Babylon 5 – Episode 1.14 “TKO“

Der von Serienschöpfer J. Michael Straczynski (JMS) empfohlenen Episodenreihenfolge entsprechend ist nun – nach „The Quality of Mercy“ – die 14. Folge aus der ersten Staffel dran. Die korrekte Reihenfolge findet ihr ganz am Ende des Blogposts zur Episode „Signs and Portents“.

Episode 1.20 „TKO“ („Im Ring des Blutes“)

Drehbuch: Larry DiTillio, Regie: John C. Flinn III
Erstausstrahlung: 25.05.1994 (USA), 05.11.1995 (Deutschland)

Die erste Staffel hat viele mittelprächtige und auch ein paar ziemlich schlechte Folgen zu bieten. Sowohl optisch als auch hinsichtlich der Drehbücher musste sich die Serie erst für eine ganze Weile warmlaufen. „TKO“ ist wahrscheinlich die Folge aus der ersten Staffel, die ich am wenigsten mag, und das liegt an dem langweiligen, schlecht umgesetzten und für den Rest der Serie vollkommen unwichtigen Plot um Walker Smith und den Mutai. Denn der Handlungsstrang um Ivanovas Umgang mit dem Tod ihres Vaters ist tatsächlich ziemlich gut. Er ist von großer Bedeutung für Ivanovas emotionale Entwicklung und Claudia Christian liefert hier wahrscheinlich ihre beste Schauspielleistung der gesamten Staffel ab.

Zunächst also mal zu der langweiligen Box-Geschichte. Walker Smith (Gregory McKinney) rettet seinem alten Freund Michael Garibaldi vielleicht das Leben, als er in einen Kampf eingreift, den Garibaldi mit zwei Kleinkriminellen führt. „One of these days, Garibaldi, you’ll learn to watch your back“, sind seine ersten Worte an Garibaldi – und auch seine letzten, denn beim Abschied am Ende der Episode wiederholt er diese Warnung. Garibaldi und Smith gehen einen Burger essen und bringen sich gegenseitig auf den neuesten Stand. Smith stellt fest, dass Garibaldi den Alkohol inzwischen ganz aufgegeben hat (Garibaldis Alkoholproblem wurde bisher vor allem in „Survivors“ thematisiert). Aus den Gesprächen zwischen den beiden erfahren wir, dass Smith es fast bis zum Boxweltmeister gebracht hat, seine Karriere nun aber aufgrund irgendeines Skandals, an dem er keine Schuld trägt, den Bach runter gegangen ist (die Details haben mich nicht besonders interessiert). Also will er jetzt „Geschichte machen“, indem er als erster Mensch im Mutai kämpft.
Smith mag ein talentierter Kämpfer sein, besonders diplomatisch ist er aber nicht gerade. Den Muta-do (Soon-Teck Oh) beleidigt er bei der ersten Begegnung gleich zweimal, in dem er ihn „E.T.“ und „snakehead“ nennt. Diese Szene versucht, das bekannte Motiv vom großen, weisen Krieger in einem alten, schwach erscheinenden Körper aufzugreifen. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl Luke Skywalkers erstes Zusammentreffen mit Yoda. In „TKO“ verfehlt der Einsatz dieses Motives allerdings seine Wirkung, da Walker Smith eine völlig platte und uninteressante Figur ist (und außerdem zumindest für den erfahrenen Zuschauer völlig vorhersehbar, dass der alte Außerirdische ein erfahrener Kämpfer ist). Jedenfalls bestätigt der Muta-Do, was Garibaldi auch schon gesagt hat: Der Mutai ist nichts für Menschen.
Mit Caliban (Don Stroud) tritt allerdings jemand an Smith heran, der ihm die Teilnahme am Mutai möglich machen will. Warum er das will, erfahren wir nicht. Eigentlich ist Caliban für die Folge komplett überflüssig, denn auf die Idee, den amtierenden Champion herauszufordern, hätte Smith auch anders kommen können. Als er mit Garibaldi einen Kampf des Champions Gyor (James Jude Courtney) anschaut, tut er das dann. Garibaldi erklärt ihn für verrückt und die anwesenden Aliens sind auch alles andere als begeistert. Menschen hätten im Mutai nichts zu suchen, behaupten sie. Wahrscheinlich haben Menschen dort schon aufgrund ihrer im Vergleich zu den meisten anderen Spezies geringen Körperkraft kaum eine Chance, aber es scheint auch kulturelle Gründe dafür zu geben, sie vom Mutai auszuschließen. „You intrude upon our worlds, make mockery of our customs, meddle in matters you do not understand. But humans have no place in the mutai. It is ours.“, giftet ein Drazi Smith an. Die Menschen müssen also im Jahr 2258 anscheinend überall (und möglichst ganz vorne) mit dabei sein, sich in alles einmischen und halten sich oft für die überlegene Spezies. Das sehen die anderen Völker nicht gerne und es löst Neid und schließlich Hass auf die Menschen aus. Dieser Aspekt hat mich sehr interessiert, aber über den hier zitierten Satz hinaus wird darauf in der Episode nicht weiter eingegangen. Stattdessen müssen wir langweilige Kämpfe über uns ergehen lassen.
War dieser Handlungsstrang bis dahin schon langweilig, so wird er danach nur noch schlimmer. Denn der Rest läuft vollkommen vorhersehbar ab und die Kampfszenen sind wirklich alles andere als interessant inszeniert. Zwar endet der Kampf mit einem Unentschieden, doch schließlich kommt es wie erwartet zum Triumph Smiths, als sein Gegner das Publikum aufruft, diesem zuzujubeln. Warum Gyor das tut, weiß man nicht. Zum Schluss sind alle zufrieden und die Aliens wieder mit den Menschen versöhnt, denen sie von nun an die Teilnahme am Mutai gestatten. Während „Babylon 5“ sich anderswo getraut hat, für die damalige Zeit vollkommen unerwartete Wendungen ans Ende einer Episode zu setzen und den Zuschauer so zu überraschen, bringt man ihn hier höchstens zum Einschlafen. Das einzige halbwegs Wichtige, das dieser Handlungsstrang zu bieten hat, ist Smiths Warnung „Watch your back!“ an Garibaldi.

Viel interessanter und besser gespielt ist wie erwähnt die Handlung um Susan Ivanova (Claudia Christian). In „Born to the Purple“ wurden wir Zeuge des letzten Gesprächs zwischen ihr und ihrem im Sterben liegenden Vater. Nun erfahren wir, dass Susan sich seitdem kaum mit ihrer Trauer auseinandergesetzt hat. Sie war nicht auf der Beerdigung ihres Vaters und hat auch keines der zum jüdischen Prozess des Trauerns gehörenden Rituale durchgeführt. Als Rabbi Koslov (Theodore Bikel), ein alter Freund der Familie, nach Babylon 5 kommt, versucht Susan sich mit ihrer Arbeit zu rechtfertigen. Sie habe ganz einfach zu viel zu tun gehabt, um trauern zu können. Als Koslov sich mit Commander Sinclair trifft, wird klar, dass Susan nicht einmal ihm vom Tod ihres Vaters erzählt hat. Wahrscheinlich war Garibaldi außer ihr die einzige Person auf der Station, die davon wusste, weil er in „Born to the Purple“ von ihrer unauthorisierten Nutzung eines der Goldkanäle erfahren und ihr Gespräch mit ihrem Vater mitverfolgt hat.
Die Szene mit Koslov und Sinclair erinnert uns zudem an einige Details aus Ivanovas Lebenslauf, von denen wir noch nicht alle wussten. Ein Jahr nach dem Selbstmord ihrer Mutter starb ihr jüngerer Bruder Ganya, der gegen den Willen des Vaters den Erdstreitkräften beigetreten war, im Krieg gegen die Minbari. Da Susan ihrem Vater die Schuld am Tod ihrer Mutter gab, war die Beziehung zwischen den beiden bereits zu diesem Zeitpunkt abgekühlt; nach dem Tod ihres Bruders kam es jedoch vollends zur Entfremdung. Sinclair hat vollstes Verständnis für Ivanovas Situation und gibt Koslov zu verstehen, sie könne sich so viel Zeit nehmen wie nötig, um Schiwa zu sitzen und zu trauern.
Als Koslov mit Susan Essen geht, unterhalten sie sich weiter über Susans Vater und Susan öffnet sich ein Stück. Als sie aber erfährt, dass Koslov bereits mit Sinclair gesprochen, regiert sie äußerst verärgert. Auch als Sinclair sie später auf das Thema anspricht, gibt sie sich verschlossen. Sinclair jedoch rät ihr, sich Zeit zum Trauern zu nehmen und sich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen, wozu sie immer noch nicht bereit ist.  Sie öffnet sich später zwar Koslov gegenüber ein Stück weit und gibt zu, dass sie sich wünscht, ihr Vater hätte ihr seine Liebe offen gezeigt. Doch zum Trauern ist sie immer noch nicht bereit und schiebt wieder ihre Arbeit als Grund vor, obwohl deutlich der Schmerz in ihrem Gesicht zu erkennen ist.
Erst als Koslov kurz vor dem Rückflug zur Erde ist, kann sie sich doch noch dazu durchringen, ihm (und sich selbst) einzugestehen, dass sie um ihren Vater trauern will und muss. Es kommt also zu einer emotionalen Szene, bei der sie in ihrem Quartier gemeinsam mit Koslov, Sinclair und einigen anderen (s. Frage unten) Schiwa sitzt, ein paar Anekdoten über ihren Vater erzählt und schließlich heftig weint. Damit hat sie eine wichtige Hürde im Prozess des Trauerns genommen.
Ich gebe zu, auch dieser Handlungsstrang ist nicht gerade weltbewegend und für sich allein definitiv zu wenig, um die A-Handlung einer Episode zu bilden. Ivanova erhält hier zwar ein Stück notwendige Charakterzeichnung. Zusammen mit der grottigen Box-Story ergibt das aber noch längst keine gute „Babylon 5“-Folge und ich mag „TKO“ wie gesagt auch nicht besonders. Trotzdem kann ich immerhin einigen Szenen der Ivanova-Handlung etwas Gutes abgewinnen und mag das Schauspiel von Claudia Christian und von Theodore Bikel als Rabbi Koslov. Nicht unerwähnt lassen will ich außerdem, dass der Atheist JMS hier ein weiteres Mal (nach „The Parliament of Dreams“ oder „Believers“) religiöse Aspekte in den Vordergrund stellt, was insbesondere deshalb erfreulich ist, weil hier eben keine einheitlich christliche Zukunft gezeigt wird, sondern die Welt von „Babylon 5“ auch was Religion betrifft sehr vielfältig ist.

Leider kommen in dieser Episode übrigens weder die außerirdischen Botschafter noch ihre Attachés vor. G’Kar haben wir (zumindest wenn man die Staffel in dieser Reihenfolge anschaut) schon mindestens seit drei Folgen nicht mehr gesehen, ebenso Talia Winters. Das wird sich jedoch in den letzten beiden Folgen der Staffel ändern.

Highlight der Episode: Einen positiv besonders hervorstechenden Moment gibt es in dieser Folge zugegeben nicht, aber Claudia Christians Schauspiel hat mich doch sehr beeindruckt. Vor allem in der Szene mit dem Samowar gelingt es ihr sehr gut, die innere Zerissenheit ihrer Figur deutlich zu machen.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode:

Garibaldi soll auf sich aufpassen („Watch your back!“) und Ivanova fällt aufgrund ihrer persönlichen Geschichte der offene Umgang mit ihren Gefühlen schwer. Und Drehbücher von Larry DiTillio sind bestenfalls eine zwiespältige Angelegenheit.

Sonstige Fragen:

  • Warum ist Walker Smith ausgerechnet nach Babylon 5 gekommen, um im Mutai zu kämpfen? Sicher finden auch anderswo Mutai-Kämpfe statt. Hat es damit zu tun, dass die Raumstation neutraler Boden ist und er sich dort als Mensch bessere Chancen ausrechnet? Wie ist der Mutai als „speziesübergreifende Boxliga“ eigentlich entstanden? (Antwortet mir bitte auf diese Fragen bloß nicht, denn das interessiert mich nicht wirklich! 😉 )
  • Wer sind all die Menschen, die zusammen mit Ivanova Schiwa sitzen? Außer Rabbi Koslov und Commander Sinclair sind noch einige vollkommen unbekannte Leute in ihrem Quartier. Da Ivanova nicht gerade für ihre offene Art bekannt ist, glaube ich kaum, dass das alles Freunde von ihr sind. Ihre Familie kann es wohl kaum sein. Und selbst wenn es Bekannte von ihr sein sollten – wieso hat sie dann nicht auch Talia Winters, Garibaldi oder Dr. Franklin eingeladen?

Weitere interessante Punkte:

  • Sind Lebensmittel von fernen Welten eigentlich koscher? Zumindest Rabbi Koslov scheint sich darum nicht allzu viele Gedanken zu machen, ganz nach dem Motto „Wenn unsere Schriften es nicht explizit verbieten, dann ist es erlaubt“.
  • Als Zeiteinheit werden hier wieder einmal „cycles“, also Umdrehungen (der Station) angegeben. „Drei Umdrehungen“ hört sich für mich nicht besonders lang an, aber ich habe auch nicht wirklich Ahnung davon, wie schnell sich Babylon 5 denn dreht.
  • Bei den „Slappers“ (auch in der deutschen Fassung!), die Garibaldi zu Beginn der Episode konfisziert, handelt es sich um Hautpflaster, die zur Verabreichung von Medikamenten (oder Drogen) dienen. JMS zufolge wurden sie aus dem Medlab gestohlen.
  • Das Buch, das Ivanova in ihrer ersten Szene liest, ist „Working Without a Net“, die fiktive Autobiografie des Schriftstellers Harlan Ellison, der bei „Babylon 5“ als kreativer Berater diente. JMS berichtete 1994, Ellison habe vor, das Buch etwa im Jahr 2000 zu schreiben. 😉
  • Die von Ivanova erwähnten Verhandlungen zum Euphrates-Vertrag fanden in „Born to the Purple“ statt, also zur selben Zeit wie der Tod ihres Vaters.
  • Das Schiff, mit dem Koslov die Station wieder verlassen will, heißt „White Star“. Es wird nicht das letzte Raumschiff mit diesem Namen sein, das wir im Lauf der Serie sehen…
  • Die „Sports“-Einblendung hinter der Nachrichtensprecherin, die auf ISN über Walker Smiths Teilnahme am Mutai berichtet, ist ganz klar eine aus Holz gezimmerte Kulisse. 😀

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten:

  • Regie bei dieser Folge führte John C. Flinn III, der sonst der Kameramann für „Babylon 5“ war.
  • Jane Killick schreibt in ihrem Episodenführer zur ersten Staffel, dass die Folge von einer jüdischen Organisation mit einem Preis für die Darstellung der jüdischen Religion im Fernsehen ausgezeichnet worden ist.
  • Channel 4, der Sender, der „Babylon 5“ in Großbritannien ausstrahlte, zeigte diese Folge bei der Erstaustrahlung offenbar nicht. Weiß jemand mehr darüber und über die Gründe?
  • Walker Smith war der echte Name des Boxers Sugar Ray Robinson.

Zitate:

„This is my first time among the stars, you know. Such vastness, seen so close, makes one feel very small.“ (Rabbi Koslov)

„By the way… This Babylon 5 of yours! Ness gadol. A great miracle.“ (Rabbi Koslov zu Sinclair)

Rabbi Koslov: „Without forgiveness, you cannot mourn. And without mourning, you can never let go of the pain.“
Ivanova: „I have to go on duty“
Rabbi Koslov: „You cannot run away from your own heart, Susan. Not even in space.“

„Watch your back!“ (Walker Smith zu Garibaldi)

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.17 „Legacies“ (folgt demnächst)
(Die Reihenfolge, in der ich die Episoden der ersten Staffel bespreche, könnt ihr ganz am Ende dieses Blogposts einsehen.)

Babylon 5 – Episode 1.21 „The Quality of Mercy“

Aktuelles aus dem „Babylon 5“-Universum

Wirklich aktuelle Neuigkeiten über „Babylon 5“ gibt es zwar nicht, aber „Babylon 5“-Schöpfer JMS hat Creative Screenwriting ein interessantes Interview gegeben, dessen zwei Teile ihr hier und hier lesen könnt. Darin spricht er unter anderem über „Babylon 5“, „Sense8“, das Drehbuchschreiben und seine Arbeit als Comicautor. Die interessanteste Info ist meiner Meinung nach allerdings, dass JMS vor ein paar Jahren ein Filmdrehbuch für Steven Spielberg geschrieben hat, welches JMS zufolge entweder von Spielberg selbst oder von Martin Scorcese verfilmt werden wird. Ich kann nur hoffen, dass es wirklich dazu kommt und würde mich riesig freuen, wenn es auf diese Weise zur Zusammenarbeit zweier meiner Idole kommen würde (Spielberg & JMS, wobei natürlich auch die Kombination Scorcese & JMS eine große Ehre und einen großen Erfolg für JMS bedeuten würden).
Zudem wird JMS auch dieses Jahr wieder auf der San Diego Comic Con zu Gast sein. Sein Panel findet am 22.7. um 17:30 Uhr (Ortszeit) statt. Zusätzlich wird er auf der Con auch eine Autogrammstunde und einen Schreibworkshop abhalten. Sein Panel wird sich wohl vor allem um seine aktuelle Serie „Sense8“ drehen, allerdings wird er bestimmt auch auf andere Projekte eingehen, an denen er zurzeit arbeitet. Darunter befinden sich die Verfilmung seiner Comicserie „Rising Stars“ und die auf der „Red Mars“-Trilogie basierende Fernsehserie, an deren Entwicklung er beteiligt war. Ob es auch „Babylon 5“-Neuigkeiten geben wird, ist nicht bekannt. Die Beschreibung des Panels kündig aber vollmundig an: „[T]he announcements this time are especially big. Be there for news that’s going to blow up the Internet.“ Ob das bedeutet, dass wir endlich konkrete Neuigkeiten zu einem „Babylon 5“-Kinofilm erfahren werden, den JMS 2014 angekündigt hat, oder ob es sich doch um etwas ganz anderes dreht, kann man zum jetztigen Zeitpunkt unmöglich wissen. Ich erwarte mal lieber nicht zuviel. Zwar bin ich kein Comicfan, aber ich freue mich auf jeden Fall auf alle Film- und Fernsehprojekte, an denen JMS beteiligt ist.
Und nun weiter zur „Babylon 5“-Episode, die ich in diesem Blogpost bespreche:

Episode 1.21 „The Quality of Mercy“ („Die Heilerin“)

Drehbuch: J. Michael Straczynski, Regie: Lorraine Senna Ferrara
Erstausstrahlung: 17.08.1994 (USA), 10.12.1995 (Deutschland)

Wie so oft in der ersten Staffel haben wir es hier mit einer Episode zu tun, die zwar eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt, aber doch ein paar Dinge und Figuren in die Geschichte einführt, die später – zum Teil viel später – noch einmal eine Rolle in der Serie spielen werden. So einen Fall haben wir gleich in der ersten Szene, in der Londo mit einem Senator seiner Heimatwelt spricht. Bei diesem handelt es sich um Senator Virini (gespielt von Damian London; den Namen der Figur erfahren wir hier noch nicht), den wir später noch öfter sehen werden.
Und wo ich schon bei Londo bin, bleibe ich mal bei diesem Handlungsstrang, denn er hat mit Rest der Folge nichts zu tun. Londo, der von Virini ja den Auftrag bekommen hat, seine Beziehungen zu den anderen Völkern zu pflegen, verbindet das Nützliche mit dem Angenehmen und tut das, was er sonst auch gerne tut: er besucht einen Nachtclub, nur eben dieses Mal mit Lennier. Dieser darf als Minbari, wie sich herausstellt, leider keinen Alkohol trinken und langweilt Londo mit Details seiner langen Ausbildung. Als er jedoch erwähnt, dass er sich u.a. intensiv mit Wahrscheinlichkeitsrechnung beschäftigt hat, schleppt Londo ihn sofort an einen Pokertisch. Während Lennier feststellen muss, dass er auch beim Pokern noch viel praktisches Wissen zu erwerben hat, hat Londo dieses längst verinnerlicht und setzt sogar eines seiner Körperteile zum Schummeln ein. Wie wir später erfahren, handelt es sich dabei um einen der sechs Penisse, über die männliche Centauri verfügen (und die den Podcastern vom „Grauen Rat“ ihr Bewertungssystem beschert haben). Soweit ich weiß ist „Babylon 5“ damit die einzige Mainstream-Science-Fiction-Serie, in der jemals ein männliches Geschlechtsorgan gezeigt worden ist… Jedenfalls kommt es daraufhin zur einer Massenschlägerei im Club, aus der Londo und Lennier ganz schön lädiert hervorgehen. Anschließend sitzen sie wie zwei beschämte Schüler vor Sinclair, der nach einer Erklärung verlangt. Um Londos Gesicht zu wahren, nimmt Lennier die Schuld auf sich und behauptet, er habe ein Missverständnis verschuldet, das zum Streit und zur Schlägerei geführt habe. Zwar erwähnt er auch, dass Delenn aus Respekt nicht weiter nachfragen wird (schließlich wird sie ebenfalls Lenniers Gesicht wahren wollen), trotzdem würde ich zu gerne Delenns Gesichtsausdruck in dem Moment sehen, wo sie erfährt, dass ihr Attaché in eine Schlägerei verwickelt war, deren Auslöser Londos Penis gewesen war! 😉
Diese Nebenhandlung ist nicht besonders wichtig und manche werden sie aufgrund der Einführung (no pun intended!) von Londos Geschlechtsorganen für völlig blödsinnig halten. Trotzdem hat auch dieser Handlungsstrang seinen Wert. Zum einen bringt er mit Londo und Lennier zwei Figuren zusammen, die in der Serie bisher kaum interagiert haben. Zum anderen erfahren wir vor allem über Lennier eine ganze Menge Neues. Die Handlung um Londo und Lennier ist damit inhaltlich für zukünftige Ereignisse kaum relevant, dient aber dazu, Lenniers Charakter weiter auszubauen und uns ein wenig mehr über die Kultur der Minbari und Centauri zu vermitteln (s. unten).

Viel interessanter sind allerdings die beiden anderen Handlungsstränge, die auch den größten Teil der Episode einnehmen. In einem davon haben wir es mit einem brutalen, geistesgestörten Massenmörder zu tun, der zahlreiche Menschenleben auf dem Gewissen hat. Im anderen geht es um eine Ärztin, die zahlreiche Menschen von zum Teil tödlichen Krankheiten geheilt hat. Dem Mörder wiederum sollen mit Hilfe von technischen Geräten all seine Erinnerungen genommen und seine Persönlichkeit komplett ausgelöscht werden. Auch die Heilerin verfügt über eine Maschine, mit der sie aber nichts auslöscht, sondern Lebewesen heilt (wobei das nicht die einzige Funktion der Maschine ist).
Der Handlungsstrang um den Massenmörder Karl Mueller (Mark Rolston) wirft viele wichtige Fragen auf: Wie soll man einen offenbar kranken Menschen bestrafen, der zahlreiche Menschen ermordert hat und es weiter tun würde, wenn man nicht einschreitet? Darf man so jemanden umbringen? Und falls nicht, ist die Auslöschung seiner Persönlichkeit nicht ebenfalls eine Art Todesstrafe? Schließlich bleibt danach außer seinem Körper nichts zurück, was diesen Menschen ausgemacht hat? Ist das nicht vielleicht sogar schlimmer als die Todesstrafe? Oder gibt es dem Täter tatsächlich die Gelegenheit, ganz von vorne anzufangen, der Gesellschaft zu dienen und so gewissermaßen Buße zu tun? (Man könnte dies sogar als eine Form der Wiedergeburt interpretieren.)
Auch auf Babylon 5 gibt es dazu natürlich verschiedene Ansichten. Sicherheitschef Michael Garibaldi würde Mueller am liebsten selbst aus der nächsten Luftschleuse schubsen. Seiner Meinung nach ist die Todesstrafe für Mörder nur gerecht (ein Charakterzug, den JMS von Garibaldi-Darsteller Jerry Doyle auf die Figur übertragen hat). Dr. Franklin wiederum hält dagegen nicht nur die Todesstrafe, sondern auch die Löschung der Persönlichkeit für moralisch bedenklich. Die Ansichten von Commander Sinclair erfahren wir nicht, da er in dieser Folge nur zwei Szenen hat. Als Commander wird er wahrscheinlich neutral bleiben wollen, solange die beteiligten Parteien auch ohne ihn eine Einigung erzielen können (was in „Believers“ nicht der Fall war). Auch der den Fall betreuende Richter Wellington (Jim Norton) muss natürlich objektiv urteilen. Die Person, deren Meinung man am besten nachvollziehen kann, ist Talia Winters. Die Telepathin hat die Aufgabe, Mueller vor der Vollstreckung des Urteils zu scannen und geht extrem verstört, wenn nicht sogar traumatisiert aus dieser Erfahrung hervor. Es bestätigen sich sowohl die Vermutung, dass Mueller noch wesentlich mehr Personen umgebracht hat, als bekannt ist, als auch seine offenkundige Geistesgestörtheit.

Eine ausführliche Zusammenfassung der Geschichte um Dr. Franklin, die scheinbare Scharlatanin Dr. Rosen und ihre Tochter, sowie Mueller – dessen Handlungsstrang mit dem um Dr. Rosen zusammengeführt wird – spare ich mir an dieser Stelle. Insgesamt ist „The Quality of Mercy“ eine solide, leicht überdurschnittliche Episode und sicherlich eine der besseren Folgen der ersten Staffel. Die Darsteller von Mutter und Tochter Rosen fand ich zwar nicht besonders beeindruckend, dafür hat mich Jim Norton als Richter begeistert, der leider aber viel weniger Szenen hatte. Auch Mark Rolston war als geistesgestörter und furchterregender Massenmörder überzeugend. Am Ende der Folge verabreden sich Dr. Franklin und Janice Rosen zwar zum Essen, doch wir werden weder Janice noch ihre Mutter jemals wieder sehen. Trotzdem beinhaltet die Folge wie gesagt einige Elemente, die man sich merken sollte. Dazu gehört zum einen die außerirdische Maschine, mit der sich Lebensenergie von einer Person auf eine andere übertragen lässt und die nun in Dr. Franklins Obhut verbleibt, aber auch das Konzept der Persönlichkeitslöschung (und die anschließende Etablierung einer völlig neuen Persönlichkeit mit neuen Erinnerungen im gleichen Gehirn). Weitere Dinge, die später in der Serie wieder angesprochen werden, findet ihr unten.
Was die Figuren betrifft, so erfahren wir zumindest ein bisschen mehr über Talia, die hier nicht zum ersten Mal einen Serienmörder scannt (in „Deathwalker“ wurde – wenn ich mich richtig erinnere – erwähnt, dass sie einmal auf dem Mars das Gehirn eines Serienmörders scannen musste). Auch Franklins Figur wird weiter ausgebaut, allerdings erscheint er mir etwas widersprüchlich. Einerseits interessiert er sich sehr für nichtmenschliche Biologie und Medizin, andererseits tut er die fremde Maschine sofort als wirkungslos oder sogar schädlich ab. Immerhin hat er aber zum Schluss der Episode akzeptiert, dass Dr. Rosen damit wirklich anderen Wesen helfen konnte.

Highlight der Episode – und zugleich der beste Londo-Moment: Na was wohl? Natürlich die Szene, in der Londo beim Poker schummelt. Ich zitiere hierzu mal seinen Darsteller Peter Jurasik: „To actually have you genitalia as part of the script is really a wonderful thing.“ (Aus Jane Killicks Episodenführer zur ersten Staffel.) Ich meine mich auch zu erinnern, dass JMS mal ganz stolz davon berichtet hat, dass er hier tatsächlich Geschlechtsorgane in einer Folge zeigen konnte, ohne dass es die Verantwortlichen beim Sender und der Produktionsfirma besonders zur Kenntnis nahmen.

Folgende (weitere) wichtige Informationen, die für den weiteren Verlauf der Serie wichtig sind, erhalten wir in dieser Episode:

  • Wir erfahren eine Menge über Lennier, der hier eine große Rolle hat. Seit seiner Geburt wurde er auf Minbar in einem Tempel großgezogen und in der Lebensweise und den Ansichten der religiösen Kaste unterrichtet. Von dort kam er vor sechs Monaten (in „The Parliament of Dreams“) direkt nach Babylon 5. Er ist also zwar äußerst gebildet, verfügt aber über wenig praktische Lebenserfahrung, ganz besonders im Umgang mit anderen Kulturen. Allerdings scheint seine Ausbildung auch Kampffähigkeiten enthalten zu haben, denn wie wir sehen weiß er sich körperlich durchaus erfolgreich zur Wehr zu setzen.
  • Dr. Franklin betreibt auf der untersten Ebene eine nicht angemeldete Praxis, in der er mittellose Patienten umsonst behandelt.
  • In der Kultur der Minbari ist es eine große Ehre, jemand anderem zu helfen, das Gesicht zu wahren. Dazu ist es sogar erlaubt, zu lügen. Das tun die Minbari sonst nämlich nicht. Meistens jedenfalls. 😉
  • Männliche Centauri verfügen über sechs Penistentakel. Wer mehr darüber wissen will, wie diese Penisse funktionieren und wie die komplementären weiblichen Geschlechtsorgane aussehen, male sich das bitte selbst aus (oder durchsuche das Internet nach entsprechender Fan Fiction, die es bestimmt gibt). Ich habe diesen Fakt hier unter „für den weiteren Verlauf der Serie noch wichtige Informationen aufgenommen“, weil darauf tatsächlich später noch einmal eingegangen wird. Aber keine Angst: Besonders wichtig ist dieses Detail für die Handlung nicht. Und wir werden auch keine expliziten Centauri-Sexszenen sehen. Wenn euch die Vorstellung von sechs Centauri-Penissen trotzdem verstört, könnt ihr es ja wie Lennier machen, der am Ende der Folge gelobt, darüber zu schweigen. Allen anderen kann ich noch folgende Beschreibung einer Badewanne im Zimmer eines Centauri-Hotels anbieten, die ich vor ein paar Tagen im „Babylon 5“-Roman „The Shadow Within“ von Jeanne Cavelos entdeckt habe: „The bathroom had some odd appliances, for the styling of the male Centauri’s hair […] and a huge golden bathtub that seemed to be in the shape of a six-tentacled octopus-type creature.“
  • Die Funktionsweise der Heilmaschine hat JMS online genauer erklärt: „[I]t’s not so much alien HEALING device as an alien LIFE TRANSFERRAL device. If someone is actually dying, or close to it, the only way to save that person is to take the life from someone else.“ Je nachdem, wie schwer krank oder verletzt eine Person ist, ist also auch mehr Lebensenergie nötig, um diese Person zu heilen. Das kann dazu führen, dass jemand seine gesamte Lebensenergie geben muss, um eine andere Person zu retten…

Sonstige Fragen:

  • Warum ist eigentlich ein telepathischer Scan bei einer Person vorgeschrieben, bei der eine Löschung der Persönlichkeit vorgenommen werden soll?

Weitere interessante Punkte:

  • Nachdem Londo in der ersten Szene das Gespräch mit Virini beendet hat, äfft er ihn nach: „I’ll be in touch. Touch this!“ Dabei zeigt er mit seinen Händen scheinbar auf seinen Bauch. Erst im Nachhinein realisiert man, auf welche seiner Körperteile er tatsächlich gezeigt hat…
  • Minbari vertragen keinen Alkohol. Selbst kleine Mengen davon lösen bei ihnen psychotische Impulse und einen brutalen Mordrausch aus. (Bin ich der Einzige, der das gerne mal in einer Folge gesehen hätte?)
  • „Spacing“, also der Tod durch das Hinausstoßen ins Vakuum des Weltalls, ist im Jahr 2258 nach Erdrecht eine Form der Todesstrafe. Wie Richter Wellington erwähnt, kann es bei Meuterei und Verrat angewendet werden.
  • Ivanova gibt Franklin gegenüber zu, dass sie sich die Vorschriften auch selbst hin und wieder ein wenig zurechtbiegt. Ein Beispiel dafür ist der Kaffee, den sie auf der Station für sich anbaut (siehe „The War Prayer“).
  • Wenn Londo (in der Originalfassung) Lenniers Namen ausspricht, klingt das in dieser Folge oft wie „Lannier“? Liegt das an Londos Akzent? Ist das noch jemandem aufgefallen?
  • Mehrmals wird in dieser Folge wieder erwähnt, dass der Raumstation nur ein äußerst knappes Budget zur Verfügung steht. Das kommt zunächst im Gespräch zwischen Franklin und Ivanova zur Sprache, als Ivanova sagt, sie könnten es sich nicht leisten, kostenlose Medikamente und medizinische Leistungen an Stationsbewohner zu verteilen. Später wird der Personalmangel auf Babylon 5 als Grund dafür genannt, warum Mueller nicht auf der Station inhaftiert werden kann. Zudem scheint die Station auf der Prioritätenliste der Erdregierung ziemlich weit unten zu stehen; es wird erwähnt, dass die Erde kein Geld ausgeben will, um Mueller zu transportieren.

Interessante „Hinter den Kulissen“-Fakten:

  • JMS schrieb das Drehbuch zu dieser Folge, als er unter einer schweren Grippe litt. Wenn er unter diesem Zustand schreibe, so zitiert ihn Jane Killick in ihrem Episodenführer zur ersten Staffel, dann könne er sich später nicht mehr daran erinnern, was er geschrieben habe. Zudem würden seine Drehbücher dann stets besonders seltsam – so rechtfertigt er den Centauri-Penis in dieser Folge.
  • Mueller-Darsteller Mark Rolston hat eine lange Liste an Auftritten in Filmen und Fernsehserien, nicht selten im Science Fiction-Bereich. Sein zumindest für mich aber beeindruckendster IMDB-Credit ist seine Rolle als Private Drake in James Camerons „Aliens“.
  • Jim Norton hat in „Babylon 5“ nicht nur die Rolle von Richter Wellington gespielt (wir kennen ihn bereits aus „Grail“). Im weiteren Verlauf der Serie werden wir ihn auch in anderen Rollen sehen. Norton hat eine lange Karriere auf der Bühne, im Fernsehen und in Filmen hinter sich; Science Fiction-Fans kennen ihn unter anderem als Albert Einstein aus „Star Trek: The Next Generation“.
  • Der Name des Dark Star Nachtclubs, den wir bereits aus „Born to the Purple“ kennen, ist natürlich eine Anspielung auf den Film „Dark Star“ (1974).
  • Beim Originaltitel der Episode handelt es sich um ein Zitat aus Shakespears „Der Kaufmann von Venedig“.
  • June Lockhart, die Dr. Rosen spielt, war in der Serie „Lost in Space“ (1965-1968) als Dr. Maureen Robinson zu sehen. Lennier-Darsteller Bill Mumy spielte damals ihren Sohn, Will Robinson. Obwohl Mumy JMS darum bat, doch eine gemeinsame Szene für ihn und Lockhart ins Drehbuch zu schreiben, widerstand JMS dieser Versuchung, weil die Handlungsstränge von Lennier und Dr. Rosen nichts miteinander zu tun hatten und eine solche Szene keinerlei Funktion für die Handlung gehabt hätte.

Zitate:

Franklin (im Behandlungsraum, nicht von seinem Tablet hochschauend): „You can start by removing your clothes…“
Ivanova: „Not without dinner and flowers.“

Londo (zu Lennier, mit Blick auf die Stripperin im Dark Star): „Here you will see the heart and soul of Babylon 5. Also its spleen, its kidneys, a veritable parade of internal organs.“

Londo (zu Lennier): „Right now, I want to introduce you to the ultimate means of interstellar understanding. The Earthers call it ‚poker‘.“

„I did the necessary thing. That is not always the same as the right thing.“ (Laura Rosen)

Sinclair: „I’m still waiting for an explanation, gentlemen.“
Londo (sichtlich lädiert nach der Schlägerei im Dark Star): „Yes, and I am prepared to give you one, Commander. As soon as the room stops spinning.“
Sinclair: „This station creates gravity by rotation, it never stops spinning.“
Londo: „Well, I begin to see my problem.“

 

Die nächste Folge in meinem „Babylon 5“ Rewatch:
1.14 „TKO“
(Die Reihenfolge, in der man die Episoden idealerweise anschauen sollte, weicht hier von der Reihenfolge auf den DVDs ab. Ganz am Ende dieses Blogposts könnt ihr die Reihenfolge einsehen, in der ich die erste Staffel bespreche.)

Better Call Saul – Season 2

Nachdem mich die hohe Qualität der ersten Staffel von „Better Call Saul“ doch sehr überrascht hatte, war es klar, dass ich mir auch Season 2 anschauen musste. Das habe ich auch getan, allerdings ist das schon wieder über zwei Monate her. Mal schauen, woran ich mich für diesen Blogpost also noch erinnere. 😉

Da „Better Call Saul“ ein Prequel zu „Breaking Bad“ darstellt, ist bereits klar, wie die Serie für Jimmy McGill (Bob Odenkirk) enden muss: er muss zu Saul Goodman werden, jenem aus „Breaking Bad“ bekannten schmierigen Anwalt in geschmacklosen Anzügen, der nichts dagegen hat, in moralischen Grauzonen zu agieren und seinen Traum, es in einer großen (oder mit einer eigenen) Kanzlei ganz nach oben zu bringen, aufgegeben hat. Nun, diesen Traum hat Jimmy in der zweiten Staffel der Serie noch. Zwar hat er den Anwaltsberuf zu Beginn erst einmal an den Nagel gehängt, nimmt aber am Ende der ersten Folge doch noch den ihm angebotenen Job bei Davies & Main an. Auch ist er noch „moralisch flexibel“, wie er Mike (Jonathan Banks) versichert, als der Jimmy um Hilfe bittet. Es geht dabei darum, einem ITler, dessen Nebentätigkeit als Drogendealer aufgeflogen ist, rechtlichen Beistand zu leisten. Wie es Jimmy schafft, den armen Typen mit einer haarsträubenden, vollkommen absurden Geschichte herauszureden, das ist wirklich zum Brüllen komisch. Eigentlich sind alle Szenen, in denen Jimmy jemand anderen übers Ohr haut – manchmal ganz einfach weil er es kann, meistens aber, weil es seinen Zwecken dient – einfach herrlich (Stichwort: Pina Coloda-Song!). Seine Geschichten sind jedes Mal so absurd, dass man sie einfach glauben muss. Bob Odenkirk spielt Jimmy in diesen Momenten genau so, dass man merkt: da tut einer etwas, bei dem er gut ist und das ihm großen Spaß macht.

Jimmys Freundin (und Kollegin) Kim Wexler (Rhea Seehorn) ist von seinen beruflichen Schwindeleien alles andere als begeistert und Jimmy verspricht ihr zumindest, dass sie nie wieder etwas davon mitbekommen wird. Im Lauf der Staffel kann Jimmy sie aber dazu überzeugen, ihre Stelle bei HHM zu kündigen, um gemeinsam mit ihm ein Büro zu eröffnen. Es sieht also eine Weile tatsächlich so aus, als würde es für Jimmy aufwärts gehen. Kim gelingt es sogar, HHM einen großen und prestigeträchtigen Klienten abzuwerben. Doch als Jimmys Bruder Chuck (Michael McKean) davon erfährt, mobilisiert er alle ihm noch verbliebenen Kräfte, um den Klienten zurückzuholen – erfolgreich. Dies wiederum veranlasst Jimmy zu seinem wohl größten und folgenreichsten Betrug in dieser Staffel: in Chucks Haus verschafft er sich Zugang zu den entsprechenden Akten und manipuliert diese in zeitraubender Detailarbeit im Copyshop, sodass es später bei einer gerichtlichen Anhörung so aussieht, als habe HHM schlampig gearbeitet. Der Klient wechselt erneut zu Kim Wexler.

Chuck ist sich danach sofort sicher, dass sein Bruder seine Hände im Spiel gehabt haben muss. Kim, die das nicht glauben kann, nimmt Jimmy in Schutz und wirft Chuck vor, Jimmy sei nur deshalb zu einem Schwindler geworden, weil Chuck nie an ihn geglaubt habe. Trotz aller kleinen und großen Schwindeleien ist Jimmy aber ein äußerst loyaler Mensch. Er liebt seinen kranken Bruder und kümmert sich rührend um ihn. Leider hat er mit ihm halt auch beruflich zu tun und ist ihm auf diesem Gebiet deutlich unterlegen. Um sich nach oben zu arbeiten, ist ihm fast jedes Mittel recht. Es ist auch sehr interessant, dass Mike klarere moralische Prinzipien zu haben scheint als Jimmy, obwohl Jimmy Anwalt ist und Mike Krimineller ist.

Schauspielerisch ist die Staffel erste Klasse. Bob Odenkirk wechselt scheinbar mühelos von der Komik hin zu ernsten Szenen und macht Jimmy so zu einer dreidimensionalen, glaubhaften Figur. Auch allen anderen Darstellern gelingt dies mit ihren Charakteren, allen voran Jonathan Banks als Mike und Michael McKean als Chuck. Glücklicherweise dürfen sie mit hervorragenden Drehbüchern arbeiten, die die Serie genau im richtigen Tempo vorantreiben. Jimmy ist seiner „Saul-Werdung“ in diesen zehn Folgen ein Stück näher gekommen, aber ganz da ist er noch nicht. Er hat sich noch nicht aufgegeben, hat noch Hoffnung auf Erfolg und das große Geld. Einen herben Rückschlag erhält er allerdings ganz am Ende der Staffel. Dort holt Chuck zum Gegenschlag aus, nachdem er Opfer von Jimmys Betrug geworden ist. Die Folgen davon werden das Leben für Jimmy in der nächsten Staffel ein ganzes Stück schwerer machen und er wird seiner Saul Goodman-Persönlichkeit, wie wir sie aus „Breaking Bad“ kennen, ein ganzes Stück näher kommen. Die grellbunten Anzüge hat er sich in dieser Staffel ja schon mal (in einer herrlich komischen Szene) besorgt.

Filmfest München: „Lo and Behold“, „Made in France“ & „Die letzte Sau“

Über zahlreiche Filme aus dem diesjährigen Programm des Filmfest München habe ich schon gebloggt, ein paar wollen aber noch abgearbeitet werden. Da wäre zum Beispiel Werner Herzogs Dokumentation „Lo and Behold, Reveries of the Connected World“. Die deutsche Regie-Legende versucht darin, einem Phänomen auf den Grund zu gehen, von dem Herzog selbst recht wenig versteht: moderne Computertechnologie, insbesondere das Internet. Unterteilt in zehn Segmente widmet er sich unter anderem der Entstehung des Internet, künstlicher Intelligenz, der Frage wie man ein Internet auf dem Mars möglich machen wird oder auch Menschen, die sich entschlossen haben, abseits der Zivilisation in einem nahezu strahlungsfreien Gebiet zu leben.
LO_AND_BEHOLD+ROBOT_700Eine kurze Umfrage des in den Film einführenden Moderators vor der Vorstellung ergab, dass sich die Mehrheit der Zuschauer als unerfahren im Umgang mit Computern und Internet bezeichnen würden. Herzogs Film trug leider nicht viel dazu bei, diesen meist älteren Kinobesuchern die Angst vor der Technologie zu nehmen – ganz im Gegenteil. Werner Herzog schlägt sich in „Lo and Behold“ auf die Seite der Ängstlichen und Unsicheren, die sich mit Technik kaum auskennen und dürfte auch beim gleichermaßen unerfahrenen Zuschauer Ängste vor der Technik hervorrufen. Zwar kommen durchaus auch ein paar positive Aspekte des technologischen Fortschritts zur Sprache, insgesamt überwiegt aber die Darstellung der Nachteile und Gefahren. Zudem bleibt der Film – jedenfalls für auf dem Gebiet bewandertere Zuschauer – zu oberflächlich und dringt in kaum eines der zehn Themengebiete tiefer ein. Herzog erweist sich als großer Zweifler, der den Zukunftsszenarien seiner Interviepartner (darunter z.B. Elon Musk) kaum Positives abgewinnen kann. Bestes Beispiel dafür ist der Schluss des Films: Da erzählt ein Forscher, dass irgendwann in der Zukunft direkter zwischenmenschlicher Kontakt möglicherweise kaum noch nötig oder gewünscht sein wird, weil künstliche Lebensformen dann vielleicht als mit biologischen gleichgesetzt betrachtet werden. Er fügt hinzu, dass man sich das heute kaum vorstellen kann, was im Fall von Werner Herzog definitiv zutrifft. Der kommentiert dieses Szenario nämlich dadurch, dass er den Film anschließend mit einer Einstellung beendet, in der man ein paar vor der Zivilisation Geflüchtete in besagtem strahlungsarmen Gebiet gemeinsam musizieren sieht. Die Botschaft scheint klar: diese zwischenmenschliche Nähe werden Maschinen niemals ersetzen können. Schade, dass Herzog sich hier als so engstirnig erweist und nicht offener an das Thema herangeht. Er hätte damit etwas in den Köpfen seines Publikums bewegen können, statt nur festgefahrene Vorurteile und Ängste zu zementieren.

MadeInFrance02_700Ein weiterer höchst aktueller Film ist „Made in France“. Der französische Thriller von Nicolas Boukhrief handelt von einem Journalisten, der undercover in einer islamistischen Terrorzelle recherchiert. Gedreht 2014, wurde der französische Kinostart nach den Anschlägen in Paris im Januar und November 2015 mehrmals verschoben; inzwischen ist der Film in Frankreich für den Heimkinomarkt erschienen und soll auch in Deutschland nur auf DVD oder über Streamingportale veröffentlicht werden (teilweise wird er auch unter dem Titel „Inside the Cell“ vertrieben). Der Film ist durchgehend spannend inszeniert und die Darsteller spielen äußerst überzeugend. Dennoch wird man nach dem Filmende etwas ratlos im Kinosessel zurückgelassen. Zwar hat man soeben nervenzerreißende 90 Minuten erlebt, doch der Erkenntnisgewinn bleibt gering. „Made in France“ nimmt sich nicht die Zeit, das Glaubenssystem und die Weltsicht der Terroristen detalliert zu betrachten und bleibt damit ein konventioneller, wenn auch gut gemachter und unterhaltsamer Thriller. Aber wie soll man Terror auch verstehen?

Ein dritter Film mit Bezug zur aktuellen Gesellschaftslage ist „Die letzte Sau“ von Aron Lehmann. In seinem dritten Kinospielfilm nach „Kohlhaas“ und „Highway to Hellas“ erzählt der Regisseur die Geschichte des schwäbischen Bauern Huber (Golo Euler), der nach der Pleite seines Hofes und einigen weiteren Schicksalsschlägen frustriert das Handtuch wirft und sich auf einen Roadtrip quer durch Deutschland begibt. Im Beiwagen seines Mopeds mit dabei: die titelgebende letzte Sau, das einzige Überbleibsel seines Bauernhofes. Auf dem Weg durchs Land begegnet Huber einigen anderen schrägen Gestalten, die alle auf die eine oder andere Weise Opfer von Wirtschaft und Politik geworden sind. Da ist zum Beispiel ein ehemaliger Investmentbanker, der auf den Rat seines Psychotherapeuten hin zum Imker umgesattelt hat, aber immer noch einen unbändigen Hass auf die gnadenlose Ellbogengesellschaft der Finanzwelt in sich trägt. Überzeugt, dass es im Land nicht so weitergehen kann, zettelt Huber unterwegs unbeabsichtigt eine Revolution an.
drei-freunde_dieletztesau01_700Trotz der Verwurzelung der Geschichte in Deutschland und des schwäbischen Dialekts seiner Hauptfigur erzäglt „Die letzte Sau“ im Grunde eine universelle Geschichte. Denn die Folgen von Wirtschaftswachstum, Konkurrenzdenken, Leistungsoptimierung und Globalisierung betreffen nicht nur Bauernhöfe (und andere Unternehmen) in Deutschland. Die Art und Weise, wie Lehmann hier seine Zuschauer auf einige der negativen Folgen der Massentierhaltung aufmerksam macht, gefällt mir. Vielleicht braucht es einen solchen, sowohl sehr lustigen als auch immer wieder tragischen Film, um mehr Leute für dieses Thema zu sensibilisieren. Ich würde mich zwar nicht vollkommen hinter die Botschaft des Films stellen, wonach das Ursprüngliche und Traditionelle dem Modernen stets vorzuziehen ist. Aber die Entfremdung des Menschen von der Natur und die Folgen immer größeren, gedankenlosen Konsums sind wichtige Themen, die man im Kino selten auf so unterhaltsame Weise geschildert bekommt. „Die letzte Sau“ kommt im Oktober regulär in die Kinos.

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmfest München: „Oscuro Animal“, „Ein deutsches Leben“, „La Ciénaga“ & „Días Extraños“

OscuroAnimal-02_700Das 34. Filmfest München ist inzwischen vorbei, aber ich will noch über ein paar weitere Filme bloggen, die ich gesehen habe. Der ungewöhnlichste davon war wohl „Oscuro Animal“ von Felipe Guerrero. In getrennten Handlungssträngen kämpfen sich darin drei Frauen durch den Dschungel Kolumbiens, auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Der Film kommt vollkommen ohne Dialoge aus, was es nicht immer leicht macht, hier der Handlung zu folgen. Am Anfang kam mir das noch sehr seltsam und schwierig vor, doch irgendwann habe ich begonnen, einfach die fantastisch schönen Bilder zu genießen und mich von ihnen treiben zu lassen. „Oscuro Animal“ muss man definitiv im Kino sehen, nicht nur weil der Film auf die große Leinwand gehört, sondern auch weil man sich zuhause doch zu leicht dazu verleiten lässt, nebenbei andere Dinge zu tun. Dieser Film aber lebt davon, dass man zu- und hinschaut. Er versetzt einen dabei gelegentlich in einen entspannenden, fast meditativen Zustand, bringt einen aber auch immer wieder mit sehr harten und brutalen Szenen aus der Ruhe. Anders, aber gut!

A_German_Life+05_700Anders, aber sehr, sehr gut ist auch „Ein deutsches Leben“. Für die Dokumentation haben vier Regisseure Brunhilde Pomsel interviewt, die als Sekretärin für Joseph Goebbels gearbeitet hat. Die zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen 103-jährige Dame erzählt im Film ihre Lebenserinnerungen bis zum Ende des zweiten Weltkriegs. Es geht also nicht nur um ihre Arbeit im „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“, sondern beispielsweise auch um die Vorkriegszeit und um Schuldfragen. Die Einblicke aus erster Hand, die man dabei erhält, sind immer wieder faszinierend. Die Interviewaufnahmen Pomsels, bei denen man stets nur ihr Gesicht in Nahaufnahme und schwarz-weiß sieht, werden immer wieder durch zeitgenössische Aufnahmen unterbrochen, z.B. Reden von Goebbels oder amerikanische und deutsche Propagandafilme. Das ist mitunter sehr schwer anzusehen, in Kombination mit Pomsels Worten macht es einem aber nochmals die Realität des Holocausts bewusst und regt dazu an, Fragen zu stellen. „Ein deutsches Leben“ ist ein sehr gelungener und wichtiger Film geworden. Bei der Premiere (in einem dafür viel zu kleinen und sehr heißen Kinosaal!) war die nun 105-jährige Protagonistin selbst anwesend und überraschte alle Zuschauer mit ihrem Witz, ihrer Schlagfertigkeit und ihrer immer noch ungebrochenen Geistesstärke. Ein sehr bewegender Film über eine bemerkenswerte, beeindruckende Frau. („Ein deutsches Leben“ wird noch dieses Jahr seinen regulären Kinostart in Deutschland haben und später auch im Fernsehen gezeigt werden.)

Ein ebenfalls sehr bewegender Film wurde am Abend desselben Tages gezeigt: „La Ciénaga – Entre El Mar Y La Tierra“ („Between Land and Sea“). Allerdings war der Film nur für die meisten anderen Kinobesucher bewegend; ein Großteil der Zuschauer saß nämlich nach dem Filmende mit Tränen in den Augen da, während ich „La Ciénaga“ ziemlich platt und rührselig fand. In einem Pfahlhüttendorf an der kolumbianischen Küste lebt der 28-jährige Alberto (Manolo Cruz) gemeinsam mit seiner Mutter (Vicky Hernandez). Alberto leidet seit seiner Kindheit an einer unheilbaren Nervenkrankheit, die ihn nahezu bewegungslos gemacht hat. Aber Alberto hat einen ganz besonderen Wunsch: er möchte einmal aufs Meer hinausfahren.
LaCienaga-02_700„La Ciénaga“ ist beim Filmfestival in Sundance vom Publikum zum besten Film gewählt worden, was ich mir nur dadurch erklären kann, dass es sich hier um auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebrachtes Wohlfühlkino handelt. Die Auszeichnung der beiden Hauptdarsteller als beste Schauspieler auf demselben Festival kann ich da schon eher nachvollziehen. Manolo Cruz, der Alberto spielt und auch Regie geführt hat, hat eindeutig viel Recherche betrieben, um den Nervenkranken überzeugend darzustellen. Trotzdem habe ich hier aber zu keinem Zeitpunkt wirklich mitfühlen können, dazu erschien mir der Film von Anfang an zu kalkuliert und zu sehr auf große Gefühle aus zu sein. Auch hätte ich gerne mehr über die Lebensart der in dem Pfahlhüttendorf lebenden Fischer erfahren, doch der Film bleibt die ganze Zeit über bei Alberto, seiner Mutter und seiner besten Freundin. Das Ergebnis ist ein rührseliges Kammerspiel vor schöner Kulisse, mit einer nicht überaschenden, aber trotzdem für mich nicht nachvollziehbaren Entwicklung am Ende. Kann man sich anschauen, man verpasst aber nichts, wenn man es nicht tut.

DIAS+EXTRANOS+1_700Interessanter fand ich da schon „Días Extraños“ („Strange Days“) von Juan Sebastián Quebrada. Der in schwarz-weiß gefilmte Film zeigt den Alltag eines jungen kolumbianischen Paares in Buenos Aires. Luna und Juan haben kaum Geld, schlagen sich aber irgendwie durch. Sie streiten sich, haben Sex, gehen feiern. Viel mehr passiert eine ganze Weile nicht und trotzdem fand ich den Film da schon interessant, vor allem aufgrund der überzeugenden Darsteller, die das alles so lebensecht wirken lassen. Später aber lernen die beiden eine junge Frau kennen und nehmen sie mit zu sich in die Wohnung. Luna verabreicht ihr ein starkes Beruhigungsmittel und am nächsten Morgen wacht die Frau nackt zwischen Luna und Juan auf, bevor sie fluchtartig die Wohnung verlässt. Was genau in der Nacht zuvor geschehen ist, wird nicht explizit erwähnt und der Vorstellung des Zuschauers überlassen. Doch später kehrt die junge Frau zurück, um einen Racheakt zu vollziehen. „Días Extraños“ bleibt zwar in gewisser Weise Stückwerk, weil hier vieles unausgesprochen bleibt und der Konflikt zwischen den Figuren nicht aufgelöst wird. Dennoch hat mich der Film fasziniert. Er war sehr gut gespielt, schön anzuschauen und regt einen vor allem zum Nachdenken an. Ein starkes Stück Kino, wenn es auch wie gesagt etwas unvollendet wirkt und das Ende dann doch etwas mehr Erklärung nötig gehabt hätte.

Mindestens ein weiterer Blogpost über die Filmfest-Filme folgt noch! 🙂

Copyright Bilder: Filmfest München

Filmfest München: „Puppet Syndrome“, „Niemand kennt die Persian Cats“ & „El Olivo“

Das Filmfest München neigt sich dem Ende zu und wie jedes Jahr habe ich zwar viele, viele Filme gesehen, aber auch viele andere links liegen lassen, obwohl ich sie gerne gesehen hätte. Mehr als drei oder vier Filme am Tag anzuschauen, ist wirklich nicht empfehlenswert und man muss ja auch noch irgendwann schlafen und über die Filme schreiben… Meine ausführliche Besprechung des fantastischen Eröffnungsfilms „Toni Erdmann“, der am 14.7. regulär in den Kinos startet, könnt ihr hier lesen.

PuppetSyndrome-Szenenfoto5_700In der Reihe „Spotlight“ lief dieses Jahr u.a. die russische Literaturverfilmung „Puppet Syndrome“ („Sindrom Petrushki“) nach dem Roman von Dina Rubina. Sie erzählt die Geschichte des seit seiner Kindheit vom Puppentheater faszinierten Petya (Evgeniy Mironov) und seiner Liebe zu Lisa (Chulpan Khamatova). Petya erschafft eine lebensecht wirkence Puppe nach Lisas Abbild, was natürlich für Probleme sorgt. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust, den Inhalt ausführlicher zusammenzufassen, weil mir der Film nicht besonders gefallen hat. Die Geschichte war zwar äußerst schön gefilmt und mit der einer Literaturverfilmung gebührenden rührenden, orchestralen Musik versehen, lief aber größtenteils überraschungsfrei ab. Noch dazu war mir der Hauptdarsteller leider nicht besonders sympathisch und ironischerweise war es gerade sein Gesicht, das hier besonders maskenhaft wirkte. Zudem konnte ich nicht nachvollziehen, warum Lisa im Lauf des Films in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wurde, obwohl  doch Petya hier eindeutig der „Verrücktere“ von beiden war. Aber vielleicht wirkt das auch nur von außen betrachtet so. Der Film war jedenfalls ganz nett, wird mir aber nicht besonders in Erinnerung bleiben.

NiemandKenntDiePersianCats-Still01_700Einen positiveren Eindruck hat „Niemand kennt die Persian Cats“ („Kasi az gorbehaye irani khabar nadareh“) bei mir hinterlassen. Nachdem mich „Schildkröten können fliegen“ sehr beeindruckt hatte, beschloss ich mir einen weiteren Film aus der dem iranischen Regisseur Bahman Ghobadi gewidmeten Retrospektive anzuschauen. Während er sich in „Schildkröten können fliegen“ den Kindern eines Flüchtlingslagers gewidmet hatte, taucht Ghobadi hier ganz in die Underground-Musikszene von Teheran ein. Die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen dabei, da die Darsteller dieser Szene tatsächlich angehören und von Ghobadi angwiesen wurden, für den Film einfach ihren Alltag nachzuspielen. Die Handlung dreht sich um ein Musikerpaar, das eine Band gründen und sich nach England absetzen will. Doch das ist angesichts der politischen Situation im Iran alles andere als leicht und so sind die beiden nicht nur auf der Suche nach weiteren Bandmitgliedern, sondern müssen sich auch falsche Pässe besorgen.
Nach „Mali Blues“ war dies mein zweiter Filmfest-Film, der die Situation von Künstlern in einem Land zeigt, in dem die Freiheit von Kunst und Musik unterdrückt wird. Das ist für uns im Deutschland von 2016 nahezu unvorstellbar, aber leider in zahlreichen Ländern Realität und kann auch als mahnendes Beispiel dienen, es nicht auch hierzulande wieder so weit kommen zu lassen. Ghobai erweist sich hier abermals als äußerst präziser Beobachter und lässt seine Zuschauer ganz in die im Film portraitierte Welt abtauchen. „Niemand kennt die Persian Cats“ zeigt eine Seite des Irans, die man als westlicher Medienkonsument nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Genau wie „Schildkröten können fliegen“ und einige weitere Filme von Ghobdi ist der Film übrigens auf DVD erhältlich.

Olivo-09616-joseharo_700Zurück nach Europa ging es für mich schließlich mit „El Olivo – Der Olivenbaum“. In dieser spanisch-deutschen Produktion fährt die junge Alma (Anna Castillo) gemeinsam mit zwei Helfern von Spanien nach Düsseldorf, um dort einen 2000 Jahre alten Olivenbaum zurückzuholen, der einst im Olivenhain ihres Großvaters gestanden hat. Der Baum steht mittlerweile im Innenhof der Zentrale eines großen Energiekonzerns, doch Alma, die zahlreiche Kindheitserinnerungen mit dem Baum verbindet, möchte ihn für sich und ihren Großvater zurückholen. Im Festivalprogramm wird „El Olivo“ als „Feel-Good-Drama“ beschrieben, was es ziemlich gut trifft. Hier ist von Anfang an klar, wer die „Guten“ und die „Bösen“ sind; man fiebert mit Alma mit und entwickelt Verachtung für die Anzugträger in Düsseldorf, die den Baum natürlich nicht hergeben wollen. Mir persönlich war die Geschichte etwas zu leer und vorhersehbar, doch die Hauptdarstellerin war äußerst charmant und der Film hatte sowohl Herz als auch Witz. Dass die Geschichte zudem durchaus eine hohe Symbolkraft in sich trägt, wurde mir erst hinterher beim Nachdenken über den Film klar. In einer Zeit, in der Europa auseinanderzufallen droht, ist ein solcher europäischer Feel-Good-Movie vielleicht gar nicht so verkehrt. Allerdings kann man das Beharren der jungen Spanierin auf die Rückkehr „ihres“ Baumes in die Heimat auch als Abschotten gegenüber Eingriffen aus dem Ausland lesen. Auf jeden Fall ist „El Olivo“ ein Film, der zum Nachdenken über solche Dinge anregt, und das ist auf keinen Fall verkehrt.

Copyright Bilder: Filmfest München