumen spielen und sich auf wenige Figuren konzentrieren, doch ihre Ereignisse weisen weit über ihre Grenzen hinaus. Falls sich jemand im Verlauf der bisherigen Folgen gefragt haben sollte, ob Sinclair nicht irgendwann einen Preis für seine teils umstrittenen Entscheidungen und die wiederholte Auslegung der Gesetze zu seinen Gunsten zahlen muss – Ben Zayn ist dieser Preis. Wie wir später in der Episode herausfinden, will er den Kommandoposten auf der Station an sich reißen und stellt deshalb sämtliche Entscheidungen Sinclairs in Frage. Sinclairs Umgang mit der Ragesh 3-Krise, seine Entscheidung in der Deathwalker-Angelegenheit, seine kreative Beilegung des Streiks der Dockarbeiter, der Sabotageversuch während des Besuchs des Präsidenten und die Ereignisse um Jason Ironheart, die zum Tod der Kollegin von Psi-Cop Alfred Bester geführt haben – all diese Dinge nimmt Ben Zayn nun zum Vorwand, um Sinclair vorwerfen zu können, er sei inkompetent und ungeeignet für seinen Posten. Durch die Erwähnung dieser Ereignisse und der Tatsache, dass Sinclair und seine Leute des öfteren (für die Erdregierung) unliebsame Entscheidungen getroffen haben, wird die Folge ein Stück weit zur Zusammenfassung des bisherigen Teils der Staffel. Auch neuen Zuschauern wird so schnell ein Überblick über die Lage verschafft, zumindest was die Entwicklung Sinclairs betrifft.

Und wo ich gerade von Sinclair spreche: Gerade diese kammerspielartige Folge lebt natürlich in besonderer Weise von den Leistungen der Schauspieler und in diesem Bereich hat mich Michael O’Hare als Sinclair hier am wenigsten überzeugt. Es ist inzwischen bekannt, dass er schwerwiegende psychische Probleme hatte, die ihm die Ausübung seines Berufs zunehmend erschwerten. Vielleicht interpretiere ich da zu viel hinein, aber ich finde, dass man das gerade in dieser Episode merkt. Jedes Mal, wenn O’Hare Wut, Ärger oder starke Betroffenheit zeigen soll, halten sich seine Gefühlsäußerungen stark in Grenzen, so als ob er so sehr damit beschäftigt sei, sich selbst unter Kontrolle zu halten, dass dies ein glaubwürdiges Schauspiel verhindert. Wenn er nachdenklich sein soll, so wie in der letzten Folge, dann überzeugt O’Hare. Über eine große schauspielerische Bandbreite verfügt er jedoch nicht. Sowohl Jerry Doyle (Garibaldi) und Claudia Christian (Ivanova), als auch die Gaststars Gregory Martin und Jeffrey Combs liefern jedenfalls glaubwürdigere, nuanciertere Darstellungen ab (wobei „nuanciert“ im Fall von Martin vielleicht doch eher nicht zutrifft).
Ari Ben Zayn wird an einer Stelle von Garibaldi als „Colonel Ben Hitler“ bezeichnet, in Anspielung auf die gnadenlose Härte, mit der Ben Zayn seine Ziele verfolgt. Sehr nuanciert ist die Figur tatsächlich nicht angelegt; an keiner Stelle der Episode bekommen wir Ben Zayns Sicht der Dinge zu hören (anders als bei Harriman Gray). Insofern macht Martin (der übrigens der Sohn des jüngst verstorbenen Beatles-Produzenten George Martin ist) das beste aus dieser Figur.

Ein zentrales Thema der Episode ist Susan Ivanovas Abneigung gegen Telepathen und das PsiCorps. Die Gründe dafür wurden erstmals in „Midnight on the Firing Line“ erläutert, hier erhalten wir weitere Einblicke. In einem Albtraum Ivanovas äußert sich ihre Furcht, so zu enden wie ihre Mutter, die gezwungen wurde, ihre telepathischen Fähigkeiten mit Injektionen zu unterdrücken, was sie schließlich in den Selbstmord trieb. Als Sinclair Ivanova fragt, warum sie eigentlich so große Angst davor habe, gescannt zu werden, erhalten wir allerdings keine wirklich befriedigende Antwort. Private und intime Erinnerungen, auf die jemand bei einem Scan stoßen könnte, hat schließlich nicht nur Ivanova. Sie ist jedoch fest entschlossen, einen Scan durch Gray unter keinen Umständen zuzulassen und ist sogar bereit, dazu ihren Posten niederzulegen und ihre Karriere aufzugeben. Im Gespräch mit Gray muss sie aber immerhin erkennen, dass nicht alle Mitglieder des PsiCorps gleich sind und sie ihn sogar ganz nett findet. Harriman Gray wird von Jeffrey Combs gespielt, der Science Fiction-Fans vor allem durch seine zahlreichen Rollen aus „Star Trek: Deep Space Nine“, „Star Trek: Voyager“ und „Enterprise“ bekannt sein dürfte (er spielte u.a. Weyoun in „Deep Space Nine“).

Am Ende spitzt sich die Lage zu: Ben Zayn enthebt Sinclair seines Postens und übernimmt selbst das Kommando auf Babylon 5. Wie Garibaldi herausgefunden hat, ist es genau das, was Ben Zayn von Anfang an wollte: er stand auf der Liste möglicher Kandidaten für den Kommandoposten auf der Station in den Top 10, während Sinclairs Name erst viel weiter unten auftauchte. Wie wir inzwischen (aus „Signs and Portents“) wissen, erhielt Sinclair den Posten auf ausdrücklichen Wunsch der Minbari. Ben Zayn bekommt nun endlich, was ihm seiner Meinung nach zusteht; gleichzeitig stellt er die Rache seines Freundes Alfred Besters für die Ereignisse in „Mind War“ dar. Es ist schließlich Grays Eingreifen zu verdanken, dass Sinclair und Garibaldi Ben Zayn überwältigen und so seine Machtübernahme auf der Station verhindern können. Ob das noch ein Nachspiel haben wird?

Definitiv kein Nachspiel haben wird der zweite Handlungsstrang der Episode, in dem Garibaldi von Lennier Unterstützung beim Bau eines „antiken“ Motorrads aus dem Jahr 1992 erhält. Das hat nicht nur mit dem Rest der Episode nichts zu tun, es wird auch nie wieder erwähnt werden. Wie kam Garibaldi eigentlich auf die Idee, ausgerechnet auf einer Raumstation ein Motorrad bauen zu wollen? (Die Antwort darauf findet ihr bei den „Hinter den Kulissen“Fakten.)

Insgesamt ist „Eyes“ eine solide, gut geschriebene und überwiegend gut gespielte Episode. Sie greift zahlreiche Ereignisse aus vergangenen Folgen auf und verstärkt so den (damals keineswegs selbstverständlichen) Eindruck, dass „Babylon 5“ eine Serie ist, die episodenübergreifend erzählt. Die Charaktere von Ivanova und Sinclair werden weiter ausgebaut und es wird eindringlich betont, dass sich Sinclair und sein Kommandostab einige Feinde auf der Erde gemacht haben, was durchaus noch relevant sein wird, um es einmal spoilerfrei auszudrücken.

Highlight der Episode: Wie Ivanova fast alle Casinobesucher verprügelt (leider sieht man davon recht wenig).

Londo/G’Kar-Moment: Leider kommen die beiden hier nicht vor, ebenso wenig wie Delenn, Talia Winters, Dr. Franklin, Vir und Na’Toth.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode:

  • Ivanova bemerkt es sofort, als Gray sie scannt.
  • Auf dem Mars und in mehreren anderen Kolonien der Erde kommt es zu teilweise gewaltsamen Unabhängigkeitsbewegungen.

Sonstige Fragen: Wieso war der Gedanke an Talia Winters so laut in Ivanovas Kopf, dass ihn Gray auch ohne sie richtig zu scannen sofort wahrnehmen konnte?

Weitere interessante Punkte:

  • Garibaldis Passwort lautet „Peekaboo“ 😀
  • Das Internet scheint sich in der Zukunft entweder deutlich zurück entwickelt haben oder Babylon 5 hat ganz einfach eine extrem langsame Verbindung. Garibaldi führt jedenfalls eine Recherche im „Interweb“ durch und erhält erst viele Stunden später vom Computer die Ergebnisse.
  • Zwei weitere Beispiele dafür, dass „Babylon 5“ Ereignisse aus vergangenen Episoden nicht vergisst, sondern fortlaufend erzählt: Die Minbari-Dichterin Shaal Mayan („The War Prayer“) stattet der Station erneut einen Besuch ab; man sieht sie zwar nicht, aber sie wird von Lennier zweimal erwähnt. Außerdem wird erneut auf Garibaldis Alkoholproblem angespielt, als er zu Ben Zayn sagt „I don’t drink“. Bisher wurde es vor allem in „Survivors“ thematisiert.

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten:

  • Das Motorrad taucht nur deswegen auf, weil Kawasaki sich bereit erklärt hatte, die Serie zu sponsorn. Drehbuchautor DiTillio beschloss daraufhin, aus dem Motorrad einen „richtigen“ Handlungsstrang zu machen, statt es nur einfach so auftauchen zu lassen.
  • Regisseur Jim Johnston wollte Jerry Doyle für die abschließende Szene auf dem Motorrad eigentlich ein Marlon Brando-Outfit mit Lederjacke verpassen. Die Einstellung, in der Garibaldi und Sinclair den Hauptkorridor von Babylon 5 entlang rasen, wurde im Computer erzeugt, weil die Versicherung es nicht erlaubte, dass die beiden Schauspieler tatsächlich auf einem Motorrad durch die teuren Sets rasten.
  • In einer Szene, wo Lennier (Bill Mumy) in Garibaldis Quartier am Motorrad bastelt, singt er eine Art Meditationsmantra vor sich hin. Dabei handelt es sich um „Zabagabee“, den Titel eines Albums von Mumys Band Barnes & Barnes.

Zitate:

„Enough people have played with my head already this year!“ (Sinclair – eine Anspielung u.a. auf „And The Sky Full of Stars“)

„I think this is the biggest pile of horse hockey I ever saw. Who the hell is running Earth Force, Abbott and Costello?“ (Garibaldi zu Ben Zayn)

Gray: „Lieutenant Commander, I’m aware of your hostility towards the PsiCorps and the reason for it. And I sympathize.“
Ivanova: „You do? How nice. I should send you a card on your birthday.“

„Mr. Gray, I’m grateful the PsiCorps has given you a purpose in life. But when that purpose includes scanning my mind to prove my loyalty, it’s not only an invasion of my privacy, but my honour. As for fear: If you enter my mind for any reason, I will twist your head off and use it for a chamber pot.“ (Ivanova zu Gray)

„If I kill him, I will start a war…“ (Garibaldi zu sich selbst, als er von Lennier genervt ist.)

Garibaldi: „They’ll charge you with insubordination.“
Ivanova: „And I’ll be replaced and dishonorably discharged. It’s a very Russian ending. I should have expected it.“

Ivanova (nachdem sie einen Großteil der Casinobesucher verprügelt hat): „Are you gonna arrest me, Garibaldi?“
Garibaldi: „No way. I wanna live to see my future.“

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.18 „A Voice in the Wilderness (Part 1)“
(Die Reihenfolge, in der man die Episoden idealerweise anschauen sollte, weicht hier von der Reihenfolge auf den DVDs ab. Ganz am Ende dieses Blogposts könnt ihr die Reihenfolge einsehen, in der ich die erste Staffel bespreche.)

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