Gedanken über George Lucas und Michael Jackson

Nach meinem Michael Jackson-Post von vorgestern komme ich heute noch einmal (und ganz sicher nicht zum letzten Mal) auf den King of Pop zurück. Neben Michael Jackson ist alles rund um STAR WARS die zweite große, mein Leben seit vielen Jahren bestimmende – oder zumindest beeinflussende 😉 – Leidenschaft. Gerade eben habe ich einen Fernsehbeitrag (den man hier anschauen kann) über den „Star Wars“-Schöpfer George Lucas gesehen, der in San Francisco ein Museum gründen will, dem er Bilder, Literatur und Kunstgegenstände aus seiner eigenen, nicht gerade kleinen Sammlung zur Verfügung stellen will, um junge Menschen dazu zu inspirieren, kreativ tätig zu werden.

Was das Ganze nun mit Michael Jackson zu tun hat? Nun, der Bericht hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie ähnlich sich die meisten großen Künstler (und dazu zähle ich die beiden genannten definitiv) in so mancher Hinsicht sind. Eine idealistische Sichtweise auf die Welt gehört dazu ebenso, wie die Fähigkeit zur geradezu kindlichen Begeisterung. Ganz genauso natürlich die beneidenswerte Gabe der scheinbar unerschöpflichen Kreativität, die mit den anderen beiden Eigenschaften sicher in Verbindung steht.
Genau wie George Lucas sich auf seiner Skywalker Ranch eine ganze Bibliothek voller Bücher eingerichtet hat und Bilder von Norman Rockwell und anderen Künstlern sammelt, hatte auch Michael Jackson seine Neverland Ranch mit zahlreichen Kunstgegenständen und einer eigenen Bibliothek ausgestattet. Und für seinen Kunstgeschmack galt das Gleiche wie für den von George Lucas (siehe Lucas eigene Aussage darüber im oben verlinkten TV-Beitrag) – ernsthafte Kunstkritiker hätten für die Bilder und Skulpturen, die Jackson sammelte, wohl nur eine hochgezogene Augebraue übrig gehabt und sie mit Adjektiven wie „kitschig“ und „oberflächlich“ beschrieben (genau so wurden auch Jacksons Lieder oft bezeichnet, und auch auf Lucas‘ Filme trifft das zum Großteil zu, schließlich sind sie „nur“ Blockbuster- und Popcornkino für die breite Masse).
Darüber hinaus liegt bzw. lag es beiden Künstlern sehr am Herzen, junge Menschen und nachfolgende Generationen zu inspirieren und dazu anzuleiten, ihr eigenes Potential zu entdecken und ihre Kreativität zu entfalten. Nachdem ich den Fernsehbeitrag gesehen hatte, waren mir die Parallelen zwischen George Lucas und Michael Jackson in diesen beiden Punkten sofort vor Augen.

Und da ist noch ein dritter Punkt, den ich ebenfalls kurz anreißen möchte, aber hier und heute noch nicht vertiefen kann:

Nach Michael Jacksons Tod begann sich die Sichtweise der Öffentlichkeit auf ihn und sein Werk zu ändern. Wenn über Jackson geschrieben wird, liegt der Fokus seitdem immer seltener auf den „Skandalen“, die zu seinen Lebzeiten die Medien beherrschten, sondern mehr und mehr auf seiner Kunst und seinem Wirken (einige Links dazu hatte ich in meine letzten Beitrag gepostet). Sein Lebenswerk wird nun auf eine ganz andere Weise wahrgenommen und es ist auf einmal auch unter ernsten Musikkritikern schick, sich tiefgründig mit seinen Liedern, Videos usw. auseinanderzusetzen, die doch früher bloß als reine Unterhaltung und damit als oberflächlich bezeichnet wurden. Nun aber rückt der Künstler Michael Jackson allmählich in den Vordergrund und die Inhalte, Hintergründe und Intentionen seiner Werke werden mit berücksichtigt.
George Lucas ist glücklicherweise noch nicht tot und ich wünsche ihm noch ein langes, erfülltes Leben; trotzdem wage ich es einmal zu behaupten, dass ihm dieser Prozess auf ganz ähnliche – wenn auch wohl weniger extreme Weise – widerfährt. Lucas galt Mitte der Siebziger als einer der talentiertesten jungen Regisseure Hollywoods. Dann veröffentlichte er mit „Star Wars“ 1977 den erfolgreichsten Film aller Zeiten und war damit plötzlich für die ganze Welt „nur“ noch ein Blockbusterfilmemacher, ein Regisseur und Produzent massenkompatibler (also inhaltsleerer, glatt gebügelter) Fantasyfilme (es folgte unter anderem die „Indiana Jones“-Reihe), die man nur ihrer Einspielergebnisse wegen ernst nehmen musste. Er war also mit einem Wort kommerziell geworden, und das galt automatisch als schlecht. Ganz genau wie Jackson, der mit „Thriller“ das erfolgreichste Album aller Zeiten veröffentlichte und fortan zwar für seine Tanzschritte und seine unterhaltsamen Songs geliebt wurde, dessen Kunst aber eben nicht wirklich als Kunst, sondern als reine Unterhaltung galt, und damit automatisch als inhaltsleer, oberflächlich (und das war noch zu einem Zeitpunkt, als Jackson die schlimmsten Anfeindungen seines Lebens erst noch bevorstanden).

Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch das Lebenswerk von George Lucas in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auf eine völlig andere Weise wahrgenommen werden wird, als dies heute der Fall ist. Spätestens seit Ende der Neunziger, als Lucas zum ersten Mal das (in den Augen vieler „Star Wars“-Fans) Sakrileg beging, die „Star Wars“-Originaltriolgie durch neue Szenen und Effekte zu verändern und schließlich mit der „Episode I“ und den beiden weiteren Prequels nach Ansicht sowohl vieler Fans als auch Kritiker seinen eigenen „Star Wars“-Mythos schändete, wird er von der breiten Öffentlichkeit überwiegend nur noch als zwar cleverer, aber geldgieriger Geschäftsmann wahrgenommen, der es bestens versteht, aus der Marke „Star Wars“ auch noch den letzten Cent heraus zu pressen. Ob das zutrifft und inwiefern das verwerflich ist, darüber kann man natürlich streiten, Tatsache ist aber, dass Lucas erstens mehr ist als „bloß“ der Mann hinter „Star Wars“ (der er im Übrigen ja seit dem Verkauf von „Star Wars“ an Disney nicht mehr ist), weil er sich beispielsweise über verschiedene Stiftungen schon seit Jahrzehnten im Bildungsbereich engagiert. Und zweitens lenkt diese Sichtweise vom Blick auf Lucas‘ Kunstwerke selber ab, die trotz all der Mängel, die sie durchaus haben mögen, immer noch großartige Kunstwerke sind.
Mit großem Interesse habe ich in letzter Zeit zur Kenntnis genommen, dass sich dieser Blick auf George Lucas‘ Werk bereits zu verschieben begonnen hat, so wie es bei Michael Jackson erst nach seinem Tod der Fall war. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Lucas „Star Wars“ verkauft und offiziell seinen Ruhestand angekündigt hat. Jedenfalls bin ich in den letzten Wochen auf zwei interessante Artikel aufmerksam geworden, die ich hier zum Schluss ganz unkommentiert erwähnen möchte: Zum einen der Artikel „George Lucas’s Force“ von der Kulturkritikerin Camille Paglia, die Lucas darin als den „größten Künstler unserer Zeit“ bezeichnet und die auch ein Buch mit dem Titel „Glittering Images: A Journey Through Art from Egypt to Star Wars“ geschrieben hat (schon am Titel wird deutlich, dass sie „Star Wars“ – und zwar die dritte Prequel-Episode „Die Rache der Sith“! – in eine Reihe mit großen Kunstwerken wie etwa ägyptischen Königsgräbern stellt). Zum anderen ist da der amüsante Bericht „Watching the Star Wars Prequels on Mute: An Experiment“, in dem die Autorin Emily Asher-Perrin wie im Titel angedeutet das Experiment wagt, die „Star Wars“-Episoden I bis III ohne Ton anzuschauen und sich auf diese Weise erst ihrer vollen visuellen, künstlerischen Pracht bewusst wird. Das kann man mit einem Augenzwinkern lesen – schließlich werden viele sagen, sie hätten es schon vorher gewusst, dass die Prequels mit abgeschaltetem Ton leichter erträglich sind – muss man aber nicht.

Nun habe ich doch viel mehr geschrieben, als ich vorhatte. Eigentlich wollte ich nur ganz kurz auf die Parallelen zwischen zwei großen Künstlern aufmerksam machen, die mir in den Sinn gekommen sind, nachdem ich den oben erwähnten Nachrichtenbeitrag gesehen hatte. Um zum Schluss erneut auf die Gemeinsamkeiten zwischen George Lucas und Michael Jackson (die übrigens für Jacksons 3D-Kurzfilm „Captain EO“, der viele Jahre in einem der Disney-Freizeitparks lief, zusammen gearbeitet haben – so schließt sich der Kreis!) aufmerksam zu machen, zitiere ich abschließend ein paar Worte von George Lucas aus diesem Fernsehbeitrag, die genauso gut auch von Michael Jackson hätten stammen können:

„You either look at the world through cynical eyes or through idealistic eyes. … I don’t see anything wrong with having a[n] idealistic, sentimental, fun point of view – especially for people that are growing up.“

___________________

Und noch ein kleiner Nachtrag für alle Jackson-Fans, als weitere Verbindung zwischen Lucas und Jackson: Das Gemälde, das im Video kurz bei 1:41 zu sehen ist, sieht mir doch verdammt so aus, als hätte es Michael Jackson als Inspiration zu seinem „You Are Not Alone“-Video gedient. Ich habe keine Ahnung, was das für ein Bild ist, aber vielleicht hat der gute George unseren Michael ja mal durch seine private Sammlung geführt…?

___________________

Update am 20.03.2013:
Ich scheine mit meiner im Nachtrag aufgestellten Behauptung recht gehabt zu haben: Bei dem im Video bei 1:41 kurz zu sehenden Gemälde handelt es sich um „Daybreak“ von Maxfield Parrish. Gerade eben habe ich in einem alten Blogpost von Willa Stillwater und Joie Collins gelesen, dass auch die beiden der Ansicht sind, das Gemälde habe Michael Jackson als visuelle Vorlage zum „You Are Not Alone“-Video gedient.

„The Band Wagon“ / „Vorhang auf!“ – Inspirationsquelle für Michael Jackson

Gerade eben habe ich Vincente Minellis Film „The Band Wagon“ („Vorhang auf!) gesehen. Als großer Michael Jackson-Fan habe ich mir den Film vor allem deswegen ausgeliehen, weil Willa Stillwater in ihrem wirklich sehr, sehr empfehlenswerten Buch „M Poetica: Michael Jackson’s Art of Connection and Defiance“ auf die inhaltlichen wie themtischen Parallelen zwischen dem Film und Michael Jacksons Kurzfilmen eingeht (so weit ich weiß, ist das Buch bislang leider nur als ebook für den Kindle erhältlich). Über das Buch werde ich irgendwann auch mal ausführlicher bloggen müssen, aber erst einmal muss ich es zu Ende lesen… Willa Stillwater betreibt zusammen mit Joie Collins übrigens den Blog „Dancing with the Elephant„, wo die beiden regelmäßig ausführliche Diskussionen über Michael Jacksons Videos, Auftritte und andere Aspekte seines Lebens und Schaffens posten. Genau wie das Buch kann ich dieses Blog allen Jackson-Fans, die der englischen Sprache mächtig sind und sich intensiv mit Jacksons Werk und dessen Interpretation auseinander setzen wollen, sehr empfehlen!

Aber zurück zu „The Band Wagon“: Der Film stammt aus dem Jahr 1953 und Regisseur Vincente Minelli war der Vater von Liza Minelli, die ja mit Michael Jackson sehr gut befreundet war. Ich habe mir den Film wie gesagt angesehen, weil ich wissen wollte, durch welche seiner Elemente sich Michael Jackson für seine Videos und Auftritte hat inspirieren lassen. In „M Poetica“ geht Stillwater vor allem auf thematische Elemente ein, die im Film vorkommen und sich auch in Jacksons Lebenswerk und seiner Philosophie als Künstler finden lassen. Aber davon abgesehen gibt es natürlich auch ganz offensichtliche Einflüsse, die sofort deutlich werden, wenn man mit Jacksons Kurzfilmen und Performances vertraut ist und sich die 12minütige „Girl Hunt“-Schlusssequenz des Films anschaut, die ich zum Glück in voller Länge auf YouTube gefunden habe:

Dass Michael Jackson ein großer Fan alter Filmmusicals und ein Verehrer Fred Astaires war, wusste ich ja schon lange. Aber „The Band Wagon“ muss ja geradezu einer seiner Lieblingsfilme gewesen sein! Hier erkennt man eindeutige Vorlagen für die Videos zu „Billie Jean“, „Smooth Criminal“, „You Rock My World“ und auch zu „Bad“ (der Hintergrund mit der U-Bahn-Station). Außerdem muss man als Jackson-Fan natürlich auch an die „Dangerous“-Performance denken und Erinnerungen an den „Moonwalker“-Film werden ebenfalls wach (schließlich kommt auch dort ein Mr. Big als Bösewicht vor). Die Zeilen „She came at me in sections … she was bad, she was dangerous“ hat Jackson zudem fast eins zu eins in „Dangerous“ übernommen.

Ich werde mir diese Sequenz (und den ganzen Film) noch einmal anschauen müssen und dabei weiter auf Elemente achten, die Michael Jackson inspiriert haben oder die er vielleicht auch ganz direkt in einen seiner Kurzfilme übernommen hat. Es ist doch immer wieder interessant zu erfahren, dass auch Meisterwerke wie „Smooth Criminal“ nicht einfach aus dem Nichts entstanden sind, sondern gewissermaßen „Vorfahren“ haben.

Hier zum Vergleich ein paar der erwähnten Jackson-Videos/Performances:

Star Wars: The Clone Wars – Season 4

Es ist so weit: Mein erster Post zum Thema STAR WARS!! Und da ich seit 1995, als ich mit 13 Jahren die Original-Trilogie zum ersten Mal gesehen habe, ein riesiger Star Wars-Fan bin, wird das hier sicher nicht mein letzter Beitrag zum Thema bleiben. Natürlich hat mich im letzten Herbst die Ankündigung einer neuen Filmtrilogie sehr überrascht, ja geschockt (im positiven Sinn). Ganz bestimmt wird auch die geplante Episode VII irgendwann hier zum Thema werden.

Doch das Star Wars-Universum besteht ja aus wesentlich mehr als nur (momentan) sechs großen Filmen; im sogenannten „Expanded Universe“ tummeln sich unzählige Comics, Romane, Kurzgeschichten, Video- und Rollenspiele, Kinder-/Jugendbücher und eben inzwischen auch mehrere TV-Serien – wobei zumindest „The Clone Wars“ genau genommen gar nicht ins Expanded Universe gehört, da es ja unter direkter Beteiligung von George Lucas entsteht und zum offiziellen Star Wars-Kanon gehört (ein Thema, das ich hier lieber nicht weiter vertiefen möchte, denn das ist schon fast eine Wissenschaft für sich).

Bereits in den Achtzigern entstanden mit „Ewoks“ und „Droids“ die ersten Zeichentrickserien im Star Wars-Universum. Von 2003 bis 2005 wurden dann mit der Miniserie „Clone Wars“ zum ersten Mal die Abenteuer von Anakin Skywalker und Obi-Wan Kenobi während der sich zwischen den Filmepisoden II und III abspielenden Klonkriege erzählt. Diese Miniserie kann ich wirklich sehr empfehlen (man kann sie sich in etwa zweieinhalb Stunden komplett anschauen), wobei ich mir allerdings nicht sicher bin, ob die beiden DVDs noch im Handel erhältlich sind (sollte aber dank Ebay usw. kein Problem sein).

Mit der Miniserie hat die 2008 gestartete Computeranimarionsserie „The Clone Wars“ nicht mehr viel zu tun. Leider erklärt sie sämtliche darin gezeigten Ereignisse für obsolet und erzählt die Klonkriege ganz neu. Die ersten vier Episoden der Serie wurden im August 2008 als zusammenhängender Film in die Kinos gebracht, den man damit quasi als den Pilotfilm der Serie betrachten kann. Darin erhält Anakin Skywalker, der seine Ausbildung zum Jedi abgeschlossen hat, eine eigene Padawan-Schülerin namens Ahsoka Tano. Dass von einer solchen Schülerin in Episode III nie die Rede war…Schwamm drüber! So oder ähnlich haben sich das wohl George Lucas und der Regisseur der Serie, Dave Filoni, gedacht, als sie Anakins Padawan einführten und damit gleichzeitig für die größte offene Frage der Serie sorgten: Was geschieht mit Ahsoka? Wird sie am Ende der Serie, also vor Beginn von „Die Rache der Sith“ sterben? Erkennt sie womöglich die Gefahr, die den Jedi droht, vorzeitig und geht ins Exil, wie später Yoda und Obi-Wan? Oder wird sie womöglich ein ganz anderes Schicksal ereilen? Jedenfalls handelt es sich bei ihr um die einzige Hauptfigur der Serie, über deren weiteres Schicksal noch Ungewissheit herrscht. Der erzählerische Problem von „The Clone Wars“ liegt ja genau darin, dass man weiß, wo die Reise für die Figuren hinführt und dass Anakin, Obi-Wan, Count Dooku, General Grievous, Palpatine, Amidala und einige andere natürlich nicht im Verlauf der Serie sterben werden.

In den USA läuft am 2. März das Finale der fünften Staffel, ich habe gerade die vierte Staffel auf Blu-ray gesehen, die ich um ein ganzes Stück besser fand, als die vorhergehenden Seasons. Von Staffel zu Staffel kann man hier eine erzählerische und noch mehr  eine technische Weiterentwicklung erkennen und jetzt, am Ende ihres vierten Jahres, sieht die Serie so aus, wie sie von Anfang an wohl hätte aussehen sollen. Die jeweils 22 Minuten dauernden Episoden werden inzwischen fast gar nicht mehr für allein stehende Geschichten genutzt, sondern die vierte Staffel besteht aus mehreren, meist drei oder vier Episoden umfassenden Handlungsbögen, die sich jeweils um eine bestimmte Thematik drehen. Der erste Dreiakter spielt auf dem Wasserplaneten Mon Calamari und wäre rein vom technischen Standpunkt zu Beginn der Serie sicher noch nicht möglich gewesen. Die Detailliertheit und Vielfalt der Figuren sowie die Größe der Actionsequenzen hat sich hier im Vergleich zu früheren Staffeln deutlich gesteigert und steigert sich im weiteren Verlauf der Staffel noch einmal merklich.

Besonders gut gefallen haben mir die beiden Folgen „Mercy Mission“ und „Nomad Droids“, die ganz von den Abenteuern von C-3PO (dem hier wie auch in den Filmen Anthony Daniels seine Stimme leiht) und R2-D2 handeln und sich damit insofern auf die klassische Trilogie zurück beziehen, als diese ja auch überwiegend aus der Sicht der beiden Droiden erzählt wurde. Genau wie 1977 „A New Hope“ erlauben sich diese beiden Folgen einen naiven, kindlichen Blick auf eine unbekannte Galaxis voller Wunder. Zudem ist vor allem „Nomad Droids“ ein hervorragendes Beispiel dafür, wie viel sich doch in nur 22 Minuten erzählen lässt; die beiden Droiden stranden hier nacheinander auf mehreren unbekannten, gefährlichen Planeten und retten nebenbei noch eine ganze Zivilsation – definitiv eine meiner Lieblingsfolgen der Serie.

An der Schilderung dieser beiden „Droiden-Folgen“ wurde bereits eine der Stärken der Serie deutlich: sie erlaubt es sich immer wieder, ihre eigentlichen Hauptfiguren – Anakin Skywalker, Obi-Wan Kenobi und Ahsoka Tano – für eine oder mehrere Episoden ganz oder teilweise zurück zu stellen, um sich auf Charaktere zu konzentrieren, die in den Filmen nur am Rande oder überhaupt nicht vorkamen. Das kommt vor allem den Klonsoldaten zugute, die bisher in jeder Staffel ihre eigenen Folgen bekamen, in denen sie nicht nur neben unseren Helden kämpfen, sondern wirklich im Mittelpunkt stehen. In der vierten Staffel kann der auf dem in ständiger Dunkelheit liegenden Planeten Umbara spielende Vierteiler als der „Klon-Handlungsbogen“ gelten. Darin spielt die neue Figur des Jedi-Generals Krell eine Hauptrolle, der zusammen mit einer Einheit Klonsoldaten eine feindliche Stadt erobern soll, sich aber aufgrund seiner eigenwilligen Taktiken und fragwürdigen Befehle bei den Klonen immer unbeliebter macht. Zum einen ist Krell als vollkommen neue, ein wenig an Marlon Brandos Colonel Kurtz aus „Apocalypse Now“ erinnernde Figur wirklich interessant, zum anderen fällt hier bei der Inszenierung der Kämpfe wieder einmal der technische Fortschritt im Vergleich zu den anderen Staffeln auf. Die Darstellung der einzelnen Klonsoldaten, denen auf optischer Ebene über unterschiedliche Frisuren, Tatoos, Helmverzierungen und andere Details Individualität verliehen wird, finde ich ebenfalls äußerst einfallsreich.

Den anschließenden Dreiteiler um eine hochentwickelte Zivilsation, die immer noch an der Sklaverei festhält, fand ich nicht ganz so gelungen. In erster Linie erscheint es mir hier unglaubwürdig, dass Anakin, Ahsoka und Obi-Wan von Sklavenhändlern gefangen werden – angesichts der sonst in der Serie zur Schau gestellten Überlegenheit der Jedi ist das schon ziemlich weit her geholt. Weiter geht es dann mit einem vier Folgen umfassenden Handlungsbogen, der erst einmal mit Obi-Wan Kenobis Tod beginnt. Natürlich wissen wir alle, dass Obi-Wan nicht sterben kann und so stellt sich sein Tod auch schnell als Inszenierung der Jedi heraus, die den verkleideten Obi-Wan die Identität eines Kopfgeldjägers annehmen lassen. Auf diese Weise soll er in gewisse kriminelle Kreise eingeschleust werden und einen Attentatsplan auf Kanzler Palpatine offen legen. Nachdem ich den Anfnag mit Obi-Wans Tod zunächst ziemlich dämlich fand (warum bitteschön müssen die sonst als so mächtig und einfallsreich dargestellten Jedi plötzlich auf so einen Plan zurückgreifen?), haben mich die vier Episoden dann doch begeistert, sobald ich diesen Einstieg akzeptiert hatte. Die Kopfgeldjägerbande, in die sich Obi-Wan einschleust, verprüht einfach klassisches Star Wars-Feeling pur. Neben dem bereits aus früheren Folgen bekannten, stark an klassische Westernschurken angelehnten Cad Bane, befindet sich darin auch eine neue Lieblingsfigur von mir: ein schwebendes Tentakelwesen, wie es einfach nur in Star Wars vorkommen kann! Diese Kopfgeldjäger-Aliens stehen ganz in der Tradition derjenigen, die in „Das Imperium schlägt zurück“ von Darth Vader den Befehl zur Jagd auf Han Solo erhielten.

Direkt im Anschluss führen die letzten vier Folgen schließlich einen Handlungsbogen aus der dritten Staffel fort. Dort waren nicht nur die auf dem Planeten Dathomir lebenden, als Nachtschwestern bekannten Hexen eingeführt worden, sondern auch Savage Opress, der ein männlicher Angehöriger derselben Rasse ist und mit seinen Tatoos im Gesicht und Hörnern auf dem Kopf unschwer als Verwandter von Darth Maul zu erkennen ist (womit dessen Herkunft auch geklärt wäre). Asajj Ventress, die sich von den Nachtschwestern losgesagt hatte, um eine Handlangerin von Count Dooku zu werden, war in der dritten Staffel zu ihren Schwestern zurückgekehrt, nachdem Dooku sie hatte umbringen wollen (dies wiederum war darauf zurückzuführen gewesen, dass Dookus Meister, Darth Sidious allmählich unruhig geworden war – ihr wisst schon, es darf immer nur zwei Sith geben und sobald sich der Schüler selbst einen Schüler nimmt, kann es mittelfristig als Ziel nur den Tod des Meisters geben). Mit Hilfe von Savage Opress hatte Ventress sich an Dooku rächen wollen, sich letztendlich aber wieder zurück ziehen müssen. In der vierten Staffel möchte Dooku nun die Nachtschwestern ein für alle Mal auslöschen, was in der bislang düstersten Schlacht in „The Clone Wars“ gipfelt – Zombie-Hexen inklusive!

Am Ende der vierten Staffel hat sich schließlich auch Savage Opress gegen seine frühere Herrin gewandt und macht sich auf die Suche nach….Darth Maul! Als ich zum ersten Mal von der geplanten Rückkehr des in Episode I durch Obi-Wans Lichtschert in zwei Hälften geteilten Sith Lords gelesen habe, glich mir diese Idee eher einem kreativen Armutszeugnis. Aber Darth Maul ist nun einmal ziemlich cool, wurde im Kinofilm vollkommen verschwendet und leider auch zu früh getötet. Insofern kann man seine Rückkehr als nachträgliche Fehlerkorrektur von George Lucas betrachten (die letzten Episoden der vierten Staffel wurden übrigens von seiner Tochter Katie geschrieben). Und die Art und Weise, wie Savage Opress‘ Suche nach seinem verlorenen Bruder, dessen „Dahinvegetieren“ (ich möchte lieber nicht mehr verraten!) und seine anschließende Wiederauferstehung inszeniert worden sind, ist schon verdammt cool! So cool, dass dieses Finale der vierten Staffel die wohl besten Folgen von „The Clone Wars“ darstellt, die weit von den Albernheiten der Kampfdroiden (oder von Jar Jar Binks) entfernt sind, die ebenfalls einen großen Teil der Serie ausmachen.

Insgesamt mag ich aber fast alle Aspekte der Serie – die düsteren Folgen, den Humor, die Action, die zum teil skurrilen Figuren. Gerade die Tatsache, dass sich die Autoren hier eben nicht nur auf die Hauptfiguren konzentrieren, sondern die Klonkriege zum Anlass nehmen, vollkomen neue, unerwartete Geschichten zu erzählen, macht eine der größten Stärken der Serie aus. Jedem, der sich mit den Star Wars-Helden ins Gefecht stürzen will, kann ich also nur empfehlen, sich mehrere Folgen anzuschauen. Denn erstens unterscheiden sich die Folgen in ihrem Aufbau und ihrer Tonalität zum Teil stark voneinander und zweitens wird die Serie mit zunehmendem Verlauf immer besser. Ich freue mich auf die fünfte Staffel, die im Herbst auf DVD und Blu-ray erscheint!

Oscar-Tipps

Heute Nacht ist es wieder so weit – die Oscarverleihung geht in Los Angeles über die Bühne. Wie fast immer in den vergangenen Jahren werde ich wach bleiben und mitfiebern. Dieses Jahr wird es ganz besonders spannend, denn schon lange nicht mehr waren die Gewinner in vielen Kategorien so schwer vorher zu sagen. Als echter Filmfan kommt man aber natürlich nicht darum herum, trotzdem ein paar Prognosen abzugeben und so habe ich mir ein paar Gedanken gemacht und die Ergebnisse der anderen großen Filmpreisverleihungen studiert. Hier gibt es die Nominierungen im Detail und hier nun meine Oscar-Tipps:

Bester Film
Hmmm, können wir diese Kategorie noch mal zurückstellen…? 😉  Hier eine Wahl zu treffen, ist verdammt schwer!
Vor zehn Jahren hätte ich wohl auf „Les Misérables“ getippt, weil ein Musical mit viel Tragik und Elend und großen Namen klassischer Oscar-Stoff ist. Nachdem mich der Film aber nicht ganz überzeugen konnte und er ja auch nicht als Favorit gehandelt wird, wird es wohl für die Auszeichnung als bester  Film nicht reichen. Bleiben also noch acht andere Filme. „Beasts of the Southern Wild“ ist mit der Nominierung schon genug geehrt, „Django Unchained“ hat auch keine realistische Chance. „Zero Dark Thirty“ wird hier auf jeden Fall übergangen werden, die Diskussion um die Darstellung der (Rolle der) Folter dürfte die Chancen des Films ziemlich geschmälert haben. Leider habe ich „Silver Linings Playbook“ immer noch nicht gesehen, Chancen auf eine Auszeichnung hat er aber jedenfalls wohl nur in anderen Kategorien.
Bleiben also noch „Life of Pi“, „Amour“, „Argo“ und „Lincoln“. „Life of Pi“ ist elf Mal nominiert und hat in den Technik-Kategorien sehr gute Chancen, aber letztendlich wird das Rennen um den besten Film ja sowieso zwischen „Argo“ und „Lincoln“ entschieden. Mit zwölf Nominierungen wäre „Lincoln“ eigentlich der Top-Favorit, zumal die Academy Historiendramen ja liebt (wohl ganz besonders, wenn es um die US-Geschichte geht). Allerdings hat „Argo“ alle anderen wichtigen Preise abgeräumt; weiterhin für den Film spricht die Tatsache, dass es darin nicht nur ebenfalls um ein Stück amerikansiche (Helden-)Geschichte geht, sondern zumindest am Rande auch um das Filmbusiness. Hollywood feiert sich ja immer wieder gerne selbst.
Obwohl ich großer Spielberg-Fan bin, tippe ich also auf „Argo“. Noch lieber als „Lincoln“ würde ich allerdings „Amour“ hier ausgezeichnet sehen, aber auch das bleibt wohl Wunschdenken.

Bester Hauptdarsteller
Hier gibt es nicht viel zu sagen außer: Daniel Day-Lewis. Da er schon zwei Oscars hat, würde ich die Statue zwar lieber Joaquin Phoenix für seine beeindruckende Leistung in „The Master“ überreichen, aber da dieser Film nicht nur wohlwollend aufgenommen worden ist und Day-Lewis alle anderen großen Preise gewonnen hat, wird wohl in diesem Jahr zum ersten Mal ein Schauspieler einen Oscar für eine Rolle in einem Spielberg-Film bekommen. Seine Auszeichnunge wäre auch wirklich hochverdient, denn seine Darstellung von Abraham Lincoln ist in jeder Hinsicht spektakulär.

Beste Hauptdarstellerin
Als Favoritinnen werden hier Jennifer Lawrence und Jessica Chastain gehandelt. Dummerweise handelt es ich bei „Silver Linings Playbook“ und „Zero Dark Thirty“ um die beiden Filme, die ich immer noch nicht gesehen habe (wie jedes Jahr habe ich es erneut nicht geschafft, alle wichtigen nominierten Filme vor der Verleihung zu sehen). Nicht ganz nachvollziehen kann ich übrigens die Nominierung der kleinen Quvenzhané Wallis aus „Beasts of the Southern Wild“. Ich habe hier wirklich keine Ahnung für wen ich mich entscheiden soll, denn aufgrund ihres Alters und der großen Beliebtheit von „Amour“ halte ich sogar eine Auszeichnung von Emmanuelle Riva nicht für ausgeschlossen, würde sie sogar sehr begrüßen. Aber ich tippe jetzt einfach mal auf Jessica Chastain.

Bester Nebendarsteller
Natürlich würde auch ich mich über eine erneute Auszeichnung von Christoph Waltz freuen, aber da er vor drei Jahren erst gewonnen hat, glaube ich nicht so recht daran, dass er erneut einen Oscar kriegt. Ich tippe eher auf Tommy Lee Jones, der in Lincoln das Paradabeispiel für eine perfekt gespielte Nebenrolle gegeben hat – die Geschichte und die anderen Charaktere unterstützend, ohne dabei übertrieben viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und dennoch mit einigen erinnerungswürdigen, emotionalen Momenten. Übrigens bin ich wie viele andere auch der Meinung, dass  Waltz‘ Rolle in „Django Unchained“ gar keine Nebenrolle ist; er wurde wohl tatsächlich in diese Kategorie gedrängt, um seine Chancen zu erhöhen.

Beste Nebendarstellerin
Neben dem besten Hauptdarsteller ist dies die einzige Kategorie, wo in diesem Jahr alles klar zu sein scheint: Hier gewinnt Anne Hathaway, genauso wie sie schon bei den Golden Globes, den Baftas und den Screen Actors Guild Awards gewonnen hat. Meiner Meinung nach waren die vier Minuten, in denen sie „I Dreamed a Dream“ singt, die mit großem Abstand beste Szene in „Les Misérables“. Ihre Rolle ist wirklich nicht sehr groß, aber erneut ein sehr gutes Beispiel für eine hervorragend genutzte Nebenrolle, die auch den Teil des Films überstrahlt, in dem Hathaways Figur nicht vorkommt.

Beste Regie
Meistens kann man sich bei den Oscars ja auf eines verlassen: Der „beste Film“ gewinnt auch gleichzeitig den Preis für die beste Regie. Nun ist aber „Argo“-Regisseur Ben Affleck nicht einmal nominiert. Wäre er im Rennen, müsste man auf jeden Fall auf ihn setzen, da er so ziemlich jeden anderen Preis der Saison gewonnen hat. Setzt man stattdessen auf Steven Spielberg, hieße das, „Lincoln“ auch im Rennen um den besten Film vorne zu sehen. Aber jede Regel wird ja hin und wieder gebrochen, warum sollen die Oscars für besten Film und für Regie also in diesem Jahr nicht an unterschiedliche Filme gehen?
Tja, besonders weit helfen einem diese Überlegungen leider nicht. Denn höchstens Newcomer Benh Zeitlin („Beasts of the Southern Wild“) kann man wohl getrost außen vor lassen. Die Chancen von „Silver Linings Playbook“- Regisseur David O. Russell kann ich nur sehr schlecht einschätzen, da ich wie gesagt seinen Film nicht gesehen habe und auch sonst mit seinem Werk kaum vertraut bin. Deshalb war ich überrascht, in einigen Berichten zu lesen, er habe endlich einmal einen Oscar verdient (seine Filme werde ich also demnächst nachholen müssen). Um es leichter zu machen, schließe ich ihn nun trotzdem aus. Bleiben noch drei: Spielberg und Ang Lee haben schon Oscars, werden aber als Favoriten gehandelt. Ich würde Haneke den Oscar geben, für seine lange und an intensiven Meisterwerken reiche Filmographie hat er einen verdient (und für „Amour“ alleine auch!). Allerdings kann ich mir leider nicht vorstellen, dass sich die Mehrheit der Academy für Haneke entscheiden wird. Also Spielberg oder Lee…Einer unbestimmten Eingebung folgend tippe ich mal auf Ang Lee, sicher bin ich mir aber überhaupt nicht. Wenn ich recht habe, wird der Abend für Steven Spielbergs „Lincoln“ trotz der Auszeichnung von Daniel Day-Lewis eine ziemliche Enttäuschung, ähnlich wie damals, als „Die Farbe Lila“ elf Nominierungen erhielt und in gar keiner Kategorie gewann. Vielleicht unterliegen Spielbergs Sklaverei-Dramen einem Oscar-Fluch, vielleicht kommt aber auch alles ganz anders.

Bester Animationsfilm
Zwar war „Brave“ meiner Meinung nach nicht so schlecht, wie viele geschrieben haben, aber dennoch ein ganzes Stück schlechter als die vorhergehenden Pixar-Meisterwerke („Wall-E“, „Up“, „Ratatouille“, „Toy Story 3“). Das finde ich nicht weiter schlimm, schließlich kann auch Pixar nicht nur Meisterwerke produzieren und der Film war immer noch sehr unterhaltsam, aber eben auch ziemlich konventionelle Familienunterhaltung. Auch „Wreck-it Ralph“ fand ich zwar gut, aber wirklich ausgereizt hat der Film sein kreatives Potential nicht. „Frankenweenie“ dagegen ist für mich einer der besten Filme des letzten Jahres und eines der ganz großen Tim Burton-Meisterwerke. Ich befürchte allerdings, dass die Academy sich nicht für Burtons schwarz weiße Gruselromantik wird erwärmen können und tippe deswegen mal ganz unkreativ und langweilig auf Pixar: „Brave / Merida“

Meine restlichen Tipps

Cinematography: „Life of Pi“ (Claudio Miranda)
Costume Design: „Anna Karenina“ (Jacqueline Durran)
Film Editing: „Argo“ (William Goldenberg)
Foreign Language Film: ganz klar „Amour / Liebe“ (Österreich!)
Makeup / Hairstyling: „Les Misérables“ (Lisa Westcott, Julie Dartnell)
Original Score: sehr gerne würde ich John Williams mal wieder gewinnen sehen, aber er hat ja glaube ich schon drei Oscars und hält den Rekord für die meisten Nominierungen überhaupt (ich glaube es sind inzwischen 48!) – Ich tippe aber auf „Life of Pi“ (Mychael Danna)
Original Song: „Skyfall“ aus „Skyfall“ 🙂  (Adele Adkins, Paul Epworth)
Production Design: „Les Misérables“ (Eve Stewart (Production Design); Anna Lynch-Robinson (Set Decoration))
Sound Editing: „Argo“ (Erik Aadahl, Ethan Van der Ryn)
Sound Mixing: „Les Misérables“ (Andy Nelson, Mark Paterson, Simon Hayes)
Visual Effects: „Life od Pi“ (Bill Westenhofer, Guillaume Rocheron, Erik-Jan De Boer, Donald R. Elliott) – verdient, weil hier zum Teil Effekte eingesetzt werden, die gar nicht als solche zu erkennen sind und dennoch Spektakuläres leisten. Trotzdem würde ich als Fan von Prometheus gerne die Effekte in Ridley Scotts Film ausgezeichnet sehen, schließlich wurde dort unter anderem die beste Sexszene des letzten Kinojahres animiert! 😉
Adapted Screenplay: „Silver Linings Playbook“ (David O. Russell) – sollte der Film keinen anderen Preis bekommen, dann kriegt er diesen hier ganz klassisch als Trostpreis. Über eine Auszeichnung von Tony Kushner für „Lincoln“ würde ich mich aber sehr freuen!
Original Screenplay: „Django Unchained“ (Quentin Tarantino)
Animated Short Film: „Adam and Dog“ (Minkyu Lee)
Live Action Short Film: „Death of a Shadow / Dood van een Schaduw“ (Tom Van Avermaet, Ellen De Waele)
Documentary Feature: „Searching for Suger Man“ (Malik Bendjelloul, Simon Chinn)
Documentary Short: „Open Heart“ (Kief Davidson, Cori Shepherd Stern)

—————————————————————————————————————–

NACHTRAG (28.02.):

Wenn ich richtig gezählt habe, dann habe ich in diesem Jahr 16 von 24 Kategorien richtig getippt. Nicht schlecht, aber ich hatte schon wesentlich bessere Ergebnisse (vor ein paar Jahren hatte ich mal nur zwei Falsche). Aber natürlich ist immer auch einiges an Glück dabei, gerade in den Kurzfilm- und Doku-Kategorien, wo ich selten einen der Filme gesehen habe.

Stirb Langsam: Ein guter Tag zum Sterben, aber ein verdammt schlechter Film!

Meinen letzten Beitrag hatte ich mit der Feststellung begonnen, dass es für Filmfans immer eine Menge Filme gibt, die sie einfach noch nicht gesehen haben und irgendwann nachholen müssen – seien es die Kinostarts der vergangenen Monate, die man dann nach ihrem DVD-Start anschaut oder den einen oder anderen Klassiker, den man sich schon lange mal vornehmen wollte, aber einfach noch nicht dazu gekommen ist. Da ich nun etwas über den fünften „Stirb Langsam“-Film schreiben will, komme ich nicht darum herum, zuzugeben, dass ich das Original noch nie gesehen habe. Ja, ich kenne „Stirb Langsam“ nicht! Auch den zweiten Teil nicht, nur Nummer 3, 4 und 5 habe ich gesehen. Und obwohl ich also keine Ahnung habe, wie fantastisch das Original ist und keinen Vergleich dazu ziehen kann, finde ich den neuesten Aufguss trotzdem unglaublich schlecht!

Eine genaue Zusammenfassung der Handlung spare ich mir hier mal; nur so viel: John McClane verschlägt es in „Stirb Langsam: Ein guter Tag zum Sterben“ nach Moskau, wo sein Sohn scheinbar in einen Mordfall verwickelt ist, aber eigentlich undercover ermittelt. Ein russischer Terrorist hat angeblich eine wichtige Liste mit den Namen von Verrätern aus der Regierung – oder irgend so was ähnliches, ist aber auch gar nicht wichtig, da diese Liste nur als „MacGuffin“ dient, hinter dem McClane und sein Sohn her sind, den sie aber schließlich vollkommen aus den Augen verlieren. Später geht es dann um Uran, Atomwaffen, Tschernobyl. Ja richtig, John McClane verschlägt es nach Tschernobyl, das man amerkanischen Action-Drehbuchautoren zufolge von Moskau aus anscheinend mit dem Auto in nur zwanzig Minuten erreichen kann (laut GoogleMaps dauert es mindestens 12 Stunden). Jedenfalls bekommt McClane sehr früh im Film erklärt, dass er in Russland fehl am Platz ist, weil die Leute dort die Dinge „auf ihre Art“ erledigen. Seine Antwort: „Ich auch.“

Der Film setzt sich dann aus einer ganzen Reihe routiniert abgespulter Actionsequenzen zusammen, ohne zwischendurch viel zur Ruhe zu kommen. Das wäre prinzipiell nicht schlecht, wenn das Ganze wenigstens originell anzuschauen wäre. Ist es aber nicht. Regisseur John Moore glaubt anscheinend, dass eine Autoverfolgungsjagd um so besser aussieht, je mehr dabei kaputt geht. Dass die immer gleich wirkenden Einstellungen von Trucks, die andere Trucks oder Autos rammen, über sie drüber fahren oder eben gleich mitten hindurch, sehr schnell langweilig werden, ist ihm wohl nicht aufgegangen. James Bonds wilde Panzerfahrt durch Sankt Petersburg in „Goldeneye“ war jedenfalls um ein vielfaches abwechslungsreicher als McClanes Chaos-Trip durch Moskau. Jedenfalls vergehen auf diese Weise etwa die ersten zwanzig Minuten und man hofft, dass sich nun erstens doch noch so etwas wie eine interessante und halbwegs plausible Geschichte entspinnt und zweitens die kommenden Actionszenen um einiges kreativer werden.

Doch alle Hoffnung ist vergebens! Die Handlung ist wie gesagt so absurd und voller riesiger Logiklöcher, dass sie nicht der Rede wert ist und die Actionsequenzen wirken beliebig und stümperhaft aneinandergeschnitten. Da ist auf Seiten der Filmemacher wirklich gar kein Wille erkennbar, auch nur einen Hauch von Originalität einzubringen, um dem Publikum etwas zu bieten, dass es so noch nicht gesehen hat. Anscheinend geht man davon aus, dass es genügt, den Fans der Reihe Bruce Willis hinter dem Steuer eines Trucks oder mit dem Maschinengewehr in der Hand zu zeigen, wie er reihenweise Gegner umnietet oder irgendetwas explodieren lässt. Eigentlich könnte man sich die Filmszenen auch in zufälliger Reihenfolge ansehen, das würde auch nicht viel weniger Sinn ergeben (das belanglose Geschwafel zwischendrin vergisst man eh sofort wieder).

Der vierte Teil beinhaltete wenigstens noch eine Portion Selbstironie und nahm zudem Bezug auf die in den zwölf Jahren seit Teil drei entstandenen neuen Trends des Actionkinos („Enough of this Kung Fu shit!“). Derartige ironische Anspielungen fehlen hier fast vollkommen und sämtliche Versuche, mit One-Linern ein paar Lacher zu erzeugen, schlagen katastrophal fehl. Das berühmte „Yipiyahe, Schweinebacke!“ leiert Willis ziemlich lustlos herunter. Wenn dieser Satz nicht im Film wäre und die Hauptfigur nicht John McClane hieße, würde man den Streifen übrigens nicht als Fortsetzung der „Stirb Langsam“-Reihe erkennen. Ich habe den Verdacht, dass da jemand ein bereits existierendes Drehbuch für einen Actionfilm genommen und mal schnell den Titel in „Die Hard 5“ sowie die Namen der Hauptfiguren geändert hat…

Als Beispiel für die krampfhaften, stets misslungenen Versuche, witzig zu sein, soll folgender Dialog zwischen McClane und seinem Antagonisten Komarov (Sebastian Koch) dienen: „Gebt mir eure Waffen!“ – „Komm und hol sie dir!“ – „Echt, ja?“ – „Ja, echt!“. Da dreht’s einem doch die Fußnägel hoch! (Ich habe leider die deutsche Fassung gesehen, bezweifle aber, dass das im Original deutlich witziger ist.) Noch „lustiger“ wird es schließlich, als die versammelte Truppe mitten im verseuchten Gebiet von Tschernobyl ankommt und die dort vorhandene Strahlung mal eben schnell mit Hilfe eines weißen Sprays „neutralisiert“. Hä!? (Wenn die doofen Terroristen im Film doch nur wüssten, dass sie mit dem Verkauf eines solchen Anti-Atom-Sprühzeugs viel mehr Kohle machen könnten, als mit dem Handel von Atomwaffen!)

Fazit: Der fünft „Stirb Langsam“ ist den Kauf einer Eintrittskarte absolut nicht wert. Einen gewissen Unterhaltungswert mag der Film höchstens dann entwickeln, wenn man ihn auf DVD mit ein paar anderen Filmfans in geselliger Runde und bei entsprechendem Alkoholkonsum anschaut, um sich darüber lustig zu machen. Ich brauche ihn jedenfalls bestimmt kein zweites Mal sehen, werde aber demnächst eine Bildungslücke schließen und mir endlich die ersten beiden Teile der Reihe anschauen.

„Chronicle“ & „Unbreakable“ – Superhelden abseits ausgetretener Pfade

Man hat ja als Filmfan immer so einiges nachzuholen, seien es jahrzehntealte Klassiker, die man immer noch nicht gesehen hat oder die Filme des vergangenen Jahres, die man einfach nicht alle im eigenen Film-Kalender hat unterbringen können. Welche Titel bei mir in die erste Kategorie gehören, verrate ich lieber nicht, ein Nachzügler des Kinojahres 2012 war bei mir aber „Chronicle“ von Josh Trank, den ich gestern gesehen habe. Besonders große Lust hatte ich auf den Film eigentlich gar nicht, weil die Form des „Found Footage“-Films für mich sehr schnell ihren Reiz verloren hat. Ich muss zwar zugeben, dass ich gar nicht besonders viele Filme, die dieses Konzept verwenden, gesehen habe („Blair Witch Project“ gehört bei mir in die Kategorie „immer noch nicht gesehen“), aber die wenigen, die ich kenne, benutzen erstens die Form des „gefundenen Filmmaterials“ meist nur dazu, bestimmte Schwächen zu kaschieren und widersprechen zweitens in ihrem Verlauf früher oder später ihrem eigenen Ausgangspunkt, dass nämlich alles, was man zu sehen bekommt, eben aus von irgendjemandem irgendwo gefundenem Filmmaterial zusammen geschnitten wurde. Damit wirken sie zwangsläufig genauso „unrealistisch“ wie andere Filme eben auch, die gar nicht erst vorgeben, „wahre“ Geschichten zu erzählen. (Oder sie machen sogar noch mehr darauf aufmerksam, wie blödsinnig ihr als wahr hingestellter Inhalt ist, wie beispielsweise der dämliche „Apollo 18“ vor zwei Jahren.)

Aber mir geht es hier eigentlich gar nicht darum, das Found Footage-Konzept zu kritisieren, denn im Großen und Ganzen war ich von „Chronicle“ ziemlich fasziniert. Für alle, die den Fim nicht kennen, hier die Story in wenigen Sätzen: Drei Jugendliche, von denen einer ständig mit einer Kamera unterwegs ist, steigen in ein seltsames Erdloch und als sie wieder herauskommen, haben sie Superkräfte! Ja, das wird im Film auch nicht viel mehr erklärt oder gezeigt, als ich es hier erklärt habe, aber das macht nichts, denn es geht um die Konsequenzen: Wie die drei anfangen, ihre telekinetischen Kräfte zu entdecken und weiter zu entwickeln, wie sie erste Streiche damit spielen und wie das Ganze schließlich außer Kontrolle gerät. All das ist wirklich hervorragend umgesetzt und nach einer Weile wird man auch nicht mehr von wackeligen Handkamerabildern genervt, weil die Hauptfigur Andrew (Dane DeHaan) schließlich lernt, die Kamera per Telekinesis in sanften Bögen um das Geschehen kreisen zu lassen (statt blöde Streiche zu spielen, hätte er sich vielleicht einfach bei einem großen Filmstudio bewerben sollen, die hätten jemanden mit dieser Fähigkeit sofort genommen und sich viel Geld für Steadycams, Kräne und computergenerierte Kamerafahrten sparen können!).

Da das „Found Footage“-Konzept letztendlich nur ein Stilmittel darstellt und kein eigenes Genre verkörpert (theoretisch könnte man auf diese Weise ja auch einen Nicholas Sparks-Roman verfilmen), muss man „Chronicle“ wohl dem Genre „Superheldenfilm“ zuordnen. Wie bei „Spiderman“ & Co. geht es hier darum, wie ganz normale Durchschnittsmenschen (oder oft sogar solche, denen weniger Begabungen und weniger Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts zufällt, als dem Durchschnitt) entdecken, dass sie über außergewöhnliche Fähigkeiten und übermenschliche Kräfte verfügen. Die entscheidenden Fragen sind: Was fängt man damit an? Welche Konsequenzen hat das dann für das eigene Leben und für das der Mitmenschen? Und wie geht man damit wiederum um? Die entscheidenden Weichen werden meist im ersten Akt einer solchen Geschichte gestellt, wo der Held sich zum Beispiel dafür entscheidet, seine Kräfte nicht zum eigenen Vorteil einzusetzen, sondern zum Wohl der Allgemeinheit und wo sich meist auch herausstellt, wer sein Gegner, sein Erzfeind ist.

Ich persönlich finde meistens diesen ersten Akt, die Entstehungsgeschichte des Helden, am interessantesten. „Batman Begins“ gefällt mir bis heute besser als seine beiden hoch gelobten Nachfolger. Ebenfalls einer meiner Lieblings-Superheldenfilme ist „Unbreakable“ von M. Night Shyamalan, an den ich beim Anschauen von „Chronicle“ mehrmals denken musste. Die Ähnlichkeit besteht eigentlich nur darin, dass beide Filme das Superheldengenre auf eine erfrischend andere Weise erzählen – „Chronicle“ eben aus Found Footage-Sicht, „Unbreakable“ dagegen als ruhiger Mystery-Thriller fast ohne Action. Während in „Chronicle“ die Entstehungsgeschichte des Superhelden noch weiter erzählt wird (wie weit genau und mit welchem Ende, möchte ich nicht verraten, es soll ja niemand gespoilert werden), erzählt „Unbreakable“ tatsächlich nur die Origin-Story seines von Bruce Willis dargestellten Superhelden: Die Entdeckung und das Austesten der Superkräfte, die Entscheidung, wie diese Fähigkeiten genutzt werden sollen und auch die Einführung eines Gegners, der dem Helden als negatives Spiegelbild gegenübersteht. Tatsächlich war „Unbreakable“ ursprünglich als Auftakt einer Trilogie geplant gewesen, hatte dann aber beim Publikum nicht den entsprechenden Erfolg, um noch eine Fortsetzung nach sich zu ziehen. Ich wage mal zu behaupten, dass ein Großteil der Zuschauer mit falschen Erwartungen in den Film gegangen ist und einfach ein zweites Mal so geflasht werden wollte, wie bei der ersten Shyamalan-Willis-Zusammenarbeit „The Sixth Sense“. Dementsprechend wirkte das Ende auf die meisten wohl enttäuschend und eher verwirrend; dabei dürften nur wenige verstanden haben, dass das Ende von „Unbreakble“ eigentlich nur das Ende des Anfangs einer klassischen Superheldengeschichte ist. Schade, dass sie meines Wissens nach nie weitererzählt wurde (wenn es schon kein Sequel gibt, würden sich Comics doch dafür anbieten!).

„Chronicle“ erzählt wie gesagt weit über die Origin-Story seiner Helden hinaus und bringt deren Geschichte zu einem Abschluss. Dennoch bringt auch dieser Film frischen Wind ins Superhelden-Genre, auch wenn ich „Unbreakable“ da noch wesentlich mutiger und innovativer finde. Ich fordere jedenfalls mehr solche ungewöhnlichen Superheldenfilme, denn so gut die aktuelle Welle der „Avengers“- und „X-Men“-Filme auch ist – irgendwann wird das immer Gleiche doch langweilig. Wo also bleibt bitte das längst überfällige Schwarz-weiß-Arthouse-Superhelden-Drama?

„Political Animals“

In meinem letzten Post ging es unter anderem um Soap Operas, und nachdem ich in den letzten Tagen die ersten fünf (von insgesamt sechs) Episoden der TV-Miniserie „Political Animals“ angeschaut habe, kann ich gleich bei dem Thema bleiben. In „Political Animals“ von Greg Berlanti spielt Sigourney „Ripley“ Weaver die US-Außenministerin Elaine Barrish. Vergleiche mit Hillary Clinton liegen nahe, zumal Barrish in der Serie genau wie Clinton in der Realität in den Präsidentschafts-Vorwahlen dem jetzigen Präsidenten unterlegen ist und bereits Pläne schmiedet, sich erneut um die Präsidentschaft zu bewerben. Darüber hinaus war Barrish mit dem früheren US-Präsidenten Donald „Bud“ Hammond (Cirián Hinds) verheiratet, einem notorischen Fremdgänger, der auch während seiner Amtszeit als Präsident zahlreiche Affären hatte.

Ich hatte mir von „Political Animals“ einige ernste und tiefgründige Einblicke in die politische Welt von Washington erwartet und gehofft, da würde jemand, der entsprechende Kontakte zu und Erfahrungen mit diesem Politikbetrieb hat, den Vorhang ein Stück weit lüften, um all die Verflechtungen zwischen Politikern und Journalisten (die nämlich auch eine Rolle in der Serie spielen) beleuchten. Tja, was soll ich sagen: Darum geht es in „Political Animals“ zwar, aber dient all das nur als Hintergrund, vor dem die Familiensaga der Elaine Barrish erzählt wird. Nach der ersten Folge war ich mir über die von der Serie eingeschlagene Richtung noch nicht ganz klar und dachte, all die persönlichen Dramen dienen vielleicht nur dazu, die Charaktere zu Beginn des Erzählbogens zu etablieren, doch mit zunehmendem Verlauf der Serie werden dann die politischen Elemente immer mehr zur Seite gerückt und der Fokus eindeutig auf die zwischenmenschlichen Krisen gelegt, wie sie eigentlich nicht nur in der „First Familiy“, sondern in jeder Familie auftreten können.

Und was für große und kleine Krisen und Probleme das sind! Drogenvergangenheiten und -gegenwarten, ein Selbstmordversuch, Bulimie, eine von zahlreichen Seitensprüngen belastete Ehe, die nach vielen Jahren schließlich doch geschieden wird, die Beziehung einer Journalistin zu ihrem Chefredakteur,… Ich könnte noch mehr aufzählen, aber es wird wohl auch so schon deutlich, dass hier vor lauter Erzählsträngen, die sich auf einer doch recht banalen, zwischenmenschlichen Ebene abspielen, nicht mehr allzuviel Platz ist, um dem großen politischen Rahmen noch viel Bedeutung zu schenken.

Wer weiß, vielleicht geht es in Washingtons mächtigsten Familien ja wirklich so zu? Gerade die Ehe der Clintons dürfte ja nicht allzuweit von der in der Serie gezeigten Beziehung zwischen Barrish und Hammond entfernt sein (mit dem Unterschied, dass die Clintons immer noch miteinander verheiratet sind). Mir hat es auch drei oder vier Episoden lang richtig Spaß gemacht, den Charakteren beim Intrigieren, Herumbrüllen, Fremdgehen und Verzweifeln zuzuschauen, zumal die Schauspieler wirklich die größte Stärke der Serie sind. Sigourney Weaver spielt Barrish erwartungsgemäß selbstbewusst und durchsetzungsfähig, Cirián Hinds (der mich bereits als Julius Cäsar in der HBO-Serie „Rome“ begeistert hat) nimmt man den notorischen Fremdgänger sofort ab und Ellen Burstyn sorgt als Barrishs Mutter immer wieder für Lacher. Nur von Adrian Pasdar war ich nicht ganz überzeugt; für einen US-Präsidenten wirkt er etwas zu jung (außerdem habe ich dank seiner „Heroes“-Vergangenheit bei ihm immer das Gefühl, er würde gleich aus dem Stand heraus losfliegen 😉 ).

Die Darsteller schaffen es also wirklich, einen ins Geschehen hineinzuziehen (was man von den weit von „West Wing“-Niveau entfernten Dialogen nicht immer behaupten kann). Als es dann aber in der fünften Episode, die ich gestern angeschaut habe, zu einer Prügelattacke im Oval Office kam und später Barrishs frisch verlobter Sohn im Flugzeug gemeinsam mit einer Journalistin eine Flasche Rotwein leerte, um dann vollkommen vorhersehbar mit dieser zu schlafen (der Journalistin, nicht der Flasche – das wäre wenigstens überraschend gewesen!), während seine Verlobte zuhause mit Barrishs Mutter Marihuana rauchte (welches die beiden wiederum im geheimen Drogenversteck von Barrishs anderem Sohn entdeckt hatten, der zur selben Zeit nach einer Überdosis im Krankenhaus vor sich hin dämmerte) – da wurde mir das Ganze dann doch etwas zuviel. Würde man die politischen Elemente herauskürzen, die zu diesem Zeitpunkt sowieso nur noch deshalb in der Handlung vorkommen, weil sich die Serie nun mal irgendwie um Washington und eine mächtige Politikerfamilie dreht, dann könnte man die Serie als bügelfreundliches Soap-Programm im Nachmittagsfernsehen senden. Wobei es sich – das muss ich nochmals betonen, weil es die Serie dennoch sehenswert macht – um eine Soap Opera auf schauspielerisch recht hohem Niveau handelt (was „Political Animals“ mit „Downton Abbey“ gemeinsam hat).

Wenn man also akzeptieren kann, dass es sich hier nicht um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Politikbetrieb in Wahsington handelt, dann ist „Political Animals“ als Unterhaltungsfernsehen vollkommen in Ordnung. Um inhaltlich hochwertiges Qualitätsfernsehen wie „The West Wing“ handelt es sich dabei aber nicht.

„Downton Abbey“ als Soap Opera

Vor ein paar Tagen habe ich die dritte Staffel von „Downton Abbey“ zu Ende angeschaut. Wie auch schon nach der ersten und zweiten Staffel bin ich von dieser Serie weiterhin sehr fasziniert. Ich war vorher schon ein großer Fan von  Robert Altmans Film „Gosford Park“, der ebenso wie „Downton Abbey“ von Julian Fellowes geschrieben wurde und eigentlich genau die gleiche Thematik behandelt. Zwar spielt der Film im November 1932, also zwei Jahrhrzehnte später als die erste Folge von „Downton Abbey“, doch zeigt auch er anhand der auf einem Landhaus versammelten Gesellschaft aus Adeligen und ihren Dienern ein Abbild des britischen Klassensystems.

Während „Gosford Park“ zumindest vordergründig als Murder Mystery daherkommt, ist „Downton Abbey“ ganz klar von den klassischen Elementen einer Soap Opera geprägt. Zu diesen gehört beispielsweise, dass die Handlung fast ausschließlich über Gespräche vorrangetrieben wird; Actionszenen oder aufwändige Außenaufnahmen gibt es nicht zu sehen, dafür aber Menschen, die miteinander reden. Dafür eignet sich ein zentraler Schauplatz, an dem sich die Serie abspielt und an dem alle Hauptfiguren immer wieder versammelt sind, natürlich hervorragend,  sei dieser nun ein Krankenhaus, eine Wohngemeinschaft oder wie im Fall von „Downton Abbey“ ein aristokratischer Landsitz, auf dem etwa zwei Dutzend Menschen wohnen, zum Teil auch arbeiten oder jedenfalls regelmäßig dort zu Gast sind. Die Unterhaltungen der Protagonisten drehen sich dabei fast immer um deren persönliche Probleme. Soaps erzählen nicht von großen Kriegen und außergewöhnlichen, weltpolitischen Ereignissen, jedenfalls erzählen sie nicht direkt von ihnen. Denn all das kann in ihnen schon zum Thema werden, jedoch nur insoweit es für die Figuren der Soap von Bedeutung ist. So erzählt „Downton Abbey“ etwas über den ersten Weltkrieg, nimmt seine Zuschauer aber nicht mit ins Kampfgeschehen. Stattdessen wird der Krieg sozusagen nach Downton geholt und es werden seine Konsequenzen für die Zuhausegebliebenen zum Thema gemacht.

Ein weiteres wichtiges Merkmal von Soaps ist ihre prinzipielle Endlosigkeit. In der heutigen Serienwelt, in der sich Genres und Erzählformen immer mehr vermischen, ist dies vielleicht gar nicht mehr so klar erkennbar (auch „Downton Abbey“ widerspricht in einigen seiner Merkmale dem klassischen Soap-Schema), doch im Kern sind Soap Operas Geschichten, die sich endlos fortsetzen lassen. Für Daily Soaps, die in manchen Fällen jahrzehntelang vier oder fünf neue Folgen pro Woche hervorbringen müssen, ist dieses Charakteristikum geradezu überlebensnotwendig. Diese Endlosigkeit wird über eben jene kleinen und größeren Probleme hergestellt, über die die Figuren Episode für Episode reden. Während (Kino-)Filme, die in zwei Stunden eine abgeschlossene Geschichte erzählen, klar auf die Lösung der zu Beginn ihrer Handlung eingeführten Problemstellungen hinarbeiten und sie zum Schluss auch erreichen können, nehmen Soap Operas die Lösung von Problemen immer wieder zum Anlass für neue Probleme. In diesem Sinne ist hier eine Lösung niemals eine Lösung, sondern stets nur ein vorrübergehendes Ende. Zwar träumen die Charaktere (und mit ihnen die Zuschauer) davon, dass sich all die Krisen irgendwann auflösen und sie frei von Sorgen leben können, doch genau dieser Zustand wäre in diesem Fall das Ende der Erzählung. Dann bliebe nur noch ein „Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“. Verbrechen, Ehekrisen, krumme Geschäfte, drohender Bankrott usw. werden in Soap Operas immer nur so zu einem Schluss gebracht, dass sich daran direkt die nächste Krise anschließen lässt. Auflösungen werden nur auf Zeit geboten, Stillstand gibt es nicht.

Sehr schön lässt sich dies an Hochzeiten verdeutlichen: In Liebesfilmen wird meist auf die Hochzeit hin erzählt und die Zuschauer sind glücklich, wenn sich das Liebespaar am Ende des Films endlich „gekriegt hat“ und die Glückseligkeit dann mit der Heirat ihren höchsten, finalen Punkt erreicht. Für Soap Operas wäre eine solche Funktion der Hochzeit dagegen fatal, da damit ein wirklicher Schlusspunkt erreicht wäre. Das Paar darf nach der Hochzeit eben nicht glücklich bis an sein Lebensende zusammen leben, diesen Luxus können sich nur Filme leisten, die aber den unfairen Vorteil haben, einfach zum Abspann übergehen zu können und nicht weiter erzählen müssen. In Soap Operas hält das frische Eheglück nie lange an. Sehr bald entdeckt die eben noch so glückliche Braut, dass ihr Mann ihr untreu ist. Oder dass er Drogen nimmt. Oder ein Kind aus einer früheren Beziehung vor ihr geheim hält. Oder der Mann hegt plötzlich große Zweifel and dem geschlossenen Bund fürs Leben, weil er eigentlich in eine andere verliebt ist. Die Möglichkeiten sind vielfältig und was Hochzeiten angeht, macht auch „Downton Abbey“ in der dritten Staffel mehrmals von ihnen Gebrauch.

Es ließen sich noch weitere Merkmale aufzählen, aber ich will hier keine medienwissenschaftliche Arbeit schreiben. Tatsache ist, dass „Downton Abbey“ in vielen Punkten genau dem klassischen Soap-Schema enstpricht. Die beiden genannten – die Fokussierung auf das Persönliche und auf persönliche Gespräche, sowie die Krise als Normalzustand und als Motor der Erzählung – gehören dazu. Interessanterweise verbindet „Downton Abbey“ diese Soap-Merkmale aber mit einigen anderen Merkmalen, die ganz und gar nicht zu einer Soap Opera passen wollen und schafft so eine (neue?) Mischform. Vor allem die Tatsache, dass nicht Tag für Tag oder Woche für Woche neue Episoden produziert werden, sticht dabei ins Auge (dennoch steht in der Serie nie etwas still, anders als andere aktuelle Serien wie etwa „Mad Men“ leistet sich „Downton Abbey“ zu keinem Zeitpunkt den Luxus eines langsames Erzähltempos). Dazu kommt, dass die schauspielerischen Leistungen weit über das Niveau hinausgehen, wie man es zumindest von einer konventionellen Daily Soap erwartet. Sicherlich ist auch dies ein Teil des weltweiten Erfolges der Serie. Die One-Liner, die Julian Fellowes Maggie Smiths Figur mindestens einmal pro Folge in den Mund legt, wären aus dem Mund einer anderen Schauspielerin etwa bestimmt nicht so zum Brüllen komisch (für mich zählen sie zu den Höhepunkten der Serie!).

Shirley MacLaine, die in der dritten Staffel eine Gastrolle spielt, äußert in einer der Dokumentationen auf den DVDs die Vermutung, der Erfolg der Serie läge auch in ihrem Erzähltempo begründet, das den Gewohnheiten der heutigen Internetgeneration entspricht. Tatsächlich ist mir – gerade im Vergleich zu anderen aktuellen Serien – der schnelle Wechsel an Szenen auch schon aufgefallen. Die Serie erzählt in jeder Folge mehrere parallele Handlungsstränge und schneidet dabei im gefühlten Minutentakt von einer Gesprächsszene zur nächsten, wobei meist direkt und ohne Erklärung mitten ins Thema eingestiegen wird. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das etwas Neues ist; vielmehr scheint es mir ein generelles Soap-Merkmal zu sein, dass man von modernen Serien vielleicht nur kaum noch gewohnt ist; hier wäre eine tiefergehende Analyse sicherlich interessant.

„Downton Abbey“ scheint also eine höchst interessante Verbindung neuer und alter Formen zu sein (und nicht nur neuer und alter, schließlich verbindet es auch die als kulturell wenig wertvoll angesehen Soap Operas mit den modernen, „sophisticated“ Serien, wo Schauspiel, Ausstattung usw. nur vom Feinsten sind). Ich bin schon gespannt auf das letztjährige 90minütige Christmas Special der Serie, das die Handlung nach der dritten Staffel weiterführt und das ich mir demnächst ansehen werde. Leider habe ich von entscheidenden Entwicklungen der Handlung schon gelesen und bin in diesem Sinne massiv gespoilert, doch vor dem Hintergrund meiner obigen Ausführunge muss es eigentlich klar sein, dass die Crawleys Weihnachten nicht in Glück und Frieden verbringen können, sondern dass die Handlung für alle Figuren erneut ein Wechselbad der Gefühle bereithält.

„Michael Jackson – Man in the Music“ von Joseph Vogel

Eigentlich soll es hier ja – zumindest dem momentanen Untertitel des Blogs zufolge – in erster Linie um alles gehen, was mit Film und Kino zu tun hat. Eine weitere meiner großen Leidenschaften ist jedoch Michael Jackson, und weil 2011 ein wirklich großartiges Buch über Michael Jacksons Musik erschienen ist, widme ich diesem Buch nun einen Blogpost.

„Man in the Music“ stammt von dem US-Journalisten Joseph Vogel, der unter anderem für die Huffington Post und den Atlantic schreibt und für dieses Buch bereits 2005 mit den Recherchen begonnen hat. Es handelt sich also keinesfalls um eines jener Werke, mit denen nun nach dem Tod Jacksons abkassiert werden soll. Vogel hat in den letzten Jahren auf seiner Website und in zahlreichen anderen Veröffentlichungen immer wieder sein fundiertes Wissen rund um Michael Jackson im Speziellen und um die Popmusik und -kultur im Allgemeinen unter Beweis gestellt.

Man in the Music

Copyright Bild: Sterling Publishing

Das Besondere an „Man in the Music“ ist, dass es das bislang einzige Werk ist, welches sich ausschließlich und ausführlich mit Michael Jacksons Kunst auseinandersetzt. Es stellt also keine Biographie im Sinne einer Nacherzählung von Jacksons Leben dar, sondern konzentriert sich voll und ganz auf seine Musik, seine Auftritte und seine Musikvideos. Im Zentrum stehen dabei die Soloalben, die Jackson als Erwachsener zwischen 1979 und 2001 veröffentlich hat und denen Vogel jeweils einen eigenen Essay widmet. Dazu kommt noch eine ausführliche Einleitung, eine Betrachtung Jacksons letzter Lebensjahre (ebenfalls unter dem Gesichtspunkt seines kreativen Schaffens während dieser Zeit) sowie eine Besprechung des 2010 erschienen Albums „Michael“. Am Anfang des Buches merkt Vogel an, dass er beim Beginn seiner Recherchen sehr verwundert war, wie wenig Literatur damals über Michael Jackson als Künstler vorhanden war. Seine Motivation war also, einen detaillierten Überblick über Michael Jacksons Werk zu geben und dieses in den zeitgeschichtlichen und kulturellen Kontext einzuordnen. Vogel hatte sogar vor, Jackson 2009 in London während seines dortigen Aufenthalts für die „This is it“-Konzertreihe zu interviewen. Man kann sich nur vorstellen, um wie viel detailreicher das Buch mit solchen Informationen aus erster Hand noch geworden wäre, schließlich wurde Jackson niemals detailliert zu seiner Kunst befragt. Darüber kann man heute nur verständnislos den Kopf schütteln, doch zu seinen Lebzeiten waren die Medien allgemein, aber auch die wenigen Journalisten, denen er längere Interviews gab, eben mehr an anderen Aspekten seiner Person interessiert, von denen die meisten im Rückblick weit weniger bedeutend sind, als sie es damals zu sein schienen.  Doch auch ohne direkte Beteiligung Jacksons ist aus „Man in the Music“ ein tiefgehendes Werk geworden, das zahlreiche neue Einsichten liefert (zumal Vogel ausführliche Interviews mit  mehreren Produzenten, Musikern und Studiotechnikern geführt hat, die mit Jackson zusammengearbeitet haben).

Im der Einführung geht Vogel auf Jacksons Reifung zum Tänzer, Sänger, Entertainer und Songwriter ein; er nennt Jacksons Einflüsse und Vorbilder (James Brown, Stevie Wonder,…) und legt Jacksons Sichtweise dar, wonach gute Songs weder „schwarz“ noch „weiß“ sind, sondern jede Person erreichen können sollen, unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe oder was auch immer. Interessant ist unter anderem die Darstellung von Jacksons Gesang als „jenseits von Sprache“: durch verschiedene Laute (Schluchzen, Stöhnen, Schreien,…) erzeugte der Sänger in seinen Liedern immer wieder Emotionen und Stimmungen, die zum Teil mit Worten gar nicht erreichbar gewesen wären. Auch dass Michael Jackson wesentlich mehr war als nur einfach ein Sänger und Tänzer, beton Vogel immer wieder. So beschreibt er zum Beispiel, welch genaue Vorstellungen Jackson hatte, sobald er die Melodie für einen neuen Song im Kopf hatte und wie detailversessen er während der gesamten Produktionsphase dann in allen Aspekten – Arrangements, Background-Gesang, Instrumentalsoli,… – seine eigenen Vorstellungen umgesetzt sehen wollte.

Besonders gefällt mir an Vogels Buch, dass auch Jacksons spätere Alben (also alles nach „Thriller“, ganz besonders „HIStory“, die fünf neuen Songs auf „Blood On The Dance Floor“ und „Invincible“) eine ernsthafte Würdigung und Einordnung erfahren. Zu Jacksons Lebzeiten gelang es ja leider fast keinem Autoren, an der Person und Mediengestalt Michael Jackson vorbei auf das Werk zu blicken. Vogel tut dies und er macht unmissverständlich klar, dass auch unter Jacksons späteren Liedern einige Meisterwerke sind, die sich durchaus mit den Songs der Thriller-Ära messen lassen können, ja dass Jackson sich sogar als Songschreiber und Künstler im Laufe seiner Karriere weiterentwickelt und zahlreiche neue musikalische Einflüsse (z.B. HipHop) aufgenommen und in seinem Werk verarbeitet hat. Zugleich arbeitet Vogel sehr schön die Themen heraus, die sich wie ein roter Faden durch Jacksons Gesamtwerk ziehen. Darunter befindet sich zum Beispiel die Sorge um die Zukunft unseres Planeten und die Hoffnung, Veränderungen in Gang setzen zu können. Weitere solcher Themen sind die „femme fatale“ (Frauen sowohl als Faszination wie auch als gefährliche Versuchung) in Liedern wie „Billie Jean“, „Dirty Diana“, „Blood On The Dance Floor“ oder „Dangerous“ oder Jacksons Vorliebe für Gothic-Elemente und Horror (Jackson war ein großer Verehrer von Edgar Allen Poe), die natürlich in „Thriller“ zum Ausdruck kommt, aber auch in späteren Liedern wie „Ghosts“, „Is It Scary“ oder „Threatened“.  Als übergreifendes Thema im Werk Jacksons macht Vogel eine grundlegende Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand der Welt aus, sowie den daraus folgenden Versuch, mit Hilfe der Musik eine Fluchtmöglichkeit zu bieten, einen Ausweg, eine Befreiung – aber natürlich auch Hoffnung zu geben und die Menschen zum Nachdenken und Handeln anzuregen.

Im Anschluss an jeden der Essays zu den verschiedenen Alben bespricht Vogel die einzelnen Songs im Detail und fördert dabei zum Teil wirklich neue Bedeutungen und Einsichten zutage, auf die man vorher noch gar nicht gekommen ist (z.B. findet er auch in einigen von Jacksons vermeintlich seichteren Dancetracks eine erstaunliche thematische und textliche Tiefe). Bei all seinen Analysen bezieht er immer wieder auch die Sicht der Medien und der Öffentlichkeit auf Jackson vor dessen Tod mit ein, als Rezensionen seiner Alben sich oftmals in Adjektiven wie „oberflächlich“ oder „größenwahnsinnig“ erschöpften. Gerade dieser Vergleich zwischen der damaligen Sicht der meisten Autoren und der heutigen Perspektive ist es, der einem bewusst macht, wie wenig Wertschätzung Jacksons „spätere“ Lieder und Videos zu seinen Lebzeiten erfahren haben. Ob sein Buch zu einer ebenso großen Huldigung geworden wäre, wenn Jackson noch am Leben wäre, kann natürlich nicht beantwortet werden. Doch Vogel trägt seine Ansichten mit einer solchen Überzeugung vor, dass ich mir durchaus vorstellen kann, dass er beispielsweise „They Don’t Care About Us“ auch dann einen der  wichtigsten Protestsongs der Neunziger nennen würde, wenn alle anderen sich weiterhin nur für Jacksons operierte Nase interessieren würden. Dass er zudem im Zusammenhang mit Michael Jacksons Talent als SongTEXTschreiber einen Vergleich zu Rilke zieht und die Ballade „Stranger In Moscow“ in eine Reihe mit dem Beatles-Stück „A Day In The Life“ stellt, zeigt noch mehr, welchen hohen kulturellen Stellenwert er Jacksons Werk beimisst (nicht zu Unrecht, wie ich finde).

„Man in the Music“ ist wirklich nicht nur für eingefleischte Jackson-Fans interessant (obwohl es auch für die noch haufenweise Neues bietet, was so noch nie geschrieben wurde). Jeder, der sich für Popmusik, für Popkultur im 20. Jahrhundert interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Zwar gibt es inzwischen mehrere Bücher, die sich mit Michael Jacksons Kunst auseinandersetzen (und dabei unterschiedliche Ansätze wählen), doch kein anderes Werk stellt Jacksons Musik so sehr in den Mittelpunkt und beschäftigt sich gleichzeitig so detailliert und vor dem Hintergrund ausführlicher Recherchen damit. Einige kleine Fehler haben sich leider in das Buch eingeschlichen, fallen aber zum Glück kaum ins Gewicht (so behauptet Vogel beispielsweise an einer Stelle, Jackson, der 1958 geboren wurde, habe 1999 seinen 40. Geburtstag gefeiert). Ich hätte mir allerdings an einigen Stellen tatsächlich noch mehr Tiefgang gewünscht. Vogel bezieht nämlich bei der Interpretation der einzelnen Lieder manchmal deren Videos und Performances mit ein, manchmal aber auch nicht bzw. kaum. Aber ich warte mal zuversichtlich auf die nächste Auflage des Buches.

Leider ist das Buch bislang nur auf Englisch erschienen; ich hoffe aber, dass es sich im Laufe der Jahre als eines der Standardwerke zu Michael Jackson etablieren wird und auch in anderen Sprachen erscheint. Neben „Man In The Music“ sind von Joseph Vogel zwei weitere Bücher über Michael Jackson erschienen:  In „Earth Song – Inside Michael Jackson’s Magnum Opus“ erzählt er auf gut 100 Seiten die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des vielleicht besten und wichtigsten Jackson-Songs (die zweite, aktualisierte Auflage des Buches ist Ende 2012 erschienen; allerdings ist sie nicht ganz fehlerfrei und unterschlägt die „Wetten, dass…?“-Performance des Songs völlig, worauf ich Joseph Vogel aber schon aufmerksam gemacht habe). „Featuring Michael Jackson“ fasst mehrere von Vogels zahlreichen Zeitungsartikeln und weiteren Veröffentlichungen über Michael Jackson in einem Band zusammen – beispielsweise seine persönliche Liste der zehn besten Jackson-Songs. Einige Texte finden sich auch auf Vogels Website (zusammen mit einer ständig wachsenden Liste an weiterer Literatur zum Thema). Wer also einen Einblick in Vogels Beiträge zu den „Michael Jackson Studies“ bekommen möchte, kann dort mit dem Lesen beginnen. Viel Spaß!

Darren Hayes – Secret Codes and Battleships

Bevor der erste „offizielle“ Blog-Post erscheint – was hoffentlich nicht allzu lange dauert – hier erst einmal ein Text über das neueste Album von Darren Hayes, das im Herbst 2011 erschienen ist. Ich hatte den Text kurz danach geschrieben, aber bislang noch nicht veröffentlicht. Nun dient er hier als mein Testballon:

Secret Codes and Battleships

Copyright Bild: Powdered Sugar Productions / EMI

Darren Hayes ist der größte lebende, männliche Popstar. So traurig es ist, dies angesichts des Todes des von mir verehrten Michael Jackson sagen zu müssen – der Sänger des australischen Pop-Duos Savage Garden, das Ende der Neunziger zwei erfolgreiche Alben veröffentlichte und dessen Welthit „Truly Madly Deeply“ auch heute noch Stammgast in den Playlists der Popradiostationen ist, hat sich diesen Status hart erarbeitet und redlich verdient. Dabei ist der Wahl-Londoner, der 2002 sein erstes von inzwischen vier Soloalben veröffentlichte, in weiten Teilen der Welt nahezu unbekannt. Dies zumindest ein Stück weit zu ändern und auch außerhalb Australiens und Großbritanniens, wo er im Laufe seiner Solokarriere die größten Erfolge feierte, einem größeren Publikum bekannt zu werden, könnte ihm mit seinem neuesten Album „Secret Codes and Battleships“ gelingen.

Man muss zugeben, dass er sich mit den beiden Vorgängeralben nicht leicht gemacht hatte. Fanden sich 2002 auf „Spin“, seinem Debütalbum als Solokünstler, noch Balladen und Uptempo-Nummern im Stil der Savage Garden-Stücke („Insatiable“ war auch hierzulande noch ein respektabler Hit), so vollzog Hayes 2004 mit „The Tension and the Spark“ eine Kehrtwende und legte allerdings zugleich sein bislang bestes Album vor. Waren seine Texte immer schon weit mehr als nur die in der Popmusik eben notwendige Ausgestaltung eingängiger Melodien, so wurden sie auf seinem zweiten Album nun richtig düster. In Liedern wie „Unloveable“ oder „Darkness“ besang er (zwischen)menschliche Abgründe, Depressionen und Selbstzweifel. Gleichzeitig klang hier auch fast kein Song mehr nach Savage Garden; zusammen mit seinem neuen Produktionspartner Robert Conley wandte sich Hayes einem elektronischeren Sound zu, der viele alte Fans abschreckte. 2007 folgte dann mit „This Delicate Thing We’ve Made“ ein 25 Songs umfassendes Doppelalbum, mit dem sich Hayes inhaltlich zwar nicht mehr so düster, aber musikalisch noch experimentierfreudiger und erneut textlich komplex zeigte. Viele Stücke behandelten das Thema Zeitreisen und ihre Konsequenzen für unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen (wenn sie denn möglich wären…), so dass man hier schon fast von einem Konzeptalbum sprechen kann. Kaum ein Song taugte hier zum schellen Radiohit, was zusammen mit der Tatsache, dass Hayes das Album ohne große Plattenfirma auf seinem eigens gegründeten Independent-Label Powdered Sugar veröffentlichte, der Grund dafür sein dürfte, dass Hayes’ alte Fans, denen der stilistische Wechsel 2004 gefallen hatte, ihm nun zwar noch treuer ergeben waren, jedoch leider nur wenige neue hinzukamen.

„Step Into The Light“ (aus dem Album „This Delicate Thing We’ve Made“, 2007):

Auf seinem neuen, am 28.10.2011 auch in Deutschland erschienen Album, setzt der Sänger den Experimenten der letzten beiden Platten nun ein Ende. Das erste Stück, „Taken by the Sea“ beginnt mit sanften Spieluhrklängen, wandelt sich dann aber schnell zur kraftvollen Ballade, die den Ton des Albums vorgibt. Textlich, weil hier bereits die Meeresthematik anklingt, die in mehreren Stücken und im Albumtitel eine Rolle spielt („I am an island / And you are the ocean / And all of my sadness taken by the sea“); musikalisch, weil das Stück – wie all die anderen auch – einen äußerst poppigen ersten Eindruck macht und man leicht in Gefahr gerät, zu glauben, das sei alles nur oberflächliches Gedudel, irgendwie schön, aber ohne tieferen Inhalt. Dass dem nicht so ist, zeigt ein Blick auf die Songtexte der zwölf Stücke, in denen Hayes einmal mehr einen Blick auf seine verwundete Seele gewährt und von großen Glücksgefühlen ebenso singt wie von Melancholie und Verzweiflung, vor allem aber immer wieder (und das ist eines seiner Lieblingsthemen) von der Notwendigkeit zwischenmenschlicher Kommunikation auch in scheinbar aussichtslosen Lagen. Doch auch musikalisch sind die zwölf Stücke äußerst komplex und mit viel Liebe zum Detail gestaltet.

Zum Teil erschließt sich die Tiefe der Lieder erst nach mehrmaligem Hören und nicht jeder der potentiellen Ohrwürmer geht sofort ins Ohr, doch es gibt eine Menge von ihnen und es dauert nicht allzu lange, bis man sie dann doch nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Neben Robert Conley und Justin Shave, die auch schon an Hayes’ letztem Album als Produzenten mitgewirkt haben, hat er sich für „Secret Codes…“ Steve Robson (Take That) und Carl Falk (u.a. Westlife, Nicole Scherzinger) mit ins Boot (man beachte die Meeres-Metapher! 😉 ) geholt und zudem bei einem Song erneut mit Walter Afanasieff zusammengearbeitet, der zu Savage Garden-Zeiten sowie bei Hayes‘ erstem Soloalbum mit im Produktionsteam gewesen war. Den Produzenten gelingt es hier gemeinsam mit Hayes, die Lieder allesamt opulent, aber nie überproduziert klingen zu lassen. Trotz vieler Effekte und üppig aufeinander getürmter Klangschichten steht Darren Hayes Stimme stets im Vordergrund und trägt jedes einzelne Lied. So finden sich beispielsweise während des Refrains von „God Walking Into The Room“ ein paar extrem nach billigem 80er Jahre-Elektropop klingende Sounds, mit denen heute wohl nur noch die wenigsten durchkommen würden; Darren Hayes und Justin Shave setzen sie hier allerdings nicht als pures Gimmick ein und verbinden alle musikalischen Elementen mit einem zwar kitschigen, aber ehrlichen Text über die Kraft der Liebe zu einem schlüssigen Ganzen.

Der Albumtitel „Secret Codes and Battleships“ ist einer Textzeile des zweiten Titels „Don’t Give Up“ entnommen und kann vor dem Hintergrund der oben erwähnten Thematik zwischenmenschlicher Kommunikation, die das ganze bisherige Schaffen von Hayes durchzieht, interpretiert werden: Die „Secret Codes“ weisen auf die Schwierigkeiten des gegenseitigen Verstehens in allen Arten von Beziehungen hin; die „battleships“ erklären sich in diesem Kontext fast von selbst – immer wieder kommt es dabei zu Streitigkeiten, zu Gefechten zwischen schwer bewaffneten Kampfschiffen auf hoher See, um in der Sprache des Albums zu bleiben. Schon im Savage Garden-Song „Crash and Burn“ und dem dazugehörigen Video ging es 1999 um die unbedingte Notwendigkeit, sich einem anderen Menschen anzuvertrauen, um nicht in Einsamtkeit, Verzweiflung und Anomie zu verfallen. Auch die erste Single des neuen Albums, „Talk Talk Talk“, geht in diese Richtung und beschreibt den Versuch, eine schon fast von Streit (oder noch schlimmer: Schweigen) auf den Grund gezogene Beziehung doch noch zu retten, indem man den anderen bittet, einem doch wenigstens zuzuhören: „Please hear me out / All I want to do is just talk talk talk to you“.

Einer der Höhepunkte des Albums ist „Black Out The Sun“, bei dem sich Darren Hayes einmal mehr als Meister in der Disziplin beweist, melancholische, ja fast schon depressive, lebensverneinende Inhalte („There’s a hole where my soul used to grow / So just black out the sun“) mit eingängigen Melodien und raffinierten Arrangements zu einem Kunstwerk zu verbinden, bei dem man äußerst gerne mit dem klagenden Künstler mit leidet. Aufgenommen wurde das Stück übrigens exakt an dem Tag, an dem Michael Jackson verstarb, was sich zusätzlich im Gesang des Jackson-Fans Hayes niederschlug. Die limitierte Sonderausgabe des Album enthält auf einer zusätzlichen CD sogar einen Titel („Glorious“), den Hayes nach Jacksons Tod eigens über sein (und mein) Idol geschrieben hat.

Das Musikvideo zur zweiten Single „Black Out The Sun“:

Weitere Beispiele für all die im Zusammenhang mit zwischenmenschlichen Beziehungen (und Trennungen) immer wieder aufkommenden Zweifel oder für mangelndes Selbstbewusstsein finden sich in den Liedern auf „Secret Codes…“ zuhauf: „I’m the kind of person who can barely be loved“, singt Hayes in „Hurt“, überzeugt davon, einem geliebten Menschen doch immer wieder nur weh zu tun. Auch in „Nearly Love“ kommt die Sehnsucht nach Nähe zum Ausdruck, und auch hier führt dies nicht einfach zum Happy End, bei dem man sich liebend in den Armen liegt: „In your touch / Well your body can move in close / But my heart is a lonesome ghost / I’d never feel you anyway“. Und wenn dann schließlich ein Stück namens „Cruel Cruel World“ mit den Worten „I don’t know how I’m supposed to feel / Without my tiny little pills“ beginnt, dann wird endgültig klar, dass dieses Album nicht einfach als Feelgood-Popplatte abstempeln darf. Paradoxerweise wird es aber auch dieser Funktion gerecht; anders als in vielen Stücken auf „The Tension and The Spark“ kriegt Hayes hier immer die Kurve und bleibt nicht nur in Niedergeschlagenheit und Einsamkeit hängen. Wenn er dem Hörer in „Stupid Mistake“ ein trotziges „I don’t want to love / And I don’t want anybody else to either“ hinwirft, dann muss man das vielleicht mit einem Augenzwinkern sehen. Hier hat jemand seine Depressionen längst überwunden und blickt manchmal ironisch, aber immer ehrlich auf das zurück, was er durchgemacht hat.

Was Hayes aus seinen Erfahrungen gelernt hat, beschreibt das Stück „Roses“ am besten: „You can’t smell the roses when you’re gone / So live every moment like it’s the last night on earth“. Inhaltlich wie gesanglich hätte man sich den Titel auch als Michael Jackson-Song vorstellen können…

Der Höhepunkt des Albums ist jedoch „Bloodstained Heart“, ein Lied, das zart beginnt, sich aber schnell zu großen Gefühlen aufschwingt – bis hin zu einer Coldplay-artigen Stadionrocksequenz und einem ziemlich abrupten Ende, das den Zuhörer emotional erschöpft zurücklässt. „You hit me like a subway train / And I’ll never be the same“, singt Hayes und ganz ähnlich könnte man auch das ganze Album beschreiben: Hayes hält hier wieder einmal nichts zurück, fährt in Form von großen Gefühlen, aber auch intimen Momenten die ganze Bandbreite des emotionalen Spektrums auf und verpackt das Ganze in zumeist zeitlos klingenden Popsound mit wunderbaren, eingängigen Melodien. Großartige Popsongs müssen nicht übermäßig kompliziert sein, dürfen in ihrer Einfachheit musikalisch wie textlich aber auch niemals plump wirken. Diesen Spagat meistert Hayes in bewundernswerter Weise, so dass die Platte kaum Wünsche offen lässt. Nur einen habe ich noch: Bitte, bitte lieber Darren, komm endlich mal wieder für ein paar Konzerte nach Deutschland!

„Bloodstained Heart“ live bei der australischen Ausgabe von „X-Factor“: