DOK.fest München 2015 – Noch drei Filme :-)

Heute ist der letzte Tag des 30. DOK.fest München. Ich habe es zwar gestern und heute nicht mehr ins Kino geschafft, möchte aber noch einmal über ein paar Filme bloggen, die ich auf dem DOK.fest gesehen habe.

Elephant's Dream

Copyright: DOK.fest München / Elephant’s Dream

Zunächst ist da „Elephant’s Dream“, sicherlich einer der am besten aussehendsten Filme des Festivals. Der Belgier Kristof Bilsen, der hier den Alltag in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo portaitiert, bringt wunderschön komponierte Einstellungen auf die Leinwand. Sein Film zeigt die andere Seite des Kongo, an die man nicht zuerst denkt, wenn man den Namen dieses Landes liest. Man sieht also in „Elephant’s Dream“ keine Soldaten und Gewehre, keine Unruhen oder bürgerkriegsähnliche Zustände. Ganz im Gegenteil ist dies sogar ein äußerst ruhiger Film. Das liegt zum einen an seinem Inhalt, denn die hier in den Mittelpunkt gerückten Personen haben gemeinsam, dass sie alle nicht besonders viel zu tun haben. Die Postbeamtin sitzt den ganzen Tag über hinter einer Glasscheibe an ihrem Schalter; selten bringt jemand einen Brief zu ihr. Der Bahnhofswärter sitzt neben den Gleisen, nur selten fährt mal ein Zug vorbei. Was genau hier die Hintergründe sind, warum also diese Menschen anscheinend zwar Berufe, aber trotzdem nichts zu tun haben, das erfährt man entweder nicht oder ich habe es in meiner Konzentration auf die schönen Bilder nicht mitbekommen. Und diese Bilder sind der zweite Grund, warum der Film so ruhig ist. Statt Handkamera setzt Bilsen auf Stativaufnahmen, statt vieler Schnitte auf lange Einstellungen.

Diese Inszenierungsweise gibt dem Film und seinen Zuschauern immer wieder die Gelegenheit, inne zu halten um zu staunen oder auch um sich zu wundern. Sie macht aber auch deutlich, dass die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm fließend sind. Bilsen geht im Publikumsgespräch nach der Vorführung darauf ein, wie wichtig ihm die Ästhetik des Films war und dass die Einstellungen und Perspektiven, mit denen er seine Motive in Szene setzt, ganz bewusst gewählt sind (zudem erwähnt er, dass er auch das Sounddesign ganz bewusst gestaltet hat). Das ist natürlich bei anderen Dokumentationen auch der Fall, aber hier spielt sich die Inszenierungsweise eben sehr in den Vordergrund. Das ist an sich nichts Negatives und ich habe den Film auch sehr genossen. Allzu viel über den Kongo habe ich hier aber nicht erfahren.

Das Golddorf

Copright: DOK.fest München / Das Golddorf

Auch Regisseurin Carolin Genreith reißt in „Das Golddorf“ ein interessantes, ja brisantes Thema zumindest an: Asylbewerber in Deutschland. Der Ansatz, den sie gewählt hat ist eigentlich äußerst geschickt. Sie schildert den Alltag einiger Asylbewerber, die in einem Gasthaus im idyllischen Bergen im Chiemgau untergebracht sind und versucht, vor allem das Aufeinandertreffen von Einwohnern und Einwanderern in den Blick zu nehmen. Das gelingt auch immer wieder recht gut und ist dann am ergiebigsten und interessantesten, wenn die traditionsbewussten bayerischen Bürger aus der Perspektive der Neuankömmlinge gezeigt werden, die noch nicht einmal die deutsche Sprache beherrschen. Dann gelingt es Genreith, ihren und den Blick der Zuschauer so weit zu „ver-andern“, dass einem heimische Bräuche und Selbstverständlichkeiten mit einem Mal eben nicht mehr selbstverständlich erscheinen, sondern hinterfragt werden. Das geschieht wie gesagt meistens durch die Beobachtungen der aus Afghanistan, dem Senegal oder aus anderen fernen Ländern eingewanderten Asylanten. Ein paar Mal hakt Genreith jedoch auch selbst nach, beispielsweise als sie eine junge Frau filmt, die sich auf ein Treffen des örtlichen Trachtenvereins vorbereitet. Die Frau erklärt, sie müsse sich die Haare in einer ganz bestimmten Weise flechten und nach oben stecken, eben weil dies die anderen Frauen auch alle täten und alle Frauen im Trachtenverein die gleiche Frisur haben müssten. Genreith stellt ihr mehrmals die Frage, was geschehen würde, wenn eine Frau mit einer anderen Frisur zum Treffen auftaucht und bekommt schließlich zur Antwort: Das würde sich wohl keine trauen. Ich persönlich hätte an dieser Stelle noch weiter gefragt und wissen wollen, was denn in der Vorstellung der jungen Frau in einem solchen Fall wohl schlimmes passieren würde. Vielleicht hätte ich sogar versucht, sie zu überreden, mit einer „falschen“ Frisur zum Trachtenverein zu gehen und das filmen zu dürfen. Aber auch die Aussage der jungen Frau allein finde ich schon hoch interessant. Schade nur, dass Genreith nicht auch an anderen Stellen im Film so nachgehakt hat.

Anders als es die Thematik viellelicht vermuten lässt, ist „Das Golddorf“ ein erstaunlich konfliktarmer Film. Natürlich haben die Asylbewerber alle ihre Schwierigkeiten – von Heimweh über Sorgen um die in Lebensgefahr zurück gelassene Familie bis hin zu bürokratischen Schwierigkeiten. Aber wäre dieser Film ein Spielfilm, würde man ihm wohl einen zu flachen dramaturgischen Bogen und einen Mangel an Konflikten vorwerfen. Denn von Auseinandersetzungen zwischen den Dorfbewohnern und den Asylbewerbern oder gar von rassistisch motivierten Angriffen fehlt hier jede Spur. Wenn es keine gab, so ist das um so besser und es ist ja auch schön zu erfahren, dass ein solches Zusammenleben nicht immer vor allem von Konflikten geprägt sein muss. Vielleicht haben ja gerade die Dreharbeiten Genreiths dazu beigetragen, solche Konflikte abzubauen, weil sich die gefilmten und interviewten Einwohner so noch mehr mit ihren Gedanken und Gefühlen über die Neuankömmlinge auseinander setzen mussten. Wie auch immer, es ist schön, in den Begegnungen zwischen den Kulturen so viel Positives gezeigt zu bekommen. Dass dieses Zusammenleben dauerhaft so friedlich und fast problemlos abläuft wie hier dargestellt, glaube ich aber leider nicht.

Das dunkle Gen

Copyright: DOK.fest München / Das dunkle Gen

Auch „Das dunkle Gen“ behandelt ein aktuelles und wichtiges Thema: Depression. Wie auch bei „Ce qu’il reste de la folie“ und „Nicht alles schlucken“ handelt es sich hierbei um einen der Filme, die psychische Krankheiten, deren Konsequenzen und den Umgang mit ihnen zum Inhalt haben. Die Filmemacher Miriam Jakobs und Gerhard Schick begleiten in „Das dunkle Gen“ den selbst an Depression erkrankten Protagonsten Frank S. bei seinen Versuchen, den möglicherweise genetischen Ursachen der Depression auf den Grund zu gehen. Nun habe ich mir von dem Film keine endgültige Antwort auf die Frage erwartet, ob es denn ein „dunkles Gen“ gebe, wo genau im menschlichen Erbgut also die Anlagen zur Depression liegen. Ich war dann aber doch überrascht davon, wie sehr der Film zwischen verschiedenen (nicht immer interessanten) Gedanken hin und her schlingert. Frank S., der selbst Arzt ist und dessen Interessen vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich liegen, unterhält sich im Lauf des Films mit einer Molekulargenetikerin, einem Bildhauer, einer Komponistin und mehreren weiteren Wissenschaftlern. Der Zusammenhang wird hier nicht immer ganz klar und liegt wohl einzig in den Interessen des Protagonisten begründet. Und so ist „Das dunkle Gen“ auch kein Film, der Antworten liefert, sondern eher einer, der einen an Depression erkrankten Menschen auf seiner Reise der Genesung begleitet. Dabei ist manches interessant, manches weniger und mit Depression hat der Film mit zunehmendem Verlauf immer weniger zu tun. Dies spiegelt vielleicht die zunehmende Genesung von Frank S. wieder, macht den Film allerdings auch für den am Thema Depression interessierten Zuschauer zunehmend unbefriedigend. Auffallend ist, dass die beiden großen deutschen Festivalbeiträge zur Thematik – „Das dunkle Gen“ und „Nicht alles schlucken“ – die Psychotherapie weitgehend ausblenden und sich auf andere Aspekte im Zusammenhang mit psychischen Krankheiten konzentrieren. („Das dunkle Gen“ startet am 11.06. regulär in den deutschen Kinos und auch „Nicht alles schlucken“ wird im Rahmen einer großen Kinotour noch in weiteren Kinos in ganz Deutschland zu sehen sein.)

DOK.fest München – Filme aus China

Das DOK.fest in München läuft noch bis zum Sonntag und ich werde zumindest heute und morgen noch ein paar Filme sehen. Auch in den letzten Tagen war ich fast jeden Tag auf dem Festival und habe zufälligerweise – ohne einen bewussten Schwerpunkt zu setzen – drei Filme aus der Reihe „DOK.guest“, die dieses Jahr dem Gastland China gewidmet ist, gesehen.

Little People Big Dreams

Copyright: DOK.fest München / Little People Big Dreams

Der erste davon war „Little People Big Dreams“. Darin geht es um einen Vergnügungsparkt namens „Dwarves Empire“, in dem kleinwüchsige Menschen wie in einem Zoo von Touristen bestaunt werden können. In China gebe es in etwa so viele körperlich behinderte Menschen, wie die Bundesrepublik Deutschland Einwohner hat, erklärt vor Filmbeginn eine Mitarbeiterin des DOK.fest. Einige von ihnen haben im Dwarves Empire Arbeit und leben unter ihresgleichen. Tagsüber liefern sie den Parkbesuchern eine lustige Show ab, Märchenkostüme und einstudierte Choreographien inklusive. Sie werden begafft, fotografiert und bekommen Fragen gestellt, die einem bei anderen Menschen gar nicht einfallen würden. Der Park bietet ihnen ein Zuhause und ein geregeltes Einkommen. Doch das ist natürlich nur die eine Seite. Die andere ist, dass hier Menschen zu Attraktionen eines Vergnügunsparks degradiert werden.

„Little People Big Dreams“ ist ein hoch interessanter Film, dem es gelingt, einen differenzierten Blick auf ein befremdlich erscheinendes Phänomen zu werfen. Der Film begleitet mehrere der kleinwüchsigen Angestellten des Parks über einen längeren Zeitraum, ohne dabei jedoch eine Wertung abzugegeben. Dabei zeigt sich, dass das „Dwarves Empire“ für seine Mitarbeiter Fluch oder Segen – oder auch beides zugleich – sein kann. Einige von ihnen fühlen sich darin zumindest eine Zeit lang durchaus wohl, weil sie unter ihresgleichen sind und sich wenigstens in ihrer Freizeit keine Sorgen über Ausgrenzung und Diskriminierung machen zu müssen. Doch das tägliche zur Schau stellen ihres Andersseins wird für einige zur seelischen Belastung und sie versuchen, aus dem Gewerbe auszusteigen – nicht immer mit Erfolg. Der Film zeichnet von ihnen allen ein Bild als Menschen mit gewöhnlichen menschlichen Sorgen und Sehnsüchten. Er reduziert sie nicht allein auf ihre Kleinwüchsigkeit, wodurch hier differenzierte Portraits der einzelnen Personen und damit ein interessanter Einblick in ein zugleich abstoßendes wie faszinierendes Phänomen entstehen. (Übrigens gab es bis in die 1970er Jahre auch in Deutschland eine „Liliputaner-Stadt“, in der kleinwüchsige Menschen bestaunt werden konnten. Im Süddeutsche Zeitung Magazin ist darüber 2013 ein interessanter Artikel erschienen.)

The Last Moose in Aoluguya

Copyright: DOK.fest München / The Last Moose in Aoluguya

Um eine weitere chinesische Randgruppe geht es in „The Last Moose in Aoluguya“. Die Minderheit der Rentier-Ewenken lebt im Nordosten Chinas. Eigentlich handelt es sich um einen Nomadenstamm, der jedoch von der Regierung in feste Camps umgesiedelt wurde. Damit jedoch hat man ihnen einen Großteil ihrer kulturellen Identität genommen: Die Jagd und die Rentierzucht. So jedenfalls steht es in der Inhaltsbeschreibung des Films auf der DOK.fest-Website. Der Film von Gu Tao gibt seinen Zuschauern leider kaum Informationen über diese Ausgangssituation. Man versteht durchaus schnell, dass hier etwas nicht stimmt. Der im Film portraitierte Weijia ist die meiste Zeit über betrunken und erst als seine Mutter ihm per Internetanzeige eine Freundin verschafft, beginnt er aus dem Kreislauf aus Trinken und Nichtstun auszubrechen. Ich hätte von dem Film allerdings mehr gehabt, wenn er nicht nur aus unkommentierten Aufnahmen bestanden hätte. Ein paar einleitende Worte oder ein erklärendes Voice Over hier und da hätten dem Zuschauer die nötigen Informationen liefern können, um das Gesehene einzuordnen. Der bei der Vorführung anwesenede Kameramann erledigte das für die anwesenden Zuschauer, doch der Film selbst bleibt ein wenig bruchstückhaft, wenn man mit der Materie nicht vertraut ist (und wer ist das schon?).

„The Last Moose in Aoluguya“ ist der dritte Teil einer Trilogie, für die der Regisseur über acht Jahre lang bei den Ewenki gelebt und gefilmt hat. Ohne Zweifel handelt es sich bei dem Film um eine herausragende Leistung, man muss allerdings einiges an Geduld und Konzentration aufbringen, um hier bei der Sache zu bleiben. Hoch interessant fand ich übrigens die Anmerkungen der Produzentin im an die Vorführung anschließenden Publikumsgespräch. Darin erläuterte sie, dass der Film auf einem Festival in China hätte gezeigt werden sollen, die Vorführung aber kurzfristig verboten wurde, weil die im Film an der Regierung geübte Kritik wohl nicht erwünscht war. Daraufhin strich man die Vorführungszeiten des Films im Programmheft des Festivals einfach durch. Die Festivalbesucher wurden auf diese Weise trotz des Verbots auf den Film aufmerksam gemacht. Für alle Interessierten wurden „private Vorstellungen“ organisiert, d.h. Vorführungen vor weniger als 50 Zuschauern, die nicht offiziell angemeldet werden müssen. Auf diese Weise konnte der Film also doch gezeigt und das Verbot umgangen werden.

The Iron Ministry

Copyright: DOK.fest München / The Iron Ministry

Bei „The Iron Ministry“, den ich gestern gesehen habe, handelt es sich zweifellos um einen der Höhepunkte des diesjährigen DOK.fest. Der Film von John Paul Sniadecki zeigt eine Zugfahrt durch China. Genau genommen wurde hier von 2011 bis 2013 in verschiedenen Zügen gefilmt, doch das spielt keine große Rolle. Die Kamera fängt den ganzen Film über des Geschehen im Inneren eines Zuges ein. Das bedeutet: Viele Menschen auf vergleichsweise engem Raum, die sich für mehrere Stunden nicht aus dem Weg gehen können. Den ganzen Film über hört man im Hintergrund das Rattern des Zuges, viel interessanter sind aber natürlich die Interaktionen zwischen den Fahrgästen, die man hier belauschen kann. Sie vertreiben sich die Zeit mit Essen, Schlafen und Unterhaltungen. Das klingt banal, ist aber hoch interessant (zumindest für mich als studierten Soziologen). Denn wie nebenbei erfährt man aus den Gesprächen so einiges über das moderne China. Ein junger Mann sagt, im Mittleren Osten könne es drunter und drüber gehen, China bleibe aber doch immer stabil. Ein anderer dagegen überlegt sich, aus China auszuwandern, wenn sich im Land nichts ändert.

In diesem Fall fand ich es überhaupt nicht störend, dass die Aufnahmen vollkommen unkommentiert gezeigt wurden. Im Gegenteil, das machte das Erlebnis nur noch unmittelbarer. Man fühlt sich tatsächlich mittendrin, als ein weiterer Fahrgast auf der Reise durch China. Einmal versucht der Kameramann, in ein anderes Abteil des Zuges vorzudringen, woran er jedoch gehindert wird. „Hier dürfen Sie nicht filmen. Machen Sie die Kamea aus.“, heißt es (und da musste ich an „Snowpiercer“ denken, jenen anderen Film, in dem anhand des Mikrokosmos Eisenbahn eine ganze Gesellschaft nachgezeichnet wird). „The Iron Ministry“ erzählt allein durch die aufgenommenen Gespräche und Situationen eine ganze Menge über das heutige China und ist hoch spannendes Kino.

Alle drei Filme werden jeweils noch einmal auf dem DOK.fest gezeigt:
„Little People Big Dreams“ am Freitag, 15.05. um 20:00 Uhr im Rio 1, „The Last Moose in Aoluguya“ am Samstag, 16.05. um 20:00 Uhr im Museum Fünf Kontinente und „The Iron Ministry“ am Samstag, 16.05. um 20:00 Uhr im Filmmuseum. Weitere Informationen gibt es auf der Website des DOK.fest.

Mehr vom DOK.fest München

Seit meinem letzten Blogpost zum DOK.fest sind schon wieder ein paar Tage vergangen und ich habe inzwischen einige weitere Filme gesehen. Ich fange gleich mal mit dem Film an, der mich bislang am meisten beeindruckt hat: „Dreamcatcher“ war der erste Film, für den ich sofort beim Verlassen des Kinos meine Eintrittskarte in die bereit gestellte Plexiglasbox geworfen habe, um dem Film meine Stimme für den Publikumspreis zu geben. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich den Film als Film so beeindruckend fand oder eben nur das, was er zum Inhalt hat. Doch selbst wenn „nur“ letzteres der Fall sein sollte – eine großartige Leistung stellt der Film trotzdem dar. Schließlich muss erst einmal jemand das Thema entdecken, Recherchen betreiben und mit der Kamera dran bleiben. Und das hat sich in diesem Fall definitiv gelohnt.

Brenda Myers-Powell

Copyright: DOK.fest München / Dreamcatcher

Aber worum geht es überhaupt in „Dreamcatcher“? Der Film begleitet die Chigagoer Sozialarbeiterin Brenda Myers-Powell bei der Arbeit. Sie arbeitet – teilweise ehrenamtlich – in Schulen, Gefängnissen und auf der Straße, wo sie Mädchen und junge Frauen berät und ihnen dabei hilft, den Kreislauf aus Prostitution und Drogensucht zu durchbrechen bzw. gar nicht erst in ihn hinein zu geraten. Brenda ist mit Leidenschaft, Energie und Glaubwürdigkeit bei der Sache. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie war selbst 25 Jahre in diesem Kreislauf gefangen, bevor ihr der Ausstieg gelang.

„Dreamcatcher“ – der Name kommt von der „Dreamcatcher Foundation“, für die Brenda arbeitet – lebt als Film voll und ganz von der beeindruckenden Persönlichkeit seiner Hauptfigur. Brenda ist in fast jeder Szene zu sehen und es hat den Anschein, als arbeite sie rund um die Uhr, um anderen Mädchen das zu ersparen, was sie 25 Jahre lang durch machen musste. Gerade aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit ist sie in ihrer Arbeit so glaubwürdig. Brendas Persönlichkeit und damit auch der ganze Film verbreiten einen Optimismus, wie man es bei den teils schrecklichen Schicksalen, um die es hier geht, gar nicht erwarten würde. Doch Brenda gibt niemals auf, nimmt sich für jede einzelne Frau Zeit und bleibt hartnäckig bei der Sache, ganz egal wie aussichtslos die Lage auch hin und wieder zu sein scheint. Ihr Optimismus ist ansteckend und nach dem Film verlässt man das Kino mit dem Gefühl, dass alles möglich ist. Genau deshalb ist „Dreamcatcher“ ein so hervorragender Film: weil hier einerseits anhand von mehreren Einzelschicksalen ein Einblick in das harte Leben gegeben wird, dass die in Prostitution, Drogensucht und Kriminalität abgerutschen Frauen haben, der Film aber andererseits darüber hinaus geht und zeigt, was man zur Verbesserung der Lage tun kann. Jeder einzelne Mensch kann einen Unterschied machen. Der Film gibt Hoffnung – und das ist eine der wichtigsten Aufgaben von Filmen überhaupt. Zu zeigen, wie schlecht die Welt ist, ist gar nicht so schwer. Aber etwas dagegen zu tun, wie Brenda, und diese Botschaft zu verbreiten, wie dieser Film, das ist eine viel sinnvollere, noblere Aufgabe. Und genau weil „Dreamcatcher“ darin erfolgreich ist, handelt es sich hier um einen so großartigen Film. (Und genau darin unterscheidet er sich z.B. auch von „Nicht alles schlucken“, wo lediglich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass etwas im Argen ist, der aber kein Stück Hoffnung verbreitet.)

Das DOK.fest hat mir wieder einmal bewusst gemacht, wie erfüllend es sein kann, sich ganz auf einen Film einzulassen und für 90 Minuten nichts anderes zu tun, als auf eine beleuchtete Leinwand zu starren. Das mag banal klingen, aber gerade heutzutage ist es ja keineswegs selbstverständlich, sich nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren und das auch noch für 90 Minuten. Um so wichtiger ist das Kino: Denn hier gibt es keine Ablenkung, hier darf und muss man sich ganz auf das Geschehen auf der Leinwand konzentrieren. Das erfordert manchmal ein wenig Konzentration und Arbeit; nicht alle Filme, die ich bisher auf dem DOK.fest gesehen habe, hätte ich genauso konzentriert auch zu Hause angeschaut, wo ständig Ablenkungsmöglichkeiten lauern. Das musste ich wieder einmal feststellen, als ich versucht habe, mir einen Film aus dem Programm des DOK.fest zuhause per Presse-Stream anzuschauen.

For The Lost

Copyright: DOK.fest München / For The Lost

Bei „For The Lost“ handelt es sich den Informationen auf der Website zufolge um eine „bildgewaltige Meditation zu Vergessen und Gedächtnis“. Mich hat der Film allerdings eher ratlos zurück gelassen und besonders bildgewaltig fand ich ihn auch nicht. Man sieht Schafe, immer wieder Schafe. Karge Landschaften. Viele Aufnahmen in schwarz-weiß. Keinerlei Erläuterungen dazu, was man hier genau sieht, wo sich das ganze befindet oder um wen es geht. Statt dessen: vorgelesene Schicksale von Insassen einer Irrenanstalt aus dem 19. Jahrhundert. Aber wie hängt das alles zusammen? Warum wird hier nichts erklärt? Der Erkenntnisgewinn, den mir dieser Film bot, war fast nicht vorhanden. Und wenn mir vorher jemand gesagt hätte, es handele sich dabei um einen experimentellen Spielfilm, dann hätte ich das auch geglaubt. Ich muss zugeben, dass ich den Film nicht bis zum Ende angeschaut habe. Hätte ich ihn nicht zuhause, sondern im Kino gesehen, wäre ich wohl sehr, sehr müde geworden. Mich ganz auf den Film ein zu lassen, wäre mir jedenfalls auch dann sehr schwer gefallen, weil der Film es einem eben wirklich schwer macht. Aber auch das gehört zu den Erfahrungen, die man auf Filmfestivals macht: Es gibt immer wieder mal Filme, mit denen man überhaupt nichts anfangen kann. „For The Lost“ war in dieser Hinsicht auf dem DOK.fest für mich zum Glück eine Ausnahme.

„Dreamcatcher“ wird noch einmal am 14.05. um 20 Uhr im Filmmuseum gezeigt.
„For The Lost“ läuft noch zweimal: am 13.05. um 21:30 Uhr im Filmmuseum und am 14.05. um 16:00 Uhr im Gasteig (Vortragssaal der Bibliothek).
Weitere Infos gibt es auf der DOK.fest-Website.

DOK.fest 2015: Tag 2 & 3

Inzwischen hat sich bei mir richtiges Festivalfeeling eingestellt. Eigentlich wollte ich nämlich schon gestern einen neuen Blogpost verfassen, habe dann aber zu lang geschlafen, weil ich am Freitag zu spät ins Bett gekommen bin. So ist das halt auf Filmfestivals – es ist zu wenig Zeit, um wirklich alle tollen Filme zusehen und erst recht, um auch noch andere Dinge zu tun (zum Beipspiel komme ich auch kaum dazu, die Bücher und Zeitungen zu lesen, die ich mit mir von Kino zu Kino  schleppe). Hier ist nun also mein Bericht über die Filme, die ich gestern und vorgestern gesehen habe.

„El Hogar Al Revés“ erzählt von einer Clique Jugedlicher im mexikanischen Tijuana. Wobei der Film genau genommen gar nicht wirklich „erzählt“; was mir nämlich an „Man On Wire“ noch sehr stark aufgefallen ist – dass dort eine in ihrem dramaturgischen Aufbau fast schon fiktional wirkende Geschichte erzählt wird (was sich in diesem Fall auch anbietet) – das ist hier überhaupt nicht der Fall. Itzel Martínez del Cañizo begleitete die Jugendlichen für ihren Film über ein Jahr mit der Kamera und lässt den Zuschauer an deren Alltag teilhaben. Dabei vermittelt sie aber gerade, dass es hier nichts Außergewöhnliches zu erzählen gibt. Die Teenager tanzen auf der Straße, unterhalten sich über Videospiele und Popkultur, sprühen Graffiti auf eine Mauer und haben Sorgen in Liebesdingen. Ganz normale Jugendliche eben.

El Hogar Al Revés

Copyright: DOK.fest München / El Hogar Al Revés

Es fällt allerdings auf, dass den ganzen Film über kaum Erwachsene zu sehen sind. Bei der Siedlung, in der die Teenager leben, handelt es sich um eine am Reißbrett geplante Reihenhaussiedlung, die mich an die Vorstadthäuser aus Tim Burton-Filmen wie „Edward Scissorhands“ erinnert hat. Dutzende gleich aussehender Häuser reihen sich hier aneinander, und die Abwesenheit der Erwachsenen hat den einfachen Grund, dass diese die meiste Zeit über arbeiten, um die Kredite für die teuren Häuser abzubezahlen. So wachsen die Kinder fast nur unter sich auf und im Film wird dabei nicht der Eindruck erweckt, es ginge ihnen deswegen in irgendeiner Weise schlecht. Natürlich haben sie Sorgen und Probleme. Einer von ihnen, der in den USA geboren wurde, möchte dorthin zurück kehren. Ein anderer hat seine Freundin geschwängert. Weil die Eltern nie da sind, müssen die Teenager für einander da sein, um über all diese Dinge zu sprechen. Die Clique wird zur Ersatzfamilie. Einer der Jungen bringt es auf den Punkt als er sagt, seinen Freunden könne er alles erzählen, aber wenn er seiner Mutter berichte, was er den Tag über gemacht habe, dann höre die gar nicht richtig zu.

Ce Qu'il Reste De La Folie

Copyright: DOK.fest München / Ce Qu’il Reste De La Folie

Ähnlich beobachtend und ohne eine Wertung abzugeben ging es bei „Ce Qu’il Reste De La Folie“ weiter. Der Film von Joris Lachaise bringt dem Zuschauer den Alltag einer psychiatrischen Klinik im Senegal näher. Die Kamera blickt auf das Geschehen – Patienten, die die Pfleger anflehen, weil sie nicht in eine Einzelzelle gesperrt werden wollen oder auch solche, die die Welt um sich herum gar nicht richtig wahr zu nehmen scheinen. Dazwischen immer wieder die Schriftstellerin Khady Sylla, die selbst eine lange Geschichte psychischer Leiden hinter sich hat und nun von den Ärzten Antworten verlangt. Der Film zeigt aber nicht nur die westlich-moderne Herangehensweise an psyichische Krankheiten, wie sie in der Klinik praktiziert wird, sondern auch traditionelle und religiöse Heilungsmethoden. So wird man Zeuge von Ritualen, in die lebende Tiere eingebunden sind (hier habe ich mich an ähnliche Schilderungen aus Andrew Solomons großartiger Depressions-Studie „The Noonday Demon“ erinnert gefühlt, die auf deutsch als „Saturns Schatten“ erschienen ist). All das wird aber nicht kommentiert. „Ce Qu’il Reste De La Folie“ ist kein Film, der Antworten liefern will, sondern einer, der den Zuschauer zum Nachdenken anregt. Und das ist beim Thema „psychische Krankheiten“, über das noch immer viel zu viel geschwiegen wird, auf jeden Fall gut.

Gestern Nachmittag ließ ich mich in meinem ersten Film des Tages in die weiten Wüsten der USA entführen. Für jemanden wie mich, der von den Vereinigten Staaten bislang relativ wenig gesehen hat, sind die Größe und Vielfalt dieses Landes immer wieder faszinierend. Bei den USA denke ich als erstes an New York, Kalifornien und große Metropolen. Doch mitten in diesem Land gibt es weite Landstriche, in denen kaum ein Mensch lebt. „Desert Haze“ bringt dem Zuschauer einige davon nahe. Der Regisseurin Sofie Benoot gelingen dabei wunderschöne, fast schon meditative Bilder. In langen Einstellungen nimmt sie die wunderbaren, teils bizarren Landschaften in den Blick.

Desert Haze

Copyright: DOK.fest München / Desert Haze

Mit Leben gefüllt wird der Film durch die Menschen, die Benoot zusätzlich zu den Landschaften portraitiert. Da ist zum Beispiel der japanische Countrymusik-Liebhaber, der seit Jahrzehnten dort wohnt und vor der Kamera ein Ständchen gibt. Oder die Wissenschaftlerin, die in der Wüste den Aufenthalt auf dem Mars zu simulieren versucht. (Nur ganz nebenbei: Sie erzählt dabei unter anderem von den Vorteilen japanischer Steingärten, die sich schließlich auch dort anlegen lassen, wo die unwirtlichen Bedingungen kaum Vegetation zulassen. Solche Gärten könnten ihrer Meinung nach den ersten Menschen auf dem Mars als Orte der Entspannung und Beruhigung dienen. Dies zeigt mir einmal mehr, wie sehr die Zukunftsvision, die J. Michael Straczynski für „Babylon 5“ entworfen hat, in sich schlüssig und gut durchdacht ist – dort gibt es nämlich aus demselben Grund ebenfalls einen japanischen Steingarten auf der Raumstation.)

Mit seinen imposanten Bildern, den teils skurrilen Gestalten und den Geschichten, die sie zu erzählen haben, ist „Desert Haze“ ein zwar äußerst ruhiger und langsamer Film, der mich zumindest aber nie gelangweilt, sondern beruhigend auf mich gewirkt und Ehrfurcht vor der Natur in mir geweckt hat (auffallend viele andere Zuschauer haben allerdings während der Vorführung das Kino verlassen). Zusätzlich habe ich noch den einen oder anderen interessanten Fakt gelernt, zum Beispiel über die Atomwaffentests in der Wüste von Nevada (über die ich bislang nur aus „Indiana Jones“ bescheid wusste).

Drone

Copyright: DOK.fest München / Drone

Ganz und gar nicht ruhig und meditativ ging es anschließend mit „Drone“ weiter. Der Film nimmt die Praxis der USA unter die Lupe, mit Hilfe von unbemannten Drohnen vermeintliche Terroristen auszuschalten. Es kommen unter anderem ehemalige Drohnenpiloten zu Wort, die die Fluggeräte sicher vom Boden aus gesteuert und dabei zahlreiche Menschenleben ausgelöscht haben. Der Film klagt an, wirft Fragen auf und weist auf diejenigen Menschen hin, die unschuldig unter den Drohnenangriffen zu leiden haben: die überlebenden Angehörigen der Opfer, aber auch diejenigen, die den Angriffen als Unschuldige zum Opfer fallen. Wie kann so etwas überhaupt passieren? Und sind nicht alle Opfer der Drohnenangriffe zivile Opfer, da die USA ja niemals Beweise für deren terroristische Aktivitäten vorgelegt haben? Ganz besonders verstörend ist die am Schluss des Films aufgeworfene Frage, was eigentlich geschehen würde, wenn viel mehr Länder so verfahren würden wie die USA. Und kurios, aber nicht überraschend ist der Fakt, dass die Drohnentechnologie ursprünglich zur Beobachtung von Tunfischschwärmen entwickelt worden war. Kein einziges Exemplar sei an Fischer verkauft worden, erklärt einer der Entwickler im Film. Aber mit dem Krieg lässt sich ein Milliardengeschäft machen.

Nicht weniger verstörend, aber mit einem ganz anderen Thema beschäftigte sich mein letzter Film des Tages. „Nicht alles schlucken“ ist eine weitere Dokumentation, die sich mit einem der Schwerpunktthemen des diesjährigen DOK.fest beschäftig: Psyche und psychische Krankheiten. Wie der Titel schon andeutet, geht es hier vor allem um Psychopharmaka. Die Regisseure Jana Kalms, Piet Stolz und Sebastian Winkels haben dabei eine ebenso simple wie effektive Herangehensweise gewählt: Eine Reihe von Menschen, die zu dem Thema etwas zu sagen haben, sitzen im Stuhlkreis und berichten von ihren Erfahrungen. Unter ihnen sind Betroffene, Angehörige und einige Pfleger und Ärzte. Der Film vermittelt dem Zuschauer erfolgreich das Gefühl, mittendrin zu sein. Von der Mitte des Kreises aus gefilmt, fängt er die Sprechenden stets auf Augenhöhe ein, sodass man nie das Gefühl hat, zu ihnen herauf oder hinab schauen zu müssen. Kein Voice Over, keine Einblendungen und keine Musik lenken vom Geschehen ab. So konfrontiert der Film einen direkt mit den teils sehr harten Schicksalen, die in den Erlebnisberichten zum Ausdruck kommen.

Nicht alles schlucken

Copyright: DOK.fest München / Nicht alles schlucken

Dabei konzentriert sich „Nicht alles schlucken“ von Anfang an ganz auf die Praxis, psychisch kranke Patienten in Kliniken mit Medikamenten ruhig zu stellen und sie damit zwar vielleicht von ihren Symptomen zu befreien, ihnen aber auch einen Großteil ihrer Lebensqualität zu nehmen. Abhängigkeit und Nebenwirkungen bestimmen fortan das Leben vieler Betroffener, doch das Absetzen der Medikamente stellt häufig die schlimmere Alternative dar. Der Film ist wie gesagt in seiner Machart äußerst effektiv, inhaltlich war er mir allerdings viel zu einseitig. Dass Psychopharmaka durchaus vielen Menschen helfen, ohne ihr Leben zur Hölle zu machen, kommt hier nicht zur Sprache; ebenso fehlen Ausblicke auf mögliche Lösungsmöglichkeiten für das geschilderte Problem, was ich besonders schade finde. Gerade ein Film über dieses ernste, so viele Menschen betreffende Thema sollte meiner Meinung nach auch ein wenig Mut machen und Hoffnung verbreiten. Statt dessen könnte „Nicht alles schlucken“ im schlimmsten Fall sogar Zuschauer davon überzeugen, sich nie in eine psychiatrische Klinik zu begeben oder auf keinen Fall zu Psychopharmaka zu greifen, obwohl beides durchaus sinnvoll sein kann und längst nicht immer solch schwerwiegende Konsequenzen haben muss, wie sie hier geschildert werden.

Alle Filme werden im Lauf der nächsten Tage noch mehrmals auf dem DOK.fest München gezeigt. Weitere Infos und Trailer gibt es auf der Website des DOK.fest.

DOK.fest 2015: The Circus Dynasty

Gestern Abend wurde das 30. DOK.fest in München offiziell eröffnet. Die Eröffnung fand zum Jubuliäum erstmals im Deutschen Theater statt, wo sich die Anhänger des Dokumentarfilms in Scharen einfanden. Im Laufe der Eröffnungszeremonie war mal von 1.400, dann 1.800 und später 1.500 Gästen im fast ganz gefüllten Saal die Rede, der Regisseur des Eröffnungsfilms „The Circus Dynasty“, Anders Riis-Hansen, schaffte schließlich mit der Angabe „fast 2000 Gäste“ Klarheit.

Dass das Festival mit einem Besucherandrang dieser Größenordnung noch seine Probleme hatte, konnte jeder Gast beim Einlass erleben. Der Beginn der Veranstaltung war mit 20:00 Uhr angegeben, aber als ich um 19:45 Uhr eintraf, verstopfte eine große Menschentraube den Durchgang zum Innenhof des Theaters. Um Zugang zu erhalten, musste sich jeder Gast bei den DOK.fest-Mitarbeitern ein Armband abholen, doch die (kaum als solche erkennbaren) Warteschlangen vor den Schaltern wurden lange Zeit kaum kürzer. Als sich die Reihen endlich lichteten und ich fast am Schalter angelangt war, wurden aufgrund der inzwischen großen Verspätung alle noch wartenden Gäste einfach ohne Armband ins Theater durch gewunken. Das Ganze war definitiv sehr schlecht organisiert, aber Maya Reichert, die Moderatorin des Abends entschuldigte sich mehrfach und gelobte Besserung fürs nächste Jahr.

Nachdem alle Reden geschwungen waren, wurde das Theater für 90 Minuten zum Kino. Festivalleiter Daniel Sponsel hatte zuvor noch darüber sinniert, was man in einem Film über Liebe denn eigentlich genau zeigen und wie man das Thema dem Publikum vermitteln kann. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass es in „The Circus Dynasty“ gar nicht so sehr oder jedenfalls nicht hauptsächlich um Liebe geht. Die dänische Dokumentation erzählt aus dem Alltag zweier europäischer Zirkusfamilien – den Cassellys und den Berdinos – und versucht dabei, die jungen verliebten Artisten Merrylu Casselly und Patrick Berdino als Zirkus-Traumpaar ins Zentrum zu rücken. Die Verbindung der beiden stellt für deren Familien natürlich einen Glücksfall dar, lässt sich das hoch talentierte Paar doch hervorragend vermarkten und wird womöglich eines Tages für ebenso talentierten Nachwuchs sorgen.

Merrylu Casselly und Patrick Berdino

Foto Credit: DOK.fest München / The Circus Dynasty

Der Film stellt zwar zu Beginn die beiden Familien kurz jeweils in einem Standfoto vor. Darüber hinaus werden aber keine Erläuterungen zur Herkunft der Familien geliefert. Genauso wenig erfährt man, wo die Zirkusse ihre Zelte aufgeschlagen haben und die einzelnen Szenen gefilmt wurden. Zusätzlich verwirrt hat mich die Tatsache, dass Patrick Berdino anscheinend zu Beginn des Films bereits bei den Cassellys lebt. Wann genau es dazu kam (und ob seine Familie ihn widerspruchslos hat fort gehen lassen), erfährt man nicht. Für einige Zeit ist deshalb manchmal unklar, bei welcher Familie man sich gerade befindet. Es dauert eine Weile, bis man alle Personen und deren Beziehungen zueinander kennen gelernt hat. Da hätte Regisseur Riis-Hansen dem Zuschauer durch eine klarere und ausführlichere Einführung der Familienmitglieder zu Beginn des Films etwas Verwirrung ersparen können.

Wie erwähnt geht es zwar immer wieder um die Höhen und Tiefen der Beziehung zwischen Merrylu und Patrick, doch es sind eigentlich die anderen Aspekte des Films, die die viel interessanteren sind. Weil Riis-Hansen versucht, die Liebesgeschichte ins Zentrum zu rücken, werden viele davon leider nur angerissen. Da ist zum Beispiel der schwerreiche amerikanische Entertainment-Konzern, der extra einen Vertreter zu den Cassellys schickt, um sie zu einem mehrjährigen Engagement in den USA zu überreden. Oder das harte Zirkusleben im Allgemeinen: das jahrelange und tägliche Trainieren, die ständigen Ortswechsel usw. – zumindest mich hätte all das sehr interessiert, aber man erhält leider nur relativ kurze Einblicke in den harten Alltag eines Geschäfts, dessen Darbietungen in der Manege so leicht und mühelos wirken.

Der Film ist mir generell etwas zu oberflächlich geblieben. Riis-Hansen hat sich zwar entschieden, die Liebesgeschichte zum Zentrum seiner Geschichte zu machen, doch auch dabei hätte er ein wenig mehr nachbohren können. Er hätte zum Beispiel zumindest die Frage stellen sollen, ob die Beziehung zwischen Merrylu und Patrick nicht auch durch Druck ihrer Eltern zustande kam. Oder ob man als Zirkuskind jemals daran denkt, einen anderen Beruf zu ergreifen als die Eltern und ob nicht auch hier deren Erwartungen eine Rolle gespielt haben. Von Zweifeln und Konflikten ist im Film allerdings lange Zeit kaum etwas zu sehen. (Und es stellt keinen großen Spoiler dar, wenn ich verrate dass der einzige nennenswerte Konflikt die Liebesbeziehung betrifft. Schließlich braucht jede Liebesgeschichte einen dramaturgischen Spannungsbogen.)

„The Circus Dynasty“ ist also ein nur bedingt gelungener Film, der einem aber nicht das Gefühl vermittelt, umfassend über das Thema informiert zu werden. Riis-Hansens Versuch, eine Liebesgeschichte ins Zentrum zu stellen, macht den Film zwar recht kurzweilig und emotional, aber bei mir blieb vor allem der Eindruck zurück, dass hier weitaus interessantere Geschichten hätten erzählt werden können.

„The Circus Dynasty“ wird noch dreimal auf dem DOK.fest gezeigt. Infos über die genauen Zeiten und Spielorte sowie zu den Tickets gibt es hier.

DOK.fest 2015: Man On Wire

Heute Abend beginnt das DOK.fest (Dokumentarfilmfestival) in München. Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal akkreditiert und habe das Festival schon einen Tag früher begonnen, indem ich gestern zuhause „Man On Wire“ angeschaut habe. Die oscarprämierte Dokumentation über Philippe Petits Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers läuft dieses Jahr im Rahmen einer Sonderreihe auf dem DOK.fest.

Normalerweise schaue ich nicht besonders viele Dokumentationen an – von den Special Features auf diversen DVDs mal abgesehen. Ich freue mich aber auf eine gute Wocher voller Dokus aus den verschiedensten Ländern und Themengebiente und will gleich mal ein paar Worte über „Man On Wire“ verlieren.

An diesem Film ist mir von Anfang an aufgefallen, wie sehr auch eine Dokumentation eine Geschichte und einen Spannungsbogen entwickeln muss, wenn sie interessant sein und ihr Publikum unterhalten will. Durch die Musik, den Schnitt und die Vorwegnahme von Aussagen zu Ereignissen, die man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht einordnen kann, wird bereits in den ersten Minuten des Films eine Atmosphäre der Spannung erzeugt. Weiterhin fand ich es interessant, wie viel an dieser Dokumentation zumindest im strengen Sinn nicht „dokumentiert“ ist, sondern für die Kamera neu erzählt werden musste, meistens in einer Kombination aus lebhaften Erzählungen und nachgestellten Szenen.

Ich wusste zuvor nichts über Philippe Petit oder seinen Drahtseilakt zwischen den Türmen. Umso mehr hat mich die Geschichte und auch die Persönlichkeit Petits beeindruckt. Seinen leidenschaftlichen und bildreichen Schilderungen der Vorbereitungen merkt man deutlich an, dass seine Hochseilkunst für ihn wirklich eine Passion im wahrsten Sinne des Wortes ist: er kann einfach gar nicht anders, muss es einfach tun. Dementsprechend lässt er sich auch von nichts und niemandem aufhalten, am allerwenigsten von der Ansicht, dass sein Vorhaben unmöglich sei. „It’s impossible, that’s sure. So let’s start working“, ist alles was er dazu zu sagen hat.

„Man On Wire“ ist also ein sehr unterhaltsamer, dramaturgisch geschickt aufgebauter Film, der einem verdeutlicht, dass hinter jedem bahnbrechenden, verrückten Vorhaben vor allem eine ausführliche, teils jahrelange Vorbereitung steckt. Das gefährlichste an der ganzen Unternehmung, sagt Petit am Ende des Films, sei es gewesen, nach dem erfolgreichen Drahtseilakt von den Polizisten nach der Festnahme die Treppe hinunter gestoßen worden zu sein. Na dann…

Im Oktober kommt die Geschichte übrigens als Spielfilm in die Kinos. Joseph Gordon-Levitt spielt Philippe Petit, Regie führt Robert Zemeckis („Flight“, „Forrest Gump“). Hier sind die Trailer bzw. Teaser zu beiden Filmen:


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Update:
Auf Filmszene.de findet ihr nun meine Filmkritik zu „The Walk“ von Robert Zemeckis.

Star Wars: The Force Awakens – Der zweite Teaser

Was für ein Tag! Pünktlich um 19 Uhr habe ich mich heute vor den Fernseher gesetzt, um mir den Live-Stream von der Star Wars Celebration in Anaheim anzuschauen. Die Convention wurde dort vormittags mit einem Panel eröffnet, für das Regisseur/Co-Autor/Produzent J.J. Abrams und Produzentin Kathleen Kennedy als Gäste angekündigt waren. Hunderte Fans übernachteten extra vor der Halle, um auch ja eines der begehrten Armbänder zu erhalten, die einem Einlass gewährten. Zusätzlich wurde das Panel live in Kinos auf der ganzen Welt übertragen. In Deutschland war leider nur ein Kino in Berlin dabei, aber glücklicherweise wurde vor ein paar Tagen auch ein Internet-Live-Stream angekündigt. So konnte jeder das Panel live zuhause mit verfolgen. (Auch weiterhin überträgt der offizielle Star Wars-YouTube-Kanal live von der Celebration, darunter zum Beispiel am Freitagabend um 22:30 Uhr deutscher Zeit das Panel mit Carrie Fisher. Eine Übersicht der wichtigsten Panels findet sich z.B. hier; wenn ein Live-Stream angekündigt ist, ist das dort beim jeweiligen Panel vermerkt. Auch auf der offiziellen Star Wars-Seite sind die Termine aufgeführt.)

Der Moderator des Panels begrüßte zunächst Abrams und Kennedy zu einem Interview auf der Bühne. Die erste größere Neuigkeit, die dabei zutage trat: Bei dem im ersten Teaser zu Episode VII gesehenen Wüstenplaneten handelt es sich nicht um Tatooine, sondern um einen Planeten namens Jakku. Später gesellten sich zwei Mitglieder des R2-D2 Builders Club dazu, die Kathleen Kennedy auf der Celebration Europe vor zwei Jahren mit ihren selbst gebauten Droiden so sehr beeindruckt hatten, dass sie sie als „offzizielle Droidenbauer“ zum Film holte. Die beiden brachten den echten R2 aus dem Film mit – ein erster Gänsehautmoment, der aber sogleich getoppt wurde, als tatsächlich auch BB-8 auf die Bühne gerollt kam, der aus dem Teaser bekannte „Kugel-Droide“. Abrams hatte zuvor wieder einmal betont, wie wichtig es ihm gewesen sei, für den Film so viel wie möglich wirklich zu bauen, statt es nachträglich per Computer einzufügen. BB-8 auf der Bühne herum rollen zu sehen, war ein fast schon magischer Moment, schließlich hatte ich mich wie viele andere Fans gefragt, ob es überhaupt möglich sei, einen solchen Droiden zu bauen und ob er im Film nicht doch nur eine CGI-Figur sei. Aber nein, es gibt ihn wirklich! Und obwohl wir ihn noch kaum kennen, gehört er schon fest ins Star Wars-Universum.

Anschließend kamen die drei Hauptdarsteller des Films auf die Bühne: Daisy Ridley, John Boyega und Oscar Isaac. Alle drei waren bereits im ersten Teaser zu sehen und durften nun ein paar weitere Infos über ihre Figuren Rey, Finn bzw. Poe Dameron verraten. Auf diese Weise erfuhr man ein klein wenig über die Handlung des Films, aber nichts wirklich Handfestes. Unbeantwortet blieb auch die Frage, ob der von Boyega gespielte Sturmtruppler nun einer von den Guten oder von den Bösen ist.

Bereits zu Beginn des Panels hatte Kathleen Kennedy angekündigt, Harrison Ford würde nicht auf der Celebration zu Gast sein. Wirklich gerechnet hatte wohl auch niemand mit ihm, schließlich war er – im Gegensatz zu Mark Hamill und Carrie Fisher – nicht als Gast angekündigt, hat noch nie eine Star Wars-Convention besucht und wurde zudem vor wenigen Wochen bei einem Flugzeugabsturz verletzt. Anscheinend war aber tatsächlich geplant gewesen, ihn auf der Celebration auftreten zu lassen. Kennedy versprach jedenfalls, Ford werde bei den zukünftigen Promotion-Events um den Film eine aktive Rolle spielen.

Ford kam also nicht, dafür aber Anthony Daniels (C-3PO), Peter Mayhew (Chewbacca), Mark Hamill (Luke Skywalker), und Carrie Fisher (Leia). Leider versagte zu diesem Zeitpunkt meine Internetverbindung, so dass ich nicht sehen und hören konnte, was die Star Wars-Veteranen erzählten. Dank Twitter wurde ich aber trotzdem auf dem Laufenden gehalten und erfuhr so unter anderem, dass Carrie Fisher verriet, Leia werde im neuen Film weder ihre berühmte Schneckenfrisur tragen noch im Metallbikini zu sehen sein. Auch die „Erstaustrahlung“ des neuen Trailers (eigentlich ist es ja nur ein weiterer Teaser) bekam ich nicht live mit, aber zum Glück wurde er sofort nach seiner Premiere auf der Celebration offiziell ins Internet gestellt.

Meine Reaktionen beim ersten Anschauen des Teaser habe ich nicht in einem Video festgehalten, wie man das heute zu machen pflegt. Gleich nach dem ersten Anschauen habe ich den Teaser noch einmal gestartet, dann noch einmal und dann noch einmal. Jedes Mal bin ich näher an den Fernseher heran gerückt und jedes Mal wurde das Grinsen auf meinem Gesicht breiter. Die Macht erwacht tatsächlich wieder! Was für ein unbeschreibliches Gefühl, Luke Skywalkers Stimme zu hören und am Ende Han Solo zu sehen!

Da ich mich von Spoilern aller Art fern halte, weiß ich über die Handlung des Films nur das, was offiziell bekannt gegeben worden ist. Umso mehr Spaß macht es aber, beim Anschauen des Teaser zu spekulieren, wer die Figuren sind und was in den gezeigten Szenenausschnitten vorgeht. Der Teaser beginnt mit einem Kameraschwenk über die Wüste (wie wir ihn ähnlich übrigens auch im ersten Trailer zu Episode I gesehen haben). In der Ferne rast ein Speeder über den Sand, im Vordergrund ist ein abgestürzter X-Wing zu sehen. Gerade als man sich fragt, wie es denn wohl zu diesem Absturz gekommen ist, schwenkt das Bild noch weiter nach rechts und wir sehen im Hintergrund einen abgestürzten Sternenzerstörer, der sich scheinbar halb in den Sand gebohrt hat!

01Jakku ist die Heimat von Daisy Ridleys Figur Rey. Ridley beschrieb sie als auf einem Raumschifffriedhof lebende „scavenger“, man kann also davon ausgehen, dass sie Schrott sammelt. Sind die abgestürzten Raumschiffe Überbleibsel einer Raumschlacht? Wohnt Rey vielleicht in dem Sternenzerstörer? Und ist sie mit den Javas verwandt, jenen Schrott sammelnden Wüstenbewohnern von Tatooine? 😉 Zu dieser ersten Einstellung ertönt John Williams‘ „Force Theme“ (eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Episode I-Trailer). Anschließend wird das Bild schwarz und wir hören Luke Skywalkers Stimme, die ein paar aus Episode VI bekannte Worte wiederholt: „The Force is strong in my family…“ Das darauf folgende Bild zeigt uns den verbrannten, halb geschmolzenen Helm von Darth Vader.

02Der Helm scheint auf einer Art Sockel zu liegen, wie ein Ausstellungsstück. Befindet er sich in einem Museum? (Ich höre Indiana Jones rufen: „It belongs in a museum!“) Oder ist er Teil einer privaten Sammlung? In wessen Besitz befindet er sich? (Der Collector aus dem Marvel-Universum wird es ja wohl nicht sein…) Der Anblick des Helms löst in jedem Star Wars-Fan starke Gefühle aus und stellt eine Verbindung zu den alten Filmen her. Ich war in erster Linie überrascht davon, denn ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir ihn im Film sehen würden. Zwar bin ich wie gesagt fast komplett spoilerfrei, aber könnte es sein, dass der Bösewicht des Films gewisse Reliquien sammelt…?
In dieser Szene wird übrigens auch deutlich, dass John Williams auch für diesen Teaser wieder neue Musik komponiert und mit einem Orchester aufgenommen hat. Während das „Force Theme“ aus der ersten Einstellung noch bekannt ist, ist die Musik die nun folgt gänzlich neu.

Dann die nächste Einstellung. Luke Skywalkers Voice-Over geht weiter: „I have it.“ Dazu sehen wir R2-D2 in scheinbar feuriger Umgebung und eine in einen Umhang gehüllte Gestalt, die eine Hand auf den Droiden legt.

STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHTDie von links ins Bild sprühenden Funken lassen sofort Erinnerungen an Mustarfar wach werden, jenen Planeten auf dem das Duell zwischen Anakin Skywalker/Darth Vader und Obi-Wan Kenobi stattfand. Die Person neben R2 scheint Luke zu sein, schließlich erscheint die Szene, als man von ihm gerade „I have it“ hört. Bei der Hand handelt es sich um eine künstliche, wie Luke ja eine hat, seit Darth Vader ihm im Duell seine echte abgetrennt hat. Nur ist die Hand im Teaser nicht von künstlicher Haut oder einem Handschuh bedeckt.

Lukes Voice-Over geht weiter mit den Worten „My sister has it“. Dazu sehen wir, wie ein Lichtschwert von einer Person an eine andere weiter gegeben wird.

Star Wars: The Force AwakensPh: Film Frame©Lucasfilm 2015Es scheint sich dabei um Anakin Skywalkers Lichtschwert zu handeln, das Obi-Wan Kenobi auf Mustarfar an sich genommen und später in Episode IV an Luke weitergegeben hat. Da Luke es in der Hand hielt, als diese ihm von Darth Vader abgeschlagen wurde, schien es danach auf Bespin verloren zu sein. Nun macht es den Anschein, als sei es gefunden worden. Aber von wem? Und an wen wird es hier weiter gegeben? Das Voice-Over deutet an, dass Leia die Empfängerin des Lichtschwerts ist. Werden wir also Leia als Jedi – und mit einem Lichtschwert kämpfen – sehen?

Nun werden die Worte Luke Skywalker so richtig interessant. „You have that power, too“, sagt er. Aber zu wem? Der Kontext legt nahe, dass es sich um eine weitere Person aus der Skywalker-Familie handelt. Hat Luke einen Sohn oder eine Tochter? Haben Han und Leia Kinder? Spricht er zu Rey (Daisy Ridley)? Oder doch zu der von Domhnall Gleeson gespielten Figur, die man bislang noch nirgends gesehen hat? Aufgrund seines Aussehens wurde ja gemutmaßt, er spiele Luke Skywalkers Sohn. Leider folgt auf Lukes Worte keine Einstellung, die diesbüglich Schlüsse weitere zulässt. Statt dessen werden die Worte „This Christmas“ eingeblendet. Danach sehen wir eine Staffel X-Wings über das Wasser rasen, ähnlich der aus dem ersten Teaser bekannten Szene. Wie im ersten Teaser folgt darauf eine Einstellung von Poe Dameron im Cockpit seines X-Wings. Dieses Mal darf Oscar Isaac einen Freudenschrei loswerden.

Anschließend folgt eine kurze Einstellung des vermeintlichen Hauptbösewichts des Films, der mit seinem roten Lichtschwert zuschlägt. Um ihn herum scheint es zu brennen, außerdem sind Sturmtruppler hinter ihm zu erkennen. Gehören die Sturmtruppen weiterhin zu den Bösen und dienen sie dem Träger des roten Lichtschwerts? Ist das Imperium immer noch der Gegner der Hauptfiguren? Die nächste Einstellung zeigt Rey, Finn und BB-8, die vor einer Explosion oder einem Angriff davon rennen. Dann gibt es wieder ein ganz besonders interessantes Bild, das erneut den Bösewicht zeigt.

STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHTDie Einstellung scheint aus derselben Szene zu stammen wie die ein paar Sekunden vorher. Bekannt ist inzwischen der Name der Figur: Kylo Ren. Wahrscheinlich wird er von Adam Driver gespielt. Aber um wen genau handelt es sich hier? Um einen Sith? Einen abtrünnigen Jedi? Ist Kylo womöglich Lukes oder Leias Sohn, der der dunklen Seite der Macht verfallen ist? Ist er derjenige, der Artefakte wie Vaders Maske sammelt? Und warum trägt er selbst eine Maske? Bei genauerer Betrachtung der Einzelbilder dieser Szene fällt zudem auf, dass die Sturmtruppen im Hintergrund eine Gruppe von Personen gefangen zu halten scheinen.

Weiter geht es mit einer Einstellung, die all diejenigen eines Besseren belehrt, die gedacht haben, das Imperium spiele im neuen Film keine große Rolle mehr. Hier sehen wir einen großen Truppenaufmarsch vor einem schneebedeckten Gebirge.06Wie im ersten Teaser sind wieder die neuen TIE-Fighter mit den hellen bzw. halbtransparenten Seitenflächen zu sehen. Auch das neue Design der Sturmtruppen erkennt man hier gut. Mir gefallen diese Änderungen. Sie zeigen, dass es sich immer noch um dieselbe weit, weit entfernte Galaxis handelt, in der allerdings einige Jahrzehnte vergangen sind, seit dem wir sie zum letzten Mal gesehen haben. Im Hintergrund sehen wir ein großes rotes Banner mit einem Emblem, das dem Zeichen des Imperiums nur entfernt ähnlich sieht. Ob es also für das Imperium steht, wird sich zeigen müssen. Interessant ist auf jeden Fall auch die schwarz-weiß-rote Farbgebung der Einstellung, die zusammen mit dem Truppenaufmarsch Assoziationen zum Dritten Reich weckt. Ein Detail, das man beim ersten Anschauen leicht übersieht, findet sich zudem in der Mitte des Bildes: Auf der Plattform scheint eine Person zu stehen, die zu den Sturmtruppen spricht. Um wen handelt es sich dabei? Um den neuen Anführer des Imperiums? Ist es Kylo Ren? Auf welchem Planeten spielt sich die Szene ab? Handelt es sich dabei um das neue Zentrum des Imperiums?

Es folgt eine kurze Einstellung von Rey, in der Daisy Ridley wieder einmal große Ähnlichkeit zu Natalie Portman aufweist. Dann sehen wir zwei TIE-Fighter durch den Himmel (nicht durch den Weltraum) rasen. Die nächste Einstellung zeigt einen Kampf in einem Hangar, womöglich auf einem Sternenzerstörer.

07Diese Szene erinnert mich ein wenig an den Beginn von Episode III, wo man in einigen Einstellungen ähnliche Bilder sieht. Gegen wen kämpfen die Sturmtruppen hier wohl? Als nächstes sieht man Finn in seiner Sturmtrupplerrüstung, wie er den Helm abnimmt. Dann folgt eine wirklich coole Einstellung, in der einige Raumschiffe auf einen Sternenzerstörer zu fliegen.

09Ich finde das deshalb so cool, weil das Gezeigte auch hier sofort wieder Erinnerungen an die alten Filme weckt, man aber gleichzeitig merkt, das irgendetwas anders aussieht. Auch die Raumschiffe des Imperiums haben sich weiter entwickelt. Aber wenn das hier schon cool ist, was ist dann erst die nächste Szene?

STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHTWie geil ist das denn? Ein Chrom-Stormtrooper! Handelt es sich um einen Anführer á la General Grievous? Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Chromrüstung beim Imperium zur Standardausrüstung gehört. Vielleicht ist dieser Chromtruppler ein Kopfgeldjäger. Soweit ich aus den sehr wenigen Gerüchten, die ich mitbekommen habe, weiß, ist der Name dieser Figur Captain Phasma. Ist das die von Gwendoline Christie gespielte Figur, steckt also eine Frau unter der Rüstung? Der Charakter sieht wirklich verdammt cool aus, nicht zuletzt auch dank des Capes.

Es folgt BB-8, der anscheinend an Bord des Millennium Falcom vorsichtig um eine Ecke lugt. Warum wohl?

STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHTDann sehen wir noch einmal Rey und anschließend Finn, der (wahrscheinlich von Rey) eine Hand gereicht bekommt. Weiter geht es mit Szenen aus der Verfolgungsjagd zwischen dem Falken und einigen TIE-Fightern, auf die wir schon im ersten Teaser einen Blick erhaschen konnten. Dieses Mal sehen wir aber noch mehr davon – und auch das ist wieder verdammt cool (auch auf die Gefahr hin, diesen so uncool veralteten Ausdruck hier zu überstrapazieren).

STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHTDer Falke und die TIE-Fighter rasen nämlich tatsächlich durch die Triebwerke eines abgestürzten Supersternenzerstörers und in das Innere des riesigen Raumschiffs hinein. In der nächsten Einstellung sehen wir kurz einen der TIE-Piloten, bevor wir noch einmal einmal einen Blick auf die durch das Raumschiff rasenden Schiffe werfen dürfen. Die Szene erinnert an die Verfolgungsjagd, die sich der Falke in Episode VI im Inneren des Todessterns mit einigen TIE-Fightern geliefert hat. Das alles spielt sich wohl auf demselben Schrottplatzplaneten namens Jakku ab, auf dem auch Rey zu Beginn des Films lebt.
Dann wird das Bild wieder schwarz…und wir hören eine weitere altbekannte Stimme. Es ist Han Solo! „Chewie…“, sagt er, bevor die Szene eingeblendet wird und wir tatsächlich Han Solo und Chewbacce zu sehen bekommen!

12„…we’re home“, beendet Han Solo seinen Satz und ganz genauso fühlt man sich auch beim Betrachten dieser Szene. Han Solo ist um dreißig Jahre älter, aber es ist unverkennbar Han Solo. Chewie neben ihm hat die Armbrust schussbereit; die Pose erinnert an bekannte Promo-Fotos des allerersten Star Wars-Films. Im Gegensatz zu Han Solo finden sich bei Chewbacca kaum graue Haare, aber hey, er ist ja schließlich auch ein Wookiee und war bereits in Episode IV etwa 200 Jahre alt. Da machen 30 Jahre keinen so großen Unterschied. Hans „We’re home“ bezieht sich anscheinend darauf, dass sich die beiden wieder an Bord des Millennium Falcon befinden, was die interessante Frage aufweist, ob Han Solo seine alte Mühle lange Zeit nicht zu Gesicht bekommen hat. Hat er den Falken etwa bei einem Sabacc-Spiel wieder verloren? Ist das Schiff gestohlen worden? Kam es durch noch unbekannte Umstände nach Jakku zu Rey? Oder interpretiere ich hier zu viel in Han Solos Worte hinein? Allerdings scheinen ja sowohl Chewie als auch Han ihre Waffen schussbereit zu haben? Sind sie also gerade dabei, sich ihr Raumschiff zurück zu erobern?

Ich kann es kaum erwarten, Antworten auf all diese Fragen zu bekommen. Die möchte ich aber auch erst bekommen, wenn ich im Dezember den Film sehe. Ich werde mich also weiter möglichst weit fern von Spoilern halten und nur die offiziell veröffentlichten Bilder, Texte und Trailer anschauen. Ich vertraue J.J. Abrams, dass er nicht zu viel verrät und entscheidene Handlungselemente, Figuren und Szenen noch bis zum Filmstart geheim hält. Der Teaser hat mir jedenfalls wahnsinnig gut gefallen. Er fühlt sich einfach vollkommen nach dem alten Star Wars an und fügt behutsam neue Elemente dazu.

Hier ist übrigens noch die deutsche Version des Teasers, die überraschenderweise noch einmal eine ganz andere Wirkung auf mich hatte. Obwohl ich seit Jahren Filme nur noch in der Originalfassung anschaue, kriege ich die deutschen Synchronfassungen der alten Star Wars-Filme nämlich nicht mehr aus dem Kopf, weil ich die als Teenager so oft gesehen habe. Deswegen fühle ich mich sofort an diese Zeit erinnert, wenn ich Luke Skywalkers deutsche Stimme höre: „Die Macht ist stark in meiner Familie…“

Noch 244 Tage….

 

Bilder: Copyright Lucasfilm / Disney 2015

Meine Oscar-Tipps 2015

In der Nacht von Samsag auf Sonntag ist es wieder so weit: Die Academy Awards, besser bekannt als Oscars, werden in Los Angeles verliehen. Wie in den letzten Jahren gebe ich also auch dieses Mal wieder meine Tipps ab. (Anmerkung: An diesem Blogpost habe ich inzwischen tagelang herum gebastelt und mich in mehreren Kategorien immer wieder anders entschieden. Damit ich damit nicht noch mehr Zeit vergeude, zwinge ich mich jetzt zur Veröffentlichung und lege mich dafür ein für alle Mal fest.) Dieses Mal bin ich in vielen Kategorien ziemlich ratlos. Beim besten Film und beim besten Hauptdarsteller gibt es jeweils keinen eindeutigen Favoriten und auch der überraschende Kassenerfolg von „American Sniper“ macht die Sache nicht leichter (ich habe mich mal dazu verführen lassen, in einigen Kategorien auf den Film zu setzen, obwohl ich es ursprünglich nicht vor hatte). Es wird also einerseits eine spannende Preisverleihung, andererseits sind bei den Nominierungen leider eine ganze Reihe von Filmen nicht bzw. nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt worden. Warum hat „Gone Girl“ keine Nominierung für das Drehbuch, Regisseur David Fincher oder als bester Film erhalten? Wieso ist Interstellar zwar fünf Mal in technischen Kategorien nominiert, aber die Leistung von Christopher Nolan erneut ignoriert worden? Warum ist „Selma“ nur als bester Film und für das beste Lied nominiert, aber Hauptdarsteller David Oyelowo ging leer aus? Und was ist eigentlich mit „Under The Skin“? Die Oscars sind nun einmal nicht gerecht und meckern kann man jedes Jahr. Nun aber zu meinen Sieger-Tipps (Hier gibt es die Nominierungen zum Nachlesen).

Bester Film
So spannend wie in diesem Jahr war es schon lange nicht mehr. „The Grand Budapest Hotel“ schwimmt seit seiner Premiere auf der Berlinale vor einem Jahr auf einer Erfolgswelle und wurde mit dem Golden Globe als beste Komödie ausgezeichnet. „Birdman“ steht ebenfalls hoch im Kurs und wurde den Hauptpreisen der US-Produzenten-, Regisseurs- und Schauspielgilden bedacht, was durchaus für eine Oscarauszeichnung spricht. Und „Boyhood“ – der auch bereits vor einem Jahr seine Uraufführung erlebte – hat den BAFTA und den Drama-Golden Globe gewonnen. Dann ist da allerdings noch „American Sniper“, der in den letzten Wochen zum Überraschungserfolg in den USA geworden ist und sich dort inzwischen u.a. mit dem Titel „erfolgreichster Kriegsfilm“ schmücken darf. Vom Einspielergebnis her liegt er jedenfalls weit vor all den anderen Kandidaten. Das muss zwar an sich nichts heißen, zeigt aber die enorme Popularität des Films, der noch dazu das Glück hat, dass sein US-Kinostart erst Ende Dezember erfolgte, so dass der Höhepunkt seines Erfolges genau in die Zeit fiel, in der die Academy nun über die Vergabe der Oscars abgestimmt hat (wobei der Höhepunkt auch erst noch kommen könnte, falls der Film wirklich diesen oder zumindest ein paar andere Oscars gewinnt). Ich gehe aber mal auf Nummer sicher und tippe auf „Boyhood“ (produziert von Richard Linklater & Cathleen Sutherland). Da die Abstimmung nach einem Rangfolgesystem erfolgt, dürfte der Film selbst auf den Stimmzetteln, die „American Sniper“ oder „Birdman“ auf Platz eins setzen, auf einem der anderen vorderen Plätze vertreten sein und so wahrscheinlich insgesamt die meisten Punkte für sich verbuchen. (Fast hätte ich mich im letzten Moment hier doch noch für Birdman entschieden. Letztlich kann ich das aber einfach nicht tun, weil ich will, dass Boyhood gewinnt.)

Bester Hauptdarsteller
Hier handelt es sich wie erwähnt um eine der spannendsten Kategorien in diesem Jahr. Eddie Redmaynes Leistung in „The Theory of Everything“ ist hoch gelobt und bereits mehrfach ausgezeichnet worden (BAFTA, Screen Actors Guild Award, Golden Globe). Leider habe ich den Film noch nicht gesehen. Auch Michael Keaton fand in „Birdman“ viel Beachtung und wurde ebenfalls mit einem Golden Globe (wo die Schauspielpreise ja auf verschiedene Filmgenres aufgeteilt sind) und einem Critics Choice Award belohnt. Beide Preise werden allerdings von Kritikern und Pressevertretern vergeben, sagen also nicht unbedingt etwas darüber aus, wie die Academy abstimmen wird. Auch Bendedict Cumberatch ist natürlich nicht zu unterschätzen, schon allein deshalb, weil sein Name in letzter Zeit in aller Munde ist und er dank seiner Rollen in „Sherlock“, „Star Trek Into Darkness“ und „The Hobbit“ zu einem der angesagtesten Filmstars der letzten Zeit geworden ist. Seine Leistung in „The Imitation Game“ fand ich persönlich allerdings nicht besonders beeindruckend, weil seine Rolle dort ganz einfach zu dicht an den aus „Sherlock“ und „Star Trek“ bekannten Charakteren lag. Die Nominierung von Bradley Cooper für „American Sniper“ kam ziemlich überraschend, doch der enorme Erfolg des Films in den USA könnte auch ihm zahlreiche Stimmen verschaffen. Kaum Chance ausrechnen darf sich wohl lediglich Steve Carell für „Foxcatcher“.
Ich tippe darauf, dass Eddie Redmayne das Rennen macht, schließe aber eine Auszeichnung Keatons nicht aus und könnte mir auch einen überraschenden Sieg von Cooper (der ja immerhin zum dritten Mal in Folge nominiert ist) zumindest vorstellen.

Beste Hauptdarstellerin
Hier sieht die Sache wesentlich einfacher aus – alle Anzeichen deuten auf eine Auszeichnung von Julianne Moore hin. Sie hat für ihre Rolle in „Still Alice“ bereits den Golden Globe, BAFTA, Screen Actors Guild Awards und Critic’s Choice Award gewonnen. Zudem ist sie zum fünften Mal nominiert und eine Auszeichnung längst fällig. Die überraschend nominierte Marion Cotillard sowie Felicity Jones, Rosamund Pike und Reese Witherspoon werden wohl das Nachsehen haben. Ich tippe also auf Julianne Moore.

Bester Nebendarsteller
Auch hier scheint die Sache klar zu sein: J.K. Simmons hat für seine Rolle in „Whiplash“ ebenfalls alle wichtigen Preise der Saison abgeräumt – also tippe ich darauf, dass er auch bei den Oscars gewinnen wird. Pech für Robert Duvall, Ethan Hawke, Edward Norton und Mark Ruffalo.

Beste Nebendarstellerin
Noch ein leichter Tipp: Hier wird wohl Patricia Arquette für ihre Leistung in „Boyhood“ ausgezeichnet. Auch sie hat – wie Julianne Moore und J.K Simmons – die vier anderen wichtigen Preise des Jahres gewonnen. Laura Dern, Keira Knightley und Emma Stone werden ebenso leer ausgehen wie Mery Streep, deren Nominierung ich in diesem Jahr übrigens höchst sonderbar finde. Sie ist in „Into The Woods“ zwar toll, wie in all ihren Rollen. Doch als Oscar-verdächtig würde ich ihre Leistung nicht bezeichnen und es hätte sich doch bestimmt noch eine andere Schauspielerin finden lassen, die nicht bereits 18 Mal nominiert war.

Beste Regie
Hier wird es schon schwieriger. Die beiden Favoriten lauten Richard Linklater und Alejandro González Iñárritu. Linklater wurde mit dem Critic’s Choice Award, dem BAFTA und dem Golden Globe ausgezeichnet, Iñárritu mit dem Preis der US-Regisseursgilde (DGA-Award). Für Linklater spricht zudem, dass er mit seiner über 12-jährigen Arbeit etwas noch nie zuvor Vollbrachtes geleistet hat. Ich tippe mal darauf, dass Richard Linklater („Before Midnight“) das Rennen macht. Eine Auszeichnung Linklaters, der zu meinen Lieblingsregisseuren gehört, würde mich wahnsinnig freuen.

Bester Animationsfilm: „The Lego Movie“ war wohl nichts für die überwiegend aus älteren Herrschaften bestehende Academy. Hey, sogar ich selbst fand den Film wahnsinnig bunt, laut und schnell. Dass er trotzdem nicht einmal nominiert wurde, war eine Überraschung. Also wird es wohl „How To Train Your Dragon 2“ (Drachenzähmen leicht gemacht 2″, von Dean Deblois & Bonnie Arnold)

Meine Tipps in den übrigen Kategorien:

Bester fremdsprachiger Film: Ida“ von Pawel Pawlikowski (Polen)
Bestes adaptiertes Drehbuch: Hmm, schwierig. Auch hier habe ich mich mehrmals anders entschieden; so richtig ausschließen kann man in dieser Kategorie keinen Film. In meiner ersten Version dieses Blogpopsts hatte ich auf „Whiplash“ getippt, nun entscheide ich mich für „The Imitation Game“ (geschrieben von Graham Moore). „American Sniper“ könnte aber auch hier von seiner Popularität profiftieren; auch Paul Thomas Anderson hätte endlich mal einen Oscar verdient (kaum zu glauben dass der Regisseur von „Magnolia“ und „There Will Be Blood“ noch nie ausgezeichnet wurde).
Bestes Originaldrehbuch: „The Grand Budapest Hotel“ (Wes Anderson & Hugo Guinness) – Es könnte aber auch „Birdman“ werden. „Boyhood“ ist natürlich auch nicht chancenlos und „Nightcrawler“ hätte die Auszeichnung schon allein deshalb verdient, weil der Film in allen anderen Kategorien ignoriert worden ist.
Beste Ausstattung (Production Design): „The Grand Budapest Hotel“ (Adam Stockhausen & Anna Pinnock)
Beste Kamera (Cinematography): „Birdman“ – Für Emmanuel Lubezki wäre es nach dem letztjährigen  Oscargewinn für „Gravity“ die zweite Auszeichnung in Folge.
Bester Ton (Sound Mixing): „American Sniper“ (John Reitz, Gregg Rudloff & Walt Martin)
Bester Tonschnitt (Sound Editing): „American Sniper“ (Alan Robert Murray & Bub Asman) – Ich tippe in den beiden Tonkategorien mal auf den wie gesagt in den USA sehr populären „American Sniper“, obwohl ich ursprünglich anders tippen wollte. Hoffentlich bereue ich es nicht.
Beste Musik: „The Grand Budapest Hotel“ (Alexandre Desplat)
Bestes Lied: „Glory“ aus „Selma“ (geschrieben von John Stephens & Lonnie Lynn)
Beste Kostüme: „The Grand Budapest Hotel“ (Milena Canonero)
Beste Dokumentation: Ich würde mir zwar sehr wünschen, dass Wim Wenders, der nach „Buena Vista Social Club“ und „Pina“ nun mit „The Salt of the Earth“ zum dritten Mal in dieser Kategorie nominiert ist, ausgezeichnet wird. Doch ich denke, dass „Citizenfour“ von Laura Poitras, Mathilde Bonnefoy und Dirk Wilutzky das Rennen machen wird.
Beste Kurzdokumentation: „Crisis Hotline: Veterans Press 1“ (Ellen Goosenberg Kent & Dana Perry)
Bester Schnitt: Ich tippe mal auf „American Sniper“ (Joel Cox & Gary D. Roach), auch wenn „Whiplash“ den BAFTA gewonnen hat. Natürlich bin ich mir überhaupt nicht sicher, aber „American Sniper“ steht nun einmal gerade sehr hoch im Kurs.
Beste Maske (Makeup & Hairstyling): „The Grand Budapest Hotel“ (Frances Hannon & Mark Coulier)
Bester animierter Kurzfilm: „Feast“ (Patrick Osborne & Kristina Reed) – Der Film dürfte einem großen Publikum bekannt sein, weil er als Vorfilm von „Big Hero 6“ („Baymax“) im Kino lief. Allerdings könnte es auch der vielfach ausgezeichnete „The Bigger Picture“ werden.
Bester Kurzfilm: „Boogaloo and Graham“ (Michael Lennox & Ronan Blaney)
Beste visuelle Effekte: An dieser Kategorie könnte ich mir in diesem Jahr die Zähne ausbeißen. Vielleicht sollte ich würfeln? Ach was, nachdem ich in den letzten Tagen zuerst auf „Interstellar“ und dann auf „Guardians of the Galaxy“ setzen wollte, kehre ich nun zu meinem ursprünglichen Tipp zurück: „Dawn of the Planet of the Apes“ (Joe Letteri, Dan Lemmon, Daniel Barrett & Erik Winquist).

Update am 24.02.2015:

Das war vielleicht eine langweilige und öde Oscarverleihung! Das jedenfalls war der vorherrschende Eindruck, den ich am Montagmorgen hatte. Für so etwas hätte man sich echt nicht die Nacht um die Ohren schlagen müssen, da hätte es auch gereicht, sich die (wenigen) Höhepunkte im Lauf des Tages auf YouTube anzusehen. Dass Neil Patrick Harris ein begabter und professioneller Host ist, hat er ja eigentlich bei seinen Moderationen der Emmys und Tonys bewiesen. Bei den Oscars dagegen wirkte er stocksteif, im Lauf der Veranstaltung immer nervöser und unsicherer und hatte zudem kaum zündende Gags auf Lager. Das ist sicherlich nicht allein seine Schuld und man sollte ihm durchaus eine zweite Chance geben, allerdings nicht ohne an der über dreistündigen Zeremonie ein paar Änderungen vorzunehmen.
Seine Gesangs- und Tanzeinlage zu Beginn war zwar nett gemacht, hatte aber zu wenig Bezug zum aktuellen Jahrgang der nominierten Filme und fuhr stattdessen auf der sicheren „Wir feiern das Kino“-Schiene. Da hätte ich mir deutlich mehr Seitenhiebe auf die Nominierten und parodierende Elemente gewünscht. Dass man die weiteren Musikeinlagen gänzlich streichen sollte, finde ich nicht und ganz besonders die Idee, jedes Jahr (oder zumindest immer dann, wenn es sich anbietet), das Jubiläum eines Film-Klassikers mit einer besonderen Darbietung zu feiern, finde ich sehr gut. Dafür kamen mir andere Teile der diesjährigen Show ziemlich lieblos vor, vor allem die Einspieler zu den nominierten Filmen wirkten oft, als sollten hier nur die Namen möglichst schnell herunter geleiert werden, ohne viel Zeit zu verlieren. Warum werden bei der Aufzählung der als „best picture“ nominierten Filme nicht einmal mehr die Namen der nominierten Produzenten verlesen? Warum sind im „In Memoriam“-Segment keine Filmausschnitte mehr zu sehen? Warum gibt es bei der Vorstellung der für ihr Drehbuch nominierten Filme keine Dialogausschnitte mehr zu hören? Schneller und kürzer wurde die Show durch diese Änderungen jedenfalls nicht. Statt auf solche letztlich sowieso nicht wirksamen Kürzungen zu setzen, hätte man die Show lieber abwechslungsreicher gestalten sollen, z.B. durch eine weitere, kurze Gesangseinlage von Harris.
Mit den Entscheidungen der Academy bin ich auch nur teilweise zufrieden. Wie ich schon geschrieben habe, hätte ich mir einen Sieg von „Boyhood“ – zumindest in der Regie-Kategorie – sehr gewünscht. Ich werde nie wieder gegen einen Film wetten, in dem es um das Schauspielgeschäft geht; Hollywood schaut sich einfach zu gerne selber zu. Wobei man natürlich zugestehen muss, dass „Birdman“ ein in Idee, Ausführung und Schauspiel brillanter Film ist, den ich ja selbst auch fantastisch fand. All das trifft aber auch auf „Boyhood“ zu, den ich für den wichtigeren Film halte. Aber Richard Linklater wird wohl doch noch einige Zeit auf seinen ersten Oscar warten müssen. Über die Auszeichnung von „Big Hero 6“ („Baymax“) als besten Animationsfilm freue ich mich dagegen sehr, da er einfach um Längen besser ist als „How To Train Your Dragon 2“
Mit meinen Tipps war ich zwar insgesamt nicht schlecht, aber da ich mich dazu habe verleiten lassen, in einigen Kategorien auf „American Sniper“ zu setzen, hat mich das ein paar Punkte gekostet, da der Film nur den Oscar für den besten Tonschnitt bekommen hat. Auch bei meinen Tipps für den besten Film, die Regie und den Animationsfilm lag ich falsch, habe aber insgesamt immer noch in 16 von 24 Kategorien richtig getippt und damit das gleiche Ergebnis wie vor zwei Jahren (die 21 Richtigen vom letzten Jahr waren wohl ein glücklicher Zufall).
Alles in allem bot die diesjährige Oscarverleihung also eine langweilige Show und Ergebnisse mit denen ich nicht ganz zufrieden bin. Trotzdem freue ich mich aufs nächste Mal, weil mir ganz einfach das Recherchieren im Vorfeld viel Spaß macht und nicht zuletzt auch deswegen, weil sich dann vielleicht „Star Wars: The Force Awakens“ Hoffnungen auf den einen oder anderen Oscar machen kann.

Under The Skin – Der beste Film des Jahres

Spoilerwarnung! Dieser Blogpost enthält inhaltliche Details zu „Under The Skin“ und verrät u.a. das Ende des Films (das jedoch erst im letzten Abschnitt „Fremdheit als Methode“).

Nachdem ich mich in einem meiner letzten Blogposts auf die dunkle Seite der Macht begeben und mich äußerst emotional über den neuen, inhaltslosen „Die Tribute von Panem“-Fim aufgeregt habe, will ich nun ins andere Extrem ausschlagen und Jonathan Glazers „Under The Skin“ zum mit Abstand besten Film des Jahres erklären. In diesem Fall stehe ich mit meiner Meinung viel weniger alleine da, obwohl es durchaus Leute gibt, die mit dem Film überhaupt nichts anfangen können.

Der Film

„Under The Skin“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Michel Faber (auf deutsch erschienen als „Die Weltenwanderin“), wobei Jonathan Glazer und sein Co-Drehbuchautor Walter Campbell hier wirklich nur die Grundidee des Romans für den Film übernommen haben. Und die lautet: Ein als verführerische junge Frau getarntes Alien fährt mit dem Auto durch Schottland, um männliche Anhalter einzusammeln, die anschließend umgebracht und verspeist werden (wobei das mit dem Verspeisen im Film schon nicht mehr ganz eindeutig ist, aber dazu später mehr).

Ich habe „Under The Skin“ Anfang Juli auf dem Filmfest München zum ersten Mal gesehen – es war eines der beeindruckendsten Kinoerlebnisse meines Lebens. Ganz, ganz selten gibt es Filme von einer solch starken und eindrucksvollen bildlichen Erzählkraft, die dann auch noch ganz und gar im Dienst der Geschichte steht, so dass die Bilder nie zum Gimmick oder Selbstzweck verkommen. Mir fällt spontan nur ein einziger anderer Film ein, von dem man das ebenfalls behaupten kann (obwohl es sicher noch einige mehr gibt): „Blade Runner“. In beiden Fällen übernehmen die starken Bilder eine besonders wichtige Rolle bei der Vermittlung der Handlung und erzeugen eine einzigartige Atmosphäre, die einen geradezu in den Film hineinsaugt. Die ganz besondere, ausdrucksstarke Bildsprache von Jonathan Glazer und Ridley Scott (übrigens beide erfahrene Werbefilmer) ergänzt in beiden Fällen die Handlung des Films perfekt, so dass sich jeweils etwas Größeres, Einzigartiges ergibt. „Under The Skin“ ist ein Meisterwerk.

Dabei hätte der Film auch ganz anders aussehen können. Das Drehbuch hielt sich ursprünglich viel enger an den Roman, beinhaltete eine größere Zahl an Figuren und einige viel aufwändiger geplante Szenen (Glazer erzählt davon in den Dokumentationen auf der DVD/Blu-ray). Beispielsweise hätte der Beginn des Films, der die „Geburt“ von Scarlett Johanssons namenloser Figur zeigt, eigentlich wesentlich länger ausfallen sollen. Aus Geldmangel musste Glazer jedoch auf eine aufwändige Szene mit vielen Spezialeffekten verzichten, statt dessen wurde die Sequenz – und das gilt für den gesamten Film – auf ihr Wesentliches reduziert. Stellvertretend für die Formierung des Aliens in Menschengestalt sieht man in den ersten Minuten des Films zunächst nur schemenhaft erkennbare Formen. Dazu hört man Johanssons Stimme immer wieder sinnlose Silben und Laute wiederholen (sind das die Sprechübungen eines außerirdischen Wesens, das die englische Sprache erlernt?). Nach einigen Minuten wird aus den Schemen auf der Leinwand ein Auge. Eine Erklärung für all das wird nicht geliefert, man muss die Bilder und Töne selbst deuten. Genau das macht den Film so interessant und ergiebig. Er liefert eindrucksvolle, teils verstörende Bilder, bleibt deren Erklärung oder Interpretation aber schuldig. Diese Bilder bleiben manchmal vage und zeigen nie mehr als das, was nötig ist – eine sehr ökonomische, aber auch äußerst kraftvolle Art des Geschichtenerzählens, die eben aus der Not geboren wurde, dass hier nur begrenzte Mittel zur Verfügung standen.

Aber „Under The Skin“ kann nicht nur visuell begeistern, auch die Filmmusik von Mica Levi trägt einen entscheidenden Teil zur verstörenden, einzigartigen Atmosphäre des Films bei. Ebenso auf das Wesentliche reduziert wie die Bilder, wirkt auch sie gerade deshalb umso stärker. In den Verführungsszenen, in denen die Männer langsam in ihr Verderben laufen, erzeugt das eingesetzte Streichermotiv eine hypnotische, gleichzeitig warnende und doch sirenenhaft verlockende Wirkung. Ganz und gar nicht mehr verlockend, sondern nur noch furchteinflößend ist das Motiv lediglich am Ende des Films, als sich die Verhältnisse umkehren. Seit Hitchcocks „Psycho“ hatten Geigen in einem Film keine so verstörende Wirkung mehr wie in „Under The Skin“. (Hier kann man den brillanten Score von Mica Levi anhören.)

Um noch einmal auf das hier schon mehrmals benutzte Wort „verstörend“ zurück zu kommen: Mit diesem Wort lässt sich die Wirkung, die der Film auf mich hatte, am besten zusammen fassen. Die Reduktion der Geschichte auf ihre Kernelemente, der äußerst sparsame Einsatz von Dialogen in Verbindung mit einer meisterhaft komponierten Bildsprache und der Filmmusik, die klingt wie nicht von dieser Welt und nicht zuletzt auch Scarlett Johanssons Schauspiel, das über weite Strecken ohne Worte die erwachende Neugier eines fremden Wesens für das Menschsein glaubwürdig und nachvollziehbar darstellt – all das hat mich nach knapp zwei Stunden wie hypnotisiert im Kinosessel zurück gelassen. Ich konnte den Film lange nicht hinter mir lassen; er verfolgte mich auf dem Nachhauseweg bis in meine Träume und ließ mich wochenlang nicht mehr los. Das Gesamtkunstwerk, das alle Beteiligten hier erschaffen haben, rührt scheinbar an menschliche Urängste und bietet schon allein deshalb so guten Stoff für (Alp)Träume, weil die Erzählstruktur und die Bilder des Films selbst einem Traum ähneln. Tatsächlich war ich beim wiederholten Anschauen des Films erstaunt, einige Bilder darin zu sehen, von denen ich dachte, ich hätte sie lediglich geträumt. „Under The Skin“ scheint vom Unterbewusstsein seiner Schöpfer direkt auf die Leinwand geworfen worden zu sein und bahnt sich auch beim Zuschauer direkt den Weg zu im Unterbewusstsein lagernden Ängsten, Trieben und Sehnsüchten.

Das Science-Fiction-Genre wird häufig dazu genutzt, Aussagen über den aktuellen Zustand der Menschheit zu treffen, die so nur über den „Umweg“ über eine fremde, futuristische Welt möglich sind. Einerseits verfährt auch „Under The Skin“ nach diesem Schema, um elementare Fragen nach der Bedeutung des Menschseins zu stellen; andererseits reduziert Jonathan Glazer auch die Science Fiction-Elemente auf das gerade noch Nötige. Am Anfang des Films sind kurz die Lichter eines Raumschiffes zu sehen, das im wolkenverhangenen Himmel verschwindet. Viele Zuschauer werden es beim einmaligen Anschauen des Films gar nicht bewusst wahrnehmen. Und gerade weil die Fremdheit von Scarlett Johanssons Figur so allgemein gehalten wird, ist ihre Aussagekraft umso gößer. Das einzige außerirdische – oder besser, da allgemeingültiger: fremdartige – Element, das der Film zeigt, ist die Psychologie seiner Hauptfigur (vgl. diese Besprechung des Films). Natürlich gibt es die Szenen, in denen die von der Protagonistin angelockten, ahnungs- und scheinbar willenlosen Männer in ein schwarzes Nichts hineingleiten, das später nichts von ihnen zurück lässt als ihre Haut. Doch was genau dabei geschieht, lässt der Film offen, was den Vorgang nur noch, ja, verstörender macht. Sollen diese Bilder lediglich Metaphern sein? Oder sind sie wörtlich zu nehmen, geschieht hier also exakt das, was man sieht? Und wenn ja, was geschieht dann eigentlich? Wie soll das funktionieren, dass Menschen in einem schwarzen Nichts versinken, das sie in einem blitzartigem Sog ihrer Innereien entledigt? „Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.“, lautet das dritte der von Arthur C. Clarke formulierten Gesetze, und dementsprechend finde ich, dass man über das Wie dieser Szenen nicht nachdenken braucht. Was dort aber gezeigt wird, das ist trotz der starken Bilder nicht ganz klar. Geht es den Auftraggebern von Johanssons Figur um die Innereien der gefangenen Männer? Oder haben sie es auf deren Haut abgesehen? (Schließlich könnte man das Abfließen des aus der Haut gesaugten Inhalts auch als davon fließenden Abfall interpretieren.)

Überhaupt wirft der Film viele Fragen auf. Da er zwar wie gesagt ausdrucksstarke Bilder bietet, sie aber nicht erklärt und ihre Interpretation vollkommen dem Zuschauer überlässt, sind hier zahlreiche verschiedene Auslegungen des Geschehens möglich. Warum beispielsweise ist die Hauptfigur des Films überhaupt auf der Erde? Ist sie ein eigenständig handelndes Individuum oder nur eine von vielen, die ähnliche Aufträge ausführen? In welchem Verhältnis steht sie zu dem Motorradfahrer, der immer wieder hinter ihr aufzuräumen scheint? Ist er ihr Kollege oder ihr Vorgesetzter? Er scheint sie jedenfalls zu überwachen, wie die vollkommen wortlose Szene nahelegt, in der er ihre Augen inspiziert. Und falls es zutrifft, dass Menschenfleisch für die Außerirdischen eine Nahrungsquelle darstellt (wie es der Roman nahelegt), warum haben sie dann diese scheinbar so umständliche Methode zu seiner Gewinnung gewählt? Warum fallen sie nicht ganz offen über die Erde her und sammeln uns Menschen ein?

Die Bilder von „Under The Skin“ sind jedenfalls von einer unbeschreiblichen Wucht. Sie stellen Kino in seiner reinsten Form dar und wollen, ja müssen auf der großen Leinwand erlebt werden, um ihre Wirkung voll entfalten zu können. Umso trauriger ist es, dass sich der zuständige Senator Filmverleih dazu entschieden hat, den Film in Deutschland nicht ins Kino zu bringen, angeblich weil hierzulande „kein Markt“ dafür vorhanden zu sein scheint. Das ist äußerst bedauernswert, allerdings hat die daraufhin ins Leben gerufene Kampagne, die sich für einen Kinostart von „Under The Skin“ einsetzt, durchaus Erfolge gezeigt. So haben in den letzten Monaten bundesweit mehr und mehr Kinos den Film in ihr Programm genommen, obwohl ihm offiziell gar kein Kinostart vergönnt war und er seit Mitte Oktober als DVD und Blu-ray zu haben ist. (Inzwischen ist er aus den meisten Kinos wieder verschwunden, aber vielleicht findet der eine oder andere Filminteressierte auf dieser Website doch noch ein Kino, in dem der Film noch läuft.)

Die Buchvorlage

Wie ich schon erwähnt habe, wurde die Handlung des Romans für die Verfilmung auf ihre grundlegenden Elemente reduziert. Während der Film sich vor allem darauf konzentriert, das menschliche Dasein aus einer verfremdeten Perspektive zu betrachten (dazu weiter unten mehr), geht Michel Faber in seinem Roman „Die Weltenwanderin“ viel ausführlicher auf den Prozess der Nahrungsgewinnung ein – denn zu keinem anderen Zweck sammelt die Hauptfigur Männer von der Straße ein. Im Buch trägt diese Hauptfigur den Namen Isserly und gehört einer Spezies von hundeartigen Außerirdischen an, die normalerweise über ein dichtes Fell und große Ohren verfügen und auf vier Beinen laufen. Da Isserly aber als menschliche Frau getarnt auf Männerfang geht, wurde sie operiert, um menschlich auszusehen. Unter anderem wurde ihre Wirbelsäule „begradigt“, sie bekam menschlich-weibliche Brüste verpasst und rasiert sich zudem regelmäßig, damit ihr kein Fell wächst. Zudem trägt sie eine Brille mit dicken Gläsern, die ihre fremdartigen Augen tarnen soll.

Neben Isserly lernen wir im Buch noch einige weitere Angehörige ihrer Spezies kennen. Zur Tarnung betreiben die Aliens einen Bauernhof. Isserlys Vorgesetzter Esswis, der als einiziger von ihnen ebenfalls zum Menschen umoperiert worden ist, tritt als dessen Besitzer auf, bemüht sich jedoch, den Kontakt zu den Menschen auf ein Minimum zu beschränken, um den wahren Zweck der Einrichtung geheim zu halten: Im Untergrund befindet sich dort nämlich so etwas wie ein „Massenmenschhaltungsbetrieb“, in dem die von Isserly herbei geschafften Männer gemästet und schließlich geschlachtet werden. Dort arbeiten zahlreiche weitere Außerirdische, deren äußeres Erscheinungsbild allerdings nicht verändert wurde. (Es ist anzunehmen, dass es sich bei Esswis um die Rolle handelt, die in einer frühen Drehbuchfassung des Films von Brad Pitt hätte gespielt werden sollen.)

Wie im Film fährt Isserly mit dem Auto durch die Gegend, auf der Suche nach männlichen Anhaltern, die sie dann mitnimmt und im Auto ausfragt. Wenn sich herausstellt, dass ihr Mitfahrer keine Familie hat und bei seinem Verschwinden die Spur nicht zu ihr zurück verfolgt werden kann, betätigt Isserly einen am Lenkrad angebrachten Schalter, der aus dem Beifahrersitz zwei Nadeln fahren lässt, die ihrem Opfer ein lähmendes Gift injezieren. Die so überwältigten Männer bringt Isserly anschließend in die unterirdischen Etagen des Bauernhofs, wo man ihnen die Zunge abschneidet und sie kastriert, sie aber vorerst am Leben lässt und mästet. Nach einigen Monaten werden die fett gewordenen Männer schließlich getötet und ihr Fleisch palettenweise auf den Heimatplaneten der Außerirdischen geflogen, wo es offenbar als Delikatesse gilt.

Buch und Film haben gemeinsam, dass nur nach und nach enthüllt wird, was genau vor sich geht. So ist zu Beginn des Romans beispielsweise noch nicht klar, dass es sich bei Isserly nicht um einen Mensch handelt. Auch die verschiedenen Kellergeschosse der Fleischfabrik und die dortigen Geschehnisse werden über den Roman verteilt eines nach dem anderen geschildert. Zudem bietet das Buch – genau wie der Film – ein paar schockierende Bilder, bei denen man das eine oder andere Mal schlucken muss – zum Beispiel bei Fabers Schilderung des Daseins der stummen und hilflosen Männer, kurz bevor sie zu wohlschmeckenden Filets verarbeitet werden.

Interessanterweise bezeichnen sich die Außerirdischen im Roman selbst als „human beings“ und sehen uns Menschen als primitive, nicht zu komplexer sprachlicher Kommunikation fähige Wesen, was ihnen als Rechtfertigung dient, uns  einzufangen und zu essen. (Man muss nicht viel Interpretationsarbeit betreiben, um zu sehen, dass Faber hier eine Metapher auf den Fleischkonsum und die Massentierhaltung der menschlichen Gesellschaft geschrieben hat.) Isserly, die durch ihre Arbeit regelmäßig Kontakt zu Menschen hat, weiß es besser, behält diese Informationen aber aus Angst vor ihren Vorgesetzten für sich. Es ist dieser Aspekt des Kennenlernens einer fremden (nämlich unserer menschlichen) Kultur und die damit einhergehende Vermenschlichung der Hauptfigur, auf den sich Jonathan Glazer in seiner Verfilmung konzentriert hat.

Erwähnenswert ist noch die recht interessante Episode im Roman, als Amlis, der Sohn des Firmenchefs, dem Bauernhof einen Besuch abstattet, um den Betrieb zu inspizieren. Pikanterweise ist Amlis Vegetarier und hält es für falsch „vodsels“, wie die Außerirdischen uns Menschen nennen, als niedere Wesen zu betrachten, die ohne Rücksicht auf ihre Gefühle gemästet und gegessen werden.

Wie durch diese Beschreibung des Romans deutlich wurde, haben sich Walter Campbell und Jonathan Glazer in ihrem Drehbuch wirklich nur auf die Grundidee des Romans gestützt. Zwar enthielten frühere Drehbuchfassungen noch eine größere Anzahl an Figuren und mehr Übereinstimmungen mit dem Buch, doch sowohl finanzielle Notwendigkeiten als auch der Wunsch, sich ganz auf die außerirdische Hauptfigur zu konzentrieren, die unser menschliches Dasein erkundet, führten schließlich zu dem in seiner Handlung sehr reduzierten, aber nichtsdestotrotz äußerst komplexen Film.

Fremdheit als Methode

Da ich Soziologie studiert habe und mich für meine Abschlussprüfungen mehrere Monate lang unter anderem mit dem Phänomen der Fremdheit bzw. des Fremden beschäftigt habe, sind mir in „Under The Skin“ einige Dinge aufgefallen, die ich so oder ähnlich im Studium kennen gelernt habe. Scarlett Johansson spielt ja im Grunde nichts anderes, als eine völlig Fremde. Eine Außerirdische allein unter Menschen, das ist geradzu das Paradebeispiel für Fremdheit. Die Menschen, denen sie begegnet, erkennen sie allerdings nicht als Fremde, da sie wie ein Mensch aussieht und auch wie einer spricht. (Johansson spricht im Film zwar mit einem Londoner Akzent, insofern hat sie für die Schotten, mit denen sie interagiert, durchaus etwas Fremdes an sich – viele dieser Begegnungen wurden übrigens mit versteckten Kameras gefilmt und entstanden mit „echten“ Passanten, die erst im Nachhinein über den Filmdreh aufgeklärt wurden. Aber in der Welt des Films wissen die Menschen um sie herum natürlich nicht, dass sie kein Mensch ist.) Für Isserly – ich benutze jetzt mal den Namen aus dem Buch, obwohl sie im Film namenlos bleibt – sind die Welt und die Lebewesen um sie herum vollkommen fremd. Sie selbst unterscheidet sich deutlich von den Menschen, diese Differenz ist jedoch verborgen und wird deshalb für die Menschen um Isserly nicht relevant. Damit haben wir hier einen Sonderfall von Fremdheit vor uns. Normalerweise wird eine solche Differenz nämlich dann relevant, wenn ein Fremder in eine Gruppe kommt. In diesem Fall aber wird die Differenz, das Außerirdische, bewusst getarnt.
Als eines der wesentlichen Merkmale des Fremden beschreibt der Soziologe Georg Simmel dessen Objektivität. Da der Fremde über die Gruppe, in der er sich nun befindet, kaum etwas weiß und ihm die Gebräuche und Denkweisen der Menschen dort fremd sind, verfügt er über eine gewisse Freiheit, die die „festen“ Gruppenmitglieder nicht besitzen und die es ihm gestattet, das Leben um sich herum aus einer sich von der ihren unterscheidenden Perspektive wahrzunehmen. Aufgrund seiner Herkunft und damit völlig anderen Lebensweise bringt er eine andere Sichtweise der Dinge mit, als sie den Gruppenmitgliedern gegeben ist. Interessanterweise hat Scarlett Johansson schon einmal ein solches Wesen gespielt, in „Lost In Translation“, wo es ja auch u.a. um das Thema Fremdheit ging.

Natürlich kann jeder Fremde mit der Zeit zum (fast) vollwertigen Gruppenmitglied werden, das sich immer weniger von den übrigen Mitgliedern unterscheidet und in diesem Sinne immer weniger fremd wird. Solange diese Annäherung aber noch nicht ausreichend stattgefunden hat, verfügt der Fremde – wie es Alfred Schütz beschreibt – über einen anderen Wissenstypus als die festen Gruppenmitglieder. Er sieht die Welt nicht so, wie die Menschen um ihn herum, was immer dann relevant wird, wenn er mit diesen interagiert und dabei deutlich wird, dass ihm die Möglichkeit zur Bezugnahme auf eine gemeinsam geteilte Welt fehlt. Sein „Denken-wie-üblich“ erweist sich dann als nicht mehr wirksam, bestehende Rezepte zur Auslegung der Welt funktionieren nicht mehr. Der Fremde gerät in eine „Krisis“. (Dazu haben wir damals in einem Seminar einen Filmausschnitt aus „Lost In Translation“ angeschaut, in dem – soweit ich mich erinnere – Scarlett Johansson einer Freundin am Telefon schildert, wie unwohl sie sich im für sie fremden Japan fühlt und schließlich in Tränen ausbricht.)

Die beschriebene Objektivität des Fremden und seine Nichtzugehörigkekt führen auch dazu, dass der Fremde als der „Unentscheibare“ gilt, wie Zygmunt Bauman es formuliert. Das kann positive und negative Auswirkungen für ihn haben. Einerseits liegt gerade in dieser Unbestimmtheit ein großer Spielraum an Möglichkeiten, aber es liegt eben auch noch viel Integrationsarbeit vor dem Fremden, wie das „Lost In Translation“-Beispiel zeigt. Auch Isserly in „Under The Skin“ macht dieses Unentscheidbare zu schaffen. Sie ist den Menschen um sich herum zwar räumlich nah, doch sozial ist sie ihnen fern und enspricht damit ziemlich genau der von Simmel gegebenen Definition des Fremden. Zu dieser gehört auch, dass der Fremde derjenige ist, „der heute kommt und morgen bleibt“, der also nicht nur ein vorrübergehender Besucher ist. Genau das ist auch bei Isserly der Fall, wobei hier allerdings noch dazu kommt, dass sie ihre Tarnung aufrecht erhalten muss und sich den Menschen in ihrer Umgebung gar nicht besonders weit annähern darf. Sie kann also gar nicht zu einem festen Gruppenmitglied werde (in diesem Fall zu einem Menschen, genauer: einem Schotten), sondern muss dauerhaft fremd bleiben.

Eine ähnliche Sichtweise wie die des Fremden, der aus einer anderen Perspektive auf die Menschen blickt, versuchen auch Soziologen häufig einzunehmen. Sie streben danach, eine andere Perspektive einzunehemen, um die soziale Welt um sie herum „von außen“ zu beschreiben und so alle Vorgänge in ihr zu hinterfragen. Jonathan Glazer verfährt in „Under The Skin“ ganz ähnlich; er macht gewissermaßen seine Hauptfigur zur Soziologin (oder Ethnologin) und mit ihr auch die Zuschauer. Wir sehen durch Isserlys Augen unsere eigene Welt ganz neu, denn es ist natürlich keine fremde Welt, die wir hier erforschen, sondern unsere eigene. Sie wird allerdings dadurch fremd gemacht, dass wir sie im Film aus der Perspektive eines Außerirdischen sehen. Soziologisch gesprochen findet dabei ein „Othering“ bzw. eine „VerAnderung“ statt, das heißt es wird ein kulturelles Feld methodisch als fremd behandelt und kann auf diese Weise mit ähnlich Mitteln erforscht werden wie eine tatsächlich fremde Kultur. Unsere eigene, menschliche und vertraute Welt erscheint uns aus der Sichtweise eines Aliens plötzlich als fremd. „Under The Skin“ lässt so den Zuschauer die Welt durch die „soziologische Brille“ sehen.

Eines der stärksten Bilder des Films ist diebezüglich das allein am Strand zurück gelassene Baby. Ein zufällig vorbei kommender Mensch würde sich sofort um das Baby kümmern, nach seinen Eltern suchen und es nach erfolgloser Suche schließlich mitnehmen, auf keinen Fall aber allein am Strand sitzen lassen. Isserly jedoch ist kein Mensch; in ihrem Relevanzschema nimmt das Baby keine besondere Bedeutung ein (schließlich ist sie nur auf der Suche nach gesunden, jungen Männern). Sie nimmt es zwar kurz wahr, betrachtet es jedoch vollkommen objektiv und als etwas ihr Fremdes und lässt es schließlich trotz seiner Schreie zurück. Schließlich zeigt der Film eine letzte Einstellung des einsam am Ufer sitzenden und schreienden Babys, das erfolglos versucht, aufzustehen. Mit einem Mal wird einem die völlige Hilflosigkeit des Menschen in diesem sehr jungen Alter bewusst.

Kurze Zeit später im Film begegnet Isserly einem weiteren Baby, das in einem an der Ampel neben ihr haltenden Auto sitzt – und ungefähr zu diesem Zeitpunkt scheint eine Veränderung in ihr in Gang zu kommen. Nach und nach sieht sie die Menschen nicht mehr völlig objektiv und als bloße Mittel zum Zweck. Sie beginnt sich für sie zu interessieren, und zwar nicht nur im Sinne eines „Verstehens von außen“; sie will nun die menschliche Kultur von innen heraus kennen lernen, sich selbst darin ausprobieren und damit auch ihr eigenes Menschsein erforschen (so paradox das bei einem Außerirdischen auch klingen mag). Fremdheit zu erleben, heißt auch, die Fragwürdigkeit des Eigenen zu spüren und erstmals bewusst die eigene Identität in Frage zu stellen. Obwohl ihr Job es verlangt, dass sie rational und objektiv mit den Menschen umgeht und sie buchstäblich als Ware behandelt, kann Isserly diese Einstellung nicht durchgehend aufrecht erhalten. Die Szene, in der der Motorradfahrer sie von allen Seiten prüfend ansieht und dabei ihren Augen besondere Aufmerksamkeit schenkt, zeigt, dass Isserlys Vorgesetzte offenbar erste Zweifel daran gekommen sind, ob sie ihre Arbeit noch wie vorgesehen ausführen kann. Dies zeigt sich auch ganz klar daran, dass sie eines ihrer Opfer wieder freilässt – aus Mitgefühl?

Zu Beginn des Films sehen wir, dass Isserly nicht die erste Arbeiterin ist, die für die Außerirdischen auf Männerjagd geht. Ihre Vorgängerin, die in die gleiche menschliche Haut gekleidet ist wie sie selbst und damit ebenfalls aussieht wie Scarlett Johansson, liegt scheinbar tot vor ihr. Isserly zieht die Kleidung der Toten an, auf deren Gesicht eine Träne zu sehen ist – ein Zeichen dafür, dass auch sie schon mehr als nur eine bloße Beobachterin sein wollte? Hat auch sie bereits versucht, Teil der menschlichen Gesellschaft zu werden und begonnen, menschliche Gefühle zu entwickeln? Für Isserly selbst wird dieser Versuch – genau wie für ihre Vorgängerin – nicht gut ausgehen. (Übrigens fällt mir gerade auf, wie viele inhaltliche Parallelen sich hier zu „Blade Runner“ finden lassen, aber das würde dann doch zu weit führen.)

Isserly ist also – genau wie ein beobachtender und forschender Soziologe oder Ethnologe – dazu gezwungen, objektiv zu bleiben und sich das Feld, in dem sie sich bewegt, rational und mit einem gewissen emotionalen Abstand anzuschauen. Dies gelingt ihr jedoch nicht; sie möchte schließlich das Menschsein selbst erleben und „von innen heraus“ verstehen, statt es nur „von außen“ zu betrachten. Man könnte also behaupten, dass sie der Gefahr des „going native“ erliegt. Sie verliert durch ihr zu starkes Interesse an der menschlichen Natur und ihre Bemühungen, selbst menschlich zu werden, ihre Objektivität. Letztendlich führt genau das zu ihrem Ende, so wie es vermutlich auch bei ihrer Vorgängerin der Fall war. (Interessante Nebenfrage: Die wievielte „Version“ einer solchen Arbeiterin ist Isserly eigentlich? Führt u.a. vielleicht gerade das Bewusstsein, nur eine von vielen austauschbaren Arbeiterinnen zu sein zu dem Streben nach [menschlicher] Identität? Und wird bei all diesen Arbeiterinnen stets der Wunsch nach einer eigenen Identität und der daraus folgenden versuchten Annäherung an das Menschsein früher oder später zum Problem? Dass Isserly durch den Motorradfahrer genau geprüft wird, scheint zumindest darauf hin zu deuten, dass die Außerirdischen bereits Erfahrungen mit dieser Problematik gemacht haben.)

Das Ende des Films ist ein tragisches. Isserlys Streben nach Identität, nach dem Menschsein und nach einem Kennenlernen der menschlichen Spezies führt zu ihrem Untergang. Sie will die Menschheit besser kennen lernen und muss leider feststellen, dass dieser auch das Schlechte und Böse innewohnt. Diese Erfahrung macht sie gewissermaßen gleich zweimal: Zuerst, als ein Mann sie – als sie noch die Gestalt einer schönen Frau hat – im Wald zu vergewaltigen versucht und anschließend noch einmal, als dieser Mann sie – nachdem er einen Blick auf ihre wahre Gestalt erhascht hat – mit Benzin übergießt und anzündet. In diesem Moment ist sie ganz klar als Fremde zu erkennen. Sie wirkt auf den Mann so fremd, so anders, dass er in seiner Angst vor diesem Anderen, Unerklärbaren zu drastischen Mitteln greift und sie vernichtet.

Fazit

Ich hoffe, es ist deutlich geworden, wie komplex „Under The Skin“ ist. Der Film ist nicht nur handwerklich ein Meisterwerk, sondern auch von einer solch umfangreichen inhaltlichen Aussagekraft, dass man wohl noch wesentlich mehr analysieren und interpretieren könnte. Meine kurze Interpretation aus soziologischer Sicht ist nur ein möglicher Ansatz. Zum Schluss möchte ich noch ein paar interessante Links posten: Hier gibt es ein Interview mit Jonathan Glazer, in dem er auch auf die Tatsache angesprochen wird, dass der deutsche Verleih „Under The Skin“ hierzulande nicht ins Kino gebracht hat. Hier gibt es ein interessantes, langes Interview mit Adam Pearson, dem Darsteller des deformierten Mannes, den Isserly gefangen nimmt und später wieder frei lässt. Und hier geht es zu einer YouTube-Playlist mit Musikvideos von Glazer – sehr zu empfehlen!

Die Mega-Teaser-Trailer-Woche

Normalerweise versuche ich es ja zu vermeiden, alleine aus der Meldung, dass der Trailer zu irgendeinem neuen Blockbuster veröffentlicht worden ist, einen Blockpost zu zimmern. Das machen schon genug andere. Allerdings waren es auch nicht nur die Trailer zu irgendwelchen Filmen, die diese Woche veröffentlicht worden sind. Es waren die allerersten bewegten Bilder aus den Fortsetzungen von zwei meiner Lieblingsfilme, die am Dienstag bzw. heute vorgestellt wurden.

Jurassic World

„Jurassic World“-Regisseur Colin Trevorrow trat wohl die Flucht nach vorne an, als er den eigentlich für Ende der Woche angekündigten Teaser für seinen Film bereits am Dienstag ins Internet stellen ließ. Schließlich war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass der Freitag ganz im Zeichen des „Star Wars“-Teasers stehen würde (dazu gleich mehr). Der vierte „Jurassic Park“-Film startet Mitte Juni im Kino und ich freue mich riesig! Der erste Teil, den ich als Elfjähriger im Kino gesehen habe, war einer der Filme, die meine Leidenschaft fürs Kino begründet haben. Nun wird es also vierzehn Jahre nach „Jurassic Park III“ einen neuen Film geben. Colin Trevorrows bislang einziger Spielfilm ist die Zeitreise-Komödie „Safety Not Guaranteed“ (in Deutschland unter dem dämlichen Titel „Journey of Love“ auf DVD erschienen), die ich leider noch nicht gesehen habe. Gerüchteweise war Trevorrow auch einer der Regisseure, die für „Star Wars“ in Betracht gezogen wurden. Damit hat es noch nicht geklappt, dafür durfte er einen anderen heiß erwarteten Blockbuster inszenieren – und zumindest die ersten Bilder im Teaser-Trailer sehen durchaus beeindruckend aus. Mehrere Jahre nach den Desastern der ersten drei Filme ist die hinter dem Jurassic Park stehende Firma InGen von einem Konkurrenten aufgekauft worden. „Jurassic World“ lautet nun der Name des neuen, abermals auf der Isla Nublar errichteten Dino-Vergnügungsparks, in dem die Saurier nicht bereits vor der Eröffnung angefangen haben, die Parkbesucher aufzufressen. Damit warten sie dieses Mal wohl, bis der Park gut gefüllt ist. Der Teaser ist eigentlich genauso aufgebaut wie der erste (und wohl auch der kommende) Film. Zuerst gibt es einige Ooh- und Aah-Momente, in denen man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Das gipfelt im Auftauchen des gewaltigen Mosasaurus, der einen weißen Hai verschlingt (ob das Steven Spielberg gefällt?), wobei einem bereits etwas mulmig zumute ist. Danach aber geht wieder das Rennen und Schreien los, wie Ian Malcolm sagen würde, und es bricht Chaos im Park aus. Kaum zu sehen bekommt man im Teaser den neuen, aus dem genetischen Material mehrerer unterschiedlicher Saurierer zusammen gebastelten „D-Rex“ (was wohl entweder für Diabolus-Rex oder Dominus-Rex steht). Dafür aber am Ende ein Rudel Raptoren, das neben dem Motorrad fahrenden Chris Pratt („Guardians of the Galaxy“) her rennt. Anscheinend sind sie zur Zusammenarbeit mit Menschen trainiert worden – das kann nicht gut gehen…

Star Wars: The Force Awakens

Aber den „Jurassic World“-Teaser lasse ich jetzt mal links liegen, so toll ich ihn auch finde. Denn einerseits bin ich gerade todmüde, andererseits aber so aufgeregt wie schon sehr lange nicht mehr. Der „Star Wars“-Teaser ist da!!!! Leider bleibt uns ein Blick auf einen gealterten Luke Skywalker, auf Han Solo und Prinzessin Leia noch verwehrt, dafür sehen wir aber die drei neuen von John Boyega, Daisy Ridley und Oscar Isaac gespielten Hauptfiguren. Letzterer weist im Cockpit seines X-Wings eine erstaunliche Ähnlichkeit zu Zev Senesca aus „Das Imperium schlägt zurück“ auf. Ob das beabsichtigt ist? Da ich vor dem ersten Kinobesuch möglichst wenig über „The Force Awakens“ wissen möchte, habe ich es vermieden, Plotspoiler und Gerüchte zu lesen. Die nächsten Monate werde ich wohl damit verbringen, mir diese 88 Sekunden immer wieder anzusehen und mir auszumalen, wer die gezeigten Personen sind und in was für Situationen sie sich befinden. Obwohl wir nur fremde Gesichter zu sehen bekommen, ist doch spätestens ab der Einstellung, in der die X-Wings zu sehen sind, das „Star Wars“-Feeling wieder voll da. Der Look, die Sounds und die extra von John Williams für den Teaser geschriebene Musik – all das fügt sich zum typischen „Star Wars“-Cocktail zusammen und erinnert hier doch sehr stark an den „used look“ der Originaltrilogie. Das rote Lichtschwert mit der Parierstange finde ich fantastisch. Vom Sinn oder Unsinn dieses Designs einmal abgesehen sieht die Einstellung, in der der verhüllte Bösewicht in einem nächtlichen, verschneiten Wald seine Klinge zündet einfach nur großartig aus. Die kurze Szene mit dem Millennium Falcon war eindeutig der Höhepunkt des Teasers und hat mich beim ersten Anschauen ziemlich verwirrt, weil ich am Ende gar nicht mehr wusste, wo oben und unten waren. Für die meisten Diskussionen neben dem Lichtschwert-Design hat das Voice-over gesorgt bzw. die Frage, wer denn da eigentlich spricht. Während auf Twitter nur wenige Minuten nach der Veröffentlichung des Trailers die Vermutung verbreitet wurde, es handele sich um Benedict Cumberbatch (der zumindest den bisherigen offiziellen Mitteilungen zufolge nicht am Film beteiligt ist – und ganz ehrlich, er muss ja auch nicht überall dabei sein, so toll er auch ist), vermuteten andere dahinter entweder den mutmaßlichen Bösewicht des Films, gespielt von Adam Driver oder aber Max von Sydow, der ja ebenfalls zum Cast gehört. Neuesten Twitter-Gerüchten zufolge handelt es sich allerdings um die Stimme von Andy Serkis, der ebenfalls zum offiziellen Cast des Films gehört. Ich muss sagen, dass ich ihn durchaus heraus höre, gerade am Anfang bei „There has been an awakening.“ But time will tell…. Ich würde gerne noch mehr schreiben, bin aber gerade zu keinen weiteren klaren Gedanken fähig. Ich bin einfach nur glücklich, diesen Teaser gesehen zu haben. Obwohl ich mir am Dienstag schon den „Jurassic World“-Teaser bestimmt fünf Mal angeschaut habe, ist so ein „Star Wars“-Teaser doch etwas ganz anderes. Die Aufregung und das nun schon mehrere Stunden anhaltende Kribbeln am ganzen Körper machen mir mal wieder bewusst, welchen besonderen Stellenwert „Star Wars“ für mich doch einnimmt. Und nicht nur für mich, sondern ganz allgemein: von Spiegel Online bis Sueddeutsche.de hat schließlich jede Nachrichtenwebsite über das Erscheinen des Trailers berichtet. Die Macht ist erwacht!